Bücherschau

80 Jahre Versailler Diktat: Ende der Reparationszahlungen nicht absehbar

Von Fritz Freinot

Das Versailler Diktat. Vorgeschichte – Vollständiger Vertragstext – Gegenvorschläge der deutschen Regierung, mit einem Vorwort von Franz Uhle-Wettler, Arndt Verlag, Kiel 1999, 416 S., DM 39,80

Kurz vor dem Ende unseres an Katastrophen wahrlich nicht armen Jahrhunderts ist noch einmal eines historischen Jahrestages zu gedenken, der gewiß mehr als so manch anderer den Gang der Ereignisse beeinflußt hat und auf den ein Gutteil der nachfolgenden Katastrophen zurückzuführen ist. Gemeint ist die 80. Wiederkehr des 28. Juni 1919, des Tages, an dem das Versailler Diktat unterzeichnet wurde. George Kennan, einer der einflußreichsten amerikanischen Diplomaten dieses Jahrhunderts, hat den Ersten – nicht den Zweiten! – Weltkrieg als die Urkatastrophe dieses Jahrhunderts bezeichnet. Am Krieg allein kann das nicht liegen; es gab länger währende Kriege, die zudem größere Räume verwüsteten als der Erste Weltkrieg, und die doch niemand als Urkatastrophe bezeichnet hat. So ist zu vermuten, daß die Ursache für diese Urkatastrophe weniger im Krieg selbst als vielmehr in seinem Ausgang und damit in den Friedensverträgen zu suchen ist.

Versailles – und schon der ihm vorangegangene Waffenstillstand von Compiègne – haben in der Tat einen unheilvollen Wandel in die Formen gebracht, in der Kulturstaaten bis zu diesem Zeitpunkt miteinander zu verkehren pflegten. So gab es in Versailles keine einzige Stunde, die korrekterweise als Verhandlung bezeichnet werden könnte. Die deutsche Delegation wurde hinter Stacheldraht gehalten. Nur einmal gestatteten ihr die Sieger, sich schriftlich zum Entwurf des Vertrages zu äußern. Das war alles. Es fügt sich ins Bild, daß die deutsche Stellungnahme fast wirkungslos blieb. Zudem wurde sie, wie die berühmte »Mantelnote« zeigt, mit Argumenten zurückgewiesen, die die Deutschen mitsamt ihrer Geschichte bewußt kriminalisierten. Nach der Unterzeichnung des Diktatfriedens war das Deutsche Reich nicht mehr souverän, nicht mehr frei in seinen Entscheidungen und nicht mehr Herr im eigenen Hause. Militärisch war es wehrlos, wirtschaftlich lag es am Boden. Territorial wurde es nach allen Himmelsrichtungen verstümmelt, fast 3,8 Millionen Deutsche wurden der Willkür fremder Mächte unterstellt, Ostpreußen wurde vom Reich getrennt, und sogar Dänemark, das sich mit dem Reich nicht im Kriegszustand befunden hatte, erhielt einen Teil deutschen Gebietes.

Doch der gesamte Inhalt des Versailler Diktats mit seinen 440 Artikeln ist heute weithin unbekannt. Neben den unmenschlich harten Gebietsabtretungs-, Reparations- und Abrüstungsbestimmungen gab es tausend kleine Nadelstiche, mit denen das Reich gedemütigt werden sollte. So war laut Vertrag sogar eine Koranausgabe, die der Kaiser als Staatsgeschenk erhalten hatte, abzuliefern, und Gemälde, die Jahre zuvor ganz offiziell von Belgien gekauft worden waren, mußten an dieses abgegeben werden. Auch die Gegenvorschläge der deutschen Reichsregierung sind ein heute weitgehend unbekanntes Kapitel deutscher Geschichte. So wollte die Regierung der Entente im Sinne allgemeiner Abrüstung sogar mehr Schiffe ausliefern, als die Feindmächte gefordert hatten. Sehr weitreichend waren auch die freiwilligen Gebietsabtretungen, die das Reich anbot.

Der vollständige Text der alliierten Mantelnote, der noch heute nicht nur jedem Deutschen, sondern jedem anständig denkenden Menschen die Zornesröte ins Gesicht treibt, wird am liebsten ganz totgeschwiegen und ist in keinem Geschichtsbuch zu finden. Die Praxis, ein ganzes Volk zu beleidigen, zu kriminalisieren und als Verbrechervolk hinzustellen, ist zwar heute gang und gäbe, stellte aber in der damaligen Welt ein Novum dar.

Rechtzeitig zum 80. Jahrestag wird dieses – singuläre – historische Ereignis der Öffentlichkeit nun wieder bewußt und die Quellentexte am Buchmarkt zugänglich gemacht. Mit einem vorzüglichen Vorwort von Generalleutnant a.D. Dr. Franz Uhle-Wettler, das die wesentlichen Kernpunkte herausarbeitet, erscheint der Text des Versailler Diktats endlich wieder auf dem deutschen Buchmarkt. Neben den üblichen historischen Querverbindungen und Gegenwartsbezügen – so ist ja schließlich Hitler in Versailles geboren, und Maastricht ist nichts anderes als ein Versailles ohne Krieg – gibt dabei ein Gegenwartsbezug besonders zu denken: Die Bundesrepublik Deutschland hat nach der kleinen Wiedervereinigung im Jahre 1990 die Zahlungen im Zusammenhang mit den Reparationsschulden aus dem Versailler Diktat – zum Teil als »Privatschulden« getarnt – wiederaufgenommen. 1997 wurden an Zinsen rund 6,9 Millionen DM und für Tilgungen rund 3,3 Millionen DM gezahlt. Kleinigkeiten, wenn man bedenkt, wie viele Milliarden heute alljährlich aus deutschen Taschen an alle Welt verteilt werden, aber symptomatisch, weil es zeigt, wie aktuell Versailles auch heute noch ist.


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 4(1) (2000), S. 108f.


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