Bücherschau

Ein weiterer britischer Völkermord, diesmal in Südafrika

Von Jürgen Graf

Claus Nordbruch, Die Europäischen Freiwilligen im Burenkrieg 1899-1902, Contact, Pretoria 1999, DM 49,80/ÖS 348,00

Der zweite englisch-burische Krieg brach am 11. Oktober 1899 aus. Die Buren des Freistaats Oranje und der Südafrikanischen Republik (ZAR) traten dabei beileibe nicht alleine gegen das allmächtige britische Weltreich an. Insgesamt etwa 3.000 Freiwillige aus Europa (und einige aus Amerika) schlossen sich der Armee der Buren an. Darunter befanden sich Bauern und Soldaten, Minenarbeiter und Goldgräber, Lehrer und Ärzte, deutsche Grafen und französische Söldner, russischer Politiker, irische Revolutionäre, holländische Staatsanwälte und skandinavische Berserker.

Es waren Europäer, die auf den historischen Schlachtfeldern von Elandslaagte, Magersfontein und Spioenkop vielen, weitab von der Heimat für ihre Ideale kämpfend: Freiheit und Gerechtigkeit.

Dieses Buch erzählt die Geschichte dieser Männer, deren Welt sich so sehr von unserer materialistischen und dekadenten Gesellschaft unterscheidet und die uns wie edle Helden aus nostalgischen Sagen vorkommen.

Ganz anders dagegen sieht die andere, schmutzige, britische Seite in diesem Krieg aus, der nicht auf dem Schlachfeld entschieden wurde, sondern in den Konzentrations- und Vernichtungslagern seiner Majestät.

Anfänglich hatten die Engländer noch versucht, die Einführung der Konzentrationslager als humanitäre Maßnahme zu rechtfertigen. Aufgrund der vielen Zerstörungen, so gaben die Engländer vor, seien viele Frauen und Kinder obdachlos geworden. Es gelte nun, diesen gegen Natur, wilde Tiere und Kriegseinflüsse schutzlos gewordenen Menschen eine Zufluchtsstätte zu bieten. Hierfür habe man Lager eingerichtet.

Im Laufe der zweiten Phase des Krieges errichteten die Engländer über 40 Konzentrationslager auf südafrikanischem Boden, in denen sie etwa 115.000 burische Menschen - mehr als ein Drittel der Gesamtbevölkerung! - internierten.

In der Regel geschah die Internierung der Frauen und Kinder durch bewaffnete Bantus unter der Aufsicht englischer Offiziere - auf Fliehende wurde geschossen. Die damals von Verbrechen gegen die Menschlichkeit noch relativ unbelasteten Menschen wurden nun mit Greueln unvorstellbaren Ausmaßes konfrontiert. Infolge mangelhafter Ernährung und Fürsorge stieg die Sterblichkeit in den Lagern auf eine erschreckende, ja existenzbedrohende Größe an.

An dieser Stelle sei an die barmherzige und hilfsbereite Engländerin Emily Hobhouse erinnert, die sich der Lageropfer annahm und die Geschichte der Leidenszeit burischer Frauen und Kinder in den englischen Konzentrationslagern in ihrem Buch The Brunt of the War dokumentiert hat. Sie berichtet u.a., daß in einigen Lagern zwei, manchmal sogar drei verschiedene Familien in einem Zelt hausen mußten, wobei fast alle auf dem Boden zu schlafen hatten. Seherisch meinte die liebevolle Frau, daß diese Menschen die Geschehnisse in den Lagern niemals vergessen würden.

Das gesamte verheerende Ausmaß der englischen Konzentrationslagerpolitik wurde erst nach Unterzeichnung des Friedensvertrages von Vereeniging am 31. Mai 1902 ersichtlich: Neben 1.676 Greisen kamen 26.251 burische Frauen und Kinder - wobei hiervon rund 22.000 unter 16 Jahren alt waren! - in den englischen Konzentrationslagern um.[1] Man muß die rund 28.000 Konzentrationslageropfer im Verhältnis sehen: Über ein Viertel der Internierten - oder rund 10% der burischen Gesamtbevölkerung - starben in den englischen Konzentrationslagern. Da es sich hierbei in erster Linie nicht um alte Menschen und Männer gehandelt hat, sondern um Kinder, weibliche Jugendliche und heiratsfähige Frauen, kommt diese englische Todespolitik einem Völkermord gleich, da sie den Fortbestand des burischen Volkes in Frage stellte.

Kinderleichen stehen seitdem zwischen Buren und Briten. Mehr als irgend ein anderes geschichtliches Ereignis brannten sich diese toten Kinder in das Gedächtnis der Buren. Bis heute.

Die englische Kriegspolitik stieß unterdessen auf scharfe Verurteilung internationaler Persönlichkeiten: Im Januar 1902 meinte General Jan Smuts, der spätere Premierminister der Südafrikanischen Union:

»Lord Kitchener hat in beiden Burenrepubliken eine Politik eines unglaublichen Barbarentums und einer Grausamkeit begonnen, die gegen die grundlegendsten Prinzipien der internationalen Kriegsgesetze verstößt.«

Auch der zukünftige englische Premierminister Henry Campbell-Bannerman erklärte am 14. Juni 1901 im Parlament:

»Wann ist ein Krieg kein Krieg? Wenn er wie in Südafrika mit Methoden des Barbarentums geführt wird.«

Die befehlshabenden Burengenerale entschieden noch vor Anbruch des Winters 1902, daß angesichts der katastrophalen Lage in den Konzentrationslagern der Sorge um den weiteren Volksbestand Vorrangigkeit einzuräumen sei und die Kampfhandlungen deshalb eingestellt werden müßten. Der Krieg endete am 31. Mai 1902 mit der Unterzeichnung des „Friedensvertrages" von Vereeniging. Ungefähr 20.000 burische und europäische Bittereinders legten, im Felde unbesiegt, die Waffen nieder und sahen nun einer ungewissen Zukunft entgegen.


[1]J.C. Otto: Die Konsentrasiekampe, Nasionale Boekhandel, Kaapstad/Bloemfontein/Johannesburg 1954, S. 170.


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 4(1) (2000), S. 109f.


Zurück zum Inhaltsverzeichnis