Der rätselhafte General Andrei A. Wlassow

Von John Kovacs

Ein antikommunistischer russischer Heeresführer, der den Deutschen 1942 seine Unterstützung anbot, könnte unter Umständen den Schlüssel zur Verhinderung des Kalten Krieges durch den Sturz der bolschewistischen Herrschaft in der Hand gehalten haben. Doch leider wurde, wie so oft in der Geschichte, eine Gelegenheit versäumt.


Im März 1945 sandte General Andrej A. Wlassow, ein russischer Heeresführer, der sich 1942 den Deutschen ergeben hatte, nachdem seine Truppen an der Ostfront überrannt worden waren, zwei geheime Botschaften an die Hauptquartiere der Westalliierten. Diese sollten darüber unterrichtet werden, daß Wlassow und alle russischen Truppen in Deutschland nicht gegen den Westen kämpften, obgleich sie unter der Ägide der Nationalsozialisten fochten. Die ROA (Russkaja Oswoboditelnaja Armija, Russische Befreiungsarmee) strebten danach, ihr Vaterland vom Kommunismus zu befreien und dadurch eine Bedrohung für die gesamte freie Welt auszumerzen. Die Botschaft stieß bei US-General Dwight D. Eisenhower sowie dem britischen Premierminister Winston Churchill freilich auf taube Ohren.

Nach einer begreiflichen anfänglichen Phase des Mißtrauens hatte Adolf Hitler in einen Plan zur Bildung von drei Divisionen eingewilligt, die sich aus Freiwilligen unter den Hunderttausenden von in deutsche Kriegsgefangenschaft geratenen russischen Wehrfähigen rekrutieren sollten. Die Freiwilligentruppen sollten mit leichten Waffen ausgerüstet werden. Wlassow machte den Deutschen klar, daß seine Mission nicht in der Förderung eines deutschen Sieges oder der Errichtung einer nationalsozialistischen Regierungsform in Rußland bestand, sondern einzig und allein in der Befreiung seines russischen Volkes vom kommunistischen Joch.

Er hielt fest, die ROA sei bereit, in den Kampf zu ziehen,[1]

»weil ich den Bolschewismus kenne, diese schreckliche Verbindung von Wahnsinn und Verbrechen, die mein armes, unglückliches Volk in ihrem Würgegriff hält. Doch wenn ihr Deutschen den Krieg verliert, werden wir russischen Patrioten nicht die Segel streichen; wir kämpfen nicht für Deutschland, sondern für Rußland.«

Sowjetmarschall Josef Stalin wußte genau, daß Wlassows Erklärungen der Wahrheit entsprachen und daß Heerscharen von Russen, von denen die meisten in wehrtüchtigem Alter waren, die Seiten gewechselt hatten. Der kommunistische Herrscher war grimmig entschlossen, diese „Verräter" - denn als solche betrachtete er sie natürlich - um jeden Preis zu vernichten.

Vor dem deutschen Angriff auf die UdSSR

»befehligte Wlassow die heroische 99. Division, die als erste im Zweiten Weltkrieg den Orden des Roten Banners erhalten sollte. Er genoß allgemeine Achtung als anständiger Mensch und höchst fähiger Befehlshaber.«[2]

Der spätere Sowjetdiktator Nikita Chruschtschow hat sich in seinen Memoiren über Wlassow wie folgt geäußert:[3]

Flüchtlinge aus Kiew, September 1941. Angesichts des Tempos des deutschen Vormarsches wirkte das durch Säuberungen geschwächte sowjetische Offizierskorps wie betäubt. Manche russischen Einheiten irrten hilflos im Rücken der rasch vorrückenden deutschen Panzer umher. Die Deutschen erbeuteten in Kiew annähernd 900 Panzer. Viele Zivilisten in den besetzten Gebieten flohen aus den verwüsteten und ausgehungerten Städten in die Dörfer.

»Als wir nach einem Befehlshaber für die 37. Armee Ausschau hielten, welche zur Verteidigung von Kiew geschaffen worden war, empfahl die Personalabteilung des Militärdistrikts Kiew die Ernennung Wlassows. Ich beschloß, nähere Informationen über ihn einzuholen. Damals waren wir immer noch von dem Verdacht besessen, daß die Volksfeinde [d.h. Gegner der Kommunistischen Partei] allgegenwärtig seien, insbesondere in den Streitkräften, und ich wollte sicher sein, daß wir Wlassow die Bildung eines Stabs für die 37. Armee sowie die Verteidigung Kiews anvertrauen konnten.

Ich rief [Grigori] Malenkow an,[4] der für das Zentralkomitee mit Personalfragen beauftragt war. Natürlich rechnete ich nicht damit, daß er persönlich etwas über Wlassow wußte, doch dachte ich, er könne einige seiner Leute in Trab setzen und mir eine Beurteilung der Leistungen Wlassows zustellen. Als ich Malenkow endlich am Telefon erwischte, fragte ich ihn: „Was können Sie mir über Wlassow sagen?"

Malenkow erwiderte: „Sie können sich nicht vorstellen, was hier los ist. Unser ganzer Betrieb ist zum Stillstand gekommen. Ich kann keinen einzigen Mitarbeiter für Sie entbehren. Tun Sie, was Sie für richtig halten, und übernehmen Sie die Verantwortung für Ihre Entscheidungen."

Somit konnte ich mich lediglich auf die Empfehlungen anderer Militärs abstützen. Auf dieser Grundlage beschlossen Kirponow und ich, nicht länger zu zaudern, sondern Wlassow das Oberkommando anzuvertrauen.

Er erwies sich von Beginn an als resoluter und tüchtiger Befehlshaber. Seine Armee stellte er aus Einheiten zusammen, die an der Front zurückgewichen oder aus deutschen Umklammerungen ausgebrochen waren. Mit seiner Wahl hatten wir eine gute Entscheidung getroffen. Wlassow verlor nie die Nerven, wenn er unter Feuer geriet. Bei der Verteidigung Kiews legte er große Umsicht an den Tag und hinderte die Deutschen daran, Kiew mittels Frontalangriff einzunehmen. Schließlich fiel dieses doch, aber nicht weil Wlassow es nicht zäh verteidigt hätte, sondern weil die Deutschen östlich der Stadt Truppen massiert und ein Einkreisungsmanöver durchgeführt hatten.

Wlassow brach durch den Umzingelungsring und schlug sich zu Fuß zu unseren Linien durch, worauf Stalin anordnete, ihn nach Moskau einzufliegen. Ich meinte, im Hauptquartier verfüge man über belastendes Material gegen ihn und wolle ihn verhören. Später fanden wir heraus, daß man ihn nach Moskau geholt hatte, um ihm einen Orden zu verleihen. Stalin lobte ihn persönlich und ernannte ihn zum Kommandanten bei der Gegenoffensive, die wir bei Moskau gegen die Deutschen führten. Dabei zeichnete sich Wlassow abermals aus, worauf ihm Stalin die schwierige Aufgabe zuwies, den Waldai-Sektor unserer Front zu verteidigen.

Wiederum geriet Wlassow in eine feindliche Umklammerung, doch glückte ihm auch diesmal der Ausbruch, und er manövrierte sich zu unseren Linien durch. Stalin erwog sogar, ihn zum Oberbefehlshaber der Stalingrad-Front zu machen.

Ich erinnere mich, daß mir Stalin einst in Gegenwart von Zeugen sagte, wenn Wlassow verfügbar gewesen wäre, so hätte er ihm und nicht Jeremenko das Oberkommando über die im Raume Stalingrad stationierten Truppen erteilt.[5]

Als Wlassow zum Verräter geworden war, rief mich Stalin an und erinnerte mich in bedeutungsschwerem Ton daran, daß ich ihn zum Befehlshaber der 37. Armee ernannt hatte. Als Antwort hielt ich ihm entgegen, daß niemand anderer als er selbst Wlassow das Kommando über die Gegenoffensive vor Moskau anvertraut und sogar vorgeschlagen hatte, ihm die Verteidigung von Stalingrad zu übertragen. Stalin ließ dieses Thema darauf fallen und brachte es nie wieder zur Sprache.

Natürlich war die Wlassow-Affäre ein herber Schlag - für mich wie auch für Stalin. Man konnte nur schwer verstehen, weshalb ein Mann, der soviel Hingabe, Tapferkeit und Tüchtigkeit an den Tag gelegt und sich dadurch unsere Achtung erworben hatte, sein Land verraten hatte. Wlassow muß einen sehr instabilen Charakter gehabt haben, daß er sich als Agent der Deutschen rekrutieren ließ. Man hatte ihn für einen Kommunisten gehalten, doch offenbar besaß er gar keine gefestigte Ideologie. Im Zivilleben war er Lehrer gewesen. Es scheint, daß er kein schlechter Kerl gewesen ist. In den ersten Kriegsjahren sah es wirklich so aus, als verhalte er sich der Sowjetmacht gegenüber loyal. Es kann natürlich sein, daß er bloß Söldnerinstinkten folgte, als er die Soldatenlaufbahn einschlug. Vielleicht hoffte er, eine komfortable Stellung als Parteifunktionär zu ergattern. Leider hatten wir in der Vergangenheit solche Karrieristen in unseren Reihen, und ich fürchte, heutzutage sind sie noch zahlreicher.«

Die russischen Soldaten, die beschlossen, auf deutscher Seite zu kämpfen, wurden von den Sowjetpropagandisten als Feiglinge beschimpft, doch dies waren sie keineswegs. Ein Feigling versucht sich stets vor Gefahren zu drücken, doch jene, die sich als Freiwillige bei Wlassows ROA meldeten, gingen ein Wagnis ein, das sich nur mit ihrer Verzweiflung und ihrem unauslöschlichen Haß auf das Sowjetregime erklären ließ. Sie setzten ihr Leben aufs Spiel, denn sie wußten, daß sie keine Gnade zu erwarten hatten, besonders wenn die Deutschen den Krieg verloren.[6]

Im ersten Kriegswinter begannen die Deutschen mit der Aufstellung von Einheiten aus russischen Kriegsgefangenen, die sich freiwillig zum Kampf gegen die Roten gemeldet hatten. Anfangs trauten die Deutschen ihren Neuen Verbündeten nicht recht. Man gab ihnen deutsche Uniformen und unterstellte sie deutschen Offizieren und Feldwebeln. Die Unteroffiziere wurden aus den Reihen der Russen selbst rekrutiert.

Schon bald warfen die Deutschen Flugblätter auf feindliche Stellungen ab, in denen sie die Bildung einer antibolschewistischen Freiwilligentruppe bekanntgaben. In diesen Flugblättern wurden die üppige Verpflegung und die freudige Stimmung der russischen Freiwilligen in rosigen Farben ausgemalt.[6]

»Der vom Autor hier verwendete Ausdruck ROA ist ein Anachronismus, denn die ROA wurde erst 1942 gegründet.«

Archivfunde belegen, daß Andrei Wlassow durch die Oktoberrevolution am Abschluß seiner Studien an einem Seminar gehindert und 1919 zur Roten Armee eingezogen wurde. Während des Bürgerkriegs wurde er an der Südfront zum Zug- und später zum Kompanieführer befördert. 1930

trat er der KPDSU bei, und 1936 wurde ihm der Grad eines Regimentskommandanten verliehen. Anschließend wurde er als Militärberater nach China geschickt. Da er keine erkennbaren Verbindungen zu jenen höheren Offizieren unterhalten hatte, die im Verlauf der Stalinistischen Säuberungen an die Wand gestellt worden waren, wurde er wie viele andere Militärs der zweiten Garnitur rasch befördert; die Liquidierten mußten schließlich ersetzt werden.

Ab 1938 kommandierte Wlassow eine Division, und 1940 wurde er zum Generalmajor befördert. Er galt als einer der begabtesten Offiziere seines Ranges. Die ihm ab Sommer 1940 unterstellte 99. Infanteriedivision ließ sich durch den deutschen Überraschungsangriff nicht ins Bockshorn jagen. Während der Rest der Roten Armee Hals über Kopf zurückwich, stieß Wlassows Division vor, eroberte Przemysl zurück und hielt es sechs Tage lang. Bald darauf wurde Wlassow zum Befehlshaber der 37. Armee bei Kiew ernannt. Wie von Chruschtschow in dem zitierten Ausschnitt aus seinen Memoiren erwähnt, gelang es ihm, einen massiven Belagerungsring zu durchbrechen, und im Dezember 1941 führte er den Oberbefehl über die 20. Armee, deren erfolgreiche Gegenoffensive zur Verteidigung der Hauptstadt nicht ohne Eindruck bei der Sowjetführung blieb.

General Wlassow (vorne links, in Uniform) und seine Mitangeklagten bei einem im Juli 1946 in Moskau durchgeführten geheimen militärischen Prozeß. In einem gescheiterten Versuch, sich mit dem tschechischen Widerstand zu arrangieren, hatte Wlassow seinen Soldaten in Prag den Befehl zum Angriff auf die Waffen-SS erteilt. Während des darauf folgenden Chaos flohen gemischte Gruppen von Wlassow-Leuten und Waffen-SS-Soldaten westwärts, um sich den Amerikanern zu ergeben und so der Gefangennahme durch die Rote Armee zu entgehen. Doch Wlassows Soldaten wurden an die Bolschewiken ausgeliefert; ihn selbst flog man nach Moskau, wo er vor dem Prozeß über ein Jahr lang verhört und gefoltert wurde.

Nach seiner Ernennung zum stellvertretenden Kommandanten der Wolchow-Front übernahm er den Befehl über die Zweite Stoßtrupparmee. Am 7. Januar 1942 lancierte er mit dieser einen Vorstoß über den Fluß Wolchow, um die Blockade Leningrads zu durchbrechen.[7]

Im Februar 1942 stand Wlassows Armee 46 Meilen tief in den deutschen Linien. Er forderte dringend Verpflegung und Nachschub an, doch umsonst. Ab April verwandelte sich die gesamte Gegend in einen Morastpfuhl. Der Armee war die Nahrung ausgegangen, und man verweigerte Wlassow die Erlaubnis zum Rückzug. Zwei Monate lang vegetierten die Soldaten hungernd dahin, und der Tod hielt reiche Ernte unter ihnen.

Dann, am 14. Mai, griffen die Deutschen von allen Seiten an und schlossen Wlassows Truppen ein. Wie zum Hohn erhielten diese nun glücklich die Genehmigung zum Rückzug. Am Himmel sah man nur deutsche Flugzeuge und kein einziges russisches. Wlassows Armee wurde buchstäblich aufgerieben; er selbst irrte durch die Wälder und Sümpfe, ehe er schließlich unweit des ostpreußischen Lotzen in Kriegsgefangenschaft geriet. Dort wurden mehrere sowjetische Generäle festgehalten, die bereits ihre Gegnerschaft zum Stalin-Regime bekundet hatten, aber keine überzeugende Führungspersönlichkeit besaßen. Diese Lücke konnte nun geschlossen werden.[7] So entstand die ROA unter Wlassows Leitung.

Die deutsche Führung war sich nicht darüber einig, wie man sich zu Wlassow einstellen sollte. Josef Goebbels vertraute seinem Tagebuch am 29. April 1943 folgendes an:[8]

»Der russische Gen. Wlassow, der auf unserer Seite in der separatistischen Armee kämpft, ist vom Ministerium für die besetzten Ostgebiete aufs Eis gelegt worden. Er hat einen Bericht geschrieben, der einem sehr zu Herzen geht. Man kann sich nur über den Mangel an politischem Instinkt in unserer Berliner Zentralverwaltung wundern. Hätten wir im Osten eine etwas klarere Politik verfolgt, oder täten wir dies jetzt, wären wir gewiß weiter, als wir sind.«

Es wäre gut, wenn Du den Originaltext auftreiben könntest. Mir fehlt die Zeit dazu, denn mein Arbeitsdruck ist irrsinnig. Falls es Dir gelingt, bitte Fußnote entsprechend ändern. Falls es nicht möglich ist, bitte angeben: Rückübersetzung aus dem Englischen.

General Wlassow 1944 mit deutschen Offizieren vor der Redaktion der prodeutschen Zeitung Za Rodinu (Für die Heimat). Wlassow war 1941 einer der großen Helden der Roten Armee gewesen. Mit der von ihm befehligten Zweiten Stoßtrupparmee wurde er 1942 in einer Sumpfzone in der Nähe von Leningrad umzingelt. Er lehnte ein Angebot ab, ihn per Flugzeug in Sicherheit zu bringen, und forderte seine Soldaten auf, in kleinen Gruppen auszubrechen. Die Deutschen entdeckten ihn in einer Bauernhütte versteckt. Empört darüber, daß Stalin seine Truppen im Stich gelassen hatte, bot er den Deutschen seine Dienste an. In Kriegsgefangenenlagern warb er Freiwillige für seine ROA. Die Deutschen mißtrauten diesen Verbündeten jedoch, und sie gelangten nur selten zum Kriegseinsatz.

Die ROA-Soldaten trugen auf dem linken Ärmel ihrer deutschen Uniformen das Kreuz des Heiligen Andreas und die Buchstaben ROA. Wlassow war der Überzeugung, daß das einzige Heil für Rußland in einem deutschen Sieg und der Zerstörung des Sowjetregimes lag. Er anerbot sich, aus den unübersehbaren Scharen russischer Kriegsgefangener ein schlagkräftiges Heer aus dem Boden zu stampfen und an deutscher Seite ins Feld zu führen. Doch Hitler begriff lange nicht, welche Chance sich ihm da bot, und die Wlassow-Armee nahm keine greifbare Gestalt an. Die Verbitterung des Generals war grenzenlos.

Wlassow begriff bis kurz vor dem Ende nicht, daß Rußland von den Deutschen keine Befreiung zu erhoffen hatte. Opportunismus und Karrieredenken waren ihm fremd; er war ein reiner Idealist, und seine ganze Hingabe galt einen Landsleuten, die er von der stalinistischen Gewaltherrschaft zu befreien hoffte.[9]

In Deutschland baute General Reinhard Gehlen, der legendäre Chef der Abwehr, ein enges persönliches Verhältnis zu Wlassow auf und schlug Hitler vor, diesen zum Oberhaupt einer provisorischen russischen Gegenregierung zu ernennen, doch Hitler lehnte ab, da er nicht begriff, daß die unzähligen Russen, welche Stalin haßten, hierdurch eine Leitfigur gewonnen hätten. Auch im Weißen Haus zu Washington hätte der Vorschlag zweifellos wenig Freude ausgelöst, denn Franklin D. Roosevelt war eifrig darauf erpicht, Stalin und seinen Genossen den Weg zu immer größeren Triumphen zu ebnen.[10]

Am 1. Mai 1945 riefen tschechische Kommunisten, welche die tschechischsprachigen Sendungen von BBC leiteten, die Bevölkerung Prags unaufhörlich dazu auf, auf die Barrikaden zu gehen und die glorreiche Rote Armee zu unterstützen, die demnächst als Befreierin einrücken werden.

Doch der Versuch, per Rundfunk eine Revolution zu entfesseln, schlug fehl. In Prag blieb alles ruhig, und am 5. Mai gab das Tschechische Nationalkomitee in České Budejovice im Radio den Abschluß eines Abkommens zum friedlichen Rückzug der deutschen Streitkräfte bekannt.

Das deutsche Oberkommando in Prag erkannte die Hoffnungslosigkeit seiner Lage und erklärte sich bereit, all seine Truppen aus Prag abzuziehen. Am Nachmittag des 5. Mai bemerkten die Tschechen erfreut, daß deutsche Heereskolonnen unter weißen Fahnen die Stadt verließen. Durch kommunistische Radiosendungen aufgeputscht, begannen die Massen bald zu randalieren; sie rissen Plakate mit deutschen Anordnungen herunter und beschimpften deutsche Beamte, die sich dagegen zur Wehr setzten. Als Reichsprotektor Karl Hermann Frank davon erfuhr, geriet er in Rage.

Die örtlichen Kommunisten beschlossen, dem Tschechischen Nationalkomitee die Führungsposition innerhalb der Widerstandsbewegung zu entreißen, und die Roten riefen zur bewaffneten Revolte gegen die abziehenden deutschen Soldaten auf, obgleich dies gar nicht mehr nötig war. Über Radio Prag hetzten die Roten die Bevölkerung auf, und schon bald sahen sich die im Rückzug begriffenen Deutschen von allen Seiten Angriffen ausgesetzt, sogar noch auf deutschem Gebiet. Als Antwort auf die von den Tschechen begangenen Greueltaten kehrten einige auf dem Weg nach Deutschland befindliche Einheiten um, um die Nachhut zu schützen, und eine SS-Panzerdivision, die Prag eigentlich hätte umfahren sollen, rückte in die Stadt ein.

Innerhalb von Stunden brachen wilde Gefechte aus. Der aufs äußerste gereizte Karl H. Frank hatte vom deutschen Nachrichtendienst erfahren, daß die US-Truppen nicht weiter vorrücken würden als bis Pilsen, das lediglich ein paar Stunden von Prag entfernt lag. Die Sowjets hingegen waren frühestens in einigen Tagen zu erwarten. Am Sonntagmorgen entfachten die Deutschen einen konzertierten Angriff auf die tschechischen Widerständler, bei dem 2000 Tschechen getötet und um die 40.000 verletzt wurden - Verluste, die man sich hätte sparen können. Wiederholte Hilferufe an die US-Armee verhallten ungehört, und in England stationierten tschechischen Kampffliegern wurde die Startgenehmigung verweigert. Der Kampf um Prag wurde immer blutiger und chaotischer. Vergebens hielten die tschechischen Widerstandskämpfer nach Unterstützung Ausschau.

General Wlassow (rechts) wurde zusammen mit elf Schicksalsgefährten am 1. August 1946 in der Ljubjanka gehängt. Diese Aufnahme entstammt dem Dossiers, welches das KGB über Wlassow angelegt hat. Sie wurde eigens für Stalin angefertigt und stellt die einzige bekannte Photographie einer Erhängung in der Ljubjanka dar. Obgleich Tausende von Russen, die auf deutscher Seite gekämpft hatten, hingerichtet wurden, scheint Wlassow der einzige gewesen zu sein, der Stalins persönliches Interesse erweckte.

Plötzlich tauchte aus dem Nichts ein unerwarteter Verbündeter auf. General Andrei Wlassow, der noch wenige Wochen zuvor auf der Seite der Wehrmacht gefochten hatte, faßte jäh den Entschluß, dem tschechischen Widerstand zur Hilfe zu eilen. Am 4. Mai, um Mitternacht, traf eine Delegation tschechischer Offiziere im ROA-Hauptquartier ein, das sich zu jenem Zeitpunkt im Dorfe Šukomasty befand, und bat die ROA um Unterstützung beim bevorstehenden Prager Aufstand. Die russischen Offiziere sprachen sich einmütig dafür aus, ihren slawischen Brüdern zu helfen. Als Wlassow dies erfuhr, sagte er zur tschechischen Delegation:[11]

»Wir werden euren Aufstand unterstützen. Schlag los!«

Im Morgengrauen rückten die ersten ROA-Truppen in Prag ein, in deutschen Uniformen, doch mit Armbinden in den tschechischen Farben Weiß-Blau-Rot. Bestürzt bemerkten die Deutschen, daß Wlassows Soldaten alle Ausfahrten aus der Stadt blockierten. Die Tschechen feuerten sie an, und schon bald waren die Straßen mit Leichen übersät. Die deutschen Panzer richteten schreckliche Verheerungen in den Reihen ihrer Feinde an, und eine Reihe von Gebäuden wurde zerstört oder beschädigt. Den Tschechen gelang es allerdings, 17 Panzer zu vernichten.

Am Montag, dem 7. Mai, erfuhr Wlassow, daß die Sowjets näherrückten und daß sich die Tschechen von ihm und seinen Soldaten distanzieren müßten, auch wenn sie ihre rechtzeitige Hilfe in der Stunde der Not sehr geschätzt hatten.

Die Deutschen und der größte Teil der ROA-Truppen zogen nach Westen ab und ergaben sich bei Pilsen den Amerikanern. Diese lieferten Wlassows Soldaten aber schon bald mit vorgehaltener Waffe den Sowjets aus, sofern sie nicht schon vorher den Freitod gewählt hatten. Diese schändliche Tat war Bestandteil der Bezeichnung Operation Keelhaul,[12] die beim Treffen von Jalta beschlossen worden war. Die Ausgelieferten wurden entweder hingerichtet oder verschwanden in Sklavenarbeitslagern, wo sie bis auf wenige zugrunde gingen. General Wlassow wurde am 12. Mai ausgeliefert und verbrachte vor seiner Exekution 15 Monate in kommunistischen Kerkern.

Man kann sich kaum vorstellen, welch barbarischen Folterungen dieser mutige Patriot ausgesetzt wurde, der so den Preis für seinen Versuch zur Befreiung seiner Heimat bezahlte. Der jüdische Chef der Geheimpolizei, Lawrenti Berija, wurde mit der dankbaren Aufgabe betraut, die öffentliche Hinrichtung des „Verräters" Wlassow in Moskau in die Wege zu leiten.

Man schnitt Wlassow den Kopf ab und stellte ihn beim Kreml auf einer Stange zur Schau, als Warnung für andere potentielle Überläufer. Während die Westalliierten mehr als zwei Millionen Sowjetbürger gewaltsam an Stalin auslieferten, folgte ein einziger europäischer Staat der Stimme des Gewissens und gewährte 494 Russen Asyl. Dieser Staat besaß keine Armee und verfügte über genau elf Polizisten. Er hieß Liechtenstein.[13]


John Kovacs diente während des 2. Weltkrieg als Angehöriger der US- Fernmeldetruppe in Großbritannien und Belgien. Er war von Beruf Lehrer und unterrichtete jahrzehntelang in Schulen in Arizona und Connecticut. Seine Leidenschaft gilt der Geschichte, und er hat oft für die kalifornische Zeitschrift New Educator zur Feder gegriffen. Heute ist Kovacs pensioniert. Sein fester Wohnsitz ist in Connecticut, doch pendelt er zwischen New England und dem Südwesten hin und her. Er ist Post commander (Vorsitzender) sowie Gründungsmitglied der katholischen Kriegsveteranenvereinigung Pope Pius XII. Kovacs gehört der American Legion an und ist Ehrenmitglied der Italian-American War Veterans.

Dieser Beitrag erschien zuerst in englischer Sprache unter dem Titel »The Enigmatic General Andrei A. Vlasov« in The Barnes Review, 5(3) (1999), S. 45-49 (130 Third Street SE, Washington, D.C., 20003, USA). Übersetzung von Jürgen Graf.


Anmerkungen

[1]Robert Welch, The Politician, Belmont Publishing Company, Belmont, Mass., 1963, S. 37.
[2]The Spotlight, Washington, 9. Oktober 1989, S. 14.
[3]Edward Crankshow, Krushchev Remembers, Litte, Brown & Co, Boston, Mass. 1970, S. 180-182.
[4]Nach Stalins Tod war sein Nachfolger zunächst Malenkow, der gegenüber dem Westen einen weicheren Kurs einschlug. Man lese dazu William Guy Carr, The Red Fog over America, 5. Auflage, Poor Richard's Press, Pinesdale, Mont., 1973.
[5]Während der Schlacht von Stalingrad (20. August 1942 bis 2. Februar 1943) war General Andrei Jeremenko der oberste Verteidiger der Stadt.
[6]Alexander I. Solschenizyn, The Gulag Archipelago, Paris 1973, S. 252-255.
[7]Ebenda, S. 252.
[8]Louis P. Locher, (Hg.), The Goebbels Diaries, Doubleday & Co., Garden City, New York 1948.
[9]Crankshaw, aaO. (Anm. 3), S. 182.
[10]E.H. Cookridge, Gehlen, Spy of the Century, Random House, New York 1971, S. 38.
[11]Die ausführlichste Schilderung dieser Ereignisse finden sich in John Tolands Buch The Last 100 Days, Phoenix, London 1994, S. 578.
[12]Man lese hierzu Julius Epsteins Operation Keelhaul: The Story of Forces Repatriation from 1944 to the Present, Devin-Adair Co, Old Greenwich, Conn., 1973.
[13]William Casey, The Secret War against Hitler, Berkeley Books, New York 1948, S. 267.

Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 4(1) (2000), S. 76-80.


Zurück zum Inhaltsverzeichnis