Großbritannien - Aggressorstaat Nummer eins

Von John Michael

Beim folgenden Text handelt es sich um einen Auszug aus John Michaels bei Flanders Hall erschienenem Buch The Way of the Aggressor (Der Weg des Aggressors). Wir kennen das Jahr der Veröffentlichung nicht genau, doch höchstwahrscheinlich war es 1941. Damals hieß der Erste Weltkrieg noch einfach „Der Weltkrieg". Die hier wiedergegebenen Ausführungen konzentrieren sich vor allem auf zwei unter den vielen Opfern Großbritanniens - Frankreich und Irland - und enthüllen die Piratenmentalität der britischen Herrscher sehr anschaulich. Der Verfasser hebt noch einen weiteren interessanten Sachverhalt hervor: Es gab nicht nur einen „hundertjährigen Krieg", sondern deren drei. Allen dreien lag dieselbe Ursache zugrunde: Die Gier der englischen Plutokraten.


Keine andere Nation der Erde hat alle ihre Energie so konstant und rücksichtslos auf Eroberung und Expansion ausgerichtet, wie dies England schon seit den Anfängen seiner Geschichte tut. England herrscht über ein Viertel des Erdballs. Dieses Riesenreich wurde in annähernd neun Jahrhunderten Kampf gewonnen. In durchschnittlich 56 Jahren pro Jahrhundert war England in einen oder mehrere Kriege verwickelt.

Die englische Politik der Eroberung mit militärischen Mitteln war meistens erfolgreich, von den Gefechten der Frühzeit gegen Schotten und Waliser bis hin zur Übernahme der deutschen Kolonien nach dem Abschluß des Weltkriegs. Nur drei Völkern ist es nach langem Kampf gelungen ist, das britische Joch abzuschütteln: Den Amerikanern, den Iren und den Franzosen. Doch sind Irland und Frankreich wirklich frei geworden?

Ob dem irische Freistaat eine abermalige Unterjochung bevorsteht, bleibt abzuwarten. Daß England die nördlichen Grafschaften Irlands je freiwillig aus seiner Herrschaft entlassen wird, ist mehr als unwahrscheinlich. Was Frankreich betrifft, so ist dieses nach jahrhundertelangen Kriegen ein treuer und gehorsamer Lakai seines ehemaligen Feindes geworden. England hat es zwar nicht geschafft, sich auf französischem Boden festzusetzen, doch dafür hat es einen Vasallen gewonnen.

Im Jahre 1066 wird auf dem schicksalhaften Schlachtfeld von Hastings der Grundstein des späteren „Großbritannien" gelegt. Weniger als 50 Jahre später beginnt die erste einer endlosen Reihe von bewaffneten Auseinandersetzungen. Der Vorhang geht hoch, und auf der Bühne der Geschichte spielen sich mehr als 700 Jahre Krieg, Überfälle und ununterbrochene Konflikte ab.

Die Kämpfe werden niemals auf englischem Territorium ausgefochten. Getötet, geplündert und vergewaltigt wird auf französischem Boden. Es glückt den Franzosen wiederholt, die Invasoren zurückzuschlagen. Mehrmals werden Friedensabkommen unterzeichnet, sei es, weil beide Seiten zu erschöpft sind, um sich weiter die Schädel einzuschlagen, sei es, weil die Engländer durch Aussicht auf eine lockendere Beute abgelenkt werden. So folgen manchmal einige Jahre gespannter Ruhe auf Jahrzehnte des Krieges.

Während längerer Zeit wird kein regulärer Krieg geführt, doch kommt es immer wieder zu Raubzügen. Der französische Chronist Froissart schreibt am Ende des Mittelalters, für die Engländer seien »Schlacht und Massaker Wonne und Seligkeit«. Sie sähen »mit Gier und unverhohlenem Neid auf den Wohlstand ihrer Nachbarn«. Froissart nennt sie »die gefährlichste und kriegslüsternste Nation auf Erden«.

Im Laufe der Jahrhunderte werden die Perioden der bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen Engländern und Franzosen immer kürzer und die Friedenszeiten länger. Doch wenn es zum Kampf kommt, tobt dieser dafür um so erbitterter. Andere Mächte mischen sich ein. Ziel der Engländer ist nicht länger die direkte Beherrschung Frankreichs; man begreift in London, daß das, was wirklich zählt, nicht eine über Paris wehende britische Fahne, sondern eine englischen Wünschen gegenüber gefügige französische Politik ist. Dieses Ziel wird am sichersten dadurch erreicht, daß man die Macht des Franzosen schwächt und ihm wichtige überseeische Besitzungen abnimmt. Ihren krönenden Abschluß findet diese Politik erst nach der Faschoda-Episode am Ende des vorigen Jahrhunderts.

Darstellung der Schlacht von Crécy (1346). Nach diesem vielbesungenen Sieg der 3.000 englischen Langbogenschützen marschierte Edward III. (der 1329 den ersten Einfall in Frankreich geleitet hatte) auf Calais. Bemerkenswerterweise gelang es dessen Bewohnern, den Angreifern ein volles Jahr lang die Stirn zu bieten. Nach seiner Kapitulation wurde Calais zu einem für den Handel ungemein wichtigen „englischen" Hafen und sollte es mehr als zwei Jahrhunderte lang bleiben. Nach der Thronbesteigung Elisabeths I. schlug England eine neue Strategie ein: An die Stelle der massiven Ausplünderung Frankreichs, Irlands und Schottlands trat nun die Piraterie auf den Weltmeeren. Zu den bekanntesten Figuren unter „Privateers", wie man die Seeräuber der Königin nannte, wurden Sir Francis Drake und Sir John Hawkins (die 1588 bei der Zerstörung der spanischen Armada zweiter bzw. dritter Kommandant der englischen Flotte waren). Diese Piraten waren beim Plündern der mit Schätzen reich beladenen Schiffe Spaniens und anderer Nationen dermaßen erfolgreich, daß Philipp II. von Spanien nach seinem 1598 erfolgten Ableben ein bankrottes und in seinen Grundfesten erschüttertes Reich hinterließ.

Zu Beginn des 12. Jahrhunderts macht sich König Heinrich I daran, die Normandie zu unterwerfen, von wo die Eroberer Englands gekommen sind. Ein englischer König ehelicht eine französische Prinzessin, die einen großen Teil Frankreichs als Erbe beanspruchen kann. Da die Franzosen keine fremden Herren dulden wollen, schwärmen englische Heere aus, um ihre Macht unter Beweis zu stellen. Zu einem gewissen Zeitpunkt erstreckt sich der englische Herrschaftsbereich in Frankreich vom Ärmelkanal im Norden bis hin zu den Pyrenäen im Süden und von der Atlantikküste im Westen bis hin zu den Hügeln des Puy de Dome im Osten. Absicht der Engländer ist es, auch den Rest Frankreichs zu erobern. Doch im Jahre 1216 wird dieser Versuch nach 116 Jahren Krieg aufgegeben. Dies war der erste „Hundertjährige Krieg".

Während dieser Zeit herrscht niemals vollständige Waffenruhe, doch zeitweise flauen die Kämpfe stark ab. König Jean Sansterre („Ohneland") hat die Herzogtümer nördlich der Loire eingebüßt, und in der Ritterschlacht von Bouvines anno 1214 erleiden beide Seiten so hohe Verluste, daß sie es für das beste halten, die Schlächterei einzustellen.

Es folgt nominell ein Jahrhundert des „Friedens", doch besteht dieser wirklich nur in der Theorie. Immer und immer wieder führen die Engländer Raubzüge gegen Frankreich durch. Unerklärte Kriege sind also keinesfalls ein Charakteristikum unserer Tage.

Von 1337 bis 1453 wird ein Krieg ausgefochten, an dem sich vier Generationen beteiligen. Die englischen Könige erheben Anspruch darauf, die rechtmäßigen Erben fast ganz Frankreichs zu sein; allerdings sind die französischen Herzöge und Könige ebenso wenig dieser Auffassung wie die französische Bevölkerung. Der Grund für die englische Begehrlichkeit liegt natürlich darin, daß Frankreich ein reiches Land ist, das den Rittern und angeheuerten Soldaten Englands fette Beute verspricht.

Flandrisches Tuch und flandrische Dekorationen sind von bestechender Schönheit und bringen einen hohen Preis. Goldene Gefäße aus jenen Klöstern und Schlössern, mit denen Frankreich so reich gesegnet ist, lassen sich leicht wegschaffen und nicht minder leicht zu Geld machen. Der lukrativste Sport besteht jedoch darin, sich einen adligen Franzen zu schnappen und so lange in Geiselhaft schmoren zu lassen, bis seine Familie ihren letzten Heller geopfert hat, um ihn freizukaufen. Da sind Kriege in armen und dünnbevölkerten Gebieten wie Schottland und Wales längst nicht so ergiebig - was die Engländer freilich nicht daran hindert, auch diese Länder zu unterwerfen.

Daß solche Begehrlichkeit die wirkliche Ursache der meisten von England geführten Kriege war und auch die treibende Kraft der vielen Einfälle in Frankreich darstellte, hat Pfor. G.M. Trevylan, der berühmte Historiker der Universität Cambridge, freimütig eingeräumt. Trevylan meinte, die Jahr für Jahr zum Brandschatzen und Plündern nach Frankreich ausgerückten Heere seien zwar recht klein, dafür aber um so besser organisiert gewesen, und England sei für lange Zeit zum Quälgeist und Tyrannen seiner kontinentalen Nachbarn geworden.

Welche Auswirkungen dieser Art von Kriegsführung auf die Franzosen hat, kann man sich leicht ausmalen. Halb Frankreich ist verwüstet und entvölkert; in einst reichen Städten macht sich die Not breit. Da geschieht unversehens Wundersames.

Die Franzosen haben bei Crécy, Maupertuis und Agrincourt schwere Niederlagen erlitten. Auch Paris ist geplündert worden; dort und in anderen Städten, in Dörfern und auf Bauernhöfen hat man die Menschen buchstäblich bis aufs Hemd ausgeraubt. Tiefe Verzweiflung macht sich breit, doch nun erscheint Jeanne d'Arc und führt ihr angeschlagenes Volk zum Sieg über die Eindringlinge. Jeanne wird 1431 zwar auf dem Scheiterhaufen verbrannt, doch der neue Geist, der die Franzosen beseelt, stirbt nicht mit ihr, und zwanzig Jahre danach haben die Engländer all ihre Stützpunkte auf französischem Boden bis auf Calais eingebüßt. Der Hafen von Calais, an der engsten Stelle des Ärmelkanals gelegen, wird zeitweilig zu einer Art Gibraltar.

Der zweite Hundertjährige Krieg endet für die Engländern also mit einer Niederlage. Im Mutterland selbst braut sich Unheil zusammen, und während dreißig Jahren beansprucht der Krieg der Rosen die gesamte Kraft und Aufmerksamkeit der englischen Lords. Nach seinem Abschluß ist England geschwächt, während sich Frankreich wieder erholt hat. Es wird eine ganze Weile dauern, ehe die Heere der beiden Länder wieder auf dem Schlachtfeld aufeinanderprallen.

Doch in der Zwischenzeit ereignen sich in anderen Teilen der Welt ungeheuerliche Umwälzungen. Kolumbus entdeckt Amerika; Spanien wird reich und mächtig; Holland schickt sich an, es Spanien gleichzutun; in Portugal blüht der Wohlstand. Das Bild Europas hat sich gewandelt; an Stelle eines starken Nachbarn besitzt England nun zwei, schon bald werden es deren drei sein, und zwar lauter Seemächte. Das alte Spiel der alljährlichen Einfälle in Frankreich wieder aufzunehmen, käme unter diesen Umständen schierem Selbstmord gleich. Frankreich hat inzwischen nicht nur eine sehr schlagkräftige Streitkraft aufgebaut, sondern könnte sich möglicherweise mit Spanien oder Holland verbünden. Es würde sich dann vielleicht nicht mehr wie zweimal zuvor damit zufriedengeben, den Eindringling zurückzuschlagen, sondern den Krieg auf englischen Boden tragen.

So widmet England die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts dem Wiederaufbau. Dann, unter der jungfräulichen Königin Elisabeth, vernimmt die Welt das Brüllen des britischen Löwen von neuem. Diesmal wendet er sich nicht gegen Frankreich, sondern gegen Spanien, Portugal und die deutschen Hansestädte. Der Krieg nimmt nicht mehr die Gestalt einer Invasion an, sondern äußert sich in der Entsendung von Kaperschiffen, welche den Handel behindern und Beute machen. Die Beziehungen zu Frankreich bleiben derweil fast ungetrübt. Frankreich ist nun bereits zu stark, um ein leichtes Opfer darzustellen, doch noch nicht stark genug, um eine unmittelbare Bedrohung zu bilden. Gehören die Kriege zwischen England und Frankreich also endgültig der Vergangenheit an? Keinesfalls, doch bevor Frankreich wieder an die Reihe kommt, muß zuerst Spanien und dann Holland als Rivale aus dem Weg geräumt werden. Bis es so weit ist, wird der Kampf gegen Frankreich auf dem Wege der Diplomatie und des Handels ausgetragen.

Die Heilige Jeanne d'Arc einigte ihr Vaterland in einer kritischen Stunde und änderte den Verlauf des Zweiten Hundertjährigen Krieges zu Frankreichs Gunsten. Der Krieg endete zwar mit einer britischen Niederlage, doch am 30. Mai 1431 errangen die Briten immerhin einen Trostpreis, indem sie Jeanne auf dem Scheiterhaufen verbrannten. Als Vorwand diente das von der Jungfrau von Orléans begangene „Verbrechen", Männerkleider getragen zu haben.

Die Niederlage Hollands wird erst 1674 endgültig Tatsache. Kaum fünfzehn Jahre später beginnt das, was einige Geschichtsforscher den Dritten Hundertjährigen Krieg nennen. Englands Feldzug zur Zerstörung Frankreichs setzt 1688 ein; erst 1815 wird er zu Ende gehen. Die Briten schwingen sich zu Herren über Kanada auf. Sie kolonisieren Indien. Sie werden nach und nach zu unangefochtenen Königen der Weltmeere. Nun ist England so stark, daß es auf der internationalen Bühne die Rolle des Schiedsrichters bei Konflikten spielen kann. Die einzige große und unwiderrufliche Niederlage, die es während des Dritten Hundertjährigen Krieges hinnehmen muß, ist der Verlust seiner nordamerikanischen Besitztümer und die Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten. Wäre England damals nicht im Krieg mit Frankreich gelegen, was die Franzosen natürlich zur Unterstützung der dreizehn Kolonien bewog, so hätte die amerikanische Revolution als ein schmählicher Fehlschlag geendet.

Doch das Kräftemessen zwischen England und Frankreich ist damit nicht zu Ende. Trotz der Niederlage Napoleons hat sich die Grande Nation keinesfalls voll unter das fremde Joch gebeugt. Das ganze 19. Jahrhundert hindurch kommt es immer wieder zu Reibereien zwischen den beiden Mächten, die nach Faschoda die Form offener, schwerer Spannungen annehmen. Doch befindet sich Frankreich in einer Phase des Stillstandes. Die Bevölkerung Englands hat sich innerhalb eines kurzen Zeitraums verdoppelt, jene Deutschlands gar verdreifacht, und Frankreich kann es sich ganz unmöglich leisten, gleich beide Länder vor den Kopf zu stoßen. England hat jahrhundertelang Angriffskriege gegen Frankreich geführt, ihm viele seiner Kolonien geraubt und seine Macht entscheidend geschwächt. Deutschland hat soeben Elsaß-Lothringen zurückgewonnen. Wird Frankreich eher Faschoda oder Straßburg vergessen?

Es entscheidet sich, Faschoda zu vergessen. So wird es scheinbar zum „Alliierten" Großbritanniens, während ihm in der Praxis die unrühmliche Rolle eines Vasallen zufällt. Schüsse werden zwischen England und Frankreich keine mehr fallen - bis zur Kaperung der französischen Flotte in Oran durch die Briten und der französischen Vergeltung in Form von Bombenangriffen auf Gibraltar. Ob diese Kämpfe zwischen nominell verbündeten Staaten eine bloße Episode bleiben oder sich zu einem neuen englisch-französischen Krieg ausweiten werden, wird die Zukunft weisen.

Einer der klingendsten Namen in der Geschichte Englands ist »Strongbow«. Es war dies der Ehrenname des normannischen Barons Richard FitzGilbert de Clare (1125-1176). Wie erwarb er sich seinen Ruhm? Durch ritterliche Großtaten? Durch den Edelmut seiner Seele? Durch seine Herzensgüte? Mitnichten. Er war der erste Engländer, der als Feind nach Irland kam.

Im Jahre 1169 steht Strongbow an der Spitze einer Streitkraft, die sich anschickt, die Smaragdinsel zu erobern. Schon bald ruft er sich zum König von Leinster aus. Eine zweite Invasion Irlands wird 1171 vom englischen König Heinrich dem Zweiten persönlich befehligt, dem sein Vasall Strongbow zu selbstherrlich geworden ist. Heinrich wird als jener König in die Geschichte eingehen, der den Heiligen Thomas von Becket ermorden ließ.

In jenen Tagen sind die Iren das kultivierteste Volk Nordeuropas. Seit Jahrhunderten erfreuen sich ihre Klöster und Schulen großer Berühmtheit. Bereits im 5. Jahrhundert hat sich Irland zum Christentum bekehrt; irische Gelehrsamkeit, irisches Handwerk und irischer Handel sind allenthalben ein Begriff.

Doch die Soldaten Angellands verfügen über hervorragende Waffen und wissen auch mit diesen umzugehen. Die englischen Bogenschützen sind die besten Europas. Gegen diesen Widersacher ziehen die Iren mit ihren Streitäxten und Spießen den kürzeren. Strongbows Ritter erobern den Osten der Insel, teilen das Land unter sich auf und zwingen seine ehemaligen Eigentümer, es als Pächter zu bewirtschaften. Raubzüge in den Norden, den Süden und den Westen Irlands dauern ein volles Jahrhundert an. Wo immer sich die Engländer niederlassen, sinken die Iren zu ihren Knechten, um nicht zu sagen Sklaven herab.

Man schreibt das Jahr 1923. Vor dem Wahlhauptquartier von Sinn Fein, dem politischen Arm der IRA, wird das dreifarbige irische Banner gehißt.

Die irischen Freiheitskämpfer hatten den Briten einen so zermürbenden Kampf geliefert und so schwere Verluste zugefügt, daß diese schließlich in die Bildung eines Freistaats mit Mitgliedschaft im Commonwealth einwilligten. Nach dem 1. Weltkrieg kam es zur Gründung der Irischen Republik, wobei freilich sechs Grafschaften im Norden der Insel auch weiterhin der britischen Krone unterstanden. Frank O'Connor (von dessen Werken schon 1915, als er ganze zwölf Jahre zählte, eine Sammlung veröffentlicht wurde) schrieb, das irische Volk sei »von Grundbesitzern terrorisiert, von Polizisten, Magistraten und Soldaten unterdrückt und wie Vieh in die Schiffe nach Amerika gepfercht« worden. Die irischen Krieger seien »jahrelang gehetzt worden« und hätten »in Scheunen und Gräben geschlafen«. 1598 hatte Elisabeth I. ein vom Earl of Essex befehligtes Heer von 16.000 Mann und mit 13.000 Pferden nach Irland ausgesandt, um den 1569 dort ausgebrochenen Aufstand niederzuschlagen. Als die Königin im Jahre 1603 starb, hatte sie die damals riesenhafte Summe von zwei Millionen Pfund ausgegeben, um ihre Strafexpeditionen zu finanzieren, mit denen der Widerstandswille des irischen Volkes gebrochen werden sollte.

Die Nachfahren der von Strongbow befehligten Ritter, in Irland als „alte englische Aristokratie" bekannt, herrschen über einen großen Teil der Insel. Im Verlauf der Zeit werden sie von der einheimischen Bevölkerung akzeptiert und übernehmen nach und nach die gälische Sprache, irisches Brauchtum und irisches Recht. Mit ihren irischen Nachbarn, Vasallen und Pächtern teilen sie die Furcht vor einem neuen Einfall aus dem Osten, doch wird es Jahrhunderte dauern, bis ihre Angstträume Wirklichkeit werden.

Die große Zeit der imperialen Ausdehnung Englands setzt mit der Herrschaft Elisabeth der Ersten (1533-1603) ein. Die Kapitäne der Königin machen die Weltmeere unsicher, indem sie die Schiffe anderer Nationen kapern oder versenken. England braucht Holz. Davon gibt es in Irland genug. England brauchte gute Häfen. Daran herrscht in Irland kein Mangel. So ziehen die Engländer aus, um sich zu nehmen, was sie benötigen.

Doch die anderen Unternehmungen Elisabeths verunmöglichen es ihr, eine große Armee nach Irland auszusenden. Die Invasionstruppen sind zahlenmäßig so schwach, daß die Iren trotz schlechterer Ausbildung und Ausrüstung realistische Chancen besitzen, die Eindringlinge zum Teufel zu jagen. Dieser Gefahr begegnen die Engländer mit einem ebenso einfachen wie wirksamen und brutalen Mittel: Da die Zahl der Engländer nicht erhöht werden kann, werd eben jene der Iren verringert. In jenen Bezirken, wo die Eroberer mangels Soldaten keine Besatzungstruppen stationieren können, wird die Bevölkerung dezimiert. Ein Teil stirbt eines raschen und gnädigen Todes durch das Schwert, die übrigen werden einem langsamen Hungertod preisgegeben. Elisabeths „Bannerträger der Zivilisation" laden schätzungsweise anderthalb Millionen Iren auf ihr Gewissen. Der Vernichtungskrieg wird im Namen der Humanität und des wahren christlichen Glaubens durchgeführt.

Natürlich ruft dieser Holocaust seitens der Überlebenden namenlose und dauerhafte Verbitterung gegen England hervor. Bis zum heutigen Tage mögen die meisten Iren die Engländer nicht. Was die Opfer der Politik Elisabeth für die Königin, ihre Helfershelfer und für alles Englische empfunden haben mögen, kann man sich unschwer ausmalen. Ihr Haß auf die Unterdrücker und ihre unverbrüchliche Treue zur Katholischen Kirche, die den Eindringlingen Hekuba war, einigten die Iren. Sie, ein früher in Clans aufgespaltenes, provinzielles Volk, wurden zu glühenden Patrioten, die sich bewußt waren, daß sie alle einer und derselben Nation angehörten.



Königin Elisabeth I. wird von vielen als die erfolgreichste - und brutalste - Figur auf dem britischen Königsthron betrachtet. Ihre Politik der „ethnischen Säuberung" Irlands führten dazu, daß 1,5 Millionen Iren Hungers starben oder niedergemetzelt wurden. Bis heute empfindet man in Irland tiefe Abneigung gegen diese erbarmungslose englische Königin.

Nach annähernd einem Jahrhundert harter Fremdherrschaft entladen sich die Gefühle der Iren in einem blutigen Aufstand, bei dem etwa 12.000 protestantische englische Siedler in der Nordprovinz Ulster niedergemetzelt werden (schottische Siedler werden größtenteils verschont). Dies geschieht in den Jahren 1641 und 1642.

Diese englischen und schottischen Protestanten sind auf Geheiß der britischen Krone in den Grafschaften Donegal, Tyrone, Derry, Armaghy, Cavan und Fermanagh angesiedelt worden, wo sie einen Großteil der einheimischen Bevölkerung verdrängt haben. Dies stellte einen Versuch zur Befriedung Ulsters dar, das sich den britischen Besatzern gegenüber widerspenstiger verhielt als jede andere irische Provinz.

Die Antwort der britischen Herrscherklasse läßt nicht lange auf sich warten. Oliver Cromwell (1599-1658), damals englisches Staatsoberhaupt, startet eine sogenannte „Strafexpedition", d.h. die Rückeroberung der verlorengegangenen Gebiete. In den Jahren zwischen 1649 und 1652 wird rund ein Drittel der irischen Bevölkerung dahingerafft - durch das Schwert, Hunger und Seuchen. Petty, ein englischer Historiker, schätzt die Anzahl der getöteten Iren auf 600.000. Begonnen hat die Invasion damit, daß in Tredah und Wexford die gesamte Bevölkerung abgeschlachtet wurde, auf daß der Engel der Furcht vor den britischen Truppen einherschreite.

Doch nicht genug damit: 20.000 Knaben und Mädchen werden in die Sklaverei verkauft. Millionen von Morgen Land (41% von Antrim, 26% von Down, 34% von Armagh und 38% von Monaghan) werden den Iren abgenommen und an englische Soldaten und Händler verschenkt oder verschachert. Jene Iren, die Cromwells Expedition überleben, werden in öde Gegenden im Landesinneren vertrieben, wo sie, so hofft man, dem Hungertod anheimfallen werden. Das Land wird in eine Wüste verwandelt. Tausende von heimatlosen Frauen und Kindern fallen der Kälte oder den Wölfen zum Opfer. In den fruchtbaren Zonen bleibt den Iren von je 11 Morgen noch einer übrig.

Nach vollendeter Eroberung klingt die militärische Gewalt ab, verschwindet aber nicht völlig. Mit roher Polizeigewalt werden die irischen Bauern dazu genötigt, sich bedingungslos zu unterwerfen und ihren Zwingherren Pachtzins zu zahlen. Während das Land durch diese Zahlungen an die Engländer (die größtenteils in der Heimat bleiben und ihr Einkommen dort verprassen) förmlich ausblutet, die einstmals blühenden Fabriken geschlossen oder zerstört werden, weil sie für die britischen eine lästige Konkurrenz darstellen, die Bauern von ihrem fruchtbaren Ackerland verjagt werden, weil dieses als Viehweide benötigt wird, treiben Armut und Verzweiflung die Menschen zu wiederholten Aufständen.

1914 wurde zum Schicksalsjahr für das »Reich, in dem die Sonne niemals untergeht« und welches an Ausdehnung das Römische Reich, das auf seinem Höhepunkt zwei Millionen Quadratmeilen und eine ungleich geringere Bevölkerung umfaßte, bei weitem in den Schatten stellte. Das erste Dröhnen der Kanonen im August läutete eine vierjährige grauenvolle Schlächterei ein. Die Briten scharten sich um den Union Jack, während Historiker und Journalisten die Gründe für den Kriegseintritt zu definieren suchten. In den letzten Julitagen war noch eine Mehrheit der britischen Öffentlichkeit, einschließlich führender Zeitungen sowie der meisten Minister in Premierminister Herbert Asquiths Kabinett, gegen eine Allianz mit Frankreich und Rußland gewesen. Doch mächtige Figuren wie Asquith selbst, Außenminister Edward Grey und Winston Churchill sprachen sich für den Krieg gegen Deutschland aus. London berief sich auf einen aus dem Jahre 1839 stammenden Vertrag, in dem Großbritannien, Frankreich und Preußen die belgische Neutralität garantiert hatten, um einem Staat den Krieg zu erklären, der England den Rang als europäische Führungsmacht abzulaufen drohte. Der Erste Weltkrieg trug die Saat zu einer zweiten Selbstzerfleischung der westlichen Zivilisation in sich, an die sich ein unaufhaltsamer gesellschaftlicher Niedergang anschloß. Die Länder des Westens wurden zur Beute eines masochistischen „liberaldemokratischen" Regierungskonzepts, bei dem internationalistische Gruppierungen, welche nichts als Verachtung für die Souveränität und die traditionellen Werte der westlichen Nationen hegen, hinter den Kulissen den Ton angeben.

In der Mitte des 19. Jahrhunderts ist mehrere Jahre hintereinander eine sehr schlechte Kartoffelernte zu verzeichnen. Die Kartoffel stellt das Hauptnahrungsmittel der verarmten Bevölkerung dar, und so bricht die verheerendste Hungersnot der modernen Geschichte aus. Ihr fällt rund ein Viertel der irischen Bevölkerung zum Opfer. Amerika bemüht sich zu helfen, und die Länder Kontinentaleuropas desgleichen. Hingegen schafft England nicht etwa Lebensmittel in das hungernde Nachbarland, sondern raubt im Gegenteil einen großen Teil dessen, was es dort noch gibt.

Die abwesenden Landbesitzer haben es sich zur Gewohnheit gemacht, das auf irischem Boden von irischen Landwirten angebaute Getreide zu verkaufen, und sie denken nicht im Traum daran, diese gewinnbringende Tradition zu ändern, nur weil ein paar hunderttausend Iren verhungern. Ihre Regierung könnte ihnen natürlich Einhalt gebieten - doch sie selbst sind die Regierung. Millionen von Iren verlassen die furchtbar heimgesuchte Insel und wandern in die USA oder andere Länder aus, wo sich ihnen Chancen auf ein menschenwürdigeres Leben bieten. Die Bevölkerung Irlands fällt von etwa 8 auf 4 Millionen, und das Land wird sich niemals vollständig von diesem Holocaust erholen.

1916, als England voll mit seinem Krieg gegen Deutschland beschäftigt ist, sagen sich die Iren: „Jetzt oder nie". Ihre Revolution bringt ihnen Jahre nach dem Weltkrieg so etwas wie Freiheit ein. Wie sich die 1921 in Irland eingesetzten britischen Truppen aufgeführt haben, ist den meisten von uns noch gegenwärtig. Jedes irische Buch über die jüngste Geschichte des Landes enthält eine - unvollständige - Schilderung des Mordens, Sengens und Raubens, wodurch sich die „ritterlichen" britischen Freiwilligenheere hervortaten.

Die Iren hegen keine erfreulichen Erinnerungen an englische Waffentaten. Die Männer Strongbows, Elisabeths, Cromwells und schließlich die Invasionstruppen von 1921 haben ihr Land verwüstet und Hunderttausende von Männern, Frauen und Kindern dieser kleinen Insel umgebracht. Nun hat sich Irland ein gewisses Maß an Freiheit erkämpft, doch noch immer seufzt ein Teil der Insel unter der Fremdherrschaft, und die ihr aufgezwungenen Verpflichtungen lasten auch weiterhin schwer auf ihr. Besorgt späht der Ire über die „östliche See", und ihn quält die Furcht, daß die Engländer abermals den Versuch zur Unterjochung seines Landes unternehmen und dadurch unsägliches Leid über sein Volk bringen werden.


Dieser Beitrag erschien zuerst in englischer Sprache unter dem Titel »Britan - World History's No. 1 Aggressor Nation« in The Barnes Review, 5(3) (1999), S. 11-15 (130 Third Street SE, Washington, D.C., 20003, USA). Übersetzung von Jürgen Graf.


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 4(1) (2000), S. 64-69.


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