Eine etwas andere Gaskammer-Besichtigungstour

Von Paul Amner

Im Januar unternahmen meine Frau und ich eine Besichtigungstour zurück in die Vergangenheit. Der Bus holte uns beim Fahrkartenschalter ab (es gibt nur geführte Touren) und fuhr unsere kleine Gruppe etwa 2 km weit, durch die hohen Stacheldraht-Tore hindurch, hinein in den Bereich des eigentlichen Hauptlagers.

Unser Reiseführer klärte uns über die Geschichte des Lagers auf:

»Also, die ersten Leute, die hierher gebracht wurden, waren Sträflinge und Leute, die ein Ärgernis für die damalige Regierung waren; später wurden ganze Familien von überall aus Europa hierher gebracht; Hunderte, wenn nicht Tausende, starben aufgrund der schmutzigen und grausamen Verhältnisse während der Fahrt hierher. Bewaffnete Wachen patroullierten außen an dem hohen Stacheldrahtzaun des Lagers und sie hatten strikten Befehl, daß unter keinen Umständen jemand das Lager verlassen durfte.

Jeder Transport, der im Lager ankam, mußte sich erst in einer Reihe aufstellen, und Ärzte führten eine Selektion der Neuankömmlinge durch; wer krank oder geschwächt erschien, wurde von den anderen abgesondert und an einen Ort an der Rückseite des Lagers verbracht, wo sie sich ausziehen mußten, und in Gruppen von dreißig bis vierzig wurden sie in eine große Gaskammer geführt und vergast.

Denen, die draußen warteten, bis sie hineingehen sollten, wurde von den Wachen gesagt, daß sie tief atmen sollten, wenn sie hineinkämen, und dann wäre alles ganz schnell vorbei.«

Das klingt alles sehr bekannt, dachte ich. Der Bus hielt, wir stiegen alle aus und der Reiseleiter führte uns an weiten, offenen Grasflächen vorbei.

Gaskammer mit Schienen direkt vor die Tore,
wo die Selektionen stattfanden
...

»Das sind Massengräber von Leuten, die hier gestorben sind. Sie sind nur von Gras und Bäumen überwachsen. Es gibt in Wirklichkeit noch drei oder vier weitere, gleich dort den Hügel hoch. Wir hatten hier schreckliche Epidemien, und buchstäblich Tausende starben an Fleckfieber, Grippe und Ruhr, verursacht durch Läuse, Fliegen, Ratten usw.«

Wir gingen den Hügel weiter abwärts bis wir zum Postamt des Lagers kamen. Der Führer sagte uns:

»Alle Post wurde zensiert, und wenn dem Postmeister das, was er las, nicht gefiel, schrieb er einfach den ganzen Brief neu, und dann, bevor die Post zum Versand hinauskam, wurde sie erst desinfiziert!«

Nach dem kleinen und staubigen Postamt kam unsere Gruppe beim »Duschblock« an, drei oder vier sehr große, alte Holzgebäude, ohne Fenster, aber mit einem unheilverkündenden Schornstein, der 40 Fuß hoch in den Himmel ragte; Schmalspur-Schienen führten in das größte Gebäude... Das, wurde uns gesagt, war die »Entlausungs-Abteilung«. Und der Führer fuhr fort:

»Aber zuerst werde ich Ihnen die Gaskammer zeigen !«

Sie war genau so, wie er sie uns beschrieben hatte: fensterlos, mit Ausnahme von zwei recht großen Glas-Gucklöchern vorne, wo man draußen kontrollieren konnten, wann drinnen alles fertig war...

Dann führte uns der Reiseleiter hinter das Gebäude, wo Kohle oder Koks gelagert worden waren, hinein in die riesigen Entlausungskammern, wo die Kleidung und das Bettzeug der Lagerinsassen in riesigen dampfbeheizten Kammern entlaust worden waren... Sie waren genau so, wie ich sie in anderen Lagern in Europa gesehen habe.

Der nächste Halt war beim Krankenhaus. Es war in zwei Hauptabteilungen unterteilt gewesen, eine für Männer, eine für Frauen; die einzigen Sachen an der Wand waren »Todesregister«. Jede Person, die hier drinnen gestorben ist, war mit ihrem Namen, Alter, Geburts- und Sterbedatum und Todesursache registriert worden...

Ich wurde traurig, als ich die langen Listen las und ihr Alter - kaum einer von ihnen war über Dreißig geworden. Ein Glasschaukasten in der Mitte des Raumes enthielt einen Haufen alter rostiger medizinischer Instrumente. Dann ging es durch die schmutzigen Küchen hindurch zu dem alten Leichenschauhaus, das dem Lager-Laboratorium angefügt war. Die Wände des Leichenschauhauses waren alle weiß getüncht, was für diese Zeit wohl typisch war, nur der Fußboden war dunkelrot.

Unser Fremdenführer erklärte uns, warum:

»Sie malten ihn rot an, weil sie versuchten, das Blut zu verheimlichen, das überallhin kam.«

Durch die offenen Fenster konnten wir in das Laboratorium daneben sehen, wo in Schränken große Glasbehälter waren; niemand von uns hatte Lust zu fragen, was diese seltsamen Dinge in den Glasbehälter waren, aber wir konnten es uns alle denken.

Der letzte Halt der Besichtigung war bei den alten Baracken mit ihren Kojenreihen und strohgefüllten Matratzen, jedenfalls war dieser Teil nicht so aufwühlend wie die letzten paar Besichtigungsorte. Ein paar Minuten wurden uns gewährt zum Umhergehen, um den Staub einatmen und die quietschenden Dielen hören zu können, bevor die ganze Gruppe wieder in den Bus verfrachtet wurde. Die Besichtigung war zu Ende. Kurz bevor wir wieder beim Kartenschalter ankamen, sagte der Reiseführer:

Innenaufnahme der Gasöfen:
Es gab sie nicht nur in Auschwitz
...

Sogar Verbrennungsöfen zum Einäschern...

»Ich möchte Ihnen danken, daß Sie heute bei uns waren und unsere Tour durch das Museum der Historischen Quarantäne-Station von Sydney mitgemacht haben. Vielleicht besuchen Sie uns wieder einmal...«

Was haben SIE denn gedacht, wo wir gewesen seien?

Das Quarantine Station 1828-1984 Museum in Sydney, Australien, ist an den meisten Tagen der Woche für geführte Touren zugängig! Literatur: Jean Duncan Foley, In quarantine: a history of Sydney's quarantine station, 1828-1984, Kangaroo Press, Kenthurst, NSW, Australia, 1995

PS. Die Leute wurden wirklich in Gruppen zu 30-40 gleichzeitig »vergast«, aber das Gas war nur für Schädlinge tödlich. Die zwei hier abgebildeten Verbrennungsöfen dienten zur Abfallbeseitigung. Die Kremierungsöfen waren für Besucher nicht zugänglich.


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 4(2) (2000), S. 170f.


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