Ehrung Goerdeler in Leipzig

Von Alexander von Laubnitz

»Keine Ehrung für den Antisemiten und Nationalsozialisten Goerdeler«. Dieses von mindestens 50 Leipziger sogenannten Antifaschisten dem Ehrengast und Festredner Klaus von Dohnanyi und allen anderen anwesenden Gästen entgegengehaltene Transparent im Rahmen der Einweihung des Ehrenmals für Carl Friedrich Goerdeler am 8. September 1999 in Leipzig, eingebettet in einem gellenden Pfeifkonzert und verschiedensten Schmährufen, war der Tropfen, der das Faß zum Überlaufen brachte. Von Dohnanyi, selbst gezeichnet durch die Hinrichtung seines Vaters im Zusammenhang mit dem Deutschen Widerstand im Dritten Reich, konnte die Beleidigungen und Diffamierungen Goerdelers der mehrheitlich jugendlichen Linksautonomen nicht mehr ertragen und entriß aus deren Händen das ihm entgegengehaltene Transparent. Das danach folgende Handgemenge durch das beherzte Eingreifen der Polizei und der Festnahme von 9 Personen bedeutete den vorläufigen Tiefpunkt einer denkwürdigen Veranstaltung in Leipzig. Was war geschehen?


Der Leipziger Stadtrat hatte auf Veranlassung vom ehemaligen SPD-Oberbürgermeister Dr. Lehmann-Grube (gebürtiger Ostpreuße) vor ca. 3 Jahren beschlossen, Dr. Carl Friedrich Goerdeler, vormals Bürgermeister in Königsberg und dann von 1930 bis 1937 Oberbürgemeister der Stadt Leipzig, ein Ehrendenkmal unmittelbar vor dessen ehemaligen Amtssitz am Neuen Rathaus zu Leipzig zu bauen. Dieses vor allem wegen seiner mehrjährigen Beteiligung als Kopf des zivilen deutschen Widerstandes gegen Adolf Hitler im Zusammenhang mit dem Attentat am 20. Juli 1944. Zur Erstellung des Ehrenmales wurde die amerikanische Künstlerin Jenny Holzer auserwählt, die mit ihrem Konzept der Verbindung von architektonischem und inhaltlich-didaktischem Anspruch den Wettbewerb zur künstlerischen Gestaltung des Ehrenmals gewonnen hatte. Das Ehrenmal stellt einen in den Boden versunkenen mehrstufigen Trichter dar, in dessen Innerem eine Glocke eingelassen ist, die viermal am Tage und zu bestimmten Anlässen läutet. Der Glockenraum ist mit einem begehbaren Gitter abgedeckt. Sechs ebenfalls im Inneren des Ehrenmals eingebaute Scheinwerfer leuchten nachts aus dem geschwärzten Innenraum, symbolhaft das Licht aus der Tiefe der Dunkelheit darstellend. Auf den oberhalb angebrachten kreisförmigen Stufen sind Zitate von Goerdeler mit Bezug auf das NS-Regime und insbesondere die Judenverfolgung eingraviert. Im innersten Kreis steht sein 1945 ausgesprochener Satz:

»Ich liebe mein Vaterland mit Inbrunst, aber gerade deshalb empfinde ich die ganze Schmach seiner Entehrung, wie sie noch nie einem Volk durch eigene Bürger angetan worden ist.«

Anläßlich der Verkündung des Todesurteils am 8. September 1944 vor dem Volksgerichtshof wurde 55 Jahre nach diesem Datum die Einweihung des Ehrenmals für Dr. Goerdeler durch den jetzigen Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee (SPD) mit einem Festakt im Festsaal des Leipziger Neuen Rathauses begangen. Der Schülerchor des Leipziger Goerdeler-Gymnasiums stellte den musikalischen Hintergrund, Dr. Klaus von Dohnanyi hielt die Festrede und Dr. Klaus Werner, Geschäftsführer der Galerie für Zeitgenössische Kunst in Leipzig, erläuterte die künstlerischen Aspekte des Denkmals. Von Dohnanyi stellte in seiner Ansprache dar, daß für ihn Goerdeler trotz all seiner Zwiespältigkeiten ein überzeugter Demokrat war, der sich mit seinen konservativen und patriotischen Überzeugungen stets nach höchsten moralisch-ethischen Ansprüchen richtete. Die unlösbare Aufgabe, in einem totalitären Staat wie dem Dritten Reich nichts Unrechtes zu tun, aber dennoch aktiv und gestalterisch im gesellschaftspolitischen Zeitgeschehen zu sein, war für Goerdeler Qual und Herausforderung zugleich. Als er 1937 erfuhr, daß die Leipziger Nationalsozialisten das Denkmal für Felix Mendelssohn-Bartholdy gegen seinen Willen entfernt hatten, war für Goerdeler der Zeitpunkt gekommen, um aus seinem Amt als Oberbürgermeister auszuscheiden und in den zivilen Widerstand gegen den NS-Staat zu gehen. Der Versuch, am 20. Juli 1944 Hitler mit einem Attentat zu beseitigen, scheiterte und Goerdeler, nachdem auf ihn ein Kopfgeld von einer Million Reichsmark ausgesetzt und er dann von einer Verwandten verraten worden war, wurde verhaftet, verurteilt und hingerichtet.

Neben von Dohnanyi waren bei der Einweihung auch die engsten Angehörigen von Carl Friedrich Goerdeler zugegen, wie sein ältester, jetzt über achtzigjähriger Sohn und seine Tochter Dr. Meyer-Kramer. Abgeordnete von Bundestag, sächsischem Landtag und Leipziger Stadtrat waren geladen und erschienen. Die Leipziger Bevölkerung war nahezu nicht anwesend, vor allem auch deswegen, da die Einweihungsveranstaltung in den Leipziger Medien nahezu kaum behandelt worden war. Für die Leipziger PDS-Sympathisanten und andere Linksextremen jedoch die Gelegenheit, ihre Wut über diesen in ihren Augen skandalösen Akt lautstark zu bekunden. Die Fähigkeit, trotz aller Meinungsverschiedenheit respektvoll und mit Anstand die Würdigung von Goerdelers Leben und seiner Hinrichtung zu begehen, war diesen Zeitgenossen intellektuell und psychisch nicht möglich. Daß die Leipziger Polizei auf Anordnung der Stadtverwaltung den Krawallmachern so viel Raum zu ließ – sie standen unmittelbar am Ehrenmal und neben und hinter den ihn einweihenden Gösten –, war an für sich bereits ein Zeichen der Respektlosigkeit. Die Dreistigkeit, im Anschluß an die Veranstaltung Klaus von Dohnanyi noch wegen Körperverletzung anzuzeigen, war der ethische-moralische Tiefpunkt. Daß sich dann auch noch auf den eingravierten Platten ein Schreibfehler eingeschlichen hatte, war irgendwie symptomatisch für die Veranstaltung und die heutige, in Deutschland immer noch mehrheitlich vorhandene Gesinnung gegenüber Goerdeler und den deutschen Patrioten. Quo vadis Deutschland?

Auf der ersten, das Ehrenmal beginnenden Steinplatte steht eingraviert:

»Dieses Denkmal ließ die Stadt Leipzig 1999 errichten zur Erinnerung an Carl Friedrich Goerdeler, Oberbürgermeister von Leipzig in den Jahren 1930 – 37, zurückgetreten von seinem Amt aus Protest gegen die nationalsozialistische Politik und hingerichtet für seine Mitwirkung bei dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944. Goerdelers Leben und politisches Verhalten, wie es in seinen Lebensdaten hier festgehalten ist, spiegeln auch, wie schwierig und komplex die deutsche Geschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war. Auch wenn ihn sein Widerstand schwersten Gewissenskonflikten aussetzte, wurde Goerdeler für die Nationalsozialisten zu einer der gefährlichsten Oppositionellen. Seine eindrucksvollsten Äußerungen galten der Freiheit des Denkens und Handelns in Zeiten, als Widerspruch fast ganz verstummte.«

ANMERKUNG DER REDAKTION

Die Redaktion tut sich mit diesem Artikel etwas schwer, weil die Distanzierung von „demokratischen Methoden" eine heutzutage sehr problematische – sogar strafrechtlich relevante – Angelegenheit ist. Andererseits könnte die hier beschriebene Verherrlichung von Bomben-Attentätern durch Demokraten den Eindruck erwecken, daß das Hinterlassen von bombengefüllten Aktentaschen zu den Methoden gehört, wie Demokraten ihre Staatsoberhäupter wählen bzw. absetzen. Das wäre ganz falsch gesehen.

Diese Warnung erscheint uns vor allem deshalb angebracht, weil, – wie der Artikel zeigt, – Demokraten, die zur dieser Möglichkeit Zuflucht nehmen, reichlich naive Gemüter sein können.

Nicht jedermann, der sich »in Zeiten, als Widerspruch fast ganz verstummte«, der Freiheit des Denkens und Handelns verpflichtet fühlt und heutige Politik für verbrecherisch und gegen die Menschenrechte gerichtet ansieht, kann damit rechnen, daß ihm ein Denkmal gesetzt wird, wenn er Schröders & Co – egal nach welchen Gewissenskonflikten – mit einer Bombe „absetzt".

Diese Art demokratischer – man könnte auch sagen darwinistischer – Auswahl („survival of the fittest") hat auch ihre „Singularität" und dürfte den Fällen vorbehalten sein, wo die Demokraten noch nicht an der Macht sind. Ansonsten gilt das Bombenlegen als verbrecherisch und die Verabredung hierzu fällt unter Straftatbestände wie „kriminelle Vereinigung" usw. Es sei daher ausdrücklich davor gewarnt, Goerdeler, den großdeutschen Patrioten preußisch-völkischer Gesinnung, als Vorbild anzusehen.


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 4(2) (2000), S. 212f.


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