Unsere jüdischen Wurzeln?

Von Ernst Manon

Meldungen, die bei uns kaum einen Platz in der Zeitung finden, bewegen derzeit die Öffentlichkeit in Israel. Es geht um die Geschichte des Alten Testaments, die oft im Gegensatz zu den archäologischen Befunden steht. In der als seriös geltenden israelischen Tageszeitung Ha'aretz werden die wissenschaftlichen Ergebnisse von einem Jahrhundert der Grabungen ausgebreitet: Es habe weder Erzvater Abraham noch den Auszug aus Ägypten gegeben. Von der Eroberung des „Heiligen Landes" und Josua fehle jede Spur, Jericho sei in der fraglichen Zeit längst zerstört gewesen. Die Könige David und Salomon waren vielleicht kleine Stammesfürsten, wenn es sie überhaupt gegeben hat. Alle Geschichten über die Entstehung des Volkes Israel und die Aufteilung in zwölf Stämme seien nationale Sagen.[1]

Prof. Seev Herzog von der Universität Tel Aviv stellt weiter fest:[2]

»Die biblische Epoche hat nie stattgefunden. Nach 70 Jahren Grabungen kommen Archäologen zu dem Schluß : Es stimmt alles nicht.«

Und Rabbi Elmar Berger in einem Vortrag an der Universität Leiden über »Prophecy, Zionism and the state of Israel«:[3]

»Der derzeitige Staat Israel hat aber keinerlei Recht, sich auf die Erfüllung des göttlichen Plans für eine messianische Zeit zu berufen. Es ist die reinste Blut- und Boden-Demagogie. Weder dieses Volk, noch dieses Land sind heilig, sie verdienen keinerlei geistiges Privileg dieser Welt.«

Auch im Heft 7 der Reihe Auf den Spuren der Parascha können wir lesen:[4]

»Waren die Hebräer tatsächlich in Ägypten geknechtet?: Der Aufenthalt der Hebräer ist in ägyptischen Quellen nirgends belegt, der Name Josséf nicht erwähnt, die zehn Plagen, sogar die dreitägige Finsternis und das Sterben der Erstgeborenen werden in den Annalen nicht vermerkt, und von einem Exodus en masse und von einem Untergang der ganzen Reiterei im gespaltenen Meer melden sie auch nichts. So bedauerlich es für die Juden ist, diese Ereignisse haben sich nie abgespielt und sind nichts als eine schöne Legende."

Während der „historische Revisionismus" bei uns immer mehr kriminalisiert wird, feiert er in Israel offenbar fröhliche Urständ:[5]

»In der Wissenschaft ist diese Entwicklung bereits antizipiert: Revisionistische Historiker räumen seit Jahren schonungslos ein Tabu nach dem anderen beiseite, löschen nach und nach die Legende vom siegreichen David gegen immer neu anlaufende Goliaths, stellen das bequeme, aber falsche Bild von Israel als dem Hort der Kinder des Lichts gegen das arabische Monopol der Finsternis in Frage.«

»Gerade auf israelischer Seite ist das offizielle Geschichtsbild in letzter Zeit von jüdischen Historikern kritisiert worden. Auf der Grundlage neu zugänglicher Quellen entwarfen diese „Neuen Historiker" Thesen, die der bisher gepflegten Gründungsgeschichte ihres Staates widersprechen.«[6]

Einem Holocaust-Revisionismus steht allerdings auch in Israel ein entsprechendes Gesetz seit 1981 im Wege.[7] Wenn man bedenkt, daß sich während des Eichmann-Prozesses fünfzehn Israelis meldeten, die zu seiner Entlastung aussagen wollten,[8] wird klar, welch revisionistisches Potential vielleicht auch hier unter Verschluß gehalten wird, schrieb doch selbst Prof. Yehuda Bauer einmal:[9]

FAZ, vom 30. Oktober 1999, S. 9 (Zum Vergrößern Bild anklicken)

»Poles and Jews alike are supplying those who deny the Holocaust with the best possible arguments.«

Kurioserweise sah sich kürzlich Moshe Zimmermann vom Koebner-Institut an der Universität Jerusalem mit dem Vorwurf der „Shoa-Leugnung" konfrontiert, weil er die Erziehungspraxis von jüdischen Kindern in Hebron kritisiert und die Erziehung zu Rassismus mit der Bildungsarbeit der Hitlerjugend verglichen hatte.[10]

Zurück zu den Grundlagen und den fünf Büchern Mose, also der Thora:[11]

»Um das Jahr 95 n. Chr. schreibt der jüd. Schriftsteller Josephus in seinem apologet. Werk Contra Apionem (I,7 f.), die Juden besäßen seit langem eine Anzahl von Büchern, denen sie nichts hinzuzufügen, von denen sie nichts wegzunehmen und an denen sie nichts zu ändern wagten. Es sei ihnen allen von Kind auf selbstverständlich, in diesen Büchern Gottes Anordnungen zu finden und darum an ihnen festzuhalten, ja, wenn es sein müsse, freudig für sie zu sterben. Weil bei den Juden nicht jeder habe Geschichte schreiben dürfen, sondern nur die Propheten, die die Vergangenheit gemäß der ihnen zuteil gewordenen göttlichen Inspiration und die Gegenwart aus genauer eigener Kenntnis beschrieben hätten, gebe es hier nicht, wie bei anderen Völkern, zahllose einander widersprechende Bücher, sondern nur wenige, und diese seien völlig zuverlässig.«

Die heilige Schrift der Juden ist angeblich in der sog. Bundeslade aufbewahrt worden (5. Mose 31, 26). Niemand durfte jedoch hineinsehen. Erst unter König Salomo (wenn er denn existent war, siehe oben) wurde die Bundeslade („angeblich" müssen wir immer hinzudenken) geöffnet, und siehe da, »war nichts in der Lade denn nur die zwo steinernen Tafeln des Moses, die er hineingelegt hatte am Horeb [d.i. der Berg Sinaï], da der Herr mit den Kindern Israel einen Bund machte, da sie aus Ägyptenland gezogen waren.« (1. Könige 8,9). Die Lade selbst samt Inhalt verschwand später völlig. Jeremias hat sie in einer unbekannten Höhle versteckt und den Eingang versiegelt. Während einiger Jahrhunderte war nun das „Gesetz Gottes" verschollen. Nach der Rückkehr aus der 70jährigen Verbannung an den Wassern Babels, sah der jüdische Priester Esra die Notwendigkeit ein:

»Dein Gesetz ist verbrannt, deshalb weiß kein Mensch die Dinge, die Du getan.«

Er verpflichtet sich deshalb:

»Alles zu schreiben, was in der Welt geschehen ist von Anfang an, alle Dinge, die in Deinem Gesetze geschrieben wurden, damit die Menschen Deinen Weg finden.«

Aus obengenanntem Standardwerk über die Entstehung des AT erfahren wir weiter:[12]

»Der angebliche Verfasser Esra fragt im Gebet vor seiner Entrückung, wer in Zukunft das Volk unterweisen solle; Gottes Gesetz sei ja verbrannt, so daß niemand die Taten kenne, die Gott getan habe und die er noch tun wolle. Auf seine Bitte bekommt Esra, indem er einen Becher mit feuerartigem Wasser trinkt, den hl. Geist verliehen und diktiert gemäß göttlichem Befehl fünf Männern vierzig Tage lang 94 Bücher. Die ersten 24 von ihnen werden für den allg. Gebrauch veröffentlicht, die übrigen 70 dagegen (die Apokalypsen) den Weisen vorbehalten.«

Auch den Indianern ist das Feuerwasser nicht gut bekommen; es hat zu deren Niedergang beigetragen. Bei den alten Hebräern hingegen hat es die Phantasie offenbar derart beflügelt, daß heute noch viele davon zehren. So schrieb etwa Otto von Habsburg, der bei einem Israelbesuch nicht versäumte, auf seine eigenen jüdischen Wurzeln[13] hinzuweisen:[14]

»Hätte das Judentum nichts anderes hervorgebracht, als das Alte Testament, müßten wir ihm schon größte Anerkennung zollen. Dieses Buch enthält nicht nur grundlegende göttliche Offenbarungen wie die Schöpfungsgeschichte, es ist zudem die erste Schule unseres Denkens und der Ausgangspunkt unserer Entwicklung.«

Das ist eine glatte Unterschlagung von Jahrtausenden der kulturellen Entwicklung und eine Anerkennung all der Geschichtsfälschungen im Laufe der vergangenen 2000 Jahre. Übrigens ist mit dem Hause Habsburg auch der Titel eines Königs von Jerusalem verbunden - und auch der eines Herzogs von Auschwitz.[15]

„Die Singularität des Holocaust"

»Ein kleiner Junge, vielleicht drei oder vier Jahre alt, sitzt im Schlamm, umgeben von Gestank, der aus einem großen Kamin kommt. Jeden Morgen erlebt er das gleiche: „Auf einmal sind viele Frauen da, Frauen, die nachts sterben, und dann kommen wieder andere, neue, und die sterben auch." Die Blockowa kommt vorbei und spritzt ihm Schlamm mit ihrem Stiefel ins Gesicht. „Wir Kinder seien auch nur Dreck, sagt sie stets, da sei kein Unterschied." An einem Morgen beobachtet er, wie sich der oberste Körper auf dem Berg toter Frauen bewegt. Der Kleine glaubt, gleich werde ein Kind aus dem Bauch kommen und rutscht näher heran: „In einer großen seitlichen Wunde bewegt sich etwas. Ich richte mich auf, um besser zu sehen. Ich recke meinen Kopf vor, und in diesem Augenblick öffnet sich blitzschnell die Wunde, die Bauchdecke hebt sich ab und eine riesige, blutverschmierte, glänzende Ratte huscht den Leichenberg hinab. Andere Ratten jagen aufgeschreckt aus dem Gewirr von Leibern und suchen das Weite. Ich habe es gesehen! Die toten Frauen gebären Ratten."

Fünfzig Jahre hat Wilkomirski gebraucht, um „Bruchstücke" seiner Kindheitserinnerungen an die Zeit in deutschen Vernichtungslagern aufzuschreiben.«

Mit diesem Bericht leitet Frau Dr. phil. Brigitta Huhnke, ihres Zeichens Medienwissenschaftlerin und freie Journalistin aus Pfaffenweiler das Kapitel »Die Singularität des Holocaust« in dem Sammelband Roter Holocaust? - Kritik des Schwarzbuchs des Kommunismus ein, herausgegeben von Jens Mecklenburg und Wolfgang Wippermann (Konkret Literatur Verlag, Hamburg 1998, S. 118). Insgesamt kommen die „Wissenschaftler" zu dem abschließenden Urteil: (S. 282)

»Die in unserem Titel gestellte Frage, ob es einen „Roten Holocaust" gegen hat, muß eindeutig verneint werden.«

q.e.d.

Auch das Niveau unserer Sozialwissenschaftler dürfte vielfach singulär sein.

Daß Alteuropa schon lange vor der römischen Expansion ein homogener Kulturraum war, der durch die erst römische, dann römisch-christliche Geschichtsschreibung der Vergessenheit überantwortet wurde, erscheint nach jüngsten Forschungen gesichert. Die Datierung reicht bis 7300 Jahre zurück![16] Es geht um die Zeit, von der Hannes Stein meinte, daß man Getreidesuppen schlürfte und Bier trank.[17] Es ist immer wieder das gleiche: Benjamin Disraeli entgegnete einmal einem britischen Parlamentarier:[18]

»Ja, ich bin Jude, und als die Vorfahren des sehr verehrten Herren wüste Primitivlinge auf einer unbekannten Insel waren, dienten meine als Priester im Tempel Salomos.«

Auch bei dem scheidenden Botschafter Israels in Deutschland, Avi Primor, einem säkularen Diplomaten, zeigt sich »das Sehnen nach einer ruhmreich bibeltreuen Historie und liege sie auch Jahrtausende zurück [...]«, wie er in seinem zweiten Buch Europa, Israel und der Nahe Osten schreibt.[19]

Der 1994 verstorbene israelische Philosoph Jeshajahu Leibowitz ließ uns schon in seinen Gesprächen über Gott und die Welt wissen:[20]

»Letztendlich sind wir alle Kinder Noahs, dessen charakteristischer Zug es war - betrunken zu sein.«

Aber - hat es Noah überhaupt gegeben? Immerhin sollen wir ja auf die noachidischen Gesetze verpflichtet werden. Und über Esra, den eigentlichen Begründer des Judentums, war um die vergangene Jahrhundertwende in Meyers Großem Konversations-Lexikon zu lesen:[21]

»jüd. Priester und Schriftgelehrter, Restaurator des jüdischen Staates. Begünstigt und ausgestattet vom König Artaxerxes Longimanus, zog er 458 v. Chr. an der Spitze von 1500 Familien von Persien nach Palästina, um der in Verfall geratenen Kolonie Serubabels in Jerusalem aufzuhelfen und eine Reinigung des Volkes nach priesterlich-mosaischer Rechtsanschauung vorzunehmen. Die Heiden wurden rechtlos gemacht, die fremden Weiber vertrieben; ein stetiger Synagogengottesdienst wurde errichtet, dessen Mittelpunkt die Vorlesung und Erklärung des von E.[sra] redigierten, wenn nicht geradezu verfaßten [!] Gesetzes bildete, endlich auch behufs der Auslegung und Handhabung des letztern ein besonderer Stand der Schriftgelehrten begründet. E.[sra] ist als der eigentliche Schöpfer des Judentums im engern Sinne zu betrachten.«

Zu dem gesamten Thema ist auch die kleine Schrift Das große Entsetzen - Die Bibel nicht Gottes Wort! von Erich und Mathilde Ludendorff nachlesenswert,[22] nachdem die Grundlagen heute sogar in Israel diskutiert werden. Ein lebender Autor, Erich Glagau, hat in seinen Schriften Die grausame Bibel[23] und O Schreck! Ich habe geglaubt[24] die Thematik wieder aufgegriffen. Der inzwischen verstorbene FAZ-Autor Johannes Gross bemerkte dazu:[25]

»Da macht sich einer viel Mühe mit dem Nachweis: die Bibel sei ein inhumanes Buch. Ja, ist denn je anders geglaubt worden, als daß die Bibel göttlich und kein menschliches Musterwerk sei?«

Die jüdischen Gesetze - immerhin 613 - seien »leicht zu verstehen und nicht übermäßig schwer zu befolgen.«[26] Ganz so leicht scheint es doch nicht zu sein; einer Überlieferung zufolge würde der Messias sofort erscheinen, wenn nur alle Juden zwei aufeinanderfolgende Schabbate einhielten.

Walter Benjamin schrieb in seinem berühmten Passagenwerk:[27]

»Mag sein, daß die Kontinuität der Tradition Schein ist. Aber dann stiftet eben die Beständigkeit dieses Scheins der Beständigkeit die Kontinuität in ihr.«

Welch bestechende Logik! Diesen Satz muß man glatt mehrmals durchlesen, um die Eleganz dieses höheren Unsinns auszukosten. Man kann sich auch gar nicht oft genug die Worte von Ezer Weizmann in Erinnerung rufen:[28]

»Wir sind ein Volk der Worte und der Hoffnung. Wir haben keine Reiche geschaffen, keine Schlösser und Paläste gebaut. Nur Worte haben wir aneinander gefügt. Wir haben Schichten von Ideen aufeinandergelegt, Häuser der Erinnerungen errichtet und Türme der Sehnsucht geträumt.«

Anfang dieses Jahrhunderts vertraute Walther Rathenau seinen Ungeschriebenen Schriften die Erkenntnis an:[29]

»Das Seelenphänomen des jüdischen Volkes ist der religiöse Wahnsinn. Er brach aus in der hundertjährigen Angstperiode der Assyrischen Kämpfe unter der paroxystischen Einzel-Erscheinung der Prophetie. Er erhielt das Volk während der babylonischen Helotie am Leben, die eine Vorschule der Diaspora bildete. Diese beiden furchtbaren Perioden haben das seltsame Volk sozusagen eingekocht und unlöslich gemacht.«

Zur gleichen Zeit veröffentlichte der jüdische Psychiater William Hirsch aus New York eine umfangreiche Arbeit über den Zusammenhang von Religion und Zivilisation bzw. Kultur, in der er die Geschichten der Propheten als Folge von Paranoia erklärt:[30]

»Wenn wir bedenken, welchen ungeheuren Einfluß die Geisteskrankheiten einiger alter Juden, die vor viertausend Jahren lebten, auf die gesamte civilisierte Welt ausgeübt hat, so möchte man die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und an dem menschlichen Verstande verzweifeln. [...] Den Höhepunkt aber erreichte der Wahnsinn Moses', als er die Israeliten zum Berg Sinai führte und dort die „Gesetze" direkt von „Gott" empfing. [...] Außerdem können wir in Moses unmöglich den „weisen Gesetzgeber" erblicken, als der er nun einmal in der Welt verschrien ist. Die Gesetze und Gebräuche, die dem Volke am Berge Sinai gegeben wurden, sind teils den ägyptischen Gebräuchen entnommen, teils sind sie so absurd und lächerlich, wie sie nur in einem geisteskranken Gehirn entstehen konnten. [...] Daß ein ganzes Volk von diesem einen geisteskranken Menschen ein halbes Jahrhundert lang an der Nase herumgeführt und sogar geradezu mißhandelt wurde, daß man mehrere Jahrtausende hindurch diese Wahnideen und Sinnestäuschungen für Offenbarungen Gottes hielt, - ist wunderbar genug. Daß man aber heute noch, trotz aller wissenschaftlicher Errungenschaften, trotz unseres „aufgeklärten" Zeitalters, an diesen Wahnsinn als etwas Göttliches glaubt und es als solches in der Schule lehrt, das wäre wirklich urkomisch, wenn es nicht so tragisch wäre! [...] Es liegt etwas ungeheuer Tragisches darin, eingestehen zu müssen, daß die Menschheit Jahrtausende lang die Krankheitssymptome einiger geisteskranker Juden zu ihrem höchsten Ideale erhoben hat. Es ist dies ein furchtbar tragisches Geschick. Tragischer als irgend etwas, das die Menschheit je betroffen hat. - Und von allen religiösen Glaubenslehren ist es das Christentum, das am grausamsten und verheerendsten unter den Menschen wütete. Es ist nicht zu viel gesagt, wenn wir behaupten, daß die Civilisation um mehr als ein volles Jahrtausend in ihrer Entwicklung aufgehalten wurde durch die christliche Religion.«

Auch Friedrich Nietzsche warnte:[31]

»Was soll man von den Nachwirkungen einer Religion erwarten, welche in den Jahrhunderten ihrer Begründung jenes unerhörte philologische Possenspiel um das Alte Testament aufgeführt hat: ich meine den Versuch, das Alte Testament den Juden unter dem Leibe wegzuziehen, mit der Behauptung, es enthalte nichts als christliche Lehren und gehöre den Christen als dem wahren Volke Israel: während die Juden es sich nur angemaßt hätten. Und nun ergab man sich in einer Wut der Ausdeutung und Unterschiebung, welche unmöglich mit dem guten Gewissen verbunden gewesen sein kann: wie sehr auch die jüdischen Gelehrten protestierten, überall sollte im Alten Testament von Christus und nur von Christus die Rede sein. [...] Hat dies jemals jemand geglaubt, der es behauptete?«

1927 wurde in Frankfurt am Main eine Dissertation von Ludwig Trigyes mit dem Titel »Über Geistes- und Nervenkrankheiten und Gebrechlichkeiten unter den Juden« veröffentlicht. In dem im selben Jahr erschienenen Jüdische Lexikon wird daraus zitiert:

»Die Eigenartigkeit der j. Psyche läßt, wenn auch nur hypothetisch, manche Folgerungen für den Zusammenhang zwischen ihr und der Häufigkeit mancher Erkrankungen und Symptome zu.«

Nun leben wir allerdings schon seit über zweihundert Jahren mit bisweilen radikaler Bibelkritik:[32]

»Die moderne Pentateuchkritik beginnt im 18. und kommt zu voller Entfaltung im 19. Jh. Die Tradition von der mosaischen Autorschaft und der, wenigstens relativen, lit. Einheitlichkeit verliert schnell an Gewicht, mag sie auch noch gelegentlich einen prominenten Vertreter finden.«

Aber schon Luther kam in seinen letzten Lebensjahren zu der Erkenntnis:[33]

»Ja, ich halt', daß in drei Fabeln Äsops, im halben Cato, in etlichen Komödien des Terentius mehr Weisheit und Lehre von den guten Werken stehe, als in aller Talmudisten und Rabbinern Büchern gefunden werde, und in aller Juden Herz fallen möge.«

Luthers späte Werke sind heute in Schweden verboten - nach 450 Jahren![34] Über Das Unheilige in der Heiligen Schrift: die andere Seite der Bibel informiert auch Gerd Lüdemann in einem Buch mit gleichlautendem Titel.[35]

Nachdem nun die alttestamentlichen Wurzeln eigentlich doch nicht mehr so recht glaubwürdig sind und sogar im sog. „Heiligen Land" diskutiert werden, heißt es nunmehr Im Anfang war Auschwitz, so ein Buchtitel von Frank Stern,[36] eine Erfindung, die immerhin gesetzlich geschützt ist. Reinhold Oberlercher hat es ganz richtig erkannt:[37]

»Der Auschwitzglaube ist die erste wirkliche, den Globus umspannende Weltreligion. Er hat die herkömmlichen Weltkirchen zur offenen Unterwerfung durch öffentliche Anerkennung seiner Glaubensartikel gezwungen.«

Von jüdischer Seite werden Christentum und Islam immer wieder als Tochterreligionen des Judentums bezeichnet, was ja auch nicht falsch ist. Einer dieser Exponenten ist Prof. Dr. Daniel Krochmalnik von der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg. Er spannt einen weiten Bogen, um uns unsere Zukunft aufzuzeigen:[38]

»Den historischen Grund für die gegenwärtigen [sic!?] Leiden Israels erkennt Maimonides [1135-1204] im Erwählungsneid und Verdrängungswettbewerb der beiden monotheistischen Tochterreligionen, die in seinen Augen nichts als schlechte Kopien, Fälschungen des Judentums, sind. [...] Wie Paulus, so sieht auch Maimonides im Unheil der Juden ein Mittel zum Heil der Welt.[39] Für Paulus handelt es sich aber um ein religiöses, für Maimonides um ein weltliches Leid. Nach Paulus inszeniert er einen Fehltritt der Juden, um die neidischen Völker, die das auserwählte Volk verdrängen wollen, in den Bund hineinzulocken. Dadurch macht er wiederum die verdrängten Juden neidisch und lockt sie so wieder in den nun die Menschheit umfassenden Bund zurück (Römer 10, 19; 11, 14). Gott arbeitet mit den niederen Affekten wie Neid, Eifersucht, Schadenfreude. Er löst einen gegenseitigen Verdrängungswettbewerb um göttliche Privilegien aus, der letztlich allen Beteiligten Glück bringt. Nach Maimonides besteht die List Gottes [...] umgekehrt darin, daß er den Heilsmonopolismus und -exklusivismus der konkurrierenden Tochterreligionen benutzt, um die Menschheit, gleichsam mit einer invisible hand zur wahren Religion Israels zu führen und schließlich die Fehltritte der falschen Religionen der Christen und Moslems zu offenbaren. - Der Philosoph Joseph Schelling hat von der göttlichen Ironie gesprochen, daß die Ersten die Letzten sein werden. So ist das in der Regie des Paulus. In der Regie des Maimonides gibt es in dieser göttlichen Komödie eine doppelte Ironie: die vermeintlich Letzten waren stets die Ersten geblieben. Und so gibt es auch eine doppelte Schadenfreude: Die vermeintlich Ersten, die sich ihres Vorrangs stets gerühmt haben, stehen letztlich als die Letzten da. Aber ohne Täuschung ließe sich die Welt nicht zum wahren Gottesdienst verführen.«

„Für das Vergessen"

Jehuda Elkana (früherer Leiter des Instituts für Wissenschafts- und Philosophiegeschichte an der Universität Tel Aviv, war als Zehnjähriger nach Auschwitz deportiert worden):

»Eine Atmosphäre, in der eine ganze Nation ihre Beziehung zur Gegenwart und ihre Gestaltung der Zukunft von den Lehren der Vergangenheit abhängig macht, ist eine Gefahr für die Zukunft einer jeden Gesellschaft, die, wie in allen Ländern, in relativer Gelassenheit und relativer Sicherheit leben will. [...] sogar die Demokratie selbst ist bedroht, wenn die Erinnerung der Nazi-Opfer im politischen Prozeß eine aktive Rolle spielt. Alle faschistischen Regimes mit ihren Ideologien haben das sehr wohl verstanden. [...] Wenn man vergangene Leiden als politisches Argument gebraucht, ist das so, als erwecke man die Toten zu Partnern im demokratischen Prozeß der Lebenden. [...] Ich sehe keine größere Gefahr für die Zukunft Israels als die Tatsache, daß der Holocaust ganz systematisch in das Bewußtsein der israelischen Öffentlichkeit eingepflanzt wurde; dies betrifft sowohl den großen Teil der Bevölkerung, der den Holocaust nicht erlebt hat, als auch die Generation der Kinder, die hier geboren wurden und aufgewachsen sind. Zum ersten Mal verstehe ich, welch ernste Konsequenzen es hat, daß wir jedes israelische Kind nach Yad Vashem geschickt haben - und nicht nur einmal. Was glaubten wir denn, was zarte Kinder mit diesem Erlebnis anfangen? Unser Verstand, selbst unsere Herzen, waren verschlossen und wollten nichts deuten, aber von ihnen haben wir verlangt: „Erinnert Euch!" Wozu? Wie soll ein Kind solche Erinnerungen verarbeiten? Viele von ihnen verstanden vermutlich diese Horrorbilder als einen Aufruf zum Haß. ‚Erinnert Euch' konnte als Aufforderung zu einem bleibenden, blinden Haß interpretiert werden. Es mag wohl sein, daß die Weltöffentlichkeit sich noch lange erinnern wird. Ich bin mir dessen nicht sicher, aber das kann auf jeden Fall nicht unsere Sorge sein. Jede Nation, auch die deutsche, wird für sich selbst, im Kontext ihrer eigenen Überlegungen, entscheiden, ob sie sich erinnern will. Wir dagegen müssen vergessen. Ich sehe keine wichtigere politische oder pädagogische Aufgabe für die Führer der Nation, als sich für das Leben einzusetzen, sich der Gestaltung der Zukunft zu widmen - und nicht, sich früh und spät um die Symbole, Feiern und Lehren des Holocaust zu kümmern. Die Herrschaft der historischen Erinnerung muß aus unserem Leben entfernt werden.«

aus: »Für das Vergessen«, in: Haaretz vom 16. März 1988, S. 18; nach Tom Segev: Die siebte Million, Rowohlt, Reinbek 1995, S. 658f.

Ähnlich äußert sich Joshua O. Haberman, aus Wien stammender Rabbi em. der Washington Hebrew Congregation, Amerikas größter jüdischer Gemeinde:[40]

»Die 2000jährige Entwicklung der christlich-jüdischen Beziehungen kann mit dem Satz der Psalmen 118,22 charakterisiert werden: „Der Stein, den die Bauleute verwarfen, ist zu einem Eckstein geworden." Nach Jahrhunderten der Verachtung, Bekämpfung, Beschimpfung, Verfeindung, Erniedrigung, Entrechtung und Verfolgung, welche ihren Höhepunkt im Holocaust fanden, hat die Kirche unter Papst Johannes XXIII. eine radikale Wende vollzogen, die ein neues jüdisch-christliches Verhältnis ermöglichte. Endlich hat die Kirche eingesehen, daß sie im Grunde jüdisch, das heißt im Judentum verwurzelt ist und daß ihre eigene Legitimation von der Verbindung mit dem Judentum und den Juden abhängig ist. Der Stein, den die Bauleute verwarfen, ist zu einem Eckstein geworden. [...] Sechs Bedingungen für das neue Verhältnis zwischen Christentum und Judentum: „Ein volles und öffentliches Eingeständnis der christlichen Mitschuld am Holocaust", „die Einstellung aller christlichen Versuche, Juden zu bekehren", „eine Säuberung der christlichen Liturgie von judenfeindlichen Äußerungen und eine historisch korrekte Interpretation der judenfeindlichen Stellen im Neuen Testament", „die Anerkennung der Versuche, ein gegenseitiges Verständnis in Theologie und Ethik beider Religionen herbeizuführen" und „die Gründung offizieller jüdisch-christlicher Arbeitsgemeinschaften in jedem Land, jeder Stadt und jedem Ort". [...] Ich glaube, daß das jüdisch-christliche Verhältnis in Zukunft stark von der unglaublich raschen Entwicklung der jüdisch-christlichen Mischehen beeinflußt werden wird. [...] Die Christen sind nicht mehr unsere Feinde, sondern unsere Partner im Kampf gegen heidnische Bewegungen, welche nicht nur die jüdische und christliche Theologie bekämpfen, sondern auch die moralischen Grundlagen der westlichen Welt untergraben. [...] Der heutige Papst ist kein Johannes XXIII., er hat jedoch im Verhältnis zum Judentum und den Juden die neue Richtung des Christentums fortgesetzt und sogar erweitert, und zwar mit seinem erstmaligen Besuch des jüdischen Tempels in Rom, der Anerkennung des Staates Israel und mit vielen öffentlichen Äußerungen.«

Salomon Korn, neugewähltes Präsidiumsmitglied des Zentralrats der Juden in Deutschland, stellt fest:[41]

»Es ist nun mal so, daß das Judentum die Wurzel des Christentums ist. Und manchmal denke ich: Die Christen haben es den Juden bis heute noch nicht verziehen, daß das Christentum keine wirklich originären religiösen Wurzeln besitzt.«

Was die andere Tochterreligion, den Islam, anbetrifft, so können Vorstellungen einer friedlichen Symbiose langfristig wohl nur als utopisch angesehen werden. Angesichts vieler Millionen, vor allem türkischer Moslems in Europa wäre es immerhin zu bedenken, daß es in der Türkei auch heute noch eine sabbatianische Sekte, Dönmeh genannt, gibt.[42] Es sind Juden, die zum Schein zum Islam übergetreten sind, also eine östliche Variante der sephardischen Marranen.

In normalen Zeiten sollte sich Religionskritik eigentlich von selbst verbieten, zumal der Gläubige sich dadurch wohl noch bestärkt fühlt.[43] Aber uns steht offensichtlich eine tiefgreifende Umwälzung bevor: Das Christentum wird endgültig vom Judentum vereinnahmt, die Trennungslinie, d.h. das neue Freund-Feind-Verhältnis wird zwischen Judentum samt zu vereinnahmenden Tochterreligionen und allen verlaufen, die sich dem nicht anschließen wollen. Ähnlich erklärte ja der jüdischstämmige Lenin Anfang der 20er Jahre alle jene zu Faschisten, die nicht bereit waren, mit den Kommunisten zusammenzuarbeiten. Erinnern wir uns dazu der Kurzformel von Ernst Bloch: »Ubi Lenin, ibi Jerusalem«.[44] Der rumänische Patriarch Justinian Marina schlußfolgerte zu Sowjetzeiten:[45]

»Christus ist der neue Mensch. Der neue Mensch ist der Sowjetmensch. Folglich ist Christus ein Sowjetmensch.«

Eigentlich sollte man all die Gutgläubigen und Gutwilligen, die im Christentum Trost und Heimat finden, in Schutz nehmen, wissen sie doch meist gar nicht, was sie glauben und welch tragischer Umformungsprozeß mit ihrer Hilfe und auf ihrem Rücken ausgetragen wird.

Der Titel einer kleinen Schrift von Karoline Ederer, der Verlegerin des jüdischen Revisionisten Joseph G. Burg (beide inzwischen verstorben), lautet erkenntnisfördernd: Was geht uns die jüdische Geschichte als Religion an? (München 1976). Ähnlich dachte Arthur Schopenhauer:

»Ein eigentümlicher Nachteil des Christentums, der besonders seinen Ansprüchen, Weltreligion zu werden, entgegensteht, ist, daß es sich in der Hauptsache um eine einzige individuelle Begebenheit dreht und von dieser das Schicksal der Welt abhängig macht. Dies ist um so anstößiger, als jeder von Haus aus berechtigt ist, eine solche Begebenheit völlig zu ignorieren.«

Golgathata kann man heute ungestraft ignorieren, Auschwitz nicht. Somit scheint sich die Prophezeihung des Maimonides zu erfüllen:[46]

»Jesus bahnte den Weg für den Messias«,

der, wie Baruch Lévy an Karl Marx schrieb, das jüdische Volk insgesamt sein würde.[47] Aber selbst wenn der neue Glaube Staatsreligion oder Globalreligion werden sollte, so sind wir doch berechtigt, ihn, wenigstens innerlich, zu ignorieren.

Zur Bestätigung der aufgezeigten Trends noch einige Meldungen: Am See Genezareth wird eine neue Pilgerstätte eingerichtet. In der Nähe von Kursi am Ostufer, an der archäologischen Grabung Tel Hadar, wird jetzt an die »Speisung der Viertausend« (Matthäus-Evangelium 15, 32) erinnert. Hier habe Jesus das erste Wunder an Heiden vollbracht, sagte der aus Tirol stammende Benediktinermönch und Archäologe Bargil Pixner. Ein Stein erinnert an die Stelle, wo »das Judentum über das Christentum zur „Weltreligion" geworden« sei. Pixner glaubt, den Ort gefunden zu haben, »wo die Nadel angesetzt wurde zur Infusion« des Stammgottes Israels in die übrige Menschheit.[48] Prosaisch drückt es die Washington Jewish Week vom 17. Februar 1994 in einer Schlagzeile aus:

»The Jewish agenda is global!«

Der Historiker Konrad Repgen beobachtet einen geradezu mit Händen zu greifenden ungestümen Drang nach Schulderklärungen der Kirche durch Bischöfe und Papst. Er sei eher emotional als rational begründet und erinnere teilweise an neurotische Verhaltensweisen.[49] Für den kommenden Aschermittwoch, den 8. März 2000, hat der Papst eine feierliche Schulderklärung angekündigt.[49] Während der Debatte um das Holocaust-Mahnmal machte S. D. Albrecht Fürst Castell-Castell in einem Leserbrief den Vorschlag, daß in der Mitte eines Gedenkparks in Berlin zu lesen sein soll:[50]

»Das deutsche Volk bekennt seine Schuld und bittet um Vergebung.«

Da einer seiner fernen Vorfahren an einem Kreuzzug teilgenommen hatte, fuhr er auch mal ins „Heilige Land" um Nachkommen von Moslems ausfindig zu machen, die damals beinahe ausgerottet worden wären, um sich bei ihnen zu entschuldigen. (Video-Kassette über deutsche Fürstenhäuser.)

Der Stammesgott, der uns injiziert wurde und dessen Namen Luther gewöhnlich mit „Herr" übersetzt hat, ist bekanntlich JHWH, Jahwe oder Jehova.

»Wie es dazu kam, daß Jahwe der Gott des [...] ursprünglich El verehrenden Stämmeverbandes Israel wurde, ist unbekannt; man vermutet, daß sein Kult durch eine bestimmte in Israel aufgegangene Gruppe den anderen Stämmen vermittelt wurde, so daß Jahwe in den Quellen als der Nationalgott Gesamt-Israels (d.h. Israels und Judas) auftritt.«[51]

»Da man aus theologischen Motiven seit der Antike ständig über die Bedeutung des Namens Jahwe und seiner Nebenformen nachgedacht hat, ist die Literatur zu diesem Thema - und die Reihe der Hypothesen - kaum mehr überschaubar.«[52]

So werden „Realitäten" begründet, die die Welt bewegen! Ob sich wohl Martin Walser darüber im klaren war, als er sich in der Debatte mit Bubis auf einen Satz Gershom Scholems berief:[53]

»Das Gesetz der talmudischen Dialektik: die Wahrheit ist eine stetige Funktion der Sprache.«

Heißt das doch nichts anderes, als daß Sprache die Wahrheit begründet. Immerhin gesteht Siegfried Unseld ihm, Walser, das gleiche Recht zu.[53] Unerwünschte Wahrheiten werden jedoch gewöhnlich „kommunikativ beschwiegen", wie es bei den Linken heißt.

Wie auch immer die Welt - und der gesamte Kosmos - entstanden sein mag, es war jedenfalls Jahrmillionen, bevor die ehemals polytheistischen Hebräer ihren Stammesgott fanden oder erfanden und mittels „hebräischer Etymogeleien" (der Ausdruck stammt von Prof. Krochmalnik, wenn auch in anderem Zusammenhang) den anderen Völkern aufdrängten um sich selbst als „Gottesvolk" zu etablieren.

Joseph Brodsky, geb. 1940 in Leningrad, 1972 ausgebürgert, Dozent an den Universitäten von Michigan, New York und Columbia, schrieb:[54]

»Der Mensch hat die Angewohnheit, höhere Zwecke und Bedeutungen in offenkundig sinnloser Wirklichkeit zu entdecken. Er neigt dazu, die Hand der Obrigkeit als - wenn auch stumpfes - Werkzeug der Vorsehung zu betrachten. Ein allumfassendes Gefühl von Schuld und von verspäteter Sühne kommt in dieser Haltung zusammen, so daß er eine leichte Beute abgibt und auch noch stolz darauf ist, zu neuen Tiefen von Demut vorgestoßen zu sein. Das ist eine alte Geschichte, so alt wie die Geschichte der Unterdrückung, das heißt, so alt wie die Geschichte der Unterwerfung.«

Hier erklärt uns also ein jüdischer Autor das Prinzip der Priesterherrschaft! Einige weitere Stationen auf dem Weg dazu: Martin Buber schrieb:[55]

»Die Israel zugedachte Aufgabe ist die messianische Durchsäuerung der Geschichte

Nach Yosef Hayim Yerushalmi »waren die Juden die Väter des Sinns in der Geschichte« (Zachor, S. 20). Nach R. J. Zwi Werblowsky ist der jüdische Messianismus »das große Paradoxon der jüdischen Geschichte: Erinnerung der Zukunft.«[56] Maimonides bezeichnete die Lektüre profaner Geschichtswerke als „Zeitverschwendung".[57]

Dem Jüdischen Lexikon (1927) zufolge hatten die Germanen keine Wörter für hebräische Begriffe wie Schuld, Sühne, Demut, ferner Glaube, Sünde, Auferstehung, Engel, Hölle, Heiliger Geist, Buße usw. usw.:[58]

»Das Deutsche hat in allen seinen Entwicklungsstufen [...] auch viel hebräisches (und aramäisches) Sprachgut in sich aufgenommen, und zwar teils in Übersetzung spezifischer biblischer Wörter (Lehnübersetzungen) und in Zitatanwendung biblischer Sprüche und Redensarten, teils durch wenig veränderte Übernahme originalhebräischer Wörter (Fremdwörter), teils durch Umgießung hebräischer Wörter in deutsche Sprachform (Lehnwörter). Über das sprachwissenschaftliche Interesse hinaus hat dieser Einfluß hebräischen Wort-, Gedanken- und Ausdrucksschatzes große kulturphilosophische Bedeutung. Dabei hat die Tatsache, daß die übersetzten Wörter den bis dahin heidnischen Völkern völlig neue Stimmungen und seelische Situationen brachten, also ein erheblicher Bedeutungswandel vor sich ging. [...] Und in weiteren tausend Jahren war die deutsche Sprache in wesentlichen seelischen Bezirken sozusagen christlich geworden, oder mit anderen Worten: sie war hebraïsiert.«

Schon Benjamin d'Israeli sprach es 1844 offen aus:

»Christentum ist Judentum für Nichtjuden.«

Steckt den Kopf aus der globalen Gaskammer!
(Holzschnitt aus dem frühen 16. Jahrhundert)

Ob allerdings der Sprachfluß tatsächlich vom Hebräischen ins Deutsche stattfand oder ob sich nicht vielmehr das Hebräische stets aus dem Volksgut der jeweiligen Gastvölker bedient hat, mögen Sprach- und Volkskundler erforschen. Wir haben ja schon erfahren, daß das Hebräische in „biblischen Zeiten" nur 5 bis 6 Tausend Wörter kannte (Radday und Wurmbrand). Keine Frage dürfte es aber sein, daß unser Sprachschatz jüdische Bedeutungen und Stimmungen angenommen hat und somit eine andere - hebräïsierte - Wirklichkeit widerspiegelt als ursprünglich.

Ob die Wirklichkeit allerdings sinnlos ist, wie Brodsky meint, oder vielmehr sinnvoll, liegt an uns und daran, ob wir uns wieder unserer eigentlichen Seelenkräfte bemächtigen, d.h. unsere - nichtjüdische - Wirklichkeit zurückerobern:[59]

»Ich beschwöre euch, meine Brüder, bleibt der Erde treu und glaubt denen nicht, welche euch von überirdischen Hoffnungen reden! Giftmischer sind es, ob sie es wissen oder nicht. Verächter des Lebens sind es, Absterbende und selber Vergiftete.«

Stecken wir endlich den Kopf aus der geistigen Gaskammer unserer Giftmischer!


Anmerkungen

Sämtliche Hervorhebungen stammen vom Verfasser.

[1]FAZ vom 30. Oktober 1999, S. 9, s. Abbildung im Faksimile.
[2]Arnold Cronberg: »Es stimmt alles nicht«, Mensch und Maß, Folge 1, 9.1.2000, S. 1 ff.
[3]Ebenda, S. 7.
[4]Institut Kirche und Judentum (Hg.), Veröffentlichungen aus dem Institut Kirche und Judentum, Selbstverlag, Berlin 1999, S. 21.
[5]Michael Maier: »Kalter Friede mit Syrien - Israel diskutiert: Apokalypse oder Schritt in eine bessere Welt«, FAZ vom 10. Januar 2000, S. 43.
[6]Henning Niederhoff und Jan Kuhlmann: »Historische Barrieren«, FAZ vom 18. Januar 2000, S. 13.
[7]Tom Segev, Die siebte Million, Rowohlt, Reinbek 1995, S. 608, Fußnote.
[8]Ebenda, S. 610, Fußnote.
[9]The Jerusalem Post - International Edition, 30. September 1989, S. 7.
[10]Nach Michael Maier: »Wiege deinen Nächsten in Sicherheit und schlachte ihn«, FAZ vom 15. Januar 2000, S. 44.
[11]Rudolf Smend, Die Entstehung des Alten Testaments, 3. Aufl., Kohlhammer, Stuttgart u.a., 1989, S. 13.
[12]Ebenda, S. 14.
[13]Nach David Korn, Wer ist wer im Judentum?, Bd. II, FZ-Verlag, München 1998, S. 378.
[14]»Unsere jüdischen Wurzeln«, in: Die Reichsidee, Amalthea, Wien - München 1986, S. 250.
[15]Nach Le Petit Gotha, Paris 1993.
[16]Rolf Legler, »Alteuropa und der Apostel Jakob«, FAZ vom 24. Juli 1999, S. IV.
[17]Vgl. VffG 3/1999, S. 311.
[18]Nach: Ein Jüdischer Kalender 1987-1988, Ölbaum, Augsburg, zum 15. Oktober.
[19]Droste, 1999, nach Jörg Bremer, »Froher Botschafter«, FAZ vom 12. November 1999, S. 46.
[20]Dvorah, Frankfurt am Main 1990, S. 209.
[21]6. Aufl., 6. Bd., Leipzig - Wien 1904.
[22]Ludendorffs Verlag, München 1936.
[23]Symanek, Gladbeck 1991.
[24]Ebenda, 1992.
[25]FAZ Magazin, 5. Juni 1992.
[26]FAZ Magazin vom 5. Februar 1999, S. 8.
[27]Suhrkamp 1983; zitiert in Kurt Anglet, Messianität und Geschichte, Akademie-Verlag, Berlin 1995, S. 94, Fußnote 17.
[28]FAZ vom 17. Januar 1996, S. 6.
[29]In Reflexionen, Leipzig 1908, S. 238f.
[30]Religion und Civilisation, Bonsels, München 1910, S. 636 ff.; Nachdruck im Faksimile-Verlag, leider vergriffen.
[31]Morgenröte I 84.
[32]Rudolf Smend, aaO. (Anm. 11), S. 37.
[33]Ausgewählte Werke, Ergänzungsreihe dritter Band, Chr. Kaiser, München 1936, S. 151,
[34]Prof. Lars Gustavsson in Svenska Dagbladet, nach Mensch und Maß, 1997, S. 1086.
[35]Radius-Verlag, Stuttgart 1996.
[36]Verlag Bleicher, Gerlingen 1991.
[37]In Sleipnir 2/95, S. 9.
[38]»Wann kommt endlich der Messias?« in Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern, Nr. 58, Mai 1993, S. 24.
[39]Die kabbalistische Version dieses Prinzips hat der jüdische Religionsphilosoph Gershom Scholem in Erlösung durch Sünde beschrieben, s.a. VffG 4/1999, S. 417ff.
[40]»Vom Stein, den die Bauleute verwarfen« in Das jüdische Echo, vol. 46, Okt. 1997, S. 192.
[41]SZ vom 30. November 1999, S. 13.
[42]Nach J. G. Burg: Schuld und Schicksal, 4. Aufl., Damm, München 1965, S. 335.
[43]Siehe Erkenntnis von Günter Schabowski in bezug auf den kommunistischen Glauben, VffG 1/1999, S. 29.
[44]Wo Lenin, da Jerusalem, Das Prinzip Hoffnung, Suhrkamp, Frankfurt a.M. 1959, S. 711.
[45]Nach Czesław Miłosz, Verführtes Denken, 1. Aufl., Suhrkamp 1974, S. 204f.
[46]Pinkas Lapide, Rom und die Juden, 1967, S. 9.
[47]La Revue de Paris vom 1. Juni 1928 sowie in Salluste, Les origines secrètes du bolchevisme, Éditions Jules Tallandier, Paris 1930, S. 33f.
[48]»Neue Pilgerstätte am See Genezareth«, FAZ vom 26. Oktobert 1999, S. 18.
[49]»Aschermittwoch und Wahrheit«, FAZ vom 11. September 1999, S. 12.
[50]FAZ vom 7. Februar 1998, S. 8.
[51]Manfred Weippert, Jahwe und die anderen Götter, Mohr Siebeck, Tübingen 1997, S. 43.
[52]Ebenda, S. 41.
[53]24. These über Judentum und Zionismus, »Briefe an Ignatz Bubis und Martin Walser«, FAZ vom 4. Dezember 1999, S. III.
[54]FAZ vom 15. Januar 1997, S. 31.
[55]Der Jude und sein Judentum, Melzer, Köln 1963, S. 21.
[56]»Anamnesis und Amnesie: Über Erinnerung und Vergessen«, in Magie, Mystik, Messianismus, Olms, Hildesheim 1997, S. 19.
[57]Nach Yerushalmi: Zachor, S. 45.
[58]Jüdisches Lexikon, 1927, Stichwort: „Hebraïsmen".
[59]Friedrich Nietzsche in Zarathustra, Vorrede 3.

Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 4(2) (2000), S. 205-212.


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