Galileo Galilei

Von Maria Schmidt

Die Menschheitsgeschichte ist voll von Beispielen, wie Mächtige das, was ihnen nützlich erscheint, den Ohnmächtigen als Wahrheit aufnötigen. Selten aber geschieht es, daß Mächtige ihren Unterworfenen Dinge aufzuzwingen versuchen, die durch Anschauung und Logik, d. h. mit den Mitteln der Naturwissenschaft, widerlegt werden können. Derlei geschieht nur, wenn den Herrschenden der Unmut der Beherrschten so streng ins Gesicht schlägt, daß jene im Ursinn des Wortes „den Verstand verlieren" und selbst das schadenfrohe Gelächter der Nachwelt nicht mehr fürchten.

Ein derartiger Fall ist der „Fall Galilei". Renaissance und Reformation hatten die katholische Kirche so in die Enge trieben, daß ihre sprichwörtlichen Führungsqualitäten aus den Fugen gerieten.


In der Antike wußte man um die Kugelgestalt der Erde. Man glaubte sie von acht kreisenden, durchscheinenden Sphären umgeben, auf denen Sonne, Mond, die fünf sichtbaren Planeten und schließlich die Fixsterne befestigt seien. Dieses, ca. 150 n. Chr. vom Astronomen Ptolemaios beschriebene „Ptolemäische Weltbild" wurde mit Aufkommen des Christentums von Rom unterdrückt und durch die biblische Vorstellung der vom Himmel überwölbten Erdscheibe ersetzt. Mit Eindringen der Schriften von Aristoteles ins Abendland konnte die Erdscheibe nicht mehr gehalten werden. Man setzte das geozentrische Ptolemaiische Bild wieder an ihre Stelle. Um die Zweiteilung der Welt in einen sündigen und einen göttlichen Bereich aufrechtzuerhalten, wurde, wie vorher die Erdscheibe, nun auch die Erdkugel zum Ort gottferner Finsternis erklärt. Die acht Sphären wurden um drei weitere ergänzt. Die letzte, dem Erdenbewohner völlig unzugängliche Sphäre war der Ort des biblischen Gottes.

Das Ptolemaiische Weltbild enthielt Widersprüche. Die Planeten nämlich bewegen sich nicht kreisförmig um die Erde, sondern sie vollführen während ihres Umlaufs Schleifenbewegungen. Niemand hatte bisher diese Schleifenbewegungen zufriedenstellend zu erklären vermocht.

Durch Beobachtungen und Berechnungen stellte der Frauenburger Domherr Nikolaus Kopernikus fest, daß nicht die Erde, sondern daß die Sonne im Mittelpunkt des Alls stehe, daß also die Erde zusammen mit den anderen Planeten sich um die Sonne bewege. Damit war das Problem der Schleifenbewegungen gelöst.

Die neue Weltvorstellung des Kopernikus wurde erst in seinem Todesjahr 1543 veröffentlicht.

Der schwäbische Astronom Johannes Kepler (1571–1630) gab dem Kopernikanischem Weltbild durch seine drei Keplerschen Gesetze das wissenschaftliche, bis heute gültige Fundament.

Zu Beginn des 17. Jahrhunderts wurde das neue Weltbild an den damaligen Universitäten gelehrt und diskutiert.

Als im Jahre 1608 in Holland das Fernrohr erfunden wurde, nahm sich der »Erste Mathematiker und Philosoph des Großherzogs von Toskana«, Galileo Galilei (1564–1642) der Sache an. Er konstruierte sich ein eigenes Gerät und begann, im Nachthimmel nach sichtbaren Beweisen für das neue Weltbild zu suchen. Er sah die von Kratern bedeckte Oberfläche des Mondes, entdeckte vier Monde des Jupiter, stellte fest, daß die Venus wie auch der Mond Phasen hat, und er wies anhand von Bewegungen der Sonnenflecken die Rotation der Sonne nach. All diese Entdeckungen wertete er als Bestätigungen des Kopernikanischen Weltbildes und machte es sich zur Aufgabe, dessen endgültige Anerkennung vor allem in seinem Heimatland durchzusetzen.

Die durch Renaissance und Reformation schwer bedrängte römische Kirche hatte zunächst zu der weiteren Veränderung des biblischen Weltbildes durch Kopernikus geschwiegen. Als die Kopernikanische Lehre sich durch die Arbeit Galileis jedoch anschickte, Allgemeingut des Kirchenvolkes zu werden, wurde Rom tätig. In einer vom Licht der Sonne erfüllten Welt gab es keinen Platz für den unsichtbaren Gott der Bibel. Überdies ging es der Kirche noch um mehr als nur um den Gegenstand des Weltbildes. Sie meinte, gegen das damals aufkommende naturwissenschaftliche Denken insgesamt angehen zu müssen, welches das biblische Fundament des Denkens endgültig aufzulösen drohte.

Im Jahre 1610 wurde Galilei zum ersten Mal von kirchlichen Amtsträgern angegriffen und geriet nun zunehmend in den Verdacht der Ketzerei. Die Inquisitionsbehörden machten sich an ihre inquisitorische Arbeit, d. h., sie begannen, Material gegen den Wissenschaftler zusammenzutragen. Galilei aber, inzwischen zu internationalem Ruhm gelangt, glaubte, seine Gegner durch die Kraft der Argumente schlagen zu können.

»Daß uns dieser selbe Gott, der uns mit Sinnen, Verstand und Urteilsvermögen ausgestattet hat, uns deren Anwendung nicht erlauben und uns auf einem anderen Wege jene Kenntnisse beibringen will [der Weg des Bibellesens ist gemeint], die wir doch mittels jener Eigenschaft selbst erlangen können: D a s bin ich, scheint mir, nicht verpflichtet zu glauben.« (Zitiert nach Johannes Hemleben, Galilei, Hamburg 1997, S. 86)

»Wenn es genügte, um diese Meinung und Lehre [die Lehre des Kopernikus ist gemeint] aus der Welt zu schaffen, einem einzelnen den Mund zu schließen, […] so wäre das außerordentlich leicht getan; aber so steht die Sache nicht; um einen solchen Beschluß zur Ausführung zu bringen, müßte man nicht allein das Buch des Kopernikus und die Schriften der anderen Autoren verbieten, die derselben Lehre anhängen, man müßte auch die ganze Wissenschaft der Astronomie verbieten, und mehr noch, den Menschen verbieten, gen Himmel zu blicken.« (aaO., S. 92)

Im Jahre 1615 kam ein Geistlicher, der Karmeliterpater Paolo Antonio Foscarini (1580 - 1616) Galilei zu Hilfe: In seiner Schrift Über die Meinung der Pythagoräer und des Kopernikus setzte er sich für die neue Lehre ein. Durch den Beistand ermutigt, reiste Galilei noch im gleichen Jahr nach Rom, um die römische Kirche endlich zur Einsicht in das Offenkundige zu bewegen. Am 24. Februar 1616 aber wurde die neue Lehre von elf römischen Theologen als Ketzerei verworfen mit der Begründung, sie widerspreche der Heiligen Schrift. Galilei wurden weitere Veröffentlichungen darüber untersagt. Die Schrift des Kopernikus sollte einer Berichtigung unterzogen werden. Die Schrift Foscarinis kam auf den Index. Der Verleger dieser Schrift wurde verhaftet. Ihr Autor Foscarini starb im gleichen Jahr, erst 36jährig!

Galilei blieb nichts weiter, als fortan erbittert zu schweigen.

Im Jahre 1623 wurde ein Anhänger Galileis zum Papst gewählt. Der gedemütigte Wissenschaftler Galilei faßte neuen Mut. Er schrieb eine Darstellung der verbotenen Lehre in Dialogform: Dialog über die beiden hauptsächlichen Weltsysteme. Je ein Anhänger des Aristoteles, des Ptolemaios und des Kopernikus diskutieren miteinander, wobei das kopernikanische System hervorgehoben wird durch seine überzeugenden Argumente. Galilei reiste wieder nach Rom, um vom Papst die Druckerlaubnis für sein neues Buch einzuholen. Die Erlaubnis wurde erteilt. Im Februar 1632 erschien das Werk im Buchhandel und wurde von Galileis Freunden begeistert aufgenommen. Der holländische Humanist Hugo Grotius schrieb:

»Er [der Dialog] ist so reich an Aufschlüssen über verborgene Dinge, daß ich kein Werk unseres Jahrhunderts ihm zu vergleichen wage, vielen der Alten es vorziehe.« (aaO. S. 118)

Galileis Feinde aber sahen in dem Buch ein Vergehen gegen das Dekret von 1616 und erwirkten ein halbes Jahr nach seinem Erscheinen das Verbot. Der Papst wechselte die Front und veranlaßte die Vorladung des inzwischen fast 70-jährigen Galilei vor das Inquisitionstribunal in Rom. Es kam zum Prozeß. Das Urteil, welches Galilei am 22. Juni 1633, im Büßerhemd stehend, entgegennahm, lautet:

»Sie [Galilei ist gemeint] sind verdächtig, für wahr gehalten und geglaubt zu haben, daß die Sonne der Mittelpunkt der Welt ist, und daß sie sich nicht von Ost nach West bewegt, und daß die Erde sich bewegt und nicht der Mittelpunkt der Welt ist. Sie sind weiter verdächtig zu meinen, daß man eine Meinung vertreten und als wahrscheinlich verteidigen dürfe, nachdem erklärt und festgestellt ist, daß sie der Heiligen Schrift zuwider ist. […] Wir wollen Sie davon [von den für dieses Vergehen vorgesehenen Strafen] befreien, sofern Sie vorerst mit reinem Herzen und ungeheuchelt vor uns abschwören und jene Irrtümer und Ketzereien verwünschen und verfluchen, ebenso wie jeden anderen Irrtum und jede andere Ketzerei gegen die katholische, apostolische Kirche in einer Ihnen von uns vorzuschreibenden Art und Weise.« (aaO. S. 131)

Anschließend mußte Galilei kniend die ihm vorgegebene Abschwurformel sprechen:

»Ich, Galileo, Sohn des Vinzenz Galilei aus Florenz, siebzig Jahre alt, stand persönlich vor Gericht und ich knie vor Euch Eminenzen, die Ihr in der ganzen Christenheit die Inquisitoren gegen die ketzerische Verworfenheit seid. Ich habe vor mir die heiligen Evangelien, berühre sie mit der Hand und schwöre, daß ich immer geglaubt habe, auch jetzt glaube und mit Gottes Hilfe auch in Zukunft glauben werde, alles, was die heilige katholische und apostolische Kirche für wahr hält, predigt und lehrt. Es war mir von diesem heiligen Offizium von Rechts wegen die Vorschrift auferlegt worden, daß ich völlig die falsche Meinung aufgeben müsse, daß die Sonne der Mittelpunkt der Welt ist, und daß sie sich nicht bewegt, und daß die Erde nicht der Mittelpunkt der Welt ist, und daß sie sich bewegt. […] Trotzdem habe ich ein Buch geschrieben und zum Druck gebracht, in dem ich jene bereits verurteilte Lehre behandele und in dem ich mit viel Geschick Gründe zugunsten derselben beibringe, ohne jedoch zu irgendeiner Entscheidung zu gelangen. Daher bin ich der Ketzerei in hohem Maße verdächtig befunden worden. […] Ich möchte mich nun vor Euren Eminenzen und vor jedem gläubigen Christen von jenem schweren Verdacht […] reinigen. Daher schwöre ich mit aufrichtigem Sinn und ohne Heuchelei ab, verwünsche und verfluche jene Irrtümer und Ketzereien. […] Ich schwöre, daß ich in Zukunft weder in Wort noch in Schrift etwas verkünden werde, das mich in einen solchen Verdacht bringen könnte. Wenn ich aber einen Ketzer kenne, oder jemanden der Ketzerei verdächtig weiß, so werde ich ihn diesem heiligen Offizium anzeigen oder ihn der Inquisition oder der kirchlichen Behörde meines Aufenthaltsortes angeben.« (aaO., S. 7)

Das Dokument mußte vom Angeklagten unterschrieben werden.

Das Urteil und die Abschwörformel wurden in Italien denen, die es anging, zur Kenntnis gebracht. Galilei wurde gestattet, in seine Villa in Arcetri bei Florenz zurückzukehren, wo er seine letzten Lebensjahre unter der Bewachung von Inquisitionsbeamten verbrachte, von Krankheit gequält, in den letzten Jahren blind.

Freunde Galileis brachten den in Italien verbotenen Dialogo heimlich über die Grenze. Das Werk wurde ins Lateinische übersetzt und im protestantischen Holland zusammen mit der Schrift Foscarinis als Buch herausgegeben. Ermutigt durch diesen Erfolg arbeitete Galilei unter Auslassung des verbotenen Gegenstandes weiter. Er verfaßte ein neues Werk, die Discorsi, Unterredungen und mathematische Demonstrationen über zwei neue Wissenschaften, gemeint sind die Bewegungslehre und die Lehre von der Festigkeit der Körper. Er hatte weiterhin Kontakt mit den Gelehrten Europas. Noch als Erblindeter diktierte er Briefe und Streitschriften über naturwissenschaftliche Gegenstände. Die Tore, welche Galilei der abendländischen Christenheit geöffnet hat, sollten sich nie wieder schließen.

Das Vorgehen der Kirche gegen den Wissenschaftler Galileo Galilei war nicht mehr Teil eines Kampfes zwischen Wissenschaft und Kirche, denn der Kampf war lange zuungunsten Roms entschieden. Es war die Rache der Geschlagenen an einem Wehrlosen.

Der Versuch, Nachprüfbares durch Inquisition aus der Welt zu schaffen, hat der alleinseligmachenden Kirche zwangsläufig das Gelächter aller Nachgeborenen eingebracht. Das Gelächter ist bis zum heutigen Tage nicht verstummt, so daß man lange Zeit der Meinung war, derlei werde sich in der Geschichte der Menschheit nun nicht mehr ereignen.


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 4(2) (2000), S. 188-190.


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