Großbritannien, die Juden und Palästina

Von Samuel Landman

In der Ausgabe 3&4/2000 von VffG wurde über den Versuch Theodor Herzls berichtet, den deutschen Kaiser um die Jahrhundertwende zu überreden, "den Juden" zu einer Heimstätte in Palästina zu verhelfen. Dieser Versuch scheiterte hauptsächlich an der schroffen Ablehnung durch den Sultan des Osmanischen Reiches, der damals über Palästina herrschte und mit dem Deutschen Reich verbündet war. Im Ersten Weltkrieg wandten sich die Führer der wachsenden zionistischen Bewegung an das Britische Reich, das nach einem in Aussicht stehenden Zusammenbruch des Osmanischen Reiches wahrscheinlicher Herrscher über Palästina werden würde. Voraussetzung für einen Sieg der Entente-Mächte war jedoch, daß die USA in den Krieg eintraten. Die den US-Finanzmarkt schon damals entscheidend mitprägenden Juden in den USA allerdings waren zumeist deutscher oder osteuropäischer Abstammung und waren mithin anti-russisch und pro-deutsch eingestellt. Die Aussicht eines Eretz Israel jedoch, so hofften die Zionisten, würde ihre Einstellung ändern.

Der nachfolgende Artikel ist ein Auszug aus einer Broschüre, die im März 1936 von The New Zionist Press in London veröffentlicht wurde. Der Verfasser war ein bekannter englischer Zionist. Er war 1912 Geschäftsführer des Joint Zionist Council (Gesamt-Judenrates) des Vereinigten Königreichs, 1913-1914 Mitherausgeber von The Zionist und Verfasser von Broschüren über die Geschichte des Zionismus, die während des Krieges veröffentlicht wurden. Von 1917 bis 1922 war er Anwalt und Geschäftsführer der Zionist Organization. Landman erklärt die Schlüsselrolle, die James A. Malcolm beim Zustandekommen der Balfour-Erklärung gespielt hat. Die mannigfaltigen zionistischen Aktivitäten, die letztlich zu dieser Erklärung führten, waren mit ausschlaggebend dafür, daß der damals im wesentlichen auf Europa beschränkte Krieg durch den Eintritt der USA zum Ersten Weltkrieg ausgeweitet wurde. Er kostete Millionen Amerikanern und Europäern das Leben, führte zur Niederlage der Mittelmächte und damit zur Vorbereitung des Zweiten Weltkrieges, und ermöglichte schließlich auf dem Rücken der Toten beider Weltkriege die Errichtung des modernen Israel.

Im Anschluß an diesen Beitrag befindet sich ein jüngst im Londoner Sunday Telegraph veröffentlichter Artikel über den wahren ethnisch-religiösen Hintergrund des Verfassers der Balfour-Erklärung, der nun voller Stolz von bestimmten auserwählten Kreisen quasi als Nationalheld vereinnahmt wird.


Da die Balfour-Erklärung ihren Ursprung im Britischen Kriegskabinett hatte, im Britischen Auswärtigen Amt vollendet und dann im Britischen Kolonialamt umgesetzt wurde, und da manche der dafür Verantwortlichen seit ihrer Wanderung von Abteilung zu Abteilung gestorben oder pensioniert sind, gibt es notwendigerweise einige Verwirrung und Mißverständnisse bezüglich ihres Entstehungsgrundes und ihrer Bedeutung für die in erster Linie von ihr Betroffenen. Es scheint daher angebracht zu sein, kurz die Umstände, die innere Geschichte und die Vorfälle zu rekapitulieren, die schließlich zum britischen Mandat für Palästina führten.

Die Zahl derer, die Geburtshelfer der Balfour-Erklärung waren, ist klein. Daher ist es wichtig, die Verdienste eines Mannes in den rechten Rahmen zu setzen, der vor allem aufgrund seiner eigenen Bescheidenheit bisher im Hintergrund verblieben ist. Seine Leistung sollte jedoch den ihr angemessenen Platz in der ersten Reihe einnehmen, zusammen mit den visionären Engländern, deren Verdienste bekannter sind, einschließlich des verstorbenen Sir Mark Sykes, dem Rt. Hon. W. Ormsby Gore, dem Rt. Hon. Sir Ronald Graham, Gen. Sir George Macdonagh und G.H. Fitzmaurice.

In den ersten Jahren des Krieges gab es große Bemühungen der zionistischen Führer, Dr. Weizmann und Sokolow, hauptsächlich über den kürzlich verstorbenen C.P. Scott von The Manchester Guardian, und Sir Herbert Samuel, das Kabinett dazu zu bringen, die Sache des Zionismus zu unterstützen.

Osteuropäische Juden kommen im Hafen von Jaffa in Palästina an. Am 20.10.1937 beschränkten die Engländer die jüdische Einwanderung nach Palästina und bestanden auf der Gleichbehandlung aller Religionen in diesem Gebiet. Jüdische Terroristen töteten in diesem Jahr 39 Personen wegen ihrer Ablehnung dieser Beschränkung.

Die Zionisten sprengen ein britisches Gefängnis in Acre, Palästina. Die Irgun übernahm die Verantwortung für den Anschlag, und es war einer von vielen Terrorakten, die die kriminelle Organisation in den 40er Jahren durchführte.

Diese Versuche waren jedoch vergeblich. Tatsächlich erklärte Sir Herbert Samuel öffentlich, daß er an den Anfangsverhandlungen, die zur Balfour-Erklärung führten, keinen Anteil hatte.[1]

Der wirkliche Initiator war James A. Malcolm, und im folgenden werden die Umstände, unter denen die Verhandlungen stattfanden, kurz referiert.

Während der kritischen Tage von 1916 und dem bevorstehenden Abfall Rußlands war das Judentum als Ganzes gegen das zaristische Regime und hoffte, daß Deutschland, wenn es siegen würde, ihm unter gewissen Umständen Palästina geben würde. Verschiedene Versuche, Amerika durch Beeinflussung einflußreicher jüdischer Meinungsträger an der Seite der Alliierten in den Krieg zu bekommen, waren unternommen worden, aber bis dato fehlgeschlagen.

James A. Malcolm war sich sowohl der deutschen Vorkriegsversuche bewußt, sich über die zionistischen Juden ein Standbein in Palästina zu sichern, wie auch der fruchtlosen anglo-französischen Demarchen in Washington und New York, und er wußte, daß Woodrow Wilson dem Rat eines sehr prominenten Zionisten (Richter Brandeis vom Obersten Gerichtshof der USA) aus guten und hinreichenden Gründen immer die größtmögliche Bedeutung zumaß. Er hatte engen Kontakt zu Greenberg, dem Herausgeber von The Jewish Chronicle (London) und wußte, daß sich schon mehrere wichtige zionistische Judenführer in der Erwartung von Ereignissen vom Festland nach London abgesetzt hatten und erkannte die Kraft und Stärke der nationalen Bestrebungen der Juden.

Malcolm ergriff spontan die Initiative und überzeugte zuerst Sir Mark Sykes, den Untersekretär des Kriegskabinetts, dann M. Georges Picot von der französischen Botschaft in London, und schließlich M. Gout von der Ostabteilung des Quai d'Orsay, daß der beste und vielleicht einzige Weg, den amerikanischen Präsidenten zum Kriegseintritt zu veranlassen, darin bestand, die Kooperation der Zionisten zu erlangen (was sich als richtig erwies), indem man ihnen Palästina versprach und damit die bis dahin ungeahnt mächtigen Kräfte der zionistischen Juden in Amerika und sonstwo zugunsten der Alliierten auf einer quid-pro-quo Vetragsbasis anzuwerben und zu mobilisieren.

Nachdem also die Zionisten ihren Teil ausgeführt und stark dazu beigetragen hatten, Amerika in den Krieg hineinzuziehen, war die Balfour-Erklärung von 1917 nur die öffentliche Bestätigung des notwendigerweise geheimen Gentlemen-Agreements von 1916, das mit vorherigem Wissen, Beruhigung und/oder Billigung der Araber, der britischen, amerikanischen, französischen und anderen alliierten Regierungen getroffen wurde, und nicht nur eine rein freiwillige, altruistische und romantische Geste seitens Großbritanniens, wie es gewisse Leute entweder durch entschuldbare Unwissenheit annehmen, oder durch unverzeihlichen bösen Willen darstellen, oder besser falsch darstellen.

Sir Mark Sykes war als Untersekretär des Kriegskabinetts mit Nahost-Angelegenheiten betraut. Obwohl er zu der Zeit kaum mit der zionistischen Bewegung bekannt war und deren Führer nicht kannte, hatte er den Spürsinn, auf die von Malcolm vorgebrachten Argumenten bezüglich der Stärke und Bedeutung dieser Bewegung innerhalb des Judentums anzusprechen, trotz der Tatsache, daß viele reichen und prominenten internationalen oder halbassimilierten Juden in Europa und Amerika offen oder schweigend gegen sie [die zionistische Bewegung] waren oder ihr ängstlich-gleichgültig gegenüberstanden. Picot und Gout waren gleichermaßen empfänglich.

Ein interessanter Bericht über die in London und Paris durchgeführten Verhandlungen und die folgenden Entwicklungen wurde bereits in der jüdischen Presse veröffentlicht und braucht hier nicht im einzelnen wiederholt zu werden, es soll nur in Erinnerung gerufen werden, daß unmittelbar nach dem "Gentleman"-Agreement zwischen Sir Mark Sykes, der durch das Kriegskabinett bevollmächtigt war, und den zionistischen Führern den letzteren die Gelegenheit gegeben wurde, über Kabelverbindungen des Kriegsministeriums, des Außenministeriums und der britischen Botschaften, Legationen usw., die frohe Botschaft an ihre Freunde und Organisationen in Amerika und sonstwo zu verbreiten, und der Umschwung in der offiziellen und öffentlichen Meinung, wie er in der amerikanischen Presse zugunsten eines Kriegseintritts an der Seite der Alliierten zum Ausdruck kam, war so befriedigend wie er überraschend schnell war.

Die Balfour Declaration war mit den Worten von Prof. H.M.V. Temperley[2] »ein endgültiger Vertrag zwischen der britischen Regierung und dem Judentum«. Die wesentliche Gegenleistung des jüdischen Volkes (zur damaligen Zeit vertreten durch die Führer der Zionist Organization) war seine Hilfe, Präsident Wilson zur Unterstützung der Alliierten zu bringen. Darüber hinaus ließ die Erklärung, von Lord Robert Cecil damals offiziell als "Judäa den Juden" interpretiert - im gleichen Sinn wie "Arabien den Arabern" - die Welt erbeben. Der vorherige Sykes-Picot-Vertrag von 1916, demzufolge Nordpalästina politisch abgetrennt und an Syrien (französische Sphäre) angegliedert werden sollte, wurde auf Beharren der zionistischen Führer nachträglich geändert, so daß die jüdische Nationalheimstatt ganz Palästina umfassen konnte, in Übereinstimmung mit dem ihnen von der britischen, der amerikanischen und den alliierten Regierungen zuvor gemachten Versprechen für ihre Dienste, und um die Balfour-Erklärung voll zur Wirkung kommen zu lassen, deren Bedingungen unter allen alliierten und assoziierten Kriegführenden, einschließlich der Araber, ausgehandelt und bekannt gemacht worden waren, bevor sie an die Öffentlichkeit kamen.

In Deutschland wurde offensichtlich der Wert des Handels für Amerika gebührend und sorgfältig zur Kenntnis genommen. In seinem Buch Through Thirty Years berichtet Wickham Steed in einem Kapitel über den Wert der zionistischen Unterstützung für die Sache der Alliierten in Amerika und sonstwo, wie Gen. Ludendorff angeblich nach dem Krieg gesagt haben soll, daß die Balfour-Erklärung das schlaueste war, was die Alliierten auf dem Gebiet der Propaganda bewerkstelligt hatten und daß er wollte, daß die Deutschen zuerst darauf verfallen wären.[3]

Natürlich sagte Ludendorff das zu Sir Alfred Mond (dem späteren Lord Melchet) kurz nach dem Krieg. Die Tatsache, daß es die jüdische Hilfe war, die die USA auf der Seite der Alliierten in den Krieg brachte, hat seither immer in deutschen - vor allem nationalsozialistischen - Gemütern herumgenagt, und hat in nicht geringem Umfang zu der herausragenden Stellung beigetragen, die der Antisemitismus im nationalsozialistischen Programm einnimmt.

Arabische Freiwillige gehen in Aufstellung, um die bevorstehende jüdische Invasion ihres Landes zurückzuschlagen. Eingefügt eine Aufnahme von einem der anfänglichen Treffen des Völkerbundes. Landman behauptete, daß die Hilfe des Völkerbundes bei der Errichtung jüdischer Siedlungen in Palästina die Juden zu Unterstützern der Liga machte.

Eine besonderer Gesichtspunkt war der große potentielle Wert des Zionismus als künftiges Instrument der britischen Außenpolitik, obwohl dies kein Teil des Handels war. 1917 wurde im Informationsministerium eine jüdische Abteilung eingerichtet, und mehrere Zionisten waren in ihrem Dienst.

Aber der Zionismus verblieb in seinem zweiten Stadium nur bis 1921 unter dem Außenministerium, als die Kairo-Konferenz unter Winston Churchill die Obhut Palästinas an das Kolonialamt übergab, zweifellos weil dieses Amt das einzige Regierungsressort ist, das Erfahrung hat, Übersee-Kolonien zu kontrollieren und ihre Entwicklung zu fördern. Es lohnt sich festzuhalten, daß dies nur eine Sorge Großbritanniens ist und die Ansichten, die andere Länder in Bezug auf solche Kolonial-Entwicklung haben - wenn sie überhaupt welche haben - sind ohne große Bedeutung.

Der Fall Palästina unterscheidet sich jedoch völlig von dem jeder anderen britischen Kolonie oder sogar den anderen britischen Mandatsgebieten. Erstens ist Palästina durch seine historischen Bezüge für alle anderen Länder von Interesse. Zweitens ist sein Gedeihen immer von intensivem Interesse für die jüdischen Einwohner der Länder der ganzen Welt.

Heute [1936], angesichts dessen, was mit den Juden in Mittel- und Osteuropa geschieht, ist die Beschleunigung der Entwicklung Palästinas fast im ganzen Ausland von einschneidender Notwendigkeit, was vom Außenministerium offensichtlich besser verstanden wird.

Drittens besteht die Verfassung Palästinas sui generis darin, daß Großbritannien die vom Völkerbund ernannte Schutzmacht ist, um Palästina zu verwalten, nicht nur zum Nutzen der gegenwärtigen Bevölkerung, sondern des jüdischen Volkes als Ganzheit, das "seine nationale Heimstatt wiedererrichten" soll. Die Erfahrung des Kolonialamts kann im Falle Palästina auf kein Vorbild zurückgreifen, und was in und um Palästina geschieht, wird bedeutenden Widerhall in den anderen Ländern wecken, und es wäre daher eine sehr nützliche Maßnahme, wenn das Außenministerium über alle diese Auswirkungen voll auf dem laufenden gehalten werden könnte.

Darüber hinaus hat die Tatsache, daß gerade die Existenz des künftigen jüdischen Palästina aus der Sicht des internationalen Rechts von einem Mandat der Völkerbundes abhängt, mächtig dazu beigetragen, die Juden überall zu starken Unterstützern des Völkerbundes zu machen. In Frankreich zum Beispiel ist bekannt, daß die Juden unter den Führern der Pro-Völkerbund-Politik sind. In anderen Ländern ist das gleichermaßen wahr, wenn auch weniger bekannt. Zum Beispiel haben die Anschauungen eines solchen Mannes wie Dr. Einstein - ein überzeugter zionistischer Anhänger des Völkerbundes - in dem Land, wo er jetzt wohnt, den USA, hohes Gewicht.

Die Mandatskommission des Völkerbundes hat ihre Pflicht, die Verwaltung des Mandatsgebiets zu überwachen, sehr ernst genommen. Die Protokolle der Mandatskommission, die sich auf Palästina beziehen, wurden fast in Gänze in zionistischen Zeitschriften der ganzen Welt abgedruckt und werden sorgfältig studiert. Die unentschlossene britische Haltung, die in diesen Protokollen aufgezeichnet ist, hatte eine unglückselige Wirkung auf die jüdischen Gemüter, vor allem in Amerika. Der Glaube an die britischen Versprechungen und an den Wert des Völkerbundes wurde erschüttert. Die drei Massaker (1920, 1921 und 1929) von Juden in Palästina unter britischer Protektion haben der jüdischen Meinung natürlich einen sehr schweren Schlag versetzt.

1916 und 1917 wurde das jüdische Volk dazu gebracht, britische Hilfe beim Aufbau eines autonomen jüdischen Commonwealth zu erwarten. Dieses Bestreben war der Leitstern des Judentums in der Düsterkeit der Verfolgung. Das jüdische Problem, das bereits 1897 zur Zeit der Gründung der zionistischen Organisation durch Theodor Herzl ernst war, ist seitdem zunehmend akut und dringlich geworden. Das jüngste Rücktrittsschreiben von James G. McDonald vom Posten als Hochkommissar für Flüchtlinge aus Deutschland (jüdische und andere) wirft ein Licht auf die tragische Lage der Juden.

Der Manchester Guardian mag für die typische Interpretation der Balfour-Erklärung zitiert werden. In einem Leitartikel vom 5. November 1917 schreibt er folgendes:

»Wenn man annimmt, daß sich unser militärischer Erfolg fortsetzt und ganz Palästina sicher unter unsere Kontrolle gebracht wird, dann bedeutet dies, daß es dann beim Friedensschluß unsere bedachte Politik sein wird, in jeder Art, die in unserer Macht steht, die jüdische Einwanderung zu ermutigen, und den jüdischen Einwanderern volle Sicherheit und zweifellos ein großes Maß an lokaler Autonomie zu geben, mit der Aussicht, schließlich einen jüdischen Staat zu errichten«

Anmerkungen

 Zuerst veröffentlicht in The Barnes Review, 6(1) (2000), S.17ff. (130 Third St., SE, Washington, D.C., 20003, USA); übersetzt von Leborah Dpistadt.

[1]»England and Palestine«, Vorlesung von Sir Herbert Samuel, veröffentlicht von der Jewish Historical Society, London (February 1936).
[2]History of the Peace Conference in Paris, 1920, Band 6, S. 173
[3]Ebenda., Bd. 2, S. 392.


The Sunday Telegraph

10. Januar 1999

Englands verheimlichter Jude bahnt den Weg für Israel

Von Andrew Alderson und Simon Trump


Neuesten Forschungen zufolge war ein prominenter konservativer Politiker, der Verfasser der Balfour-Erklärung von 1917 (die die englische Unterstützung für eine jüdische Heimstatt in Palästina proklamierte), jüdischer Abstammung und hat dies der Öffentlichkeit verheimlicht.

William Rubinstein, Professor für moderne Geschichte an der Universität von Wales, Aberystwyth, hat Einzelheiten über die Vergangenheit von Leopold Amery, einem engen Verbündeten Churchills, enthüllt. Er erklärt, daß Amery in seiner Autobiographie My Political Life, die kurz vor seinem Tod 1955 veröffentlicht wurde, die Leser über seine Vergangenheit irreführt.

Amery gab an, daß sein eigener Vater Charles Frederick Amery einer alten ländlichen Familie im Westen entstammte. Dem Historiker zufolge versuchte er aber, die Abstammung seiner Mutter zu verbergen. Amery sagte einfach, daß Elisabeth Leitner Amery einer Gruppe Exil-Ungarn angehörte, die nach der Revolution von 1848 emigriert waren und zuerst nach Konstantinopel und dann nach England flohen. Tatsächlich wurde sie, gemäß neueren Forschungen, 1841 von jüdischen Eltern in Pest geboren, das dann Teil von Budapest wurde und das jüdische Viertel der Stadt enthielt. Ihr Name war Elisabeth Johanna Saphir. Ihr Nachname ist ein geläufiger jüdischer Nachname.

Professor Rubinstein teilt auch mit, daß Amery seinen jüdischen Mittelnamen Moritz bei seinem vollen Namen Leopold Charles Maurice Stennett Amery in Maurice umänderte, um seinen Ursprung zu verbergen. Amerys Mutter war dem Historiker zufolge rein jüdischer Abstammung, und gemäß dem orthodoxen jüdischen Gesetz und der Tradition war es ihr Sohn dadurch ebenfalls.

Im Rückblick lassen Amerys Handlungen im Ersten und Zweiten Weltkrieg und in den Jahren dazwischen keinen Zweifel, wo seine Sympathien lagen. Als Hilfssekretär des Kriegskabinetts 1917 entwarf er die Balfour-Erklärung, die vom damaligen
Außenminister, Lord Balfour, an die Öffentlichkeit gegeben wurde. Sie war ein bedeutsames Dokument, das letztlich die Gründungsurkunde des Staates Israel war.

Er gründete auch die jüdische Legion, die erste ausdrücklich jüdische Streitmacht seit der Römerzeit, die Bataillone jüdischer Soldaten umfaßte, die im Ersten Weltkrieg in Palästina unter britischer Aufsicht mit Auszeichnung dienten. Diese Truppe war Vorläufer der heutigen israelischen Armee.

Dann setzte er als Staatssekretär für Dominions-Angelegenheiten in Stanley Baldwins Regierung 1925-29 in diskutabler Weise die eindrucksvollste Periode friedlichen Wachstums in der Geschichte der jüdischen Gemeinde vor der Unabhängigkeit in Gang. Am bekanntesten ist er jedoch für das, was im Mai 1940 geschah. Er spielte mit seiner aufrüttelnden Rede im Unterhaus eine wichtige Rolle, um Neville Chamberlains Regierung zu Fall zu bringen, als er Cromwells Worte zum Langen Parlament zitierte: »Treten Sie ab, sage ich. Wir sind mit Ihnen fertig. Im Namen Gottes - gehen Sie

Professor Rubinstein bezeichnet seine Enthüllungen, die in einem Artikel der Februar-Ausgabe der Zeitschrift History Today erfolgten, als »vielleicht das bemerkenswerteste Beispiel einer Identitäts-Verschleierung in Englands politischer Geschichte des 20. Jahrhunderts.«

Ironischerweise lief Amerys Sohn John zu NS-Deutschland über. Er machte Anfang der 40er Jahre von Berlin aus mehrere Radiosendungen, und nach dem Krieg wurde er in London wegen Verrat verurteilt und gehängt. Prof. Rubinstein vermutet, daß John Amery die Vergangenheit seiner Familie kannte. Sein jüngerer Bruder Julian, eine altgediente Gestalt in der Nachkriegs-Tory-Regierung, der vor zwei Jahren starb, wußte es anscheinend auch, hielt es aber wohl für angebracht, die Familienpapiere geheim zu halten.


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 5(1) (2001), S. 26-29.


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