Der totale Krieg

Die Schrecken des Zweiten Weltkrieges aus der Sicht eines Mittelschülers

Von Wolfgang Neugbauer

»Stell dir vor es ist Krieg und keiner geht hin« (Unvollständiges Zitat von Bertold Brecht). Die häufig unterschlagene Fortsetzung lautet: »Dann kommt der Krieg zu dir«. Zu uns kam der Krieg im Sommer 1944, als die alliierten Luftangriffe auf Wien auch massiv auf die Wohnbezirke ausgedehnt wurden. Das einzige militärische Ziel im 7. Bezirk war der Flakturm in der Stiftskaserne, aber der war mit damaligen Kriegsmitteln unverwundbar. Fliegeralarm Tag und Nacht, Stunden im Luftschutzkeller oder in den Schutzräumen des Flakturmes.


Und dann im Frühjahr 1945 wurde eine Schneise der Vernichtung durch den 7. Bezirk von West nach Ost gezogen. Der Bombentrichter an der Kreuzung Kandlgasse-Wimbergergasse saß genau im Zentrum. Er war so groß, daß die Gehsteige verschwunden waren, so daß beide Straßen blockiert waren. Er war mehrere Meter tief. Es war (wie man später erfahren konnte) eine "Fünfhundertpfünder"–Sprengbombe mit 125 kg TNT (Trinitrotoluol) Sprengstoff. Auch ohne Volltreffer war die Schule unbrauchbar. Kaum eine Fensterscheibe war mehr ganz. Später wurde dann Transparentpapier, aufgezogen auf Hasenstallgitter. als Glasersatz in die Flügel eingesetzt.

In unserer Dummheit stießen wir mit dem Zeigefinger die einzelnen Felder, die diese Beanspruchung mit einem dumpfen Knall beantworteten, ein. Nur: im folgenden Winter pfiff der kalte Wind durch diese Löcher und wir saßen frierend in den ungeheizten Klassenzimmern.

Ende März kam der Aufruf:

»Wien ist zur Festung erklärt worden, Frauen und Kindern wird empfohlen, die Stadt zu verlassen«.

Ich folgte der Empfehlung und wollte mich zu Verwandten in der Steiermark (»Alpenfestung«) durchschlagen, um den Endsieg nach dem Einsatz der Wunderwaffen dort zu erleben. Was glaubten wir damals nicht alles!

Man konnte wegen der Teileinschließung Wiens nur mehr über die Floridsdorfer Brücke Wien nach Norden verlassen. Am Floridsdorfer Spitz vor dem Amtshaus sah ich drei deutsche Offiziere (Biedermann, Huth, Raschke) mit dem Schild hängen (»Ich habe mit den Bolschewiken paktiert«). Diese Männer hatten versucht, die Übergabe Wiens an die Sowjetarmee zu organisieren, waren aber verraten worden. Ihr Versuch war aber nach dem geltenden Recht auch Verrat. Es ist eben alles relativ und es kommt auf die Perspektive an.

In Seitenstetten sah ich zum ersten Mal KZ-ler auf den sogenannten "Evakuierungsmärschen". Elendsgestalten in gestreiften Anzügen.

Einige Tage später in St. Georgen an der Gusen (KZ-Nebenlager von Mauthausen) erlebte ich folgende Episode: Ein Feldwebel der deutschen Wehrmacht, der offenbar im Lager gewesen war, berichtet seinen Leuten über die Zustände im Lager und bekennt lautstark am Ende:

»Und dafür habe ich nicht 5 Jahre meinen Schädel hingehalten!«

Er meinte damit offenbar, daß ihm bewußt geworden war, was sich "hinter der Front" abgespielt hatte.

Am 25.4.1945 sah ich von St. Georgen aus den letzten schweren Luftangriff der US-Amerikaner auf Linz. Es war schaurig schön, wie die deutsche Flak unter den angreifenden Maschinen wütete. Im nachhinein habe ich erfahren, daß erstmals mit Magnetzündern geschossen wurde, daher die großen Abschußerfolge. Die Feldgendarmerie schwärmte aus, um die überlebenden Besatzungsmitglieder vor den wütenden Bauern zu schützen. Deren Wut war aber verständlich, die alliierten Tiefflieger beschossen die Bauern bei der Arbeit.

Am 4.5.1945, einen Tag bevor US-Bodentruppen die Gegend besetzten, erlebte ich bei Haschendorf (nahe Sattledt, damals Gau Oberdonau) einen Angriff von US-Jagdflugzeugen auf deutlich als Nichtkombattanten erkennbare Zivilpersonen. Ich war in einer Gruppe von sieben Zivilisten, als die Maschinen angriffen. Dank meiner vormilitärischen Ausbildung kannte ich den alten Landserspruch »Ein Jabo, der zurückkommt schießt auch« und lag schon in der Deckung, als die Maschinen das Feuer eröffneten. Sie schossen mit Bordkanonen und Explosivmunition auf Zivilisten! Das Ergebnis: zwei Tote mit aufgeplatzten Schädeln, noch ein Toter, eine Frau mit Bauchschuß, eine Frau mit Steckschuß im Knöchel, zwei sonstig Verletzte. Ich war der einzige Unverletzte, aber so vom Blut der anderen bespritzt, daß die Helfer mich zuerst für schwer verwundet hielten.

Ein ungesühntes Kriegsverbrechen. Der Amerikaner Chuck Yeager (bekannt als erster Pilot, der Überschall geflogen ist) konnte sich in seinen Memoiren für solche Taten noch rühmen: »Wir haben sie ausgeknipst!«

Ich erreichte die Steiermark und erlebte dort das Kriegsende. Die Amerikaner waren schon an der Enns, schickten aber bloß gelegentlich Spähwagen nach Selzthal. Erst eine Woche nach Kriegsende kamen in der Nacht die Russen. Wie die Hunnen überfielen sie einen friedliche Ort. Ich habe heute noch das Schreien der vergewaltigten Frauen in den Ohren. Geplündert wurde, was das Zeug hergab. Aber ärger als das Plündern war die unvorstellbare Vernichtungswut.

Persönlich hatte ich keine Probleme mit den Russen, als erst 11,5 Jahre alter Knabe war man nicht einmal verdächtig, ein "Werwolf" zu sein. Einem solchen Verdacht ausgesetzt gewesen zu sein war damals lebensgefährlich. Beim Kampf um Wien sollen zahlreiche Knaben deswegen umgebracht worden sein, es mag sein, daß sie sich an den Kämpfen beteiligt hatten, ohne den Kombattantenstatus zu haben. Ein älterer DJ-Kamerad hat im 10. Bezirk drei T34 mit der "Kinderpanzerfaust" abgeschossen und das überlebt.

Nach Wiederaufnahme des Zugverkehrs konnte ich über Leoben wieder nach Wien zurückkehren. Auf der Fahrt über den Semmering fuhr ich durch die zum Teil durch entgleiste Lokomotiven blockierten Tunnels, die notdürftig eingleisig wieder befahrbar gemacht waren.

Die Fahrt auf einem Pferdefuhrwerk vom Südbahnhof in den 7. Bezirk war ein bedrückendes Ereignis. Meterhoch der Schutt und Müll auf den Straßen, durch Artilleriebeschuß und Bombentreffer zerstörte Gebäude. Überall Brandruinen und zerschossene Panzer und Fahrzeuge. Herabgerissene Oberleitungen und ausgebrannte Wagen der Straßenbahn und ähnliches.

Am meisten bedrückend waren die Gräber in den Grünanlagen. Auf dem Urban Loritz-Platz und um das Volkstheater z.B. im 7. Bezirk waren Behelfsfriedhöfe, da die Leichen nicht mehr auf die Friedhöfe transportiert werden konnten. Anläßlich der Exhumierungen 1945 auf dem Urban Loritz-Platz erhielten wir schulfreie Tage, weil der Gestank nicht zu ertragen war. (Löcher im Glasersatz unsere Fenster!)

In der Folge mußten die durch die Sympathien mit dem untergegangenen Regime Belasteten Sühne leisten. Zum Teil dadurch, daß sie den Schutt und den Müll mit Handkarren aus dem 7. Bezirk in die riesigen Löschteiche auf dem Gürtel führen mußten. Das war neben dem Verlust der Existenz und des Vermögens ein Beitrag zur Vergangenheitsbewältigung. Diesen hatten auch Blockwartinnen der NSV (Nationalsozialistische Volkswohlfahrt, also eine Fürsorgeeinrichtung), 1945 als "Nazihuren" beschimpft, zu leisten.

Daß der Krieg zu Ende war und ein diktatorisches Regime beseitigt war, wurde von uns mit Erleichterung begrüßt. Die Handlungen der Alliierten (seien es die Kriegshandlungen gegen Zivilisten, seien es die Untaten nach dem Krieg) machten es uns aber schwer, in ihnen die "Befreier" zu erkennen.


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 5(1) (2001), S. 54f.


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