US-Intrigen zur Ausweitung des Zweiten Weltkriegs

Die erstaunlichen Enthüllungen des Tyler G. Kent, 1940 Chiffrier-Sekretär in London

Von Keith Stimely und Mark Weber

Vorbemerkung

Nur wenige Erörterungen über das Thema "Roosevelt und der Ursprung des Zweiten Weltkrieges" schenken den Ereignissen vor dem 1. September 1939 viel Aufmerksamkeit. Meist werden nur einige einleitende Worte darüber verloren, wie sich Roosevelts Gedanken und Politik während der dreißiger Jahre entwickelten, nachdem sich das »New Deal« fest eingespielt hatte, und besonders nach seiner Wiederwahl im Jahre 1936: seine zunehmende Sorge über die Vorgänge in Europa und Asien, als eine Krise der anderen folgte; seine Sorgen um das Erstehen "der Diktaturen" (nur bezüglich der nicht-sowjetischen Variante); seine 1937 beginnende, anfangs verhaltene öffentliche Abkehr von einer Einstellung der Neutralität hin zur Erwägung einer aktiveren Rolle Amerikas in der Welt; danach seine Bemühungen, einer nicht aufnahmewilligen amerikanischen Bevölkerung diese Rolle und ihre möglichen Konsequenzen schmackhaft zu machen. Wenn man Roosevelts schwierige Lage in den späten dreißiger Jahren, als er die öffentliche Meinung bezüglich internationaler Angelegenheiten schneller vorantrieb, als diese getrieben werden wollte, als "Führung in der Isolation" bezeichnete, wie es ein pro-Roosevelt Historiker getan hat, dann müßten die Ereignisse, die in Europa auf einen Krieg hinführten, aus der üblichen Sicht als "Krise in der Isolation" - von Amerika - bezeichnet werden; der Krieg ergab sich einfach und war eine europäische Angelegenheit, die weitgehend nicht von Roosevelt beeinflußt werden konnte; er hatte ihn wohl kommen sehen, aber sein Möglichstes getan, um sein eigenes Volk, wie auch die europäischen Staatsmänner zu warnen.

Für die meisten Historiker, und somit auch für die Geschichtsschüler und allgemein für die geschichtlich interessierte Bevölkerung, steht fest, daß hinsichtlich der Person Roosevelts der zentrale Punkt bei der Diskussion der Kriegsursachen Amerikas Verwicklung in diesen Krieg ist, also wie die USA in den Krieg verwickelt wurde, nachdem der Konflikt seinen Anfang genommen hatte. Diese Geschichte besteht in Wirklichkeit aus drei Geschichten:

  1. dem "Kampf gegen den Isolationismus" 1939 bis 1941 im Innern;
  2. dem "unerklärten Krieg" der US-Marine im Atlantik, wobei Roosevelt sein Bestes tat, um die Neutralität zu umgehen und England auszuhelfen (und, nach dem Juni 1941, Rußland) und sogar so weit ging, militärisch einzugreifen, um deutsche Bemühungen, Geleitzüge abzufangen zu vereiteln;
  3. und der Verschlechterung der japanisch-amerikanischen Beziehungen im Pazifik, die zu Pearl Harbor führte.

Dies ist weitgehend sowohl von etablierten wie auch von revisionistischen Historikern behandelt worden. Auch die allgemeine Geschichte der deutsch-amerikanischen und japanisch-amerikanischen Beziehungen in dem Jahrzehnt, das dem Jahr 1941 vorausging, wurde eingehend behandelt. Aber mit wenigen Ausnahmen zielen solche Studien auf 1941 ab - um genau zu sein, auf den 7. Dezember und den 11. Dezember 1941, - einschließlich der Arbeiten, die vorgeben, besonders die Rolle Roosevelts bei den Ursachen des Zweiten Weltkrieges zu behandeln. Der ausgewachsene, erklärte Krieg mit Amerika, in dem die Kugeln flogen - das ist der Krieg, der gemeint ist. Der einhelligen Meinung zufolge hatte Roosevelt mit dem, was zwei Jahre zuvor in Europa begonnen hatte, samt der Entwicklung dazu, wenn überhaupt, dann jedenfalls nicht viel zu tun. Das stehe nicht zur Debatte. So läßt es die fehlende Bearbeitung des Themas jedenfalls erscheinen.

In Wirklichkeit ist die Fragestellung bezüglich Präsident Roosevelts aktivem Anteil an den Ursprüngen und seiner Teilverantwortung für den Ausbruch des europäischen Krieges 1939 sehr wirklichkeitsbezogen, sehr aktuell und sehr interessant. Und sie ist nicht neu, obgleich sie unterdrückt worden ist. Einige Studien der frühen Nachkriegszeit - die eingangs erwähnten Ausnahmen - meist in dem Jahrzehnt nach 1945 verfaßt, sei es als Einzelartikel oder als Teil größerer Arbeiten, konzentrierten sich gerade auf diese Frage. Daß dies ausschließlich revisionistische Arbeiten waren, sagt etwas aus über die Natur dieses Themas. Es war keines, von dem die mit dem Strom schwimmenden Pro-Roosevelt-Historiker besonders schwärmen. Für sie gibt es hierzu entweder nichts zu berichten, oder sie könnten sich bei dem Bericht, den sie ablegen müßten, nicht wohl fühlen. Seit dem Erscheinen der frühen revisionistischen Bemühungen, die leicht und nicht aus Versehen in Vergessenheit geraten sind, ist dieses Thema ignoriert worden, und man ließ es zu, daß es sich in dem schmutzigen Brackwasser eines vergessenen Nebenarms des Stromes der Geschichte verlor.

Der hier abgedruckte Artikel von Tyler Kent versucht diesem Mißstand gegenzusteuern. Er entstammt der ersten "Thema"-Ausgabe des Journal of Historical Review, Band 4, Ausgabe 2, aus dem Jahr 1983, die daneben noch je einen Artikel von Mark Weber und Dr. David Hoggan zu dieser Problematik enthält, wobei Hoggans Beitrag ein Auszug aus seinem Buch Der erzwungene Krieg ist. Die Artikel von Weber und Hoggan befassen sich mit Roosevelt und geheimen Hintergründen des europäischen Krieges 1938-1939. Wir werden Mark Webers Arbeit im folgenden Heft veröffentlichen.

Der in diesem Heft abgedruckte Artikel befaßt sich mit Roosevelts geheimen Einmischungen in den europäischen Krieg im Jahre 1940. Bis vor kurzem waren diese wenig bekannt - obwohl darauf z.T. verdeckt angespielt wurde, so etwa, als die New York Times im Juni 1940 eine kurze Bekanntmachung der amerikanischen Botschaft in London veröffentlichte, daß ein Angestellter der US-Botschaft aus Gründen der britischen Staatssicherheit von den Briten verhaftet worden sei und gefangengehalten würde.

Der Chiffrier-Sekretär an der US-Botschaft, Tyler Gatewood Kent, war mit etwa 1500 Dokumenten in seinem Besitz ergriffen worden, die von streng geheimen Nachrichten, die über die Botschaft liefen, kopiert oder von denen Auszüge angefertigt worden waren. Kent, der ein überzeugter Gegner der US-Einmischung in den europäischen Krieg war, wurde durch das Material, das ihm vor Augen kam, davon überzeugt, daß Präsident Roosevelt das amerikanische Volk bezüglich der Verpflichtungen gegenüber England und anderweitiger Kriegsangelegenheiten belog. Er entschloß sich, jenes Beweismaterial zu sammeln, das Korrespondenz zwischen Roosevelt und Winston Churchill enthielt (zu einer Zeit, als Churchill nur Erster Lord der Admiralität war), damit es gewissen Senatoren, die gegen die Einmischung waren, übergeben werden könnte, um Roosevelts geheime Machenschaften ans Tageslicht zu bringen.

Als mehr Einzelheiten an die Öffentlichkeit kamen, wurde der "Fall Kent" eine cause celebre bei gewissen Anti-Roosevelt-Publizisten und -Historikern. Kent selbst wurde 1945 freigelassen und kehrte nach Amerika zurück. Als die Tatsachen des "Falles Kent" nach dem Ende der Geheimhaltung der Kriegszeit gesichert waren, konzentrierte sich das Interesse auf den Inhalt der "Kent-Dokumente", die bei ihm bei seiner Verhaftung beschlagnahmt worden waren. Sie wurden erst 1972 freigegeben, was eine Reihe geschichtlicher Einzelarbeiten über das Thema veranlaßte (siehe Bibliographie am Ende von Kents Artikel). Erst 1982 schrieb Tyler Kent seinen eigenen Bericht darüber, was er gesehen hatte, was er getan hatte, und warum er so gehandelt hatte, was ihm widerfuhr und wie er im Rückblick über all das dachte. Sein Artikel wurde eigens für das IHR geschrieben. Mark Weber gibt eine klare Einführung und beleuchtet die wichtigsten Enthüllungen, die die Dokumente enthalten, die er in den Nationalen Archiven untersuchte.

Keith Stimely


Mit freundlicher Genehmigung von The Journal of Historical Review, 4,(2) (1983), Seite 132 ff. Übersetzt von Hans H. Rummel


Einleitung

Im Mai 1940 wurde der 29-jährige amerikanische Chiffrier-Sekretär der Londoner Botschaft der Vereinigten Staaten von britischen Behörden in seiner Wohnung festgenommen. Tyler Kent war angeklagt, gegen britische Staatsgeheimnisse verstoßen zu haben. Die Anklageschrift besagte, »daß er zu einem Zweck, der die Interessen und Sicherheit des Landes gefährde, ein Dokument gestohlen habe, welches direkt oder indirekt einem Staatsfeind von Nutzen sein könne.« Er wurde zu sieben Jahren Haft verurteilt, aber nach fünf Jahren entlassen und in die Vereinigten Staaten ausgewiesen.

Zwischen Juni 1940 und Dezember 1945 wurde der Fall Kent in zahlreichen amerikanischen Zeitungsartikeln behandelt, von denen die meisten sensationell oder voller Vermutungen waren, da zuverlässige Informationen schwer zu erhalten waren, denn die britische Presse war zu der Zeit strikt zensiert. Viele Amerikaner wollten wissen, wie eine auswärtige Regierung einen amerikanischen Staatsbürger, der diplomatische Immunität besaß, festnehmen und vor ein Geheimgericht stellen konnte. Kongreßleute und Zeitungen rätselten, was der Chiffriersekretär wirklich wußte über - Gerüchten nach - geheime Abkommen zwischen Präsident Roosevelt und dem britischen Winston Churchill. Viele wunderten sich, ob Kent eingesperrt war, um ihn zum Schweigen zu bringen. Aber zumal man vollauf mit dem Krieg beschäftigt war, gaben sich die meisten - abgesehen von einer Handvoll Skeptikern - mit den offiziellen Regierungserklärungen zufrieden. Als Kent 1945 aus britischer Haft in die Vereinigten Staaten zurückkehrte, war fast alles Interesse in der Euphorie des Sieges der Alliierten verflogen. Für viele Jahre blieb der Fall Kent praktisch vergessen.

Mit der Zeit und durch eine nüchternere Betrachtung der Handlungsweisen amerikanischer Präsidenten ist ein erneutes Interesse an diesem Fall aufgekommen. Dramatische Aufdeckungen ungesetzlicher Handlungen von Präsidenten, die im Vietnam Krieg und der Watergate Affaire enthüllt wurden, haben die Amerikaner zu der Einsicht gebracht, daß ihre Regierungsoberhäupter fähig sind, zu lügen und gegen Gesetze zu verstoßen. In den letzten Jahren haben sich wissenschaftliche und halbwissenschaftliche Artikel mit dem Fall Kent befaßt. Der hochangesehene Author John Toland widmete dieser Affaire 1982 einige Seiten seines revisionistischen Buches Infamy über Pearl Harbor. Im Dezember 1982 untersuchte das britische Fernsehprogramm »Newsnight« den Fall Kent. Die Sendung enthielt einige Auszüge eines Interviews mit Kent, welches in der Nähe seines Heimes in Texas gefilmt worden war. Mehrere Bücher über die Kent-Geschichte sind angeblich in Vorbereitung. All dies bestätigt eine wachsende Bereitschaft, Präsident Roosevelts verhängnisvollen Weg in den Zweiten Weltkrieg kritisch zu untersuchen.

Tyler Gatewood Kent wurde am 24. März 1911 in Nowchwang (Yingkow) in Nordchina geboren, wo sein Vater William P. Kent als amerikanischer Konsul diente. Die Familie hatte starke Wurzeln in Virginia. Kents englische Vorfahren waren dort 1644 ansässig geworden. Präsident John Tyler war ein entfernter Verwandter. Ein Großvater war Sprecher des Abgeordnetenhauses von Virginia und Gouverneur.

Kent besuchte die St. Albans Schule in Washington, D.C. und erhielt seine höhere Ausbildung in Princeton (ab 1931), der George Washington Universität, der Sorbonne in Paris und der Universität von Madrid. Schon sehr frühzeitig hatte er eine ungewöhnliche Begabung für Sprachen gezeigt. Er erlernte eine Reihe antiker und moderner Sprachen. Wie sein Vater entschloß sich Kent für eine Karriere im Außenministerium.

Seine erste Dienststelle war in der amerikanischen Botschaft in Moskau. Von 1934 bis 1939 lernte Kent in der sowjetischen Hauptstadt das wirkliche Leben im Kommunismus kennen. Durch seine ausgezeichneten russischen Sprachkenntnisse wurde er vertrauter mit dem russischen Volk und der Wirklichkeit des russischen Lebens als die meisten Diplomaten. Er entwickelte eine intensive Abscheu für das sowjetische System und diejenigen, die Rußland diese monströse Tyrannei auferlegt hatten.

Wie so viele Amerikaner war Kent von Roosevelts Unterstützung für dieses grausame und despotische Regime angewidert. Kents persönliche Beobachtung und sorgfältige Studie hatten ihn überzeugt, daß der Kommunismus eine tödliche Gefahr für die Welt bedeutete und insbesondere für den Westen. Präsident Roosevelt jedoch betrachtete das sowjetische System als eine gröbere aber fortschrittlichere Version seines eigenen »New Deal«, die beide von hohen humanistischen Idealen getragen wurden.

Kent wurde von Moskau an die amerikanische Botschaft in London versetzt. Von Oktober 1939 bis zu jenem unglückseligen 20. Mai 1940 diente er dort als Chiffrier-Sekretär. Dies war eine besonders wichtige Schlüsselstellung, weil sämtliche nach Washington gehenden diplomatischen Anweisungen aller amerikanischen Dienststellen in Europa durch den Code-Raum der Londoner Botschaft geleitet wurden.

Franklin D. Roosevelt und Winston Churchill im Ferienanwesen des Präsidenten in Shangri, Louisiana, 14.5.1943.

(US National Archives, www.nara.gov/nara/pressrelease/picturing/gallery2.html)

Als Kent seine Stelle dort antrat, war der Krieg in Europa schon ausgebrochen. Amerikanische Gesetze sowie die überwältigende öffentliche Meinung schienen sicherzustellen, daß Amerika eine Verwicklung in diesen Konflikt erspart bleiben würde. Von seiner besonderen Warte aus in London lernte Kent sehr schnell, daß Präsident Roosevelt unter Umgehung der Gesetze und Täuschung seines Volkes alle Hebel in Bewegung setzte, um Amerika in den Krieg zu verwickeln.

Kent entschloß sich, Kopien oder Zusammenfassungen diplomatischer Depeschen zu machen, die Roosevelts geheime Politik darlegten. Irgendwie wollte er sie wohlgesinnten Abgeordneten und Senatoren zukommen lassen. So setzte er den Kurs, der zu seiner Inhaftierung führte, der ihm für kurze Zeit so etwas wie Ruhm brachte und ihn fünf Jahre Kerker kostete. Er wurde, so seine eigenen Worte, in die Weltgeschichte verwickelt. Tatsächlich gelang es ihm fast, den Gang der Weltgeschichte zu ändern.

Als Chiffrier-Sekretär sah Kent Hunderte von diplomatischen Depeschen zwischen den europäischen Botschaften und dem Außenministerium in Washington. Er machte wortgetreue Abschriften der meisten Dokumente und Zusammenfassungen der übrigen. Darunter befand sich auch die streng geheime Korrespondenz zwischen Roosevelt und Winston Churchill, die mit einem Brief des Präsidenten vom 11. September 1939 begann.

Bis zum 11. März 1940 war Churchill »First Lord of the Admiralty« (Oberbefehlshaber der britischen Marine). Bis zu diesem Tag war daher der Austausch von Informationen zwischen ihm und Roosevelt äußerst ungewöhnlich, da er sich hinter dem Rücken von Premierminister Neville Chamberlain, dem Oberhaupt der britischen Regierung, abspielte. Laut Protokoll sind Staatsoberhäupter nur mit anderen Staatsoberhäuptern in Verbindung. Alle übrigen Verbindungen werden letztlich immer als für das Staatsoberhaupt bestimmt angesehen. Die Roosevelt-Churchill Korrespondenz war nicht nur dazu bestimmt, sie vor Premierminister Chamberlain geheim zu halten, sondern sie war in Wirklichkeit eine Verschwörung gegen ihn. Churchill wollte Chamberlain stürzen und Roosevelt selbst wünschte das. Aus diesem Grund wurde der Austausch besonders geheim gehalten. Bis Churchill selbst Premierminister wurde, unterschrieb er seine Nachrichten an Roosevelt ganz einfach als »Marine Person«.

Wenn die Existenz eines geheimen Churchill-Roosevelt Nachrichtenaustausches hinter dem Rücken Chamberlains bekannt geworden wäre, wäre das zumindest höchst unangenehm für beide Teilnehmer gewesen. Es wären aber Forderungen nach einer Anklage gegen Roosevelt laut geworden, wenn es Kent gelungen wäre, das amerikanische Volk über den Inhalt des Austausches zu informieren.

Kent fing Churchills Sendung an Roosevelt vom 25. Dezember 1939 (Telegramm 2720) ab und machte eine vollständige Kopie. In dieser informierte Churchill den Präsidenten, daß britische Kriegsschiffe weiterhin amerikanische Hoheitsrechte verletzen würden, indem sie deutsche Schiffe weiterhin innerhalb der amerikanischen Dreimeilenzone beschlagnahmen würden. Um diese Verletzungen jedoch geheim zu halten, versprach Churchill, diese Beschlagnahmungen nur außer Sicht der amerikanischen Küste vorzunehmen.

»Wir können nicht darauf verzichten, feindliche Schiffe innerhalb der internationalen Dreimeilenzone anzuhalten, wenn es sich dabei sehr wohl um Versorgungsschiffe für U-Boote oder Überwasserkriegsschiffe handeln kann. Es sind aber Befehle gegeben worden, daß sie nur außer Sicht der amerikanischen Küste aufgebracht oder beschossen werden.«

Churchill schrieb in seiner Depesche an Roosevelt vom 28. Februar 1940 (Telegramm 490), die ebenfalls von Kent abgefangen und kopiert wurde, daß die Briten weiterhin amerikanische Post von amerikanischen und neutralen Schiffen auf dem Weg nach Europa beschlagnahmen und zensieren würden. Churchill schrieb Roosevelt diesbezüglich:

»Unsere gesamte Erfahrung hat uns gelehrt, daß das Durchsehen der Post für eine wirksame Kontrolle notwendig ist.«

Dies war natürlich eine schreiende Verletzung amerikanischen Hoheitsrechtes und internationaler Gesetze. Als das volle Ausmaß von Roosevelts Beihilfe bei der Beschlagnahme und Zensur amerikanischer Post für Europa durch die Briten viele Jahre nach dem Krieg bekannt wurde, herrschte große Verwunderung in den Vereinigten Staaten. Wenn diese von Kent abgefangene Sendung 1940 oder 1941 veröffentlicht worden wäre, hätte es einen Skandal erster Ordnung verursacht.

Aus der geheimen Korrespondenz zwischen Churchill und Roosevelt, die von Kent abgefangen wurde, ergibt sich, daß die beiden Führer vereinbart hatten, daß die Regierung der Vereinigten Staaten insgeheim Verletzungen amerikanischer Hoheitsrechte und Beschränkungen im neutralen amerikanischen Schiffsverkehr dulden würde. Beide Männer wollten peinliche Vorkommnisse vermeiden, die in Amerika öffentliche Entrüstung über die illegalen britischen Aktionen hätte hervorrufen können. Fernerhin arbeiteten sie Verfahren für eine gemeinsame britisch-amerikanische Marineberichterstattung aus, um die Position deutscher Überwasserschiffe und U-Booten festzustellen und zu melden. Dies verstieß zumindest gegen den Geist, wenn nicht gar gegen den Wortlaut der US-Neutralität.

Die Tatsache, daß die US-Regierung nicht auf Kents diplomatischer Immunität bestand, damit britische Behörden ihn einkerkern konnten, ist schon ein Beweis dafür, daß die Roosevelt-Regierung nur dem Namen nach neutral war. Es ist unvorstellbar, daß die amerikanischen Regierung nicht auf Kents Immunität betanden hätte, wenn er beim Abfangen von Telegrammen in der Berliner Botschaft gefaßt worden und von deutschen Behörden eingesperrt worden wäre. Im Gegenteil, die Roosevelt-Regierung hätte alle Hebel in Bewegung gesetzt, um jede mögliche Anklage gegen ihn und Inhaftierung durch die deutsche Regierung zu verhindern.

In Presse und Öffentlichkeit entstand ein wachsender Aufruhr über eine mögliche Verschleierung des Falles Kent. Als Antwort darauf gab das Außenministerium am 2. September 1944 eine lange öffentliche Erklärung heraus.

Das spitzfindig formulierte Dementi machte Andeutungen, daß Kent ein deutscher Spion gewesen sei, obwohl keine direkte Anklage gemacht wurde. Das Außenministerium gab aber letztlich zu, daß es in dem Falle britischen Interessen den Vorzug über amerikanische Interessen und Gesetze gegeben hatte. Die Erklärung besagte, daß Kents Gerichtsverhandlung in geheimer Sitzung abgehalten worden sei, »wegen der schädlichen Auswirkung auf die britische Spionageabwehr, die vorauszusehen war, wenn gewisse Teile der Beweise bekannt geworden wären.« Noch aufschlußreicher war das offizielle Eingeständnis, warum Kents Sonderbehandlung gerechtfertigt gewesen sei:

»Zu einer Zeit, als Großbritannien um seine Existenz kämpfte, hatten seine Interessen in einem solchen Falle den Vorrang.«

Es muß einem auffallen, daß zu einer Zeit, in der die Vereinigten Staaten bezüglich der Auseinandersetzung zwischen England und Deutschland offiziell und rechtlich neutral waren, das US-Außenministerium im Fall Kent britischen und nicht amerikanischen Interessen den Vorrang gab.

1939 und 1940 wollte die überwältigende Mehrheit der US-Bürger eine Beteiligung an dem europäischen Krieg vermeiden. Sie war der Ansicht, daß die amerikanische Beteiligung am Ersten Weltkrieg ein verhängnisvoller Irrtum gewesen sei und wollten sicherstellen, daß dieser Irrtum nicht wiederholt würde. Auch der Kongress fühlte sich der strikten Neutralität verpflichtet und hatte zwei Gesetze verabschiedet (Johnson und Neutrality Acts), um die USA aus dem Krieg in Europa herauszuhalten.

Der Präsident ist laut Verfassung verpflichtet, den Willen der amerikanischen Bürger auszuführen, der durch den Kongreß zum Ausdruck gebracht wird. Die Verfassung gibt dem Kongreß das alleinige Recht, Krieg und Frieden zu erklären. Präsident Roosevelt jedoch umgab sich mit einem kleinen Kreis von Vertrauten, um mit unverschämter Verachtung des Willens seines Volkes einen Krieg in Europa anzuschüren und die Vereinigten Staaten in diese Auseinandersetzung zu verwickeln. Hiermit brach er seinen Eid »die Verfassung der Vereinigten Staaten zu erhalten, zu beschützen und zu verteidigen.«

Unzählige Lügen sind über die Jahre über Tyler Kent verbreitet worden. Die verleumderischste war, daß er ein Verräter und ein Spion für Deutschland gewesen sei. In Wirklichkeit war Kent ein echter Patriot, der die Wohlfahrt seiner Nation über sein persönliches Wohlergehen und seine eigene Sicherheit setzte. Er wurde nie wegen der Verletzung amerikanischer Gesetze angeklagt. Kent handelte nach dem herkömmlichen Grundsatz, daß für amerikanische Regierungsbeamte amerikanische Interessen an erster Stelle stehen. Er wurde von seiner eigenen Regierung zugunsten ausländischer Interessen geopfert.

In London war Tyler Kent einem schmerzvollen Zwiespalt ausgesetzt. Was sollte ein Regierungsbeamter tun, der herausfindet, daß sein Vorgesetzter, der Präsident der Vereinigten Staaten, gegen die Gesetze verstößt? Kent fühlte eine größere Verpflichtung seiner Nation und ihren Gesetzen gegenüber als zu Präsident Roosevelt. Es war sein Ehrenkodex, der ihn veranlaßte, dokumentarische Beweise über Roosevelts hochverräterische Verbrechen zu sammeln und sie den amerikanischen Bürgern vorzulegen. Kent zahlte für sein "Verbrechen" mit fünf Jahren Gefängnis und einem befleckten Ansehen für den Rest seines Lebens, während Franklin D. Roosevelt, der gegen die Verfassung handelte und zahllose Gesetze brach, als Präsident wiedergewählt wurde und heute noch als Held gepriesen wird.

Wäre es Tyler Kent gelungen, seine Sammlung dokumentarischer Beweise an die Öffentlichkeit zu bringen, hätte das einen gewaltigen Ruf nach Absetzung von Präsident Roosevelt ausgelöst. Zumindest hätte das seine Kampagne, Amerika in den Krieg zu verwickeln, eine Zeitlang aufgehalten. Roosevelt wäre womöglich dermaßen diskreditiert gewesen, daß Wendell Willkie ihn in der Päsidentenwahl 1940 geschlagen hätte. Es ist schwierig zu sagen, ob die Kent-Enthüllungen ausgereicht hätten, um Roosevelt anzuklagen. Mit Sicherheit aber sind diese Dokumente Beweise für kriminelle Handlungen, die ausreichend gewesen wären, ihn aus dem Weißen Haus zu entfernen. Der Kongreß hätte sich praktisch gezwungen gesehen, zumindest Anklageformalitäten einzuleiten. Soviel kann mit Sicherheit gesagt werden: Eine Veröffentlichung der Kent-Dokumente wäre ein mächtiger Schlag gegen Roosevelts Ansehen und seine Glaubwürdigkeit gewesen. Tyler Kent hätte in dem Falle möglicherweise die US- und die Weltgeschichte entscheidend ändern können.

Mark Weber


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 5(1) (2001), S. 36-40.


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