Bücherschau

Mythen und Legenden des transatlantischen Sklavenhandels

Von John Tiffany

Hugh Thomas, The Slave Trade. The Story of the Atlantic Slave Trade: 1440-1870, Simon and Schuster, New York 1997, 908 S., $20,-

Hugh Thomas' höchst umfangreiches, aber leicht lesbares Werk The Slave Trade legt den Schwerpunkt auf den Handel mit schwarzafrikanischen Sklaven, die über den Atlantik verschifft wurden. Allerdings widmet der Autor auch der Frühgeschichte der Sklaverei innerhalb Europas, der Versklavung amerikanischer Indianer sowie verwandten Themen eine erhebliche Anzahl von Seiten.

Beispielsweise greift Thomas die Frage auf, wie der Sklavenhandel den Fall des Römischen Reiches überleben konnte; er schreibt:

»Die Sklavenmärkte funktionierten immer noch, wenn auch nicht mehr in gleich großem Umfang wie zuvor, und im visigothischen Spanien spielten jüdische Händler eine führende Rolle unter jenen, die Sklaven zum Verkauf feilboten; bei letzteren handelte es sich zweifellos um Kelten oder Sueben [also Vorfahren der Deutschen].«

Dank dem - von den Hofhistorikern oft als "dunkles Zeitalter" herabgesetzten - feudalistischen System befreiten die neuen Lords in Britannien nach der normannischen Invasion anno 1066 viele jener Sklaven, die sie auf den eben eroberten Anwesen vorfanden. Die Freigelassenen bildeten fortan einen Bestandteil des niederen Bauerntums. Bis zum Jahre 1200 war die Sklaverei aus England verschwunden, auch wenn William Wilberforce 600 Jahre später in einer berühmten Rede von "Sklavenkindern" sprach, die noch zur Zeit Heinrichs des Siebten aus Bristol nach Irland verschifft worden seien.

Freilich kehrte die Sklaverei schließlich nach England zurück, wobei ihre Opfer diesmal Neger waren; im Gegensatz zu Portugal blieb die Zahl dieser fremdrassigen Sklaven jedoch stets gering.

Im 15. Jahrhundert, als afrikanische Eingeborene in die Sklaverei verschleppt wurden, machte der portugiesische Königshof mit dem Verkauf von Sklaven an Spanien fette Geschäfte. Ein tschechischer Reisender, Vaclav Sasek, glossierte 1466, das Verschachern von Sklaven an Fremde bringe dem König von Portugal mehr Geld ein als »die gesamten Steuereinnahmen des Königreichs«. Die Namen etlicher spanischer Händler, die in den Kauf und Weiterverkauf von Sklaven verwickelt waren, scheinen darauf hinzudeuten, daß sie conversos - konvertierte Juden - waren, z.B. Hernán de Córdoba, Alfonso de Córdoba, John de Ceja oder Ecija sowie Manuel de Jaén.[1]

Thomas weist zwar darauf hin, daß einige der in die Neue Welt verschifften Sklaven Weiße - z.B. Mauren und Kanaren - waren, doch erwecken seine diesbezüglichen Ausführungen den Eindruck, im Vergleich zu den Heerscharen schwarzer Sklaven habe es sich bei diesen nur um eine verschwindend kleine Anzahl gehandelt. Er würdigt Michael A. Hoffmans Buch They were White and they were Slaves (Wiswell Ruffin House, New York 1991) keiner Erwähnung, und auch Rudy Stankos Slavery Survives in America (Pro-American Press, Gering, Nebraska 1987) wird von ihm nirgends zitiert.

Sowohl weißen als auch schwarzen Sklaven war oft ein ungemein hartes Schicksal beschieden, besonders in Ländern wie Brasilien. Allerdings waren, zumindest für die Schwarzen, durchaus nicht sämtliche Aspekte der Sklaverei notwendigerweise von Übel. Kaum jemand weiß zum Beispiel, daß die durchschnittliche Lebenserwartung eines Negersklaven im alten Süden des nordamerikanischen Kontinents höher war als die damalige Lebenserwartung in Europa.[2] Leider versäumt Thomas, dies hervorzuheben.[3] Er schließt sein Buch mit einigen Bemerkungen über die Sklaverei in Kuba gegen Ende der sechziger Jahre ab, verliert aber kein Wort darüber, daß bis zum heutigen Tage in afrikanischen Staaten wie Mauretanien,[4] dem Sudan, Sansibar, Kamerun und anderswo die Sklaverei in der Form von Leibeigenschaft faktisch weiterexistiert. Manchen Berichten zufolge trifft dies auch auf arabische Länder wie Oman und die beiden in jüngster Vergangenheit wiedervereinigten jemenitischen Staaten zu.[5]

Es ist eine Tatsache, daß der Islam die Sklaverei als legitimen Bestandteil der menschlichen Gesellschaft betrachtet. Mohammed übernahm ein System, das bereits für die vorislamische Gesellschaftsordnung kennzeichnend gewesen war. Immerhin wurden den Sklaven gewisse Erleichterungen eingeräumt. Nach islamischem Recht, das sich in diesem Punkt vom römischen unterschied, durften Sklavenkinder nicht von ihrer Mutter getrennt werden, bis sie sieben Jahre alt waren. Sklaven durften nicht wie Tiere behandelt werden, und ihr Besitzer war für sie nicht Herr über Leben und Tod.

Wie Thomas darlegt, profitierten manche schwarzafrikanischen Stammesfürsten vom Sklavenhandel. Für König Tegbesu von Dahomey brachte der Verkauf seiner Rassengenossen an die Sklavenschiffkapitäne einen jährlichen Profit von 250.000 britischen Pfund. Kein Herzog in Britannien hatte damals ein vergleichbar hohes Einkommen. König Alvare vom Kongo verkaufte Sklaven an die Portugiesen.

Im Tausch für Sklaven erhielten die Negerhäuptlinge auch Waren einschließlich Feuerwaffen. Im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts mögen in der Gegend um den Bonny River Jahr für Jahr 50.000 Flinten eingetroffen sein, die dann über ganz Zentralafrika verteilt wurden. Vermutlich wurden sie von den Eingeborenen teils weiterverkauft, teils zum Schutz ihrer Krals und zur Verschönerung ihrer Hütten benutzt, jedenfalls führten sie zu einer Intensivierung des Sklavenhandels. Manchmal waren die Schießprügel allerdings von erbärmlicher Qualität. So klagte König Tegbesu über eine seitens der Engländer erfolgte Lieferung, die Gewehre explodierten schon beim ersten Schuß und verletzten seine Soldaten. Über die von den Franzosen verkauften Schießeisen fällte er ein ähnlich vernichtendes Urteil.

Beide Seiten überboten sich darin, ihre Handelspartner übers Ohr zu hauen. Die afrikanischen Stammeshäuptlinge vermischten das Gold, das sie den Europäern verkauften, regelmäßig mit Messing. Kranke Sklaven wurden nicht selten so lange geschminkt, bis sie gesund aussahen, und man unterließ nichts, um Gebrechen, mit denen die menschliche Ware behaftet war, zu vertuschen.

Von besonderem Interesse ist, was Thomas über die Bewegung der Abolitionisten (Befürworter der Abschaffung der Sklaverei) zu sagen hat. Es mag manche überraschen, daß an der Spitze dieser Bewegung Geistliche standen, obgleich die Sklaverei in der Heiligen Schrift an mehreren Stellen ausdrücklich gutgeheißen wird. Im Brief des Heiligen Paulus an den Griechen Philemon beschreibt der Apostel, wie er den flüchtigen Sklaven Onesimus zu seinem Herrn zurückbrachte, und im Epheserbrief 6;5 mahnt Paulus:

»Ihr Sklaven, seid gehorsam euren irdischen Herren mit Furcht und Zittern, in Einfalt eures Herzens, als dem Herrn Christus.«

Gleichzeitig ermahnt Paulus freilich die Herren, ihre Sklaven menschlich zu behandeln.

Ein frühchristlicher oder mittelalterlicher Bischof konnte sich mit dem Gedanken beruhigen, daß Christus ja nicht auf diese Welt gekommen war, um die sozialen Verhältnisse zu ändern, sondern um die Denkweise der Menschen zu läutern - non venit mutare conditiones sed mentes. Ein Leibeigener war geistig frei und auf spiritueller Ebene seinem Herrn gleichwertig; da war es nicht entscheidend, daß er äußerlich im Gegensatz zu jenem unfrei war. Sklaven durften sich stets mit der Hoffnung auf Freiheit im kommenden Leben trösten. Auf dieser Erde oblag es ihnen, ihr Los geduldig hinzunehmen, zu Ehren Gottes, dessen Wege unerforschlich waren.

Mehrere Jahrhunderte nach Paulus empfahl der strenge Kirchenvater Johannes Chrysostom den Sklaven, die Sicherheit der Knechtschaft der Unsicherheit des Freiheit vorzuziehen. Der Heilige Augustin äußerte sich in gleichem Sinne. Er verfocht die Ansicht, der eigentliche Grund für die Existenz der Sklaverei liege in der Sünde, welche »den Menschen dem Menschen untertan gemacht hat«. Doch dies war »nicht ohne den Willen Gottes geschehen, dem jede Ungerechtigkeit unbekannt ist«. Der im nordafrikanischen Hippo geborene Augustin glaubte an die Gleichheit der Rassen.

Prinz Heinrich der Seefahrer. Seine Kapitäne begaben sich auf die Suche nach Gold und nach einem möglichen Bündnis mit Prester John gegen die Muslime zur "Befreiung" des "Heiligen Landes", aber statt dessen fand er Sklaven.

»Wer immer irgendwo als menschliches Wesen geboren ist, das heißt als mit Vernunft begabtes sterbliches Geschöpf, so fremd er unseren Sinnen in körperlicher Gestalt, oder Hautfarbe, oder Bewegung, oder Sprache, oder in irgendeiner Fähigkeit, irgendeinem Bestandteil oder irgendeiner Eigenschaft seiner Natur auch scheinen mag: Kein wahrer Gläubiger hege Zweifel daran, daß dieses Geschöpf von jenem Menschen abstammt, der als erster gelebt hat.«

Doch die Sünde macht aus Menschen Sklaven, und Augustin erinnert an die Verfluchung Hams in der Genesis.

Im Jahre 1761 setzten die Aktivitäten der abolitionistischen Bewegung ein. Ihnen lag keineswegs bloße Gefühlsduselei zugrunde. In The Gentleman's Magazine erschien damals ein Artikel, in dem darüber geklagt wurde, daß sich die in der Nähe Londons lebenden Afrikaner »nicht länger als Sklaven betrachten [...] und die harten Pflichten der Knechtschaft nicht williger erfüllen als unsere eigenen Leute«. Indem das Gentleman's Magazine schrieb, die Sklaven könnten in Britannien »nicht atmen«, forderte es vermutlich indirekt dazu auf, sie, und überhaupt alle Schwarzen, des Landes zu verweisen.

Doch fuhr Großbritannien eifrig mit dem Sklavenhandel fort, obwohl die Briten in ihrem Lied Rule Britannia stolz verkünden, sie würden selbst niemals in der Knechtschaft leben.

George Grenville, damals britischer Premierminister, besaß im Januar 1807 genügend Selbstvertrauen, um - merkwürdigerweise im gleichen Monat, in dem der US-Kongress einen entsprechenden Schritt unternahm - dem House of Lords einen Gesetzesvorschlag zu unterbreiten, der die gänzliche Abschaffung der Sklaverei vorsah. Das Gesetz erhielt am 25. März die Unterstützung des Königshauses, und ab dem 1. Mai desselben Jahres wurde der Sklavenhandel für illegal erklärt.

In Afrika löste die Ächtung des Sklavenhandels durch Briten und Amerikaner erhebliche Verwirrung aus. 1820 fragte der König von Ashanti einen britischen Beamten, weswegen die Christen plötzlich keine Sklaven mehr kaufen wollten. Verehrten sie denn nicht denselben Gott wie die Muselmanen, die nach wie vor Sklaven erwarben, verschleppten und verkauften? Da der Koran die Sklaverei billigt, gelangten manche Moslems sogar zur Überzeugung, die neue Haltung der Christen stelle eine Attacke auf den Islam dar.

Es dauerte viele Jahre, bis sich die Einstellung der Afrikaner zu wandeln begann. Natürlich nahm der Sklavenhandel in Afrika seinen Fortgang. In Westafrika wurden nach dem Tod von Stammesfürsten auch weiterhin Sklaven geopfert, oft unter dramatischen Umständen und in solch horrender Zahl, daß die Azteken, die früher ähnlichen Bräuchen gehuldigt hatten, ganz hingerissen gewesen wären. Beim Tode des Königs Ashanti im Jahre 1824 starben rund tausend Sklaven den Opfertod.

Die Sklaverei ist ein facettenreiches, bei all ihrer Grausamkeit faszinierendes Phänomen, und wir schulden Hugh Thomas Dank für seine detaillierte Darstellung dieses wichtigen Themas.


Anmerkungen

Zuerst veröffentlicht in The Barnes Review, 5(1) (1999), S.55ff. (130 Third Street, SE, Washington, D.C., 20003, USA); übersetzt von Jürgen Graf.

[1]Nähere Angaben über die Rolle der Juden beim Sklavenhandel finden sich in der Schrift Who brought the Slaves to America, Sons of Liberty, Metairie, Louisiana.
[2]Die durchschnittliche Lebenserwartung eines schwarzen Sklaven in Amerika belief sich auf 36 Jahre. Damit war sie etwas niedriger als jene der freien weißen Landbevölkerung, doch vergleichbar mit derjenigen der Stadtbevölkerung und höher als in Europa (Hummel, Jeffrey Rogers, Emancipating Slaves, Enslaving Free Men: A History of the American Civil War, Open Court Publishing Co., Chicago and La Salle, Illinois 1996, besprochen in der Barnes Review vom März 1997). Hummel hebt auch hervor, dass "die Zahl jener Menschen, die durch die Sahara in die islamische Sklaverei verschleppt wurden, um viele Millionen höher lag als die der über den Atlantik verschifften Sklaven.
[3]Eine Verteidigung des Lebensstils im Süden vor dem Bürgerkrieg findet sich u.a. bei Grissom, Michael Andrew, Southern by the Grace of God, Pelican Publishing Co., Gretna, Louisiana 1994, sowie bei Kennedy, James Ronald und Kennedy, Walter Donald, The South was right, Pelican Publishing Co., Gretna, Louisiana 1996.
[4]Vergleiche hierzu den Dokumentarfilm Mauritania and the African Slave Trade: 1966, Dialectic Explorers, New York. Der Streifen basiert auf ethnographischen Forschungen, die Samuel Cotton 1995 und 1996 in Senegal und Mauretanien betrieben hat.
[5]City Sun, New York, Artikel vom 22. März 1998: "Sorrow and shame: Brutal North African slave trade ignored and denied". Vgl. Website http:/www.cc.columbia.edu/-slc11/meet.html.

Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 5(1) (2001), S. 114-116.


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