Der Angler, der Karpfen und der Revisionist

Von Prof. a.D. Dr. Robert Faurisson

Es war einmal ein Angler, der, einem Unbekannten begegnend, sich selbigem fassungslos zuwandte und verkündete:

»Ein Wunder! Ich habe soeben einen einmaligen, noch nie dagewesenen Fang gemacht: stellen Sie sich vor, ich habe drüben im Fluß einen zweihundertpfundigen Karpfen gefangen.«

Der Unbekannte jedoch, von skeptischem Gemüt, ein Verfechter der Philosophie Pyrrhons, ein "ungläubiger Thomas" unserer Zeit, kurz, ein Revisionist, verlangte mit mißtrauischer Miene, den monströsen Fang zu betrachten.

»Sollten Sie etwa meine Worte bezweifeln?«, ereiferte sich der Angler, und fügte hinzu:

»Die Sache ist ganz einfach: wenn Sie mir nicht glauben wollen, dann werde ich Ihnen die Stelle zeigen, wo ich den Karpfen gefangen habe.«

Worauf der Revisionist entgegnete, daß nicht die Stelle ihn interessiere, sondern der Fisch. Letztendlich jedoch gab er nach:

»Also gut! Gehen wir hin und sehen uns die besagte Stelle einmal an!«

Am entsprechenden Ort angekommen, wo der Strom sein sollte, stellte er fest, daß er nur einen ziemlich schmalen Wasserlauf vor Augen hatte. Er erlaubte sich, dieses dem Angler gegenüber zu bemerken und ihn darauf aufmerksam zu machen, daß ein Karpfen solchen Gewichts sich niemals in einem so spärlichen Rinnsal hätte rühren können.

Er rief mehrere Vorbeikommende als Zeugen an und ging soweit, sich vor deren Augen über den Angler lustig zu machen. Er fühlte sich berechtigt, in spöttischem Ton zu behaupten, daß in ganz Frankreich kein Karpfen solchen Gewichts existiert. Für ihn, laut seinen eigenen Worten, rieche dieser sinnestäuschende Karpfen zu sehr nach einer Art "gefülltem Fisch" nach jüdischem Rezept oder auf hebräische Art. Und mit belustigtem Lächeln erwähnte er Beispiele wie den magischen Fisch des Tobie, das Ungeheuer Leviathan oder gar den "riesigen Fisch" (der kein Wal war) des auf wunderbare Weise geretteten Jonas.

Er hatte zu viel geredet, wie die Folge der Geschichte bewies. Denn der Angler sah in dieser ihm verabreichten Verspottung eine Verhöhnung aller Angler und Jäger, deren es in Frankreich so viele gibt. Er sah Gefahr im Verzuge und glaubte, handeln zu müssen. Schließlich könnten derartige Unverschämtheiten eine schädliche Wirkung haben auf die erregenden Berichte, mit welchen sich Angler und Fischer manches Mal so einfallsreich rühmen. Also beschwerte sich der Angler bei einer wohlsituierten Vereinigung des Namens "Fischen, Jagen und (biblische) Tradition".

Bereits seit geraumer Zeit hatte sich diese Vereinigung darauf spezialisiert, die Gesamtheit der Revisionisten ins Visier zu nehmen. Ihrerseits warfen die letzteren der ehrenwerten Vereinigung Mißtrauen und ein durch übersteigerte Erregbarkeit geprägtes Verhalten vor, so daß sie für nichts und wider nichts nach dem Kadi rufe. Politisch äußerst hofiert und mit bedeutendem Wahlkampfgewicht versehen, wurde selbige Vereinigung von den Revisionisten des Einsatzes besonders gewalttätiger Milizen beschuldigt. Die Revisionisten gingen so weit, zu behaupten, daß "Fischen, Jagen und (biblische) Tradition" einer riesigen Pressure Group angehöre: "der biblischen Lobby". Worauf ihre Gegner mit bemerkenswerter Kaltblütigkeit erwiderten, eine solche Lobby gebe es nicht.

Der unverfrorene Revisionist wurde von der Vereinigung verklagt wegen Verletzung des Persönlichkeitsrechts, begangen durch die Verbreitung unwahrer und böswilliger Behauptung, so stellte die Organisation klar.

Der Gerichtshof fällte sein Urteil.

Nach einer ersten Betrachtung erlaubte der Gerichtshof sich festzuhalten, daß die Bemerkungen des Revisionisten über den Zauberkarpfen sehr wohl zutreffen könnten. Nach einer zweiten Betrachtung jedoch bekam das Gericht die Sache besser in den Griff. Es verfügte, daß es der Revisionist durch seine Aussagen im ganzen gesehen trotz allem an Fürsorge für den Angler habe fehlen lassen, was zusammen mit seinem Mangel an Reue sehr wohl auf Böswilligkeit zurückzuführen sei. Daraufhin wurde der Revisionist zu einer schweren Strafe verurteilt.

Im Laufe der darauffolgenden Jahre beharrte der Übeltäter aber dennoch standhaft auf seiner Meinung. Er wiederholte seine Erkenntnisse und Fragen zu dem außergewöhnlichen Karpfen. Er wurde mit weiteren Gerichtsverfahren überzogen, mit weiteren Geldstrafen belegt, mehrmals auf brutale Weise körperlich angegriffen, so daß er nur knapp dem Tode entging; er wurde seines Amtes enthoben und man stieß ihn in Acht und Bann. Alles umsonst. Zweifellos ritt ihn der Teufel.

Um den Revisionisten und seinesgleichen für immer zum Schweigen zu bringen, bedurfte es eines heftigen Schlages.

Dieser erfolgte am 14. Juli 1990, dem symbolischen Tag, an dem in Frankreich Republikaner und Demokraten die Erstürmung der Bastille im Jahre 1789 feiern. Gleichzeitig zelebrieren sie die Aufhebung der Vorrechte durch Geburt und den Anbruch einer neuen Ära, geprägt von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Hin und wieder war es derzeit nötig gewesen, die Maschine des Dr. Guillotin heilsam anzuwenden, um diejenigen zur Vernunft zu bringen, denen das Schöne derartiger Ideale entging. Am besagten 14. Juli 1990 erschien im Journal officiel de la République française (Amtsblatt der französischen Regierung) ein spezielles Gesetz, maßgeschneidert und erdacht, um einen ebenso automatischen Effekt auszuüben wie das Messer der Guillotine. Auf Anhieb, ohne Untersuchung in der Sache, untersagte dieses Gesetz jegliches Bestreiten, jegliches Bezweifeln der Geschichten, die von einer gewissen Gruppe von Anglern und Jägern erzählt werden. Abgeordnete und Senatoren hatten dieses Gesetz verabschiedet in einer Atmosphäre demokratischen Terrors, die Dank jener von der Vorsehung geschickten, wenn auch ekelerregenden Affäre in Aufwallung gebracht worden war, die als "die Friedhofsschändung von Carpentras" bekannt ist.

Um diese Untersagung rechtskräftig festzulegen, berief sich der Gesetzgeber auf einen Richterspruch, der fast ein halbes Jahrhundert zuvor von Siegern verkündet worden war, die über Besiegte zu richten hatten. Die Sieger hatten damals die glänzende Idee, einen internationalen Militärgerichtshof einzurichten, um diese Besiegten zu bestrafen. Sich ihre eigenen Gesetze und Regeln ausdenkend, hatten die Richter und Staatsanwälte in ihrer Weisheit und einmütig verkündet, daß sie »an Beweisregeln nicht gebunden seien« (Artikel 19 des Statuts für diesen Militärgerichtshof). Sie hatten auch spezifiziert:

»Der Gerichtshof soll nicht Beweis für allgemein bekannte Tatsachen fordern, sondern soll sie von Amts wegen zur Kenntnis nehmen.« (Artikel 21)

Durch eine letzte Bestimmung hatten sie Sorge getragen, die Angeklagten davon in Kenntnis zu setzen, daß ohne jegliche Diskussion jeder Anklagebericht als authentischer Beweis gelte (Fortsetzung Art. 21). Damals, d.h. in den Jahren 1945-1946, hatten einige überlegene Köpfe diese Justiz verhöhnt, bei der ihrer Meinung nach Samson sich mit dem Segen des Ewigen (Gottes der Heere und Gottes der Rache) zynisch das Recht anmaßte, über den zu richten, den er soeben überwältigt hatte und den er in seiner Gewalt hielt. Spötter hatten sarkastische Bemerkungen über Militärjustiz gemacht, die nach ihrer Meinung im gleichen Verhältnis zur Justiz stünde wie Militärmusik zur Musik. Glücklicherweise war am 14. Juli 1990, also fast ein halbes Jahrhundert später, das allgemeine Bewußtsein durch jahrelange Einwirkung so angepaßt, daß es unziemlich geworden war, solche Verrücktheiten zu sagen, so geistreiche Bemerkungen hervorzubringen. Alle marschierten jetzt im Gleichschritt und in dieselbe Richtung. Im Anschein des Meinungspluralismus hatten letztendlich alle erkannt, daß das Gute und die Gerechtigkeit sich immer auf seiten der Sieger befinden, das Böse und das Verbrechen jedoch auf seiten der Besiegten. Zwangsläufig!

Mit diesem Gesetz gerüstet brauchten französische Richter nun nicht mehr zu richten. Sie brauchten sich nur noch zu unterwerfen. Sie fügten sich gebührend und mit großer Anmut, und die Richtersprüche regneten nur so auf die Revisionisten herab.

Somit darf man sagen, daß sich sowohl die Anführer von "Fischen, Jagen und (biblische) Tradition" als auch die der "Lobby-die-es-nicht-gibt" heute vollauf zufriedengestellt sehen können. Der Zauberkarpfen ist ein Objekt der Anbetung geworden. Reich ausgestattete Museen widmet man ihm auf Kosten des französischen Steuerzahlers. Zu Tausenden erschallen Geschichten aus Radio, Fernsehen, Zeitungen, die uns die Existenz des Karpfens bestätigen. Im Laufe der Zeit erhielt dieser KARPFEN Großbuchstaben. Er ist der Einzigartige, der Unauslöschliche, der Unbeschreibliche geworden. Er ist nirgends zu sehen, aber er ist allgegenwärtig. In allen Schulen des Landes wird seine Geschichte gelehrt. Mit offenem Mund hören die Schüler alten Anglern und Jägern zu, männlichen und weiblichen, die kommen, um gegen klingende und gewogene Münze ihre verblüffenden Zeugnisse über den Goldenen KARPFEN preiszugeben. Wie von einem beglückenden Taumel ergriffen, schicken spontan Tausende von Organisationen Ströme von Gold und Silber an die nationalen und internationalen Gesellschaften, denen Millionen von Zeugen angehören, die, nachdem sie eines Tages den Zauberkarpfen gesehen hatten, sich weit auf dem Globus verstreuten. Da haben sodann die meisten dieser Zeugen recht große Vermögen angesammelt als Zeichen ihrer hochstehenden Fähigkeiten und ihrer unbestreitbaren Ehrenhaftigkeit. An diese reichen Leuten werden heute spontan von den Banken großzügige Gaben verteilt. Die Versicherungsgesellschaften tun das Gleiche, und ebenso Museen, Industriefirmen, Laboratorien sowie Telefon- und Eisenbahngesellschaften. »Eine Massenunterwerfung«, sagen die niederträchtigen Revisionisten, indem sie die Worte des Tacitus übernehmen; aber wie jedermann weiß, war der römische Historiker nichts weiter als ein Nazi; denn hat er nicht in einem berühmten, ihnen gewidmeten Werk das Lob der Germanen angestimmt?

Wenn man den Zeitungen glaubt, so wird an der Wahrheit der Geschichte des Goldenen KARPFENS kaum noch gezweifelt, und jeden Tag werden die Reichen reicher.

Und dennoch!

Dennoch geht das von den Skeptikern unterhaltene Gerücht weiterhin um. Und zwar auf so hartnäckige Weise, daß – weh uns! – sogar die Jäger und Angler vom Zweifel ergriffen zu sein scheinen. Gleichwohl weiterhin jammernd und heulend, schreien sie mehr denn je gegen die verhaßte Brut der Revisionisten und greifen sie an; jedoch genau besehen sind das eben nur Schläge, Schreie und Klagen. Wo bleiben die Argumente? Was soll man den Zweiflern denn antworten, die noch immer den KARPFEN zu sehen verlangen oder ersatzweise seine Darstellung? Was soll man denen sagen, die fromm den Ort besichtigen, wo der Angler seinen wunderbaren Fang machte und die dort immer noch nur ein schmales Rinnsal sehen? Und überhaupt, was soll man vorerst tun angesichts der einfachen, dummen und quälenden Beobachtung, die vom Sonntagsangler gemacht wurden oder vom Naturwissenschaftler aus dem Labor, dem zufolge die Karpfenart, die in französischen Flüssen schwimmt, niemals ein Exemplar von zweihundert Pfund hervorgebracht haben kann?

Die Wahrheit ist, daß Zweifel in unseren Anglern und Jägern nagen. Und sie machen kein Hehl mehr daraus. Sie jammern:

»Ab dem Tag, an dem wir nicht mehr da sind, wird niemand mehr an den fabelhaften KARPFEN glauben.«

Die Revisionisten lächeln dazu. In ihrer schändlichen Art werfen sie ein, daß Geschichte, zumindest wie sie von Historikern wahrgenommen wird, die diese Bezeichnung verdienen, ja genau das ist, was aus Ereignissen wird, deren Zeugen nicht mehr da sind oder nicht mehr da sein werden. Dann wagen sie es noch in ihrer Perversität hinzuzufügen, was in Gefahr schwebe, mit der Zeit ausgelöscht zu werden, das seien (wieder aus der Sicht der Historiker) der Humbug, die Legenden und die Lügen. Und frech erlauben sie sich zu schlußfolgern:

»Das ist das Los, das auf die Geschichte des GOLDENEN KARPFENS unaufhaltsam zukommt, die nichts ist als eine wilde Lüge, eine reine Legende, ein irrer Unsinn, ein abrakadabrischer Aprilscherz.«

Wie kann die Geschichte vom Heiligen KARPFEN vor den langjährigen beharrlichen Bemühungen der verfluchten Revisionisten, sie zu unterminieren, gerettet werden?

In der Morgenröte des neuen Jahrtausends, in diesen kreuzigenden Stunden ist das die Frage, die die Hohen Priester und die Anbeter des lukrativen Goldenen KARPFENS verfolgt. Gleich ihnen sind heute noch viele andere auf der Suche nach einer Antwort auf diese beängstigende Frage, die Tausende politischer und finanzieller Verwicklungen enthält. Zunehmend mehr Leute sieht man sich sorgen, die Historiker bei Fuß, die Journalisten am Freßnapf, die Politiker mit ihren verborgenen Konten, die Anbeter des Goldenen Kalbes oder die Diener des Dollar-Gottes: wie nur, wie, fragen sie sich, können wir die Weltreligion des Heiligen Goldenen KARPFENS vor dem Untergang bewahren?

Sie verlieren alle Hoffnung auf eine Lösung.

Und alles läuft weiter, als hätten die Revisionisten, die sich ihrer Sache sicher sind, hinter der Szene kichernd den Schlüssel zum Mysterium in der Hand.

© 1. April 2001


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 5(2) (2001), S. 214-216.


Zurück zum Inhaltsverzeichnis