Ein Volk gibt es unter uns...

Von Ernst Manon

Wenn von den berühmt-berüchtigten Protokollen der Weisen von Zion die Rede ist, wird oft eine Kontinuität des Judenhasses zurück bis zu Haman in der Esther-Geschichte beschworen (s. das Buch Esther im Alten Testament). So heißt es etwa im Oxford Dictionary of the Jewish Religion:[1]

»In der Tat findet man die Äußerung der Judenfeindschaft bereits in der Proklamation des Haman.«

Dazu klärt uns Jehuda T. Radday auf. Er ist emeritierter Professor für Jüdische Studien am Technion-Israel Institute of Technology in Haifa:[2]

»Dies ist das erste antijüdische Pamphlet in der jüdischen Geschichte und von Juden als Parodie verfaßt! Zu den Mitteln, mit denen Juden das ihnen unbegreifliche Phänomen maßlosen Judenhasses verkraften, gehört der Humor, mit dem sie z. B. hier Hamán, der Verkörperung des Antisemitismus, diesen Rundbrief zuschreiben. Er enthält fast alles, was in späteren ähnlichen Dekreten zu finden ist: Beschuldigung der Gottlosigkeit, Undankbarkeit, Habsucht, Zauberei, Grausamkeit und Ausnützung der Mitmenschen, sowie den Beschluß, das Judenproblem endgültig zu beheben. [...] Unverkennbar ist der Humor im Buche Estér.«

Nichts zu lachen hatten allerdings die Todeskandidaten beim Nürnberger Militärtribunal 1945:[3]

»Bei der Aufzählung der zehn Namen der Söhne Hamans werden traditionell einige Buchstaben klein geschrieben, was nach der rabbinischen Hermeneutik auf eine absichtliche Hervorhebung hindeutet. Der erste Sohn hieß PARSCHANDATA, ein Name, den man als zusätzliche Einladung zur Auslegung dieser Eigennamen verstehen kann, denn PARSCHAN DATA heißt Auslegung der Religion. Die kleinen Buchstaben in den übrigen Namen: SCHIN, TET, SAJIN ergeben das Datum 5707 nach der Schöpfung, just das Jahr der Vollstreckung in Nürnberg. Das Happy End war also schon in der Bibel vorprogrammiert.«

Jetzt fragen wir uns aber doch, wie Dr. Yehuda T. Radday dazu kommt, ein Geschehen vor 2.400 Jahren, von dem uns die Bibel berichtet, das nicht zuletzt über 75.000 Persern das Leben gekostet haben soll und dessen Fortschreibung in der Geschichte so grausame Folgen zeitigte, einfach als humorvolle Parodie zu entlarven.

Haman und zehn Söhne am Galgen.
Illustration zum Buch Esther.

Die Antwort ist einfach: Über Haman heißt es im Jüdischen Lexikon lapidar:[4]

»Die Gestalt ist ebensowenig historisch wie die ganze Estergeschichte.«

Um nun Wesen oder Unwesen von "Semitismus" und "Antisemitismus" zu studieren, vergegenwärtigen wir uns nochmals die Sache mit dem Haman-Brief in dieser merkwürdigen Schlüsselgeschichte:

Das alttestamentliche Buch Esther (Kap. 3, 12-13) erzählt die Geschichte vom Minister Hamán, der seinen König Ahasveros (dessen persischer Name ist Xerxes I, der von 486 bis 465 v.d.Z. regierte) über das Unwesen der Juden im Lande aufklärt. Auf dessen Befehl hin wurde dann ein Brief an alle Fürsten und Landpfleger geschrieben mit der Aufforderung, alle Juden zu vertilgen und ihr Gut zu rauben:[5]

»An alle Völker, Nationen und Sprachen, euer Wohlergehen blühe! Möge es euch kundgetan sein, daß ein Mann vor Uns erschienen ist, nicht aus Unserer Mitte und nicht aus Unserem Reich, sondern von Amalék abstammend, von hohem Geblüt und Hamán benamt, von Uns eine kleine und leichte Gunst erbittend, und zwar: Ein Volk gibt es unter Uns, verächtlicher als alle anderen und hochmütig, bereit zu jedem Übel und jeder Verderbnis, Unser spottend und schadenfroh. Jeden Abend, Morgen und Nachmittag flucht es dem König mit den Worten: "ER ist König für immer, die Völker vergehen aus seinem Land" (Ps. 10:15). Es ist auch undankbar. Kommt und seht, was es jenem armen Pharao antat! [...] Aber immer noch ist ihr Benehmen abscheulich und Unsere Religion ihnen ein Greuel. Somit haben Wir alle einstimmig beschlossen, sie zu vernichten. Wenn dieses Schreiben zu euch gelangt, seid bereit zu erschlagen und auszurotten alle Juden unter Uns, jung und alt, Kinder und Frauen, an einem Tag, und laßt keinen von ihnen lebendig entweichen.«

Neu ist der Gedanke an Parodie nicht. Schon 1903 erschien ein Aufsatz von Moritz Steinschneider mit dem Titel »Purim und Parodie«.[6] Etwa zur gleichen Zeit erschien in Meyers Großem Konversationslexikon folgende Charakterisierung:[7]

»Die Unwahrscheinlichkeiten des ganzen Berichts sind so massenhaft und die Rachgier, welche die Phantasie des Verfassers leitet, so handgreiflich, daß schon Luther den stärksten Anstoß an dem Buche nahm, das in der Tat nur eine legendenhafte Erklärung der Entstehung des jüdischen Purimfestes darstellt. Seine Abfassung fällt in das Zeitalter der Ptolemäer und Seleukiden.«

Luther war in seinen letzten Lebensjahren zu dem Schluß gekommen:[8]

»O, wie lieb haben sie das Buch Esther, das so fein stimmet auf ihre blutdürstige, rachgierige, mörderische Begier und Hoffnung. Kein blutdürstigeres und rachgierigeres Volk hat die Sonne je beschienen, als die sich dünken lassen, sie seien darum Gottes Volk, daß sie sollen und müssen die Heiden morden und würgen. Und ist auch das vornehmste Stück, das sie an ihrem Messias erwarten, er solle die ganze Welt durch ihr Schwert ermorden und umbringen.«

Auch die Encyclopaedia Judaica, Jerusalem 1971, berichtet unter dem Stichwort »Scroll of Esther«, Spalte 1051:[9]

»Nichtsdestoweniger, daß Ernstnehmen Esthers als wahrhafte Geschichte würde viele chronologische und historische Schwierigkeiten bedeuten.«

Gershom Scholem

So hätte etwa Modechai über 100 Jahre alt sein müssen. Außerdem berichtet schon Herodot, daß die Königin Amestris hieß und nicht Esther oder Bashti (deren Vorgängerin) usw. Eine bedeutende Gruppe von Forschern betrachte das Buch Esther ähnlich wie das Buch Daniel als "Pseudepigraphie". Spinoza war schon der Meinung, die Bücher Daniel, Esra, Esther und Nehemia seien von demselben Geschichtsschreiber verfaßt worden, also nicht original.[10] Auch Abba Eban, der ehemalige israelische Außenminister, bekannte:[11]

»Eine der Schwierigkeiten, die dem Historiker bei dem Versuch, die Geschichte der Juden zu schreiben, begegnen, ist das Schweigen der Geschichtsschreibung andrer Völker.«

Im Standardwerk des Göttinger Alttestamentlers Rudolf Smend, Die Entstehung des Alten Testaments, können wir lesen:[12]

»Die mit großem Geschick disponierte und geschriebene, spannend zu lesende Erzählung hat zur geschichtl. Realität ein ganz gebrochenes Verhältnis. [...] Während die Suche nach einem "historischen Kern" - abgesehen von der allgemeinen Lage der Juden in der Diaspora - vergebliche Mühe ist, darf man damit rechnen, daß der Autor älteren Stoff verwendet hat.«

Im Kleinen Lexikon der biblischen Eigennamen von Hans Schmoldt lesen wir:[13]

»Die Ester-Gestalt ist aber unhistorisch; es handelt sich um eine Novelle mit stark völkischer Tendenz, die im 3. oder 2. Jh. v. Chr. abgefaßt wurde.«

Auch Leo Trepp meint:[14]

»Ob sich in Wirklichkeit diese Begebenheit je zutrug, läßt sich historisch nicht beweisen; die Gesinnung, die daraus spricht, kann jedoch jedem nur Vorbild sein.«

Wobei er allerdings das angebliche Abschlachten von mehr als 75.000 Persern geflissentlich unterschlägt.

Auch Chaim Cohen, der Autor des Esther-Beitrags in The Oxford Dictionary of the Jewish Religion (1997) muß zugeben:[15]

»Der Zweck, historisch akurate Elemente mit einzuschließen, muß gewesen sein, Esther mit einem authentischen historischen Hintergrund zu versehen; demnach kann Esther als eine historische Novelle eingeordnet werden.«

Im übrigen müßte ja ein derartiges Ereignis wie die Vernichtung von 75.000 Landeskindern einen Niederschlag in der Geschichtsschreibung und im kollektiven Bewußtsein der Perser gefunden haben (wenn es so etwas gibt); dies scheint nicht der Fall zu sein, wie mir ein in Berlin lebender Iraner versicherte.

Auch andere für die jüdische Identität konstitutive Geschichten sind als reine Mythen zu betrachten, so etwa der "Auszug aus Ägypten". Der Ägyptologe Jan Assman meint dazu:[16]

»Es handelt sich hier um einen Mythos, der seine Wahrheit weniger in der historischen als in der geistigen Realität besitzt.«

Das dürfte die eleganteste Erklärung sein. Der israelische Philosoph Avishai Margalit sprach im Rahmen einer Max-Horkheimer-Vorlesung an der Frankfurter Goethe-Universität über die »Ethik des Gedächtnisses«: Rituell werde auch dann erinnert, wenn der Gegenstand des Erinnerns nicht nur längst vergangen ist, sondern in vielen Fällen vermutlich niemals existent war: die Stunde Null, der Auszugsmythos, der souveräne Wille der Verfassungsgebung, das ursprüngliche Opfer oder der Gründungsheld.[17]

Der Israel-Korrespondent der FAZ, Jörg Bremer, berichtet:[18]

»Die Sagen der Hebräer und Israeliten wurden im babylonischen Exil des sechsten Jahrhunderts vor Christus zum heutigen Kodex geformt. Seine Redakteure waren wohl Priester, die ihre Gemeinde gegen Assimilierung bei Jahwe halten wollten. Sie brauchten Abraham und Moses, David und Salomon, um Tempel und Tora theologisch zu begründen. Sie wollten nicht Historie erzählen, sondern ihre Kultgemeinde festigen.«

Pseudepigraphie

Das Phänomen ist also unter dem Namen "Pseudepigraphie" bekannt, also "Schrifttum, das einem Autor fälschlich zugeschrieben wird" (pseudo = unwahr, unecht; epigráph = Auf- oder Inschrift). Von dem Religionsphilosophen und Kabbala-Forscher Gershom Scholem erfahren wir:[19]

»Pseudepigraphie ist in der Geschichte religiöser Literatur eine vertraute Kategorie. Zu allen Zeiten gab es Autoren, die angeblich von alten Meistern verfaßte oder inspirierte Werke schufen.[...] Praktisch alle apokalyptischen Midraschim sind Pseudepigraphien dieser Art.«

Nicht anders verhält es sich mit Werken der jüdischen Mystik. Jakob Hessing schreibt:[20]

»Mose de Leon hat den von ihm selbst geschriebenen Zohar[[21]] als ein altes, aus Urzeiten überkommenes Werk ausgegeben, und erst die moderne Forschung hat den wahren Sachverhalt aufgedeckt: Er wollte seinem Werk den Nimbus einer ursprünglichen Gottesnähe verleihen, die er den eigenen theosophischen Spekulationen wohl nicht recht zutraute.«

Rückkoppelung

Die Exegese der Texte verstärkt dann wiederum die Bedeutung der pseudepigraphen "Urtexte". Johann Maier berichtet:[22]

»Die kabbalistische Deutung der Torah verstärkte die traditionellen Grundüberzeugungen, und so wurde für den Kabbalisten die Torah zum offenbarten Schlüssel des Verständnisses von allem - bis hin zur Gottheit.«

1792 erinnerte sich Salomon Maimon in seiner Lebensgeschichte:[23]

»Die entferntesten Analogien zwischen Zeichen und Sachen wurden ergriffen, bis endlich die Kabbala in eine Kunst, mit Vernunft zu rasen oder in eine auf Grillen beruhende systematische Wissenschaft ausartete.«

So entstehen "Welten aus dem Nichts"![24] Im Lexikon exegetischer Fachbegriffe lesen wir:[25]

»Die biblische Pseudepigraphie ist nicht als betrügerische Verfasserfiktion, sondern positiv als Verlängerung der Autorität eines Apostels usw. zu sehen. Es handelt sich also nicht um einfache Fälschung oder Imitation, sondern um gezielte Bewahrung und Anpassung bestimmter Tradition."

Bei H. Gunkel lesen wir:[26]

»Das alte Israel denkt [...] über die Lüge bei weitem milder als wir; wenn mit der Lüge nicht eine besonders schändliche Absicht verbunden ist, findet man nichts unehrenhaftes dabei.«

Schon der Philosoph Adolf von Harnack fand:[27]

»Auf die jüdischen Quellen ist kein Verlaß und auf die jüdischen Gelehrten in der Regel auch keiner.«

Auch bei Heinrich Heine werden wir fündig:[28]

»Indem Luther den Satz aussprach, daß man seine Lehre nur durch die Bibel selber oder durch vernünftige Gründe widerlegen müsse, war der menschlichen Vernunft das Recht eingeräumt, die Bibel zu erklären, und sie, die Vernunft, war als oberste Richterin in allen religiösen Streitfragen anerkannt. Dadurch entstand in Deutschland die sogenannte Geistesfreiheit, oder, wie man sie ebenfalls nennt, die Denkfreiheit.«

Rudolf Smend schreibt:[29]

»Die Bibel ist in den letzten 300 Jahren der Gegenstand einer immer heftigeren Kritik gewesen. [...] Diese Kritik war oft, aber keineswegs immer Bestandteil der Kritik am christlichen Glauben überhaupt. Sie schockierte ganze Generationen durch ihre negativen Behauptungen und Nachweise. Die sog. fünf Bücher Mose sind nicht von Mose geschrieben, die Psalmen nicht von David, die messianischen Weissagungen passen großenteils schlecht auf Jesus, von den vier Evangelien hat keines einen Apostel zum Verfasser, nur ein Teil der ausdrücklich dem Paulus zugeschrieben Briefe stammt wirklich von ihm. [...]«

Solche Erkenntnis macht einen Exegeten aber nicht verlegen. Er meint, Bibelkritik hat nicht nur negative, sondern auch positive Ergebnisse gebracht, und zwar durch das Studium,[30]

»wie die biblischen Texte geworden und gewachsen sind. [...] Die Bibel ist damit auf ganz neue Weise ein lebendiges Buch geworden. - Anders gesagt: ein menschliches Buch. Aber wie verträgt sich das damit, daß hier Gottes Wort sein soll? Muß das nun nicht endgültig als überholte Vorstellung aufgegeben werden? In der Tat denken viele so. Aber doch nur im Mißverständnis. Denn je mehr wir die Bibel in ihrer radikalen und totalen Menschlichkeit kennen lernen, um so mehr sehen wir auch, daß sie durch und durch Zeugnis vom Handeln und Reden Gottes sein will und ist. Gott ist uns in ihr nicht direkt greifbar - sonst wäre es ja wohl auch nicht Gott -, und seine Bezeugung durch die Menschen der Bibel ist manchmal bis zur Gegensätzlichkeit verschieden. Aber darin stimmen sie doch überein, daß sie von ihm her und auf ihn hin reden.«

Aus einem Text, an dem (fast) nichts authentisch ist, doch noch einen authentischen Text zu machen, dazu gehören schon einige dialektische Fähigkeiten! Schon Georg Christoph Lichtenberg spottete:[31]

»Soviel ist ausgemacht, die christliche Religion wird mehr von solchen Leuten verfochten, die ihr Brot von ihr haben, als solchen, die von ihrer Wahrheit überzeugt sind.«

Der Clou bei der ganzen Geschichte mit dem Haman-Brief ist aber nun dies: Die parodistisch von Juden selbst erhobenen Vorwürfe gegen sich selbst entsprechen im wesentlichen den tatsächlichen Vorwürfen der anderen Völker gegen Juden, wie sie bereits in der Antike erhoben wurden (z.B. von Cicero, Diodoros, Hekataios, Justinus, Juvenalis, Persius, Quintilianus, Seneca, Suetonius, Tacitus, Tertullianus), ja wie sie teilweise auch im Alten Testament vorkommen. Wenn nun dieser Haman-Brief die Vorlage für alle späteren, gegen Juden gerichteten Pamphlete sein soll, wie Prof. Radday versichert, dann ist es wohl nicht abwegig, auch die berühmt-berüchtigten Protokolle der Weisen von Zion, als ein Werk von jüdischer Hand anzusehen, selbst wenn die Gespräche in der protokollierten Form nicht stattgefunden haben sollten.

»Die Protokolle der Weisen von Zion stellen eines der infamsten Dokumente des Antisemitismus dar. Angeblich handelt es sich um die Mitschrift von vierundzwanzig Sitzungen eines Kongresses von Repräsentanten der "zwölf Stämme Israels", die sich unter der Leitung eines Oberrabbiners zusammengefunden haben, um die Eroberung der Welt zu planen. Dieser Kongreß hat nie stattgefunden. [...] Was das reale Kommunistische Manifest für den Marxismus war, das stellten die fiktiven Protokolle für den Antisemitismus dar. Sie ermöglichten es den Antisemiten, ihre Nemesis, den Juden, sowohl als ein der westlichen Zivilisation innewohnendes Element wie auch als ihren Anderen zu sehen. Diese anthropologische Sicht bereitet in der Tat den Boden für die in dem Pamphlet zum Ausdruck gebrachte Theorie. Hinter den unzähligen Ausdrucksformen des Hasses auf die Juden steckt die Kontinuität des Vorurteils.«

Das steht in einem der neuesten Werke zum Thema von Stephen Eric Bronner: Ein Gerücht über die Juden.[32] Ist das nicht genau das, was Radday von jenem ersten fiktiven Dokument sagt, das die Juden als Parodie in die Welt gesetzt haben? Dies wäre vermutlich eine neue "Verschwörungstheorie"; die Protokolle wären echt und unecht zugleich, was doch der jüdischen Neigung zum Paradoxen entspräche. Während die Protokolle früher in Rußland zumindest zeitweise verboten waren, kann man sie heute in Deutschland sogar in einem linken Verlag erwerben.[33] Soviel Vertrauen hat man offenbar in die Schutzwirkung der "Verschwörungstheorie-Keule".

Autoren, die die Protokolle als Fälschung zu entlarven suchen, weisen gerne darauf hin, daß wesentliche Passagen aus einer 1865 erschienenen Streitschrift gegen Napoleon III von Maurice Joly, einem angeblichen Antisemiten, abgeschrieben seien. Ein Streit in der Hölle - Gespräche zwischen Machiavelli und Montesquieu über Macht und Recht wurde 1990 von Hans Magnus Enzensberger im Eichborn Verlag neu herausgegeben. Der Originaltitel lautet Dialogue aux enfers. Aus einem Leserbrief eines gewissen Andrew de Ternant an den Spectator unter dem 10. September 1921 geht hervor, daß sein Vater eng mit Joly befreundet war und daß das Buch im Auftrag eines in der Schweiz lebenden deutsch-jüdischen Bankiers veröffentlicht wurde. Derartige Enthüllungen haben aber gewöhnlich wenig Wirkung, denn wer ihnen auch nur den geringsten Erkenntniswert beimißt, sieht sich schon als Antisemit, auf jeden Fall als Paranoiker oder gar als Befürworter von Pogromen abgestempelt, denn:[34]

»Verschwörungstheorien gehören wesentlich zu den modernen Ausprägungen des Judenhasses: Bis heute wirft der Antisemitismus seine schwarzen Schatten auf den Konspirationsdiskurs.«

Ein interessanter Leserbrief zu den "Protokollen" (Zum Vergrößern anklicken)

Nicht zuletzt dienen doch die Protokolle, die den Juden angeblich oder tatsächlich so viel Unbill gebracht haben, dazu, »eine Profilierung in ethnischer oder religiöser Hinsicht mit dem Ziel der Selbstbehauptung« zu fördern, wenn Spannungen fehlen und »angesichts des problemlosen Umweltverhältnisses die Assimilation« überhandnimmt. So lautet das Motto der Schriftenreihe Judentum und Umwelt, hrsg. von Johann Maier; so kann man das Umweltproblem auch sehen!

Ähnlich wie die Faschismus-Keule nach Hans Helmut Knütter kann man die Protokolle in Form einer "Verschwörungstheorie-Keule" einsetzen, mit deren bloßer Erwähnung man jedem das Wort verbieten kann. Man braucht bloß zu sagen, dieses oder jenes stünde auch in den Protokollen, und die seien ja als Fälschung längst entlarvt und außerdem "antisemitisch". Im Windschatten dieses imaginären Schutzschirms läßt sich dann getrost das inkriminierte Programm (so oder ähnlich) verwirklichen. Immer wiederkehrende Berichte über die schlimme Geschichte der Protokolle und ihre fatalen Folgen verstärken den Schutzmechanismus. Man könnte es auch eine Art "Telelobothomie" nennen, eine durch Fernwirkung erfolgte Stillegung eines engumgrenzten Teils des Denkapparates. Es entstehen »Inseln der Denk- und Urteilslähmung«, wie sie Mathilde Ludendorff in Fortführung der Erkenntnisse des Psychiaters Kräpelin beschrieben hat.[35]

Die Methode ist ähnlich wie der Faschismusvorwurf nicht zu schlagen. Wer dagegen aufbegehrt, sieht sich schon im voraus verurteilt, ja die Einweisung in die Psychiatrie liegt nahe. Martin Blumentritt konstruiert hierfür folgenden Fall:[36]

»Wenn beispielsweise ein Mensch von der fixen Idee besessen ist, alle rothaarigen Kellner trachteten ihm nach seinem Leben, so wird er sicher an einen Psychiater verwiesen, obwohl diese seine Wahnidee psychologisch nichts anderes ist als die Wahnidee Hitlers von der jüdischen Weltverschwörung.«

Für Blumentritt bedeutet Aufklärung Abbau von Vorurteilen. Antisemitismus gilt natürlich als Vorurteil. So werden Handlungsstrategien mit einem imaginären Schutzschirm gewissermaßen unsichtbar und unbenennbar. Juden aber müßten von Hause aus vorurteilsfrei sein; sofern sie es nicht sind, spricht man von "jüdischem Selbsthaß". Blumentritt hat wohl eine dunkle Ahnung davon:[36]

»Das Vorurteil der eigenen Vorurteilslosigkeit ist das hartnäckigste Vorurteil überhaupt.«

Aber nicht nur den altjüdischen Geschichten fehlt der reale Kern, wenn wir dem New Yorker Historiker Yosef Hayim Yerushalmi folgen:[37]

»Juden, die noch vom Zauber der Tradition gebannt sind oder dorthin zurückgefunden haben, finden die Arbeit des Historikers irrelevant. Ihnen geht es nicht um die Historizität des Vergangenen, sondern um seine ewige Gegenwart. Wenn der Text unmittelbar zu ihnen spricht, muß ihnen die Frage nach seiner Entwicklung zweitrangig oder völlig bedeutungslos vorkommen. [...] Viele Juden suchen heute nach einer Vergangenheit, aber diejenige, die der Historiker zu bieten hat, wollen sie ganz offensichtlich nicht. [...] Der Holocaust hat bereits mehr historische Forschungstätigkeit ausgelöst als jedes andere Ereignis der jüdischen Geschichte, doch für mich steht völlig außer Zweifel, daß sein Bild nicht am Amboß des Historikers, sondern im Schmelztiegel des Romanciers geformt wird. Seit dem 16. Jahrhundert hat sich viel geändert, doch eines ist seltsamerweise gleich geblieben: Es sieht so aus, als seien die Juden damals wie heute nicht bereit, sich der Geschichte zu stellen (wenn sie sie schon nicht überhaupt ablehnen). Sie scheinen lieber auf einen neuen, metahistorischen Mythos warten zu wollen, und der Roman eignet sich wenigstens einstweilen als modernes Surrogat dafür.«

Hoffentlich darf man das zitieren; immerhin ist auch dieser Text in einem linken Verlag erschienen.

Offiziell abgesegnete Geschichtsschreibung (politically correct) und romanhaftes Surrogat scheinen ein merkwürdiges Versteckspiel miteinander zu treiben, lesen wir doch zum Beispiel bei dem allseits geschätzten jüdischen Philosophen Yeshajahu Leibowitz, der »Selbstkritik des Judentums auf höchstem Niveau«[38] betrieb (er ist 1994 gestorben):[39]

»[...] kann man mit ziemlicher Sicherheit sagen und sich an allen Fingern abzählen, daß ohne Hitler das Dritte Reich nicht entstanden wäre. Deshalb ist Adolf Hitler die größte Persönlichkeit der Menschheitsgeschichte.«

Wer hätte das gedacht?!


Anmerkungen

[1]»Indeed, the expression of animosity toward the Jews is found as early as the statement of Haman: "There is a certain people..."« (siehe Werblowsky/Wigoder: »Antisemitism«, S. 53).
[2]Jehuda T. Radday, Magdalena Schultz (Hg.), Auf den Spuren der Parascha - Ein Stück Tora - Zum Lernen des Wochenabschnitts, Diesterweg, Frankfurt am Main / Sauerländer, Aarau / Institut Kirche und Judentum, Berlin 1989 ff., Arbeitsmappe 2.
[3]Daniel Krochmalnik in: Landesverband Bayern der Israelitischen Kultusgemeinden, März 1995, S. 5.
[4]Jüdisches Lexikon, 1927, S. 1370.
[5]Der Hamán-Brief, Esther 3, 12-13, nach Y. T. Radday, Auf den Spuren der Parascha, Bd. 1, 1989. Für jene, die nicht im Besitz der "Heiligen Schrift" sind, hat Erich Glagau die Geschichte nochmals nacherzählt: Eine Königin läßt morden. Ein biblischer Kriminalroman; Werner Symanek, Bingen am Rhein 1994.
[6]MGWJ - Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums, Breslau, Nr. 47, S. 283-286.
[7]Meyers Großes Konversations-Lexikon, 6. Bd., S. 128.
[8]Ausgewählte Werke, Chr. Kaiser, München 1936, Bd. III, S. 81.
[9]»Nevertheless, accepting Esther as veritable history involves many chronological and historical difficulties.«
[10]Carl Gebhardt, Günter Gawlick (Hg.), Sämtliche Werke, Felix Meiner, Hamburg 1994, Bd. III, S. 177.
[11]Das Erbe - Die Geschichte des Judentums, Ullstein, Frankfurt am Main/Berlin 1986, S. 35.
[12]4. Aufl., W. Kohlhammer, Stuttgart u.a. 1978, S. 221.
[13]Reclam, Stuttgart 1990, S. 73.
[14]Leo Trepp, Die Juden - Volk, Geschichte, Religion, Rowohlt, Reinbek 1998, S. 364.
[15]»The purpose of including historically accurate elements must have been to provide Esther with an authentic historical background; thus Esther can be categorized as a historical novella.« (S. 236)
[16]Politische Theologie zwischen Ägypten und Israel, Carl Friedrich von Siemens Stiftung, München 1992, S. 110.
[17]Nach Jürgen Kaube: »Mit Lücken« in: FAZ vom 26. Mai 1999, S. N5.
[18]»Kein Platz für Christi Stellvertreter« in: FAZ vom 18. März 2000, S. I.
[19]Sabbatai Zwi - Der mystische Messias, 1. Aufl., Jüdischer Vlg., Frankfurt a. M. 1992, S. 262.
[20]»Talmud und Kabbalah« in: Jüdische Rundschau Maccabi vom 12. September 1996, S. 23.
[21]Sefer ha-Zohar, "Buch des Glanzes", das Hauptwerk der Kabbala, das von der Tradition Simon ben Jochai (1. Hälfte des 2. Jh. n.Chr.) zugeschrieben wird. Die moderne Forschung, an der Scholem maßgeblich Anteil hatte, diskutiert die Zuschreibung des Buches bzw. seines Hauptteiles an Mose ben Schem Tov de Leon (gest. 1305). Nach Scholem, Judaica, Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1997, Bd. 6, S. 59, Fußnote 12. In der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg erstand Scholem in einem Münchner Antiquariat ein Exemplar in französischer Übersetzung. Der Verfasser, Jean de Pauly, angeblich ein albanischer Adliger, aber nach Scholem ein getaufter Jude aus Ostgalizien, hatte versucht, christliche Dogmen in den Text einzuschmuggeln. Der Übersetzung war ein Anmerkungsband von fast fünfhundert Seiten beigefügt, der, wie Scholem herausfand, von Anfang bis Ende erfundene Zitate enthielt. Der Übersetzer war ein meisterhafter Erfinder und pathologischer Schwindler. Gershom Scholem, Von Berlin nach Jerusalem, Suhrkamp, Frankfurt a.M. 1997, S. 138f.
[22]Die Kabbalah, C. H. Beck, München 1995, nach Jakob Hessing, »Talmud und Kabbalah« in: Jüdische Rundschau Maccabi vom 12. September 1996, S. 23.
[23]Union, Berlin 1988, S. 76.
[24]Jüdisches Lexikon, 1927, »Religion, jüdische«, Spalte 1335.
[25]Paul-Gerhard Müller, Katholisches Bibelwerk, Stuttgart 1985, S. 204f.
[26]Genesis; Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1917; nach Radday, Auf den Spuren..., Bd. 6, S. 35.
[27]Lehrbuch der Dogmengeschichte; nach Friedrich Niewöhner, »Das Halbe und das Ganze«, in: FAZ von 23. Februar 2000, S. N 5.
[28]Die Luther-Bibel CD-ROM, Directmedia, Berlin 2000, Einführung.
[29]Rudolf Smend, Altes Testament christlich gepredigt, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2000, S. 108.
[30]AaO., S. 108f.
[31]Sudelbücher, Frankfurt 1984, nach Karlheinz Deschner, Der gefälschte Glaube - Die wahren Hintergründe der kirchlichen Lehren; 7. Aufl., Heyne, München 1995.
[32]Ein Gerücht über die Juden - Die "Protokolle der Weisen von Zion" und der alltägliche Antisemitismus, Propyläen/Ullstein, Berlin 1999, S. 9f.
[33]Jeffrey L. Sammons (Hg.), Wallstein-Verlag, Göttingen 1998.
[34]Michael Angele, »Der Feind ist maskiert und lauert überall - Verschwörungstheorien und der Wahn von der großen bösen Absicht« in: FAZ vom 3. August 2000, S. 50.
[35]Induziertes Irresein durch Occultlehren (1933); Hohe Warte, Pähl 1970; vgl. Hans Pedersen, »Das Loch in der Tür«, VffG, 1(2) (1997), S. 79-83.
[36]Die politische Dimension von Vorurteilen; überarbeitete Internet-Fassung eines Vortrages »Vorurteil ohne Ende« vom 18. 11. 1977 in Loccum, S. 5.
[37]Yosef Hayim Yerushalmi, Zachor: Erinnere Dich! - Jüdische Geschichte und jüdisches Gedächtnis, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 1996, S. 102-104.
[38]Rudolf Kreis, »Zur Beantwortung der Frage, ob Ernst Nolte oder Nietzsche mit dem Judentum "in die Irre" ging« in: Aschkenas, 2. Jg., 1992, S. 307, Anm. 99.
[39]Gespräche über Gott und die Welt, Dvorah, Frankfurt am Main 1990, S. 210.

Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 5(2) (2001), S. 205-209.


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