Realität und Wirklichkeit

Von Ernst Manon

Seit einiger Zeit erscheinen in verschiedenen revisionistischen Zeitschriften Aufsätze von Autoren (Großkopf, Petermann, Wiesenberg, zuletzt Damian), die versuchen, eine Brücke zwischen dem naturwissenschaftlichen, objektiven, realitätsbezogenen Lager und dem eher erlebnisorientierten, subjektiven Lager herzustellen. Die Autoren haben verschiedene Holocaust-Prozesse besucht und machen sich durchaus ein realistisches Bild von dem, was dabei vor sich geht. Auf der anderen Seite werben sie für Verständnis für jene, die die Realität nicht ertragen können und daher ein Leben für die Ordnung leben, die sie sich in innerer Wirklichkeit geschaffen haben.[1] Hier stehen sich Menschen feindlich gegenüber, die in zwei ganz verschiedenen Grundhaltungen verankert sind.[2] Naturwissenschaft gegen Naturreligion - Realität gegen Wirklichkeit (Wirk-lichkeit im Sinne C. G. Jungs ist das was wirkt).

Im revisionistischen Lager sind vorzugsweise Naturwissenschaftler, Diplom-Ingenieure und ähnlich realitätsbezogene Menschen anzutreffen. Wo sie auf jene vom anderen Lager treffen, entstehen oft ärgerliche Mißverständnisse, die Familien, Freundschaften und Generationen spalten. Nehmen wir also die vorgebrachte Argumentation einmal ernst und stellen uns einen Diplom-Ingenieur, Fachrichtung Maschinenbau, vor, der in Anwendung der Naturgesetze und seines erlernten, objektiven Fachwissens einen neuartigen Motor entwickelt hat. Dann baut er einen Prototyp, und es stellt sich heraus, daß der Motor läuft - er "wirkt". Realität und Wirklichkeit (im Sinne Damians) stimmen überein. Es besteht kein Grund zu einem Konflikt.

Warum ist es nun so ganz anders, wenn es um die Wirk-lichkeit weltanschaulicher oder religiöser Konzepte geht? Wäre es nicht denkbar, daß die subjektiv wirkenden Konzepte, Mythen, Legenden, Religionen, Weltanschauungen, Ideologien - oder wie immer man es nennen will - der objektiven Realität des Lebens entsprechen, ihr zumindest nicht grundsätzlich widersprechen?

Psychologisch gesehen lassen sich zwei gegenstrebige Tendenzen unterscheiden. Da ist einmal der Wunsch des Menschen, sein Konzept von der Welt mit dieser in Übereinstimmung zu bringen. Wo dies nicht gelingt, entsteht das, was Leon Festinger "Kognitive Dissonanz" (cognitive dissonance theory) genannt hat, und die bereitet Unbehagen. Das Bestreben, diese "Kognitive Dissonanz" zu überwinden, ist gleichbedeutend mit Forschung, Erkenntnis und Aufklärung.

Auf der anderen Seite gibt es das Bestreben, der scheinbar oder tatsächlich unbefriedigenden Realität zu entfliehen, sich Rückzugsgebiete zu schaffen, die Schutz vor den Zumutungen des Lebens gewähren, vielleicht sogar eine Kraftquelle der Lebensbewältigung darstellen. Wer könnte schon von sich sagen, daß er auf derartige Strategien völlig verzichten könnte? Katastrophen, Krankheit, Leid, der Tod, aber auch das Gefühl der Sinnlosigkeit, der Vergeblichkeit menschlichen Strebens, nicht zuletzt auch die Erkenntnis, daß es im Leben nicht immer "gerecht" zugeht, haben den Menschen seit jeher angeregt, nach Lösungen zu suchen. Lebensangst ist vielleicht der Hauptnenner dieser Problematik. Nicht jedem ist es gegeben »Über das Mißlingen aller philosophischen Versuche in der Theodicee«, wie es Kant ausdrückte, zu erkennen, daß das Problem in der falschgestellten Frage liegt.[3]

Spinoza meinte:[4]

»Welche Anmaßung erlaubt sich nicht die Torheit des Volkes, weil es weder von Gott noch von der Natur einen richtigen Begriff hat, weil es Gottes Beschlüsse mit menschlichen Beschlüssen verwechselt und weil es sich endlich die Natur derart begrenzt vorstellt, daß es den Menschen für ihren vornehmsten Teil hält.«

Auch Maimonides war der Ansicht:[5]

»Die Quelle des ganzen Irrtums ist, daß der Unwissende und seinesgleichen aus dem Volke das Universum allein nach dem menschlichen Individuum beurteilt. Jeder dieser Unwissenden wähnt, das ganze Universum existiere nur für seine Person, als ob es kein anderes Wesen gäbe als ihn allein. Wenn das, was ihm begegnet, seinen Wünschen zuwider ist, so schließt er, daß alles Sein voll Übel ist. Betrachteten jene Menschen das Universum und erwögen sie, welch einen geringfügigen Teil desselben der Mensch bildet, so würde ihnen die Wahrheit offenbar.«

Nun gibt es wieder zwei grundsätzlich unterschiedliche Strategien: Einmal "tröstende" Methoden der Bewältigung, der scheinbaren Erklärung, des Abwiegelns oder gar Verleugnens, nicht zuletzt die Angebote der Religionen. Andererseits gibt es paradoxe Strategien: Wer z.B. unter Lebensangst leidet, kann eventuell damit fertig werden, indem er diese "kultiviert", gewissermaßen das Übel "an die Wand malt".

Paradoxe Intention

Psychologisch gesehen handelt es sich um einen Trick, mit der Angst fertig zu werden. Ossip Mandelstam drückte in einem Text von 1928 einmal den Versuch, die Angst in einem Paradox magisch zu bannen, so aus:[6]

»Die Angst nimmt mich bei der Hand und führt mich. Ein weißer zwirnener Handschuh. Ein Handschuh ohne Finger. Ich liebe, ich verehre die Angst. Beinahe hätte ich gesagt: Wenn sie bei mir ist, habe ich keine Angst!«

»Schizophrenie ist nichts anderes als die Angst zu existieren«, schreibt der Dichter und Psychiater Ernst Augustin in einem seiner Romane, in dem er die Schizophrenie, die Spaltung der inneren und äußeren Welt, geradezu als die conditio humana schildert.[7]

Ein Sprichwort sagt, man solle den Teufel nicht an die Wand malen. Bei diesem Trick aber handelt es sich um die gegenteilige Absicht - eine paradoxe Intention. Es verwundert nicht, daß es ein jüdischer Arzt und Psychiater war, der daraus ein therapeutisches Konzept gemacht hat: Viktor Frankel. Eines seiner bekanntesten Beispiele: Jemand beobachtet, daß er in Schweiß gerät, wenn er seinem Vorgesetzten die Hand gibt. Das nächste Mal erwartet er bereits den Schweißausbruch, und die Erwartungsangst treibt ihm auch schon den Angstschweiß in die Poren. Der Betreffende wird nun angewiesen, sich geradezu vorzunehmen, dem anderen recht viel vorzuschwitzen. Damit ist der Angst gewissermaßen der Wind aus den Segeln genommen. Die Methode ist genial; man kann sie auch ohne Therapeuten und ohne Analyse der frühkindlichen Traumata anwenden und das Honorar für den Analytiker sparen.

»Der Patient soll die Neurose objektivieren und sich von ihr distanzieren. Der Patient soll lernen, der Angst ins Gesicht zu sehen, ja ihr ins Gesicht zu lachen. [...] Nichts läßt den Patienten von sich selbst so sehr distanzieren wie der Humor.«[8]

Bekanntlich ist es nicht ratsam, einem Künstler vor seinem Auftritt "Viel Glück!" oder "Gutes Gelingen!" zu wünschen. Man wünscht "Hals- und Beinbruch!" Vor einem riskanten Unternehmen sagt man mitunter "Wird schon schiefgehen!" Der Künstler hat "Lampenfieber", er fürchtet, zu versagen, sich zu blamieren, der Artist fürchtet, abzustürzen und sich tatsächlich Hals und Bein zu brechen. (Daß diese Redensart angeblich eine Verballhornung aus dem Jiddischen darstellt - Leserbriefhinweise in der FAZ vom 25. September und 13. Oktober 1999 - ist hier ohne Bedeutung.) Indem das, was Angst macht, offen angesprochen, ja sogar rituell gewünscht wird, ist der Angst auf parodistische Weise "der Wind aus den Segeln genommen" und man fühlt sich wieder frei und zuversichtlich.

Wer also unter "Lebensangst" leidet, tut gut daran, diese nicht zu verdrängen, sondern im Gegenteil zu imaginieren, zu phantasieren, zu memorieren, um sie zu "bannen". Das Ziel sollte aber die Heilung sein und nicht, einen Lebensstil daraus zu machen. Dies ist aber der Fall, wenn es bei Juden heißt: "In jeder Generation wird man versuchen uns zu vernichten", oder gar, wenn Hitler als Verkörperung Hamans, oder wenn wir Deutsche als Verkörperung Amaleks dazu herhalten müssen, Juden bei ihren Identitätsproblemen zu helfen.

Michael Wolffsohn, Historiker an der Bundeswehr-Universität in Neubiberg bei München, bekennt:[9]

»Es gehört zur tragischen Absurdität diasporajüdischer Existenz, daß allein der Holocaust für die nichtreligiösen Diasporajuden das jüdische Nichts ausfüllt und somit als einziger Stifter jüdischer Identität bleibt. Die Holocaust-Erinnerung der nichtreligiösen, also der meisten Diasporajuden, hat weitreichende Folgen für das Verhältnis zu Deutschland: Sie nehmen das neue Deutschland der Bundesrepublik eigentlich immer noch als das alte, nationalsozialistische und strukturell judenmörderische wahr. Das ist kein Antigermanismus oder Deutschen-Haß, sondern die verzweifelte und verständliche Suche nach jüdischer Identität.«

Alain Finkielkraut geht noch einen Schritt weiter und spricht von einer Umkehrung der Rollen:[10]

»In einer Zeit, da die Menschen ohne Perspektive, von der Hand in den Mund leben, scheint das Judesein eine beneidenswerte Existenzberechtigung zu liefern. [...] Inzwischen ist er der Verwurzelte, und der philosemitische Durchschnittsbürger, der ewig herumirrende Goi, erlebt sich als Mann ohne Eigenschaften, entwurzelt, heimatlos.«

Oder:[11]

»Ah, wie süß es doch ist, am Ende des 20. Jahrhunderts, ein Jude zu sein! Wir sind nicht länger die Angeklagten der Geschichte, wir sind ihre Lieblinge.«

Eine weitere, weitaus gefährlichere Methode der "Erlösung" von dem Übel ist der Sprung in den Abgrund. Siegmund Hurwitz in Psyche und Erlösung:[12]

»Die häretischen Kabbalisten der sabbatianischen Bewegung leiteten nämlich [...] die Theorie ab, daß zur Gewinnung des Tiqun [oder Tikkun, d.i. Erlösung, Weltverbesserung] auch die Sünde mit einbezogen werden müsse. Sie knüpften bei ihren Überlegungen an das bekannte Bibelwort an: "Du sollst den Herrn, deinen Gott lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit deiner ganzen Kraft." Bereits ein alter Bibelkommentar (Sifrê z.St.) sowie der Talmud (Babylonischer Talmud, Traktat Berakot 9,5) hatten das Wort "ganz" in dem Sinne interpretiert, daß man Gott nicht nur mit dem guten, sondern auch mit dem bösen Triebe dienen könne. Diesen Gedanken haben die häretischen Kabbalisten konsequent zu Ende gedacht und ähnlich formuliert, wie seinerzeit die Schüler des Gnostikers Karpokrates [1. Hälfte des 2. Jh. nach Chr.], die ihrem Meister den Ausspruch zuschrieben: "Du kannst nur von der Sünde erlöst werden, die du begangen hast." [Was für eine bestechende Logik, daraus den Schluß zu ziehen, daß man sündigen müsse, um die Erlösung herbeizuführen!...]. Die Sünden, die der Erlöser auf sich nimmt, sind geradezu ein Kriterium seiner Auserwähltheit, und es bestehen lediglich gewisse Meinungsverschiedenheiten unter seinen Anhängern darüber, ob das Praktizieren der Sünde dem Messias allein vorbehalten bleibt oder ob es auch von seinen Anhängern geleistet werden müsse.«

Schon 1222 berichtet Caesarius von Heisterbach über die "Brüder vom freien Geiste", die dem Grundsatz huldigten:[13]

»Wer im Schoße des hl. Geistes lebt, kann jede Sünde begehen, weil der ihm innewohnende Gott nicht sündigen kann.«

Auch die Frankisten als Nachfolger der Sabbatianer im 18. Jahrhundert huldigten der "felix culpa", der Heiligen Sünde, die bei ihnen die Form eines rituellen Libertinismus' annahm. Sie bezogen sich auf eine eigenwillige Auslegung des Psalms 146: »Lobet den Herrn, der das Verbotene erlaubt!« und auf Talmudsprüche. Alles war erlaubt, Lüge, Ehebruch, jede Moral ins Gegenteil verdrehend, Wahrheit in Absurdität. Einige der Sprüche Franks lauten:

»Wirf von dir, was du gelernt hast! Trample herum auf allen Gesetzen, die du gelernt hast und gehorche nur mir! Alles, worauf ich trete, wird vergehen. Ich bin gekommen, alles zu zerstören! [...] Wie kann Gott eine Welt erlauben, die voller Tod und Elend ist. Das widerspricht seiner Allmacht. Nein, der diese Welt erschaffen hat, kann nicht der wahre Gott sein.«

Die religiösen Riten der Frankisten bestanden aus exstatischem Singen und Tanzen, begleitet von wildem Händeklatschen, ähnlich wie bei den Chassiden und Chlysten (Geißler) im alten Rußland, aber unter Beteiligung der Frauen. Die Zeremonien endeten dann, nachdem sich alle entkleidet hatten, in Sexorgien. Der Autor, der dies berichtet, Arthur Mandel, fühlt sich angesichts des leidenschaftlichen Nihilismus' der Frankisten an Sprüche und Bräuche unserer 68er erinnert.[14] Auch bei Walter Laqueur finden wir einen Hinweis darauf, daß sabbatianisches Ideengut nicht nur der Vergangenheit angehört:[15]

»Die Gottheit (Schechina) manifestiere sich in jeder Tätigkeit des Menschen, sogar in der Sünde«

Was in Wiener Kaffeehäusern ausgeheckt wurde

»Ein Theoretiker, der vielleicht der einzige Kopf des ungarischen Kommunismus war, beantwortete meine Frage, ob Parteiführer ihre eigenen Genossen belügen und täuschen dürften, mit folgender Feststellung: Die kommunistische Ethik mache die Anerkennung der Notwendigkeit, Böses zu tun, zur höchsten Pflicht. Dies, so erklärte er, sei das größte Opfer, das uns die Revolution abverlange. Der wahre Kommunist sei davon überzeugt, daß sich das Böse durch die Dialektik der Geschichte in Gutes verwandele. [...]«[16]

Diese Sätze aus einem Artikel von Ilona Duczynska, der Frau von Karl Polányi und selbst "apostolisches Mitglied" eines kommunistischen Zirkels, sind in einem 1939 in England erschienenen Buch, The Communist International, von Franz Borkenau zitiert. Borkenau war früher selbst Kommunist gewesen und gab hier einen Hinweis auf eine Geheimlehre, die eine nachhaltige Faszination auf westliche Intellektuelle ausgeübt hat, bot sie doch eine Rechtfertigung für die Ablehnung des gewöhnlichen Menschenverstandes und der konventionellen Moral. Sie bot einer esoterischen Elite die berauschende Vision des seligmachenden Augenblicks nach den "letzten Dingen". Diese dialektische Theorie des Bösen sei nie veröffentlicht worden. Dennoch hat sich dieses kommunistische Evangelium als eine Geheimlehre von Mund zu Mund ausgebreitet, bis man darin schließlich den eigentlichen Maßstab für einen "wahren Kommunisten" erblickte.

Angefangen hat es mit einer obskuren kommunistischen Bewegung, von »ungefähr dreißig Leuten, die in Wiener Kaffeehäusern herumsitzen« und deren Theoretiker nach Borkenau Georg Lukács hieß. Dessen Vater war der schwerreiche Steppdeckenfabrikant József Löwinger aus dem südungarischen Szeged, der sich, nachdem er 1901 ein Adelsprädikat erworben hatte, "von Lukács" nannte. Seine Mutter stammte aus einer der ältesten und wohlhabendsten jüdischen Familien Osteuropas, die einige der bekanntesten Talmudgelehrten und Rabbis hervorgebracht hat. Georg verabscheute sie wegen ihres großbürgerlichen Gehabes; schon im Gymnasium faszinierte ihn franziskanische Armut. Der Selbstmord der Malerin Irma Seiler, für die er eine heftige Schwärmerei hegte, wurde für ihn zum Dreh- und Angelpunkt: Von dem Gedanken gepeinigt, ein großer Sünder zu sein, fand er den rettenden Ausweg bei Dostojewski, der ihn lehrte, daß ein Leben in Rechtschaffenheit die Reinheit oder Lauterkeit voraussetzt, daß man aber durch die Sünde zur Erlösung gelangen kann. Fasziniert war er auch von Fichtes Geschichtsphilosophie. Er sprach oft über Fichte »der gesagt hat, die Menschheit müsse auf dem Weg zu ihrer Rechtfertigung das Zeitalter der absoluten Sündhaftigkeit durchlaufen. Heute ist dieses Zeitalter gekommen, und wer es versäumt, das Gebot der Zeit zu befolgen, der lehnt nicht die Sünde ab, sondern den einzigen Weg, der aus der Sünde herausführt.«

Ende 1918 trat Lukács der Ungarischen Kommunistischen Partei bei. Er hatte den Sprung über den Abgrund des Glaubens getan, der zur »Metamorphose der ganzen Existenz eines Menschen« führt und der eine ganze Gruppe von "Virtuosen" der politischen Moral hervorbrachte, deren Leben sich in einem ständigen Wechsel zwischen Sünde und Läuterung bewegte und die ständig in schrecklicher Ungewißheit darüber lebten, ob am Ende die Erlösung oder die Verdammnis stehen würde. Als er sich dem Kommunismus anschloß, wußte er, »daß er die Sünde wählte, denn die Menschheit sei nur über den Weg der Sünde erlösbar. Die Sünde war [...] die Gewalt.«[17] In dem Aufsatz Taktik und Ethik, den er kurz nach seinem Parteibeitritt verfaßt hat, heißt es zum Schluß:

»Morden ist nicht erlaubt, es ist eine unbedingte und unverzeihliche Schuld; es darf zwar nicht, aber es muß dennoch getan werden. Mit anderen Worten: Nur die mörderische Tat des Menschen, der unerschütterlich und alle Zweifel ausschließend weiß, daß Mord unter keinen Umständen zu billigen ist, kann - auf wahrhaftige und tragische Weise - moralischer Natur sein.«

Diese Gedanken gehen unmittelbar auf Lukács' Lektüre der Schriften von Boris Sawinkow zurück, dem Terroristenführer der Sozialrevolutionären Partei. Unter dem Pseudonym V. Ropschin hatte dieser 1909 den Roman Das fahle Pferd mit seinen Anklängen an die Apokalypse des Johannes veröffentlicht. Für ihn war der Terrorismus ein Akt der Liebe, eine Tat, die, wie die Auferstehung Christi, in den »Sozialismus und den Anbruch des Paradieses auf Erden« münden werde.

Als Lukács Volkskommissar für Unterricht wurde, erklärte er, seine Aufgabe sei die »Revolutionierung der Seelen«. Später, als Politkommissar der Fünften Division, ließ er einmal acht davongelaufene Rotarmisten erschießen. »Dadurch war die Ordnung im großen und ganzen wiederhergestellt«. In verkappter Form hat Thomas Mann in seinem Roman Der Zauberberg (1924) ein beklemmendes Portrait von Lukács entworfen - in der Gestalt Leo Naphtas, des jüdisch-jesuitischen Revolutionärs, der den liberalen Settembrini entsetzt, indem er den Terror kaltherzig als Mittel zur Befreiung der Epoche von dem dümmlichen liberalen Glauben an das Gute befürwortet.[18]

Wahrscheinlich wird Lukács auch Dostojewskis Roman Die Dämonen gekannt haben. In der Gestalt des Revolutionärs Pjotr Werkowjenski hat der Dichter Sergej Netschajew portraitiert, der 1869 einen Katechismus des Revolutionärs verfaßt hatte. Darin heißt es:[19]

»Der Revolutionär ist ein Geweihter. Es gibt für ihn weder persönliche Interessen, noch Geschäfte, Gefühle, Bindungen, er besitzt nichts, nicht einmal einen Namen. Sein Geist wird völlig in Anspruch genommen von einem einzigen, ausschließlichen Interesse, einem einzigen Gedanken, einer einzigen Leidenschaft: der Revolution. [...] Tief in seinem Innern, nicht nur mit Worten, sondern auch tatsächlich, hat er alle Bande gelöst zwischen sich und der bürgerlichen Ordnung und der ganzen zivilisierten Welt mit den Gesetzen, Konvenienzen, der Moral und den Konventionen, die allgemein in dieser Welt Gültigkeit haben. Er ist ihr unversöhnlicher Feind, und wenn er weiterhin in dieser Welt lebt, dann nur, um sie desto sicherer zu zerstören. [...] Ein Revolutionär nimmt am Leben des Staates teil, an der Welt der Klassen, der sogenannten zivilisierten Welt und lebt in dieser Umgebung nur, weil er an ihre nahe und vollständige Zerstörung glaubt. Er ist kein Revolutionär, wenn er an irgend etwas, was es auch sein mag, in dieser Welt hängt. [...] Diese ganze unsaubere Gesellschaft soll in mehrere Kategorien eingeteilt werden, die erste besteht aus denjenigen, welche ohne Verzug zum Tode verurteilt werden. [...] Die zweite umfaßt die, die man einstweilen am Leben läßt, damit sie mit ihren monströsen Handlungen das Volk zur unausweichlichen Erhebung treiben.«

Den Kerngedanken des "messianischen Utopismus" hat Lukács gekennzeichnet als »ein Überhegeln Hegels, eine Konstruktion, die an kühner gedanklicher Erhebung über jede Wirklichkeit objektiv den Meister selbst zu übertreffen beabsichtigt.«[20] Der utopische Wille, »eine Doktrin anzuwenden, die keinerlei Bezug zur Realität hat«, war nach Courtois das eigentliche Motiv des Terrors bei Lenin, wobei er das Modell Netschajews aufnahm und weiterentwickelte.[21]

Ob Lukács von Sabbatei Zwi, dem falschen Messias im 17. Jahrhundert wußte, der das Motto "Erlösung durch Sünde" zum Programm gemacht hatte, oder von Jakob Frank, seinem Nachfolger im 18. Jahrhundert? Oder von Karpokrates?

Religionslose Juden

Den oben dargelegten Gedanken von Boris Sawinkow, daß Mord zwar unter keinen Umständen erlaubt sei, aber dennoch geschehen muß und daher auf wahrhaft tragische Weise moralischer Natur sei, finden wir wieder bei Rudolf Bienenfeld. Er charakterisierte am Vorabend des Zweiten Weltkrieges die Geisteshaltung religionsloser Juden, bei denen bestimmte Grundzüge der jüdischen Religion unbewußt fortwirken:[22]

»[So ist] es ein unbeweisbarer Glaubenssatz, daß es unter keinen Umständen erlaubt sei, Fliegerbomben auf eine unbewaffnete Bevölkerung abzuwerfen, und es ist ein anderer entgegengesetzter, aber ebenso unwiderlegbarer Glaubenssatz, daß dies erlaubt sei, wenn der Abwurf dem Prestige des Vaterlandes nützlich ist.«

Das etwa seien Sätze, auf denen sich die geistige Existenz eines jüdischen Menschen aufbaut, die er als so selbstverständlich ansieht, daß er sie überhaupt nicht in Zweifel zu ziehen vermag, selbst wenn er wollte, und die auch einen Gegenbeweis für ihn unannehmbar machen. Diese offenherzige Beschreibung jüdischer Mentalität gab der Autor in Form eines Vortrages in der Gesellschaft für Soziologie und Anthropologie der Juden in Wien am 10. November 1937, wobei er es für angemessen fand, darauf hinzuweisen, daß dies der Geburtstag Friedrich Schillers sei. Wer hätte damals daran gedacht, daß bald zwei Millionen Tonnen Fliegerbomben auf deutsche Städte, und insbesondere auf Arbeiterwohngebiete abgeworfen würden, um dem Prestige anderer Vaterländer - oder gar eines noch gar nicht existenten Landes - zu nützen?

Auch Worte können töten, meinte einmal Michel Friedman, das ist die Verleumdung.

Jakob Pinchas Kohn, Dr. phil. und Rabbiner aus Leipzig, schrieb im Jüdischen Lexikon (1927):[23]

»Verleumdung ist in der Bibel (Lev. 9, 16) streng verboten. [...] Wie ein roter Faden zieht sich die Mahnung gegen dieses größte aller Verbrechen, das, nach b. Arach 15 b und j. Pea 15 d, die drei Todsünden übertrifft, durch den Talmud. [...] sie übertrifft alle andern Waffenarten, die nur in der Nähe töten, und gleicht dem Pfeile, der auch in die Ferne trifft; so auch der Verleumder: er spricht in Rom und tötet in Syrien. [...] Tod und Leben sind in der Gewalt der Zunge (Spr. 18, 21), d.h. wie die Hand tötet, so kann auch die Zunge töten.«

Die Verleumdung des deutschen Volkes gehört wohl zu den ungeheuerlichsten Verbrechen, die aus dem vergangenen Jahrhundert ins neue herübergeschleppt wurden! Wahrscheinlich gilt auch hier paradoxerweise: Man darf es unter keinen Umständen tun - aber man muß es doch tun. Wenn man es lange genug tut, dann machen die Opfer schließlich selber mit und verleumden sich selbst. So meinte etwa die "Kulturwissenschaftlerin" (Universität Konstanz) Aleida Assmann:[24]

»Je klarer wir sagen, wir sind nicht normal und dieses Denkmal [das nach Paul Spiegel die Juden gar nicht gefordert hätten] setzen, desto eher kommen wir mit der Normalisierung [die es nach Michel Friedman niemals geben wird] voran.«

Schon Alexander Mitscherlich hatte es formuliert:[25]

»Unsere Schuld zu verkleinern, kann nicht unser Anliegen sein, denn nur, wenn wir die Kraft haben, sie wissend zu überleben, werden wir Achtung genießen.«

Das jedenfalls widerspricht der christlichen Forderung: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst! Wer sich selbst haßt, kann anderen keine Liebe entgegenbringen.

Der revisionistische Publizist Joseph Burg (Ginsburg, er starb 1990) hatte jedenfalls ein gesünderes Empfinden für das Verhältnis von Realität und Wirklichkeit:[26]

»Ich bin nun einmal kein Deutscher sondern ein Jude. Aber wenn das Deutsche Volk nun einmal damit leben will, sechs Millionen Juden vergast zu haben, fühle ich mich als Jude nicht mehr wohl in meiner Haut. [Jüdisch-deutscher Dialog ...] Wenn man heute von "Nazi-Verbrechen" spricht, ist es uralte Taktik der schlauen Diebe. Wenn 6 Mill. Juden vergast worden sind, müßten die Zion-Führer als erste vor den Richter zitiert werden; denn sie sind die Hauptschuldigen am Krieg und an der sog. "Endlösung" der Judenfrage. Weder das deutsche Volk noch die Nazis waren am jüdischen Debakel hauptschuldig.«

Seine Schriften sind heute verboten. Ephraim Kishon, Deutschlands beliebtester Humorist bekannte:[27]

»Ich bin Jude, nationalistisch, extremistisch, chauvinistisch, militaristisch. Und wem das nicht gefällt, der braucht meine Bücher nicht zu lesen. [...] Unsere Frechheiten? Wir haben keine andere Wahl, denn wir sind zum Tode verurteilt. Wenn uns die Araber vernichtet haben, wird man vor ihren Botschaften demonstrieren. Das wird alles sein! Die Regierungen sollen uns nicht gute Ratschläge geben, sondern Kanonenboote. Wer antiisraelisch eingestellt ist, ist ein Antisemit! Das ist der alte zweitausendjährige Schlüssel.«

Wenn sich Menschen in einer todesorientierten, pervers-schizophrenen Traumwelt, die ihnen offenbar als Ersatz für die ihnen unerträgliche Realität dient, wohlfühlen, ist es deren Sache, eine andere ist es, anderen Völkern - nicht nur dem deutschen - eine solche zu oktroyieren. Das kann nicht gutgehen. Ist der Eklat vielleicht gar geplant? Michael Wolffsohns kryptische »These 8 zum deutsch-israelischen Verhältnis« gibt zu denken:[28]

»Trauerarbeit wurde und wird geleistet. Sie ist notwendig. Ihre Dauer muß begrenzt sein. Andernfalls wäre eine Kollektivtherapie notwendig.«

Wie anders wären die Verhältnisse in Deutschland, wäre ein Mann wie Joseph Ginsburg Zentralratsvorsitzender, wenn es denn dieser Institution überhaupt bedürfte!

Nun noch ganz kurz zu Damians Artikel (VffG 3/4, 2000, S. 385 ff.):

1) Was Popper von verbotenen Theorien und Lehrmeinungen halten würde, dürfte somit klar sein. (S. 386) Sir Karl, dessen Eltern sog. "Taufjuden" waren, hat mit seinem "Kritischen Rationalismus" im Grunde die Philosophie für Revisionisten geliefert, was viele vielleicht noch nicht erkannt haben, jedenfalls für einen permanenten Revisionismus, der die eigenen Erkenntnisse ständig einer neuen Kritik unterwirft. Leider ist er obiger Behauptung nicht gerecht geworden, wie ich aus zuverlässiger Quelle weiß. Es wäre ja wohl auch zu einem weltweiten Eklat gekommen, wenn der seinerzeit bekannteste und erfolgreichste jüdischstämmige Philosoph sich zum Thema entsprechend seiner eigenen Philosophie geäußert hätte.

2) Wenn der Autor schreibt, Geld gehöre zu jeder Aktion, um damit die ständigen Ablaßzahlungen zu rechtfertigen, deren fragwürdige Grundlage er selbst erkannt hat, dann fehlt ihm meines Erachtens eine Portion Rechtschaffenheit.

3) Der Großinquisitor war selbst Jude, auch Ferdinand II durch seine Mutter;[29] eine vergleichbare Persönlichkeit war Lazar Moissejewitsch Kaganowitsch im 20. Jahrhundert. Der Jude als ultimativer Judenhasser![30] In diesem Zusammenhang ist vielleicht das Motto einer Schriftenreihe mit dem Titel Judentum und Umwelt, hrsg. von Johann Maier, Verlag Peter Lang, von Interesse:

»Fehlen [...] Spannungen und nimmt angesichts des problemlosen Umweltverhältnisses die Assimilation überhand, treten im Judentum selbst Gegenströmungen auf, die eine Profilierung in ethnischer oder religiöser Hinsicht mit dem Ziel der Selbstbehauptung zum Ziel haben.«

So kann man das Umweltproblem auch einmal sehen!

© 25. März 2001


Anmerkungen

[1]VffG, 3&4/2000, S. 392.
[2]Ebenda, S. 391.
[3]Kants gleichlautender Aufsatz von 1791 in: Immanuel Kant's sämtliche Werke, Bd. 6, Verlag der Dürr'schen Buchhandlung, Leipzig 1930/31.
[4]Carl Gebhardt, Günter Gawlick (Hg.), Theologisch-politischer Traktat, Sämtliche Werke, Bd. 3, Felix Meiner, Hamburg 1994, S. 94.
[5]More Nebuchim III 12, zitiert in den Anmerkungen zu Spinozas Traktat, aaO., S. 337.
[6]»Die ägyptische Briefmarke«, nach: Ralph Dutli zum 100. Geburtstag von Nadeschda Mandelstam, FAZ vom 28. Oktober 1999, S. 62.
[7]Michael Allmaier, »Die Angst zu existieren« in: FAZ vom 31. Oktober 1997.
[8]Theorie und Therapie der Neurosen; 4. Aufl., Ernst Reinhardt, München 1975, S. 161f.
[9]In: Internationale Politik, Heft 8/1998; nach: FAZ vom 29. Oktober 1998, S. 45.
[10]Der eingebildete Jude, Hanser, München/Wien 1982, S. 107.
[11]Le Monde, 7. Oktober 1998, S. 14:
»Ah, qu'il est doux d'être juif en cette fin de XXe siècle! Nous ne sommes plus les accusés de l'Histoire, nous en sommes les chouchous.«
[12]1. Aufl., Daimon, Zürich 1983, S. 82f.
[13]Josef Leo Seifert: Sinndeutung des Mythos - Die Trinität in den Mythen der Urvölker, Herold, Wien / München 1954, S. 79.
[14]The Militant Messiah or The Flight from the Ghetto - The Story of Jacob Frank and the Frankist Movement, Peter Bergman, Bethlehem, Connecticut, 1979, S. 39 ff.
[15]Der Weg zum Staate Israel - Geschichte des Zionismus, Europaverlag, Wien 1972, S. 79, zitiert in Wolfgang Borowski, Die neue Welt - Vorspiel der Hölle, Anton A. Schmid, Durach 1995, S. 81.
[16]Nach Daniel Bell, emeritierter Harvard-Professor für Soziologie, 1919 in New York geboren: »Durch die Sünde zur Erlösung« in: Die Zeit, 18. September 1992.
[17]István Eörsi, Tage mit Gombrowicz, Leipzig 1997, S. 90 f., nach Steffen Dietzsch, Kleine Kulturgeschichte der Lüge, Reclam, Leipzig 1998, S. 146.
[18]Soweit nach Daniel Bell, aaO. (Anm. 16), bis auf das Zitat von Eörsi, Lukács' Biographen.
[19]Nach S. Courtois, Das Schwarzbuch des Kommunismus. Unterdrückung, Verbrechen und Terror, München 1998, S. 798.
[20]In: »Geschichte und Klassenbewußtsein«, in: Werke, Bd. 2, Neuwied-Berlin 1968, Vorwort S. 25; nach Ernst Topitsch, Erkenntnis und Illusion - Grundstrukturen unserer Weltauffassung, 2. Aufl., Mohr/Siebeck, Tübingen 1988, S. 221.
[21]S. Courtois, aaO. (Anm. 19), S. 805.
[22]Die Religion der religionslosen Juden, 1939; 2. Aufl., Wilhelm Frick, Wien u.a. 1955, S. 13.
[23]»Verleumdung« in: Jüdisches Lexikon, Bd. IV, S. 1192f.
[24]In: Die Zeit, 3. Dezember 1998, S. 43 f.; zitiert in: Wilfried Scharf, Martina Thiele, »Die publizistische Kontroverse über Martin Walsers Friedenspreisrede« in: Deutsche Studien 142, Heft 2/1999, S. 175.
[25]Zitiert in Luise Jodl, Jenseits des Endes, Fritz Molden, Wien 1976, S. 202.
[26]Maidanek in alle Ewigkeit?, Ederer, München 1979, S. 19.
[27]In einem Interview mit Herbert D. Glattauer im Wiener Kurier, 25. Oktober 1976.
[28]»Deutschland, Israel und die "Wiedergutmachung"« in: Julius H. Schoeps (Hg.), Neues Lexikon des Judentums, Bertelsmann, Gütersloh/München 1998, S. 864.
[29]Nach Roger Peyrefitte: Die Juden, Stahlberg, Karlsruhe 1966.
[30]S. Stuart Kahan: The Wolf of the Kremlin, William Morrow, New York 1987.

Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 5(2) (2001), S. 209-214.


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