Bücherschau

Juden über Juden – Rache und Religion

Von Patricia Willms

Rich Cohen, The Avengers. Alfred A. Knopf, New York 2000, 261 S., $25,-; Jim G. Tobias, Peter Zinke, Nakam – Jüdische Rache an NS-Tätern, Konkret, Hamburg 2000, 173 S., DM 30,-

Der Begriff Rache spielt in unserem Denken nur eine recht untergeordnete Rolle – jahrhundertelang eingebleute christliche Vorstellungen von der Erhabenheit einer "Liebet-eure-Feinde"-Moral und dem Strafmonopol eines jenseitigen Gottes gingen im Zeitalter der Demokratie nahtlos über in die Idee des staatlichen Gewaltmonopols. Der demokratische Massenmensch überläßt sein Recht auf Selbsthilfe dem Kollektiv "Staat", der sich zudem verbal vom Begriff Gewalt oftmals distanziert oder ihn durch Süßholzgeraspel ("Resozialisierung" usw.) und weniger martialisch klingende Worte ersetzt. Rache ist in unserer Gesellschaft verpönt – ebenso wie Gewalt überhaupt.

Dieses für uns selbstverständliche Friede-Freundschaft-Eierkuchen-Denken wird oftmals erst bewußt, wenn man auf Vorstellungen trifft, bei denen Haß und Rache im Mittelpunkt stehen. Derartiges findet man im Alten Testament – oder in den beiden hier besprochenen Büchern.

Cohens Buch The Avengers (Die Rächer) beschreibt, wie nach Abschluß des 2. Weltkrieges eine Gruppe jüdischer "Widerstandskämpfer" eine Massenvergiftung der im Stalag 13 in Nürnberg von den Amerikanern inhaftierten Deutschen durchführt.

Der Anführer wird als charismatischer junger Dichter, Abba Kovner, beschrieben (wie? Sie haben noch nie von dieser Koryphäe gehört? Welch eine Bildungslücke!) der, wie es so bei Dichtern üblich ist, noch eine Nebenbei-Karriere als Terrorist ausübt und als Mitglied einer jüdischen Guerrilla-Bande im Ghetto von Wilna (Litauen) durch Kanäle schleicht und mit hausgemachten Bomben deutsche Transporte und Posten hochjagt. Nach dem Krieg fassen dann Kovner und seine "Rächer" den Plan, 8.000 "Nazis" – es soll sich um SS-Bewacher und Angehörige der "Einsatzgruppen" handeln – zu vergiften. Abba bewahrte hinterher aber Schweigen über seine Heldentat, »um nicht Terrorismus gegen Israel zu rechtfertigen«, und erst »sein Tod und der Lauf der Zeit« habe »überlebenden Rächern« die Lippen geöffnet. Hier also die »geheime Geschichte« (so der Untertitel).

Abba wird als »ein tief religiöser Denker« beschrieben, der tiefschürfende Fragen wälzt: »wo Gott war, als das Ghetto gebaut und als es zerstört wurde«, »ob er mit den Polen ist, die die zurückkehrenden Juden töten, oder mit den Deutschen, die Flugblätter herausgeben "bringt Hitler zurück – dann bekommen wir Brot"«. Dieser Abba, »der nicht an Gott glaubte«, entschied aufgrund dieser religiösen(!) Erwägungen zum Passahfest im Frühjahr 1945, daß zwar der Krieg vorbei sei – aber nicht für die Deutschen. Es sei »Zeit für die Deutschen, die die Juden [sic] getötet haben« zu leiden und mit ihrem eigenen Leben zu bezahlen.

»Wenn es keinen Gott gibt, wenn die Gebete nicht erhört werden, dann müssen Juden die Gebete der Juden erhören. Deutschland muß zahlen.«

Eine Erwägung, die man normal nicht im religiösen Zusammenhang hört. Abba macht sich »zum Führer einer neuen Religion«: »wir werden es selbst tun«. Nochmals: die Rächer, die nicht an Gott glauben, geben sich als Vollstrecker Gottes aus.

Nun kann man sich fragen: Was wäre, wenn sich jemand zum Rächer über die Rächer aufmachen und genauso argumentieren würde? Wäre es in unserer Gesellschaft denkbar, daß jemand eine derartige Aufforderung als Religion verkaufen könnte, würde er sich als Vollstrecker eines nichtexistenten Gottes ausgeben können? Oder würde er selbst wie auch die umgebende Gesellschaft mit Skrupel und Gewissensbissen reagieren? Eine interessante Frage, denn wenn man sie ehrlich beantwortet, stellt man fest, daß nur die "unschuldigen Opfer", die sich als göttliche Vollstrecker sehen, keine Skrupel an den Tag legen. Doch zurück zu Cohens Geschichte:

Lebke Distel verschafft sich mittels Wodka und Zigaretten eine Stellung in einer Bäckerei, indem er sich als Julian Brooklyn ausgibt, ein aus einem Arbeitslager befreiter Pole (Brooklyn ist bekanntlich ein üblicher polnischer Familienname!), der auf sein Visum nach Kanada warte, wo sein Vater eine Bäckerei besitze. Die Bäckerei belieferte Stalag 13 mit täglich 10.000 Broten, 9.000 Schwarzbroten für die Gefangenen und 1.000 Weißbroten für die Bewacher. Angesichts der bekannten Nachkriegs-Hungerrationen muß man sich fragen, ob hier die Zahlen etwas durcheinandergekommen sind: 9.000 Brote für 8.000 Gefangene macht mehr als einen Laib Brot täglich.

Die Krieger: Kovner (in der hinteren Reihe in der Mitte) und seine Kameraden versammeln sich in Wilna kurz nach der Befreiung des Ghettos im Juli 1944.

Auch Lebke ist Anhänger von "Abbas Religion": Für ihn hatte jeder Deutsche seine Familie getötet. Lebke läßt sich alle Arbeiten des Bäckerei-Handwerks beibringen und beobachtet daneben alle Vorgänge und jeden Schichtwechsel. Es wird beschlossen, das Gift auf die abkühlenden Brotlaibe aufzutragen, damit die Hitze beim Backen das Gift nicht unschädlich macht. Lebke wird sogar vom Bäckereibesitzer der Schlüssel ausgehändigt, damit er nach der Arbeit abschließen könne. Eine Nachtwache bleibt in der Bäckerei, bis Lebke im Morgengrauen nach Hause geht.

Diese feinsinnigen Beobachtungen erfordern offenbar mehrere Monate, während der sich Lebke quält, »mit dem zerstörenden Leben: mit dem Feind zusammenzuarbeiten, dieses falsche Leben zu führen…«. Dann endlich setzt der Mitstreiter Joseph Harmatz das Datum fest: Samstag, 13. April 1946 - der Vollmond soll für gute Beleuchtung sorgen. Wenige Tage zuvor war das Gift angekommen: auf dem Schwarzmarkt gekauftes Arsen von französischen Apothekern, die es an einer Katze(!) ausprobiert hatten. Ein palästinensischer Soldat von den Jüdischen Brigaden hatte das Arsen nach Nürnberg geschmuggelt – in auf den Leib gebundenen Wärmflaschen.

Die nicht direkt an der Aktion beteiligten Nürnberger Mitglieder der "Rächer" (von denen wir bisher gar nichts gehört haben) erhalten Weisung, sich nach Lyon abzusetzen.

In den nächsten Tagen schmuggelt Lebke das Gift in die Bäckerei und versteckt es unter den Dielen. Am 13. April schließt er, bevor jemand zur Arbeit kommt, für seinen "Kollegen" Pinchas Ben-Tzur die Tür auf und versteckt ihn in einer leeren Mehltrommeln in einem Hinterraum im 1. Stock.

Massenmörder Lebke Distel

Lebke erscheint in dieser Nacht mit zwei Leuten. Nur einen von ihnen kann er in die Bäckerei einschmuggeln. Lebke arbeitet wie sonst, macht sich aber Sorgen, ob der Anschlag gelingen würde. Wieder bekommt Lebke vom Eigentümer die Schlüssel zum Abschließen ausgehändigt, kurz darauf geht Lebke die Treppe hinunter, verabschiedet sich von der Wache und geht um den Block herum. Aus dem Dunkel beobachtet er, wie die Wache jetzt mit ihrem Dienst fertig ist und ihren Posten verläßt. Es blieben nur wenige Minuten, bis die Morgenwache käme. Lebke eilt zur Vordertür, und macht auf, dann eilt er in den Hinterraum, wo Pinchas seit 15 Stunden in der Mehltrommel wartet (nein, ich glaub es einfach nicht!)). Auch der dritte Mann kommt aus seinem Versteck im Lagerraum. Das Gift wird in großen Metallschüsseln gemixt – es ist klar und geruchlos. Zu dritt wird das Brot aufgereiht, mit dem Gift bepinselt und wieder in Reihe gestellt. Nach 2 Stunden sind 3.000 Laibe fertig.

Als ein Windstoß einen Fensterladen herumschlägt, fürchten die Giftmischer, daß eine der Wachen kommen und das Gift finden würde. Sie stellen eine Tüte mit ein paar nichtvergifteten Broten bei einem offenen Fenster hin, damit die Wachen glauben, jemand hätte Brot stehlen wollen. Dann verläßt der eine Giftmischer das Gebäude durch das Fenster, der andere versteckt sich wieder in seiner Mehltrommel, Lebke versteckte sich mit den Giftflaschen unter dem Fußboden, und der von der Wache gerufene Polizist fällt auf die Brot-Diebstahl-Geschichte herein.

Da die Lieferwagen für das Brot bald zu erwarten sind, verlassen Lebke und Pinchas das Gebäude durch das Fenster, über das Dach und herab an der Dachrinne (wieso – er hat doch einen Schlüssel?) und fahren mit einem Taxi zur tschechoslowakischen Grenze.

Um das Ergebnis des Anschlag herauszufinden, wurde von den "Rächern" ein jüdisches Mädchen aus Wilna, Rachel Glicksmann, ausgesandt, das sich bei den in der Nähe des Lagers eingemieteten Häftlingsfrauen als Frau eines »Nazi aus Polen« vorstellt und sich nach dem Befinden der Häftlinge erkundigt. Im Lauf des Tages erfährt sie, daß im Stalag 13 etwas Schlimmes passiert ist und Hunderte, vielleicht Tausende Deutsche todkrank ins Krankenhaus gebracht worden seien. Niemand wußte genau, was passiert war. In der gleichen Nacht war Rachel wieder im Zug Richtung Frankreich.

Einige Tage später gab es Berichte in den Zeitungen, und am 23. April war die Geschichte auch in der New York Times zu lesen:

»Giftanschlag fordert 2283 Nazi-Opfer, Arsen-Flaschen von US-Geheimdienstlern in Nürnberger Bäckerei gefunden, die das Lager belieferte.«

Es kam nie heraus, wieviel Leute durch den Anschlag getötet worden sind. Wie bei einem Märchen wechselt die Zahl bei jeder Erzählung. Cohen selbst meint, es sei unerheblich, ob einer oder 1.000 Männer im Stalag 13 starben. Abba wollte eine Geschichte hinterlassen, für die Zukunft, für die nächste und übernächste Generation, für das Erschauern, das ein Jugendlicher spürt, wenn er 50 Jahre später in den Regalen der örtlichen Bibliothek auf die Geschichte stößt:

»Nach einem Krieg, in dem Juden ausgehungert und gedemütigt wurden, in dem Millionen von ihnen in Fabriken getötet wurden, kämpfte diese von einem Fanatiker namens Abba Kovner angeführte zerlumpte Gruppe weiter. Schon ihre bloße Existenz war ein Sieg. Wichtiger als alles andere war, daß sie die Legende ihres Kampfes hinterließen, so daß man in die Geschichte zurückblicken und sagen kann: Hier gab es einen Kampf.«

Gefangene zu vergiften – ist das ein Kampf? Offensichtlich gibt es unterschiedliche Auffassungen nicht nur in bezug auf den Begriff Rache. Der in unserer Kultur verbreitete Reflex, von einem hilflosen Gegner abzulassen, findet nicht statt. Das Leiden des Gegners, dem man nicht einmal eine persönliche Schuld nachweisen kann, wird bis ins letzte Detail genossen.

Massenmörder Abba Kovner (zweiter von oben) verkleidet als britischer Soldat.

Welch merkwürdiger Widerspruch: dieses Buch - und die lobenden Rezensionen - verherrlichen eine Rache, die sich an einem wehrlosen Gegner vergreift, sie schöpft Genugtuung aus dem Leiden anderer. Diejenigen, die sich als unschuldige Opfer darbieten, triefen von Haß, ihre Rache ist heimtückisch und brutal, wird aber - sogar - ins Gewand der Religion gekleidet.

Thematisch etwas weiter gefaßt, aber in ähnlich kritiklosem, verherrlichendem Stil gehalten ist das zweite hier besprochene Buch. Tobias und Zinke sehen sich als Bewunderer der "antifaschistischen Widerstandskämpfer", was sich ja schon darin äußert, daß ihr Buch in einem kommunistischen Verlag erschien. Die Frage ist eben nur, gegen wen man nach dem Krieg noch im Widerstand kämpfte.

Die Autoren erzählen die Geschichte von Abba Kovner, dem Leiter der jüdischen Gruppe Nakam, dem hebräischen Wort für Rache. Die im ersten hier besprochenen Buch dargelegte Arsenvergiftung war nur die spektakulärste der Racheaktionen dieser Gruppe, eine weitere war das Aufspüren angeblicher NS-Verbrecher nach dem Kriege, die dann vor privaten Schautribunalen dieser Gruppe verurteilt und "hingerichtet" wurden. Bis zu 300 Deutsche sollen auf diese Weise ermordet worden sein.

Tobias und Zinke bewerten diese Vorgänge nicht, hinterlassen jedoch durch die Art ihrer Darstellung den Eindruck, als hätten sich diese "Rächer" dort Verdienste erworben, wo die alliierte Lynchjustiz der unmittelbaren Nachkriegszeit angeblich versagt hat. Das geht ja auch schon aus dem Titel hervor, in dem die wahl- und ziellos dahingemetzelten Opfer dieser Rächer schlicht als »NS-Täter« hingestellt werden.


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 5(2) (2001), S. 228-230.


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