Die Kreuzigung von Frankreichs Retter

Die schändliche Behandlung von Marschall Henri Pétain

Von Harry Elmer Barnes

Nachdem im Verfahren gegen Marschall Henri Philippe Pétain die Anklage verlesen worden war, stand der Marschall kerzengerade und las mit fester Stimme seine vorbereitete Erklärung. Sie endete mit den Worten:

»Ein Marschall Frankreichs bittet niemanden um Gnade. Ihr Urteil wird sich vor Gott und der Nachwelt verantworten müssen. Dies wird meinem Gewissen und meinem Andenken genügen. Ich überlasse das Frankreich.«

Die 27 Richter des Verfahrens brauchten sieben Stunden, um zu einer sehr ungewöhnlichen Entscheidung zu kommen. Es wurde die Todesstrafe verhängt, aber die Richter drückten den Wunsch aus, daß das Urteil nicht vollstreckt werden solle. General Charles de Gaulle wandelte das Urteil sofort in lebenslängliche Haft um.


Man sagt, daß ungerechte Handlungen oft auf den Urheber zurückfallen. Diese Erfahrung konnte man recht augenfällig beim Verfahren gegen Marschall Henri Philippe Pétain machen. Es war der reinste Fall Dreyfuß – nur umgekehrt.

Im Fall Dreyfuß (1894) verschworen sich die Nationalisten, Royalisten, katholischen Nationalisten wie Maurice Barres und Charles Maurras, die Masse des Militärs und ganz allgemein die Reaktionären gegen einen liberalen jüdischen Offizier. Es war ein antirepublikanischer Coup.

Im Verfahren gegen Marschall Pétain waren die Rollen vertauscht. Die Republikaner, die Radikalen, die alte Volksfront-Gruppe rotteten sich gegen eine Persönlichkeit des Militärs zusammen, den hervorragendsten Soldaten, den Frankreich seit Tarenne und Napoleon hervorgebracht hat. Ganz gleichgültig, wofür Pétain persönlich steht, er war zum Symbol der militärischen und antirepublikanischen Kräfte Frankreichs geworden. Die Fakten scheinen zwar darauf hinzuweisen, daß Gen. Charles de Gaulle in seinen Vorkriegstagen enger mit den Militärs und Royalisten verbunden war, als Pétain es jemals war. Aber Pétain wurde dazu ausersehen, die volle Wucht des Angriffs derer zu tragen, die den Fall Frankreichs herbeiführten.

Marschall Pétain schaut Ende Mai 1944 auf die jubelnde Menge in Nancy herunter. Französische Anhänger traten etwa zu dieser Zeit auf und brachten ihm unwahrscheinliche Ovationen dar, sangen die Marseillaise, die vier Jahre lang verboten gewesen war. Ein Film über diese Massenbegeisterung wurde in London Charles de Gaulle, Pétains Rivalen um die Macht und ehemaligem Schützling, gezeigt, der darüber sehr verärgert war. Später sprach Pétain in Paris mit so starken antideutschen Wendungen, daß die Rede zensiert und für die Verwendung in Presse und Radio abgeändert wurde.

Wie alle gebildeten Menschen las ich darüber, wie Gen. Pétain im Ersten Weltkrieg Verdun verteidigte, und wie er die ernste Meuterei der französischen Armee erstickte, aber mein erster persönlicher Kontakt mit dem Marschall erfolgte im Oktober 1931, als er anläßlich des 150. Jahrestags der Kapitulation von Yorktown als Repräsentant der französischen Regierung in den Vereinigten Staaten war. Übrigens sagt man, daß ihm damals der überschwenglichste Willkomm geboten wurde, der je einem Franzosen seit Lafayettes historischem Besuch 1824 dargeboten wurde.

Damals gab der Marschall, als er New York besuchte, ein Interview, in dem er diejenigen angriff, die Frankreich teilweise für den Ersten Weltkrieg verantwortlich machten und die Nachkriegspolitik Frankreichs kritisierten. Es machte mir einiges Vergnügen, dem Marschall diesbezüglich in meinem Leitartikel in der New Yorker World Telegram vom 20. Oktober 1931 sanft aber bestimmt eins überzugeben.

Die öffentliche Aufmerksamkeit richtete sich dann zur Zeit des französischen Waffenstillstands im Juni 1940 wieder auf den Marschall, und ich las auch hierüber. Aber erst im Sommer 1942 kam ich noch einmal mit seinem Lebensweg in direkten Kontakt. Damals war ich dabei, ein Manuskript über das Leben und Werk von Marschall Pétain herauszugeben. Ich ging alle erhältlichen Quellen über den Marschall durch und wurde mit den Tatsachen gut vertraut. Später las ich dann alles, was der Marschall je geschrieben hat und gab es heraus, auch seine Reden, Proklamationen und Erlasse, als er in Vichy Staatschef war. Ich glaube, sagen zu können, daß ich mehr als jeder Amerikaner über Pétain und seine Politik weiß.

Dieses Studium gab mir die Überzeugung, daß Marschall Pétain ein großer Soldat ist, ein nobler Charakter, und ein überaus patriotischer Franzose. Im Verlauf des Buches, das noch nicht veröffentlicht wurde, haben ich jede gegen den Marschall gerichtete Anschuldigung bezüglich seines angeblichen Defätismus im Ersten Weltkrieg und Zauderns bei der Verteidigung Frankreichs zwischen den zwei Weltkriegen aufgegriffen und vernichtend widerlegt. Es wurde auch gezeigt, daß es keinerlei Möglichkeit für Frankreich gab, 1940 den Krieg weiterzuführen, anstatt einen Waffenstillstillstand anzunehmen. Aber mehr dazu später.

Seit ich diese Manuskripte durchgesehen und die Schriften und Proklamationen des Marschalls herausgegeben habe, sind eine Reihe Bücher erschienen, die den Marschall aufs heftigste angreifen, wobei die meisten die Lügen wiederholen und ausschmücken, die seine Feinde aus der Zeit des Ersten Weltkriegs verbreiteten. Ich bin zu der Überzeugung gelangt, daß in der jüngsten Zeit wahrscheinlich keine andere Gestalt derartig gnadenlos, ungerechtfertigt und absichtlich verleumdet wurde, wie Marschall Pétain.

Solche Verleumdungen und Schmähungen aufzudecken, ist der einzige Grund, weshalb ich mich jetzt mit seinem Fall befasse. Von den Interessen und Überzeugungen des Marschalls sprechen mich persönlich nur wenige an, mit Ausnahme vielleicht seiner Vorliebe für die Essays von Montaigne. Ich bin schlichtweg schockiert von der Verlogenheit, Feigheit, dem Schwindel und der Unritterlichkeit seiner Angreifer, von denen die meisten mit genau den Kräften und Gruppierungen begeistert zusammengearbeitet haben, die die militärische Stärke Frankreichs in den Jahren vor 1939 unterminiert haben.

Die wichtigsten der gegen Marschall Pétain erhobenen Anklagen sind: 1) er war im Ersten Weltkrieg ein unfähiger Defaitist; 2) er ließ nach 1919 die Verteidigung Frankreichs hinterherhinken; 3) er vereitelte die von de Gaulle empfohlene Mechanisierung der französischen Armee; 4) er kollaborierte nach 1933 mit den Nationalsozialisten; 5) er war lange vor 1939 ein führender französischer Faschist; 6) er bat 1940 um einen Waffenstillstand, als sich die französische Armee mit Leichtigkeit nach Nordafrika hätte zurückziehen und unbeschränkt gegen die Deutschen hätte durchhalten können; und 7) als Staatschef von Vichy verkaufte er Frankreich absichtlich und überschwenglich an die Nationalsozialisten.

Wenn man die echten geschichtlichen Tatsachen aus den Originalquellen zusammensammelt, widerlegen sie vollständig und überwältigend jede einzelne dieser Anschuldigungen und entlarven, wie falsch sie sind.

Pétain verbrachte einen Gutteil seines militärischen Lebens vor 1914 als Professor der Militärwissenschaft. Dabei zeichnete er sich durch die Modernität und Vernunft seiner Ideen aus, vor allem durch seine Betonung der Notwendigkeit, Strategie und Taktik angesichts der modernisierten Kriegführung, der Mechanisierung der militärischen Ausrüstung und der zunehmenden Intensität des Geschützfeuers abzuändern.

Damit legte er sich mit der alten Garde (den Hinterwäldlern) an, die sich an die napoleonische Tradition des Frontalangriffs hielt, aber mit der Zeit setzten sich seine Ideen durch. Sie erhielten ihre blutige Rechtfertigung im Herbst 1914, als die französischen Armeen vor der äußersten Niederlage nur durch die Ineffektivität und Schwerfälligkeit des Deutschen Oberkommandos gerettet wurde, speziell des kranken, alten, unfähigen von Moltke, der Generalstabschef der deutschen Armee war.

Nachdem sie an der Marne die Scherben aufgesammelt hatten, mußten die französischen Generale sich nach Pétains Kriegführungs-Philosophie richten – oder endgültig den Krieg verlieren. Aber sie lernten nicht alle ihre Lektion sogleich, vor allem nicht Joffre, Foch, Mangin und Nivelle. Sie wollten weiterhin die napoleonische Taktik verfolgen, mit einer plötzlichen, überraschenden Augen-zu-und-durch-Offensive auf einen Durchbruch zu hoffen, wobei sie nicht mit der geänderten Stärke der Verteidigung rechneten, die durch ausgedehnte Gräben, Schnellfeuer-Artillerie und tödliche Maschinengewehre herbeigeführt worden war.

Marschall Pétain stellte den Irrtum und die Gefährlichkeit solch veralteter Militärauffassungen am 29. Juni 1915 in einem Memorandum an das französische Oberkommando deutlich fest:

»Der gegenwärtige Krieg hat die Form eines Verschleißkrieges angenommen. Es gibt nicht mehr wie früher Entscheidungsschlachten. Der Erfolg wird letztlich dem zufallen, der den letzten Mann zur Verfügung hat. Es ist daher wichtig zu erkennen, daß es am klügsten ist, für die Endphase des Krieges eine letzte Reserve aufzuheben, die eingesetzt werden kann, wenn die Deutschen gezwungen sind, nach einer letzten Anstrengung ihre Offensive aufzugeben. In der Zwischenzeit ist es ratsam, im Hinblick auf diesen entscheidenden Augenblick die Zermürbung und Aufreibung unserer Truppen so weit wie möglich zu begrenzen.«

Aber Poincaré und Joffre hörten nicht auf Pétain, trotz der Lehren vom August und September 1914. Im September 1915 wurde bei Artois und Champagne ein plötzlicher Angriff befohlen, der Frankreich schwere Opfer an Mannschaft und Ausrüstung kostete, aber keinen militärischen Erfolg oder Vorteil brachte.

Noch ernster war die verheerende und blutige Offensive von Nivelle im April 1917, in der die Franzosen beinahe so viele Soldaten verloren wie bei der heroischen Verteidigung von Verdun, aber nichts gewannen. Dies führte Ende April 1917 zur Meuterei der französischen Arme, einer kritischen Lage, die Pétain bereinigen mußte. Er war die einzige Führungspersönlichkeit des französischen Militärs gewesen, der den Mut und den Realismus hatte, offen gegen diese überstürzten Offensiven vom Frühling 1917 einzutreten, bevor sie befohlen wurden.

Obwohl Pétain Verdun gerettet hatte, nachdem sein Vorgänger diese große entscheidende Festung beinahe verloren hätte, wurde er sogar in bezug auf diese glänzende und kühne Heldentat des Defätismus beschuldigt. Es stellt sich heraus, daß sein "Defätismus" darin bestand, einen Plan für einen geordneten Rückzug zu entwerfen, falls sich die Verteidigung von Verdun als unmöglich erweisen sollte, um so jede ungeordnete Flucht des sich zurückziehenden Heeres zu verhindern. Ein Rückzug war nicht nötig. Aber jeder Taktiker, der sein Salz wert ist, würde Maßnahmen ergreifen, um sich darauf vorzubereiten, – und genau das hat Pétain getan.

Nachdem das schlechtberatene und teuer bezahlte Ungestüm von Mangin und Nivelle die französische Armee im April 1917 dahingemetzelt und demoralisiert hatte, und bei den empörten Soldaten Meuterei weit verbreitet war, wurde Pétain zum Oberkommandierenden der gesamten französischen Streitkräfte gemacht, und ihm fiel die schwierige Aufgabe zu, die Meuterei zu ersticken und die Moral der französischen Armee wiederherzustellen. Das wäre keinem anderen französischen General gelungen, und die Meisterleistung Pétains war eine der Haupterfolge des Ersten Weltkriegs. Gen. John Pershing hat ihr bewegt Tribut gezollt. Bis zum Herbst 1917 war die Moral der Soldaten wiederhergestellt, und die französische Armee war in der Lage, dem großen Vorstoß Ludendorffs im Frühjahr 1918 standzuhalten.

Der Erfolg von Pétains geschickter und geduldiger Heeres-Reorganisation zeigte sich in Gänze Ende März 1918, als bereits seine rasche Verlegung der französischen Reserven zur Unterstützung der Engländer – eine fast übermenschliche Kraftanstrengung – die Wucht des Ludendorffschen Vorstoßes gebrochen hatte, bevor Foch am 26. März zum Generalissimus der Alliierten ernannt wurde. Kurz darauf bedurfte es Pétains Feldherrnkunst, um das Unheil abzuwenden, nachdem Foch mehrere übereilte und leichtsinnige Angriffe auf die deutschen Linien versucht hatte.

Und schließlich war es Pétains Strategie (das Gouraud-Manöver), wodurch am 15. Juni 1918 Ludendorff die entscheidende Falle gestellt wurde, die den verzweifelten deutschen Vorstoß auf Paris beendete. Diese Katastrophe vernichtete die deutschen Kräfte und zerstörte ihre Moral. Danach konnte die von Pétain wieder in ihren früheren Zustand versetzte französische Armee die führende Rolle beim Zurückwerfen der Deutschen übernehmen und diese zwingen, im November um einen Waffenstillstand zu bitten. In seinem Buch They Won the War schreibt Frank Simonds:

Im Dezember 1918 überreicht Poincaré Pétain in Metz den Marschallsstab. Im Ersten Weltkrieg war Pétain derjenige, der in den Reihen der französischen Armee die Hoffnung wieder einkehren ließ, als die Moral auf ihrem Tiefpunkt war. Er gab ihnen neues Vertrauen in den Endsieg. 1917 betrugen Frankreichs Verluste durch Tod und Gefangenschaft nur 190.000, gegenüber 430.000 im Jahr 1915, dem Jahr von Joffres Oberbefehl. Dank der Schonung der Hilfsmittel, die Pétain sowohl in bezug auf Menschen und Material erreichte, indem er auf die Ankunft der Amerikaner wartete, wurde das Unheil durch den Sieg vom März 1918 wieder gut gemacht.

»Pétain studierte das Problem geduldig und systematisch, lüftete das Geheimnis, erarbeitete die Lösung. Als Ludendorff im Juli 1918 seine letzte Offensive, unternahm, – er hatte den Kaiser eingeladen, um diesem "Friedenssturm" beizuwohnen – rückten die deutschen Sturmtruppen in eine Wüste vor, wo sie eine schnelle und vollständige Vernichtung ereilen sollte. Damit brach Pétain auf dem Schlachtfeld von Champagne, wo ihm selbst 1915 ein großer Sieg entgangen war, drei Jahre später die Angriffskraft der deutschen Armee. Wenn Foch später den Krieg gewann – die Grundlage des Sieges war von Pétain gelegt worden.«

Das Urteil fairer und sachkundiger Militärhistoriker dürfte lauten, daß Pétain eines der drei Militärtalente ersten Grades war, die der Erste Weltkrieg hervorgebracht hat, zusammen mit dem Deutschen von Hoffman und dem Russen Brussilov.

Es gab eine Reihe zweitrangiger Generale, wie Foch in Frankreich, Ludendorff und von Mackensen in Deutschland und der Großfürst Nikolaus in Rußland.

Foch wäre zur napoleonischen Zeit ein großer General gewesen, aber er war nie in der Lage, sich ganz an die Gegebenheiten der modernen Kriegführung anzupassen.

Ob Pétain ein größeres Militärgenie war als von Hoffman und Brussilov, ist Ansichtssache. Frank Simonds hat geschrieben, daß Pétain auf allen Seiten der einzige General war, der während des ganzen Krieges keinen Fehler machte, – und er entging dem bestimmt nicht durch Untätigkeit.

Pétains Rolle im Ersten Weltkrieg wird am besten beschrieben, wenn man ihn als den Organisator des Sieges für die alliierten Heere bezeichnet. Einer der führenden Verfasser über die Schlachten des Ersten Weltkriegs formulierte es so:

»Pétain war Meister der technischen Einzelheiten des modernen Gefechts und glaubte an die Überlegenheit der Maschine über den Menschen. Auf taktischem Gebiet und als Organisator hatte Pétain nicht seinesgleichen unter den alliierten Generalen.«

Die vielleicht maßgeblichste Beurteilung über Pétain als den Organisator für den Sieg Frankreichs und der Alliierten stammt von Paul Painleve, dem Premier Frankreichs, 1917:

»Pétains Militärphilosophie ist eine rationale, positive Lehre, welche die zur Verfügung stehenden Kräfte berücksichtigt, die Mittel, wie sie eingesetzt werden können, den Radius ihres Einsatzgebietes, ohne ihnen Menschenunmögliches abzuverlangen, und zugleich sicherstellt, daß der Kriegsmaschine in all ihren Formen das Äußerste, was sie leisten kann, abverlangt wird. Diese Doktrin wird uns erlauben, stark zu bleiben, bis zur letzten Prüfung. Durch sie werden wir unseren Alliierten im Augenblick der Schlußrunde eine zahlenstarke und gutausgebildete Armee sowie einen eindrucksvollen Bestand an Kriegsmaterial und schwerer Artillerie zuführen, was ein notwendiger Bestandteil des gemeinsamen Sieges wird.«

Bei dieser Gedenk-Feier im September 1927 in Dinant (Belgien) sieht man Marschall Pétain und seinen Adjutanten Charles de Gaulle links, dahinter der örtliche Bürgermeister mit Zylinder. Der Mann im Vordergrund ist unbekannt. Im Herbst 1927 hielt de Gaulle Vorlesungen an der Sorbonne. Aber, so glänzend sein Auftritt war, so war doch seine zivile Zuhörerschaft über seine Ideen kein bißchen begeisterter, als die Militärs zuvor gewesen waren. Dennoch erkannten einige Heerführer sein Können, und sie konnten einen Mann, der so deutlich unter Pétains Fittichen war, nicht ignorieren.

Es gibt keine nachdrücklichere Würdigung Pétains als Militärbefehlshaber als der Ausspruch, den Frankreichs Präsident Raymond Poincaré im August 1918 verlas, als er Pétain die Militärmedaille verlieh:

»Im Laufe dieses Krieges hat er bei den verschiedenen Kommandos, die er ausübte, – Brigade, Division, Armeekorps, Armee, Armeegruppe, das französische Heer – immer die höchste moralische und technische Eignung an den Tag gelegt. Bis ins Innerste Soldat, hat er ohne Unterlaß die reinste Pflichterfüllung und das größte Selbstopfer unter Beweis gestellt. Er hat bei den ihm unterstellten Truppen eine straffe und wohlwollende Disziplin aufrechterhalten, hat ihre Moral hochgehalten, und ihr Vertrauen in höchstem Grad verstärkt. Er hat sich durch die Art, wie er den deutschen Ansturm zum Stehen brachte und siegreich zurückschlug, zu recht die unsterbliche Dankbarkeit der Nation erworben.«

Zwischen den zwei Weltkriegen verwandte Pétain seine Bemühungen hauptsächlich darauf, Frankreich für den nächsten großen Konflikt vorzubereiten, der vielleicht auf das Land zukommen würde. Er wurde 1920 zum Vizepräsident des Obersten Kriegsrats ernannt, und 1922 zum Generalinspekteur der französischen Armee, ein Amt, das er bis 1931 innehatte, als er Generalinspektor der Luftverteidigung wurde. 1934 war er neun Monate lang Kriegsminister. 1939 ernannte ihn Ministerpräsident Daladier zum Botschafter in Spanien, und im Mai 1940 brachte ihn der Zusammenbruch der französischen Verteidigung vor dem Ansturm der Deutschen nach Paris zurück. Da er die Lage für hoffnungslos ansah, bat er um einen Waffenstillstand. Nachdem er im Rahmen des Waffenstillstands die Vichy-Regierung unter strikter Wahrung der Verfassung gebildet hatte, war Pétain Staatschef der neuen Vichy-Regierung und blieb auf diesem Posten, bis er im August 1944 von den Deutschen mit Gewalt abgesetzt wurde.

Sämtliche Verteidigungsoperationen und militärische Stärken, die Frankreich zwischen den zwei Weltkriegen an den Tag legte, gingen auf die Voraussicht und Bemühungen von Marschall Pétain zurück.

Er war für die Reorganisation der französischen Armee nach dem Krieg verantwortlich und für die Planung des neuen französischen Verteidigungssystems. Er entwarf die Pläne für die Befestigung der französischen Grenzen, die von Maginot und anderen ausgeführt wurden. Er wollte die Maginot-Linie bis zum Kanal ausweiten, und die Nichtbefolgung dieser Empfehlung erwies sich 1940 als entscheidende Schwäche der französischen Verteidigung. Pétain verbesserte und erweiterte auch das System der Militärinstruktionen bedeutend. Als Kriegsminister sorgte er 1934 zwecks Stärkung sowohl der Armee wie auch des Verteidigungssystems für noch nie dagewesene Geldmittel.

Eine der grotesken Legenden, die nach dem Waffenstillstand entstanden, besagte, daß de Gaulle versucht habe, die französische Armee mit Panzern auszurüsten und zu modernisieren, aber von Pétain daran gehindert worden sei.

Pétain, und nicht de Gaulle, war der große Verfechter der Panzerwaffe für das französische Militärsystem. Das hatte er begonnen zu lehren, bevor de Gaulle geboren war. Kein anderer französischer Militär trug so viel wie Pétain zur jeweils verwirklichten Ausstattung der französischen Armee mit Panzern bei. Er war auch der stärkste französische Befürworter einer starken Luftwaffe. Pétain erkannte im Ersten Weltkrieg die entscheidende Bedeutung der Kriegführung aus der Luft. Er schrieb damals:

»Die Flugzeug-Frage beherrscht den Krieg. Mit Luftüberlegenheit könnten wir alle Truppenkonzentrationen in den feindlichen Reihen verhindern.«

Liddell Hart schrieb eindringlich bezüglich Pétain und der militärischen Mechanisierung:

»Pétain erwies sich als einer der ersten und wenigen Führer, der die Funktionsweise des modernen Krieges verstand, wie er von bewaffneten Industrienationen entwickelt worden war.«

Was de Gaulle anbetraf, so verdankte er seine militärische Karriere und Beförderung hauptsächlich Pétain. Bei den Militärmanövern 1926 zeigte de Gaulle beträchtliche Originalität. In Erinnerung an seine eigenen Schwierigkeiten bei der Bekämpfung archaischer Militärvorstellungen ließ Pétain de Gaulle kommen und ließ ihn zum Instrukteur an der Kriegsschule ernennen. Später machte er de Gaulle zu seinem Adjutanten und behielt ihn in dieser Stellung, solange er bei der Armeeführung war. 1932, nachdem de Gaulle sein erstes Buch Die Philosophie der Führung veröffentlicht hatte, empfahl Pétain ihn General Weygand, und de Gaulle wurde zum Generalsekretär des Obersten Rates der Nationalen Verteidigung ernannt. De Gaulle reagierte in angemessener Weise: er widmete seine Bücher Pétain und pries Pétains Militärgenius. Noch 1938 stellte er in einem Buch fest, daß Pétains Meisterschaft in der Taktik so herausragend war, daß sie fast eher als ein Naturgesetz, denn als eine menschliche Handlung erschien.

Während der ganzen 30er Jahre arbeitete Pétain kühn, unermüdlich und fast ohne Hilfe anderer für die gründliche Mechanisierung der französischen Armee, und drängte vor allem auf die Bildung einer französischen Luftwaffe, die mit der NS-Deutschlands mithalten oder sie übertreffen konnte.

All dies steht in ausgeprägtem Kontrast zu der Lethargie und Selbstgefälligkeit der Volksfront bei Militär- und Verteidigungssachen. Zu dieser Zeit sagte Leon Blum selbst:

»Wir [die Sozialisten] lassen nicht einmal den Gedanken an einen möglichen Krieg zu.«

Foch, der als Autorität für die französischen Sozialisten sprach, erklärte, daß alle energischen Schritte, die geeignet wären, Frankreich zu rüsten, den Krieg mit NS-Deutschland nur unvermeidlicher machten. Wie A. Williams es formulierte:

»Die französische Luftwaffe war im roten Dreck versumpft.«

Aber viele der Bücher, die erschienen sind und Pétain anprangern, weil er die französische Verteidigung vor 1939 unterminiert habe, wurden von früheren Anhängern der lethargischen Volksfront-Koalition verfaßt.

Obwohl Pétain von seiner politischen Philosophie her sicherlich kein begeisterter Republikaner war, war er ein Militär par excellence, der loyal der jeweiligen französischen Regierung diente. Während des Bestehens der Republik verhielt sich Pétain durch und durch loyal zu ihr. Wie Stanton Leeds es formulierte:

»Pétain, der einflußreichste aller Generale, war ein Republikaner, der mehr als jeder andere das Regime zur Zeit des Stavisky-Skandals rettete.«

Pétain war alles andere als ein Vorkriegs-Kollaborateur mit den Deutschen, und trat mehr als jeder andere prominente Franzose mit Warnungen vor der Gefahr der NS-Militärbedrohung hervor und drängte seine Landsleute, sich dafür zu wappnen. Tatsächlich sagte er in einem Artikel in der Revue des deux Mondes am 1. März 1935 mit bemerkenswerter Präzision genau die Art Blitzkrieg voraus, mit der Frankreich im Frühjahr 1940 erobert wurde. Er machte deutlich, daß Frankreich selbst 1935 nicht darauf vorbereitet war, einer solchen Invasion Widerstand entgegenzustellen, und warnte, daß »die diesbezüglich herrschende derzeitige Ungleichheit zwischen Frankreich und Deutschland von 1936 an wahrscheinlich noch schlimmer werde.« Er betonte besonders die Tatsache, daß zufriedenstellende und sichere Beziehungen mit Deutschland nur aufrecht erhalten werden könnten, wenn Frankreich mit Deutschland volle militärische Parität behielt, zahlenmäßig wie auch militärtechnisch, und in der Lage sei, Gewalt mit Gewalt zu erwidern.

Ein ausgezeichnetes und gutfundiertes Urteil über Pétains Bemühungen, Frankreich zu warnen und zu rüsten, erging durch Paul Bernier, den Abgeordneten der Radikalen Sozialisten in seinem Parlamentsbericht im Mai 1939:

»Mit klarer Voraussicht für die möglichen Entwicklungen hatte der große Soldat vorzüglich die Grundlage für die zu errichtende Struktur gelegt, war durch das Land gereist, um seine Pläne zu erläutern, er brachte in alles Belebung und zeigte sich immer besorgt um den Schutz der Zivilbevölkerung gegen eine zunehmend wachsende Gefahr.«

In bezug auf die vielen weltbekannten militärischen Fehler, über die seit 1939 geschrieben wird, ist keine Behauptung absurder als die, daß sich die französische Armee 1940 nach Nordafrika hätte zurückziehen und eine Zeitlang mit beeindruckendem Erfolg hätte kämpfen können. Es war General Weygand und nicht Pétain, der seine Regierung im Juni 1940 wiederholt darüber informierte, daß eine weitere aktive Kriegführung gegen die Deutschen unmöglich sei.

Bevor Pétain um einen Waffenstillstand bat, hatte die Regierung drei ihrer besten Militärexperten per Flugzeug nach Nordafrika geschickt, um die Möglichkeit zu prüfen, den Krieg dort weiterzuführen. Diese Fachleute äußerten einmütig und bestimmt die Ansicht, daß jeder Gedanke an eine Fortführung des Krieges in Nordafrika äußerst verwegen sei. Es war eine hoffnungslose Lage. Wenn im Juni 1940 in Nordafrika Widerstand geleistet worden wäre, ist sogar äußerst wahrscheinlich, daß die Nationalsozialisten, die Italiener und Spanier in Nordafrika eingefallen wären und vor Ende des Sommers das ganze Mittelmeerbecken eingenommen hätten. Es ist sehr wahrscheinlich, daß die Nationalsozialisten schnell ganz Spanien besetzt hätten.

Wahrscheinlich rettete der Waffenstillstand sogar England, indem die Engländer eine Atempause erhielten, die sie äußerst nötig hatten, um sich nach dem Schock der Katastrophe von Dünkirchen zu erholen und zu reorganisieren. Das wurde von maßgeblichen englischen Militärs zugegeben. Kein geringerer als gerade Winston Churchill erklärte vor dem amerikanischen Kongreß, daß »niemand zu sagen vermag, welches Unglück und Leid uns beschieden worden wäre, wenn sich Deutschland entschieden hätte, nach dem französischen Zusammenbruch im Juni 1940 in die Britischen Inseln einzufallen.« Wir wissen jetzt, daß die Engländer ihre Zustimmung dazu gaben, daß Frankreich um einen Waffenstillstand bat, eine Tatsache, die Reynaud vor seinen Ministern verheimlichte.

Als die französische Militärlage hoffnungslos wurde, stand Marschall Pétain zu seinem Land, anstatt in der Stunde der Gefahr und der Not wegzulaufen. Er war nicht eine jener "Ratten", die das sinkende Schiff verließen, um ins Ausland zu fliehen, dort ein gutes Leben zu führen und Ergüsse gegen den Mann zu richten, der nicht vor der Aufgabe zurückschreckte, Frankreich durch die größten Prüfungen und Sorgen seiner Geschichte zu führen, seit Julius Cäsar im März 58 v. Chr. Gallien betrat.

Als Admiral William D. Leally nach seiner Tätigkeit als amerikanischer Botschafter bei der Vichy-Regierung im Sommer 1942 nach den USA zurückkehrte, gab er folgende Erklärung ab:

»Meine Beziehungen zu Marschall Pétain, der bei mir ein hohes Ansehen genießt, waren eng, herzlich, und den Interessen seines Volkes dienlich. Er steht unter ständigem harten Druck seitens der Besetzer, was es für ihn äußerst schwierig macht, viel von dem zu erreichen, was er zur Erleichterung Frankreichs tun möchte.«

Am 22. Juni 1945 schrieb Admiral Leally folgenden Brief an Marschall Pétain, und der Brief wurde beim Verfahren gegen den Marschall als überzeugender Beweis dafür vorgelegt, daß Pétain niemals für eine Kollaboration mit den Nationalsozialisten war:

»Ich schätze Ihre persönliche Freundschaft und Ihren Einsatz für das Wohl des französischen Volkes sehr hoch ein. Sie haben mir oft Ihre leidenschaftliche Hoffnung geäußert, daß die NS-Invasoren vernichtet würden. Während dieser Zeit (1941-1942) unternahmen Sie auf meine Bitte hin Schritte entgegen den Wünschen der Achse und zugunsten der alliierten Sache. Jedes Mal, wenn Sie meinen Empfehlungen, sich den Achsenmächten zu widersetzen und deren Forderungen zu verweigern, nicht folgten, legten Sie mir den Grund dafür dar, nämlich daß ein entsprechendes Handeln eine zusätzliche Unterdrückung Ihres Volkes durch die Besetzer zur Folge hätte. Ich hatte damals wie heute die Überzeugung, daß Ihre Hauptsorge das Wohl und der Schutz des schutzlosen französischen Volkes war. Der Gedanke, daß Sie irgend ein anderes Interesse hätten, war mir unvorstellbar.«

Das ist die Beurteilung eines großen und rechtschaffenden amerikanischen Patrioten, eines Mannes, dessen Fähigkeit und Scharfsinn Präsident Roosevelt so sehr vertraute, daß er ihn praktisch mit der Führung der amerikanischen Kriegsanstrengungen betraute.

Die durch Prof. Louis Rougier zwischen der Churchill-Regierung und Vichy ausgehandelte Übereinkunft, die am 28. Oktober 1940 unterschrieben und im folgenden Monat von beiden Regierungen ratifiziert wurde, ist ein ausreichender und überzeugender Beweis dafür, daß sich Churchill und seine Verbündeten sicher waren, daß Pétains Sympathie und Politik vollständig auf Seiten Frankreichs und der Alliierten waren.

Die – wenngleich negative – Würdigung der Nationalsozialisten bezüglich Pétains mutiger Verteidigung der französischen Interessen während der NS-Herrschaft kommt am besten durch einen heftigen Brief von Ribbentrops vom 29. November 1943 an Pétain zum Ausdruck, in dem von Ribbentrop Pétain in bezug auf die Vichy-Regierung wegen des »ständigen Kampfes und dauernden Widerstands gegen« die NS-Politik kritisierte. Beim Gerichtsverfahren kam heraus, daß von Ribbentrop Pétain als »alter Immer-Nein« bezeichnet hatte, aufgrund seines unüberwindlichen Willens, sich der Zusammenarbeit mit den Nationalsozialisten zu widersetzen.

Man kann Pétain als Staatschef von Vichy nur dann fair und vernünftig beurteilen, wenn man seine Handlungsweise vor dem historischen Hintergrund betrachtet. Mehr als jeder andere Franzose hatte Pétain – vergeblich – versucht, Frankreich in die Lage zu versetzen, dem deutschen Militärangriff widerstehen zu können. Als sich dies im Juni 1940 als unmöglich erwies, tat Pétain, was jeder große französische Führer, der kein Verräter, Feigling oder Handlanger war, getan hätte: nämlich zu seinem Land zu stehen und für dieses zu erreichen, was unter dem Stiefel des Eroberers möglich war. In dieser Lage bedurfte Frankreich wie nie der Dienste eines tapferen Patrioten, der willens war, in der Stunde der größten Not bei seinem Land auszuharren.

Dr. Ménétrel war sowohl Marschall Pétains Arzt, als auch Leiter seines Privatsekretariats. Hier sehen wir den Marschall auf seinem täglichen Spaziergang mit Ménétrel in Vichy. Entgegen einem Gerücht, daß Pétain, der Nierenbeschwerden hatte, Drogen nehme, gab ihm Ménétrel nur Sauerstoff. Zuvor war Ménétrels Vater Arzt des Marschalls gewesen. Nach dem fehlgeschlagenen Attentatsversuch auf Adolf Hitler wollte Pétain dem deutschen Kanzler seine Glückwünsche senden: »Das ist nur elementare Höflichkeit – von einem Staatsoberhaupt zum anderen.« Aber Ménétrel protestierte empört: »Nein, das französische Volk würde das nie verstehen

Das Urteil der Geschichte wird vielleicht sein, daß kein anderer mehr als Marschall Pétain hätte erreichen können, als es darum ging, die Nationalsozialisten hinzuhalten und unter der Vichy-Regierung für sein Volk die bestmöglichen Bedingungen zu erlangen. Wenn er von den Deutschen gezwungen wurde, Beamte bei sich zu haben, deren Motive und politische Zielsetzungen fragwürdig waren, konnte er nichts dagegen tun. Im November 1940 sagte Pétain zu Prof. Louis Rougier: »[Pierre] Laval ist der Mann, den ich am meisten auf der Welt verabscheue«, aber die politische Lage und der deutsche Druck zwangen den Marschall, Laval einzusetzen.

Es ist wenig verstanden worden, in welch hohem Grad die Existenz des Vichy-Regimes und die Politik Marschall Pétains für Frankreich und die Alliierten von Nutzen war. Erstens hinderte der Waffenstillstand und die Bildung der Vichy-Regierung die Deutschen daran, ganz Frankreich zu besetzen. Wenn die Nationalsozialisten auch das von der Vichy-Regierung kontrollierte Gebiet besetzt hätten, hätten sie mehr Waren, Nahrungsmittel, Militärbasen und Leute Deutschland zugute kommen lassen können, als es so der Fall war. Das war ein erster großer Vorteil für Frankreich und die Alliierten. Pétain vereitelte Lavals Plan, Frankreich in einen Krieg mit England zu verwickeln, indem er die französische Flotte zur Eroberung Brazzavilles schickte. Pétain schickte General Weygand nach Nordafrika, um dies fest gegen italienischen und deutschen Druck zu halten, was ihm gelang. Weygand widersetzte sich den Forderungen sowohl der Italiener wie auch Rommels. Er hielt die Eingeborenen unter Kontrolle und organisierte das Rückgrat für eine Armee. Diese Vichy-Politik in Nordafrika, die von Weygands Nachfolger fortgeführt wurde, rettete England das Mittelmeer. Churchill gab zu, wenn die französischen Häfen in Afrika den Deutschen in die Hände gefallen wären, dann hätten die Briten das ganze Mittelmeerbecken aufgeben müssen. Außerdem erleichterte die französische Afrikapolitik der Vichy-Regierung die Landung der amerikanischen Truppen im November 1942 in Italien. Es ist daher nicht möglich zu sagen, wie viel länger der europäische Teil des Krieges ohne die Vichy-Regierung und Pétains Politik hätte dauern können.

Was sein eigenes Volk anging, so bewahrte Pétain es nicht nur vor einer direkten deutschen Unterdrückung, sondern war – durch Prof. Rougier – in der Lage, auf Churchill einzuwirken, die Blockade gegen Vichy in gewissem Umfang aufzuheben, und somit für die leidende Bevölkerung mehr Nahrung zu bekommen. Schließlich bewirkten Pétains Reformen und administrativen Bemühungen die bestmögliche Nutzung von Nahrung und Waren für die Franzosen im Vichy-Gebiet.

Es war für die prominenten und wortreichen französischen Exilanten einfach, in einem luxuriösen Londoner Hotel oder in einem Penthouse in der New Yorker City zu sitzen und den Marschall zu kritisieren, weil er nicht Hitler ins Gesicht spuckte. Aber Pétains Kritiker waren zuerst darauf bedacht, daß sie außerhalb der Reichweite aller deutschen Kanonen und Gauleiter in Sicherheit waren.

Wenn wir zu den politischen, sozialen und wirtschaftlichen Idealen Marschall Pétains kommen, sind die Tatsachen klar, wenn auch absolut nicht einfach. Pétain ist beschuldigt worden, ein Monarchist oder ein Faschist usw. zu sein. Seine Ideale vom perfekten Staat lassen sich aber nicht in das Raster einer bestimmten politischen Richtung pressen. Der Kern von Pétains politischer Ideologie ist ein sentimentaler katholischer Nationalismus, der für ihn durch Jeanne d’Arc symbolisiert wird. Ihr Name und ihre Taten tauchen in seinen Reden über Frankreich in dessen jüngster Stunde der Gefahr immer wieder auf. Jeanne d’Arc ist die ständige Mahnung, daß sich Frankreich aus dem Abgrund erheben und alle Schwierigkeiten und scheinbar unbezwingbaren Hindernisse überwinden kann. Aber der für viele Patrioten und engagierte Kirchenleute typische Fanatismus wurde bei Pétain durch seine Bewunderung für die Toleranz und Weltgewandtheit seines französischen Lieblingsverfassers Michel de Montaigne gedämpft.

Der politische Hauptmentor Marschall Pétains war Bischof Bossuet, der große französische Verfechter des Gottesgnadentums. Aber Pétain war Realist genug um zu wissen, daß die Ära der Monarchie der Vergangenheit angehört. Er war kein Royalist; von Bossuet hat er nur die Idee des autoritären Staates übernommen, in dem der Führer nicht so sehr dem Volk gegenüber verantwortlich ist, sondern für das Volk und dessen Wohlergehen. In der Frage, was der Führer zugunsten seines Volkes tun sollte, sucht Pétain in der jüngeren politischen und wirtschaftlichen Literatur Rat.

Er ist sehr stark von dem französischen katholischen Sozialreformer Frederic Le Play beeinflußt worden, der die Wichtigkeit betonte, in Frankreich die patriarchalische Familie mit ihrer Ordnung und Fruchtbarkeit wiederzubeleben, sowie die grundlegende soziale Bedeutung der natürlichen geographischen Gliederung und die fundamentale Rolle der Landwirtschaft für eine gesunde Wirtschaft.

Vom Führer des französischen katholischen Sozialismus Graf Albert de Mur übernahm Pétain die Vorstellung, daß der Staat eine umfassende Kontrolle über das Wirtschaftsleben ausüben muß. Aber die Art, wie diese Kontrolle sichergestellt und durchgeführt werden soll, hat Pétain von Frankreichs administrativen Syndikalismus eines Emile Durkheim und anderer übernommen. Der quasi-sozialistische Staat, den Pétain vor Augen hat, wirkt über einen korporativen Aufbau. Das ist die einzige erkennbare Ähnlichkeit, die Pétains politische und wirtschaftliche Theorien mit dem Faschismus haben, aber der administrative Syndikalismus kann augenscheinlich nicht mit Faschismus gleichgesetzt werden. Er könnte von den radikalsten Wirtschaftsreformern benutzt werden, und wurde so von niemandem anderem als den revolutionären französischen Syndikalisten befürwortet.

Pétain versuchte in seinen während der Vichy-Regierung vorgeschlagenen Reformen des politischen und wirtschaftlichen Lebens Frankreichs die obigen Ideale folgerichtig und entschlossen umzusetzen. Worin diese Reformen bestanden – zumindest auf dem Papier – wurde von Paul Vaucher in seinem bemerkenswerten Artikel über »Die nationale Revolution in Frankreich« im März 1942 in Political Science Quarterly gut beschrieben.

Deutscher Widerstand und die Schwierigkeiten der Vichy-Zeit hinderten die meisten dieser Reformen, über die Existenz auf dem Papier hinauszugehen, aber sie zeigen deutlich genug die Ideen und politischen Ziele von Marschall Pétain als Staatsmann und Sozialreformer. Diese Vorstellungen zielen auf die Errichtung eines autoritären Staates, in dem über Stände der gehobenen Berufe und der Industrie ein ausgeklügeltes Programm für eine durchorganisierte Gesellschaft verwirklicht werden sollte, das die Landwirtschaft, das Handwerk und den Handel umfassen sollte, im Interesse eines blühenderen Frankreichs. Aber all das erforderte als Grundlage eine Wiederbelebung der französischen Familie, die die Geburtenrate erhöhen und den Kindern patriotischen Eifer einflößen sollte.

Jeder, der meinen geistigen und politischen Standort kennt, wird sofort feststellen, daß eine militärische Laufbahn, Eifer für katholischen Autoritätsglauben, intensiver Nationalismus und dergleichen das letzte ist, zu dem ich mich persönlich hingezogen fühle. Da ich aber, wie Pétain, Montaigne bewundere, kann ich einen Ehrenmann achten, der von Auffassungen überzeugt ist, die von den meinen abweichen.

Meiner Meinung nach gab es in der ganzen Geschichte Frankreichs keine noblere Persönlichkeit als Henri Philippe Pétain, und ich glaube, daß er von Verfassern schlecht gemacht und von Politikern angegriffen wird, die weder durch einen rechtschaffenen Charakter noch durch wirkliche Opferbereitschaft für Frankreich qualifiziert sind, dem Marschall die Stiefel zu putzen. Ich teile die meisten der politischen Ansichten seiner heutigen Angreifer, aber ich kann ihre Lügen nicht leiden. Und ich glaube darüber hinaus, daß ihre Lügen ihre vernünftigen politischen und wirtschaftlichen Zielsetzungen vergiften und gefährden und ihr Verdienst schmälern, Frankreich zu rehabilitieren.

Man kann nichts Passenderes finden, um diese kurze Übersicht über Pétains Laufbahn und Ideen abzurunden, als die bestimmte und klar umrissene Würdigung durch Col. Charles Sweeny in seinem wichtigen Buch Moment of Truth über den Platz, den der Marschall in der jüngsten Geschichte einnimmt:

»Bevor wir den französischen Schauplatz verlassen, neigen wir uns voller Achtung vor dem alten Marschall in seinem Leid. Trotz aller Verleumdungen und Beschimpfungen hat er uns zwei Jahre lang gut gedient. Wenn wir jetzt in Nordafrika sind, wenn sich in der ganzen Welt Franzosen um uns sammeln, verdanken wir es ihm, seinem Mut, seiner Hartnäckigkeit, seinem Heroismus. […] Als die Katastrophe kam, verließen die Politiker, die Profitmacher, die Feiglinge und die Schwächlinge das Schiffswrack wie ein Haufen dreckiger Ratten. Vom sicheren Hafen der Vereinigten Staaten oder Englands aus spuckten sie dann ihre Gehässigkeit gleichermaßen auf Kapitän, Mannschaft oder Passagiere des Hinterdecks, die auf dem Schiff geblieben waren und weiterhin versuchten, es sicher in den Hafen zu bringen. Wenn der Sieg errungen ist, wenn wir unsere Fahnen auf den Ruinen von Berlin aufgepflanzt haben, sollten wir des ersten Baumeisters unseres Sieges, Henri Philippe Pétain, dem Marschall von Frankreich gedenken.«

Meiner Meinung nach gab es in Frankreich seit den Tagen von Oberst Henry und Major Esterhazy, den Hauptschuldigen der Dreyfuß-Affaire, keine verantwortungslosere Person des öffentlichen Lebens, als die Ankläger Pétains. Und ich zweifle daran, daß es in der Geschichte seit der Zeit, da Pontius Pilatus Jesus Christus der Kreuzigung übergab, ein abstoßenderes Paradoxon gab, als die Farce Charles de Gaulles, der aus Frankreich geflohen war, als das Land in Gefahr war, und der dann das Todesurteil des Mannes umwandelte, der bei vier aufeinanderfolgenden Anlässen "der Retter Frankreichs" gewesen war.


Entnommen der Barnes Review, 7(3) (2001), S. 51-58 (130 Third St., SE, Washington, D.C., 20003, USA), übersetzt von Patricia Willms. Harry Elmer Barnes war eine der Koryphäen der revisionistischen Idee und der Namensgeber der Barnes Review. Er starb 1968.


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 5(3) (2001), S. 255-262.


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