Bücherschau

Der Zug fährt schon - sanfter Revisionismus in Dänemark

Von Dr. Christian Lindtner

Helge Hagemann, Under Tvang - Minerydningen ved den jyske vestkyst 1945 (Unter Zwang - die Minenräumung an der jütländischen Westküste 1945), Akademisk Forlag A/S, Kopenhagen 1998, 112 S., mit zahlr. Bildern, 168 DKr, ISBN 87-500-3550-9 (www.akademisk.dk)

Stefan Emkjær, Stikkerdrab - Modstandbevægelsens likvidering af danskere under besættelsen (Denunizanten-Mord - Die Liquidierungen von Dänen durch die Widerstandsbewegung während der Besetzung) Aschehoug Dansk Forlag A/S, 2000, brosch., 223 S., 249 DKr., ISBN 87-11-11463-0 (www.aschehoug.dk)

Obwohl es in Dänemark weder einen "organisierten" Revisionismus gibt noch derzeit irgendeine Zeitschrift, die sich kritisch mit der Geschichtsschreibung der Kriegs- und Nachkriegszeit befaßt, und obwohl in den Jahrzehnten nach dem Krieg nur ein sehr enges Meinungs-Spektrum zu Wort kam, ist hier in den letzten Jahren etwas in Gärung geraten. Der Schleier des von Widerstandskreisen geprägten Geschichtsbildes wird mehr und mehr durchlöchert oder weggezogen.

Über ein Jahrzehnt lang war die einzige kritische Untersuchung dieser Zeit Ditlev Tamms in den achtziger Jahren erschienene Arbeit Retsopgøret[1] über die Entnazifizierung in Dänemark.

In den letzten Jahren haben jedoch mehrere Verfasser begonnen, die Nachkriegs-Machtübernahme nach ihrer juristischen und legalen Grundlage zu hinterfragen und das Kriegs- und Nachkriegsgeschehen an den demokratischen Moral- und Wertedeklarationen zu messen. Diese Generation von Historikern hat das Schwarz-Weiß-Denken aufgegeben - ihr reicht "Antinazismus" nicht mehr als Rechtfertigung für Unrecht. Nachdem die ersten Fragezeichen gesetzt und eklatante Rechtsverstöße der Gutmenschen schonungslos aufgedeckt wurden, kann mit Spannung verfolgt werden, zu welchen Erkenntnissen sich dieses Freidenkertum weiterhin durchringt.

Besonders hoffnungsvoll stimmt es, wenn die Tabus der Väter von den eigenen Kindern über Bord geworfen werden, wie es beim ersten hier zu besprechenden Titel der Fall ist.

Der Verfasser ist Jurist und Sohn eines dänischen Widerständlers. Sein Vater, P.C. Florian-Larsen, hatte 1943 als dänischer Offizier in Schweden bei der Aufstellung der Dänischen Brigade mitgewirkt, diente dann 1944 in England bei der dänischen Militärmission des SHAEF, und kam im April 1945 mit dem britischen General Dewing von Stockholm aus nach Dänemark zurück. Zusammen mit dem englischen Minenexperten Major Holland befehligte er die Minenräumung der dänischen Küste. Die Minenräumung selbst wurde - unter Verstoß gegen die Haager Landkriegsordnung - deutschen Kriegsgefangenen auferlegt.

Als dem Verfasser Jahrzehnte später ein Zeitungsausschnitt hierüber in die Hand kam, fühlte er sich verpflichtet, dem damaligen Geschehen auf den Grund zu gehen, und das Ergebnis seiner Forschung präsentiert das kleine, aber hochkarätige Werk.

Teil I beschreibt die Organisierung und Durchführung der Minenräumung. Nach der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht in Dänemark am 4.5.1945 sollten die deutschen Truppen Dänemark schnellstmöglich verlassen - zu Fuß. Am 9. Mai wurde der deutsche Oberkommandierende, Generaloberst Georg Lindemann, - ein Offizier alter Schule - persönlich für die Minenräumung verantwortlich gemacht. Er mußte 2000 deutsche Soldaten, hauptsächliche Pioniere, aus den Marschkolonnen herausnehmen und an die Westküste Dänemarks, den Atlantikwall, abkommandieren. Bei der Unterzeichnung der Bedingungslosen Kapitulation am 4. Mai war davon nicht die Rede gewesen, und der Verfasser zeigt machtpolitisches Gespür, wenn er die Frage aufwirft, ob die Alliierten dieses heikle Thema absichtlich erst zur Sprache brachten, nachdem die Entwaffnung der Deutschen in Dänemark durchgeführt war.

Daß dies ein ehrliches Buch ist, zeigt Hagemanns Feststellung, daß General Dewing bei seiner Ankunft in Dänemark »eine im großen Ganzen gutfunktionierende Gesellschaft vor[fand], die nicht in nennenswertem Grad von 5 Jahren Besatzung und Krieg geprägt war.« (S. 42; Hervorhebung durch den Rez.) Das in Dänemark gängige Klischee, mit dem auch der Verfasser groß geworden ist, lautet natürlich ganz anders. Sich durch Befassung mit den Tatsachen von solchen Voreingenommenheiten lösen zu können, zeichnet den echten Historiker aus - oder soll man sagen: den Revisionisten?

Lindemann beauftragte Hauptmann Geuer, den Chef der Pionier-Schule in Horsens, mit der Durchführung der Minenräumung. Das im April 1944 innerhalb der Dänischen Brigade unter dem Ingenieursoffizier D.A. Wieth-Knudsen errichtete Pionierkommando kam somit bei der Räumung der etwa zwei Millionen Landminen nicht zum Einsatz, sondern übte nur die Kontrolle aus. Die 250-350 Mann des Kommandos wurden von dem englischen Minenexperten Major Holland eingewiesen und bewachten zugleich auch die eingesetzten kriegsgefangenen Deutschen.

Die Deutschen hatten bereits am 11. Mai mit der Minenräumung begonnen. Den deutschen Offizieren wurden Minenkarten ausgehändigt, und sofern die Minen sichtbar und in Übereinstimmung mit den Karten ausgelegt waren, war die Räumung nicht schwierig. Gesucht wurde mit Spaten, Bajonetten, langen Eisenstangen und elektrischen Minensonden, die jedoch von schlechter Qualität und bei den sog. Holzminen (Panzerminen in Holzkästen) unnütz waren.

Die Arbeit war natürlich gefährlich, jeder Schritt konnte den Tod bedeuten. Dazu kam der Zeitdruck - die Engländer verlangten, daß ein Soldat, der durch Sand, Gras, Heidekraut oder sumpfige Wiesen kroch, alle 5 Minuten eine Mine entfernen sollte (was jedoch oft nicht realisierbar war).

Anfangs waren etwa 1000 deutsche Kriegsgefangene mit der Minenräumung beschäftigt, am 30.5.45 kam ein Bataillon aus einem englischen Kriegsgefangenenlager bei Eiderstedt dazu und die Stärke stieg auf 1.800 Mann, im August, anderthalb Monate vor Ende der Arbeit gar auf 2.600 Mann.

Die Verpflegung entsprach in keiner Weise der harten und gefährlichen Arbeit, und vor allem die Soldaten, die sich in Hoffnung auf bessere Verpflegung aus der britischen Gefangenschaft in Eiderstedt "freiwillig" gemeldet hatten, wurden bitter enttäuscht. Sie bekamen nicht einmal die den Genfer Konventionen entsprechenden Rationen. Zwar führt der Verfasser an, daß in ganz Europa Nahrungsmangel herrschte, er führt zugleich aber aus, daß in Dänemark reichlich Nahrungsmittel vorhanden waren - was auch aus den Akten des Rigsarchiv in Kopenhagen hervorging. Generalmajor Vagn Bennike forderte am 17. Juni 1945 beim Generalkommando eine anständige Behandlung der deutschen Minenräumer - ihre Tagesration betrug 1.300 kcal pro Tag. Noch am 6. Juli stellten die britischen Militärärzte fest, daß die Mineure nicht ihre 2.500 kcal. pro Tag erhielten. Hauptmann Geuer monierte am 28. Juli, daß seine Truppen nicht bekamen, was ihnen zustand und ihnen von dänischer Seite versprochen worden war. In einer deswegen angesetzten Konferenz der SHAEF-Mission am 31.7.45, bei der es um Seife, Essen, Kleidung und Stiefel für die Gefangenen ging, setzte sich auch Major Stanley Holland für höhere Rationen ein. Ob diesen Forderungen stattgegeben wurde, war den Dokumenten nicht zu entnehmen. Das Rote Kreuz hatte keinen Kontakt zu den minenräumenden Gefangenen - und auch keine entsprechenden Versuche unternommen. Die deutschen Minenräumer waren also völlig von der Umwelt abgeschnitten und konnten sich an keine Instanz wenden.

Die deutschen Pioniere mußten nicht nur schwere körperliche Arbeit leisten, sie standen auch unter großem psychischen Druck. Sie wurden von ihren eigenen Offizieren in die Minenfelder befohlen, denen es von den Engländern und Dänen überlassen blieb, wie sie ihre Soldaten "motivieren" sollten, und die Disziplin war sicher hart.

Die vom SHAEF befohlene Kontrolle beinhaltete, daß deutsche Pioniertruppen zum Abschluß über die Felder marschieren mußten, die von Personenminen geräumt worden waren, und mit gepanzerten Fahrzeugen über die Gebiete fahren mußten, wo Panzerminen gelegen hatten.

In Norwegen - wo man den Dänen großzügig Ratschläge für die Minensuche gegeben hatte - wurden bei diesen Kontrollgängen vereinzelt scharfe Minen gelegt, um die Effektivität der Kontrollen zu überprüfen. Bernhard Østerås berichtete am 9.9.45 im Rundfunk über die Minenräumung:

»Die Deutschen mußten systematisch über die Felder gehen und mit dünnen spitzen Eisenstangen herumstochern. Zuletzt wurde eine bestimmte Anzahl Deutscher beordert, Schulter an Schulter langsam durch das Feld zu gehen. Sie sollten beim Marschieren mit Eisenstangen in die Erde vor ihnen stechen. Das wurde mehrmals wiederholt, wenn es der Kontrolloffizier für nötig befand. Um die Wirksamkeit dieser letzten abschließenden Kontrolle zu überprüfen, wurden in einzelnen Fällen zuerst scharfe Minen im Feld ausgelegt, ohne daß die Deutschen davon wußten. Diese Minen wurden immer, immer von den Deutschen gefunden.«

Ob die dänischen Kontrolleure eine ähnliche Fantasie an den Tag legten, darüber schweigen sich die Archive aus.

Der Zeitdruck war einer der wichtigsten Unglücksfaktoren. Bis zum 25.7. notierte Hauptmann Geuer 117 Tote und 123 Schwerverwundete in seinem Regiment, 148 waren leicht verletzt.

Hagemann vergleicht die Todesraten von 1 % in den großen Kriegsgefangenenlagern mit 10 % bei der Minenräumung. Bezieht man auch die Schwerverletzten ein, so ergibt sich eine Quote von 25 %

Im 22-bändigen Bericht der Masckekommission werden bis zum 1.9.45 - einem Monat vor Abschluß der Minenräumung - 179 Tote und 165 Schwerverletzte angegeben.

Wahrscheinlich waren die Verluste aber höher als die offiziellen dänischen Zahlen. Karl Frielitz gibt die Verluste per 1. Oktober 1945 mit 250 Toten und 200 Schwerverletzten, sowie 400 Leichtverletzten an. Frielitz berichtet auch, daß die Engländer die deutschen Pioniertruppen für ihre rasche Minenräumung in Dänemark belohnten - nicht mit Freilassung, sondern mit einer ungefährlichen Arbeit: dem Wiederaufbau der Eisenbahn im Hamburger Raum.

Ein schlimmerer Dank wurde Generaloberst Lindemann zuteil: er wurde am 4. Juni 1945 in "Silkeborg Bad" (dem Hauptquartier der Deutschen Wehrmacht in Dänemark) verhaftet und nach Nürnberg verbracht. Erst 1948 wurde er entlassen.

Teil II des besprochenen Buches mit der Überschrift »Das Verbrechen« befaßt sich mit der juristischen Seite. Hagemann behandelt kurz die Regeln zum Schutz der Kriegsgefangenen, die Haager Konvention von 1907, - die auch von der Sowjetunion unterzeichnet wurde - und die Genfer Konvention vom 27.7.1929.

Diese Punkte bedürfen für unsere Leser kaum weiterer Ausführung - während sie für den Verfasser eine schockartige Entdeckung darstellten, und das gleiche gilt für die dänische Öffentlichkeit.

Bemerkenswert und richtungsweisend ist die Interpretation des Begriffs »bedingungslose Kapitulation«, die der Jurist Hagemann präsentiert, und die man in der deutschen Literatur nicht findet. Sie wird durch Zitate aus Churchills Reden belegt (S.82):

»Der Ausdruck "bedingungslose Kapitulation" bedeutet [...] daß die Alliierten im Augenblick der Übergabe den Deutschen gegenüber nicht durch irgendeinen Vertrag oder andere Verpflichtungen gebunden sind. (Rede im Unterhaus 22.2.44) «

Mit anderen Worten: »bedingungslose Kapitulation« beinhaltete nicht nur, daß die Sieger dem besiegten Deutsche Reich ihre Bedingungen diktierten - es bedeutete darüber hinaus, daß sich die Sieger in ihrer Machtausübung nicht einmal von völkerrechtlichen Prinzipien beschränken lassen wollten. Diese erklärte Absicht kam dann bekanntlich auch zur Durchführung, sei es mit der Verhaftung der Reichsregierung oder der Aufteilung Deutschlands, das mit Hagemanns Worten »sowohl formal wie auch real zu existieren aufhörte«. Die darin liegende Ungeheuerlichkeit und Anklage ist dem Verfasser bewußt - während er sich wahrscheinlich keine Gedanken über das darauffolgende "Interregnum" gemacht hat, das völkerrechtlich bis heute nicht beendet ist.

Dieses Schild ließ der Standortkommandant im Mai 1945 im dänischen Grenzort Krusau anbringen. Es veranschaulicht, unter welch strenger Disziplin die abziehenden deutschen Truppen gehalten wurden.

Diese Sichtweise scheint mir den tatsächlich singulären Völkerrechtsverstoß der Alliierten klarer zum Ausdruck zu bringen als die ansonsten zu hörenden Beteuerungen, das Deutsche Reich bestehe fort, weil nur die Wehrmacht kapituliert habe. Für einen Außenstehenden wie Hagemann ist klar, daß hier die Macht das Recht gebrochen hat.

Eine weitere Folge der absoluten Rechtlosigkeit bestand darin, daß die Kriegsgefangenen wie Staatenlose behandelt wurden, also ohne jeglichen Schutz ihres Heimatlandes.

Einer Behandlung über alliierte Verstöße gegen die Genfer Konvention muß - für dänische Verhältnisse wohl zwingend - ein Abschnitt über "deutsche Kriegsverbrechen" vorausgehen, wobei sich der Verfasser im Wesentlichen auf Lord Russels Buch The Scourge of the Swastika[2] verläßt - den er einmal als Historiker, und dann als Rechtsanwalt vorstellt. Zwar bräuchte dies kein Widerspruch zu sein, wie Hagemanns eigene Arbeit zeigt, die dort, wo sie auf eigenständige Forschung und Gedanken zurückgreift, durchaus der Historikerzunft Ehre macht.

Hagemanns Glaube, daß die Geschichtswissenschaft unabhängig von machtpolitischen Erwägungen sei und daß andere ihr Thema mit dem gleichen Objektivitätsstreben angehen wie er selbst, ist jedoch naiv - wenn sie auch für den Menschen Hagemann und seine Aufrichtigkeit spricht. Man sollte es einem ehrlichen Menschen nicht zum Vorwurf machen, daß er nicht sofort einen Kollegen durchschaut, der sein Thema mit weniger ehrlichen Motiven angeht, vor allem, wenn dieser vom landläufigen Geschichtsbild bestätigt wird.

Es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis Hagemann entdeckt, daß nicht nur sein Spezialthema Minenräumung durch Kriegsgefangene tabuisiert und von Mythen verzerrt wird und er das Ausmaß erkennt, in dem die Kriegs- und Nachkriegsgeschichte international von alliierter Propaganda und in Dänemark von Legenden der Widerständler beherrscht wird. Daß er auf dem Weg dazu ist, zeigt der III. Teil seines Buches, betitelt »Das Nachspiel« , wo sich der Autor sowohl mit dem systematischen und jahrzehntelangen Schweigen über dieses Kriegsverbrechen befaßt, wie auch mit der Polemik, der er ausgesetzt wurde, seit er erstmals seine Forschungsergebnisse vorstellte:

Der Titel des Buches, Unter Zwang, richtet sich gegen den Einwand, die Minenräumer seien freiwillig zu Werk gegangen. Hagemann kontert kurz und bündig, Freiwilligkeit beinhalte, daß man jederzeit auch aufhören kann - die deutschen Minenräumer wurden jedoch nicht gefragt, ob sie Lust hätten oder nicht.

Sie erhielten auch keinen Lohn für ihre Arbeit, ihre Verpflegung war elendig und sie unterstanden dem Kommando ihrer Vorgesetzten, die wiederum von den dänischen Kontrolleuren kommandiert wurden.

Die für das Niveau der dänischen Diskussion bezeichnende Behauptung, man könne nicht Kriegsgefangener sein, nachdem der Krieg zu Ende sei, weist Hagemann als Mythos zurück und macht mit zwei Zeilen darauf aufmerksam, daß Dänemark die letzten Kriegsgefangenen erst 1946, und England erst 1947 entließ.

Der Widerspruch zwischen Kriegsende und fortbestehender Kriegsgefangenschaft - bei den Spätheimkehrern aus Rußland 10 Jahre nach Kriegsende - verdient aber eine ausführlichere Behandlung und es wäre erfreulich, wenn sich der Jurist Hagemann dieser Frage in einer eigenen Abhandlung zuwenden würde.

Daß Helge Hagemann sein Thema schonungslos angeht, zeigt insbesondere Teil III, wo der einmal erboste Verfasser weiterbohrt: warum dieses Verbrechen verschwiegen und verschleiert wurde. Es sei nicht so merkwürdig, »daß dieser Teil der Befreiung nicht erzählt wurde - beinhaltete er doch Sprengstoff im wahrsten Sinn des Wortes.« Dem Idyll von »Dänemark war befreit und der Friede brach aus« stellt der Autor dieses von dänisch-britischer Seite begangene Kriegsverbrechen gegenüber. Ganz klar, daß er sich damit erhebliche Kontroversen eingehandelt hat.

Im Januar dieses Jahres hat sich der Verfasser an den dänischen Ministerpräsidenten Poul Nyrup Rasmussen gewandt und eine Entschädigung für die überlebenden Kriegsgefangenen gefordert - er ist aber bis Mai 2001 keiner Antwort gewürdigt worden. Helge Hagemanns Kommentar:

»Dänemarks schöner Kampf für die Menschenrechte ist eine Heuchelei. Geschichtlich gesehen ist die Minenräumung ein typisches Beispiel der dänischen Selbstgerechtigkeit und der verblüffend gut entwickelten Fähigkeit, die Wahrheit zu verdrängen und zu verschweigen - und dänischer Realpolitik. Wenn die Wahrheit unbequem ist - das ist so von Grund auf dänisch.«

Vielleicht sollte man dieses harte Urteil nicht auf die Dänen als Volk beziehen, sondern auf die Politiker - die wiederum nicht schlechter sind als die meisten demokratischen Politiker der anderen demokratischen Nationen, deren hohlphrasige Ergüsse von Humanitätsschwafeleien triefen, während sie in der Praxis die grundlegendsten Menschenrechte mit Füßen treten.

Wie wohltuend wirkt dagegen die ehrliche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, die Helge Hagemann darbietet. Sein Buch ist seinem Vater und den deutschen Soldaten gewidmet, die bei der Minenräumung Leben oder Gesundheit verloren. Hagemann hat damit zu einer echten Versöhnung einen großen Beitrag geleistet.

Der Verfasser des zweiten hier besprochenen Buches nimmt die über 400 Morde unter die Lupe, die von dänischen Widerständlern an Landsleuten verübt wurden, weil sie angeblich Denunzianten waren.

Auch dieses Buch stellt bohrende Fragen - und beginnt mit einem Paukenschlag: frisch, frank und frei nimmt es als selbstverständlichen Ausgangspunkt, daß die Besetzung Dänemarks mit den Deutschen vorab vereinbart war. Diese Theorie wurde bisher in der dänischen Öffentlichkeit als Tabu behandelt und nicht diskutiert, sondern totgeschwiegen. Im Zusammenhang mit dem Thema dieses Buches kommt man hieran aber gar nicht vorbei - denn das ganze Dilemma der deutschen Besatzer wird durch die selbstauferlegten Beschränkungen dieser "Friedensbesetzung" charakterisiert: die Vereinbarung mit der dänischen Regierung, daß Dänemark möglichst seine Eigenständigkeit und Selbstverwaltung behalten solle, wenn es der Besetzung keinen Widerstand entgegenstellt (es gab beim Einmarsch der Deutschen nur an vereinzelten Stellen Gefechte, wo die Dänen nicht darüber informiert worden waren, daß sie die Waffen strecken sollten). Wäre Dänemark tatsächlich "überfallen" und "erobert" worden, wäre es überhaupt nicht zu verstehen, warum die Deutschen solche Zurückhaltung an den Tag legen sollten.

Die Deutschen haben sich an diese Abmachung gehalten und sich kaum in die dänische Innenpolitik eingemischt - dies ging sogar so weit, daß die dänischen Nationalsozialisten unter Fritz Clausen an der kurzen Leine gehalten wurden, während man deutscherseits mit der dänischen Regierung unter dem Sozialdemokraten Stauning zusammenarbeitete. Dieser betrieb ohnehin eine in vieler Hinsicht nationalsozialistische Politik und hat viele der sozialen Errungenschaften des Dritten Reiches übernommen, angefangen von der Volksrente, die in Dänemark auch nach 1945 beibehalten wurde (sie wird nicht über eine Rentenversicherung finanziert, sondern über die Steuern, so daß jeder Däne - also nicht nur Erwerbstätige - im Rentenalter eine staatliche Pension beziehen kann, was vor allem nicht berufstätigen Frauen zugute kommt.)

Diese Vereinbarung hatte bis zum 29. August 1943 Bestand, als sie durch den Rücktritt der dänischen Regierung gegenstandslos wurde. Bis dahin übte die dänische Polizei ihre Funktion aus und die Friedensbesetzung zwang die Deutschen zu akzeptieren, daß die dänischen Widerständler nach dem dänischen Strafgesetzen - d.h. milde - abgeurteilt wurden.

Die deutsche Nichteinmischung war für die dänische Widerständler sogar derart berechenbar, daß sie wegen der deutschen Ankündigung, als Repressalie für jeden ermordeten deutschen Soldaten fünf Dänen hinzurichten, ihre Opfer nicht unter den Deutschen, sondern unter ihren eigenen Landsleuten auswählten. Zwischen 400 und 450 Dänen wurden als sog. stikker[3] (Denunziant) von dänischen Widerständlern umgebracht - angeblich, weil sie Widerstandsleute gegen Bezahlung an die dänische Polizei oder die Deutschen verraten haben.

Hier setzt nun die Arbeit des jungen Historikers Stefan Emkjær ein. Er hinterfragt - erstmals seit 50 Jahren - die etablierten Mythen. Wie brisant das Thema immer noch ist, ergibt sich daraus, daß der Verfasser auch bis zur Abfassung seines Buches keine Einsicht in die Archivalien des Justizministeriums erhielt.

Emkjær geht sein Thema von Grund auf an. Im Rahmen seiner Abschlußarbeit hat er eine Liste über die Todesfälle erstellt (die er aber mit Rücksicht auf die Familien der Betroffenen nicht veröffentlicht). Seine Quelle sind 16 verschiedene offizielle Listen, die im Sommer 1945 ausgearbeitet wurden, um die Tötungen, für die die Widerstandsbewegung die Verantwortung übernehmen wollte, von denen abzusondern, die unter dem Deckmantel des Widerstands mit kriminellen Motiven erfolgt sind. Emkjær kommt auf 409 Tötungen, plus 96 versuchte Anschläge.

Seit dem ersten Anschlag 1943 stieg die Zahl ständig und eskalierte ab 1944 bis zur deutschen Kapitulation - in der Zeit von November 1944 bis zum 5. Mai 1945 erfolgten 290 Anschläge, also 70 % aller Anschläge überhaupt. Mit Fortdauer der Besetzung setzte die Wehrmacht Anti-Terror-Korps ein, die zur Vergeltung von Liquidierungen Repressalien durchführten.

Die Morde »im Blutrausch nach dem 3.5.1945« hat Emkjær nicht mehr berücksichtigt, ebenso wie er Morde an Angehörigen der deutschen Minderheit nicht mit einbezogen hat.

Während des Krieges fand sich die dänische Öffentlichkeit mit der Erklärung ab, daß die Widerstandsbewegung - in Wirklichkeit keine einheitliche Bewegung, sondern eine Vielzahl kleiner Grüppchen - jeden Fall genau geprüft habe, bevor ein Befehl zum Töten ergangen sei, und vielfach herrschte die Vorstellung, es habe eine Art Urteil vorgelegen. Aber schon bald nach Kriegsende mehrten sich die Stimmen, wo Angehörige von Ermordeten beteuerten, daß die Getöteten keine Denunzianten gewesen seien.

Emkjær erörtert zuerst die Terminologie und wählt bewußt wertfreie und emotionslose Ausdrücke. Den Begriff Denunzianten-Liquidation setzt er ins rechte Licht: nur bei einem geringen Prozentsatz - nach manchen Schätzungen nur 10 % - hatten die Opfer Informationen an die Deutschen gegeben.

Das wirft natürlich die Frage auf, weshalb die anderen 90 % getötet wurden - und wer den Befehl dazu gab. Emkjær stellt minutiös die einzelnen Behauptungen einander gegenüber. Schon die dabei zum Ausdruck kommenden Widersprüche machen deutlich, auf welch dünner Grundlage - um nicht von Willkür zu sprechen - die Widerständler über Leben und Tod entschieden. Meist schiebt der jeweils befragte Widerstandsmann die Verantwortung einem anderen zu, verweist auf nicht existente oder nicht handlungsfähige Gremien, und zuletzt verliert sich die Spur im Nebulösen. Auch bezüglich der vor dem Mord vorgenommenen Untersuchung ergibt sich das gleiche Bild: meist gab es gar keine Instanz, die eine gründliche und objektiv nachvollziehbare Untersuchung vornahm (oder vornehmen konnte), um dann auf dieser Grundlage den Liquidationsbefehl zu geben.

Zwar nahm der Freiheitsrat die übergeordnete "Verantwortung" für die Tötungen auf sich, aber die konkrete Entscheidung für eine Liquidierung wurde hauptsächlich vor Ort getroffen, d.h. höchstens auf der Ebene des Anführers einer Gruppe, ansonsten von der Gruppe oder auch von Einzelpersonen. Die Beschlußfassung war also ganz kurz, und selbst wenn die Fälle nach oben weitergegeben wurden, kamen sie selten weiter als bis zur nächsten Führungsebene.

Man merkt dem Verfasser sein Erschrecken an, als er allmählich gewahr wird, daß die in der Öffentlichkeit herrschende Auffassung nicht den Tatsachen entspricht, die Tötungen der Widerstandsbewegung seien auf einer nachvollziehbaren und objektivierbaren Grundlage erfolgt. Zwar zeigt auch er die dänische Tendenz, die Handlungen der Widerstandsleute bis zum Beweis des Gegenteils als gerechtfertigt anzusehen, aber dort, wo er konkret Einzelfälle abhandelt, kommt diese Haltung sehr ins Wanken.

Die Grundlage für die Liquidationen sind für Emkjær - wie für jeden rechtsstaatlich denkenden Menschen - nicht befriedigend. In mehr als der Hälfte der Fälle brachten die Widerständler ihr Opfer aufgrund ganz summarischer Verdachtsmomente um. Der Ermordete brauchte nur auf die eine oder andere Art die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt zu haben, entweder weil er direkt in deutschen Diensten stand, oder weil er eine Arbeit hatte, wie z.B. Dolmetscher oder Handwerker für die Wehrmacht. Eine weitere Motivation war durchaus nicht etwa Notwehr, sondern schlicht Rache:

»Es läßt sich auch nicht bestreiten, daß in manchen Fällen Morde durchgeführt wurden, um den Tod von Gruppenkameraden zu rächen, die der Betreffende verraten hatte.«

Auch eine Reihe Mitglieder der DNSAP (Danmarks Nationalsocialistiske Arbejder Parti) wurde umgebracht. Wie Emkjær schreibt:

»die Mitgliedschaft in der nationalsozialistischen Partei [konnte] die - legitime - Grundlage ausmachen, daß jemand getötet wurde.«

Wahrlich, eine gute Vorbereitung auf die kommende demokratische Gesellschaft! Und so kommt Emkjær zu der Schlußfolgerung (S. 150):

»Es gibt mehrere Ursachen, warum die Liquidatoren [nach dem Krieg] ihre Entscheidungsgrundlage nicht vorlegten. Erstens natürlich, weil es die Grundlage einer juristischen Schuld - wie man sie nach dem Krieg forderte - in wirklich vielen Fällen nicht gab.« (S. 150)

Obwohl Emkjær im Zweifelsfall geneigt ist, den Erklärungen der Widerständler Glauben zu schenken, unterscheidet er kritisch zwischen Erlebnisliteratur und historischen Tatsachen, und verschließt nicht die Augen, wenn diesbezüglich eine Diskrepanz erkennbar wird. Er durchforscht genau, welche objektive Instanz - von deren Existenz die dänische Öffentlichkeit überzeugt ist - eine Prüfung der Tötungen durchgeführt hat, kommt dann aber zu der Überzeugung, daß es solche Prüfungsgremien in der Regel nicht gab: Die Vorstellung eines speziellen Gerichts in Jütland für solche Überprüfungen und Entscheidungen ist nicht haltbar - wahrscheinlich beruht sie auf einer falschen Auffassung über ein Lokalkomitee in Århus, das für kurze Zeit zu gewissen Fällen Stellung nahm, und auch ein Liquidierungsausschuß des Freiheitsrats muß sich in den Bereich der Sage verweisen lassen. Es ist durchaus denkbar, daß der Glaube an solche Gremien, die einem Gericht ähneln, bewußt von denen propagiert wurde, die es besser wußten (und später von den Hofhistorikern des Widerstands). Für Emkjær indes ist es einfach ein Mißverständnis, das darauf zurückgehe, daß ein Polizeitrupp in einigen Fällen bezüglich Denunzianten Ermittlungen angestellt hat, was jedoch nicht das vorherrschende Bild war. Emkjær bringt dies auch dadurch zum Ausdruck, daß er die Morde an unbeteiligten Begleitpersonen in seine Auflistung mit einbezieht (diese wurden von den Behörden als "Fehlschüsse" abgetan und kommen bei den Denunzianten-Tötungen gar nicht in Erscheinung) - mit der Bemerkung, daß die Grundlage bei den sog. Fehlschüssen kaum anders war, als bei den als Informanten ausgewählten Opfern!

Elmkjær führt Beispiele von Liquidationen an, die wirklich erschrecken lassen, aufgrund welcher Zufälligkeiten die Widerstandsleute Tötungen vornahm. In einigen Fällen führten die Widerständler verschiedene Voruntersuchungen durch, d.h. Observation, Durchsuchungen, oder sie unterzogen ihr Opfer gewissen Prüfungen, um die Schuld des Betreffenden nachzuweisen. In wenigen Fällen wurde ein Verhör mit dem Betreffenden abgehalten. Da dies fast immer mit der Erschießung des Verdächtigten endete, muß man sich fragen, ob dabei das Ergebnis der Befragung von vornherein feststand - nicht zuletzt unter dem psychologischen Gesichtspunkt, wie sehr die dänischen Widerständler immer auf Folter fixiert waren. In einer Reihe von Fällen wurden "Verdächtige" erschossen, die noch gar nicht eines Verrats überführt waren, sondern zuerst "verhört" werden sollten - Emkjær gibt an, die Helden des Widerstands hätten befürchtet, ihr Opfer könne sich wehren - weshalb sie es vorsorglich erschossen. Will man diese Vorgehensweise nicht als völlig stümperhaft bezeichnen, so bleibt nur der Verdacht - den Emkjær nicht äußert -, daß es sich hier um eine reine Schutzbehauptung handelt, weil die Täter keinerlei Beweise oder Rechtfertigungsgründe für ihre Anschuldigungen bieten können - mit anderen Worten: willkürlicher Mord.

Im zweiten Teil des Buches geht Emkjær der Frage nach, wie die Willkür dieser Morde vor der Öffentlichkeit verschleiert wurde. Schon bald nach der deutschen Kapitulation wurde deutlich, daß von den Widerstandsgruppen Menschen ohne ausreichende Begründung umgebracht worden waren, Menschen, die also tatsächlich unschuldig waren.

Die sog. Gegenbewegung unter dem früheren Justizminister Svenning Rytter, sowie Hartwig Frisch und K.K. Steincke verlangte aufgrund einer Vielzahl von Beschwerden seitens Familienangehöriger von Ermordeten eine Untersuchung durch das Justizministerium. Eine solche fand aber nie statt, und auch hier legt Emkjær den Finger auf die Wunde: wie es geschehen konnte, daß die Leute des Widerstands niemals öffentlich Rechenschaft über die von ihnen verübten Morde ablegen mußten.

Die Widerstandsbewegung hatte in der ersten Nachkriegsregierung ihr eigenes Ministerium, das Ministerium für besondere Angelegenheiten. An seiner Spitze stand Frode Jakobsen, der ehemalige Leiter des Kommandoausschusses des Freiheitsrats. Frode Jacobsen versicherte, daß die Tötungen nach gründlicher Untersuchung durch kompetente und verantwortungsbewußte Leute erfolgt seien und übernahm sogar "die Verantwortung dafür" - und fand damit Glauben.

Svenning Rytter war dagegen der Auffassung, daß 90% der Morde nicht Denunzianten betrafen. Diese Ungeheuerlichkeit konnte Frode Jakobsen jedoch so verschleiern, daß sie der Öffentlichkeit ein halbes Jahrhundert lang nicht zum Bewußtsein kam. Der Reichspolizeichef, der so naiv gewesen war zu glauben, es sei angemessen, die Liquidatoren zu vernehmen, hatte in einem Rundschreiben mitgeteilt, daß es »aufgrund der vorliegenden Informationen notwendig sein wird, bei einer nicht geringen Anzahl Fälle weitere Untersuchungen anzustellen.« Er wurde aber schnell zurückgepfiffen und von Frode Jacobsen eines Besseren belehrt, der jegliche unabhängige Untersuchung der Morde hintertrieb, zunächst unter Berufung auf eine angeblich 1944 allen Widerstandsleuten zugesicherte Amnestie, die er sich dann von der Regierung schriftlich fixieren ließ.

Ab April 1946 begann Frode Jakobsens Ministerium eine Untersuchung, die diese Bezeichnung aber kaum wert ist. Eine Objektivierung der Sachverhalte wurde gar nicht angestrebt. Daß überhaupt Polizisten eingeschaltet wurden, sollte nur diejenigen beruhigen, die der Auffassung waren, daß es sich in einem Rechtsstaat nun einmal gehört, eine Untersuchung durchzuführen, wenn jemand umgebracht worden ist.

Jakobsen setzte durch, daß er von der Polizei ein Verzeichnis aller während der Besatzungszeit Umgebrachten erhielt. Mittels der Zentralkartei der Widerstandskreise und in Zusammenarbeit mit den Widerstandsgruppen suchte Jakobsen dann die Fälle aus, die näher untersucht werden sollten, weil sie von den Widerstandsbewegungen oder in deren Interesse erfolgt waren. Die anderen Fälle durfte die Polizei untersuchen. Falls sich aber zeigte, daß ein Fall doch unter die Verantwortung der Widerstandsbewegung fiel, sollte er wieder an Frode Jakobsens zur Behandlung gehen.

Zu dieser Zentralkartei bemerkt Emkjær:

»Die Daten der Zentralkartei wurden bereits während der Besetzung gesammelt. Aus Sicherheitsgründen wurde der Namen des Melders nicht notiert, weshalb die Angaben seither nicht kontrolliert werden konnten. Die Kartei enthält die Namen von ca. 40.000 "national angreifbaren" Personen. Etwa 20.000 wurden u.a. aufgrund dieser Informationen interniert und 13.000 bei der juristischen Abrechnung[4] nach der Befreiung gemäß dem Strafgesetz-Zusatz verurteilt. Man muß doch sagen, daß die Fehlerquote recht groß war, und eine Reihe Leute wurde aufgrund von Bagatellen notiert. Daß sich Frode Jakobsen auf die Zentralkartei stützte, zeigt eher, welche Bedeutung er ihr zumaß, als daß es etwas über die unkontrollierbaren Informationen aussagt, die diese Kartei beinhaltete.«

Jakobsen überließ seine eigenen Ermittlungen vier Widerständlern, Hans Christensen und seinen beiden Brüdern Kaj und Axel, sowie einem Alsted Nielsen. Als das Justizministerium zwei eigene Ermittler ernannte, gelang es Frode Jacobsen, diese seiner eigenen, sozusagen privaten Polizeimannschaft zu unterstellen, von der man nicht einmal weiß, aus wessen Tasche sie bezahlt wurde. Niemand sonst - nicht einmal das Justizministerium - bekam Einsicht in die gesammelten Informationen.

Schließlich machte Jakobsen einen Kuhhandel: unter Berufung auf eine angeblich mündlich erfolgte Amnestie-Zusage der selbsternannten Nachkriegsregierung (der "Befreiungsregierung") forderte er von der ersten gewählten dänischen Regierung deren schriftliche Zusicherung einer Amnestie, sonst könne er dem Ministerium für besondere Angelegenheiten nicht die Namen der Getöteten benennen. Diese Abmachung wurde im Januar 1946 schriftlich niedergelegt und im April 1946 modifiziert, so daß wenigstens einige Fälle untersucht werden konnten, die aber eng begrenzt waren: Von den über 400 Fällen wurden nur 125 für eine Untersuchung zugelassen. Voraussetzung hierfür war nämlich, daß die Angehörigen gewichtige Beweise dafür lieferten, daß das Opfer kein Informant der Deutschen gewesen war. Die Fälle, wo es keine Angehörigen gab, die Angehörigen keine Zweifel an der "Schuld" des Ermordeten äußerten oder keine Beweise hierfür vorlegen konnten, waren also einer Untersuchung überhaupt nicht zugängig. Emkjær erwägt, daß daher manche Fälle den Behörden gar nicht zur Kenntnis kamen - vor allem in bezug auf die mißglückten Anschläge, wo die überlebenden Opfer nach Kriegsende kein Interesse hatten, auf sich aufmerksam zu machen.

Frode Jacobsens Ministerium stellte bis zu seiner Auflösung am 13.11.47 ganze neun sogenannte Ehrenerklärungen wegen unverschuldeter Liquidierung aus - was jedoch in keinem Verhältnis steht zu der Vielzahl von Beschwerden an das Ministerium. Frode Jacobsen räumte ein, »daß 9 unschuldige Personen getötet wurden«, und in einem Interview erklärte er, »daß ich aus meinem Gerechtigkeitsgefühl heraus sagen muß, daß diese 9 keine Denunzianten waren.« Ein groteskes Schauspiel, denn das Eingeständnis hatte, wie Emkjær feststellt, eine reine Alibi-Funktion: Es sollte nur ausdrücken, daß alle anderen Tötungen zu recht erfolgt waren, ohne daß irgend jemand diese Einschätzung kontrollieren konnte. Die neun Ehrenerklärungen wurden politisch benutzt, um hervorzuheben, daß bei 350 Tötungen nur 9 Fehler geschehen seien. Sie erfolgten nicht, um die Unschuldigen juristisch freizusprechen. Die Verfahren konnten nur aufgenommen werden, sofern neue gewichtige Beweise ans Licht gekommen waren. Generell galten die Getöteten als schuldig, solange nicht das Gegenteil bewiesen war, was im Gegensatz zur allgemeinen Rechtspraxis steht, wo gewöhnlich der Ankläger auch die Beweislast trägt. Später übernahm das Justizministerium die Behandlung und stellte noch zwanzig halbherzige Erklärungen aus, bei denen jeweils der Fall mit seiner schwachen Grundlage beschrieben wurde, ohne daß aber Bedauern über die Geschehnisse ausgedrückt wurde.

Dänisches Plakat von 1945: Denunzianten werden als Unkraut angesehen, das vernichtet werden muß

Eine der Ehrenerklärungen bringt zugleich zum Ausdruck, wie leichtfertig die Untersuchung vor einem Mord sein konnte (S. 167): Ein Sekretär Peters wurde getötet, weil sein Name mit einem O. Chr. Quist verwechselt wurde, der sich aus irgendeinem Grund als Dr. Peters bezeichnete. Peters hatte sich sonst auf keine Weise bemerkbar gemacht, so daß ihm eine Ehrenerklärung ausgestellt wurde.

Wie Frode Jacobsens Ministerium für besondere Angelegenheiten nach Kriegsende die Rechtmäßigkeit der Tötungen untersucht hat, zeigt ein Beispiel (S. 168): Ein Kasernenpolizist wurde erschossen, weil er Gerüchten zufolge in einer Uniform der Marinewache gesehen worden sei und einen Widerstandsführer an die Deutschen verraten haben soll. Wie sich hinterher zeigte, war dies unzutreffend, und Ausgangspunkt des ganzen Gerüchts war nur seine Uniform, die einer Marineuniform ähnelte.

Das Ministerium für besondere Angelegenheiten gab diesen Tod als »durch eine Kriegshandlung verursacht« an, mußte aber später den Vorwurf einer »unnationalen Haltung« des Opfers zurücknehmen.

Bemerkenswert ist auch, daß sich bei der Untersuchung des Falls ein lokaler Widerstandsführer belästigt fühlte und den untersuchenden Polizisten politische verdächtigte, um ihn loszuwerden, da der die Liquidatoren verhören wollte.

Entscheidend sind nun die Ausführungen Emkjærs, daß die Fälle, in denen eine Ehrenerklärung erteilt wurde, sich kaum von vielen der Fälle unterscheiden, in denen keine Ehrenerklärung erteilt wurde - ganz zu schweigen von all den Fällen, die gar nicht einer Untersuchung unterzogen werden konnten, weil das Opfer "unnational" gehandelt, also auf die eine oder andere Weise mit den Deutschen sympathisiert oder - legal - zusammengearbeitet hatte. So reichte z.B. im Fall eines 18-jährigen Mädchens für die Erschießung aus, daß es in der Gesellschaft eines deutschen Soldaten gesehen worden war ! (S. 76) Obwohl dem Ministerium für besondere Angelegenheiten klar war, daß die Grundlage für diesen Fall schwach war und »auf losem Klatsch und Tratsch« beruhte, behandelte es den Fall nach dem Prinzip, daß ein Denunziant schuldig war, solange nicht das Gegenteil bewiesen war - und der Täter mußte sich nicht verantworten. Mit was für Begründungen man sich zufrieden gab, ist für einen Nicht-Dänen oftmals unfaßbar. Ein Mord an einem Deutschen war für die Behörden überhaupt uninteressant - er wurde immer als legitime Kriegshandlung angesehen.

In einer Fragestunde im Landesthing setzte der Abgeordnete Steincke durch, daß ein Ausschuß des dänischen Reichstages gebildet werden sollte, um die Fälle zu untersuchen. Aber der Ausschuß wurde dann vom Ministerium für besondere Angelegenheiten ernannt - als administrativer Ausschuß, der keine Befugnis hatte, Entscheidungen zu treffen. Er durfte nur die speziellen vom Ministerium für besondere Angelegenheiten ausgewählten Fälle behandeln. Nach außen ließ man den Eindruck bestehen, daß der Reichstagsausschuß ein Instrument sei, das sicherstellen sollte, daß die Behandlung der Fälle unter kontrollierten Verhältnissen ablief. Der Reichstagsausschuß behandelte etwa 50 Fälle, konnte aber aufgrund seiner Satzung keine Rehabilitierungserklärungen ausstellen.

Auf die These, daß ein Teil der Widerstandsmorde zielgerichtete Aktionen zur Ausschaltung nicht nur politischer Gegner, sondern politischer Konkurrenten war, mit denen Kommunisten patriotische und "nationalkonservative" Widerständler ausschaltete, geht der Verfasser nicht ein. Für ihn wie vielleicht für die dänische Öffentlichkeit insgesamt ist der zentrale Punkt der Mythos über die Widerstandsbewegung. Seine Schlußfolgerung ist:

»Die Denunzianten-Morde waren die Schmutzwäsche der Widerstandsbewegung, denn sobald die führenden Leute der Widerstandsbewegungen - vielleicht vor allem die Leute des Freiheitsrates - einräumten, daß diese Morde ohne Kontrolle erfolgt waren, wurde die Widerstandbewegung zur Fiktion [...] Angeblich war die Widerstandsbewegung um so besser organisiert, je näher die Befreiung kam, so daß sie bei der Befreiung als festgefügte Einheit in Erscheinung treten konnte. Die Liquidierungen zeigen aber genau das Gegenteil, und damit wurde der ureigenste Glorienschein der Widerstandsbewegung bedroht: Nicht genug damit, daß sich erwies, daß die Morde ohne Kontrolle erfolgt waren, waren sie in manchen Fällen auch von Leuten begangen worden, die eine so enge Verbindung zum kriminellen Milieu hatten, daß man zu ganz spitzfindigen juristischen Nuancen greifen mußte, um diese Tötungen von gewöhnlichen kriminellen Morden abzugrenzen. In manchen Fällen sah man sich gezwungen zuzugeben, daß die Liquidierungen ohne Kontrolle erfolgt waren, und da erfand man die Formulierung lose angeschlossene Gruppen, die alles, von gewöhnlichen Widerstandsgruppen bis hin zu kriminellen Gruppen abdecken konnte.«

Emkjærs Buch stellt auch einige interessante Vergleiche an, die zu denken geben:

Ab März 1945 kamen etwa 250.000 deutsche Flüchtlinge nach Dänemark. Sie waren bei ihrer Ankunft in einer elenden Verfassung. 13.492 starben, darunter 7000 Kinder.[5]

Die Deutschen wollten 9000 dänische Widerständler deportieren, diese gelangten aber nicht weiter als bis zum Lager Frøslev (direkt nördlich von Flensburg). Vom Lager Frøslev ist bekannt, daß die deutsche Wachmannschaft verlangte, die gleichen Verpflegungs-Rationen wie die Gefangenen ausgehändigt zu bekommen! Etwa 600 Dänen starben in deutschen Konzentrationslagern, die Besetzung insgesamt forderte 6256 Tote als Folge des Kriegszustands. Dabei sind die Denunzianten-Morde eingerechnet, sowie ca. 2000 dänische Seeleute und ca. 500 dänische Widerständler.

Noch ein Vergleich ist aufschlußreich: 12.000 Dänen meldeten sich zur Waffen-SS, 6000 wurden angenommen und zogen ins Feld - und ca. 2000 fielen.

Emkjær bezieht auch Stellung zu der Änderung des dänischen Strafgesetzes im Juni 1945 die

»der Rache an denen, die auf das falsche Pferd gesetzt hatten, eine juristische Aufmachung geben sollte [...] Man kann auch sagen, daß die wenigsten gegen etwas verstoßen hatten, was nach dänischem Gesetz strafbar war. Man kann nur froh darüber sein, daß man heute nicht unterscheiden muß zwischen denen, die bestraft werden sollten, und denen, bei denen das nicht der Fall war. Die Widerstandsbewegung internierte 22.000, und gut 13.000 wurden nach den illegalen Gesetzen mit rückwirkender Kraft bestraft. Der zentrale Begriff war Landesverrat, wobei der Begriff selbst voraussetzt, daß sich Dänemark im Kriegszustand mit Deutschland befand, was ja nicht der Fall war. Die Widerstandsleute meinten, daß sie gegen Deutschland in den Krieg gezogen waren. Der dänische Staat hat dies aber nicht getan [...] Die Morde der Widerstandsbewegung gingen nicht in die [der Entnazifizierung in Deutschland vergleichbare] sog. "rechtliche Abrechnung" nach Kriegsende ein, denn sie waren ja auf der richtigen Seite [...] begangen worden - und man wollte ja die anderen zu fassen kriegen.«

Dieses detaillierte Werk hebt sich durch eigenständige Gedanken und kritische Bewertung wohltuend aus der sonst üblichen Standard-Geschichtsbetrachtung und Widerstands-Beweihräucherung heraus.

Man kann erwartungsvoll in die Zukunft blicken, was der dänische Revisionismus künftig noch an Überraschungen bieten wird.


Anmerkungen

[1]Rechtliche/gerichtliche Abrechnung = eine der Entnazifizierung vergleichbare Säuberung, wobei das Adjektiv zum Substantiv im gleichen Verhältnis steht wie bei einem schwarzen Schimmel.
[2]Lord Russel, Hagekorsets svöbe, Kopenhagen 1984.
[3]Das dänische Wort stikke hat sowohl die Bedeutung stechen, wie auch zustecken, geben.
[4]Es ist charakteristisch für das seit 50 Jahren herrschende politische Klima in Dänemark, daß es für Ausdrücke wie »retsopgør« (rechtliche Abrechnung - obwohl sie schon aufgrund rückwirkender Gesetze nichts mit Recht zu tun hat) wie auch »befrielse« (Befreiung) oder »Frihedskæmper« (Freiheitskämpfer) keine wertfreie und objektiv passende Bezeichnung gibt.
[5]Nach dem 5. Mai wurden diese deutschen Flüchtlinge hinter Stacheldraht gehalten und erhielten anfangs keinerlei Unterstützung. Den Dänen war es verboten, ihnen Essen oder sonstige Hilfsmittel zu geben. Wurde man bei Zuwiderhandlungen entdeckt, konnte das mehrere Monate Gefängnis einbringen. Diese Behandlung wird in der heutigen Flüchtlingsdebatte völlig verschwiegen und verdrängt. Anm. d. Ü.

Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 5(3) (2001), S. 340-347.


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