Der finnische Winterkrieg von 1939

Stalin, die Alliierten und das Heldentum der Finnen

Von Stephen Raper

Das Heldentum der Finnen im Zweiten Weltkrieg machte sich bezahlt. Die Sowjetunion hatte als letztes ihrer Kriegsziele die völlige Absorbierung Finnlands in das "Rote Imperium" geplant. Aber dank des äußerst wirksamen Widerstands der finnischen Armee wurde Stalin schließlich gezwungen, Bedingungen anzunehmen, die es Finnland ermöglichten, als unabhängiges Land weiter zu bestehen.


Finnlands geographische Nähe zu Leningrad sowie die Tatsache, daß die südliche Küstenlinie Finnlands den Golf beherrschte, den die Rote Flotte von ihrem Stützpunkt bei Kronstadt aus passieren mußte, ließ die völlige politische und militärische Unabhängigkeit Finnlands für die militärischen Planer der Sowjetunion irgendwie gefährlich erscheinen. Natürlich stellte Finnland für die UdSSR keine unmittelbare Bedrohung dar, aber immerhin konnte es jeder Großmacht, die in der Sowjetunion intervenieren wollte, als Ausgangsbasis dienen. Eine solche Macht konnte Deutschland, Frankreich oder sogar Großbritannien sein. Finnlands Unabhängigkeit war etwas, was der sowjetische Diktator Josef Stalin fest entschlossen war zu ändern.

Am 12. Oktober 1939 wurde eine Abordnung finnischer Diplomaten nach Moskau berufen. Als diese dort eintraf, kamen auch diplomatische Noten der schwedischen, norwegischen und dänischen Minister in Moskau an. Darin kam die Hoffnung zum Ausdruck, daß die Sowjetunion nichts unternehmen werde, womit Finnlands Unabhängigkeit und Neutralität verletzt würden. Aber die Sowjets lehnten es ab, diese Noten entgegenzunehmen.

Die finnische Delegation traf ein und stellte fest, daß Stalin selbst für eine vorbereitende Besprechung zugegen war. Die Finnen hörten Stalin, Molotow und Potemkin, dem stellvertretenden Außenminister, zu. Diese erklärten, daß die Sowjetunion umfangreiche Abtretungen von Insel- und Küstenstützpunkten sowie andere territoriale Anpassungen benötige, die geeignet seien, Leningrad vor einer feindlichen Seemacht zu schützen und um die Grenznähe Leningrads zu beseitigen. Die Sowjets erhoben folgende Forderungen:

  1. Finnland müsse seine Inseln im Golf von Finnland an die Sowjetunion abtreten;
  2. Finnland müsse seine Grenze auf die karelische Landenge zwischen der Ostsee und dem Ladogasee zurücknehmen.
  3. Ein Luft/Seestützpunkt bei Hango, an der Einmündung in den Golf von Finnland, müsse der Sowjetunion für dreißig Jahre verpachtet werden.
  4. Finnland müsse seinen Teil der Halbinsel Rybachy in Lappland an die Sowjetunion abtreten;
  5. Finnland müsse eine »Vereinbarung zur gegenseitigen Unterstützung« mit der Sowjetunion unterzeichnen. Als Gegenleistung für die Zustimmung zu diesen Vorschlägen wurde Finnland eine Angleichung an seine Grenze in Karelien angeboten.

Als die Sitzung aufgehoben wurde, wurde der finnischen Delegation gestattet, Stalins Vorschläge nach Helsinki zu telegrafieren. Als die Gespräche am 14. Oktober wiederaufgenommen wurden, amüsierte Stalin sich darüber, daß die finnische Delegation standhaft blieb und erklärte, daß die Bedingungen so, wie sie stehen, unannehmbar seien und Beratungen mit der herrschenden Regierung in Helsinki erforderlich machten. Stalin nahm die finnische Delegation beim Wort und bat die Finnen, heimzureisen, sich die erforderliche Befugnis einzuholen und zurückzukehren:[1]

»Unterzeichnen Sie am 20. Oktober eine Vereinbarung und am Tage darauf werden wir ein Fest für Sie veranstalten.«

Als die finnische Delegation nach Hause gefahren war, trat am 21. Oktober ein Staatsrat zusammen, und die von den Sowjets gemachten Vorschläge wurden ernsthaft besprochen. Angesichts der sowjetischen Forderungen wies die finnische Regierung von Präsident Cajander die Vorschläge nicht gleich zurück, sondern entschloß sich, den Sowjets einen abgeschwächten Kompromiß anzubieten. Cajander neigte zum Kompromiß, was die Inseln im Golf und die Anpassungen an die karelische Grenze betraf, vorausgesetzt, daß die befestigten Stellungen quer durch die Landenge in finnischer Hand blieben, aber sämtliche Ansprüche auf den Stützpunkt bei Hango und auf Grenzanpassungen auf der Halbinsel Rybachy wurden zurückgewiesen. Präsident Cajander traf sich auch etwa zur gleichen Zeit mit Marschall Mannerheim und entschied sich dafür, daß es das Beste sei, sich auf alle Eventualitäten gefaßt zu machen, und daher appellierte die finnische Regierung an ihre Landsleute, einem Verteidigungsdarlehen in Höhe von 500 Millionen Finnmark zuzustimmen.[2]

Die finnische Delegation kehrte dann nach Moskau zurück und legte am 23. Oktober den Sowjets die Gegenvorschläge ihrer Regierung vor. Nach zwei Stunden Diskussion kamen die Gespräche zu einem Stillstand, da die Sowjets auf den ursprünglich von Stalin gemachten Vorschlägen beharrten. Die finnische Delegation, nun unter der Leitung der Minister Paasikivl und Tanner, hielt an ihren Gegenvorschlägen fest. Da keine Seite nachgeben wollte, reiste die finnische Delegation ab. Ein erstaunter Molotow wollte wissen, ob die Finnen einen Konflikt provozieren wollten, worauf die Finnen erklärten, sie hätten nicht den Wunsch, einen Krieg zu beginnen, sie seien jedoch davon überzeugt, daß die Sowjets einen Angriffskrieg planten.

Natürlich konnte vom sowjetischen Standpunkt aus gesehen ein kleiner Krieg ganz gut sein. Die sowjetische Presse berichtete bereits in einer Serie von Artikeln, daß Finnland vor Unzufriedenheit sprühe. Nach der "Roten Presse" zu urteilen, stand das Proletariat vor einer weitverbreiteten Revolte. Massive Fahnenflucht seitens eingezogener finnischer Soldaten fänden tagtäglich statt, und die finnische Bevölkerung, lange von ihren kapitalistischen Herren unterdrückt, warte nur auf die Ankunft der Roten Armee, um dann auf die Straße zu gehen. War dem etwa letzten Endes nicht so gewesen im Falle des von Kapitalisten unterdrückten Polen und der baltischen Republiken?

Ein verwunderter Russe wird von einer finnischen Krankenschwester in einem Feldlazarett gepflegt. Sowjetischen Soldaten wurde von ihren politischen Kommandeuren eingeredet, sie würden bei Gefangennahme durch die Finnen erschossen oder gefoltert. Trotz dieser lügenhaften Warnungen ergaben sich viele sowjetische Soldaten den Finnen und blieben bis zum Kriegsende unbehelligt.

Obwohl die Berichte in der Sowjetischen Presse nichts Anderes als Propaganda waren, die darauf abzielte, Unterstützung für Stalins "Roten Imperialismus" zu erregen, gab es keinen Weg an der Tatsache vorbei, daß Finnland sich offensichtlich in einer hoffnungslosen Lage befand. Schweden hatte bereits seine Absicht verkündet, bei eventuellen Konflikten zwischen Finnland und der Sowjetunion neutral zu bleiben. Und die alliierten Mächte England und Frankreich waren mehr mit sich selbst als mit anderen Nationen in Europa beschäftigt. Aber die Finnen waren der Ansicht, daß Deutschland gewiß ihren festen Standpunkt gegen rote Aggression unterstützen würde. Hitler war seit langem ein Gegner des Bolschewismus und viele neutrale Führungspersönlichkeiten sahen in Deutschland den natürlichen Anführer, um der sowjetischen Angriffslust Einhalt zu gebieten. Den Finnen war jedoch das geheime Zusatzprotokoll zum Nichtangriffspakt, wonach Finnland zur sowjetischen Einflußsphäre gehören sollte, nicht bekannt.

Gespräche zwischen Finnland und der Sowjetunion gingen eine Zeitlang weiter, und ein verblüffter Stalin wunderte sich, daß die Finnen die Diskussionen ernst nahmen. In Stalins gierigen Augen waren diese Gespräche nichts mehr als eine Formalität, die dem schnellen Verschwinden Finnlands von der Landkarte vorausging. Während Stalin und Molotow die Diskussion in Gang zu halten versuchten, änderten sie ein paar Forderungen, um die Tür für ihre Armee nach Finnland hinein zu öffnen. Aber inzwischen war die öffentliche Meinung so, daß die Finnen nicht bereit waren, die Rote Armee über finnisches Gebiet herrschen zu lassen.

Als es den Herren im Kreml allmählich dämmerte, daß die Finnen die Rote Armee nicht freiwillig nach Finnland hineinlassen wollten, überlegten sie sich, was sie nun tun sollten. Da es nicht mehr möglich war, Finnland mit friedlichen Mitteln - nämlich Drohungen - in das "Rote Imperium" einzuverleiben, kam der "große Stalin" zu dem Schluß, Gewalt anwenden zu müssen. Alles, was übrig blieb, war lediglich ein Vorwand, das marxistische Gedankengut zu bestätigen.

Nach einem Monat Verhandlungen, die ihrer ersten Zusammenkunft folgten, gab Molotow am 26. November bekannt, daß finnische Artilleriebatterien an der Grenze das Feuer auf sowjetische Truppen eröffnet hätten. Das angebliche Artilleriefeuer tötete vier Männer und verwundete neun in dem sowjetischen Dorf Mainila. Es ist bemerkenswert, daß die Finnen innerhalb der Feuerdistanz zu diesem Dorf überhaupt keine Artillerie hatten, ebenso wie die Tatsache, daß am gleichen Nachmittag finnische Grenzwachen ihre Vorgesetzten davon unterrichtet hatten, daß sie Artilleriefeuer aus Richtung der sowjetischen Seite der Grenze hören konnten. Ungeachtet der Berechtigung der sowjetischen Ansprüche forderte Molotow, daß die finnische Armee sich 25 km von der sowjetisch-finnischen Grenze zurückziehen sollte. Präsident Cajander wies diese Forderung zwar nicht zurück, schlug jedoch vor, daß die Armeen beider Länder sich gleich weit von der Grenze zurückziehen sollten. Drei Tage nach dem "Mainila-Zwischenfall" brach die Sowjetunion ihre diplomatischen Beziehungen zu Finnland ab. Ohne weitere Verhandlung marschierte die Rote Armee am nächsten Tag, dem 30. November 1939, nach Finnland ein. Es gab keine Kriegserklärung.

Temperaturen unter -15°C töteten diese sowjetischen Infanteristen, als sie in ihrem Zweimann-Loch saßen. So etwas passierte den finnischen Verteidigern auch nicht annähernd so oft im Winterkrieg, weil sie, teilweise als Ausweichtaktik und teilweise, um Erfrierungen zu vermeiden, unter dem Befehl standen, ständig in Bewegung zu bleiben wenn sie sich nicht gerade in beheizten unterirdischen Bunkern befanden.

Nach Abschluß der finnischen Mobilmachung hätte Mannerheim über eine Mannschaftsstärke von 15 Divisionen verfügt, aber er stand den Sowjets anfangs mit lediglich 120.000 Mann und 100 Flugzeugen gegenüber. Ein Vorteil der finnischen Soldaten war, daß sie an den Wald gewöhnt, tüchtige Jäger und gute Schiläufer waren, weshalb sie sehr schnell die Kunst der irregulären Kriegführung beherrschten. Die finnische Armee umfaßte auch 90.000 Frauen, auch als »Lottas« bekannt - was für die Vaterlandsliebe des damals 3.695.600 Menschen umfassenden finnischen Volkes bezeichnend ist.

Sobald die Nachricht von dem sowjetischen Angriff bekannt geworden war, wurde das finnische Kabinett eiligst zusammengerufen. Im Laufe der Sitzung war ein Summen über Helsinki zu hören. Eine Flotte sowjetischer Bomber war aufgetaucht und einige davon warfen Flugblätter ab, in denen die Arbeiter dringend aufgefordert wurden, ihre Regierung aufzugeben und sich der Roten Armee anzuschließen, um ihre kapitalistischen Unterdrücker zu überwältigen. Um die finnischen Arbeiter zu ermutigen, die Invasion ihres Landes durch die Sowjetunion zu unterstützen, warfen diese Bombenflugzeuge Tausende von Brand- und Sprengbomben über der verteidigungslosen Hauptstadt ab.

Als die Entwarnungssirenen verklungen waren, wurde die Hauptstadt auf Schaden untersucht. Viele Menschen hatten das Leben verloren und mehrere Gebäude waren zerstört worden. Die Art der Zerstörung deutete darauf hin, daß die Rote Luftwaffe keine Probleme hatte, eine Stadt zu bombardieren, die groß genug war, um sie nicht völlig zu verpassen, aber jeder Grad von Genauigkeit ging über ihre Fähigkeit hinaus. Zwei der bedeutendsten Gebäude, die bei dem Luftangriff zerstört wurden, waren die Zentralmolkerei und die Botschaft der Sowjetunion.

Es gab zwei Faktoren, welche die Verteidiger während des Frühwinters stark begünstigten. Erstens war das Terrain Finnlands mit riesigen Wäldern bedeckt, die den Verteidigern ausreichend Schutz boten und es kleineren Abteilungen finnischer Soldaten ermöglichten, die Kolonnen sowjetischer Soldaten, die versuchten, die wenigen Straßen zu benutzen, die durch den Wald führten, aus dem Hinterhalt anzugreifen. Zweitens gab es die Winterkälte. Der finnische Winter mit seinen schrecklichen Temperaturen traf die Sowjets weit schlimmer als die Finnen. Die Finnen zogen sich bereits auf ihre Stützpunkte zurück und machten ausgiebig Gebrauch von einer Politik der verbrannten Erde in den Gebieten, die sie den Sowjets überließen.

Natürlich hätte keiner der Faktoren, die sich auf diesen Krieg auswirkten, irgendeine Rolle gespielt, hätte es nicht die bewundernswerte Vaterlandsliebe des finnischen Volkes gegeben. Sogar als die Rote Luftwaffe ihre eigene Botschaft bombardierte, verkündete Radio Moskau, man habe eine Rundfunkmeldung aus Finnland abgehört. Darin sei mitgeteilt worden, daß das sich erhebende finnische Proletariat eine "Volksregierung der Finnischen Demokratischen Republik" unter der Führung eines Herrn Otto Kuusinen ins Leben gerufen habe, der gleichzeitig als deren Ministerpräsident und Außenminister fungiere.[3] Die Regierung von Kuusinen etablierte sich in Terijoki, der ersten von der Roten Armee besetzten Stadt.

Innerhalb eines Tages berichtete Radio Moskau, Kuusinen sei in Moskau eingetroffen, wo die Sowjetunion seine Regierung anerkannt habe. Innerhalb von 48 Stunden hatte Kuusinen jeder einzelnen seitens der Sowjets gegen Finnland erhobenen Forderungen in bezug auf die Aneignung von Territorien zugestimmt. Auf diese Weise war die Invasion Finnlands durch die Sowjets nach marxistischer Weltanschauung keineswegs eine Verletzung der finnischen Souveränität, sondern eine "Aufrechterhaltung" der finnischen Souveränität. Die wesentliche Auswirkung dieser von der sowjetischen Regierung getroffenen Maßnahmen bestand darin, daß die Finnen davon überzeugt wurden, daß die völlige Unterwerfung ihres Landes von Anfang an auf der sowjetischen Tagesordnung gestanden hatte und daß die Forderung nach Militärstützpunkten für die Sowjets nur eine Möglichkeit war, die Tür zur Eroberung aufzustoßen.

Stalin glaubte, daß seine Truppen innerhalb einer Woche in Helsinki sein würden, aber die Dinge entwickelten sich nicht so. Die Finnen, die den Sowjets sowohl in Mannschaftsstärke als auch materialmäßig unterlegen waren, schlugen auf jede mögliche Art und Weise gegen die eindringenden Russen zurück.[4] Finnische Scharfschützen zogen an den Flanken sowjetischer Panzerkolonnen vorbei und ließen wohlgezielte Schüsse in die dahinter massierte Infanterie prasseln. Panzer wurden durch Minen gesprengt, die aus alten Rohren hergestellt worden waren, gefüllt mit Chloridharz und ausgelöst durch versteckte Stolperdrähte. Es gab andere Minen in wasserdichten Kästen, die unter der Eisdecke zugefrorener Flüsse explodierten, wenn sowjetische Panzer darüber hinwegrollten. Noch primitivere Verteidigungsmethoden bestanden aus in die Eisdecke zugefrorener Flüsse eingesägten Löchern sowie Schein-Verteidigungsstellungen, hergestellt aus Pappe und Abfallholz. Wenn sowjetische Panzer durch dieses Netzwerk von Fallen hindurchfuhren, kamen finnische Soldaten aus getarnten Verstecken heraus und rammten Äste oder Brechstangen in die Panzerketten. Dadurch von der Straße abgekommen, wurde die Besatzung dazu verleitet, auszusteigen und festzustellen, was die Ursache dessen war. In dem Augenblick wurden die sowjetischen Panzerbesatzungen erbarmungslos von Scharfschützen unter Beschuß genommen, die in den umgebenden Wäldern umherstreiften. Aber das Furchtbarste für die sowjetischen Panzerbesatzungen waren die jetzt berüchtigten "Molotow-Cocktails". Diese einfache und tödliche Vorrichtung bestand aus einer leeren Wodkaflasche, die mit einer Mischung aus Kerosin, Öl und Benzin gefüllt wurde, mit einem benzingetränkten Lappen um den Flaschenhals herum. Wenn ein Ziel sich näherte, setzten die Finnen den Lappen in Brand und warfen den Molotow-Cocktail in eine offene Luke oder Schießscharte hinein, wodurch im Inneren ein loderndes Feuer entstand.

Diese irreguläre Art der Kriegführung richtete bei den schnell demoralisierten sowjetischen Truppen Verwüstungen an. Die 7. Sowjetische Armee, die in einer Front von 134 km in der karelischen Landenge vorstieß, blieb mit einer Serie von versteckten Sprengladungen schon vor der Mannerheim-Linie auf der Stelle stehen. Zwei Divisionen der 8. Sowjetischen Armee, die 139. und 75., erreichten am 12. Dezember Tolvajari und gerieten in den Hinterhalt von sieben finnischen Bataillonen unter Oberst Talvela. Bei diesem Überfall aus dem Hinterhalt verloren die Sowjets über 5.000 Mann.

Den Sowjets erging es in Mittelfinnland noch schlechter. Die auf Oulu zuhaltende linke Kolonne der 9. Armee geriet bei Suomussalmi in einen Gegenangriff einer finnischen Abteilung unter Oberst Siilasvuo. Am 11.Dezember wurde die sowjetische 163. Division abgeschnitten und später am 28. Dezember geriet die sowjetische 44. Division, die versuchte, den Rückzug anzutreten, in einen Hinterhalt und wurde vernichtet.

Die Rote Flotte erlitt ein ähnliches Schicksal. Sie verließ ihren Marinestützpunkt bei Kronstadt mit den beiden riesigen Schlachtschiffen, der Oktober-Revolution und der Marat, begleitet von einer Flottille von Zerstörern. Diese Flotte fuhr wahllos in der Ostsee herum, bis einige gut plazierte Granaten von finnischen Küstenbatterien sie dazu veranlaßten, sich mit großer Hast zurückzuziehen. In mindestens einem Falle versuchte ein sowjetisches U-Boot, ein finnisches Kriegsschiff zu versenken, jedoch vergeblich. Deutsche Marineoffiziere auf einem Beobachtungsschiff beobachteten die Aktion mit schlecht verhohlenem Amüsement, da dieses "finnische Kriegsschiff" ein unbewaffnetes und unverteidigtes schwedisches Handelsschiff war.

Mit erstaunlichem Erfolg ergriffen die Finnen am 23. Dezember die Initiative mit einer Offensive gegen den russischen Riesen. Die Sowjets wurden zurückgedrängt und innerhalb des sowjetischen Kommandos entstand Verwirrung. Dann gruben sich die Finnen ein und erwarteten den nächsten Angriff. In den dazwischen liegenden Wochen gab es täglichen Artilleriebeschuß und Bombenabwürfe durch Flugzeuge, die sich jedoch als kaum mehr als ein Ärgernis erwiesen. Seltsamerweise wurde den Finnen jedesmal eine Ruhepause gegönnt, wenn der Marionetten-Ministerpräsident der Sowjets Kuusinen eine Ansprache über Radio abgab. Jedesmal, wenn eine dieser Rundfunksendungen stattfand, unterbrachen die Sowjets die Kampfhandlungen, was es den Finnen ermöglichte, sich wieder mit Lebensmitteln und Munition zu versorgen. Vielleicht war Kuusinen doch nicht so ganz wertlos - zumindest für die Finnen.

Zur gleichen Zeit, als die Sowjets sich wahllos vor der Mannerheim-Linie hin und her bewegten, drangen vier sowjetische Armeegruppen im Norden über die Grenze nach vorn. Hier gab es keine Schützengräben oder befestigte Stellungen, sondern nur endlose Kiefernwälder. In diese Wälder trotteten lange Reihen sowjetischer Soldaten hinein. Sowohl die Wälder als auch das Schneetreiben ließen den sowjetischen Vormarsch nur langsam vorankommen und machten auch den Flankenschutz geradezu unmöglich. Bei dieser Sachlage wurde die Größe der beiden gegeneinander kämpfenden Armeen praktisch bedeutungslos. Die meisten Finnen lebten ihr halbes Leben lang auf Schiern, und die finnische Armee machte von dieser Fähigkeit weitgehend Gebrauch. In den Stunden der Dunkelheit fegten finnische Soldaten über die Schneewehen hinweg, bis sie auf die Masse der sowjetischen Soldaten trafen. Die Finnen feuerten in die Panzermassen hinein, und bevor die sowjetischen Infanteristen ihre Gewehre schußbereit hatten, waren die Finnen längst in den Wäldern verschwunden.

Ein finnisches Haus in der Stadt Viipuri steht in Flammen, nachdem es von Fliegerbomben getroffen wurde. Diese mittelalterliche Stadt war eines der Hauptziele der Sowjets, weil sie die Allwetter-Autobahn von der Mannerheim-Linie bis zur finnischen Hauptstadt Helsinki beherrschte.

Der sowjetische Vormarsch im Norden blieb dann auch auf der Stelle stehen. Nördlich des Ladogasees trieben ein paar finnische Bataillone die 36.000 Sowjetsoldaten zurück, die von 335 Artilleriegeschützen unterstützt wurden. Die Sowjets hatten Verluste von 4.000 Toten, 600 Gefangenen und 59 von den Finnen erbeuteten Panzern, 31 Artilleriegeschützen, 342 Maschinengewehren und 3.000 Gewehren. Der sowjetische Vorstoß auf Oulu war gleichermaßen katastrophal. Nach bitteren Kämpfen wurden zwei der drei in den Angriff verwickelten Divisionen vernichtet.

Als das neue Jahr anbrach, verlor Stalin seine Geduld, als er Berichte über diese Katastrophen erhielt. Die Sowjets waren verzweifelt, müde und erschöpft. Um die "Moral" wiederherzustellen, bewegten sich große Formationen gut bewaffneter NKWD-Truppen in den rückwärtigen Gebieten umher, mit dem Befehl, Einzelpersonen oder sogar ganze Einheiten, die versuchten, das Schlachtfeld zu verlassen, hinzurichten.

Nun bestätigte die Rote Armee, die nun endlich so kämpfte, wie Stalin es wollte, wieder einmal ihren barbarischen Ruf. Die Rote Luftwaffe machte das Schießen mit Maschinengewehren auf Zivilisten auf offener Straße zu regulären Vorfällen, und Privathäuser wurden oft für Flammenwerferangriffe ausgesucht. Natürlich machte jedes von sowjetischen Soldaten besetzte Dorf die normalen Ausschreitungen durch, nämlich Plünderung, Räuberei und Massenvergewaltigungen. Für die Rote Armee schien es normale Praxis zu sein, sich möglichst barbarisch zu verhalten, vor allem gegen unbewaffnete Frauen und kleine Mädchen.

Obwohl Stalin der "Rote Terror" als wirksames Mittel zur Kriegführung sehr gefiel, konnte dieser das Problem der erniedrigenden Katastrophe nicht überwinden, in das sich die Rote Armee hineinmanövriert hatte. Stalin und seine militärischen Berater waren hauptsächlich für die sowjetischen Verluste verantwortlich. Die Sowjets nahmen die Vaterlandsliebe des finnischen Volkes kaum zur Kenntnis und beurteilten auch die Fähigkeit der finnischen Armee falsch, in ihrem eigenen Land zu manövrieren. Darüber hinaus versagte der sowjetische Generalstab während des Winters immer wieder, besonders weil motorisierte und gepanzerte Formationen Waldwege entlang geschickt wurden, wo kein Platz zum Manövrieren vorhanden war.

Stalin nahm die anfänglichen Rückschläge weder auf die leichte Schulter noch konnte er es sich leisten, noch mehr Zeit zu verlieren. In einer Sitzung am 12. Dezember 1939 verurteilte der Völkerbund die sowjetische Aggression gegen Finnland und billigte die Intervention seiner Mitgliedsstaaten in Skandinavien, um mitzuhelfen, Finnland zu retten. Wegen der immer stärker werdenden Bedrohung einer Intervention seitens des Auslands rief das sowjetische Oberkommando Reservestreitkräfte aus den Militärbezirken der ganzen Sowjetunion dazu auf, militärische Ressourcen für eine neue Offensive gegen Finnland bereitzustellen.

Der Angriff der Sowjetunion auf Finnland wurde in Europa ebenso wie in Amerika allgemein verurteilt. Frankreich, Großbritannien, Dänemark, Norwegen, Schweden, Belgien, Ungarn, Italien und die Vereinigten Staaten drückten samt und sonders ihre Sympathie für Finnland in Gestalt von Plänen zur Lieferung von Waffen, Munition, Arzneimittel und Lebensmittel aus, um Finnland in seinem Kampf zu unterstützen, ein freies und unabhängiges Land zu bleiben. Italien wollte Kriegsmaterial nach Finnland schicken und sich dabei der deutschen Bahnlinien zur Ostsee bedienen.

Aber Ribbentrop, der deutsche Außenminister, untersagte den Transitverkehr von Kriegsmaterial durch Deutschland, das für Finnland bestimmt war. Ribbentrop informierte Belgien dahingehend, daß dies auch für eine vorgeschlagene Lieferung von Munition gelte. Ribbentrop ging sogar noch weiter, als er einen Befehl zur "Nichtwiederausfuhr" erließ und damit der Lieferung gewisser Sendungen Einhalt gebot, die für Schweden und daher für Finnland bestimmt waren. Diese negative Haltung seitens Deutschland zwang jene Länder, die Finnland Hilfe zukommen ließen, dazu, sich mit den norwegischen Häfen und schwedischen Eisenbahnverbindungen zu begnügen, um Waffen und Nachschub nach Finnland zu liefern.

Dänemark, Schweden und Norwegen traten nicht in den Krieg gegen die Sowjetunion ein. Aber sie vertraten auch die Ansicht, man könne nicht zulassen, daß Finnland kampflos untergehe. Schweden allein entsandte mehr als 8.000 Freiwillige, plus 85 Panzerabwehrkanonen, 112 Feldgeschütze, 104 Flugabwehrgeschütze, 500 Maschinengewehre und 80.000 Gewehre, alle mit Munition.

Da die Codes der alliierten strategischen Planung sowohl durch die Deutschen als auch durch die Sowjets gebrochen worden waren, wußte Stalin von den alliierten Plänen, Truppen nach Skandinavien zu entsenden. Die Aussicht auf ein Eingreifen seitens der Briten und Franzosen in Finnland versetzte Stalin in Angst und Schrecken. Stalin drang darauf, den Krieg mit Finnland zum Abschluß zu bringen, um alliierte Landungen zu verhindern, was auch immer die Kosten an Mann und Material sein mochten. Die Finnen hatten bereits damit begonnen, mit den Sowjets zu verhandeln, um den Krieg zu beenden, aber die Finnen wollten Friedensbedingungen durchsetzen, bei denen Stalin mit leeren Händen dagestanden hätte. Es war für Stalin undenkbar, sich mit dem kleinen Finnland auf ein Remis einzulassen. Die Sowjets trafen sofort massive Vorbereitungen für eine andere Offensive, eine Offensive, um den Krieg zu beenden, ungeachtet der Verluste, die die Rote Armee erleiden würde.

Die zweite Offensive des Krieges begann am 1. Februar 1940. Über diese zweite Phase schrieb Mannerheim:[5]

»Die Russen hatten jetzt gelernt, ihre verschiedenen Waffengattungen zu koordinieren. Ihre Artillerie war flexibel, den Bewegungen der Infanterie angepaßt, und sie wurde mit großer Genauigkeit von Beobachtungsballons aus und von auf Panzern aufgesetzten Beobachtern dirigiert. Da der Feind weder seine Männer noch seine Panzer verschonte, waren seine Verluste immer noch furchtbar hoch. Manchmal wurden mehrere Regimenter auf begrenztem Terrain zusammengepfercht und bildeten somit ein kompaktes, unbewegliches Ziel für unsere Artillerie. Der Feind erlitt so schwere Verluste, daß wir an einem Tage Gefangene von sage und schreibe zwanzig frisch eingesetzten Einheiten machen konnten. Eine neue russische Taktik bestand in Zügen bewaffneter Schlitten, die von Panzern gezogen wurden, wobei jedes Fahrzeug - Panzer eingeschlossen - mit Infanteristen bemannt wurde. Flammenwerfende Panzer wurden auch gegen uns eingesetzt.«

Ziel des sowjetischen Angriffs war Summa, ein Stützpunkt an der finnischen rechten Flanke. In den ersten 24 Stunden des Angriffs wurde Summa von Tausenden von Artilleriegranaten getroffen. Finnische Beobachter zählten 275 Artilleriegeschütze, die innerhalb eines Sektors von einem Kilometer aufgestellt waren. Innerhalb von fünf Tagen erfolgte der Hauptangriff der Sowjets. Einhundertfünfzig Panzer stießen vor und setzten sich an die Spitze der sowjetischen Infanterie. Über 200 Bomber flogen darüber hinweg und ließen Bomben auf Befestigungen, rückwärtige Verbindungen und Nachschubwege fallen. Die finnischen Soldaten kämpften mit ihrer gewohnten Hartnäckigkeit, wurden aber vor der zahlenmäßig überwältigenden Überlegenheit der Sowjets allmählich zurückgedrängt. Sowjetische Tote lagen haufenweise umher, so weit das Auge sehen konnte, aber neue Wellen rollten andauernd über den Horizont heran, mit NKWD-Truppen hinter ihnen.

Timoschenko stellte seine Offensive dann weiter nach Osten um, und um den 11. Februar herum vollzog er den ersten Durchbruch durch die Mannerheim-Verteidigungslinie. Die Rote Armee griff den Durchbruch durch die Mannerheim-Linie weiter an und weitete die entstandene Lücke aus. Mannerheim sah sich dann gezwungen, einen allgemeinen Rückzug zu befehlen.

Die finnischen Soldaten zogen sich in vollkommener Ordnung zurück und bildeten am 18. Februar eine neue Verteidigungsfront. Die neue finnische Stellung war länger als die vorherige, so daß die finnischen Reserven und Kräfte sehr ausgedünnt waren. Schließlich mußte Mannerheim weitere Rückzüge befehlen, wobei er jedes Mal zum Gegenangriff überging, um den finnischen Soldaten einen geordneten Rückzug zu ermöglichen. Am 24. Februar hatten sowjetische Soldaten die Inselfestung Koivisto im Golf von Finnland eingenommen.

Finnische Schisoldaten im Winterkrieg 1939-1940 auf Patrouille gegen einmarschierende Sowjets in einem Wald nördlich des Polarkreises. Ihr Nachschub wird auf von Rentieren gezogenen Schlitten transportiert. Finnische Männer wie diese dezimierten die Reihen der sowjetischen Divisionen die gegen sie aufgebracht worden waren. Obwohl die Finnen etwa 70.000 Tote und Verwundete zu beklagen hatten, brachten sie den Sowjets mindestens dreimal so viele Verluste bei.

Timoschenko befahl dann der 7. Armee, zum Festland überzusetzen und Viipuri einzunehmen, sobald das Eis dick genug war, um Panzer zu tragen. Sie begannen damit am 4. März. Am 5. März berichtete Mannerheim, daß ein langfristiger Widerstand wegen des Mangels an Menschenmaterial und Munition unmöglich sei. Am 8. März machte sich eine finnische Delegation auf den Weg nach Moskau, um Frieden herbeizuführen. Zu dieser Delegation gehörten der finnische Ministerpräsident Ryti, Minister ohne Portefeuille Paasikivi, Verteidigungsminister General Walden und der Wortführer des Komitees für Auswärtige Angelegenheiten, Prof. Voionmaa.

Mannerheim faßte den sich daraus ergebenden Friedensvertrag wie folgt zusammen:[6]

»Das abgetretene Territorium belief sich auf 41.000 Quadratkilometer und seine Bewohner machten 12 Prozent der Gesamtbevölkerung des Landes aus. Fast 500.000 Menschen mußten ihre Häuser und das Land aufgeben, das ihren Vorfahren seit Generationen gehört hatte. Diese Regionen hatten 11 Prozent des Wirtschaftslebens des Landes bezüglich Forst- und Landwirtschaft sowie Industrie ausgemacht. [...] Der einzige Trost in diesem Elend war, daß der Kreml uns kein Verteidigungsbündnis aufgezwungen hatte.«

Der Waffenstillstand trat am 13. März in Kraft, zwölf Stunden nach Unterzeichnung des russisch-finnischen Paktes in Moskau. Währen des Krieges hatte Finnland mindestens 600.000 Männer zu den Fahnen gerufen, um seine Grenzen zu verteidigen, und von diesen waren 24.934 gefallen und 43.557 verwundet worden. Die Sowjets hatten fünf Armeedivisionen verloren, die komplett vernichtet wurden, sowie drei andere, die in den fünf Monaten zwischen November 1939 und März 1940 dezimiert wurden. Molotow gab am 29. März vor dem Obersten Sowjet bekannt, daß die Rote Armee 40.745 Tote und 158.863 Verwundete zu beklagen hatte. Die Rote Armee hatte zudem 1.600 Panzer und 872 Flugzuge verloren.

Trotz all dieser Leiden der finnischen Bevölkerung besteht kein Zweifel daran, daß das Heldentum der Finnen sich sehr gelohnt hatte. Die sowjetische Unterstützung für die Kuusinen-Regierung enthüllte, daß die Sowjetunion die völlige Einverleibung Finnlands in das "Rote Imperium" als ihr ultimatives Kriegsziel geplant hatte. Zum Zeitpunkt der Friedensvereinbarung im März war Kuusinen schon fast vergessen, und Stalin wurde zur Annahme von Bedingungen gezwungen, die es Finnland ermöglichten, als unabhängiges Land weiterzubestehen. Es war zweifellos die Angst vor dem Plan der Alliierten, Skandinavien mit einer Garnison zu belegen, die Stalin veranlaßt hatte, mit so großer Eile einen Vertrag abzuschließen, der so stark von seinen ursprünglichen Zielen abwich. Aber die Verantwortung für das demütigende Desaster des "Winterkriegs" lag letztendlich einzig und allein bei Stalin. Es ist zweifelhaft, ob ein Mann wie Stalin bereit gewesen wäre, die Verantwortung für unsagbares Leiden und Demütigung seiner Soldaten und seines Landes auf sich zu nehmen, aber selbst ein ängstlicher, paranoider Mann wie Stalin muß von der furchtbaren Belastung gewußt haben, die der Krieg mit Finnland den Ressourcen und der Moral der Sowjets auferlegt hatte. Noch katastrophaler war die Tatsache, daß ein hundert Tage währender Krieg den Beweis dafür erbracht hatte, daß das "Rote Imperium" eine gewaltige, schlecht geführte und korrupte Diktatur war, die sich einen Teufel um die Arbeiter der Welt scherte und gewiß kein "Paradies der Arbeiter und Bauern" war.

Ein mögliches militärisches Eingreifen gegen die Sowjetunion war von den Briten und Franzosen ab Mitte Dezember 1939 annähernd vier Monate lang in Betrachtung gezogen worden. Die Alliierten wollten eine geschickte Politik anwenden, um Deutschland von der Lieferung von Eisenerz abzuschneiden, von dem seine Kriegsindustrie abhing. Kurz vor dem Waffenstillstand, der den sowjetisch-finnischen Krieg beendete, verfaßten die britischen Stabschefs einen Bericht für das Kabinett über die Militärischen Auswirkungen der Feindseligkeiten mit Rußland im Jahre 1940.

Dies war ein umfangreiches Dokument, das einen Überblick über interne Schwächen der Sowjets gewährte. Es befaßt sich mit intensiver politischer Unzufriedenheit, schlechten, überforderten Kommunikationstechniken und der Desavouierung und Erschöpfung des Militärs nach dem fast totalen Fehlschlag in Finnland. Gegen all diese Schwächen wog der Bericht die Fähigkeit der Sowjets ab, den Interessen des britischen Weltreiches Schaden zuzufügen, insbesondere bei Grenzlagen wie im Nahen Osten, in Afghanistan und Indien. Der Bericht kam zu dem Schluß, daß den sowjetischen Fähigkeiten die Ressourcen entgegengestellt werden konnten, über die das Britische Weltreich selbst verfügte. Aber wichtiger war der Gedanke, daß es möglich war, Mächte hinzuzuziehen, die der sowjetischen Sache feindlich gegenüber standen, wie z. B. die Türkei, Japan und möglicherweise sogar Italien.

Die ganzen vier Monate hindurch, während der die Alliierten Planungen für Feindseligkeiten mit der Sowjetunion durchführten, waren Stalin und seine Marionetten ihnen gegenüber äußerst höflich und begierig darauf, den Alliierten zu gefallen. Am 30. Januar 1940 teilte der sowjetische Botschafter Iwan Maisky dem britischen Außenministerium mit, daß seine Regierung darum besorgt sei, mit den Briten zusammenzuarbeiten, und deutete an, daß der Pakt mit Deutschland nur eine Zweckvereinbarung war, die man leicht aufgeben könne. Im Februar und März des gleichen Jahres wurden Lord Halifax, dem britischen Außenminister, ähnliche unverhohlene Annäherungsversuche unterbreitet. Die Sowjets schlugen sogar ein Handelsabkommen mit England vor. Diese veränderte Haltung der Sowjets war eine unmittelbare Folge der Angst, die Stalin befallen hatte. Seine Rote Armee war schon von den Finnen gedemütigt worden, und nun stand er vor der Aussicht, gegen erstklassige Armeen kämpfen zu müssen, die von zwei mächtigen Reichen geführt wurden und die an vielen Fronten angreifen konnten.

Angesichts der wachsenden Angst, mit der Stalin und seine Männer im Kreml weiterhin fertig werden mußten, versuchten sie nicht nur, die Briten zu besänftigen, sondern rückten auch allmählich von Deutschland ab, das sich bereits im Krieg befand. Die Sowjets entließen keine Volksdeutschen mehr aus dem eroberten Polen und den baltischen Staaten, die Deportation deutscher Gefangener aus sowjetischen Kerkern hörte plötzlich auf, und die sowjetische Regierung zog ihre Einladung an die Deutsche Kriegsmarine in bezug auf ihre Nordbasis zurück. Diese veränderte Haltung gipfelte mit der Einstellung der Lieferung von Getreide und Öl nach Deutschland.

Weil die Finnen einen Waffenstillstand abgeschlossen hatten, der den Krieg beendete, glaubten die Sowjets, damit würden die britischen Pläne zur Besetzung Skandinaviens beendet sein. Die Angriffslust der Briten war jedoch nur noch größer geworden. Da die kriegführenden Staaten anscheinend ihre strategischen Erwägungen auf die Beherrschung der Erzminen in Skandinavien konzentrierten, konnte dies einen weiteren Ausbruch von Feindseligkeiten mit Finnland hervorrufen. Da es tatsächlich britische Pläne gab, Truppen in Norwegen zu landen und nach Schweden einzumarschieren, warum hätten sie nicht auch in Finnland einmarschieren sollen? Dies hätte sicherlich eine Wiederaufnahme des Konflikts bedeutet. Der Roten Armee war es nur knapp gelungen, Finnland einen Waffenstillstand aufzuzwingen. Wie sollten die Sowjets aber ein Finnland besiegen, in dem fremde Truppen mit leichtem Zugang zu Waffen und Nachschub kaserniert waren? Die auf Stalin und Molotow lastende Besorgnis wurde daher immer größer. Aber die Aggression Britanniens gegen Norwegen forderte eine schnelle Reaktion Deutschlands heraus, sehr zur Erleichterung Stalins und den Planern der Roten Armee.

Finnische Flüchtlinge entfliehen dem Krieg mit ihrem Vieh entlang einer Straße, wo überall Kisten und Bettzeug umherliegt. Die meisten benutzten Pferdeschlitten, aber ein altes Auto bemüht sich ebenfalls voran.

Am 8. April 1940 verkündete die Britische Admiralität, daß in norwegischen Gewässern Minenfelder angelegt worden seien. In der Frühe dieses Morgens hatten vier britische Zerstörer in den Zufahrtswegen nach Narvik Minen verlegt. Anschließend hatten die Briten "Operation Wilfred" entfaltet, welche die Landung alliierter Streitkräfte in Norwegen vorsah, bevor diese zur schwedischen Grenze vorrückten. Hitler und die Stäbe der Deutschen Kriegsmarine und des Heeres hatten schon seit Beginn des Krieges Kenntnis von den britischen Plänen, in Norwegen einzugreifen. Die Deutschen hatten keine Zeit verloren, ihre eigenen Pläne vorzubereiten, um Deutschlands Zugang zu den Eisenerzminen zu garantieren.

Am gleichen Tage, als die Briten ihre Operationen gegen das neutrale Norwegen begannen, wurde die Welt von der Nachricht überrascht, daß eine tüchtige und mutige deutsche Invasionsstreitmacht Truppen an allen Punkten entlang der Küste Norwegens gelandet hatte. Die Luftwaffe gewann schnell Luftüberlegenheit über das südliche Norwegen und die königliche Familie Norwegens flüchtete ins Inland. Am Abend des nächsten Tages, dem 9. April 1940, sprach Vidkun Quisling triumphierend über den norwegischen Staatsrundfunk. Dieser Schlag gegen das Prestige und die Macht der Alliierten war verheerend.

Im Morgengrauen des 9. April bat der deutsche Botschafter von Schulenburg in Moskau um ein Gespräch mit Molotow. Bei diesem Zusammentreffen verkündete von Schulenburg, Deutschland sei dazu gezwungen gewesen, in Dänemark und Norwegen zu intervenieren. Von Schulenburg fuhr fort:

»Die Reichsregierung ist der Ansicht, daß unsere Handlungsweise auch im Interesse der Sowjetunion liegen, denn die Durchführung des uns bekannten anglo-französischen Plans hätte zur Folge gehabt, daß Skandinavien ein Kriegsschauplatz geworden wäre, und das hätte aller Wahrscheinlichkeit nach zu einer Wiedereröffnung der finnischen Frage geführt.«

Molotow war über die Nachricht erfreut:[7]

»Die Sowjetunion hat die Maßnahmen recht gut verstanden, die Deutschland aufgezwungen wurden. Die Engländer sind sicherlich zu weit gegangen, Sie haben die Rechte neutraler Länder völlig mißachtet. Wir wünschen Deutschland bei seinen Verteidigungsmaßnahmen vollen Erfolg.«

Innerhalb von Wochen wurde die Wirtschaftshilfe wieder aufgenommen, welche die Sowjetunion Deutschland im gegenseitigen Handelsabkommen zugesichert hatte. Es kann kein Zweifel bestehen, daß die Niederlage Finnlands Stalin dazu veranlaßt haben muß zu glauben, nun würden die Winkelzüge der Briten und Franzosen aufhören. Aber die Planungen der Alliierten zum Einmarsch nach Skandinavien waren weitergegangen. Die Landungen alliierter Truppen in Norwegen hatten unmittelbar bevorgestanden, und die Sowjetunion hätte nichts anderes tun können als auf einen möglichen Angriff zu warten. Aber Hitler griff ein, und die Wehrmacht führte eine Schlacht, vor der Stalin zurückgeschreckt war. Stalin war der Auffassung, daß Hitler und die Deutsche Wehrmacht ihn gerettet hatten.

Aber sein Gefühl der Erleichterung wurde durch die Briten schnell beseitigt. Obwohl die deutsche Aktion kühn war, war sie in keiner Weise unmittelbar entscheidend. Innerhalb von zehn Tagen hatte die mächtige britische Kriegsmarine zehn deutsche Zerstörer vernichtet oder kampfunfähig gemacht. Um die Monatsmitte herum landeten beträchtliche alliierte Streitkräfte in Norwegen. Obwohl die Deutschen über überlegene Waffen und eine bessere Ausbildung verfügten, war keineswegs klar, wer der Sieger sein würde. Auf der Sitzung des Obersten Alliierten Kriegsrats vom 22. April schlugen die Franzosen die Entsendung einer ausreichenden Zahl von Soldaten vor, um ganz Skandinavien zu befreien. Alliierte Armeen standen nur 160 km von der finnischen Grenze und gerade 560 km von der Sowjetunion selbst entfernt.

Bei diesen Ereignissen, die sich wenig entfernt von der sowjetischen Grenze zutrugen, begann die Komintern (Kommunistische Internationale) damit, die alliierten Kriegsanstrengungen von innen her lahm zu legen. Die französische und britische Kommunistische Partei starteten einen Propagandafeldzug, um die Landungen der Deutschen in Norwegen als legitime Reaktion auf "alliierte Aggression" erscheinen zu lassen.

Auf dem Gebiet der Sowjetunion rechnete Stalin noch mit ganz anderen Sorgen, falls die Briten den Sieg über Deutschland davontragen sollten. Nach dem sowjetischen Einmarsch in Polen hatte die britische Regierung den Angriff als ungerechtfertigt verurteilt und betont, sie halte die Verpflichtungen gegenüber Polen ein und wolle den Krieg solange fortsetzen, bis Polen wiederhergestellt sei. Es war Stalin nicht klar, wo ein wiedererstandenes Polen seine Grenzen haben könnte, aber es stand fest, daß es ein unabhängiges und feindliches Polen im Falle eines alliierten Sieges an der sowjetischen Grenze geben würde. Stalin verspürte, daß es unvermeidbar sein würde, einen Teil oder gar ganz Polen zu räumen. In Anbetracht der feindlichen Haltung Englands und Frankreichs in den ersten Monaten des Jahres 1940 war es durchaus möglich, daß sie unter den besiegten Polen einen Aufstand aufwiegeln könnten. Stalin begann daher damit, für diesen Fall Pläne zu schmieden.

Nur fünf Tage, nachdem die Alliierten zugestimmt hatten, Soldaten nach Finnland zu entsenden, führte der NKWD in Tausenden von polnischen Häusern Razzien durch. Obwohl der sowjetische Sektor Polens zum Zeitpunkt der sowjetischen Eroberung schon durchkämmt worden war, war Stalin nun so nervös, daß er eine weitere Säuberung im sowjetisch besetzten Polen anordnete. Eine Unmenge von Kleinbauern und Landarbeitern, Angestellten des öffentlichen Dienstes, Mitarbeitern der örtlichen Behörden, ehemaligen Soldaten und sogar Angehörigen der Polizeikräfte wurde verhaftet. Neben deren Verschleppung zu Zwangsarbeit und der Vernichtung der polnischen Intelligenz hatte Stalin noch eine andere Gruppe im Sinn, die er als eine Bedrohung ansah: das polnische Offizierskorps. In drei Arrestlagern bei Ostaschkow, Kolzielk und Stariobielsk wurden annähernd 15.000 polnische Offiziere festgehalten.

Nachdem die Krise in Norwegen im Mai vorübergegangen war, und angesichts des anschließenden Einmarsches der Deutschen in die Niederlande sowie der sich danach anschließenden, raschen Niederlage Frankreichs war sich Stalin der Stärke NS-Deutschlands voll bewußt. Am 18. Juni 1940 ließ Molotow den deutschen Botschafter in Moskau zu sich kommen und »drückte ihm gegenüber die wärmsten Glückwünsche der sowjetischen Regierung für den großartigen Erfolg der Deutschen Wehrmacht aus[8] Mit dieser Erklärung wurde die wirtschaftliche Zusammenarbeit der Sowjets mit Deutschland wieder einmal fortgesetzt. Sowjetisches Getreide, Gummi, Öl und andere Lieferungen flossen nach Deutschland, da Stalin die Auffassung vertrat, daß die Sowjetunion Hitler dazu habe, ihr Land für sie zu verteidigen. Aber wie die Geschichte lehrt, sollte das nicht der Fall sein.

Sofort nach dem Einmarsch der Deutschen in die Sowjetunion bettelte Stalin die Briten und später der Vereinigten Staaten um Hilfe an. Aber sowjetfeindliche Elemente in Großbritannien wie auch in den USA fragten sich sogleich, warum sie einen Mann wie Stalin unterstützen sollten, der unschuldige Völker in Osteuropa angegriffen und versklavt hatte. Stalins Feldzug der "Mohrenwäsche" setzte sofort ein. Die sowjetische Politik von 1939 war nun keine Politik der Aggression mehr, sondern wurde nun zu einer Politik des Schutzes uminterpretiert. Da sie Alliierte gegen Hitler benötigten, waren sowohl Churchill als auch Roosevelt geneigt, Stalin bei dieser Mohrenwäsche zu helfen. Damit ließen sich nun die Vereinigten Staaten und England dazu mißbrauchen, Stalin zu schützen. Es war eine Manipulation, die alle freien wie auch unfreien Völker der Welt in den darauf folgenden fünfzig Jahren bitter bereuen sollten.


Anmerkungen

Mit freundlicher Genehmigung von The Barnes Review, 6(6) (2000), S. 35-42, (130 Third St., SE, Washington, D.C., 20003, USA), übersetzt von Hans Rudolf von der Heide.

[1]Nikolai Tolstoy, Stalin's Secret War, New York 1981, S. 130.
[2]Innerhalb des ersten Monats des Aufrufs dazu hatte das Verteidigungsdarlehen nicht nur den Stand von 500 Millionen Mark erreicht, sondern war tatsächlich mit weiteren 200 Millionen Mark durch das finnische Volk überzeichnet worden.
[3]Otto Kuusinen war ein 85-jähriger finnischer Bolschewist, der in die Sowjetunion flüchtete, nachdem der Versuch der Bolschewisten gescheitert war, Finnland zu beherrschen. Als er in der Sowjetunion eintraf, übertrug Lenin ihm eine Aufgabe in der Komintern. Später wurde Kuusinen Hauptberater Stalins für auswärtige Angelegenheiten. Kuusinen hatte den persönlichen Ehrgeiz, über ein erobertes, unterworfenes und gesäubertes Finnland als dessen bolschewistischer Herr zu regieren. Nachdem es den Sowjets mißlungen war, Finnland zu erobern, lebte Kuusinen als pensionierter Verräter weiter in der Sowjetunion.
[4]Die Sowjetunion hatte mehr als 3.000 Bomber und Kampfflugzeuge gegen die 162 finnischen Flugzeuge aufgeboten.
[5]Ebenda, S. 71.
[6]Ebenda, S. 73.
[7]Tolstoy, aaO. (Anm. 1), S. 168.
[8]Alfred Seidl (Hg.), Die Beziehungen zwischen Deutschland und der Sowjetunion 1939-1941, Tübingen 1949, S. 181.

Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 5(3) (2001), S. 262-269.


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