Aus der Forschung

Erinnerungen an einen Krieg, der niemals stattfand

Von Andrea Schneider

Joe Sharkey berichtete bereits am 28. Juni 1998 in Amerikas angesehenster Tageszeitung New York Times von einem Phänomen, das den Lesern der Vierteljahreshefte mehr als bekannt vorkommen dürfte.

"Wiedergewonnene Erinnerungen" lagen an der Wurzel eines "Skandals", der die USA Anfang 1998 kurz aufrüttelte: Veteranen des Vietnamkrieges behaupteten, bestimmte US-Einheiten, bei denen sie eingesetzt gewesen seien, hätten im Vietnamkrieg das Nervengas Sarin eingesetzt. Als über diese angeblichen Vorgänge am 7. April 1998 von der altgedienten Kriegsberichterstatterin April Oliver des Nachrichtensenders CNN im Fernsehen berichtet wurde, setzte das US-Verteidigungsministerium sogar eine Untersuchungskommission ein, um die Vorwürfe aufzuhellen.

Es stellte sich jedoch bald heraus, daß die zentralen Behauptungen im wesentlichen durch eine Interview-Technik gewonnen worden waren, die z.B. von der Amerikanischen Psychiatrischen Vereinigung als irreführend verurteilt wird: Diese Technik zur "Wiedergewinnung" vergessener "Erinnerungen" beruht auf einer massiv suggestiven Beeinflussung des Befragten, dem auf diese Weise "Erinnerungen" an Ereignisse und Erlebnisse eingepflanzt werden können, die nie erlebt wurden bzw. nie stattfanden.

"Wiedergewonnene Erinnerungen" haben in den USA in den letzten Jahren wiederholt für wirkliche Skandale gesorgt, da sie oft als falsche Ausgangsbasis und "Beweise" für Kindesmißhandlungen, Inzest, Satansrituale und sexuellen Mißbrauch verwendet wurden, allen voran durch die US-Jugendämter, deren übereifrige Angestellte vielen Kindern und Erwachsenen schreckliche Kindheitserlebnisse geradezu einredeten, was viele Familien in Not und Unglück stürzte.

In letzter Zeit haben die psychologischen Fachleute nun entdeckt, daß auch die psychologischen Dienste für Kriegsveteranen der US-Armee ähnlich suggestive "Behandlungs"-Methoden verwenden. Einige Veteranen haben daher heute "Erinnerungen" an Kriegsereignisse, die nachweislich nie stattfanden.

US-General Smith erwähnte in diesem Zusammenhang, April Oliver hätte im Verlaufe ihrer Interviews mit Vietnam-Veteranen den Einsatz von Sarin quasi als gegeben vorausgesetzt, was diese freilich verneinte.

Nach Auffassung von Experten für falsche Erinnerungen ist es nicht schwer, das Gedächtnis einer empfänglichen Person zu manipulieren, wenn die richtigen Bedingungen gegeben seien.

Pamela Freyd, Direktorin der US-Stiftung Falsches Erinnerungssyndrom (False Memory Syndrome Foundation), einer Vereinigung von Medizinern und Forschern, die sich zur Aufgabe macht, falsche Erinnerungen zu identifizieren, führte dazu aus:

»Eine falsche Erinnerung über Kriegsgreuel wiederzugewinnen, ist nicht so ungewöhnlich wie sie denken.«

Natürlich trifft dies auch auf die "Erinnerungen" vieler Zeitzeugen der angeblich von den Deutschen im Zweiten Weltkrieg begangenen Greuel zu, zumal es nichts in unserer Welt gibt, was mit größerer einseitiger suggestiver Wucht »quasi als gegeben vorausgesetzt« und seit 55 Jahren über alle Massenmedien 24 Stunden täglich weltweit verbreitet wird.


Literatur

– Elisabeth Loftus, Katherine Ketcham, The Myth of Repressed Memory, St. Martin’s Press, New York 1994

– Elisabeth Loftus, »Falsche Erinnerungen«, Spektrum der Wissenschaft, Januar 1998, S. 62-67

– Germar Rudolf, »Falsche Erinnerungen überall – nur nicht in der Zeitgeschichte«, VffG 2(3) (1998), S. 214-217

– Ronald Reeves, »Falsche Erinnerungen im Disneyland«, VffG 5(2) (2001), S. 223f.


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 5(3) (2001), S. 338.


Zurück zum Inhaltsverzeichnis