Mögliche Verwandte der Kelten
in Westchina entdeckt

Von John Tiffany

Überraschenderweise gibt es im entlegenen Zentralasien Belege einer alten Sprache, (oder, genau genommen, einem Sprachenpaar), die zur indoeuropäischen Familie gehört, obwohl die Sprache heute ausgestorben ist. Diese erst vor kurzem entdeckte Sprache, das Tocharische, wurde erst in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts in Texten von Ost-Turkestan erkannt. Sie hat durch Handschriften überlebt, die im 8. Jahrhundert n. Chr. aufgezeichnet wurden. Außerdem wurden in Höhlen am Fuß des Vorgebirges westlich von Ürümchi tocharische Inschriften gefunden, die bis ins 3. Jahrhundert zurückgehen, und zusammen mit "Rittern" mit Schildern gemalt waren, die lange Schwerter schwingen. Die Ritter werden mit langen Bärten (die manchmal rot sind) und europäisch aussehenden Gesichtern dargestellt.

Ost-Turkestan war am Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts Ziel zahlreicher archäologischen Expeditionen. Die Gegend besteht hauptsächlich aus einem weitausgedehnten trockenen Gebiet, das als Tarim-Becken bekannt ist und auf drei Seiten von Bergen begrenzt wird, die es von den benachbarten Gebieten von Tibet, Indien, Afghanistan, Kirgisien, Usbekistan und Tadschikistan trennt. Die Taklamakan-Wüste nimmt den größten Teil des Beckens ein. Rings um die Oasen, die vereinzelt in dem Gebiet vorkommen, sind Siedlungen entstanden. Im Laufe der Jahrhunderte haben sich dort eine Reihe Kulturen entwickelt.

Der Buddhismus und das nestorianische Christentum haben das Gebiet durchdrungen. Seit der arabischen Invasion in Zentralasien im 8. Jahrhundert wurde die Bevölkerung allmählich zum Islam bekehrt, der heute dort die herrschende Religion ist. Obwohl die überwiegende Mehrheit der Einheimischen heute den Turkvölkern angehört, gab es vor dem. 2. Jahrtausend unserer Zeitrechnung im Tarim-Becken eine ganze Reihe indoeuropäischer Stämme. In der Nähe vieler heutiger Städte liegen die Ruinen alter Siedlungen, darunter viele buddhistische Klöster. Durch die trockenen Klimaverhältnisse blieb eine große Zahl historischer Dokumente erhalten.

Fundstück eines Manuskripts des Tocharischen ("Tocharisch A"). Das Tocharische aus Zentralasien ist seit vielen Jahrhunderten ausgestorben und war dem Keltischen nahe verwandt. Die Schrifttypen wurden offenbar indischen Schrifttypen entlehnt.

Zwei tocharische Edelmänner opfern buddhistischen Göttern Geldsäcke. Der rechte der beiden hat rotbraune Haare und blaue Augen. Wahrscheinlich handelt es sich bei den Tocharern um Nachfahren der mumifizierten Leichen aus Ürümchi und ähnlichen Gegenden.

Seit etwa 1890 und verstärkt im ersten Jahrzehnt des letzten Jahrhunderts begannen europäische Entdecker wie der Asienforscher Marc Aurel Stein viele dieser Dokumente in europäische Museen zu bringen. Die Funde umfaßten Werke, die u.a. auf chinesisch, tibetanisch und in anderen Sprachen geschriebene waren. Zwei dieser Sprachen, die vorher unbekannt waren, wurden als miteinander verwandt erkannt, sie standen sich sogar so nahe, daß sie als zwei Dialekte einer ehemals gemeinsamen Sprache angesehen werden konnten. Die meisten Manuskripte dieser Sprache waren in Brahmi-Schrift – einer nordindischen Silbenschrift – auf Palmblätter, Papier und Holztafeln geschrieben. Es zeigte sich bald, daß ein großer Teil der Handschriften Übersetzungen bekannter buddhistischer Sanskrit-Werke darstellten, und manche waren zweisprachig, was die Entschlüsselung der neuen Sprache sehr erleichterte. Der Großteil der Texte stammt aus dem 7. und 8. Jahrhundert. Außer religiösen Texten gab es Kloster-Korrespondenz und Berichte, Handelsdokumente, Karawanen-Passierscheine und medizinische und magische Texte.

Die Analyse durch europäische Sprachforscher ergab, daß die neuentdeckten Sprachen indoeuropäisch waren, obwohl sie anfangs wenig Ähnlichkeit mit anderen bekannten indoeuropäischen Zweigen zeigten, vor allem dem geographisch nahen iranischen Zweig. Wie bei jedem neuen Fund wurde ein Etikett gebraucht, um die Sprache zu benennen. Da in alten Turk-Manuskripten die Sprecher dieser Sprache als »Twghry« bezeichnet wurden, setzte man sie mit den Tocharoi gleich, einem Stamm, der laut den Schriften der griechischen Klassik im 2. Jahrh. n. Chr. in Baktrien (Ostiran und Afghanistan) gelebt hat. Daher wurde die Sprache tocharisch genannt, und ihre zwei Dialekte als A und B unterschieden. Dialekt A war in Manuskripten, die aus dem Ostteil des Tarim-Beckens um die Städte Qarashahr und Turfan stammten. Daher wird er gewöhnlich als turfanisch oder osttocharisch bezeichnet. Der Dialekt B wird manchmal kutschaisch oder westtocharisch genannt, weil die meisten so geschriebenen Manuskripte in der Nähe der Stadt Kutscha weiter im Westen gefunden wurden.

Ob die Sprecher dieser Dialekte wirklich die Tocharoi der Alten Griechen waren, wird noch diskutiert. Man nimmt jetzt im allgemeinen an, daß die Sprecher des Tocharischen einer sehr frühen Abwanderung aus dem indoeuropäischen Kerngebiet angehörten, möglicherweise bereits 2000 v. Chr. Aber wie so oft bei solchen Dingen ist unsere Beweislage bruchstückhaft, und unsere Mutmaßungen sind sehr gewagt.

Es ist nicht bekannt, wann die Tocharer in Zentralasien ankamen, aber anscheinend bestand ihre Kultur bis zum Ende des ersten Jahrtausends nach Chr. Danach wurden sie entweder von der wachsenden Turkbevölkerung dieses Gebietes assimiliert, oder sie starben einfach aus. Sie spielten in ihrem Zeitalter in Zentralasien eine Schlüsselrolle bei der Verbreitung des Buddhismus unter den Turk-Völkern, und es könnte auch sein, daß der Buddhismus über die Tocharer von Indien ins eigentliche China verbreitet wurde.

Lexikalische Ähnlichkeiten des Tocharischen mit dem Italo-Keltischen zeigen, daß die Sprecher dieser Sprachen in der indoeuropäischen Urheimat in Verbindung waren, bevor die Tocharer ihre Wanderung nach Osten, und die Kelten und Italiker nach Westen unternahmen. Vor allem glauben die Sprachforscher jetzt, daß die tocharischen Sprachen mit der keltischen Sprache noch enger verwandt sind als die italischen Sprachen, die lange als Schwestersprachgruppe des Keltischen angesehen wurden. Tocharisch zweigte von der proto-indoeuropäischen Sprache recht früh ab, zusammen mit der keltischen Sprache – so schlußfolgern die Sprachgeschichtsforscher.

Könnten die Tartanen-tragenden Völker, die zu den "Mumien" Ost-Turkestans wurden, die Ahnen der beinahe keltisch sprechenden Tocharer sein, die an der gleichen Stelle lebten? Es trennt sie ein Zeitraum von etwa 1000 Jahren. Don Ringe, Sprachgeschichtler von der Universität Pennsylvania, kommentiert dies vorsichtig so:

»Ich schätze, daß [die Mumien-Leute] eine Art Indoeuropäisch gesprochen haben. Aber ob es eine frühe Form des Tocharischen oder ein anderer Zweig der Familie war, wie etwa indoiranisch, werden wir vielleicht nie sicher wissen.«

Die Forschung an diesen faszinierenden Funden geht weiter.


Mit freundlicher Genehmigung entnommen The Barnes Review, 6(4) (2000), S. 8f. (130 Third St., SE, Washington, D.C., 20003, USA) – übersetzt und bearbeitet von Patricia Willms.


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 5(3) (2001), S. 321-323.


Zurück zum Inhaltsverzeichnis