Bücherschau

Die Definition des Holocaust ändert sich

Von Richard A. Widmann

Jan T. Gross, Neighbors: The Destruction of the Jewish Community in Jedwabne, Poland (Die Vernichtung der jüdischen Gemeinde in Jedwabne, Polen), Princeton University Press, Princeton und Oxford, 2001, 261 S., $19,95

Obwohl die Revisionisten fälschlich bezichtigt werden, den Holocaust zu "leugnen", haben sie in Wirklichkeit jahrelang nur versucht, den "Holocaust" neu zu definieren. In der gängigen Geschichtsschreibung wird "Holocaust" als die systematische Vernichtung von über sechs Millionen europäischen Juden durch die Nationalsozialisten vor und während des Zweiten Weltkrieges definiert. Oftmals wird auch die hauptsächliche Mordmethode, Gaskammern, in die Definition mit einbezogen. Revisionisten haben jahrelang argumentiert, daß die Tötungen, die erfolgt sind, in Wirklichkeit nicht systematischer Art waren. Sie haben außerdem versichert, daß die Zahl 6 Millionen eine maßlose Übertreibung darstellt und daß die Geschichten über Massenvergasungen schlichtweg falsch sind. In Ländern, die man einmal als die aufgeklärtesten der Welt ansah, wurden Revisionisten wegen jeder dieser Feststellung angeklagt, inhaftiert, verprügelt oder sonstwie verfolgt.

Als Jan Gross daran ging, Neighbors zu schreiben, die Geschichte der Vernichtung der Juden von Jedwabne in Polen, hat er wahrscheinlich nicht in Betracht gezogen, daß sein Werk eine Revision des Holocaust darstellt. Sicher wäre er überrascht, ein Revisionist genannt zu werden, und wahrscheinlich erschrocken, wenn man ihn als "Holocaust-Leugner" bezeichnen würde.

Gross merkte jedoch, daß Neighbors nicht in das bestehende Paradigma paßt und führte aus, daß sein Buch »zu einem Genre gehört, das erst jetzt allmählich anfängt, die ihm angemessene wissenschaftliche Beachtung zu finden und das Täter-Opfer-Zuschauer-Verhältnis behandelt. Aber es zeigt sich, daß auch diese Begriffe grob sind, und das kann als Hinweis darauf verstanden werden, daß jede Massenmord-Episode ihre eigene Situations-Dynamik hatte.« (S. 12f.)

Das Buch von Gross stellt die Standard-Definition des "Holocaust" in Frage. Gross führt aus, eine große Anzahl Juden (ungefähr 1600) sei am 10. Juli 1941 in Jedwabne in Polen ermordet worden. Nach einer Mordorgie wurde die verbleibende Bevölkerung in eine Scheune getrieben und starb, als diese in Brand gesetzt wurde. Neighbors wird dadurch interessant und sogar kontrovers, daß Gross meint, die Mörder seien in Wirklichkeit nicht deutsche "Nazis" gewesen, sondern die polnische Zivilbevölkerung.

Für Gross ist dieses Ereignis – gewiß einer von vielen derartigen Vorfällen, die in dieser dunklen Zeit geschahen – ein wichtiges Teilstück des Holocaust-Puzzles. Aber die Schrecken des 10. Juli 1941 waren natürlich eindeutig nicht systematisch, sie hatten nichts mit Gaskammern zu tun und – was am wichtigsten ist – die Morde wurden Gross zufolge nicht von "Nazis" begangen. Der herkömmlichen Definition zufolge mußten die Deutschen, wenn diese Tragödie tatsächlich eine Holocaust-Episode war, verantwortlich sein. Aber sie waren es nicht. Wir stehen daher am Beginn einer Zeit, wo die mit dem Strom schwimmenden Autoren erkennen, wie unhaltbar die gegenwärtige "Holocaust"-Definition ist. Was not tut, ist – wie es die Revisionisten gefordert haben – eine einfachere Definition. Es ist klar für Gross, daß der "Holocaust" »die Tragödie ist, die Europas Juden während des Zweiten Weltkriegs überkam.«

Mit einer solchen Definition fängt die Jedwabne-Geschichte an, uns einen Angelpunkt für die Geschehnisse der damaligen Zeit zu geben. Ohne eine solche Umdefinierung bleiben diese Zeit und ihre Ereignisse unverständlich.

Obwohl Gross einen wertvollen Dienst geleistet hat, indem er eine Neudefinierung des "Holocaust" populär gemacht und aufgedeckt hat, daß die Geschehnisse in Jedwabne durch die polnische Bevölkerung durchgeführt wurden, verlegt sich das Buch auf eine ebenso nebulöse Argumentation wie so viele andere Bücher der herkömmlichen Holocaust-Historiker. Weil ihm wohl aufging, daß sich die Ereignisse von Jedwabne nicht in die orthodoxe Gelehrsamkeit einbinden lassen, versucht Gross seine eigene Methode, den Holocaust zu erklären:

»Aus dem, was in Jedwabne geschah, wird deutlich, daß wir den Holocaust als heterogene Erscheinung angehen müssen. Einerseits müssen wir ihn als ein System betrachten können, das gemäß einem vorgefaßten – wenn auch sich ständig entwickelnden – Plan funktionierte. Aber zugleich müssen wir ihn als ein Mosaik sehen können, das sich aus verschiedenen Einzelereignissen zusammensetzt, die durch örtliche Entscheidungsträger improvisiert wurden und nicht auf erzwungenem Verhalten beruhten.« (S. 124f.)

Diese mühsame Definition veranschaulicht Gross’ Gedankengänge durch das ganze Buch. Er erzählt eine Geschichte, die Neuland absteckt, aber da er dessen Bedeutung scheut, macht er eine Kehrtwendung, um es wieder in eine eher annehmbare Form einzupassen.

An mehreren Stellen erklärt Gross, daß die Deutschen nicht beteiligt waren:

»Was die direkte Beteiligung der Deutschen beim Massenmord an den Juden am 10. Juli 1941 in Jedwabne angeht, […] muß man zugeben, daß sie sich so ziemlich darauf beschränkte, Fotos davon zu machen.« (S. 78)

Gross geht sogar so weit zuzugeben, daß der Außenposten der deutschen Gendarmerie »der sicherste Ort in der Stadt für die Juden war, und einige überlebten nur, weil sie zufällig zu der Zeit dort waren« (S. 78). An anderer Stelle versucht Gross jedoch, die Deutschen mit hineinzuziehen, indem er behauptet, daß »die Tragödie des Jedwabner Judentums nur eine Episode in dem mörderischen Krieg darstellt, den Hitler gegen alle Juden führte.« (S. 78)

Am schwersten zu verdauen sind wohl seine Gedankengänge bezüglich der Zeugenberichte von Überlebenden. Er argumentiert, daß der Holocaust ein derartig einmaliges Ereignis sei, daß man den Zeugenaussagen selbst dann glauben schenken muß, wenn sie »unglaublich« sind. Gross schreibt:

»Ich plädiere nur für eine Beseitigung unserer Ungläubigkeit.« (S. 141)

Er erklärt seine Methode folgendermaßen:

»Wenn wir Zeugnisse von Überlebenden betrachten, sind wir wohlberaten, wenn wir die Anfangsprämisse in bezug auf die Einschätzung ihres Beweiswertes von einer a priori kritischen Aufnahme ändern in eine prinzipiell bejahende. Wenn wir das, was wir in einem bestimmten Bericht lesen, als Tatsache akzeptieren, bis wir überzeugende Argumente für das Gegenteil finden, vermeiden wir mehr Fehler, als wir wahrscheinlich begehen, wenn wir umgekehrt einen vorsichtigen Skeptizismus gegenüber jeder Zeugenaussage walten lassen, bis eine unabhängige Bestätigung ihres Inhalts gefunden wurde(S. 139f.)

Mit einem solchen Maßstab wird Gross’ Akzeptanz einiger der phantastischen Geschichten um die Jedwabne-Episode verständlich. Er baut seinen Fall hauptsächlich auf den Bericht von Szmul Wasersztajn auf. Dieses Dokument ist voll »unglaublicher« Einzelheiten, von denen einige nicht aus erster Hand bekannt sein können. Obwohl die zugrundeliegende Geschichte wahr sein mag, müssen Revisionisten und andere denkende Menschen bezüglich einiger Einzelheiten skeptisch bleiben, ganz zu schweigen von Gross’ Methode als solcher.

Obwohl Neighbors ein besser durchdachtes Buch sein könnte, ist es wertvoll, weil es begonnen hat, aus dem großen Strom von Episoden, die die Holocaust-Geschichte bilden, diese eine Episode aufzuklären. Es ist klar, daß die Geschichte der Tragödie der europäischen Juden im Zweiten Weltkrieg verständlicher wird, wenn mehr Autoren des Establishments die Bedeutung von Gross’ Abweichung von der dogmatischen Definition des "Holocaust" begreifen. Wenn man die mythischen, die absurden und die von der Propaganda geprägten Elemente von der Holocaust-Geschichte abzieht, würde nicht nur die europäische Zeitgeschichte verständlicher werden, sondern auch die Aktivitäten der Holocaust-Lobby würden zum Bankrott gebracht.

Neighbors ist ein weiterer Schritt in Richtung auf eine Korrektur der Geschichtsschreibung des Holocaust angesichts einer vollständigeren Dokumentation geschichtlicher Tatsachen.

ANMERKUNG DER REDAKTION

Eine Exhumierung der Leichen von Jedwabne ergab, daß das Massengrab "nur" etwa 200 Leichen enthält, also 1.400 weniger als von Gross’ Zeugen behauptet. (AFP, 5.6.2001, vgl. VffG 2/2001, S. 236)


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 5(3) (2001), S. 339f.


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