Die Unterdrückung Lettlands von 1918 bis 1991

Von Alexander von Berkis

Das Hauptthema dieses Beitrags ist die Unterdrückung und die Verfolgung, die die Sowjetunion der baltischen Nation Lettland zugefügt hat, und zwar seit der Unabhängigkeitserklärung im Jahre 1918 bis zum Untergang der Sowjetunion. Die Rote Armee hat Lettland in dieser Zeit dreimal überfallen und besetzt. Das Resultat der letzten Aggression im Jahre 1944 war die bis 1991 andauernde illegale Besetzung Lettlands. Jede Invasion der Sowjets hatte Massentötungen und Deportationen von Letten zur Folge. Die sowjetischen Behörden trachteten danach, die lettische Nation zu vernichten, sowohl durch die illegale Annexion Lettlands als auch durch Maßnahmen, welche darauf abzielten, die historischen, kulturellen und religiösen Traditionen der Letten auszumerzen. Nichtsdestoweniger hat die lettische Nation im Heimatland und auch im Exil mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln für ihren Bestand gekämpft und letztlich obsiegt.


Lettland unter Fremdherrschaft, 1290-1918

Das kommunistische Regime Rußlands baute auf der früheren Unterdrückung durch die Zaren auf und hat diese noch verstärkt, daher ist ein kurzer Überblick über Lettlands Geschichte unter fremder Herrschaft notwendig.

Bis 1290 war ganz Lettland vom Deutschen Ritterorden und dem Livländischen Orden erobert worden. Von 1290 bis 1561 gehörte Lettland zur livländischen Konföderation, die auch Estland umfaßte. Der Zerfall der livländischen Konföderation wurde durch die russische Invasion unter der Herrschaft Iwan IV. (Iwan des Schrecklichen) verursacht. Da sich die Konföderation nicht selbst verteidigen konnte, bat sie Polen-Litauen, Schweden und Dänemark um Hilfe. Als Ergebnis des langen livländischen Krieges (1558-1582) wurde das nördliche Livland zusammen mit dem südlichen Estland eine polnische Provinz (1561-1629). Nach dem schwedisch-polnischen Erbfolgekrieg wurden das westliche Livland mit seiner Hauptstadt Riga und ganz Estland eine schwedische Provinz (1629-1721). Das östliche Livland blieb bis 1772 eine polnische Provinz und wurde nach der ersten Teilung Polens im gleichen Jahr von Rußland annektiert.


Oben: Der lettische Schneider Valdemars Janelis vor dem sowjetischen Einmarsch 1940.
Rechts: in sowjetischer Haft


Rechts: ...was von ihm 1941 übrig blieb...

Das letzte Oberhaupt des livländischen Ordens, Gotthard Kettler, gründete das Herzogtum Kurland, das als beinahe unabhängiger Staat mehr als zwei Jahrhunderte (1561-1795) lang unter polnischer Oberherrschaft blieb. Es ist keine Übertreibung, daß die Geschichte des Herzogtums Kurland seit 1795 fast in Vergessenheit geriet, obwohl Herzog James (1639-1682) und seine Leistungen im 17. Jahrhundert sehr bekannt waren. Der Herzog besaß zwei Kronkolonien, die Insel Tobago westlich von Indien und Gambia in West Afrika, außerdem Bergbaugebiete in Norwegen, die, wie die Kolonien in Tobago und Gambia, von seinen Kuren kolonisiert wurden.

Kurland war auch eine Seemacht. Nur die Niederlande, England, Spanien und Portugal hatten stärkere Flotten als Kurland zu Zeiten von Herzog James. Die neidischen Holländer nannten Herzog James den »Skipper Herzog«, da Kurlands blühender Reichtum während des Zeitalters des Merkantilismus die Kurländer zu Rivalen der Holländer gemacht hatte. James wurde auch der »Händler auf dem herzoglichen Throne« genannt.

Nach der dritten Teilung von Polen-Litauen (1795) wurden die Herzogtümer von Kurland und Litauen von Rußland annektiert. Es sollte betont werden, daß die Russen während des Livländischen Krieges und des großen Nordischen Krieges (1700-1721) in großem Maßstab Greueltaten in Lettland verübt haben. Während des großen Nordischen Krieges führten diese russischen Maßnahmen zu einem Ausbruch der Pest, bei dem zwei Drittel der lettischen Bevölkerung starben.

Die systematische Verfolgung der Letten durch die Russen begann, als ganz Lettland zu den russischen Provinzen Livland und Kurland geschlagen wurde. Die russischen Behörden begnügten sich nicht damit, die lettischen Rufe nach Selbstbestimmung zu unterdrücken, sondern verfolgten während des ganzen 19. Jahrhunderts ein immer intensiveres Programm zur Russifizierung Lettlands. Von 1883 an war Russisch die einzige Unterrichtssprache in lettischen Schulen. Schüler wurden dafür bestraft, wenn sie untereinander lettisch sprachen. Gebildete Letten konnten in ihrem Heimatland keine Arbeit in ihrem Beruf finden; dabei waren sie aber, wegen ihrer Geschicklichkeit und ihrer Zuverlässigkeit, in Rußland selber willkommen.

Im 19. Jahrhundert kam in Lettland die Zeit des nationalen Erwachens (oder auch des romantischen Nationalismus). Die Führer dieser Bewegungen, Krisjanis Voldemars (1825-1891) und Krisjanis Barons (1835-1923) waren die Ziele der russischen Unterdrückung. Sie wurden als politisch gefährlich angesehen und dazu gezwungen, drei Jahrzehnte im russischen Exil zu leben. Dennoch werfen ihnen einige lettische Historiker vor, Lettlands politische Unabhängigkeit vernachlässigt zu haben. Voldemars und Barons taten nichts weiter, als ihre Landsleute zur Pflege ihrer Sprache und ihrer nationalen Traditionen anzuhalten, aber sie befürworteten Lettlands zunehmende wirtschaftliche Unabhängigkeit durch das Ansammeln wirtschaftlicher Reichtümer.

Als Rußland im Jahre 1905 von der Revolution erschüttert wurde, riefen lettische Nationalisten nach politischer Autonomie für Lettland. Die zaristischen Behörden antworteten mit Massentötungen und Deportationen nach Sibirien.

Michails Afanasjevs

Andrew Krumins

Beispielhaft für das Schicksal der damaligen lettischen nationalen Führer, die das Glück hatten zu überleben, waren die Erlebnisse von Karlis Ulmanis, dem späterem Präsidenten Lettlands. Er war in Verbindung mit seinen Aktivitäten des Jahres 1905 mehrere Monate im Gefängnis. Nach seiner Entlassung versuchten die zaristischen Behörden erneut, ihn einzusperren. Daher ging Ulmanis ins Exil nach Amerika, wo er von 1906 bis 1913 lebte. 1913 verabschiedete die russische Duma ein Amnestiegesetz zur Feier des dreihundertsten Geburtstags der Romanov-Dynastie. Ulmanis und andere lettische Führer kamen rechtzeitig aus dem Exil zurück, um den Ausbruch des Ersten Weltkrieges zu erleben, der zum Sturz Nikolaus' II. und seiner Dynastie führte, außerdem zur bolschewistischen Machtergreifung und der Unabhängigkeit der baltischen Nationen.

Lettlands Unabhängigkeit und 1. sowjetische Besetzung

Man kann unmöglich die Unabhängigkeit Lettlands (1918-1940) und die drei Besetzungen unter sowjetischer Herrschaft behandeln, ohne kurz das Leben des Präsidenten Ulmanis von Lettland (1877-1942?) zu schildern. Ausländische Beobachter, einschließlich Historiker, haben Ulmanis Lettland genannt und Lettland Ulmanis. In der Tat sind die beiden Namen untrennbar miteinander verbunden. Der Verfasser dieses Beitrages kennt kein anderes Beispiel in der Geschichte, wo eine Person die Geschichte und das Leben eines Landes so vollständig dominiert hat, wie es Ulmanis in Lettland tat, sowohl als Führer, als auch als Legende.

Karlis Ulmanis wurde am 4. September 1877 in Zemgale im südlichen Lettland geboren, auf dem Gebiet des früheren Herzogtums Kurland. Er erhielt 1905 am Institut für Agrarwissenschaften in Leipzig seinen Abschluß in Agrarwissenschaften, und während seines Exils in Amerika 1909 ein Diplom (B.S.) in Agrartechnik der Universität von Nebraska.

Nachdem er nach Lettland zurückgekehrt war, gründete Ulmanis 1916 die Bauernunion bzw. -partei und wurde auch ihr Führer - eine Position, die er bis zum Ende der Unabhängigkeit Lettlands 1940 innehatte. Während der folgenden Jahre organisierte Ulmanis die führenden lettischen Politiker und formte mit ihnen den Volksrat. Am 18. November 1918 rief der Volksrat die Unabhängigkeit Lettlands aus. Weil Ulmanis als der einzige Kandidat angesehen wurde, der willens, in der Lage, machtvoll und mutig genug war, um Lettland zu führen, wählte ihn der Rat zum Premierminister der provisorischen Regierung. Die politischen Gegebenheiten Lettlands waren zu der Zeit sehr kompliziert, da das gesamte Gebiet bis 1918 von der deutschen Armee besetzt war. Lettland hatte im Krieg sogar mehr Zerstörungen erlitten als Belgien. Nachdem Deutschland den Waffenstillstand vom 11. November unterzeichnet hatte, brach die Disziplin der deutschen Soldaten zusammen und die sowjetische Armee rückte allmählich ins verteidigungslose Lettland ein. Bis zum Februar 1919 war ganz Lettland mit Ausnahme des westlichen Teiles, der aber weniger als ein Achtel des Territoriums umfaßt, von den Sowjets besetzt.[1]

Im besetzten Lettland erließen die sowjetischen Behörden Dekrete zur Verstaatlichung von Eigentum ohne Entschädigung der ehemaligen Besitzer. Das gesamte Landeigentum wurde verstaatlicht und es wurde Zwangsarbeit verfügt. Die Kommunisten beschlagnahmten Kleidung und Schuhwerk. Sie bürdeten den Leuten räuberische Steuern auf und sogar die Arbeiter mußten höhere Steuern bezahlen. Alle diese Dekrete verletzten grob das internationale Recht. Weil die sowjetischen Maßnahmen nicht ohne Terror durchgeführt werden konnten, wurden Tausende von Letten ermordet, gefoltert oder starben den Hungertod. Die Gefängnisse waren überfüllt.

Ab Anfang 1919 war die Macht weitgehend in den Händen von örtlichen Räten oder "Sowjets". Diese Behörden waren im wesentlichen damit beschäftigt, nach vermeintlichen Konterrevolutionären zu suchen. Nachts trafen sich die Machthaber und entschieden, wer zu verhaften war, und nachts wurden die Opfer auch eingesperrt. Bauern, Künstler, Arbeiter und Intellektuelle wurden gleichermaßen eingesperrt, keiner konnte sich sicher fühlen. Revolutionäre Tribunale waren ständig beschäftigt und erließen zahlreiche Todesstrafen. Das "Gesetz", das diese "Richter" anwandten, war "revolutionäres Bewußtsein". Gegen Sonnenaufgang übernahmen spezielle Einheiten die verurteilten Letten, befahlen ihnen, sich auszuziehen, und erschossen sie anschließend.

Die Verbrechen, die die Sowjets gegen die Elite der lettischen Nation verübten, grenzten an Völkermord und verursachten einen großangelegten Guerillakrieg gegen russische Truppen. Die Ulmanis-Regierung eroberte mit der Hilfe deutscher Soldaten allmählich das besetzte Lettland zurück. Anfang Februar 1920 war ganz Lettland befreit. Die im Bürgerkrieg gegen die weißrussischen Generäle hart bedrängte Sowjetunion schloß am 11. August 1920 einen Friedensvertrag mit Lettland.[2]

Während des lettischen Befreiungskrieges bildete Ulmanis drei Regierungen. Anfang Mai 1920 tagte die konstituierende Nationalversammlung und ermächtigte Ulmanis zur Bildung seiner vierten Regierung. Diese Regierung konnte am 26. Januar 1921 die rechtmäßige Anerkennung Lettlands durch Großbritannien, Frankreich, Italien, Japan und Belgien erreichen. Einige Monate später zwang die konstituierende Nationalversammlung Ulmanis zum Rücktritt, denn eine Mehrzahl der Delegierten war neidisch auf die Führerschaft des starken Mannes und ihrer überdrüssig geworden.[3]

Oben: Peteris Dobe

Links: Schuldirektor Arnolds Cuibe

Stanislavs Belkovcis

Die Jahre zwischen den Kriegen

Ulmanis' Einfluß blieb dennoch machtvoll. 1925 wurde er der Premierminister der fünften Regierung, die 1926 zurücktrat. Ulmanis bildete seine sechste Regierung während der Wirtschaftskrise des Jahres 1931, die im landwirtschaftlich geprägten Lettland vergleichsweise mild ausfiel. Es gab keine Arbeitslosigkeit, und es wurden sogar ausländische Landarbeiter ins Land gebracht. Trotzdem machte so mancher Lette das parlamentarische System für die wirtschaftlichen Nöte verantwortlich. Es wurde beinahe sprichwörtlich, daß Ulmanis immer dann auftauchte, um die Probleme zu beseitigen, wenn Lettland schwierige Zeiten durchmachte. Ausländische Beobachter bemerkten, daß Parlamente gewählt und abgesetzt wurden, Ulmanis aber blieb. In der Tat konnten Koalitionsregierungen ohne Ulmanis' Zustimmung selten gebildet werden - sogar dann, wenn aufgrund des Neides der anderen Parteien gegenüber Ulmanis andere Mitglieder der Bauernunion zu Premierministern gewählt wurden.

Im März 1934 wurde Ulmanis der siebte und letzte Premierminister unter dem parlamentarischen System. Die lettische Bevölkerung hatte am Ende genug von der korrupten Herrschaft der vielen Parteien im Lande. Am 15. Mai 1934 führte Ulmanis einen unblutigen Staatsstreich durch und löste das Parlament und alle Parteien auf.[4]

Er wurde mit einer Flut von Briefen und Telegrammen bejubelt, die ihm dafür dankten, die Einheit Lettlands wiederhergestellt zu haben. Der dritte Präsident Lettlands, Alberts Kviesis, der auch zur Bauernunion gehörte, lud Ulmanis und seine Minister der achten und letzten Regierung in das Schloß des Präsidenten ein. Präsident Kviesis verkündete, daß für ihn Ulmanis' Staatsstreich die Kraft eines Plebiszites habe, da sich eine überwältigende Mehrheit von Letten hinter die Ulmanis-Regierung gestellt hatte. Kviesis gab daher der neuen Regierung der nationalen Einheit seine Billigung und seinen Segen. Diese Regierung blieb mehr als sechs Jahre an der Macht, und zwar solange, bis die Sowjetunion Lettland überfiel.

Die Dankbarkeit des lettischen Volkes galt immer dem heroischen und magischen Premierminister des lettischen Befreiungskrieges - Karlis Ulmanis. Dennoch kann der Einfluß von Ulmanis' Persönlichkeit in Zusammenhang mit dem tragischen Sturz des freien Lettlands nicht übersehen werden. Nach dem Ausbruch des zweiten Weltkriegs waren die baltischen Staaten isoliert. Unter diesen Bedingungen zwang die Sowjetunion Estland, Lettland und Litauen dazu, gegenseitige Hilfsabkommen zu unterzeichnen, und baute in diesen praktisch verteidigungslosen Ländern russische See-, Luft- und Infanteriestützpunkte auf.[5]

Die zweite sowjetische Besatzung

Ulmanis hoffte, Zeit zu gewinnen, und unterzeichnete das Abkommen. Er gewann tatsächlich Zeit, und zwar bis zum 17. Juni 1940. Der Zusammenbruch Frankreichs veranlaßte die Sowjetunion dazu, die komplette Besetzung der baltischen Länder und die dortige Bildung pro-sowjetischer Regierungen zu fordern. Ulmanis akzeptierte das Ultimatum und weigerte sich ins Exil zu gehen. Er blieb formal bis zum 22. Juli 1940 Präsident von Lettland, aber ohne Macht oder Einfluß. Am 22. Juli wurde er in die Sowjetunion deportiert. Ort, Datum und Umstände von Ulmanis' Tod sind unbekannt, obwohl einige Quellen angeben, daß er 1942 gestorben sei.

So begann die zweite sowjetische Besatzung Lettlands. Sie stellte sich als weit katastrophaler heraus als die erste. In den ersten Wochen nach der Invasion der Roten Armee wurden Lettlands politische Führer, darunter auch der sehr populäre frühere Vizepräsident und Kriegsminister General Janis Balodis, verhaftet und deportiert.

Die Massenverhaftungen fanden Monate später statt, nachdem ausländische Diplomaten und Konsularvertreter Lettland verlassen hatten und ihren Regierungen nichts mehr über die von den Sowjets verübten Verbrechen berichten konnten.

Es gibt authentische Dokumentenbeweise darüber, daß der NKWD, die sowjetische Geheimpolizei, am 11. Oktober 1940 einen detaillierten Befehl zur Deportation von anti-sowjetischen Elementen aus Litauen, Lettland und Estland ausgegeben hat (Befehl Nr. 001223). Er war vom stellvertretenden Volkskommissar für öffentliche Sicherheit, Serow, unterzeichnet worden, was wiederum zeigt, daß der Befehl ausgegeben wurde, als die baltischen Staaten noch unabhängige Staaten waren.[6] Es erübrigt sich zu erwähnen, daß dies die Grundprinzipien internationalen Rechts grob verletzt. Die Liste der sogenannten anti-sowjetischen Elemente war lange zuvor von örtlichen Kommunisten und gutbezahlten Verrätern aufgestellt worden.

Der sowjetischen Regierung war die Abneigung der Letten bewußt, und sie sah es als notwendig an, eine freiwillige "Zustimmung" der Besetzung Lettlands zu konstruieren. Daher ordneten die sowjetischen Behörden eine Parlamentswahl an. In den inszenierten Wahlen des 14. und 15. Juli 1940 war eine einzige von Andrei Wischinski gebilligte Kandidatenliste zugelassen. Das einstimmig "gewählte" Parlament erklärte, daß Lettland in eine Sowjetrepublik umgewandelt werden solle und bat das sowjetische "Parlament" um Aufnahme Lettlands zur Sowjetunion. Die Verfassung Lettlands von 1922 hatte festgelegt, daß jede Frage, die die Unabhängigkeit Lettlands berührte, durch eine Volksbefragung zu entscheiden war. Die sowjetische Regierung wagte es aber nicht, eine solche durchzuführen, daher wurde Lettland auch nie legal in die Sowjetunion integriert. Nebenbei bemerkt kann gemäß internationalem Recht keine Wahl, die unter der Besatzung fremder Truppen durchgeführt wird, rechtlich gültig sein.

Eine Seite aus dem lettischen Bericht »Das gräßliche Jahr« über die sowjetische Besetzung 1940-1941

Der Botschafter Lettlands in Washington, Dr. Alfred Bilmanis, dem von der legitimen Regierung Notvollmachten verliehen worden waren, und der lettische Botschafter in London, Karlis Zarins, erklärten demgemäß die Wahlen für null und nichtig. Ihre Notvollmachten waren erst am 18. Mai 1940 von der Regierung Lettlands erteilt worden, wobei Dr. Bilmanis zu Zarins' Stellvertreter ernannt worden war, falls der lettische Botschafter in London sterben sollte. Der Inhaber der staatlichen Notvollmachten war dazu befugt, Delegierte für internationale Konferenzen zu ernennen und außerdem die Mitarbeiter der lettischen Gesandtschaften und Konsulate zu ernennen und zu versetzen. Zarins waren demgemäß die Funktionen des Präsidenten und der Regierung Lettlands übertragen worden. Die lettische Marionettenregierung erklärte beide Männer zu Verrätern und erkannte ihnen ihre lettische Staatsangehörigkeit ab.

Die Sowjetisierung Lettlands schritt schnell voran. Bis Ende September 1941 waren sowohl alle "großen" privaten Vermögen, die private Industrie, Handel, Banken, Transportwesen, das Land und seine Bodenschätze, wie auch gemieteter Besitz verstaatlicht worden, ohne Entschädigung der Besitzer. Im Gegenteil, sie wurden verleumdet und als Ausbeuter und Feinde der schwer arbeitenden Massen beleidigt. Das Kapital im Besitz der nationalisierten und desorganisierten Banken wurde in wertloses Papier umgewandelt und ebenfalls wertlose sowjetische Papierrubel überschwemmten das Land. Hohe Preise in Rubel wurden dann für alle Waren festgesetzt. Prompt leerten Soldaten der Roten Armee und sowjetische Funktionäre die Geschäfte.

Während der ersten Phase der Massendeportationen sind mindestens 35.828 Personen deportiert oder ermordet worden. Amerikanische oder andere ausländische Quellen schätzen die Anzahl der deportierten oder ermordeten Personen aus allen sozialen Schichten auf 60.000. Nach dem Ausbruch des deutsch-russischen Krieges wurden lettische Soldaten - die entgegen den Prinzipien internationalen Rechtes in die Rote Armee eingezogen worden waren - nach Rußland abgezogen oder ermordet. Viele Zivilisten wurden ebenfalls von den sich zurückziehenden sowjetischen Behörden verschleppt. Besonders für die Ausrottung bestimmt waren lettische Regierungsbeamte, Mitglieder der Intelligenz und Armeeoffiziere im Ruhestand. Es sollte erwähnt werden, daß die Intellektuellen am meisten durch die Verfolgung litten, da während des lettischen Befreiungskrieges fast die gesamte Studentenschaft der Universität von Lettland freiwillig gegen die Rote Armee gekämpft hatte. Daher nannten die Sowjets die Universität von Lettland auch die »Zitadelle der Erzreaktionäre«.

Aber weder unter den Intellektuellen noch unter den Kapitalisten fanden die Sowjets ihre schärfsten Feinde. Das waren vielmehr die Bauern, weil in Lettland 62 Prozent der Einwohner Bauern mit ihren Familien waren. Sie waren in der Tat ihre eigenen Herren. Vom sowjetischen Standpunkt aus mußte das Rückgrat der stabilen Mittelschicht auf jeden Fall und mit allen Mitteln gebrochen werden. Der Ausbruch des deutsch-russischen Krieges hinderte das Sowjetregime daran, die Kollektivierung der Landwirtschaft zu erzwingen.[7]

Der sowjetische Terror stieß auf einen Aufstand von Offizieren und Rekruten des früheren lettischen Heimatschutzes, einer gut trainierten Reservearmee, und anderen lettischen Nationalisten. Sie übernahmen nach dem Ausbruch des deutsch-russischen Krieges die Kontrolle über den größten Teil Lettlands. Die deutsche Armee eroberte nur die großen Städte - Riga, Liepaja (Libau), Ventspils (Windau), Jelgava (Mitau) and Daugavpils (Dünaburg). Mit den ersten Julitagen 1941 war ganz Lettland von der deutschen Armee besetzt. Der Krieg fegte über Lettland hinweg wie ein Orkan.

Trotz der deutschen Befreiung waren die Letten alsbald enttäuscht, weil klar wurde, daß Hitlers Regierung nicht beabsichtigte, Lettlands Unabhängigkeit wiederherzustellen.

Von Mitte Juli 1944 an zogen sich die deutschen Truppen nach heftigen Kämpfen allmählich aus Lettland zurück. Die Überlegenheit der Roten Armee war in nicht unerheblichem Maße bedingt durch die Hilfe der USA und des Britischen Empire mit Waffen und jeder Art von Material. Am 8. Mai 1945 legten die deutschen Truppen in Übereinstimmung mit dem Wortlaut der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands sowohl an der West- als auch an der Ostfront die Waffen nieder.

Vom NKWD erschossene Letten in Valmiera

Mit der Erkenntnis, daß mit Lettlands dritter Besetzung durch die Rote Armee der sowjetische Terror wieder bevorstand, sahen viele lettische Aktivisten das Exil als die einzige Hoffnung für die Zukunft an. Die Erfahrung hatte sie gelehrt, daß nichts so schlimm war wie der Kommunismus. Informationen zufolge, die durch das lettische Rote Kreuz übermittelt wurden, gab es bis 1947 134.000 lettische politische Flüchtlinge, davon die überwältigende Mehrheit in Westdeutschland.

Niederlage und erneute Besatzung

Diejenigen Letten, die in Lettland geblieben waren, hatten keine Illusionen über ihr Schicksal. Der Roten Armee folgte innerhalb weniger Tage das NKWD. Die rote Geheimpolizei befragte die Bevölkerung zwangsweise mit vorgefertigten Fragebögen. Zu den Fragen, die jeder Lette beantworten mußte, gehörten unter anderem die folgenden:

»Warum haben Sie sich 1941 nicht zusammen mit der Sowjetarmee zurückgezogen?

Welcher Beschäftigung gingen Sie während der deutschen Besatzung nach?

Welche anti-deutsche Sabotage haben Sie ausgeführt?

Nennen Sie drei Kollaborateure der Deutschen.«

Den Leuten wurden rote Ausweise für Militärdienst ausgestellt, grüne für Zwangsarbeit und weiße für Deportation. Volksgerichte, die in Abwesenheit der Angeklagten tagten, verurteilten lettische Patrioten zu langen Gefängnisstrafen oder zur Deportation in den Gulag, während die Familien abgeholt wurden, an den Verladestationen getrennt und in für sie unbekannte Teile der Sowjetunion verschleppt wurden. Mit Beginn des Jahres 1948 wurde den meisten lettischen Bauernhöfen die Kollektivierung aufgezwungen.

Die Universität von Lettland wurde vollständig russifiziert und sowjetisiert. Ein noch schlimmeres Ergebnis der dritten Besetzung durch die Rote Armee war, daß Russen und Angehörige der asiatischen Republiken der UdSSR ins Land gebracht wurden, um deportierte Letten zu ersetzen.[8]

Der lettische Guerillawiderstand

Diese sowjetischen Maßnahmen verursachten einen großangelegten, sehr blutigen Guerillakrieg, und zwar nicht nur in Lettland, sondern auch in Estland und Litauen, wo ähnliche Verfahrensweisen aufgezwungen wurden. Von 1944 bis 1952, und in kleinerem Maßstab sogar bis 1956, tobten heftige Kämpfe auf dem Land. Erst nach der fehlgeschlagenen ungarischen Revolte 1956 begriff die baltische Bevölkerung, daß die westlichen Demokratien unfähig oder nicht willens waren, ihnen zu helfen. Der Guerillakrieg wurde in Litauen im größten Maßstab geführt. Nach litauischen Quellen verloren die Litauer 30.000 Mann. Die sowjetischen Verluste werden mit nicht weniger als 80.000 Soldaten und NKWD-Leuten angesetzt. Diese Schätzungen werden durch die Aussagen sowjetischer Beamter bekräftigt, die an der Unterdrückung litauischer Freiheitskämpfer beteiligt waren, bevor sie selbst ins Exil gingen.[9]

Die sowjetischen Behörden sprachen sehr freimütig über das Ausmaß des Guerillakrieges. Sie schätzten, daß es ungefähr 9.000 nationale lettische Partisanen gab, die sie verächtlich als »faschistische Banditen« bezeichneten. Das kommunistische Regime brandmarkte die Letten als konterrevolutionäre und anti-sowjetische Leute. In Wirklichkeit ist es ein großes Kompliment, von den Sowjets mit solchen Bezeichnungen bedacht zu werden. Es ist darüber hinaus etwas Neues, da es durchweg ein sowjetischer Standardbrauch war, Freundschaft mit allen Völkern vorzutäuschen und zwischen den "Ausbeutern", den "Volksfeinden" und der Bevölkerung als Ganzem zu unterscheiden.

Es sollte bemerkt werden, daß lettische Quellen ungefähr die gleiche Schätzung über die Anzahl nationaler lettischen Partisanen abgeben. Im Durchschnitt überlebten die Partisanen den Kampf nur zwei bis drei Jahre und wurden dann durch andere Männer mit Militärausbildung ersetzt. Bis 1949 kontrollierten die nationalen Partisanen viele Teile Lettlands, insbesondere die Halbinsel Kurland. Ihre Erfolge können damit erklärt werden, daß 43 Prozent Lettlands von Wäldern, Seen und Sümpfen bedeckt sind. Dieses Gelände wurde von abgehärteten Kämpfern zweier Divisionen der von den Deutschen aufgestellten lettischen Legion ausgenutzt. Zum Zeitpunkt der deutschen Kapitulation waren sie in die Wälder gegangen. Diese lettischen Truppen nahmen ihre Waffen mit sich und verschafften sich weitere Waffen und Munition aus deutschen Armeedepots in der Festung von Kurland, der Redoute der letzten Kämpfe von Hitlers Armeegruppe Nord. Später benutzten sie erbeutete russische Waffen. Vor allem aber hatten sie die Unterstützung der überwältigenden Mehrheit der Letten.

Nach der Kollektivierung der Landwirtschaft führten die sowjetischen Behörden 1949 ihre größte Deportation durch, welche hauptsächlich die Landbevölkerung traf. Diese Maßnahme brachte die nationalen Partisanen in beträchtlichem Maße um ihre Nahrungsversorgung, die Unterstützung der Bürger und ihre Rekrutierungsmöglichkeiten. Jedoch waren die Partisanen so findig, daß sie Nahrung und Geld aus den kollektiven Landwirtschaften und den Geschäften im Staatsbesitz erbeuteten.

Die Kollektivierung und die Massendeportationen leiteten aber den Anfang vom Ende des großangelegten Guerillakrieges ein. Allmählich wurden die Partisanenverbände aufgelöst. Sie wurden mit gefälschten oder auf dem Schwarzmarkt gekauften Ausweisen ausgestattet, so daß sie wieder in die zivile Bevölkerung integriert werden konnten.

Die Frage des Schicksals der früheren Partisanen ist immer noch offen. Diejenigen, die den Guerillakrieg kritisieren, machen geltend, daß er von Anfang an verloren war. Tatsächlich haben aber die nationalen Partisanen dadurch, daß sie viele sowjetische Funktionäre exekutiert haben, bei vielen von diesen Todesangst hervorgerufen. In einigen Fällen haben sowjetische Funktionäre die überlebenden Partisanen absichtlich ignoriert, besonders dann, wenn sie weit weg von ihren früheren Wohnungen oder in die Hauptstadt Riga mit ihren 700.000 Einwohnern zogen. Kommunisten fürchten Vergeltung, das ist das einzige Argument, das sie verstehen. Außerdem sollte die Tatsache, daß die nationalen Partisanen eine Legende für die Zukunft schufen, nicht übersehen werden. Die einzigen Völker, die freie Staaten verdienen, sind diejenigen, die bereit sind, dafür zu kämpfen!

Büro des NKWD in Riga nach der Flucht der Sowjets im Sommer 1941

Der Autor dieses Beitrages hat die traurige Pflicht, darauf hinzuweisen, daß sich die edlen Bestrebungen und Hoffnungen Präsident Ulmanis' als falsch erwiesen haben, der das lettische Volk vor der Ausrottung schützen wollte, indem er das Ultimatum der Sowjetunion akzeptierte, ohne militärischen Widerstand zu leisten. Die Massendeportationen, die durch die Regierung der Sowjetunion durchgeführt wurden, die Mobilisierung von mehr als 150.000 Letten durch die Deutschen und der sehr blutige Guerillakrieg haben der Bevölkerung solch große Verluste beigebracht, daß sie zur jetzigen Zeit gar nicht richtig eingeschätzt werden können. Diese schmerzlichen Tatsachen können aber Präsident Ulmanis' hervorragende Leistungen und seine ruhmreiche Herrschaft nicht schmälern.

Donald Day, der 22 Jahre lang für die Chicago Tribune als Korrespondent in Osteuropa tätig war, hat Ulmanis in seinem Buch Onward Christian Soldiers mehr Seiten gewidmet als irgendeinem anderen Staatsmann, einschließlich Polens Marschall Pilsudski. Nach Day glaubte Ulmanis, daß die beste Hoffnung für eine künftige nationale Existenz der Letten darin bestehe, den Lebensstandard und die Kultur auf ein so hohes Niveau zu bringen, daß die Bevölkerung die Erinnerung daran immer in ihren Herzen hochhalten würde, was auch immer die nahe Zukunft bringen möge. Days Meinung nach war Ulmanis der bedeutendste Sohn den Lettland je hervorgebracht hatte.[10]

Karlis Ulmanis war der großartige Präsident eines kleinen Landes. Ein Mißverständnis sollte noch korrigiert werden. In westlichen Demokratien gibt es immer noch den weitverbreiteten Glauben, daß der Kommunismus ein geringeres Übel sei als der Nationalsozialismus. Der frühere Marxist Alexander Solschenizyn hat mit großem Widerstreben erkannt, daß der Nationalsozialismus ein kleineres Übel als der Kommunismus ist. Es sollte auch betont werden, daß sogar William L. Shirer, dessen ausgeprägten anti-deutschen Vorurteile in bezug auf jeden Abschnitt der deutschen Geschichte allgemein bekannt sind, in seinem Buch The Rise and Fall of the Third Reich (Aufstieg und Fall des Dritten Reiches) im Abschnitt über Lettland und die anderen baltischen Staaten schreibt, daß Stalin genauso roh und unbarmherzig, und sogar noch zynischer sein konnte, als Hitler, wenn er sich mit kleinen Staaten befaßte.[11]

Lettischer Widerstand, sowjetische Unterdrückung

Nach dem Ende des Guerillakrieges griffen die Letten auf passiven Widerstand zurück. Trotz des wohlbekannten lettischen Individualismus, der ausländische Beobachter zu der Aussage brachte, daß die Letten als Einzelpersonen stark, aber im Zusammenschluß schwach seien, hat die sowjetische Herrschaft eine starke nationale lettische Einheit gefördert. Im bis 1991 sowjetisch besetzten Lettland halfen Letten ihren Volksgenossen, wo immer sie konnten. Es gab keine Parteien mehr in Lettland, alle Letten bildeten zusammen eine Leidensgemeinschaft.

Im allgemeinen taten Letten ihr möglichstes, um ihre Sprache, ihre Kultur und ihre nationalen Traditionen zu erhalten. Vor allem taten sie alles und tun auch weiterhin alles, um die bestmögliche Erziehung ihrer Kinder zu gewährleisten. In dieser Hinsicht waren sie erfolgreich, da die Letten zusammen mit den Esten unter den bis 1991 gefangengehaltenen Völkern die am besten ausgebildeten sind; jedenfalls sind sie viel besser ausgebildet, als die Russen.

Trotz aller Anstrengungen der Letten, als Volk zu überleben, wurden die Aussichten nach vielen Jahrzehnten der sowjetischen Besetzung mit jedem Jahr finsterer. Sicherlich haben sich nach den größeren Deportationen von 1949 keine Massendeportationen mehr abgespielt. Im Gegenteil, für manche Kategorien bestimmter politischer Gefangener wurde nach Stalins Tod 1953 eine Amnestie ausgesprochen. Mehrere Tausend Letten sind in ihr Heimatland zurückgekehrt, die meisten davon als Invaliden, körperlich und geistig gebrochen. Aber Deportationen von Lettland aus gab es immer noch, weil junge Leute dazu verführt wurden, sich freiwillig für die Urbarmachung von Wildnis oder zum Bergbau in Zentralasien und in Sibirien zu melden.

Der achtjährige russische Krieg in Afghanistan hatte der Regierung der Sowjetunion einen neuen Vorwand gegeben, um junge Letten zu deportieren. Letten, Litauer, Esten, Ukrainer, Georgier, Armenier und andere Untertanen wurden als Soldaten nach Afghanistan geschickt, um Afghanen zu beseitigen und um, soweit als möglich, die pro-sowjetischen Russen zu schützen. Die Verluste unter den lettischen Soldaten waren sehr hoch, weil die sowjetischen Behörden sie absichtlich für die riskantesten militärischen Operationen einsetzen.

Die lettischen Exilorganisationen haben bis zu einem gewissen Grad mit den kämpfenden Afghanen Abkommen abschließen können, um die lettischen Kriegsgefangenen zu schonen. Aber diese Maßnahmen konnten nur von begrenztem Ausmaß sein, weil den verschiedenen afghanischen Stämmen sowohl eine vereinigte militärische Führerschaft als auch eine gemeinsame Organisation im Ausland fehlte, die als Exilregierung arbeiten könnte.

Die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl, welche durch grobe Fahrlässigkeit der sowjetischen Behörden verursacht wurde, verschaffte den Sowjets noch einen Vorwand, um Letten, Esten, Litauer und andere Bürger zu deportieren. Denjenigen, die einberufen wurden, um den Schlamassel von Tschernobyl aufzuräumen, wurde gesagt, daß sie nur drei Monate dort arbeiten müßten. Dennoch wurde denen, die die nukleare Aufräumaktion unter miserabelsten Bedingungen überlebten, nicht erlaubt, nach Hause zurückzukehren. Das Billigste in der Sowjetunion war menschliches Leben.

Oben: Das brennende Riga beim Einmarsch deutscher Truppen 1941

Unten: Das von den Sowjets 1941 verwüstete Riga

Die sowjetischen Behörden im besetzten Lettland haben an der systematischen Zerstörung von Gräbern, ganzen Friedhöfen, Kirchen und vielen anderen historischen Monumenten gearbeitet. Zum Beispiel wurde das Grab von Präsident Ulmanis' Familie von russischen Barbaren zerstört. Das Monument und das Gedenkmuseum von Lettlands erstem Oberbefehlshaber Oskars Kalpaks wurden ebenfalls von den Sowjets zerstört. Die Zerstörung von Kircheneigentum war sehr verbreitet. Der historische lutherische Dom von Riga, die Kathedrale des Erzbischofs, wurde in eine Konzerthalle umgewandelt. Die historische St. Peters Kirche wurde ein Museum und die griechisch-orthodoxe Kathedrale wurde ein Planetarium, während andere Kirchen in Lagerhäuser, Kinos, Clubs oder Konferenzhallen umgewandelt, oder auch einfach niedergebrannt wurden. Viele Letten, die für ihre offen antikommunistische Haltung bekannt waren, wurden durch "Unfälle" getötet, und zwar nicht nur in Lettland unter sowjetischer Herrschaft, sondern auch in den Vereinigten Staaten, Kanada und Westdeutschland. Letten waren nie sicher vor russischer Verfolgung, auch nicht im Exil.

Der Kampf geht im Ausland weiter

Die Balten im Exil ließen sich aber nicht einschüchtern. Die diplomatischen und konsularischen Vertreter von Lettland, Litauen und Estland fungierten zusammen mit den weltweiten Organisationen der baltischen Völker als Exilregierungen. Eine neue Generation von Balten, die von ihren Eltern mit Ausbildungen an den besten Universitäten Amerikas, Kanadas, Australiens und Westeuropas versorgt wurden, war in die Führerschaft der Exilorganisationen eingerückt. Noch wichtiger war, daß sie es geschafft haben, ihren Kampf für Gerechtigkeit und für die Befreiung ihres Vaterlandes in internationale Foren zu bringen.

Als Ergebnis ihrer unaufhörlichen Aktivitäten und Bemühungen hat das Europaparlament in Straßburg am 13. Januar 1983 eine Resolution verabschiedet, die die Besetzung der baltischen Staaten durch die Sowjetunion scharf verurteilt. Die Resolution nannte die Sowjetunion das letzte Kolonialreich und verlangte, daß die Frage der baltischen Staaten vor die Vereinten Nationen gebracht wird. Die europäische Resolution war fest auf zahlreiche Verträge gegründet, darunter auch solche, die mit der Sowjetunion abgeschlossen wurden, und die später von ihr verletzt wurden. Die Resolution betonte, daß die drei baltischen Völker acht Jahre lang (1944-1952) einen großangelegten Guerillakrieg gegen die sowjetischen Truppen führten, und daß seit 1940 etwa 665.000 Letten, Litauer und Esten von den Sowjetbehörden in Zwangsarbeitslager deportiert wurden.

Ermutigt durch diesen Erfolg haben die lettischen, litauischen und estischen Exilorganisationen am 25. und 26. Juli 1985 ein internationales Tribunal gegen die Regierung der Sowjetunion abgehalten, in dem ihr Völkermord und andere Verbrechen gegen die Menschheit in den drei baltischen Staaten vorgeworfen wurde. Ein Ausschuß von international bekannten Autoritäten auf dem Gebiet der Menschenrechte verkündete seinen Urteilsspruch, das Kopenhagener Manifest, welches die Sowjetregierung für schuldig im Sinne der Anklage befand.[12]

Währenddessen fuhr ein baltisches Schiff, welches das Ideal von auf Freiheit beruhendem Frieden symbolisierte, an der Küste Dänemarks, Schwedens und Finnlands entlang. Eindrucksvolle Demonstrationen gegen die Sowjetunion fanden in Kopenhagen, Stockholm und Helsinki statt. Westeuropäische Sendernetze und große Zeitungen berichteten ausführlich über diese Ereignisse. Es ist nur bedauerlich, daß die Zeitung The Wall Street Journal und einige andere große amerikanische Zeitungen diesen Ereignissen überhaupt keine Aufmerksamkeit schenkten.

Nützliche Idioten gegen die baltische Freiheit: Der OSI

Wie man hätte vermuten können, beantwortete die Sowjetunion diese Initiativen mit der Organisation sogenannter Kriegsverbrecherverfahren. Leider fing der Geheimdienst der US-Justizbehörde OSI (Office of Special Investigations) eine Kollaboration mit der sowjetischen Geheimpolizei an. Karl Linnas, ein in Estland geborener Bürger von Long Island, dem von einem amerikanischen Bundesgericht seine Staatsangehörigkeit aberkannt worden war, weil er angeblich an von Hitler verübten Kriegsverbrechen beteiligt gewesen sein sollte, wurde in "Beweise" verwickelt, die vom sowjetischen KGB zusammengestellt worden waren. Diese Beweise waren gefälscht, erfunden und betrügerisch. Linnas wurde daraufhin von der U.S. Regierung ins illegal besetzte Estland deportiert, wo er von den sowjetischen Gerichten bereits zum Tode verurteilt worden war. Bei seiner Ankunft informierte ihn der sowjetische Staatsanwalt davon, daß die Sowjetunion aufgrund von gesetzlichen Beschränkungen keinen Prozeß gegen ihn führen würde. Kurze Zeit später gaben die Sowjets seinen Tod bekannt.

Der Fall Linnas war eine empörende Verletzung der U.S.-Verfassung. Linnas und andere U.S. Bürger osteuropäischer Herkunft wurden in den sogenannten Kriegsverbrecherverfahren als drittklassige Bürger behandelt, und um einen fairen Prozeß, ein Schwurgerichtsverfahren und den Schutz vor ex post facto Gesetzen gebracht. Die gesetzliche Grundlage für diese Frevel ist ein besonderes Gesetz, das während der Carter-Regierung den Kongreß durchlaufen hat. Der Autor dieses Berichtes glaubt, daß es sich um eine Gesetzesvorlage über den Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte handelt, und daher durch die U.S. Verfassung verboten ist. Der Kongreß hat ebenfalls das konstitutionelle Prinzip der Gewaltentrennung der drei Regierungsorgane in grober Weise verletzt.

Um Präsident Reagan Gerechtigkeit zukommen zu lassen, sollte erwähnt werden, daß er Allan A. Ryan, Jr., vom OSI, der nicht durch Zivilbedienstetengesetze geschützt war, feuerte. Ryans Antwort an den Präsidenten war das Buch Quiet Neighbors: Prosecuting Nazi War Criminals in America (Stille Nachbarn: Die Verfolgung von Nazikriegsverbrechern in Amerika).[13] In diesem Buch entwickelte Ryan großen Eifer, um die Aktivitäten der ruchlosen OSI zu rechtfertigen. Indem er Letten, Litauer und Esten allgemein als Kollaborateure der Deutschen darstellte, beteiligte er sich an dem Rufmord dieser drei Völker als Ganzem. Er scheint verärgert darüber gewesen zu sein, daß die U.S.-Regierung die sowjetische Annektierung der baltischen Länder nicht anerkannte. Da der Kolonialismus in Afrika und Asien vorbei ist, befanden sich Ryan und seine sowjetischen Komplizen nicht mehr in der Hauptdenkrichtung der Ideen des zwanzigsten Jahrhunderts. Sein Buch demonstriert in vielfältiger Weise, daß seine Loyalität und die des OSI der Sowjetunion galt, was durch ihre Aufhetzung zu Völkerhaß und Haß auf Abweichler und durch ihre Versuche bewiesen wird, offen bekennende Antikommunisten einzuschüchtern.

Sogar unter diesem Gesichtspunkt haben sie jämmerlich versagt. Sie verschließen ihre Augen gegenüber der Tatsache, daß junge Letten, Litauer und Esten eine gute Bildung haben, einfallsreich und mutig sind. Die heutige baltische Jugend kann und wird es nicht zulassen, sich rechtlich oder moralisch mit Kriegsverbrechen zu belasten, die vor ihrer Geburt passierten. Sie hassen Ryan nicht, sie verachten ihn. Nur ein Eigenbrötler wie Ryan kann das nicht erkennen. Lenin nannte solche Personen »nützliche Idioten«. Die pro-sowjetischen Elemente der USA, darin eingeschlossen der OSI, erlebten im September 1986 einen großen Rückschlag, als die Supermächte sich zu einer Konferenz in Jurmala, Lettland, trafen. Dort sagte der Berater des weißen Hauses und Botschafter Jack Matlock am 18. September auf Lettisch, daß die U.S.A. die Rechtmäßigkeit der zwangsweisen Aufnahme Lettlands, Litauens und Estlands in die Sowjetunion nie anerkannt haben und nicht anerkennen werden.

Diese Deklaration wurde zweimal im örtlichen Fernsehen ausgestrahlt und verbreitete sich in ganz Riga, der Hauptstadt von Lettland. Matlock wurde sofort in Lettland ein Volksheld, und die Letten sehen Präsident Reagan als den besten Freund Lettlands an. Dies war eine Deklaration, die die amerikanischen Nachrichtenmedien nicht unterdrücken konnten.

Aussichten für ein unabhängiges Lettland

Seit 1965 haben beide Häuser des US-Kongresses ein Jahrzehnt lang Resolutionen verabschiedet, welche die Völkermordmaßnahmen der Regierung der Sowjetunion in den baltischen Staaten verurteilten und die Wiederherstellung der Unabhängigkeit dieser Staaten verlangten. Der Kongreß hat ebenfalls jährliche Resolutionen verabschiedet, die den 14. Juni als den Tag der baltischen Staaten erklärten, und die die von den Sowjets in den baltischen Staaten durchgeführten Massendeportationen verurteilten. Präsident Reagan hat jedes Jahr eindeutige Proklamationen der gefangengehaltenen Nationen und die Resolution des Tages der baltischen Staaten unterzeichnet, welche die Sowjetunion als Aggressor bezeichneten und die Wiederherstellung der Unabhängigkeit von Lettland, Litauen und Estland verlangten. Es ist bedauerlich, daß diese Resolutionen und Proklamationen in unseren großen Medien fast nie erwähnt wurden.

Ende der achtziger Jahre gab es eine starke Untergrundbewegung in den baltischen Staaten. Die Untergrundorganisationen haben oft Memoranden an die westlichen Demokratien geschickt, die die Wiederherstellung der Rechte auf Selbstbestimmung und Unabhängigkeit für die baltischen Völker fordern. Diese amtlichen Verlautbarungen wurden allerdings von den westlichen Medien ignoriert.

Es sollte erwähnt werden, daß an westlichen akademischen Institutionen eine verfälschte Geschichte gelehrt wird, die einen angeblichen deutschen Imperialismus hervorhebt und dabei übersieht, daß Deutschland nach 1254 (dem Ende der Hohenstaufen-Dynastie) geographisch bis zur Vereinigung Deutschlands unter Otto von Bismarck 1870 weitgehend keine Einheit bildete. Die Studenten in den meisten amerikanischen Schulen und Universitäten werden beflissentlich um das Wissen gebracht, daß die Russen mehrere Jahrhunderte lang mit großangelegten kolonialistischen Plünderungen und der Ausbeutung recht weit entwickelter Nichtrussen und Nichtslawen zu tun hatten, und daß Sowjetrußland ein Menschengefängnis war.

Ein Mangel an intellektueller Aufrichtigkeit hindert die Akademiker daran, die amerikanischen Studenten darüber aufzuklären, daß die Sowjets konsequente Pläne hatten, um mit allen Mitteln die Weltvorherrschaft zu erlangen. Ein gutes Beispiel dieser Art von Desinformation wurde durch die ganze glänzende Versammlung von U.S.- und westeuropäischen Fernsehsendern gegeben, die, von falschen Meinungsforschern unterstützt, Gorbatschow als einen Führer mit konstruktiven Ideen zur Erreichung des Friedens beschrieben haben, im Gegensatz zur negativen Einstellung Präsident Reagans. Sie ignorierten absichtlich die Tatsache, daß während der kurzen totalitären Diktatur von Gorbatschow die Massenmorde in Afghanistan, dabei auch jene an Frauen und Kindern, ihren Höhepunkt erreichten, was schließlich zum Tode von einem Drittel der dortigen Bevölkerung führte. So hat Gorbatschow hinter einer Fassade der Mäßigung seine wahre barbarische Mentalität gezeigt.

Ich habe schon 1988, zur Zeit der Erstveröffentlichung dieses Beitrages, vorausgesagt, daß aufgrund der hochgradig instabilen Wirtschaft, dem explosiven und anwachsenden Nationalismus der gefangengehaltenen Völker, und den im Gegensatz zueinander stehenden Interessen von Sowjetrußland und Rotchina nur pro-sowjetische westliche Kapitalisten wie die Rockefellers den Verfall des sowjetischen Reiches aufschieben konnten.

Die lettische Jugend, in Lettland und im Exil, nutzte den Wahlspruch von Präsident Ulmanis:

»Lettland für Letten und Letten für Lettland.«

Vor seiner Deportation nach Rußland erklärte Ulmanis seinen nächsten Mitarbeitern:

»Wir können unterdrückt werden, wir können teilweise ausgerottet werden, aber solange ein einziger Lette noch am Leben ist, wird der Kampf für das Recht, in einem freien und unabhängigen Lettland zu leben, weitergehen.«

Der Autor dieser Studie glaubte 1988 daran, daß er noch einmal ein unabhängiges Lettland sehen wird, ein Lettland welches sich dann tatsächlich wenige Jahre danach bildete, ein neues Lettland, ein wiederhergestelltes Lettland.


Anmerkungen

Entnommen dem The Journal of Historical Review, Bd. 8(1) (1988), S. 25-40, mit freundlicher Genehmigung des Institut for Historical Review, PO Box 2739, Newport Beach, California 92659; übersetzt von Detlef Gonia. Die Bilder wurden entnommen der Website http://www.latvian-holocaust.com/too_many_to_count.html von Kārlis Zuika, angeblich eine Veröffentlichung des Titels »The Ghastly Year« wiedergebend. Wahrscheinlich handelt es sich dabei um einen Bericht, der von Deutschen und Letten nach der temporären Befreiung 1941 angefertigt wurde. Die Website ist allerdings seit einigen Monaten offline.

[1]Zanis Unams (Hg.), Es Vinu Pazistu. Biografiska Vardnica, Riga 1939, S. 501-505.
[2]Dr. Arnolds Spekke, History of Latvia, Stockholm 1951, S. 347-348. Dr. Spekke war zwischen 1954-1970 Lettischer Gesandter in Washington, D.C..
[3]Edgars Dunsdorfs, Karla Ulmana Dzive, Stockholm 1978, S..193-209.
[4]Unams (Hg.), aaO. (Anm. 1), S. 501-504.
[5]Dr. Alfred Bilmanis, History of Latvia, Princeton University Press, 1951, S. 394-407. Bilmanis war zwischen 1935 und 1948 lettischer Gesandter in den USA und ein prominenter lettischer Historiker.
[6]Joseph Pajaujis-Javis, Soviet Genocide in Lithuania, Anhang Nr. 4, S. 222-229.
[7]Alfreds Zeichners, Latvijas Bolsevizacija, 1940-1941, Selbstverlag, Riga 1944, S.458; Bilmanis, aaO. (Anm. 5), S. 406.
[8]Clarence A. Manning, The Forgotten Republics, New York 1952, S. 232-235.
[9]Pajaujis-Javis, Soviet Genocide in Lithuania, S. 91-117.
[10]Donald Day, Onward Christian Soldiers, The Noontide Press, Torrance, California, 1982, S.33.
[11]Aleksandr I. Solzhenitsyn, The Gulag Archipelago, Harper and Row Publishers, New York, Band I, S. 145. William L. Shirer, The Rise and Fall of the Third Reich, New York 1962, S. 1041; das bedeutet nicht, daß der Autor diese Ansicht teilt.
[12]Baltic Tribunal Against the Soviet Union July 25 and 26, 1985, Kopenhagen, veröffentlicht durch die World Federation of Free Latvians, S. 1-195
[13]New York Harcourt, Brace and Jovanovich, 1984.

Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 5(4) (2001), S. 420-428.


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