Antwort an Carlo Mattogno

Von Prof. Dr. Arthur R. Butz

Immer, wenn ich mit jemandem eine Auseinandersetzung über das Problem der ungarischen Juden habe, stelle ich fest, daß mein Gegenüber über Auschwitz und andere Konzentrationslager spricht, während ich über Ungarn spreche. Ich habe daher das Gefühl, daß wir nicht über die gleiche Sache reden.

In seiner Zusammenfassung meiner Argumente, wie sie in meiner Antwort auf Jürgen Graf in VffG wiedergegeben wurden,[1] überging Carlo Mattogno das wichtigste darunter, vielleicht weil wir nicht über die gleiche Sache sprechen oder vielleicht, weil ich mich nicht klar genug ausdrückte, entweder bezüglich dessen, was ich behaupte, oder weil ich meine wichtigsten Argumente nicht richtig ausformulierte.

Man möge mir daher erlauben, meine These in einem Absatz so klar wie möglich darzulegen. Die tradierte "Holocaust"-Legende behauptet, daß Ungarn im Zeitraum zwischen Mitte Mai und Anfang Juli 1944 von Juden "gesäubert" wurde, mit Ausnahme von Budapest. Diese Behauptung, die ich das "tradierte Szenario" nenne, befindet sich in Übereinstimmung mit dem von mir zitierten Zeitungsartikel Goebbels und ist quasi eine Heftklammer der "Holocaust"-Legende. Ich behaupte nun, daß das "tradierte Szenario" auch nicht annähernd stattfand. Es ist nicht meine Absicht, eine Anzahl der Deportierten festzustellen, und ich habe mich damit auch nie besonders befaßt. Ich lehne das "tradierte Szenario" ab, weil es absolut lächerlich ist.

Mattognos Zahlenjongliererei bezüglich der in Frage kommenden Konzentrationslager ist fragwürdig, und zwar sowohl an sich als auch bezüglich des von mir betrachteten Problems, das er nicht aufgreift. Ich kann daher nur darüber spekulieren, welche Meinung Mattogno bezüglich der Geschichtlichkeit des "tradierten Szenarios" hat.

Mattognos numerische Schätzungen hängen entscheidend vom Vorhandensein und der Bedeutung des Unterschieds ab, der zwischen "arbeitsfähigen" und "arbeitsunfähigen" Häftlingen und Deportierten gemacht wird, und zwar in ganz verschiedenen Zusammenhängen auf verschiedenen Ebenen. Diese Unterscheidung ist voll subjektiver, politischer und bürokratischer Komplikationen. Mattogno bemerkt dieses Problem ja selbst, indem er anmerkt, daß einige formell arbeitsunfähige Juden in Österreich zur Arbeit eingesetzt wurden.

Ich nehme an, daß bezüglich der Registrierungsdaten der Konzentrationslager der Unterschied zwischen "arbeitsfähigen" und "arbeitsunfähigen" Erwachsenen im Arbeitsalter in der medizinischen Bewertung der Ankömmlinge lag, festgestellt von den Ärzten und anderen Funktionären, die die Aufnahme der Transporte überwachten. Es gibt aber keinen Grund anzunehmen, daß "arbeitsfähig" im medizinischen Sinne für die Zwecke ausreichte, welchen die Deutschen im Sinne hatten. Häftlinge, die im medizinischen Sinne arbeitsfähig waren, mögen dennoch für bestimmte oder gar für jedwede Arbeit ungeeignet gewesen sein. Eine medizinisch arbeitsfähige Person kann tatsächlich aus vielen Gründen arbeitsunfähig gewesen sein, z.B. wegen ihrer "Einstellung" oder andere Arten mangelnder Kooperationsbereitschaft. Es stellt sich nämlich die einfache Frage: warum sollte ein gesunder Jude willens gewesen sein, für die Deutschen zu arbeiten? Um unwillige Leute zur Arbeit zu zwingen, ist Gewalt nur von begrenztem Wert, insbesondere bei Facharbeitern. Es würde mich überraschen, wenn medizinisch arbeitsfähige Juden auch praktisch immer arbeitsfähig waren.

Es ist unzulässig anzunehmen, daß Kaltenbrunner die gleiche Interpretation des Begriffs "arbeitsfähig" hatte wie die Ärzte in Auschwitz. Ich kann daher die von Mattogno praktizierte Multiplikation mit dem Faktor Drei nicht akzeptieren. Dies würde zum Beispiel voraussetzen, daß alle jene, die bei der Ankunft im Lager formell als "arbeitsfähig" kategorisiert wurden, auch für Kaltenbrunner arbeitsfähig waren, also »nach den bisherigen Erfahrungen«.

Wie schon in Grafs früherem Beitrag,[2] so kann uns auch Mattogno nicht mitteilen, wo all die arbeitsunfähigen Juden abgeblieben sind, wie er in jenem einem Absatz zugibt, der sich mit dieser zentralen Frage befaßt.

Mattogno hat mein wichtigstes Argument übergangen, weil wir womöglich nicht über die gleiche Sache sprechen. 1994 wurden mehrere internationale Konferenzen über die Ereignisse in Ungarn im Jahr 1944 abgehalten, und die veröffentlichten Beiträge dieser Konferenz passen nicht zum "tradierten Szenario". Damit meine ich nicht, daß die Konferenzteilnehmer die Wirklichkeit des "tradierten Szenarios" nicht bewiesen. Ich meine damit, daß die im "tradierten Szenario" gemachte Behauptung von solcher Art ist, daß die Konferenzteilnehmer, von denen viele besondere Fachkenntnisse über Ungarn hatten und die Forschungsberichte darüber schrieben, von Details und Auswirkungen der Deportationen überwältigt gewesen wären, so daß die Konferenz damit angefüllt gewesen wäre. Ein "Szenario" ist eine Beschreibung für eine komplexe Anzahl miteinander in Beziehung stehender Ereignisse, die wir grob als "Details" bezeichnen können. Zumindest einige dieser Forschungsberichte hätten diese Details erforscht. Die Existenz von Wissenschaftlern hängt davon ab, über Dinge zu schreiben, über die bisher noch nicht geschrieben wurde. Nichts hätte sie von den Details fernhalten können, wenn es sie geben würde.

Es ist eine schreckliche Ironie, daß ich in meiner Kritik an Grafs Artikel eine Analogie zu dem "tradierten Szenario" machte, indem ich annahm, »daß das World Trade Center gesprengt und zerstört worden sei«, daß aber eine solche Behauptung nur von wenigen Dokumenten gestützt werde, nicht aber von zeitgenössischen Berichten über die Details, Konsequenzen, Nebenereignisse und nachfolgenden Geschehnissen. Zumal 1993 einige Terroristen eine solche Sprengung erfolglos versuchten, nahm ich an, daß es nie passieren würde. Jetzt, da es geschehen ist, schwimmen wir geradezu in Details und Auswirkungen. Es ist unmöglich, die Vereinigten Staaten am Ende des Jahres 2001 zu betrachten, ohne von diesen Details geradezu ertränkt zu werden. Das ist es, was ich meine, wenn ich davon rede, daß etwas wirklich geschieht.

Der wichtigste Satz von Details sind jene bezüglich der verheerenden wirtschaftlichen Verwerfungen, die sich aus der plötzlichen, sich in solch kurzem Zeitraum abspielenden Deportation all jener ungarischen Juden ergeben hätten, und ebenso bezüglich der politischen Probleme und Auseinandersetzungen, die daraus entstanden wären. Wer hätte die Geschäfte und Anstellungen der Juden übernommen? Wie hätte man den plötzlichen Verlust der fähigen Handwerker kompensieren können? In vielen Fällen wäre ein Ersatz nicht möglich gewesen. Welche flehenden Bitten brachten die Ungarn vor, und welche Hindernisse bauten sie auf? Wie hätte ein Streit bei diesem Vorgang gelöst werden können? Welche Auseinandersetzungen entwickelten sich überhaupt? Welche Vereinbarung hätte man getroffen bezüglich dem Verbleib des Eigentums und der Schulden der Juden? Die früheren Deportationen der Juden aus Deutschland fanden über viele Jahre statt, mit entsprechenden wirtschaftlichen Anpassungen in den Jahren davor.

Für das "tradierte Szenario" fehlen all diese Details. Das erinnert mich an ein Auto ohne Räder, ohne Motor, ohne Lenkrad, ohne Getriebe, ohne Bremsen, ohne Sitze, ohne Türen, ohne Fenster. Tim Cole beschwerte sich über die Berichte von einer der Konferenzen, was aber auf alle zutrifft. Er sagte, daß das Buch, das er rezensierte, »ironischerweise dazu tendiert, um den Holocaust selbst […] herumzureden«. Damit bezog er sich hauptsächlich auf die Ereignisse in Ungarn.[3] Cole ist Mitautor einer Studie der Details und Auswirkungen der gegen die Juden von Budapest erwirkten Maßnahmen.[4] Die Forschungsberichte, die auf diesen Konferenzen vorgetragen wurden, behandle ich hier als Teil der eigentlichen historischen Daten, anstatt als historische Arbeiten, mit denen ich übereinstimme oder auch nicht. Man muß wohl annehmen, daß die Teilnehmer dieser Konferenzen nicht miteinander konspirierten, um die Details und Auswirkungen zu verbergen, die das "tradierte Szenario" ausgefüllt hätten. Die einfache Erklärung dafür ist, daß es solche Details eben nicht gab. Diesbezüglich haben die Berichte der Konferenzen von 1994 eine frappierende Ähnlichkeit mit dem attackierten Rotkreuzbericht des Jahres 1948. Darüber muß ernsthaft nachgedacht werden.

Da ich hier nicht darüber spreche, was sich in den Berichten der Konferenzen befindet, sondern darüber, was sich darin nicht befindet, kann ich hier naturgemäß unmöglich eine spezifische Passage oder einen Artikel aus diesen Berichten zitieren. Der Leser, der diese Sache tiefgehend ergründen möchte, muß diese Berichte schon persönlich untersuchen.

Mehr als ein halbes Jahrhundert ist vergangen, und wir haben immer noch keinen Bericht darüber, wie diese erstaunlichen Ereignisse vonstatten gingen, trotzt einiger internationaler Konferenzen, die sich angeblich darum bemühten!

Ich bleibe dabei: wenn keiner so handelte, als ob es passierte, dann ist es eben nicht passiert. Mattogno und ich, wir können uns beide Dokumente bis zur Vergasung ansehen, aber ich werde meine Maxime nicht aufgeben. Sonst wären wir auf Gedeih und Verderb der verrückten Geschichtsschreibung ausgeliefert.

Um auf meinen anfangs erwähnten Punkt zurückzukommen: Das Problem der ungarischen Juden ist eine Frage dessen, was in Ungarn passiert ist – zumindest für mich.


Anmerkungen

  1. A.R. Butz, »Was widerfuhr den ungarischen Juden?«, VffG, 4(3&4) (2000), S. 277-284.
  2. J. Graf, »Was geschah mit den nach Auschwitz deportierten, jedoch dort nicht registrierten Juden?«, VffG, 4(2) (2000), S. 140-149.
  3. Holocaust and Genocide Studies, 14(1) (2000), S. 135ff.
  4. »Ghettoization and the Holocaust: Budapest 1944«, Journal of Historical Geography, 21(3) (1995).


Anmerkung der Redaktion

Da die Redaktion wahrscheinlich in Übereinstimmung mit der überwiegenden Mehrheit unserer Leserschaft der Meinung ist, daß das Thema der ungarischen Juden mehr als ausführlich behandelt wurde, werden wir diese Kontroverse mit Abdruck dieser Beiträge auf sich beruhen lassen und das Thema vorerst nicht mehr behandeln.


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 5(4) (2001), S. 395f.


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