Eine Revision zur Französischen Revolution

Wurde 1789 Leder aus Menschenhaut hergestellt? · Ein revisionistischer Text anno 1908

Von Dr. Cabanès

Die Legende, wonach auf Verlangen von Ilse Koch, der Frau des zeitweiligen Lagerkommandanten des KL Buchenwald, Gebrauchsgegenstände aus der Haut ermordeter Häftlinge angefertigt worden sein sollen, ist hartnäckig und wird auch heute noch in den deutschen Lagermuseen den Besuchern als Tatsache verkauft. Im Heft Nr. 2/1999 von VffG (S. 214ff.) wies David Irving darauf hin, daß es laut einem alten deutschen Lexikon bereits zur Zeit der Französischen Revolution die Praxis gegeben haben soll, aus ermordeten Gefangenen Menschenhautleder herzustellen. Zu recht wies ein Leser darauf hin, daß auch diese Behauptung nichts weiter als Greuelpropaganda über die Exzesse der Französischen Revolution sein könne, was zunächst überprüft werden solle, bevor es von einer kritischen Geschichtszeitschrift als Tatsache übernommen wird (VffG Nr. 4/1999, S. 469). Bereits 1908 erschien in Paris eine kritische Analyse der Behauptungen über während der Französischen Revolution angeblich hergestelltes Menschenhautleder. Sie wurde von Dr. Cabanès in dem Werk des Titels Les Indiscrétions de l’histoire veröffentlicht.[1] Der nun bald ein Jahrhundert alte Artikel stellt ein ausgezeichnetes Beispiel seriöser revisionistischer Forschungsarbeit dar und verdient es, auch deutschen Lesern bekanntgemacht zu werden.


I

Eine heute noch in gewissen Kreisen kursierende und gelegentlich wieder aufgetischte Legende besagt, zur Zeit des Terrors der Französischen Revolution habe es Gerbereien für Menschenhaut gegeben. Ist es diese Legende überhaupt wert, daß man darüber diskutiert? Beruht sie auf seriöser Grundlage? Wir werden ohne Umschweife darlegen, wie sie entstanden ist.

Zitieren wir zunächst die zeitgenössischen Zeugenaussagen. Harmand (de la Meuse), Abgeordneter der Konvention [des Parlamentes], berichtet folgendes:[2]

»Eine Dame, jung, großgewachsen und gut gebaut, hatte Saint-Just die kalte Schulter gezeigt, worauf er sie zum Schafott führen ließ. Nach der Enthauptung verlangte er, man möge ihm die Leiche zeigen und ihr die Haut abziehen. Nachdem diese abscheuliche Prozedur vollzogen war, ließ er sie (die Haut) von einem Gerber präparieren und trug sie als Hose. Ich habe dies von jenem Mann erfahren, der mit der Zubereitung beauftragt war und den Wunsch des Unholds erfüllt hatte; er hat es mir, mit zusätzlichen Einzelheiten, deren Wiederholung ich mir schenke, in meinem Arbeitszimmer, im Amt für öffentliche Sicherheit, in Gegenwart zweier anderer, heute noch lebender Personen erzählt. Doch nicht genug damit: Nach diesen Geschehnissen haben andere Unholde, getreu dem Beispiel Saint-Justs, sich mit der Verwertung und dem kommerziellen Vertrieb von Menschenhaut befaßt. Letzterer ist heute noch im Gange. Vor ungefähr drei Jahren hat man zudem Öl aus menschlichen Leichen auf den Markt gebracht; dieses verkaufte man für die Lampen der Emailleproduzenten.

Was Saint-Just anbelangt, so hat man mir später berichtet, ein wohlbekannter Mann habe nach dem Verscheiden einer Dame, welcher er über alle Maßen zugetan war, dieselbe Methode angewandt, um ein Überbleibsel oder eine handgreifliche Erinnerung an den Gegenstand seiner Zuneigung zu bewahren.«

Diese Geschichte scheint uns suspekt, weil sie so übertrieben anmutet; dennoch wurde sie von Historikern übernommen, die sie nicht bloß weitererzählten, sondern noch mit mehr oder weniger raffinierten Ausschmückungen versahen.

Der Vicomte von Beaumont-Vassy, der auch manch andere Mär eifrig nacherzählt hat,[3] behauptet, ein Manuskript in Händen gehabt zu haben, in dem von verschiedenen Episoden der Revolution berichtet wurde. Verfasser dieses Manuskripts, oder besser gesagt dieser Chronik der Epoche, sei ein braver Landbesitzer aus der Picardie gewesen, der sich, weniger aus Neugier als seiner Geschäfte willen, nach Paris begeben hatte und dort auf die Idee kam, mit großer Genauigkeit eine Art Tagebuch zu führen, in dem er – übrigens ohne kompromittierende Reflexionen – die Begebenheiten schilderte, deren Zeuge er geworden war. Das Original des Manuskripts war dank der Hilfsbereitschaft des Sohns jenes picardischen Landbesitzers, der so ungewollt zum interessanten Chronisten seiner Zeit geworden war, dem Vicomte in die Hände geraten. De Beaumont-Vassy gibt zu, daß er es als Quelle benutzt, jedoch in seinen eigenen Worten wiedergegeben hat – d.h. nach eigenem Gutdünken abgeändert –, ehe er es seinen Lesern präsentierte.

Das betreffende Tagebuch berichtet angeblich von der Käuflichkeit Dantons, von jener Mirabeaus, der nicht bestritt, sich kaufen lassen zu haben, wohl aber, sich verkauft zu haben, von den letzten Sitzungen beim Prozeß gegen Ludwig den Sechzehnten nach dem Bericht eines Augenzeugen etc.

Unser Bürger hatte auch Klubs besucht, namentlich jenen der Jakobiner. Dort hatte er Gonchon, den Redner aus der Vorstadt Antoine, fordern hören, man möge das ehemalige Tuilerien-Schloß abreißen, das dabei abfallende Material verkaufen und den Garten, »die Freude der Aristokraten«, zum Anbau von Gemüse verwenden. Bei der gleichen Versammlung hatte Cambacérès, zukünftiger Erzkanzler des Kaiserreichs, verlangt, man solle all jene, welche das königliche Wappen zeigten, für vogelfrei erklären – ein Antrag, den er später vor der Konvention wiederholte und der angenommen und zum Dekret erhoben wurde.

Einige Monate später lustwandelte unser Picarde in den Vierteln nahe des Tempels. Im Verlauf dieses Spaziergangs gelangte er in die Rue des Vielles-Haudriettes. Er befand sich fast genau gegenüber dem Geschäft eines Lederwarenhändlers, das schon von weitem durch seinen eigentümlichen Geruch zu erkennen war, und war tief in Gedanken versunken, als ihm forschen Schrittes ein junger Mann entgegenkam, in dem er sogleich einen picardischen Landsmann erkannte, den bereits berühmten Saint-Just, Konventionsabgeordneter des Departements Aisne und treuer Freund Robespierres.

Saint-Just, damals 24 Jahre alt, hatte angenehme Gesichtszüge und war von eleganter Gestalt. In einem Wort, er besaß alle Eigenschaften, welche die Jugend so verführerisch machen.

»Durch welchen Zufall treffen wir uns hier?«, fragte der fesche Konventionsabgeordnete in dem ihm eigenen trockenen Tonfall seinen Landsmann.

»Ich nutze meinen Aufenthalt in der Hauptstadt dazu, selbst ihre abgelegensten Winkel zu erkunden«, erwiderte der Gefragte.

»Können Sie einige Augenblicke auf mich warten? Ich gehe nur rasch zum Lederwarenhändler, dem ich ein paar Worte zu sagen habe; dann komme ich wieder zu Ihnen, und wir können uns im Gehen über die Lage im Land unterhalten.«

Ob er nun Saint-Just nicht richtig verstanden hatte oder ob er bloß aus Neugierde so tat, als sei dies der Fall – jedenfalls folgte unser Bürger Saint-Just in den Laden des Lederwarenhändlers. Nach seiner Heimkehr vertraute er dann seinem Tagebuch folgenden Dialog an, den gehört zu haben er behauptet und für dessen Wortlaut er, oder vielmehr jener, der den Inhalt des Tagebuchs später wiedergab, die Verantwortung trägt. Saint-Just begann die Unterhaltung wie folgt:

»"Man hat mir berichtet, Bürger, daß du Menschenhaut gerbst."

"Das stimmt, Bürger, aber ehrlich gesagt ist das keine besonders gute Ware. Es gibt freilich bei Charenton einen Betrieb, wo man dergleichen in großem Maßstab betreibt; zum Einbinden von Büchern beispielsweise eignet sich Menschenhaut hervorragend als Ersatz für Kalbshaut. Unlängst hat man ein Exemplar der Verfassung mit diesem Material eingebunden, und man wird es der Konvention schenken, falls dies nicht bereits geschehen ist."

"Na schön, aber man kann daraus Hosen herstellen, nicht wahr? Die müssen doch angenehm zu tragen sein."

"Sicherlich tut man das, aber sie sind nicht gerade solid, auch wenn man sie noch so sorgfältig schneidert."

"Frauenhaut oder Männerhaut, das kommt auf dasselbe heraus, oder?"

"Nein, ganz und gar nicht. Der Unterschied ist sehr groß, und mit Frauenhaut zu arbeiten erfordert weit größere Sorgfalt, denn sie ist meist feiner als Männerhaut."

"Aber man kann sie verwenden?"

"Für Hosen oder für Handschuhe?"

"Stimmt, man könnte auch Handschuhe daraus machen. Aber für Hosen?"

"Man kann es natürlich probieren. Aber ich habe dir ja schon gesagt, Bürger, daß Männerhaut weitaus solider wäre. Die beiden besten, die ich hergestellt habe, waren die eines Schweizer Soldaten sowie eines anderen Burschen, den man in bestem Mannesalter um einen Kopf kürzer gemacht hat."

"Gut, ich werde es mir überlegen, und wenn ich mich dafür entschließe, schicke ich dir die Haut einer mir bekannten Person."

"Keine Sorge, ich tue, was ich kann."

"Ich verlasse mich darauf."

"Aber ich kann nichts garantieren."

"Verstehe. Auf Wiedersehen."«

Saint-Just verließ den Laden, gefolgt von seinem Gefährten, der seinen Ohren nicht trauen wollte. Wer mochte wohl diese Person sein, deren Haut Saint-Just vielleicht dem Lederwarenhändler schicken wollte? War es eine Frau, wie aus den Worten des Konventionsabgeordneten hervorzugehen schien?

Nach einigen Augenblicken wohlkalkulierten Schweigens sagte unser wackerer Picarde in spöttischem Ton:

»So so, Bürger Abgeordneter, du willst dir also Hosen aus der Haut einer Frau machen lassen – einer hübschen Frau jedenfalls, nicht wahr?«

»Vielleicht«, entgegnete Saint-Just mit düsterem und eigenartigem Gesichtsausdruck. Und er wechselte das Gesprächsthema.

War die Bürgerin, auf die er angespielt hatte, womöglich die junge Sartines oder die wunderschöne Mademoiselle de Sainte-Amaranthe, von der es hieß, sie habe den seltenen Mut besessen, die Avancen des stürmischen Saint-Just zu verschmähen? Hatte der Konventionsabgeordnete einen Gehilfen des Henkers geschmiert, um sich die Leiche jener Frau zu beschaffen, die ihm einen Korb gegeben hatte, und hatte er ihre Haut zum Lederwarenhändler in der Rue des Vieilles-Haudriettes geschickt? Es gibt keine hinreichenden Beweise dafür, ebensowenig wie für die intimen Beziehungen Saint-Justs zu der schönen Emilie. Man wird vielleicht einwenden, er habe auf der Place de la Révolution ohne erkennbare Gefühlsregungen der Hinrichtung jener jungen Frau beigewohnt. An das Gerüst gelehnt, habe er ohne jeden Versuch, seine Identität zu verbergen, das Schauspiel in allen Einzelheiten verfolgt. Doch daran ist nichts Ungewöhnliches. Fouqier-Tinville hatte sich die Chance auch nicht entgehen lassen, sich dieses rare Spektakel – sechzig an einem einzigen Abend abgeschlagene Köpfe – zu Gemüt zu führen, und all jene, welche die Guillotine fleißig mit Nachschub versorgten, wollten sich mit eigenen Augen davon überzeugen, ob die Rotjacken [zur Hinrichtung Bestimmten] dem Tod furchtlos ins Auge blickten.

Kehren wir zur Erzählung unseres Bürgers zurück. Wir könnten diese zur Not für glaubwürdig halten, wäre sie nicht erst nach der Schrift des Konventionsabgeordneten Harmand veröffentlicht worden, von der sie nichts weiter als ein – abgeänderter und erheblich erweiterter – Abklatsch zu sein scheint, und, was noch wichtiger ist, enthielte sie nicht offenkundige Unrichtigkeiten.

Es ist beispielsweise von einer Gerberei für Menschenhaut »bei Charenton« die Rede. Doch allen zeitgenössischen Berichten zufolge befand sich ein Betrieb zum Gerben von Haut (wir behaupten nicht, es sei Menschenhaut gewesen) in Meudon, und dieses liegt keinesfalls in der Nähe von Charenton. Von Meudon erzählt auch ein Romancier, der so tut, als sei er ein Chronist,[4] und der einen vortrefflichen Dramaturgen abgegeben hätte, wenn er die Neigung dazu verspürt hätte. Der Betrieb, von dem man uns so schreckliche Dinge berichtet, befand sich in Meudon. Zur Feier des 20. Prairial, dem Fest des Höchsten Wesens, sollen mehrere Abgeordnete, darunter Drouet, Lebas, Choudieu, Billaud-Varennes und andere, Hosen aus den Häuten von Christen oder Christinnen getragen haben, die aus jener berühmt-berüchtigten Gerberei stammten. Unser Legendenschmied schreibt vorsichtig:

»Ich behaupte nichts und bestreite nichts. Ich war nicht einmal in der Lage, den Bericht auf seine Richtigkeit hin zu überprüfen, doch behaupte ich guten Gewissens, daß damals jedermann daran glaubte. Trotz des allgegenwärtigen Terrors pfiffen es die Spatzen von den Dächern, und besonders in Meudon zweifelte kein Mensch daran: Die Bewohner jenes Dorfs zeigten mit geheimnisvollem Entsetzen auf die Fenster des alten Schlosses, wo sich ihnen zufolge grauenhafte Dinge zutrugen. Jede Nacht, versicherten sie, höre man das unheimliche Rollen von bedeckten Karren, welche Menschenrümpfe herbeischafften; das Schafott auf der Place de la Révolution, hieß es, versorge die Gerberei mit nie versiegendem Nachschub.«

Der sich anschließende Kommentar verdirbt leider alles. »Und warum nicht?«, schließt der Erzähler. Anders gesagt, stellte es etwa eine grobe Verleumdung der Revolutionsführer dar, wenn man sie für skrupellos genug hielt, sich Hosen aus der Haut ihrer Gegner schneidern zu lassen? In cauda venenum – im Stachel steckt das Gift… Der Erzähler entpuppt sich hier als parteiisch, und seine Aussagen sind uns fortan suspekt.

Dürfen wir einem Schriftsteller mehr Glauben schenken, welcher in dogmatischem und schneidendem Ton wiederholt, was Zeugen aus zweiter und dritter Hand vor ihm ohne jeden Beweis behauptet haben, und diese Behauptungen mit seiner zweifelhaften Autorität stützt?

Granier de Cassagnac schreibt:[5]

»Kein gebildeter Mensch, der das Ende des letzten Jahrhunderts ernsthaft studiert hat, kann in Unkenntnis der Tatsache leben, daß man mit großem Erfolg versucht hat, Menschenhäute zu gerben. Es gibt eine Denkschrift von Roland, dem berühmten Girondin, welcher der Akademie von Lyon vorschlug, die Knochen und das Fett der Toten zur Herstellung von Öl zu destillieren. […]«

An anderer Stelle gibt derselbe Autor an, zwei Briefe erhalten zu haben, die ihm zufolge »sämtliche Zweifel ausräumen«. Der erste stammte von einem Anwalt am Appellationsgericht, der von seinem – zum Zeitpunkt, wo sich die einschlägigen Ereignisse abspielten, fünfzehn Jahre alten – Vater erfahren hatte, ein Gerber aus Etampes präpariere »dem Vernehmen nach« Menschenhaut, aus der man anschließend Hosen für die Offiziere herstelle. Der zweite Brief entstammte der Feder eines ehemaligen Kriegskommissars, der geltend machte, mehrere seiner Regimentskameraden hätten an Feiertagen Hosen derselben Provenienz getragen. Schließlich soll ein Monsieur Bérard 1847 dem Historiker der Girondins folgende Anekdote erzählt haben:

Bérard hatte von einem Greis vernommen, vor der Revolution habe dieser die Haut einer wegen Diebstahls gehenkten Magd gerben und sich daraus eine Hose schneidern lassen. Wenn er in Wallung geriet, pflegte er sich heftig auf die Schenkel zu schlagen und zu schreien:

»So, und das ist für dich, du Schlampe!«

Um seiner These, von der er ahnte, daß sie lediglich auf Gewäsch und Latrinenparolen beruhte, mehr Gewicht zu verleihen, zitiert Cassagnac zeitgenössische Verfasser, die er als Autoritäten ansieht, denen man aber, wie man seither nachgewiesen hat, mit äußerster Vorsicht begegnen muß: Prud’homme beispielsweise, dessen Histoire impartiale des Révolutions nichts weiter als ein Sammelsurium von Albernheiten mit einigen darin eingeflochtenen Wahrheiten ist, oder Danican, der in seinem Buch Brigands demasques an einer Stelle vage von einem Mann berichtet, der zu einem ungenannten Zeitpunkt vor die Schranken der Konvention getreten sei und ein einfaches und neues Verfahren zur Versorgung mit ausreichenden Mengen von Leder vorgeschlagen haben soll; worum es sich bei diesem Verfahren gehandelt haben muß, errät man unschwer, wenn man im gleichen Werke liest, daß Barère und Vadier als erste Stiefel aus Menschenleder getragen haben sollen. Ergänzen wir noch, daß Danican im Dienste aller Regierungen stand: Er war ein Spion, der seine Schmähschrift im Ausland zu Papier brachte, wo er den Sold für seinen Verrat erbettelte, und der für Geld log, bis sich die Balken bogen.

Gehen wir zu ernsthafteren Argumenten über. Angeblich verfügen wir, so heißt es, über einen »materiellen Beweis, der unabweisbar [sic] die Existenz der behaupteten Gerbereien belegt.«[5] Bei diesem materiellen Beweis, oder vielmehr diesen Beweisen, soll es sich um ein zeitgenössisches Plakat sowie um ein Exemplar der Verfassung von 1793 handeln, die beide in Menschenhaut gebunden seien.

Louis Combes[6] hat den Inhalt des Plakats vom Original kopiert und veröffentlicht. Die Überschrift hebt sich deutlich vom Rest des Textes ab:

»Antwort auf das Plakat
von Billaud-Varenne, Vadier, Collot und Barère
gegen die Redaktion des Journal des Lois
Signiert: F. Galetti«

Es folgt der Text:

»Mehrere Zeitungen haben vor uns von den angeblichen Gerbereien in Meudon berichtet. Der Sachverhalt erschien uns dermaßen abwegig, daß wir ihn unter die Gerüchte einreihten und uns damit begnügten, in einer Schrift jene Einzelheiten wortwörtlich wiederzugeben, die ein akkreditiertes Blatt zu diesem Thema ausgeführt hatte. Billaud-Varenne, Vadier, Colot und Barère haben es für richtig erachtet, ein großes, blaues Plakat gegen uns allein zu signieren; es ziert sämtlichen Mauern von Paris, und wir werden nun von Männern angeprangert, die ganz Frankreich anprangert!

Unserer ersten, bereits abgegebenen Erklärung fügen wir nur die Tatsache hinzu, daß die Menschenhautgerberei, wenn sie nicht in Meudon existierte, sicherlich anderswo bestanden hat, denn einer unserer Abonnenten hat uns als würdiges Mahnmal der Dekemviren eine Verfassung von 1783 zugesandt, die in Dijon bei Causse gedruckt und in Menschenhaut eingebunden war, die an die Haut eines fahlen Kalbs gemahnt. Wir anerbieten uns, sie all jenen zu zeigen, die sie gerne sehen möchten. […]«

Dieses Exemplar der Verfassung geriet später in den Besitz eines Historikers der Revolution, Villenave, der dazu ein Exemplar des Plakats sowie ein Echtheitszertifikat erwarb. Mit diesen Beweisstücken versehen, wurde das Buch 1849 zum Verkauf angeboten und zu einem gepfefferten Preis von einem Pariser Buchhändler erworben.

Bis zum Jahre 1864 verliert sich seine Spur. Am 13. Februar jenes Jahres aber wurde der Band, der soviel Aufsehen erregt hatte, von Monsieur France, dem Vater des großen Stilisten und meisterhaften Erzählers [Anatole France], für die stolze Summe von 231 Francs verkauft. Dieses Exemplar, das seither mehrmals seinen Besitzer gewechselt hat – einer davon war der Marquis von Turgot –, wurde 1889 von der Bibliothek Carnavalet erworben.

In dieser Bibliothek haben wir diesen eigenartigen Band vor ein paar Jahren zu Gesicht bekommen; der handgeschriebene Vermerk von Villenave war noch daran geheftet. Man könnte meinen, es sei Kalbsleder, versichert der Verfasser des oben zitierten Plakats. Unserer Ansicht nach dürfte es sich eher um fahlgelbes Schafsleder handeln. Ohne die Notiz von Villenave wiese nichts darauf hin, daß es sich um Menschenhaut handelt. Doch selbst wenn sich dies nachweisen ließe, würde dies immer noch nicht heißen, daß sie auf Befehl der Konvention in einem staatlichen Unternehmen gegerbt wurde, und daß sie von Konterrevolutionären stammt.

Noch sind wir aber noch nicht am Ende unserer Darlegungen angelangt; wir müssen noch weitere Zeugen anhören.

II

Der Bücherwurm Jakob, dessen Worte man nicht immer auf die Goldwaage legen darf, behauptete, er habe »einen alten Bibliotheksangestellten namens Souterre – welch ein seltsamer Name – kennengelernt, der einstmals Husar des Todes war.«. Dieser Souterre habe ihm versichert, er habe einmal eine Hose aus Menschenhaut oder -leder getragen, die aus einem einzigen Teil bestand. Unser Bücherwurm unterhielt ebenfalls Beziehungen mit einem Architekten, der im Jahre 1823 einer der gefürchtetsten Schergen der Schwarzen Bande war: Er brandschatzte die Schlösser so unbarmherzig, wie die Guillotine die Köpfe in die Körbe plumpsen ließ. Dieser Architekt hatte ihm anvertraut, während seiner Zeit bei der Armee habe er eine Hose aus Menschenhaut getragen, »sehr gut gegerbt, höchst geschmeidig und außerordentlich bequem«.

Meister Jakob sagte ihm schmunzelnd:[7]

»Sie werden mir doch nicht weismachen wollen, daß Ihre Hose ohne Nähte war.«

Paul Lacroix fügte hinzu, ihm sei ein Werk in die Hände geraten, wo Gerbereien für Menschenhaut sehr ausführlich beschrieben würden. Der Verfasser dieses Buches,[8] meint er, müsse die Wahrheit kennen, sei er doch Freund und Mitarbeiter Camille Desmoulins gewesen. Freilich war er auch Freund und – in Saint-Lazare – Mithäftling von André Chénier, der die politischen Ansichten Camilles ganz und gar nicht teilte. Wie dem auch sei, in besagtem Werk liest man folgendes:

»Welches Volk in Europa hält die Errichtung der Gerberei für Menschenhaut in Meudon nicht für eine Fabel? Und doch erinnert man sich daran, daß ein Mann vor die Schranken der Konvention trat und für ein einfaches, neuartiges Mittel zur reichlichen Versorgung mit Leder warb, daß das Komitee für Volkswohl ihm den Betrieb von Meudon zuwies, dessen Tore sorgfältig verriegelt wurden, und daß mehrere Mitglieder dieses Komitees unter den ersten waren, die Stiefel aus Menschenhaut trugen. Wenn man sagte, Robespierre habe sein Volk geschunden, war dies nicht nur in übertragenem Sinne zu verstehen, und da Paris die Armeen mit Schuhen belieferte, dürfte mehr als nur ein Vaterlandsverteidiger Schuhe aus der Haut seiner Verwandten und Freunde getragen haben.«

Genau wie die vorhergehenden Behauptungen ist auch diese unbewiesen. Wir finden hier fast ohne Veränderungen Sätze aus dem Werk Danicans vor, über deren Beweiswert wir uns bereits geäußert haben. Festzuhalten bleibt indessen eine Tatsache: Es gab in Meudon einen Betrieb, wo geheimnisvolle Dinge vor sich gingen. Außerdem berichtete die Überlieferung, im Schloß von Meudon habe man Versuche mit dem Gerben von menschlicher Haut angestellt, aber in einer Zeit vor der Revolution. Hieß es denn nicht, gegen das Ende der Herrschaft Ludwig des Fünfzehnten habe ein Anatom, bei dem es sich um keinen anderen als um den Großvater des Schriftstellers Eugène Sue handelte, dem König ein Paar in seinem Labor hergestellte Pantoffeln geschenkt, und der Herzog von Orléans sei eines Abends mit einer Hose aus Menschenhaut bekleidet in den Salons des königlichen Palastes erschienen? Ging ein damaliges Wörterbuch der Naturwissenschaften denn nicht so weit, jedem Interessenten eine Gebrauchsanweisung zum Gerben der Haut seines Nächsten zu liefern? Als nun das Komitee für Volkswohl in Meudon die Gründung eines Betriebs beschloß, dessen Zweck geheimgehalten wurde, der von dichten Mauern umgeben war und dem man sich nicht nähern durfte; als man Personen, die versucht hatten, sich über das Verbot hinwegzusetzen, als Spione des Auslands verhaftete; als man jedem, der das Verbot künftig mißachten sollte, die Todesstrafe androhte, keimte im Volk flugs die Legende von der Gerberei für die Haut Hingerichteter auf.

Schon bald murmelte man in vernehmlichem Ton, was man zuerst nur geflüstert hatte. Einige Oppositionsblätter spielten auf die Gerberei der Sans-culottes ["Hosenlosen", Volksrevolutionäre] an, besonders nach dem Sturz des Diktators [Robespierre]. Die kurz zuvor mit der Überwachung des Betriebs in Meudon beauftragen Volksvertreter – es handelte sich bei ihnen um Thermidorianer – hielten es zur Eindämmung dieser Gerüchte für erforderlich, im Moniteur folgendes Dementi zu publizieren:

»Die zwecks Überwachung der Versuche mit neuen Erfindungen nach Meudon entsandten Volksabgeordneten richten an die Konvention ein Schreiben, in dem sie sich gegen die in mehreren Zeitungen verbreiteten verleumderischen Gerüchte verwahren, unter der Tyrannei (Robespierres) habe man in Meudon menschliche Häute gegerbt, um daraus Leder herzustellen.

Die Konvention ging zur Tagesordnung über.«

Das Journal des hommes libres sowie das Journal des Débats et Décrets – beides Organe der gemäßigten Parteien – veröffentlichten dasselbe Dementi in leicht abgeänderter Form.

III

In Wirklichkeit diente der Betrieb in Meudon einem doppelten Zweck. Zunächst war er eine große Fabrik, wo man ohne Unterlaß Munition für den Krieg produzierte. Daneben erfüllte er die Funktion eines Laboratoriums, wo man neue Maschinen, Waffen und andere der nationalen Verteidigung dienende Gegenstände ausprobierte. Hier wurden die ersten der – bis in unsere Tage fortgesetzten – Versuche mit Militärballons unternommen. Man versteht sehr wohl, daß dergleichen Operationen strikt geheimgehalten wurden.

Eine Gerberei wurde dort auch eingerichtet, jedoch erst nach dem 9. Thermidor. Die – nach dem Sturz Robespierres und dem Ende der Terrorherrschaft – auf der Île de Sèvres gegründete Gerberei war unter die Leitung des Bürgers Séguin gestellt worden, eines »Erfinders neuer Methoden zum Gerben von Leder«. Dieser Betrieb war ins Leben gerufen worden, um das dringend benötigte, zur Herstellung von Schuhen für die Soldaten der Republik verwendete Leder zu beschaffen: Es war dies jene Zeit, als die Freiwilligen barfuß in Schnee und Schlamm starben und die glücklicheren unter ihnen mit Stroh gestopfte Holzschuhe trugen.

Séguin wurde dem Komitee für Volkswohl von Berthollet vorgestellt, und als Reaktion auf einen sehr ausführlichen Bericht von Fourcroy beschloß die Konvention die Gründung der Gerberei von Sèvres. Das Komitee maß dieser eine derart große Bedeutung zu, daß es zusicherte, dem Bürger Séguin »auf alle mögliche Art und Weise behilflich zu sein«. Am 11. Brumaire (Nebelmonat, 23.10.-21.11., hier 1. November) stellte es ihm den gesamten Gerbstoff zur Verfügung, den man in staatlichen Betrieben auftreiben konnte, und betonte, das Interesse der Republik erheische es, daß die Regierung ihm vorbehaltlose Unterstützung gewähre.

Zugunsten des neuen Betriebs ließ man die Pumpe aus dem nationalen Haus von Passy, welches unter dem Namen Kloster von Sainte-Marie bekannt war, entfernen. Man wandelte die großen Ställe des ehemaligen Königs in Versailles in Magazine zum Aufbewahren der zu gerbenden Häute um. Schließlich wurden das in Staatsbesitz befindliche Maison Brancas genannte Gut in Sèvres, die an diese Gemeinde angrenzende Insel sowie ein in Ravanny liegendes Grundstück an Séguin verkauft, damit er seine Gerberei vergrößern konnte.[9]

Wie kann man bloß auf den Gedanken verfallen, ein dermaßen beschäftigter Mann habe sich, und sei es auch nur zur Zerstreuung in seinen Mußestunden, mit dem Gerben von Menschenhaut abgegeben?

Man hat behauptet, sein Sohn, oder einer seiner Verwandten, habe lange Zeit ein Paar Handschuhe aus diesem Material besessen und seinen Besuchern als Kuriosum gezeigt. Doch selbst wenn diese von Armand Séguin hergestellt worden sein sollten, wäre dies kein ausreichender Beweis dafür, daß auf Geheiß der Sans-culottes über einen längeren Zeitraum hinweg systematisch Hosen aus Menschenhaut produziert worden sind.

Verbannen wir diese Fabel also in die Legendenwelt eines Alexandre Dumas und eines Ponson du Terrail, und sprechen wir die Revolution von einem ebenso dümmlichen wie infamen Vorwurf frei.


Anmerkungen

  1. Cinquième série, Librairie mondiale, Paris 1908, S. 303-323. Hier entnommen der Zeitschrift Akribeia, Nr. 6, März 2000, S. 69-80. Übersetzt von Jürgen Graf.
  2. J.-B. Harmand de la Meuse, Anecdotes relatives a quelques personnes et a plusieurs événements remarquables de la Révolution, Maradan, Paris 1820, S. 78.
  3. Les mémoires secrets du dix-neuvième siècle, Paris 1874.
  4. Souvenirs de la Terreur, von Georges Duval.
  5. Histoires des Girondins et des Massacres de Septembre.
  6. Épisodes et Curiosités révolutionnaires.
  7. Vgl. Intermédiaire des Chercheurs et Curieux, 1873.
  8. Dusaulchoy de Bergemont, Mosaïque historique, littéraire et politique, Rosa, Paris 1818, 2 Bände, S. 140 des 1. Bandes: »Tannerie de peau humaine« (Gerberei für Menschenhaut).
  9. »Am 5. Ventôse [Windmonat, 19.2.-20.3., hier 23.2.] wurde der Befehl erteilt, 50.000 Pfund Salz für die Einsalzung der aus dem Schlachthaus von Paris stammenden und in der Chapelle des Orfèvres deponierten Häute zu liefern, welche auf den Transport nach Sèvres warteten. Die Schwierigkeiten des Transports auf der Seine hatten die Einsalzung der seit einigen Tagen in den Wärmeräumen liegenden Häute erforderlich gemacht. Schon eine geringe Verzögerung der Einsalzung führte zu großen Werteinbußen, und die Fäulnis raubte der Republik Materialien, die wegen ihrer Seltenheit außerordentlich kostbar geworden waren.«
    Catalogue d’une importante collection de documents autographes et historiques sur la Révolution française, etc., Charavay, Paris 1862.

Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 5(4) (2001), S. 401-405.


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