Bücherschau

Groß-Rosen - weniger wäre mehr gewesen

Von Jürgen Graf

Isabell Sprenger, Groß-Rosen. Ein Konzentrationslager in Schlesien, Böhlau Verlag, Köln/Weimar/Wien 1996, 425 S., DM 84,- (Dissertation, vorgelegt 1995 an der Universität Stuttgart)

Isabell Sprengers als sechster Band der Neuen Forschungen zur schlesischen Geschichte publiziertes Buch Groß-Rosen. Ein Konzentrationslager in Schlesien ist zwar bereits 1996 erschienen, doch bin ich erst kürzlich auf das Werk aufmerksam geworden, welches die erste in deutscher Sprache veröffentlichte Monographie über das westlich von Breslau gelegene Groß-Rosen darstellt. 1940 zunächst als Nebenlager von Sachsenhausen gegründet, wurde dieses 1941 in den Rang eines selbständigen Konzentrationslagers erhoben und nahm nach den - freilich nicht vollumfänglich durch Dokumente abgestützten - Berechnungen I. Sprengers bis zu seinem Ende im Januar 1945 rund 120.000 Häftlinge auf, davon knapp die Hälfte Juden.

Groß-Rosen galt als eines der härtesten Lager. Dies erklärte sich dadurch, daß ein erheblicher Teil der Häftlinge in den Steinbrüchen arbeiten mußte, wo die Bedingungen besonders schwer bis unmenschlich waren. Das Steinbruchgelände war 1940 von dem SS-eigenen Betrieb »Deutsche Erd- und Steinwerke GmbH« (DESt) erworben worden, so daß der Gedanke nahe lag, neben zivilen Arbeitskräften auch KL-Häftlinge in den Steinbrüchen einzusetzen. Der dort geförderte Granit wurde zur Errichtung von Bauwerken, aber auch zum Straßen- und Autobahnbau in Schlesien verwendet.

Groß-Rosen wies annähernd hundert Neben- oder Außenlager auf, weitaus mehr als jedes andere KL. Von sämtlichen nationalsozialistischen Konzentrationslagern ist es das am wenigsten bekannte und am mangelhaftesten erforschte. Der Grund dafür mag, wie I. Sprenger auf S. 3 ihrer Studie schreibt, in der Tat teilweise darin zu suchen sein, daß sich in der alten Bundesrepublik sowie der DDR »das Interesse auf die Lager innerhalb der jeweiligen eigenen Grenzen konzentrierte« und daß für die aus Schlesien vertriebene Bevölkerung »die eigenen Erlebnisse von Flucht und Vertreibung im Vordergrund standen«, doch abgesehen davon ist die Geschichte Groß-Rosens nur äußerst lückenhaft dokumentiert, und jede Darstellung muß zwangsläufig fragmentarischen Charakter aufweisen.

Es gilt anzuerkennen, daß I. Sprenger eine sehr beträchtliche Arbeit geleistet hat. Sie hat in deutschen, polnischen, russischen und israelischen Archiven geforscht, die verhältnismäßig umfangreiche polnische Literatur über das Konzentrationslager ausgewertet (im Gegensatz zu so gut wie allen deutschen "Holocaust-Experten" hat sie sich die Mühe gemacht, Polnisch zu erlernen) sowie schließlich zahlreiche Akten der BRD-Justiz studiert. Herausgekommen ist ein über 400 Seiten umfassendes Buch, das unseren Wissensstand über Groß-Rosen zwar fraglos bereichert, nach dessen Lektüre der kritische Leser jedoch seufzen muß: Weniger wäre mehr gewesen!

Ein erheblicher Teil des Werkes besteht nämlich aus ganz unnützem ideologischem Ballast, der nichts mit dem KL Groß-Rosen zu tun hat und über weite Strecken im sattsam bekannten Jargon der Vergangenheitsbewältigung und der Political Correctness verfaßt ist. Die Verfasserin hätte gut daran getan, den von ihr (auf S. 5) zitierten Ausspruch des ehemaligen Groß-Rosen-Häftlings Andrzej Kaminski zu beherzigen, wonach man den Opfern »nicht ein pauschales Wehgeschrei, sondern genaues Wissen« schulde.

Wenn I. Sprenger die gängige Darstellung des "Holocaust" kritiklos übernimmt und von einer Massentötung von Juden in "Vernichtungslagern" spricht, so mag man ihr dafür mildernde Umstände zubilligen; sie wußte es einfach nicht besser, und falls sie es besser gewußt hätte, so hätte sie dies unter den in der BRD herrschenden Bedingungen nicht offenbaren dürfen. Wenn sie jedoch die uralten Märchengeschichten über Vergasungen in den westlichen Lagern wieder aus der Rumpelkammer holt und beispielsweise (auf S. 220) den Unfug von den 5000 angeblich im österreichischen Schloß Hartheim Vergasten auftischt, so ist dies mehr als ärgerlich. Daß es in Groß-Rosen keine Gaskammer zur Menschentötung gab, räumt sie zwar ein, schreibt jedoch, es habe gegen Kriegsende »offenbar Planungen gegeben, aus Auschwitz abgebaute Gaskammern in Groß-Rosen wieder aufzubauen« (S. 205). Eine Quelle für diese Behauptung nennt sie nicht, doch wird sie sich wohl auf das ganz und gar unzuverlässige "vergrabene Manuskript eines unbekannten Autors" gestützt haben.

Wie sämtliche Studien dieser Art krankt auch jene I. Sprengers an der unkritischen Akzeptanz fragwürdiger Zeugenaussagen. Gestützt auf solche Augenzeugenberichte gibt sie beispielsweise die Anzahl der hingerichteten oder ohne Urteil mittels Injektion getöteten Häftlinge mit über 3000 an (S. 225), was fraglos zu hoch gegriffen sein dürfte; dokumentarisch belegt sind 375 Exekutionen (S. 211). Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit übertrieben ist auch die auf S. 226 genannte Gesamtopferzahl von 40.000 bis 45.000 Toten: Die bis Ende 1943 erhaltenen Sterbebücher des Lagers belegen das Ableben von 6.347 Häftlingen bis zu jenem Zeitpunkt (S. 225), und selbst wenn bis dann tatsächlich annähernd 3000 Häftlinge unregistriert getötet wurden, mutet es unwahrscheinlich an, daß 1944 sowie in den ersten Monaten 1945 in Groß-Rosen 30.000 bis 35.000 Menschen den Tod fanden. I. Sprenger hat ihre Angaben aus der polnischen Literatur übernommen, welche die Opferzahlen der deutschen Konzentrationslager stets zu übertreiben pflegt; so wird für das KL Stutthof von den Polen eine Ziffer von 65.000 Toten angegeben, während die tatsächliche Zahl bei rund 26.500 lag.[1] Im Fall Groß-Rosen könnte sich die Übertreibung in einer ähnlichen Größenordnung bewegen. Eine alternative Zahl läßt sich aber, im Gegensatz zu Stutthof, angesichts der Lückenhaftigkeit der Dokumente nicht nennen.

Trotz seiner offensichtlichen, auf ideologische Vorgenommenheit zurückzuführenden Schwächen ist I. Sprengers Buch durchaus nicht wertlos. Zunächst erbringt sie unfreiwillig zahlreiche Beweise dafür, daß das Ziel der SS eben nicht darin bestand, »die Gefangenen durch die Lagerhaft zugrunde zu richten«, wie sie auf S. 311 und anderswo behauptet. Sie weist beispielsweise darauf hin, daß die meisten weiblichen Häftlinge Groß-Rosen überlebt haben (S. 283f.); daß »eine erhaltene Sammlung von Krankenberichten aus den Jahren 1943-1945 mit sehr ausführlichen täglichen Angaben über den Verlauf der Erkrankung einzelner Patienten zeigt, daß zum Teil Zeit und Sorgfalt bei der Heilung der Häftlinge aufgewendet werden konnte« (S. 151); daß an zahlreiche Insassen Geldprämien ausgegeben wurden und sich die Prämierten mit diesem Lagergeld Zigaretten und Lebensmittel kaufen konnten (S. 250). Noch wichtiger sind aber die Informationen, die uns die Verfasserin über die von Auschwitz nach Groß-Rosen überstellten ungarischen und polnischen Juden liefert.

In ihrer »chronologischen Transportliste« (S. 319 ff.) dokumentiert sie rund 18.000 Überstellungen fast durchwegs jüdischer (und mehrheitlich weiblicher) Häftlinge von Auschwitz nach Groß-Rosen im Jahre 1944. Nur ein geringer Teil dieser Überstellungen wird in Danuta Czechs Kalendarium erwähnt, was Bände über die Zuverlässigkeit jenes "Standardwerks" über Auschwitz spricht. Auf S. 135 vermerkt I. Sprenger, vermutlich seien mehrere zehntausend ungarische Juden gleich in die Nebenlager von Groß-Rosen gebracht worden. Auch wenn sich diese These nicht dokumentarisch erhärten läßt, da die Geschichte der Nebenlager noch schlechter dokumentiert ist als jene des Stammlagers, erscheint sie uns völlig glaubwürdig. Die gerade in letzter Zeit von verschiedenen revisionistischen Autoren, darunter dem Verfasser dieser Rezension, aufgeworfene Frage, was mit den nach Auschwitz deportierten, jedoch dort nicht registrierten ungarischen Juden geschehen sei, könnte dank I. Sprengers Buch ihrer Beantwortung ein Stück näher gekommen sein. Allein schon aus diesem Grund hat die Verfasserin ihre Arbeit schwerlich umsonst getan.


Anmerkung

[1]Jürgen Graf und Carlo Mattogno, Das Konzentrationslager Stutthof und seine Funktion in der nationalsozialistischen Judenpolitik, Castle Hill Publisher, Hastings 1999 (€10,-), Kapitel 4.

Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 5(4) (2001), S. 451f.


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