Bücherschau

Keine Extrawurst: Sonderbehandlung in Auschwitz

Von Carlo Mattogno

Carlo Mattogno, »Sonderbehandlung« ad Auschwitz. Genesi e significato, Edizioni di Ar, Padova, 2001, 188 Seiten, 26 Dokumentablichtungen; bald auch erhältlich in deutsch: »Sonderbehandlung« in Auschwitz. Entstehung und Bedeutung, Castle Hill Publishers, Hastings 2002, etwa 200 S., voraussichtlich €10,-

Im Juni 2001 erschien mein Buch »Sonderbehandlung« ad Auschwitz. Genesi e Significato. Es stützt sich größtenteils auf neue Dokumente, die auch den Auschwitz-Spezialisten – bei Jean-Claude Pressac angefangen – weitgehend unbekannt geblieben sind.

1946 hatte die »Hauptkommission zur Erforschung der deutschen Verbrechen in Polen« eine Deutung aufgestellt, derzufolge es sich bei den Begriffen »Sonderbehandlung«, »Sonderaktion«, »Sondermaßnahme« etc. um "Tarnwörter" für Menschenvergasungen gehandelt haben soll. Diese Deutung wurde 1947 bei zwei in Polen durchgeführten Prozessen, nämlich dem Höß-Prozeß sowie dem Prozeß gegen das Lagerpersonal von Auschwitz, abgesegnet und mauserte sich im folgenden zum unumstößlichen Eckpfeiler der offiziellen Geschichtsschreibung über das KL Auschwitz. Bei ihrer "Entzifferung" ging die polnische Untersuchungskommission von der Annahme aus, in den Krematorien von Birkenau hätten sich Gaskammern zur Menschentötung befunden, und leitete davon die kriminelle Bedeutung der mit »Sonder-« beginnenden Ausdrücke ab. Später hat die offizielle Geschichtsschreibung dann den umgekehrten Weg eingeschlagen: Von der Annahme ausgehend, diesen Begriffen wohne eine kriminelle Bedeutung inne, schloß sie auf die Existenz von Menschentötungsgaskammern in Birkenau. So entstand ein Zirkelschluß, ein steriler Teufelskreis.

Ziel meiner Studie war es, die Deutung der offiziellen Geschichtsschreibung im Lichte der Dokumente zu überprüfen. Mein Werk besteht aus zwei Teilen. Im ersten wird J.-C. Pressacs Interpretation der »Sonderbehandlung« in Auschwitz vorgestellt, analysiert und widerlegt. Ich zeige auf, daß er etliche Urkunden auf geradezu unglaubliche Weise mißverstanden und andere bewußt entstellt gedeutet hat. In diesem ersten Buchteil ist außerdem ein längerer Abschnitt dem Himmler-Besuch in Auschwitz vom 17. und 18. Juli 1942 gewidmet. Hier weise ich nach, daß Himmler ungeachtet der (in polnischer Haft entstandenen) Aussagen des ersten Lagerkommandanten Rudolf Höß, welche später von der gesamten offiziellen Geschichtsschreibung übernommen wurden, unter keinen Umständen einer Judenvergasung in Birkenau beigewohnt haben kann.

Auf diesen ersten, destruktiven (d.h. die orthodoxe Deutung demolierenden) Buchteil folgt ein konstruktiver, d.h. eine alternative Interpretation darbietender zweiter Teil. Hier analysiere ich sämtliche mir bekannten wichtigen Dokumente, in denen auf die »Sonderbehandlung« in Auschwitz Bezug genommen wird, und lege von Fall zu Fall dar, was der Begriff in seinem historischen Kontext bedeutet.

Die ersten Judentransporte nach Auschwitz fanden im Rahmen eines allgemeinen Plans zur Ausbeutung der jüdischen Arbeitskraft statt. Dieser Plan sah die Entsendung von Transporten vor, die sich ausschließlich aus arbeitsfähigen Juden aus der Slowakei und Frankreich rekrutieren sollten. Dementsprechend wurden die ersten 18 Transporte (16.767 Juden), welche bis zum 30. Juni 1942 in Auschwitz angelangt waren, durchwegs in den Lagerbestand aufgenommen. Als daraufhin auch die Deportation von arbeitsunfähigen Juden (alten Menschen und Kindern) angeordnet wurde, sollten diese ins Generalgouvernement abgeschoben werden, zunächst auf direktem Wege, anschließend über das als Durchgangslager dienende Auschwitz.

Was die Entstehung der »Sonderbehandlung« in Auschwitz in engerem Sinne anbelangt, so taucht dieser Begriff erstmals am 31. März 1942 in einem Dokument auf (und nicht, wie Pressac wähnt, am 15. Juli jenes Jahres). Ein vom 9. Juni 1942 stammendes Dokument – zu jenem Zeitpunkt trafen in Auschwitz durchwegs arbeitstaugliche Juden ein – spricht von vier Baracken »für die Sonderbehandlung der Juden«, die »zur Unterbringung der Effekten« verwendet wurden; vorher hatte man diese Effekten im Freien aufgestapelt, wo sie der Witterung schutzlos ausgesetzt waren. Die vier »Baracken für Sonderbehandlung«, welche laut Pressac mit den sogenannten "Bunkern" von Birkenau in Beziehung standen und angeblich als "Ausziehbaracken" dienten, waren in Wahrheit zur Sichtung und Lagerung der den jüdischen Häftlingen abgenommenen Gegenstände bestimmt. Dies wird durch andere Urkunden erhärtet, beispielsweise durch die »Barackenaufteilung« vom 30. Juni 1942, in denen vier »Effektenbaracken für Sonderbehandlung« Erwähnung finden.

In einem bedeutsamen, vom 28. Oktober 1942 stammenden Dokument geht es um eine »Entwesungsanlage für Sonderbehandlung«, bei der es sich um nichts anderes handelte als um die sogenannte Zentralsauna (»Desinfektion und Entwesungsanlage«, Bauwerk 32). Die hieb- und stichfest nachweisbare Erkenntnis, daß diese beiden Einrichtungen identisch waren, ermöglicht uns eine alternative Deutung der Dokumente betreffs Zyklon-B-Lieferungen für »Sonderbehandlung«: Sie sind vor dem Hintergrund der im Sommer 1942 in Auschwitz wütenden Flecktyphusepidemien zu betrachten. Das Zyklon B diente nicht nur zur Entwesung der Lagerbaracken, sondern auch zur Desinfizierung der den Juden abgenommenen persönlichen Effekten, die hauptsächlich in der »Aufnahmebaracke mit Entlausung« des Bauwerk 28 (Entwesungseinrichtung des sogenannten "Kanada I" ), der »Entwesungs- und Effektenkammer« der Aktion Reinhardt sowie schließlich der »Station 2 der Aktion Reinhardt« stattfand. Das zu diesem Zweck bestimmte Zyklon B wurde beim SS-Standortarzt für »Sonderbehandlung« angefordert.

Im Oktober 1942 wurde dem Auschwitz-Komplex offiziell die »Durchführung der Sonderbehandlung« zugewiesen. Somit hatte das Lager eine neue Aufgabe erhalten, nämlich ein umfangreiches Programm zur Ausbeutung jüdischer Arbeitskraft für die deutsche Rüstungsindustrie. Unter Bezugnahme auf diese neue Funktion des Lagers hielt Rudolf Höß am 22. März 1943 gegenüber Hans Kammler, dem Leiter der Amtsgruppe C des SS-WVHA, fest:

»Dazu kam in letzter Zeit die Lösung der Judenfrage, wofür die Voraussetzung für die Unterbringung von zuerst 60.000 Häftlingen, die innerhalb kurzer Zeit auf 100.000 anwächst, geschaffen werden mußte.«

Über eine Judenvernichtung, die sich angeblich hinter dem Ausdruck »Lösung der Judenfrage« verborgen haben soll, ließ Höß kein einziges Wort fallen.

Das eben geschilderte Programm war am 15. September 1942 von Albert Speer sowie Oswald Pohl, dem Leiter des SS-WVHA (Wirtschaftsverwaltungshauptamt), vereinbart worden. Ihm zufolge sollten die jüdischen Arbeitskräfte »aus der Ostwanderung« abgeschöpft werden: Die zum Arbeitseinsatz auserkorenen Juden würden in Auschwitz bleiben, während die Arbeitsuntauglichen weiter nach Osten abgeschoben werden sollten. Nach der Selektion blieben die Arbeitsunfähigen ein paar Tage in Auschwitz; danach wurden sie nicht den normalen, zur Verhütung der Ansteckungsgefahr dienenden Entwesungsmaßnahmen unterzogen, sondern »gesondert untergebracht« und im Vergleich zu den zum Arbeitseinsatz ausgewählten Juden bevorzugt behandelt, nämlich »sonderbehandelt«. Dies ist die wirkliche Bedeutung dieser Ausdrücke, die in der offiziellen Geschichtsschreibung völlig willkürlich mit "Vergasung" gleichgesetzt werden.

Der Ausdruck »Durchführung der Sonderbehandlung« besaß keinerlei kriminelle Bedeutung. Den Dokumenten läßt sich nämlich entnehmen, daß er ein Synonym für »Durchführung der Sonderbaumaßnahmen« und »Durchführung der Sonderaktion« war. Bei den »Sonderbaumaßnahmen« handelte es sich um nichts anderes die gängigen hygienisch-sanitären Prozeduren. Am 7. Mai 1943 erörterte Kammler in Auschwitz mit den örtlichen Behörden die hygienischen Probleme des Lagers. Innerhalb weniger Tage wurde ein umfassendes Programm zur Verbesserung der sanitären Einrichtungen in Auschwitz in die Wege geleitet, auf das in den Dokumenten unter den Stichworten »Sofortprogramm«, »Sondermaßnahme« »Sonderprogramm« sowie »Sonderbaumaßnahmen« Bezug genommen wird.

Auch hinter dem Wort »Sonderaktionen« verbargen sich durchaus keine verbrecherischen Machenschaften. In einem Brief, den Karl Bischoff, Leiter der Zentralbauleitung von Auschwitz, am 13. Oktober 1942 verfaßte, war im Zusammenhang mit dem Krematorium II von Birkenau von »Sonderaktionen« die Rede. Diese bezogen sich auf die unerwartet kritische Situation, die zu einem Zeitpunkt, wo die hygienisch-sanitären Zustände in Auschwitz im argen lagen, durch die ständig neuen Judentransporte in jenes Lager entstanden war. Die Einlieferung von mehr und mehr Häftlingen hatte eine stete Verschlechterung der hygienischen Bedingungen und infolgedessen auch eine erhöhte Sterblichkeit zur Folge. Noch verheerender wurde die sanitäre Lage dadurch, daß das Krematorium I im Stammlager Auschwitz stillgelegt worden war, weil man den Kamin abreißen und durch einen neuen ersetzen mußte.

Die »Badeanstalten für Sonderaktionen«, um die es im Aktenvermerk vom 21. August 1942 geht, waren geplante, doch niemals verwirklichte schlichte Noteinrichtungen zur Bekämpfung der Flecktyphusseuche in Auschwitz mittels sanitärer Behandlung der Lebenden sowie Einäscherung der Toten.

Bisweilen standen die »Sonderaktionen« auch in Zusammenhang mit der Unterbringung der Judentransporte. Beispielsweise wurde im Standortbefehl Nr. 31/43 die Anfang August erfolgte Deportation von Juden aus Sosnowitz nach Auschwitz eben als »Sonderaktion« bezeichnet. Der Begriff konnte sich ferner auf den Transport sowie die Lagerung der persönlichen Gebrauchsgegenstände der Juden beziehen. Zu diesem Behufe stellte das SS-WVHA der Verwaltung von Auschwitz am 14. September 1942 fünf Lastkraftwagen »für Sonderaktionen« zur Verfügung. Anfang Februar 1943 existierten »zur Lagerung der Effekten« drei Baracken »beim Sonderkommando 1« und weitere drei Baracken »beim Sonderkommando 2«. Die Tätigkeit des Sonderkommando 1 wurde als »Sonderaktion 1« bezeichnet, jene des Sonderkommando 2 als »Sonderaktion 2«. Aus diesem Grund wurden die eingelagerten persönlichen Effekten der Häftlinge in einem Bischoff-Brief vom 24. Dezember 1943 »Bestände aus den Sonderaktionen« genannt.

In dem oft zitierten Tagebuch Dr. Johann Paul Kremers wohnt dem Ausdruck »Sonderaktionen« gleichfalls keinerlei kriminelle Bedeutung inne. Je nach Zusammenhang waren darunter nämlich die nach Ankunft der Transporte durchgeführten Selektionen oder die Selektionen der bereits registrierten Häftlinge zwecks Aussonderung der Kranken zu verstehen; letztere kamen dann in andere Sektoren des Lagers oder wurden in andere Lager überstellt, wie die »800 malariakranken Häftlinge«, die man Ende 1943 nach Majdanek schickte. Die sogenannten "Muselmänner", d.h. hoffnungslos Kranke im Endzustand, wurden vermutlich dem »Schonungsblock« zugewiesen, wo sie entweder gesundeten oder eines natürlichen Todes starben.

In der ersten Hälfte des Jahres 1943 gab es außerdem eine »Baustelle Sonderaktion«, wie man einem Brief der Berliner Firma Baugeschäft Anhalt vom 10. Juni 1943 entnehmen kann.

Die »Sonderaktion Ungarn« – so ein in etlichen Urkunden aus dem Jahre 1944 auftauchender Begriff – bezog sich schlicht und einfach auf den Gesamtvorgang der Judendeportationen aus Ungarn nach Auschwitz.

Laut der offiziellen Geschichtsschreibung gab es in Auschwitz ein einziges »Sonderkommando«, das aus dem jüdischen Personal der Krematorien bestanden haben soll. Während der Arbeit an meinem Buch über die »Sonderbehandlung« in Auschwitz entdeckte ich, daß es in Auschwitz wenigstens elf »Sonderkommandos« gegeben hat, von denen freilich keines in den Krematorien tätig war. Es gibt nicht einen einzigen dokumentarischen Beweis dafür, daß die Arbeiter, welche die Krematorien bedienten, als »Sonderkommando« bezeichnet worden wären; in den Dokumenten hießen sie »Krematoriumspersonal«, oder man benannte sie nach dem Kommando, dem sie angehörten, beispielsweise »206-B« oder »207-B«. Der Ausdruck »Sonderkommando« wurde im Zusammenhang mit den in den Krematorien Angestellten gemäß der Logik der These von der "Tarnsprache" nachträglich geprägt: Wenn die angebliche Massenvergasung »Sonderbehandlung« hieß, so mußten die an ihrer praktischen Durchführung Beteiligten notwendigermaßen ein »Sonderkommando« gebildet haben, und dieses mußte das einzige »Sonderkommando« in Auschwitz gewesen sein!

Bei der Niederschrift meiner Studie, die in einer von Jürgen Graf erstellten Übersetzung bald auch auf Deutsch erscheinen wird, habe ich zahlreiche bisher unbekannte oder wenig bekannte Dokumente ausgewertet. Im Anhang werden 26 der wichtigsten davon abgelichtet.


Aus dem Italienischen übertragen von Jürgen Graf


ANMERKUNG DER REDAKTION

Carlo Mattognos Buch wird in Kürze erhältlich sein und unseren treuen Kunden der üblichen Vorgehensweise folgend als Ansichtssendung zugesandt werden. Wir dürfen Sie bitten, von diesem Erwerbsangebot Gebrauch zu machen, damit wir den Druck dieses Buches auch finanzieren können. Das Thema "Sonderbehandlung" ist immerhin psychologisch gesehen ein äußerst wichtiges, und es ist erfreulich, daß nun endlich eine sachliche Monographie zu diesem Thema vorliegt. Sollten Sie an dem Buch kein Interesse haben, so lassen Sie uns dies bitte im voraus wissen, damit wir uns das Porto und Ihnen die Umstände ersparen können.

Herzlichen Dank

Germar Rudolf, Castle Hill Publishers


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 5(4) (2001), S. 452-454.


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