Die politische Romantik des Holocaust

Elie Wiesel einmal anders betrachtet

Von Markus Springer

Sein Mangel an forensischer Evidenz macht es schwierig, den Holocaust als real existierendes, politisches Phänomen zu erfassen. Es scheint, daß, wenigstens vorläufig, keine ganzheitliche Erklärung dieses ideologische Konstrukt erschöpfend rationialisieren kann. Partielle Auslegungsmuster können jedoch bestimmte Ausdrucksformen und Erscheinungen des Holocaust sinnvoll interpretieren. Die Betrachtung des autobiographischen Werkes Eliezer Wiesels aus der Perspektive der politischen Romantik machen die literarischen Inhalte und Aussagen des Autors zwar nicht vernunftmäßig verständlich, aber aus einem geistesgeschichtlichen Zusammenhang heraus erklärbar.

Man kann die Romantik als eine sich gegen den Rationalismus des 18. Jahrhunderts richtende Kulturbewegung auffassen. Das Ich des Romantikers setzt sich selbst absolut und nihiliert die Gesetzmäßigkeit der Natur. Das subjektivierte Ich ist der Realität der Außenwelt nicht verpflichtet, sondern emaniert aus gefühlsmäßigen Eindrücken heraus eine modifizierbare Welt. In seiner Autobiographie Alle Flüsse fließen ins Meer beschreibt Wiesel folgende Parallelwelt:

»Meine Verblüffung zum Beispiel, als ich eine Zeit außerhalb der Zeit eine andere Welt neben der Welt, eine Schöpfung in der Schöpfung entdeckte, die ihre eigenen Gesetze, Gebräuche, Sitten, Strukturen und eine eigene Sprache hat. In dieser Welt leben Menschen nur um zu töten, und andere nur, um zu sterben. Und das System funktioniert mit einer beispiellosen Leistungsfähigkeit. Die Peiniger martern und zermartern die ihnen Ausgelieferten, die Folterknechte quälen Menschen, die sie nie zuvor gesehen haben, die Mörder töten ihre Opfer, ohne sie auch nur eines Blickes zu würdigen, Flammen steigen in den Himmel, und nichts kann dieses Räderwerk stoppen, als liefe dies nach einem Plan, der seit Anbeginn aller Zeiten in Kraft ist.«[1]

Das Wesentliche an der geistigen Situation des Romantikers ist der Subjektivismus seiner Persönlichkeit. In der Rolle des Weltschöpfers kann er die Realität aus sich selbst heraus produzieren. Als Demiurg eigener Lebenswelten dient ihm die vorgegebene Wirklichkeit nur als geistiges Instrument, die Souveränität seines Ichs zu steigern.

»Weil ein Geschehen uns sinnlos erscheint, müssen wir ihm einen Sinn geben. Weil wir unsere Zukunft nicht in den Händen halten, müssen wir sie schaffen.«[2]

Die Wirklichkeit ist auf ihre Faktizität beschränkt. Das romantische Subjekt stellt die Möglichkeit über die Wirklichkeit und schafft sich damit notwendige Spielräume. Nicht die abstrakte Form ist leer, sondern der konkrete Inhalt. Mit dem Stilmittel des Traumes kann der Romantiker den Widerspruch zwischen rationaler Begrenztheit und der Fülle irrationaler Möglichkeiten überwinden.

»Birkenau gibt es nur im Traum, nur im Traum steht der riesige Altar, wo die Dämonen des Feuers unser Volk verschlingen. Du träumst einen bösen Traum Gottes, in dem menschliche Wesen jüdische Kinder bei lebendigem Leib in die Flammen werfen, die aus offenen Gruben emporlodern.«[3]

Die Wahrung der Möglichkeitsfülle läßt keine endgültige Festlegung zu. Das Definitivum einer Aussage zerstört die Unbestimmtheit der Möglichkeiten. Im Stil einer Selbstvergegenwärtigung nimmt Wiesel auf die literarische Funktion des Schweigens Bezug:

»Dann sag uns doch, wie du in der Sprache des Schweigens Geheimnisse offenbaren willst, die zwangsläufig unergründbar sind, denn sonst wären es schließlich keine Geheimnisse. Wie willst du Wahrheiten vermitteln, die nach deinen eigenen Worten in einem Bereich liegen, der dem menschlichen Verstand für immer und ewig verschlossen bleibt? Man sagt über Rabbi Mendel von Kotzk, er habe selbst beim Sprechen noch geschwiegen. Gibt es eine Sprache, die ein anderes Schweigen enthält, ein Schweigen, das durch die Sprache Gestalt annimmt und vertieft wird?«[4]

In den Bereich des Nicht-zu-Beschreibenden gehören für Wiesel vor allem die behaupteten Kammern zur massenhaften Tötung von Menschen durch Giftgas.

»Es ist besser, die Gaskammern bleiben vor neugierigen Blicken verschlossen. Auch die Vorstellungskraft sollte vor ihnen haltmachen. Nie wird man erfahren, was sich hinter den Stahltüren abspielte.«[5]

Wiesels Holocaust droht sich immer wieder als pseudo-religiöses Absolutum jeglicher literarischen Bearbeitung zu entziehen.

»Jedes Buch ist für mich das erste und das letzte. Es ist wie mit Auschwitz: Jedes Wort, das versucht, die Wirklichkeit von Auschwitz zu erfassen, bedeutet einen Bruch und Scheitern. Wohin mit all der Erfahrung? Wie kann man zugleich über die Verzweiflung schreiben und gegen die Verzweiflung ankämpfen? Kann ein Mensch anders vom Schweigen Gottes reden als durch Schweigen? Muß man Zeugnis ablegen, um eine Spur zu hinterlassen? Für wen? Wozu? Sie wird doch von niemandem entziffert werden. Und trotzdem.«[6]

Die äußere Welt und die historische Wirklichkeit ist für die romantische Leistung nur insofern von Interesse, als sie Ausgang einer subjektiven Verarbeitung sein kann: das gegebene Faktum wird nicht in einem politischen, historischen, rechtlichen oder moralischen Zusammenhang sachlich betrachtet, sondern ist Gegenstand ästhetisch-gefühlsmäßigen Interesses, etwas, woran der romantische Enthusiasmus sich entzündet. Für eine derartige Produktivität liegt das, worauf es ihr ankommt, so sehr im Subjektiven, in dem, was das romantische Ich aus Eigenem hinzu tut, daß von einem Objekt nicht mehr gesprochen werden kann, weil der Gegenstand zum bloßen Anlaß oder Vehikel, zur occasio, wird. Die Hingabe an dieses romantische Schaffen enthält den bewußten Verzicht auf ein adäquates Verhältnis zur äußeren, sichtbaren Welt. Alles Reale ist nur ein Anlaß. Das Objekt ist ein Punkt, um den das romantische Phantasiespiel schwebt. Dieses Konkrete bleibt als Anknüpfungspunkt vorhanden, aber in keiner kommensurablen Beziehung zu der allein wesentlichen romantischen Abschweifung.

In Wiesels Prosa verbindet sich das biographische Erleben der Verschickung und der Beschwernisse in den Konzentrationslagern Auschwitz und Buchenwald mit dem übersteigerten Leid eines Ausgegrenztenschicksals. Wo Wiesel sein Schweigen bricht, enthüllt sich dem Leser naturgesetzlich Unmögliches, komisch Absurdes und einmal auch eine bizarre Lüsternheit. Im Gegensatz zu den Flammen aus Krematorienschornsteinen hat Wiesel die Schilderung des Paarungsverhaltens seiner Glaubensgenossen im Deportationswaggon widerrufen.

Elie Wiesel

»Dann wurde die Hitze unerträglich. Befreit von aller Kontrolle der Umwelt gaben die Jungen hemmungslos ihren Trieben nach und paarten sich im Schutze der Nacht mitten unter uns, ohne die geringste Rücksicht zu nehmen, als seien sie allein auf der Welt. Die anderen taten so, als sähen sie nichts.«[7]

Romantische Ironie beruht auf dem Gefühl der Unvereinbarkeit des Bedingten mit dem Unbedingten. Da Wiesel seine fiktiven Lebenswelten nicht als solche erkennt, kann sich Ironie bei ihm nicht entwickeln. Seine Überspitzungen sind kein berechneter Spott auf tatsächliche Zustände, sondern ungewollt komische

Auswüchse seiner Rage.

»Wie könnte man auch jenen rabbinischen Richter jemals vergessen, der die Ankunft eines Transports aus Bendin beschrieben hat. Ein Rabbiner begann in der Gaskammer zu tanzen und zu singen. Diesen kleinen Abschnitt lese ich immer wieder, und jedesmal möchte ich... Nein, ich weiß nicht, was ich möchte. Vielleicht aufhören zu singen?«[8]

Auschwitz kristallisiert bei Wiesel zum Fixpunkt der Geschichte. Im Holocaust verbinden sich Vergangenheit und Zukunft. Das Universum ist jetzt eine Verlängerung der Shoah, und umgekehrt, die Shoah eine Kurzfassung des Universums.

»Ich glaube, an jenem Tag zu erstenmal an das Geheimnis des Bösen gerührt zu haben, dessen Offenbarung das Ende der einen und der Anfang einer neuen Zeit bedeutet.«[9]

Würde Wiesel mit seiner Auflösung der Wirklichkeit, mit der spielerischen Zauberei seiner Phantasie in der eigenen Sphäre verbleiben, so wäre sie in der Geschlossenheit ihres Kreises unwiderlegbar. Mit dem Holocaust wäre ein Begriff ohne inhaltliche Grenzen gefunden, der eine Fülle assoziativer Möglichkeiten und Affekte wahrt. Der Revisionismus hat Eliezer Wiesel jedoch diesen Weg der romantischen Herrschaft über die Realität verbaut.


Anmerkungen

[1]Elie Wiesel, Alle Flüsse fließen ins Meer. Autobiographie, 2. Auflage, Hoffmann und Campe, Hamburg 1997, S. 121.
[2]Ebenda, S. 31.
[3]Ebenda, S. 119.
[4]Ebenda, S. 30.
[5]Ebenda, S. 114.
[6]Ebenda, S. 492.
[7]Ders., Die Nacht zu begraben, Elischa, Bechtle Verlag, München und Esslingen a/N 1962, S. 37f.
[8]Ders., ...und das Meer wird nicht voll. Autobiographie, Hoffmann und Campe, Hamburg 1999, S. 292.
[9]Ders., aaO. (Anm. 7), S. 9.

Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 5(4) (2001), S. 372f.


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