Lernen wir aus den Angriffen vom 11. September

Von Mark Weber, MA

Der Krieg ist mit Tausenden von Opfern und fesselnden Bildern von Tod und Zerstörung mit furchtbarer, niederschmetternder Plötzlichkeit nach Amerika gekommen. Gemeinsam mit unseren Landsleuten trauern wir um die vielen Opfer der Terrorangriffe vom 11. September auf das World Trade Center in New York und auf das Pentagon-Gebäude in Washington. Jedoch, jenseits unserer Gefühle des Kummers und des Zornes über das Geschehene müssen Klarheit und Verständnis ans Tageslicht treten.

US-Präsident George W. Bush sagte im landesweiten Fernsehen, daß »Amerika Ziel dieses Angriffs war, weil wir in der Welt der strahlende Leitstern für Freiheit und menschliche Entfaltungsmöglichkeiten sind«. Am darauffolgenden Tag sagte er, daß »Freiheit und Demokratie angegriffen wurden«, und daß die Täter auf »alle Freiheit liebende Menschen überall in der Welt« eingeschlagen haben.

Wenn jedoch Demokratie und Freiheit liebende Menschen die Ziele waren, warum wurde dann nicht die Schweiz, Japan oder Norwegen angegriffen? Bushs Behauptungen sind ebenso unwahr wie Präsident Wilsons Erklärung im Ersten Weltkrieg, die Vereinigten Staaten kämpften, »um die Welt für die Demokratie sicher zu machen«, und Präsident Roosevelts Versicherungen im Zweiten Weltkrieg, die USA kämpften für Freiheit und Demokratie.

Unmittelbar nach den Angriffen am 11. September wurde sofort lebhaft darüber spekuliert, wer wohl die Täter gewesen sein könnten. Es ist an sich schon ein Eingeständnis, daß so viele Menschen unser Land abgrundtief hassen und es deshalb gar nicht so einfach ist, festzustellen, wer diese gut organisierten Angriffe aus selbstmörderischer Verzweiflung geplant und durchgeführt haben mag.

Diese erschütternden Angriffe waren aber sehr wohl vorhersehbar. Schon 1993 ließen islamische Fundamentalisten am World Trade Center eine Bombe hochgehen, die sechs Menschenleben forderte. Im August 1998 haben die Vereinigten Staaten Raketenangriffe gegen Afghanistan und den Sudan durchgeführt. Über diese Angriffe sagten hochstehende Beamte der Clinton-Regierung, sie würden den Beginn »eines wirklichen Krieges gegen den Terrorismus« signalisieren. Unmittelbar nach jenen Angriffen wies ein hochrangiger amerikanischer Geheimdienstbeamter warnend darauf hin, daß »die Erwartung einer Vergeltung gegen Amerikaner sehr, sehr hoch einzuschätzen ist.« (The Washington Post, 21. August 1998, S. A1).

Unsere politischen Führer und die amerikanischen Massenmedien verbreiten die lächerliche Fiktion, die Angriffe vom 11. September seien vollkommen unprovoziert gewesen und hätten keineswegs etwas mit irgendwelchen vorhergehenden Handlungen der Vereinigten Staaten zu tun. Jeder soll glauben, daß der tiefgründige Haß auf Amerika durch so viele Menschen in der Welt nichts mit der Politik der USA zu tun hat. Vor allem der Haß der Bevölkerung der arabischen und islamischen Staaten hat aber den Tätern der Angriffe vom 11. September die Beweggründe geliefert. Es liegt mehr als nahe, daß diejenigen, die diese verheerenden Selbstmordangriffe gegen Zentren amerikanischer Finanz- und Militärmacht hauptsächlich durchführten, dies wegen der Luftangriffe und Wirtschaftskriege der USA gegen Afghanistan, Sudan, Irak und Iran taten sowie wegen der jahrzehntelangen amerikanischen Unterstützung Israels mit seiner Angriffspolitik, seiner mörderischen Unterdrückung und seiner brutalen Besatzung gegen Araber und Muslime.


In diesem Krieg geht es um den Islam

Von Salman Rushdie
 

Unter dieser Überschrift veröffentlichte der weltbekannte Kritiker des Koran am 6. November 2001 einen Artikel in der australischen Tageszeitung The Age, worin er seine Meinung begründet, daß es sich beim Krieg der NATO gegen Afghanistan, den Irak und andere islamische Länder tatsächlich um einen Krieg gegen den Islam handelt.

(http://www.theage.com.au/news/state/2001/11/06/FFX1WH04NTC.html)

Amerika ist das einzige Land, das für sich das Recht herausnimmt, seine Soldaten und seine Luftwaffe überall auf dem Globus aufmarschieren zu lassen, wobei »lebenswichtige nationale Interessen« gewahrt werden, wie es die Führer der USA auszudrücken pflegen. George Washington und die anderen Mitbegründer der USA erhoben gegen solche imperiale Arroganz ihre warnende Stimme, während weitsichtige Amerikaner wie Harry Elmer Barnes, Garet Garrett und Pat Buchanan im 20. Jahrhundert ähnliche Bedenken zum Ausdruck gebracht haben.

Für die meisten Amerikaner war der moderne Krieg weitgehend eine abstrakte Angelegenheit – etwas, was sich nur in weit entfernten Ländern abspielte. Die Opfer von amerikanischen Luftangriffen und Bombardierungen in Vietnam, Libanon, Sudan, Libyen, Irak und Serbien blieben ein surreales Medienereignis. Sie wurden nur von wenigen US-Bürgern beachtet, weil Amerikas Kriegshandlungen normalerweise nur wenig Einfluß auf ihr alltägliches Leben hatten.

Ebenso, wie die Bewohner Roms im zweiten Jahrhundert die Schlachten kaum zur Kenntnis nahmen, die von ihren Legionen an den Rändern des Römischen Reiches geschlagen wurden, so befassen sich auch heute die Einwohner von Seattle und Cleveland nicht mit den Verwüstungen, die amerikanische Soldaten und Waffen z.B. im Irak anrichten.

Ramsey Clark, ehemaliger US-Generalstaatsanwalt, beschuldigte die Vereinigten Staaten, »ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit« im Irak zu begehen, »das in seiner Größenordnung, Grausamkeit und Tragweite alles andere überschattet«. Bezugnehmend auf Berichte der Vereinten Nationen und auf Grund seiner eigenen Untersuchungen vor Ort, machte Clark 1996 deutlich, daß der Mangel an Lebensmitteln und Arzneien als Folge der seit 1990 andauernden Sanktionen und Bombenangriffe gegen den Irak durch die USA den Tod von mehr als einer Million Menschen zur Folge hatte, mehr als die Hälfte davon Kinder.

Madeleine Albright, Außenminister in Clintons Regierung, verteidigte die Massentötungen. Während eines Interviews im Jahre 1996 wurde sie gefragt:

Frage: »Wir haben gehört, daß eine halbe Million Kinder gestorben ist [als Folge der Sanktionen gegen den Irak]. Ich meine, das sind mehr Kinder als in Hiroshima gestorben sind. […] Ist es diesen Preis wert?«

Albright: »[…] Wir denken, daß es das wert ist.« (US-Polit-Fernsehmagazin 60 Minutes, 12.5.1996).

Präsident Bush verspricht jetzt einen »Kreuzzug«, einen »Krieg gegen Terrorismus« und eine »andauernde Kampagne«, um »das Übel des Terrorismus auszurotten«.

Aber angesichts der Unterstützung des Terrorismus durch die amerikanische Regierung, zum Beispiel während des Vietnamkrieges, klingen solche Rufe heuchlerisch. In den 80er Jahren unterstützten die Vereinigten Staaten "Terroristen" in Afghanistan bei ihrem Kampf zur Vertreibung der sowjetischen Eindringlinge – darunter Osama bin Laden, jetzt "Hauptverdächtigter" bei den Angriffen vom 11. September.

Mehrere US-Präsidenten haben die israelischen Ministerpräsidenten Menachem Begin und Jitzhak Schamir im Weißen Haus wärmstens empfangen. Es ist wohldokumentiert, daß beide Israelis früher Terroristen waren. Präsident Bush selbst hieß Ariel Scharon in Washington herzlich willkommen, dessen Streitkräfte die gezielte Ermordung von palästinensischen Führungskräften und mörderische Anschläge gegen Palästinenser zu verantworten haben. Sogar eine amtliche israelische Kommission hat ermittelt, daß Scharon Mitverantwortung für die Massenmorde von palästinensischen Zivilisten in den Flüchtlingslagern Sabra und Schatila trägt.

Das World Trade Center nach dem Einschlag des zweiten Flugzeugs im Südturm.

Jüdische und zionistische Führer und ihre amerikanischen Hilfswilligen machten sich schleunigst daran, die Angriffe vom 11. September für ihre eigenen Zwecke auszubeuten. Sie nutzen die derzeitige Stimmung im Lande, bestehend aus blinder Wut und Rachegelüsten, um neue Kriegshandlungen gegen Israels zahlreiche Feinde zu fordern.

In den kommenden Wochen können wir daher damit rechnen, daß die amerikanische Regierung, unterstützt von einer wütenden Öffentlichkeit, gewaltig losschlagen wird. Die große Gefahr liegt jedoch darin, daß eine von Gefühlen getriebene Reaktion die unterschwelligen Spannungen nur verschärfen und zu neuen Handlungen mörderischer Gewalt führen wird.

Was wir jetzt brauchen, ist kein rachsüchtiger »Kreuzzug«, sondern eine wohlüberlegte abgewogene Politik der Vernunft und Gerechtigkeit.

In den kommenden Monaten und Jahren werden die meisten Amerikaner zweifellos weiterhin akzeptieren, was ihre politische Führung und die Massenmedien ihnen einreden.

Aber die aufrüttelnde Auswirkung der Angriffe vom 11. September, die zum ersten Male Terror und Verwüstung durch Angriffe aus der Luft in US-Städte hineingetragen haben, wird immer mehr denkende US-Bürger hierzulande dazu ermutigen, Lügen zu durchschauen, die von der politischen und kulturellen Elite der USA und ihrer zionistischen Verbündeten propagiert werden, um der ganzen Welt ihren Willen aufzuzwingen. Immer mehr Leute werden verstehen, daß die Überseepolitik ihrer Regierung zwangsläufig auch hierzulande entsprechende Folgen haben wird. Als der zionistische Staat 1948 in Palästina gegründet wurde, wies der damalige Außenminister George C. Marshall wie auch fast jeder andere hochrangige Sachverständige für auswärtige Angelegenheiten der USA warnend darauf hin, daß die amerikanische Unterstützung für Israel langfristige unheilvolle Folgen haben werde. Die Ereignisse haben diese Besorgnis nun voll bestätigt.

Auf lange Sicht gesehen werden die Angriffe vom 11. September das öffentliche Bewußtsein bezüglich der imperialen Rolle der US-Regierung in der Welt schärfen, was hoffentlich zu einer besonnenen Neubewertung der abartigen "besonderen Beziehung" zu dem jüdischen Ethnostaat führen wird. Damit einhergehend wird dann der Zorn auf diejenigen wachsen, die amerikanische Interessen und grundlegende Gerechtigkeit und Menschlichkeit den jüdisch-zionistischen Ambitionen untergeordnet haben.

Seit mehr als zwanzig Jahren bemüht sich das IHR, durch seine beharrliche Bildungsarbeit gerade solche Schrecken wie die Angriffe auf New York und Washington zu verhindern. In den vor uns liegenden Jahren werden wir unsere Mission fortsetzen, das Bewußtsein für Geschichte und Weltgeschehen in der Bevölkerung zu stärken und zu fordern, daß diejenigen zur Verantwortung gezogen werden, deren Politik die rasende Wut erzeugte, die dann zu den Angriffen vom 11. September führte. Unsere Arbeit wird dann wichtiger sein als je zuvor.

© 15. September 1001


Übersetzung des Artikels »Learning from the September 11 Attacks« (http://ihr.org/news/010917attacks.html), angefertigt von Hans Rudolf von der Heide. Der Beitrag wurde u.a. in den konservativen Christian News, in einer in Kalifornien erscheinenden arabischen Zeitung sowie in der arabischen Online-Zeitung Al Shaab abgedruckt.


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 5(4) (2001), S. 438f.


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