Stalins Vernichtungskrieg – amtlicher Verleumdungskrieg

Von Dr. Joachim Hoffmann †

Im Februar dieses Jahres verstarb der renommierte deutsche Historiker Dr. Joachim Hoffmann. Die letzte, im Januar 2002 von ihm verfaßte Schrift ist das Manuskript eines Vortrages, den Dr. Hoffmann während der alljährlich am Sienna College in Albany, New York, stattfindenden internationalen Konferenz über den Zweiten Weltkrieg vorgetragen wissen wollte. Es stellt nicht nur eine Einführung in sein Buch Stalins Vernichtungskrieg dar, sondern ist zudem für die zumeist ahnungslosen amerikanischen Historiker eine Einführung in die bundesdeutschen Repressalien gegen Historiker, die sich dem in Deutschland herrschenden linken Gesinnungsterror nicht zu beugen bereit sind. Es ist uns eine Ehre, unseren Lesern Dr. Hoffmanns letzte Worte darbieten zu können.


Das vorliegende Buch Stalins Vernichtungskrieg ist die Abschlußarbeit einer mir als Autor vor 35 Jahren vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt der Bundeswehr in Auftrag gegebenen Untersuchungsreihe über die geschichtliche Entwicklung der sowjetischen Streitkräfte. Schon das Arbeitsergebnis meiner ersten Beiträge in dem vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt 1985 herausgegebenen Sammelwerk Der Angriff auf die Sowjetunion ließ deutlich werden, daß die Militärmacht Sowjetunion sich mit überwältigenden Kräften in westlicher Richtung zu einem Generalangriff auf das für weit unterlegen gehaltene Deutsche Reich vorbereitete. In der Bundesrepublik Deutschland riefen derartige immerhin in einer Amtspublikation erschienene und aufgrund von Archivstudien gewonnene Arbeitsergebnisse insofern einen Skandal hervor, als die tonangebenden, linksradikalen Kräfte hier Schlimmes für den weiteren Ausbau ihrer gesellschaftspolitischen Monopolstellung befürchteten. Im Mittelpunkt des gesellschafts- und geschichtspolitischen Interesses hatte in der BRD verständlicherweise die große Judenverfolgung während des Zweiten Weltkrieges gestanden, der Genozide an der jüdischen Bevölkerung, der mit dem Propagandabegriff „Auschwitz" freilich nur ungenau umschrieben wird. Neben „Auschwitz" bildete die Frage nach dem Entstehen des deutsch-sowjetischen Krieges das zweite große Thema, das von den linksorientierten Kräften in Deutschland als Grundlage ihrer politischen Existenz angesehen wurde. Und beide Fragen gelten in Deutschland als „offenkundig", als entschieden für alle Zeiten. Eine kritische wissenschaftliche Erörterung gilt geradezu als Straftat, die von einer historisch immerhin schimmerlosen politischen Strafjustiz entsprechend verfolgt wird.

Auschwitz ist in Deutschland ein politischer Horrorbegriff geworden, obwohl Auschwitz zur Zeit des Nürnberger Prozesses als Begriff noch unbekannt war und man ihn beispielsweise in dem umfangreichen Registerband der Nürnberger Prozeßprotokolle noch vergeblich sucht und obwohl die Anzahl von dort angeblich ermordeten Juden 1990 von heute auf morgen von 4 Millionen auf 1,2 Millionen und weniger öffentlich revidiert wurde und obwohl der international bekannte Herausgeber des Schwarzbuches des Kommunismus Stephane Courtois ausdrücklich feststellte:

»Auschwitz was not characteristic of the murder of the Jews.« (Auschwitz war für die Ermordung der Juden nicht typisch)

Ist also die Auschwitzfrage – was die Opferzahlen angeht – schon ins Wanken geraten, so gilt dies in noch weit größerem Ausmaß erst recht für die in Deutschland nicht zum Stillstand kommende „Stalinistische" Propagandalüge eines heimtückischen, hinterhältigen Angriffs des aggressiven faschistischen Deutschland auf die „nichtsahnende friedliebende demokratische Sowjetunion". Die Historikergilde der Bundesrepublik Deutschland, politisch gleichgeschaltet durch Jahrzehnte in ihren Auffassungen, ist durch kein Argument der Logik, durch keinen wissenschaftlichen Beweis mehr abzubringen von der Auffassung, daß Stalin einem Angriffskrieg Hitlers zum Opfer gefallen sei, der von diesem skrupellos als „Präventivkrieg" gegen einen Angriff des friedlichen Stalin getarnt worden sei. Die Verbohrtheit gegenüber der Bezeichnung des deutschen Angriffs als eines „Präventivkrieges" ist damit zu erklären, daß man nicht eingestehen kann, daß Hitler einem Angriff Stalins zeitlich nur zuvorgekommen ist. Stalin wird als ein unschuldiges Opfer hingestellt, und unter keinen Umständen darf auch nur indirekt zugegeben werden, daß er einen Angriffskrieg plante und sich darauf auch vorbereitete. Mit solchen Winkelzügen verhindert die Agitprophistorie natürlich von vornherein eine Diskussion der beiderseitigen Kriegsziele. Daß Hitler durch Eroberungen bis zum Ural hin ein für allemal das deutsche Raumproblem im Sinne eines räuberisch denkenden Imperialismus lösen wollte, darf zwar gesagt werden. Daß aber Stalin durch einen Vorstoß bis zur Atlantikküste die erste Etappe der von ihm erstrebten globalen Herrschaft bewältigen wollte, wie sie ja das Staatswappen der UdSSR in brutaler Offenheit demonstriert, das auch nur anzudeuten ist natürlich in höchstem Maße unanständig.

Aber die Tatsachen liegen klar zutage. Stalin bereitete sich vor auf den entscheidenden Kampf mit den Seemächten Großbritannien und USA, der Angriff auf Hitler bildete von daher nur die einleitende Operation. Zu welchem Zweck sonst benötigte die von den Weltmeeren doch nahezu abgeschlossene Sowjetunion bis Juni 1941 neben einer ständig wachsenden Kriegsflotte allein 291 U-Boote, eine ausgesprochene Angriffswaffe, eine größere U-Bootflotte als alle anderen Länder der Erde zusammen?

Die von der Agitprophistorie in Umlauf gesetzte und bis heute geglaubte Behauptung, die Rote Armee sei der siegesgewohnten deutschen Wehrmacht materiell weit unterlegen gewesen, Stalin und die Führung der Sowjetunion hätten einen deutschen Angriff daher gefürchtet und alles getan, um Hitler von einem solchen abzuhalten, ist von einer geradezu lächerlichen Absurdität und wird durch das vorliegende Buch in allen Punkten schlagend widerlegt. Die Verhältnisse waren genau umgekehrt, und Stalin verfügte in Wirklichkeit über eine geradezu überwältigende militärische Übermacht, wie schon einfache Vergleichszahlen zeigen.

Bei Kriegsbeginn am 22. Juni 1941 verfügte die Rote Armee über nicht weniger als 24.000 Panzer, darunter 1.861 Stück der Typen T34 und Klim Worosilow, die in der ganzen Welt nicht ihresgleichen fanden. Die deutsche Wehrmacht dagegen besaß 3.550 Panzer und Sturmgeschütze, von denen es aber nur 1.850 mit dem sowjetischen Gegner aufnehmen konnten. Die Luftstreitkräfte der Sowjetunion bestanden aus 23.245 Flugzeugen, der größte Teil von ihnen solchen der neuesten Baumeister, die den einsatzbereiten 2.500 deutschen Flugzeugen zum Teil technisch weit überlegen waren. Die Rote Armee besaß ferner 148.000 Geschütze und Granatwerfer aller Gattungen und Systeme, unter ihnen die einzigartigen Salvengeschütze (reaktive Werfer, „Stalinorgel"), die in der Wehrmacht unbekannt waren. Demgegenüber verfügte die deutsche Wehrmacht über nicht mehr als zusammengenommen 7.146 Geschütze und schwere Granatwerfer. So besaß die Rote Armee in allen Hauptwaffen eine erdrückende Überlegenheit, und es stellt sich die Frage, wieso der Realist Stalin einen Angriff der im Zweifrontenkrieg befindlichen Wehrmacht befürchtet haben soll, deren Mängel, etwa in der Versorgung mit Treibstoff, in Moskau bestens bekannt waren.

Mein Buch Stalins Vernichtungskrieg, das auf der kritischen Auswertung der sowjetischen Militärliteratur und der verfügbaren sowjetischen Akten beruht, hat einwandfrei erwiesen, daß Stalin nicht nur materiell auf einen Angriffskrieg vorbereitet war, sondern daß auch die gesamte Zusammenziehung und Aufstellung der Truppen der Roten Armee einzig und allein auf die Führung eines Angriffskrieges und, entgegen den Anschauungen der stalinhörigen Geschichtspropaganda, nicht auf die Abwehr eines deutschen Überfalls zielte. Auf sowjetischer Seite herrschte ein grenzenloses Überlegenheitsgefühl, und auch in der Zeitplanung stand die Sowjetunion unmittelbar vor einem Generalangriff auf das Deutsche Reich.

Stalin hatte, wie sich auch meinem Buch in aller Klarheit entnehmen läßt, seine aggressiven Ziele bei verschiedenen Gelegenheiten offen verkündet. So hatte er am 19. August 1939 in einer Geheimsitzung des Politbüros des Zentralkomitees – die nach der Sowjetversion angeblich überhaupt nicht stattgefunden haben soll – die Gründe für den Abschluß eines Paktes mit dem Deutschen Reich in einer Weise dargelegt, die ihn nach dem Urteil russischer Historiker als einen Hauptkriegsbrandstifter entlarvt. Stalin legte gleichsam die Lunte an das Pulverfaß. Erste Etappe für die von ihm geplante Errichtung einer imperialen Herrschaft war demnach die Bolschewisierung Deutschlands und Westeuropas. Der Nichtangriffspakt mit dem geheimen Zusatzprotokoll war zu dem Zweck geschlossen worden, Deutschland in einen Angriffskrieg mit Polen zu verstricken, die gleichzeitig abgeschlossenen gewaltigen Handelsverträge waren dazu bestimmt, das rohstoffarme Deutsche Reich mit allen notwendigen Rohmaterialien einschließlich Öl und Lebensmittel in großzügiger Weise zu versorgen, um es in Stand zu setzen, den von Stalin gewünschten langen Abnutzungskrieg mit den Westmächten durchzustehen.

Am 5. Mai 1941 verkündete Stalin in einer großen Rede vor den Absolventen der sowjetischen Militärakademie im Kreml in aller Offenheit, daß er sich auf einen Angriffskrieg gegen Deutschland vorbereite. Stalin rief seinem militärischen Auditorium zu:

»Jetzt, wo wir unsere Armee rekonstruiert haben, wo wir sie gesättigt haben mit Technik für den neuzeitlichen Kampf, wo wir stark geworden sind, jetzt ist es notwendig, von der Verteidigung zum Angriff überzugehen. Nachdem wir die Verteidigung unseres Landes durchgeführt haben, sind wir verpflichtet, angriffsweise zu handeln, von der Verteidigung zur Kriegspolitik der Angriffsoperationen überzugehen.«

Konnten seine Aggressionsabsichten noch deutlicher formuliert werden?

Zehn Tage nachdem Stalin seine Kriegsdrohungen ausgestoßen hatte, am 11. Mai 1941, überreichte der Chef des Generalstabes der Roten Armee, General Schukow, im Beisein des Volkskommissars Marschall Timoschenko, im Kreml den von Stalin in Auftrag gegebenen strategischen Plan für einen Angriffskrieg gegen Deutschland. Daß nur Stalin einen solchen Kriegsplan hatte in Auftrag geben können und er ihn dann auch vollauf gebilligt hat, darüber gibt es keinen Zweifel. Dies bestätigte auch der Stalinbiograph Generaloberst Wolkogonow am 29. Juni 1990 im Militärgeschichtlichen Forschungsamt in Freiburg, als er erklärte, Stalin habe den Plan handschriftlich monogrammiert, und er, Generaloberst Wolkogonow, habe das Monogramm selber gesehen.

Alle Maßnahmen und Planungen auf sowjetischer Seite waren von nun an allein auf das Ziel gerichtet, den Generalangriff auf Deutschland militärisch und propagandistisch vorzubereiten. Die gesamten disponiblen Streitkräfte der Roten Armee und Luftwaffe waren offensiv in einer Weise aufgestellt, die nach Meinung des Oberkommandierenden der NATO, Europa Mitte, General Graf Kielmannsegg, nur einen Schluß zuließ: Angriff auf das Deutsche Reich. Die Notwendigkeit von Verteidigungsvorkehrungen Deutschland gegenüber wurde rundweg ignoriert. Und selbst die mit großem Aufwand geschaffenen Befestigungen der Stalinlinie an der westlichen Staatsgrenze waren längst vollständig abgebaut worden – dies allein ein untrüglicher Beweis dafür, daß Stalin nicht im geringsten mit der Gefahr eines deutschen Angriffs rechnete. Die Hauptstoßkräfte der Sowjetunion, die 100 Panzer- und motorisierten Divisionen, befanden sich großenteils in den weit nach Westen hineinreichenden Frontbögen um Bialystok und Lemberg und Rumänien gegenüber. Die gesamten Luftstreitkräfte der Sowjetunion waren auf unzähligen Flugplätzen in unmittelbarer Nähe der Staatsgrenze zusammengezogen worden und ebenso die strategischen Vorräte der Roten Armee wie Munition, Treibstoff, Verpflegung. Die Truppen der Roten Armee, durch geheime Einberufungen praktisch im Mobilmachungszustand, waren entlang der deutschen Staatsgrenze angriffsbereit aufmarschiert.

Und während die deutsche Führung dem Ausmaß der Bedrohung auf sowjetischer Seite gegenüber fast ahnungslos war, war die sowjetische Führung durch ihre strategische Aufklärung über Stärke und Aufstellung der Truppen der Wehrmacht genau unterrichtet. Das galt insbesondere auch für die gewaltige Unterlegenheit der Deutschen in materieller Hinsicht.

Daß die Sowjetunion unmittelbar vor einem Überfall auf das Deutsche Reich stand, geht aus zahlreichen öffentlichen Reden maßgeblicher Funktionäre des Politbüros wie Kalinin, Schdanow, Berija, Schtscherbakow und anderer hervor. Alle diese Äußerungen enthüllen schonungslos, daß es Stalin eben gerade nicht um die Erhaltung des Friedens und die Sicherung des Sowjetstaates zu tun war, sondern daß er militärisch und politisch mit aller Kraft darauf hinarbeitete, einen Krieg zur Eroberung von ganz Europa vom Zaune zu brechen.

Stalin hat den deutsch-sowjetischen Krieg am 6. November 1941 als einen Vernichtungskrieg bezeichnet. Unmittelbar nach Kriegsbeginn befahl er die Erschießung aller politischen Gefangenen in den feindbedrohten Gebieten. Und noch in den Junitagen 1941 wurden Tausende von Ukrainern, Polen, Russen, aber auch von Juden und Deutschen in den Gefängnissen von Lemberg und an unzähligen anderen Orten der Sowjetunion und der von Stalin annektierten Gebiete auf bestialische Weise ermordet.

Die Sowjetunion hatte die Genfer Konvention zum Schutz der Kriegsgefangenen nicht anerkannt und betrachtete Rotarmisten, die in Kriegsgefangenschaft geraten waren, als Deserteure und Verräter. Sie hatten strengste Strafen zu erwarten, meist die Erschießung. »Menschenleben dürfen nicht geschont werden«, das war die Parole, unter der die Rotarmisten mit brutalem Terror in den Kampf getrieben und zu Hekatomben hingeopfert wurden. Der Krieg hatte mit sowjetischen Massenmorden begonnen, und er endete mit den ungeheuren Untaten an der deutschen Zivilbevölkerung und an deutschen Kriegsgefangenen.

Wenn die vorliegende Veröffentlichung sich einer Darstellung der Verbrechen Stalins widmet, so ist dies von der Sache her durchaus berechtigt und bedeutet auch kein Verschweigen der, wenn auch nicht von der Wehrmacht, so doch von den Organen des Reichsführers SS begangenen Untaten, insbesondere des Genozides an den Juden. Daß unter dem Titel Vernichtungskrieg der Öffentlichkeit aber ein Buch präsentiert wurde, in dessen Mittelpunkt die Kriegsverbrechen Stalins standen, nicht die Hitlers, und dies zu einem Zeitpunkt, als unter dem Titel Vernichtungskrieg eine noch nicht dagewesene Hetzausstellung gegen die Wehrmacht eröffnet wurde, bedeutete eine Herausforderung, die sich der aggressive Obskurantismus nicht gefallen lassen konnte.

Nun muß man wissen, daß es in Deutschland nicht gern gesehen wird und manchmal auch nicht ungefährlich ist, abweichende Meinungen zu haben. Man ist in neuerer Zeit dazu übergegangen, nichtkonforme Auffassungen zu kriminalisieren. So fielen Dissidenten zur Zeit Hitlers unter den abwertenden Begriff der „Heimtücke", in der DDR hieß das entsprechende Delikt „Staatsverleumdung" und „Boykotthetze", und in der BRD schließlich wurde für Andersdenkende der Begriff der „Volksverhetzung" geprägt. Obwohl die Wissenschaftsfreiheit im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland feierlich proklamiert und in den Grundrechten besonders hervorgehoben wird, bildete sich der Zustand heraus, daß eine unkundige Kriminaljustiz heute darüber zu bestimmen hat, was geschichtlich wahr und was geschichtlich unwahr ist. Es war unausbleiblich, daß unbequeme Historiker jetzt einer straf- oder disziplinarrechtlichen Verfolgung unterliegen und in Fortsetzung der Unsitten des Dritten Reiches mißliebige Bücher der Verbrennung.

Mit Hilfe eines so geschaffenen Repressionsapparates glaubten die Linksideologen nun auch gegen das Werk Stalins Vernichtungskrieg vorgehen zu können. Am 28. Februar 1996 richtete die Fraktion der Partei der „Grünen" im Deutschen Bundestag nicht weniger als 6 parlamentarische Anfragen und 14 Zusatzfragen an die Bundesregierung wegen dieser »monströsen Publikation« eines ehemaligen Historikers des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes (MGFA). Obwohl die Bundesregierung weder zuständig noch kompetent in Fragen der Geschichtswissenschaft ist, wurde das Manöver noch einmal wiederholt, als diese Kreise am 13. September 1996 die Bundesregierung mit 12 parlamentarischen Anfragen und 10 Zusatzfragen in die Ecke zu drängen versuchten. Dieses noch nicht dagewesene Unterfangen, den Deutschen Bundestag in ein Inquisitionstribunal gegen einen nicht anwesenden Historiker umzufunktionieren, endete jedoch in einer wohlverdienten Abfuhr. Und der Vizepräsident des Bundestages, Herr Klein, hielt sich sogar für verpflichtet, Protest gegen den unverschämten Ton dieser Abgeordneten einzulegen.

Hatte es sich im Bundestag noch um eine Provokation radikaler Kräfte gehandelt, so wurde jetzt eine staatliche Behörde, das Landesamt für Verfassungsschutz Baden-Württemberg, eingeschaltet, um das Stalinbuch und seinen Verfasser irgendwie unglaubwürdig zu machen. Der Leiter dieser Landesbehörde, die ihre Existenz in der Bespitzelung und Denunziation unbescholtener Staatsbürger findet, ließ in der von seinem Amt herausgegebenen Massenbroschüre nachweislich unwahre Behauptungen verbreiten, denen das Publikum entnehmen sollte, es handele sich bei dem Verfasser des Werkes Stalins Vernichtungskrieg quasi um einen Verfassungsfeind.

Aber diesmal sind die Verleumder an die falsche Adresse gelangt. Denn es stellt sich doch die Frage, wie ein durch Urkunde des Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland 1960 in den wissenschaftlichen Bundesdienst berufener, nach 35 Jahren ehrenvollen Dienstes durch Urkunde des Bundesministers der Verteidigung mit Dank und Anerkennung für treue Dienste verabschiedeter Historiker ein Staats- und Verfassungsfeind gewesen sein soll. Weil er ein wissenschaftlich unanfechtbares Buch über Stalin geschrieben hat?

Zwar wurde eine Dienstaufsichtsbeschwerde beim Innenministerium des Landes Baden-Württemberg gegen diese schon Verbrechenscharakter tragende Denunziation brüsk zurückgewiesen. Doch ist es gelungen, die Öffentlichkeit in einem Sammelband angesehener Autoren auf die kriminellen Machenschaften dieser Landesbehörde aufmerksam zu machen.

Alle Versuche, das Werk Stalins Vernichtungskrieg und seinen Autor irgendwie zu Fall zu bringen, sind kläglich gescheitert. Der Verfasser war jahrzehntelang amtlich mit der Erforschung der Geschichte der Roten Armee beauftragt. Auch das vorliegende Werk beruht auf amtlichen Akten und unbekannten Dokumenten sowie auf sowjetischer Militärliteratur. Inzwischen liegen ungezählte positive Besprechungen in wissenschaftlichen Organen des In- und Auslandes vor. Was aber die Unterdrückungsversuche in der BRD angeht, so haben diese das allgemeine Interesse an dem Buch nur noch weiter gesteigert.

So war es der angesehene Münchener Verlag Langen Müller Herbig, der inzwischen die 7. Auflage herausgegeben hat. Und nach einer geradezu mustergültigen amerikanischen Ausgabe bei Theses and Dissertations Press (Capshaw, Al, USA) ist auch in anderen Ländern das Interesse an einer Übersetzung bekundet worden.

Nachsatz: Im April 2002 hat der französische Verlag Editions Akribeia in Saint-Genis-Laval vom Verlag Langen Müller Herbig die Rechte an einer französischen Ausgabe von Stalins Vernichtungskrieg erworben, die im Laufe des Jahres 2003 erscheinen soll.


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 6(3) (2002), S. 336-339.


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