Ich, der Antisemit?

Von Alfred Mederer

Einführung

Beunruhigendes zieht am bundesdeutschen Himmel auf, es sind nicht die üblichen Gewitterwolken, es ist offenkundig Anstößiges auf dem glatten politischen Parkett gelandet. Bundeskanzler Schröder höchstpersönlich sagte es mit Nachdruck und allen, die es hören sollten: Die Debatte in Sachen Antisemitismus, losgetreten von Möllemann, dem Fallschirmspringer für die FDP, sei schleunigst zu beenden, denn sie sei gefährlich. Da klingelten bei mir die Alarmglocken.

Der bayerische Landesbischof Johannes Friedrich ließ sich Wochen zuvor nach einem Besuch in Bethlehem zu einer Kritik an Scharon hinreißen, den Kriegsherrn in Israel. Damals wohl noch betreten zögernd, legt Schröder nun nach: Egomanen sind sie samt und sonders, die an Juden Kritik übten.

Offizielle Juden wettern zwar ungehemmt gegen jeden, der in Sachen Kriegstreiberei in Nahost den Mund auftut, unappetitlich, ja verwerflich sei es, wenn Deutsche dasselbe täten.

Welcher Art ist nun die Gefahr, die uns droht?

Sollen wir von der eigenen Regierung in Schach gehalten werden, einfach so, ohne konkrete Bedrohung? Wahrscheinlich soll, wie immer, die Peitsche über unserem Volk geschwungen werden, damit die Regierenden im In- und Ausland leichteres Spiel mit uns haben. Die tragenden Säulen unseres Staatswesens, der Antisemitismus und der Holocaust haben doch nicht etwa an niederhaltender Wirkung verloren? Eine nicht ganz ehrbare Aufgabe, die von den Großen der Politik – so oder so – zu lösen wäre.

Wo sind wir, das Volk, wo bin damit auch ich hineingeschlittert, wenn die höchste politische Instanz warnen muß. Wovor eigentlich? Geht es nur um verbale Schelte und übliche Schuldzuweisung, die abzuwenden wäre oder gar um Sanktionen, die der deutschen Wirtschaft größtmöglichen Schaden zufügen sollten?

Seit gestern aber fürchte ich mehr, denn unser Verteidigungsminister sah sich gezwungen, ebenfalls Stellung zu nehmen, vor dem bedrohlichen Antisemitismus.

In NATO-Kreisen tauchten Fragen nach innenpolitischen Vorgängen in Deutschland auf, die sofortige Zurückweisung des Antisemitismus erforderlich machten.

Jetzt weiß ich, hier geht es um mehr, um viel mehr. Das Problem ist nun gar militärisch relevant geworden. Da gnade uns Jahwe, der unentwegt Zürnende!

Zumindest über mir schwebt nun nicht mehr nur die wortgewaltige Drohung beleidigter Mitglieder des Zentralrates, sondern die apokalyptische Schale des Zornes, die es auszugießen gilt über Gerechte und Ungerechte. Natürlich hier bei uns, in welcher Form auch immer.

Gut für uns, daß israelische Panzer vollauf mit palästinensischen Dörfern beschäftigt sind. Die also in Erklärungsnotstand geratenen Semiten werden doch nicht etwa den großen Bruder zu größeren Taten, zur Endzeit-Lösung drängen wollen? Ich sehe ja ein, daß Busch und Scharon sowie ihre Mannen Hilfe von Übermächtigen dringend nötig hätten. Jahwe scheint nicht mehr motiviert genug für seinen Segen über die Kreuzzügler, die auch IHN austricksen wollten.

Von nirgendwo her kam mir Erleuchtung, warum wir, mehr oder weniger kollektiv, wiederum dem Antisemitismus anheim gefallen sein sollen. Wofür wir, glaubt man den Warnungen, erneut straffällig wären. Keiner weiß, wie schwer die Strafe sei und in wieviel weitere Generationen sie in die Zukunft reichen soll.

In meiner Bedrängnis werde ich mich an meinen Freund Manfred wenden müssen, mir fällt sonst niemand ein, der mir erklären könnte, wann und wo genau der Antisemitismus beginnt und wo er enden könnte, und was der Begriff eigentlich meint.

In einschlägiger Literatur finde ich eher Historisches, keine Aussage über die Strafbarkeit des praktikablen Deliktes. Aufgelesen habe ich dabei, daß um 1881 antisemitische Gesetze in Rußland formuliert wurden, wonach viele Juden aus dem Zarenreich in westeuropäische Länder flohen.

Wesentlich früher sei die Judenfeindlichkeit vom europäischen Christentum in islamische Länder exportiert worden. Bis ins frühe Mittelalter lebten Juden und Moslems friedlich zusammen.

In Deutschland habe es seit 1913 schon 17 Verbände gegeben, die Mitglieder jüdischer Herkunft nicht aufnahmen. Eingebracht wurde die Feindschaft zwischen dem Christentum, den Juden und den Mohammedanern bereits durch die Kreuzzüge.

Der Ausdruck Antisemitismus ist erstmals 1879 gebraucht worden. Unerfindlich, warum die religiöse und politische Abneigung gegen die Juden sich schließlich der neuen Wortwaffe bemächtigte. Sprachlich unkorrekt angewandt ist es allemal, denn Antisemitismus bedeutete zumindest noch vor hundert Jahren Gegnerschaft gegenüber allen Semiten, also auch den Arabern.

Ungeklärt bleibt, warum die Judenheit den Begriff als semantische Waffe nutzt, ohne den Haager Gerichtshof einzuschalten, wo es doch auch um Volksverhetzung und Kriegsvorbereitung geht. Vor allem aber, wieso ihn alle Welt übernehmen mochte. Wahrscheinlich, weil die Medien zunehmend in die Hände der Juden gerieten. Bei der sprichwörtlichen Chuzpe der Juden darf angenommen werden, daß alles, was in dem Begriff unterzubringen war, zu ihrer Wohlfahrt gereichen mußte.

Freund Manfred: „Du denkst am Kern der Sache vorbei. Für Juden zählt weder die sprachliche Herkunft oder wissenschaftliche Berechtigung des Begriffes, sondern seine

Wirkung. Sie sehen darin ein in Vergangenheit und Zukunft wirkendes Schimpfwort, das die Judenheit zusammenhält und die Gojims verunsichert bis hin zur wirtschaftlichen und politischen Vorteilsnahme. Ja, bis hin zur totalen Verwirrung und Selbstauflösung der verachteten Nichtjuden.

Natürlich ist das kein Rassismus, denn die mosaische Religion gebietet diese Art von Mißachtung und weil die Juden sowieso nicht betroffen sein können - durch die Gnade der Auserwähltheit. Was ihnen entgangen sein mochte: Auserwählte bedeuten eine schöpfungswidrige Hervorhebung, die den Rest der Menschheit zurückstuft, provoziert und diskriminiert. Sie scheuen sich nicht, Antisemitismus zu provozieren, wann immer sie diesen Begriff zu ihrem Vorteil brauchen können.

Bemerkenswert die Tatsache, wie alle Regierungen den Antisemitismus plus Volksverhetzung so verstehen und gebrauchen wie die Juden ihn wollen.

Ich erinnere mich, zum Beispiel, an den Schriftsteller Ari Behn, den Ehemann der norwegischen Prinzessin Märtha, der ohne erkennbaren Anlaß in einem Osloer Magazin sagen durfte, er scheiße auf alle Deutschen, denn sie seien schlechte Menschen, sie wären nur zum Fußballspielen zu gebrauchen, auch wisse er, daß sie gut darin sind, Kriege anzufangen.

Wer hat eigentlich die meisten Kriege angezettelt?

Niemand wies den Herrn wegen Volksverhetzung, Deutschenhaß oder Antigermanismus zurecht. Schon gar nicht eine deutsche Instanz. Gegen jedes andere Volk darf gehetzt oder beleidigt werden ohne „geeignete Maßnahmen" fürchten zu müssen. Es geht auf zionistischer Seite um Machtanspruch und gezielte Demütigung, keineswegs um Gerechtigkeit oder Moral, was nicht immer Zustimmung bei allen Juden voraussetzt."

Nachdem ich tief Luft geholt: „Du hast mir zu weiteren Erkenntnissen verholfen, aber ich weiß immer noch nicht, wie ein korrekter Mensch sicher sein kann, daß er kein Antisemit ist. Nach den Vorgaben der hohen Politik, meine ich. Man denkt so vor sich hin, so man sich als freier Bürger wähnt, ohne einen Gedanken an Tabus. Früher oder später werden große Brüder unser Denken kontrollieren und uns Mores lehren wollen, wenn Mangel an Schuldzuweisungen eintreten sollte. Bis dahin dürfen wir ungestraft denken?

Obwohl ich mir durchaus bewußt bin, daß bundesdeutsche Regierungen weder wirklich frei sind, noch demokratisch handeln können, brauchen sie keine direkte Verantwortung tragen. Vielleicht läßt man ihnen einen gewissen Spielraum, wahrscheinlich reicht es nicht für eine klare Definition des Antisemitismus. Hier wird die Unschärferelation gebraucht. Und unendliche Nachsicht von ganz oben, wo Wahrheit als hohes Gut rangiert. Wahrheitsfindung ist auf

Erden nicht selten, speziell in der BRD sehr häufig, ein strafwürdiges Unterfangen."

Manfred: „Wir sind gut beraten, wenn wir die Gedanken schweifen lassen, wohin sie wollen, so lange sie noch frei sind. Wir lassen uns nicht einbinden in irgendwelche als hehr gehandelten Religionen und Weltanschauungen, worunter Juden wegen ihrer Auserwähltheit fortwährend zu leiden haben. Der Talmud, die gegenüber Nichtjuden ungerechte Religiosität, wird von immer mehr Juden abgelehnt. Solidarisch erklärt sich die Mehrheit der Juden in der grauenvollen Gegenwart nur noch durch die Eroberung Palästinas, das sie als das Heilige Land ihrer Ahnen sehen. Alttestamentarische Rache in Kauf genommen."

„Du meinst also" – so antworte ich – „die Juden und die Moslems holen an Feindseligkeit nach, was ihnen die Christenheit in grauer Kreuzzugszeit vorgeführt hat? Mag sein, daß die Semiten, die Orientalen allgemein über ein längeres Gedächtnis verfügen als wir. Es sieht aber nicht danach aus, als hätten sie viel daraus gelernt. Der Stammesgott der Juden, Jahwe, ist ja nicht gerade ein Gott der Liebe, so man sich in der Bibel kundig macht. Vielleicht erklärt sich daraus das „Auge um Auge, Zahn um Zahn", das in Nahost noch immer gilt und heiße Fronten schafft. Nicht zuletzt gegen palästinensische Zivilisten, die sich im Zorn zu Kamikaze-Angriffen eben nicht nur auf reguläre Soldaten Israels hinreißen lassen, weil sie bald nicht mehr wohnberechtigt sein werden – in ihrem eigenen Land.

Den israelischen Staatsterror gutheißen? Ich kann es nicht. Auf Eiern gehen, wie es Lewy, der Gesandte Israels den Deutschen pauschal verordnen will, wenn es um Kritik am Staate Israel geht? Denn dort sind die Juden jederzeit beleidigungsbereit.

Ob es jemals erlaubt sein wird, verfolgungsfrei Solidarität mit den palästinensischen oder anderen eventuellen Opfern Israels zu empfinden? Schließlich haben wir Steuerzahler viele Milliarden schwere Hilfe für Israel und den Aufbau einer palästinensischen Infrastruktur geleistet. Nicht aus Überzeugung, aber wir haben."

„Nimm das doch nicht alles so ernst" unterbricht Manfred meinen Redefluß. „Morgen scheint die Sonne wieder auf alle, die sich mit und ohne Waffen ereifern, im Nahen, und auf unsere Fußballer im Fernen Osten. Wärest Du noch jung genug, würde ich Dir Fallschirm-Springen empfehlen - das soll helfen, wie der FDP-Vize beweist. Möllemann geht uns voran.

Wenn ich im Fernsehen den Friedman sehe, weiß ich, was das Volk und seine Springer ertragen müssen. Ich gebe es zu, Friedman fördert bei mir auch ein gerüttelt Maß an Unmut, allein durch die Häme, die er zur Schau trägt, wenn er mehr oder weniger Bedarfte in seinen Debatten niederbügelt.

In wenigen Tagen oder Wochen schon kommen auf die streitbaren Mächte Probleme zu, die global unsere antisemitischen Befindlichkeiten, die deutsch-israelische Besonderheit, vergessen machen könnten. Man muß ja nicht gerade ein Esoteriker sein, um die Sonne auch hinter den Wolken zu sehen. Weit abgeschlagen in der Schöpfungsordnung liegen die Streithähne, der Antisemitismus und die Globalisierung. Trage es mit Würde, lieber Freund, wenn ich dir auf den Kopf zu sage – du bist ein Antisemit. Mach das Beste daraus."

Lachend beendet er das Gespräch.

Nachdenklich verzehre ich mein Abendbrot, leiste mir ein beruhigendes Glas Bier, bevor ich schlafen gehe. Ich wünsche mich weit weg in eine ehrlichere Welt.

Der Morgen graut und Amtspersonen holen mich aus dem Haus, bevor ich frühstücken kann. Die Zähne darf ich mir noch putzen, dann werde ich in ein grünes Auto geschubst und in halsbrecherischer Fahrt vor das Amtsgericht in Kempten gebracht. Mit keinem der Büttel

konnte ich ein Wort reden.

Ich weiß also nicht, warum ich plötzlich vor einem Staatsanwalt und einem Richterkollegium stehe. Ein Herr in Robe:

„Endlich dürfen wir sie in Empfang nehmen. Sie werden eines Deliktes beschuldigt, das einem Kapitalverbrechen entspricht."

Ich weiß nun, daß ich als Antisemit mich verantworten muß.

Die inquisitorischen Blicke der Herren beunruhigen mich zutiefst. So gebe ich mich erst einmal unwissend und frage:

„Was liegt vor gegen mich, ich bin nicht vorbestraft und habe nichts verbrochen?"

"Das sagen sie alle, die meinen, sie seien von Natur aus unschuldig", entgegnet einer, der sich als Staatsanwalt outet.

Neben mir stehen plötzlich zwei Polizisten, die deutlich an ihren Pistolen nesteln. Pflichtgemäß fühle ich mich wie ein Schwerverbrecher.

Die Herren nehmen Front gegen mich ein. Ihr Sprecher oder wer immer, liest die Anklageschrift vor. Aufgeregt wie ich bin, verstehe ich sehr wenig, aber die wiederholte Anschuldigung von Unbelehrbarkeit, offenkundigem Verstoß gegen die Menschenwürde und immer wieder antisemitische Denkweise und unappetitliche Umtriebe, bleibt haften.

Verunsichert frage ich, um meine Stimme zu hören: „Was meinen der Herr mit unappetitlichen Umtrieben – gehe ich zu oft auf das Klo?"

„Sie verkennen den Ernst ihrer Lage, uns interessiert nicht ihre Verdauung, sondern was sie per Telefon an Widerlichem von sich geben und dem Computer anvertrauen. Leserbriefe haben sie auch geschrieben – Angeklagter!"

Neugierig frage ich, wahrscheinlich mit allzu naivem Gesichtsausdruck „Was ist ein Antisemit, wenn ich mir erlauben darf?"

Strenge Blicke treffen mich wie Pfeile, die Herren tuscheln miteinander, bis einer sagt, daß es sich dabei um ein strafwürdiges Vergehen handle, das wegen seiner Offenkundigkeit nicht näher dargelegt werden müsse.

Ich denke mir, die da vor und über mir wissen es auch nicht. In mir kehrt Ruhe ein und Zuversicht. Ich brauche wenigstens nicht erschossen oder vergiftet oder einfach hingerichtet zu werden. Gedanken mache ich mir wegen des Aufwandes, der da getrieben wird. Was das wohl kosten mag?

Wie wenn die hohen Herren meine Abschweifungen erraten hätten, ertönt der Befehl: „Handschellen anlegen und ab mit ihm in die Zelle!"

Ich erschrecke – und erwache daheim, in meinem Bett.


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 6(3) (2002), S. 334-336.


Zurück zum Inhaltsverzeichnis