Viktor Emil Frankl in Auschwitz

Von Elmar Schepers

In der letzten Ausgabe der Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung veröffentlichten wir einen kurzen Beitrag aus der Feder Theodore O'Keefes über den berühmten österreichischen Psychologen Viktor Frankl.[1] Anhand von Äußerungen Frankls selbst sowie aus Forschungen der etablierten Historikerzunft zeigte O'Keefe auf, daß Frankl in seinen Erinnerungen über seinen Aufenthalt im KL Auschwitz nicht besonders wahrheitsliebend war. Unser österreichischer Leser Walter Lüftl schrieb uns daraufhin einen Leserbrief, der weiter hinten in diesem Heft abgedruckt ist. Darin entschuldigt er Frankls Ungenauigkeiten und hebt dessen sonstige Wahrheitsliebe hervor. Der Beitrag von E. Schepers nimmt sich nun Frankls Erlebnisbericht über Auschwitz vor und untersucht ihn systematisch. Dem Leser bleibt überlassen zu urteilen, wie weit es mit Frankls Wahrheitsliebe tatsächlich her ist, wenn es um seine Erlebnisse in und um Auschwitz geht.


Auf Wunsch vom Viktor Frankl-Institut in Wien und IMAGNO sahen wir uns gezwungen, dieses Bild zu entfernen. Es kann jedoch auf der Webseite des Instituts (Photo Album) betrachtet werden: http://logotherapy.univie.ac.at

Viktor Frankl 1930
vor der Klinik am Rosenhügel

Der bekannte, 1997 verstorbene Psychiater und Psychotherapeut Viktor Emil Frankl, der wegen seiner jüdischen Herkunft im KL (vulgo KZ) Auschwitz interniert war, hat über diese Zeit einen Bericht verfaßt, der unter dem Titel ...trotzdem Ja zum Leben sagen, ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager, in München 1977 in erster Auflage erschien und zuletzt 1998 neu aufgelegt wurde. Dieses Buch wurde vor allem in den USA ein Verkaufsschlager und dort in zwei Millionen Exemplaren abgesetzt. In Deutschland soll jetzt postum eine Neuauflage in Vorbereitung sein. Der Klappentext des Kösel-Verlages (hier zitiert nach der zweiten deutschen Auflage München 1978) preist das Buch an als »dokumentarisches Lehrstück« und »Meisterwerk psychologischer Beobachtung«. Im folgenden soll der Text von einem Sprachwissenschaftler und Historiker auf die Stimmigkeit der Darstellung hin untersucht werden. Es sollte im Sinne des Grundgesetzes im Rahmen wissenschaftlicher Auseinandersetzung möglich sein, sich einem kurzen Abschnitt der jüngsten deutschen Geschichte vorurteilslos zu nähern und eindeutige Schlußfolgerungen zu ziehen.

Gleich eingangs betont Frankl (S.15), seine Schrift sei eine »Erlebnisschilderung«, weniger ein »Tatsachenbericht«. Abgesehen von der offensichtlichen Unklarheit dieser Begriffsbestimmung müssen wir wohl doch davon ausgehen, daß der Psychologe das, was er berichtet, erlebt hat, also Tatsachen wiedergeben will. Er fährt dann fort, daß seine Schilderungen »sich weniger mit Vorgängen in den berühmten, großen Lagern befassen, als mit solchen in den berüchtigten Filiallagern«. Dieser Feststellung muß mit Vorsicht wegen der offensichtlichen Unlogik begegnet werden, denn in seinem Buch berichtet Frankl nur über Auschwitz, das von der gesamten Literatur als das größte Lager überhaupt anerkannt ist.[2] Bereits auf dieser ersten Seite seines Berichts verwickelt sich F. in schwer auflösbare Widersprüche.

Deutsche Neuauflage
von Frankls Geschichte

Von der Aussonderung der Häftlinge in arbeitsfähige und zur Arbeit unfähige, von der Frankl auf. S. 17 berichtet, kann der Leser sich kein klares Bild machen, denn die Darlegung beginnt mit der Bemerkung »Nehmen wir etwa an...«. Der Berichterstatter fährt dann fort: »denn man vermutet, und nicht mit Unrecht, daß es ins Gas geht«. Ein Wissenschaftler wird sich aber mit Vermutungen nicht zufrieden geben, denn es war ein Erlebnisbericht angekündigt. Was er gesehen hat, schreibt Frankl nicht. Auf S. 21 bekräftigt er nochmals: »Hier sollen jedoch Tatsachen nur insofern vorgebracht werden, als das Erlebnis eines Menschen jeweils das Erlebnis tatsächlichen Geschehens ist«. Die Sprachwissenschaft nennt solche Formulierungen Tautologie. Frankl fährt dann fort, für die Insassen solle »hier das, was sie selber tatsächlich erlebt haben, mit den zur Zeit zur Verfügung stehenden wissenschaftlichen Methoden zu erklären versucht werden«. Wiederum bleibt dem Leser unklar, was hier mit »wissenschaftlichen Methoden« erklärt werden soll. Was die Inhaftierten erlebt haben, bedarf keiner wissenschaftlichen Erklärung.

Im zweiten Kapitel, überschrieben mit »Die erste Phase: Die Aufnahme im Lager«, beschreibt der Autor das »schrille Pfeifen der Lokomotive, gellend wie ein ahnender Hilfeschrei der durch die Maschine personifizierten, von ihr in ein großes Unheil geführten Menschenmasse« (S. 25). Es wird hier ein Verfahren deutlich, das Frankl durch seinen gesamten Bericht hin durchhält. Er interpretiert eine sachlich festgestellte und tatsächlich stattgefundene Tatsache, das Pfeifen der Lokomotive, derart, daß sich im Leser eine Gedankenassoziation mit dem gellenden Hilfeschrei gepeinigter Massen einstellt. Offenbar soll diese willkürliche Montage verschiedener, nicht zusammengehöriger Dinge im Leser Furcht und Mitleid erwecken, hat also nichts mit den kurz vorher angekündigten »wissenschaftlichen Methoden« zu tun. Auf derselben Seite unten gibt der Autor eine weitere Einzelheit bekannt: einige seiner Mithäftlinge haben Vorahnungen und »Schreckgesichte«. Der Berichterstatter selbst »glaubte, ein paar Galgen und an ihnen Aufgehängte zu sehen«. Glaubte er nur oder sah er auch? Dies wird der Leser sich fragen dürfen. Kurz darauf (S. 26 oben) hört Frankl Kommandorufe in einer rauhen Tonart, die »klingt wie der letzte Schrei eines Gemordeten«. Hier sehen wir wieder die oben analysierte Methode der Zusammenziehung und Verschmelzung von Erlebtem und Erdachtem. Die Anmahnung von Trauer und Betroffenheit hat, wie man sieht, eine unzählige Leserschar erreicht.

Auf Wunsch vom Viktor Frankl-Institut in Wien und IMAGNO sahen wir uns gezwungen, dieses Bild zu entfernen. Es kann jedoch auf der Webseite des Instituts (Photo Album) betrachtet werden: http://logotherapy.univie.ac.at

Viktor Frankl 1940

Zu den entsetzlichsten Erlebnissen, die Frankl gleich zu Anfang seines Aufenthalts in Auschwitz erfahren mußte, gehört folgendes. Er fragt einen Mithäftling, wo der Freund P. sei und erfährt:

»Eine Hand zeigt zu einem wenige hundert Meter entfernten Schlot, aus dem eine viele Meter hohe Stichflamme unheimlich in den weiten polnischen Himmel emporzüngelt, um sich dort in eine düstere Rauchwolke aufzulösen.«

Jedem Zeitgeschichtsforscher ist seit Jahrzehnten diese Stichflamme, von der unzählige Zeugen berichten, als Topos, wie es in der Literaturwissenschaft heißt, bekannt. Neuere revisionistische Forschung hat in diesem Punkt jedoch erhebliche Zweifel angemeldet. Bei der Verbrennung von einer oder auch mehreren Leichen in Krematorien, wie sie täglich in jeder Großstadt vollzogen werden, wird keine Stichflamme erzeugt, da der menschliche Körper zu 70% aus Wasser und nicht aus Gas besteht.[3] Der Verfasser befragte in dieser Sache den Leiter eines Krematoriums einer deutschen Großstadt und bekam zur Antwort, es sei ausgeschlossen, daß bei der Verbrennung einer oder mehrerer Leichen Stichflammen, oder gar »viele Meter hohe« Flammen sich entwickeln könnten. An dieser Stelle muß also der Bericht Frankls mit einem Fragezeichen versehen werden.

Den Neuankömmlingen wurden die Haare geschoren - wie üblich - und dann mußten sie sich unter eine Dusche begeben. Der Abschnitt lautet:

»erfreut und hochbeglückt stellen einzelne fest, daß aus den Brausetrichtern wirklich - Wasser herabtropft...« (S. 33)

Zwar bleibt unklar, wieso nur »einzelne« feststellen, daß Wasser aus den Duschen kommt, und es bleibt ebenso unklar, wieso dieses nur »herabtropft«, aber immerhin scheint dieses Erlebnis tatsächlich in dieser oder ähnlicher Form stattgefunden zu haben, denn auf S. 35 bestätigt Frankl folgendermaßen:

»Denn, nochmals: es kommt wirklich Wasser aus den Brausetrichtern!...«

Auf Wunsch vom Viktor Frankl-Institut in Wien und IMAGNO sahen wir uns gezwungen, dieses Bild zu entfernen. Es kann jedoch auf der Webseite des Instituts (Photo Album) betrachtet werden: http://logotherapy.univie.ac.at

Auf Wunsch vom Viktor Frankl-Institut in Wien und IMAGNO sahen wir uns gezwungen, dieses Bild zu entfernen. Es kann jedoch auf der Webseite des Instituts (Photo Album) betrachtet werden: http://logotherapy.univie.ac.at

Erstausgaben der frühen Bücher V. Frankls, 1946

Zwei bemerkenswerte Stellen, wie jedem Fachmann bewußt wird, denn vier Jahrzehnte lang wurde uns berichtet, daß diese Duschen nur Tarnung für anderes waren. Soll man nun einem Wissenschaftler von angeblich internationalem Rang wie Viktor Emil Frankl weniger trauen als umstrittenen Berichterstattern wie Vrba/Bestic, Lingens-Reiner und vielen anderen? Diese Frage drängt sich um so mehr auf, als Frankl ankündigte »wissenschaftliche Methoden« zur Anwendung bringen zu wollen.

Vom Leben im Lager berichtet Frankl immer wieder ausführlich, wobei in Einzelheiten Wahres mit Unwahrscheinlichem bunt gemischt auftritt. Die Betten, in denen die Häftlinge lagen, werden als dreistöckig beschrieben (S.36), was mit den Berichten anderer Insassen übereinstimmt.[4] Allerdings berichtet unser Autor, daß er »den Kopf auf den nach oben fast verrenkten Arm zu legen« hatte. Diese Stelle bleibt jedem unvoreingenommenen Leser unklar. Mehrfach wird von »Fleckfieberbaracken« bzw. -erkrankungen, von »Ambulanzen«, von »Schonung« für besonders kranke Häftlinge berichtet.[5] Diese Mitteilungen sollten besondere Aufmerksamkeit beanspruchen, stehen sie doch in deutlichem, sinnwidrigen Verhältnis zu den sonstigen Vorgängen im Vernichtungslager Auschwitz, andererseits aber in Übereinstimmung mit denjenigen Zeugenaussagen, aus denen hervorgeht, daß im Lager sehr viel für die medizinische Versorgung der Insassen getan wurde.[6]

Haben die Ausführungen des Professors für Psychologie zur medizinischen Versorgung im KL Auschwitz allein schon wegen ihrer Häufigkeit ein zu beachtendes Gewicht, so fallen immer wieder andere Beobachtungen auf, die mit größerer Vorsicht aufgenommen werden müssen. Eines Tages z.B., während er eine heiße Suppenschüssel umfaßt hält:

Auf Wunsch vom Viktor Frankl-Institut in Wien und IMAGNO sahen wir uns gezwungen, dieses Bild zu entfernen. Es kann jedoch auf der Webseite des Instituts (Photo Album) betrachtet werden: http://logotherapy.univie.ac.at

V. Frankl an der Klagemauer, mit Mignon Eisenberg und David Guttmann, anläßlich der zweiten Bar Mitzvah; 1988

»schiele ich zufällig beim [sic] Fenster hinaus: draußen gafft der Leichnam, den man soeben hinausgeschafft, mit starren Augen durchs Fenster herein... dieses Erlebnis wäre mir nicht in Erinnerung geblieben: so wenig gefühlsbetont war das Ganze« (S. 44)

Wie soll man sich dieses Geschehen vorstellen? Hat Frankl hier sein Gedächtnis getäuscht? Was meint er mit »wenig gefühlsbetont«? Ungemein kennzeichnend für Frankl ist der Bericht einer Fahrt durch das nächtliche Wien (S. 58-60). Obwohl wegen der Bombengefahr deutsche Städte verdunkelt waren, sieht der Autor kurz nach Mitternacht die Gasse, »in einem deren Häuser [sic!] ich zur Welt gekommen bin«. Obwohl Frankl sich in einem »kleinen Gefangenenwaggon« befand, der auch nur »zwei kleine vergitterte Luken besaß« und er nur »auf den Zehenspitzen stehend« nach draußen schaute, will er alles genau gesehen haben. Er fährt dann fort:

»Wir alle fühlten uns mehr tot als lebendig. Man nahm an, der Transport gehe nach Mauthausen. Wir rechneten daher mit keiner längeren Lebensdauer als durchschnittlich ein bis zwei Wochen. Die Straßen, Plätze, Häuser meiner Kindheit und Heimat sah ich - dies war ein deutliches Gefühl -, als ob ich bereits gestorben wäre und wie ein Toter aus dem Jenseits, selber ein Gespenst, auf diese gespenstisch wirkende Stadt herabsähe.«

Erst nachdem Frankl dieses Erlebnis gehabt haben will, wird er konkret. Er bittet seine Mithäftlinge, ihn »doch bloß für einen Augenblick vorzulassen.« Doch sein Wunsch, ihn hinaussehen zu lassen, wird abgelehnt (S. 60 o.). Diese ganze Szene, einer der Höhepunkte des Erlebnisberichts, muß mit einem Fragezeichen versehen werden. Wegen der Verdunklung, die aller Wahrscheinlichkeit nach auch Wien betroffen haben dürfte, hätte Frankl ohnehin wenig sehen können. Ein kleiner Waggon für Gefangene wird bisher, soweit uns bekannt, in keiner einzigen sonstigen Quelle erwähnt. Es erscheint auch zweifelhaft, ob Frankl die Gasse seiner Kindheit überhaupt gesehen haben kann, denn er erwähnt erst nach der Beschreibung, daß er sich bemüht habe, man möge ihn durch die »kleine vergitterte Luke« schauen lassen, was aber eben abgelehnt wurde.

In Mauthausen ist er offenbar gar nicht gewesen, denn er schreibt nichts darüber. Die Lebenserwartung von wenigen Wochen (ein Topos, der sich in ähnlicher Form mindestens ein Dutzend mal im Text und immer wieder in den Berichten anderer findet) wurde dann durch die tatsächliche Lebenszeit von weiteren vierzig Jahren als bloße Mutmaßung entlarvt.

Die Häufung von Vorstellungen wie "Gespenst", "Tod" usw. an dieser aufschlußreichen Stelle läßt nun endgültig die Vermutung zu, daß hier nicht ohne Selbstmitleid versucht wird, auf eine sensationsbereite Leserschaft Eindruck zu machen. Wir unterstellen das. Der Verfasser dieses Artikels, der im Laufe der Zeit viele Psychologen kennengelernt hat, traf noch nie einen, der in der Lage gewesen wäre, die Sonde der Psychologie an sich selbst zur Anwendung zu bringen.

Auf Wunsch vom Viktor Frankl-Institut in Wien und IMAGNO sahen wir uns gezwungen, dieses Bild zu entfernen. Es kann jedoch auf der Webseite des Instituts (Photo Album) betrachtet werden: http://logotherapy.univie.ac.at

Viktor Frankl 1994

Ein mit »Sexualität« überschriebenes Kapitel (S. 57f.), hält für den sensationsbegierigen Leser keine pikanten Szenen bereit, von denen es in den Berichten anderer nur so wimmelt. Diese Erotika im Angesicht der Gaskammern sind schon mehrfach einer kritischen Analyse unterzogen und teilweise in den Bereich des Kitsches verwiesen worden. Neuerdings hat der jüdische Abweichler Finkelstein solche Erotika angesichts des Massensterbens nicht ohne Zynismus als »Holoporn« angeprangert.[7] Nichts dergleichen bei Viktor Emil Frankl. Es macht seinen Bericht sympathisch, daß er seiner Ehefrau, dem »geliebten Wesen« trotz aller Bedrängnis die Treue hält. Wir möchten jedoch Zweifel anmelden, wenn er meint, »daß der Sexualtrieb im allgemeinen schweigt«, Das für das KL Auschwitz überlieferte Bordell scheint er nicht zu kennen. An derselben Stelle verwickelt sich Frankl allerdings in einen Widerspruch, wenn er meint, »auch in den Träumen der Häftlinge tauchen sexuelle Inhalte fast niemals auf« und dann drei Zeilen weiter schreibt, daß »die ganze Liebessehnsucht des Häftlings und anderweitige Regungen [sic!] im Traum sehr wohl zum Vorschein kommen.« Es wäre vom Standpunkt der Psychologie und Statistik interessant gewesen zu erfahren, wieviele Leidensgenossen er denn tatsächlich befragt hat. Oder sollte es sich hier nur um eine verschleierte Selbstprojektion gehandelt haben?

Der Unwahrscheinlichkeiten sind kein Ende. Die bemerkenswerteste teilt Frankl auf S. 94 mit. Es gelingt ihm die Flucht aus der Hölle. Er kehrt jedoch aus wenig überzeugenden Gründen freiwillig wieder zurück und versieht sich »mit ein paar verfaulten Kartoffeln als Wegzehrung« (S. 95). Hierzu erübrigt sich jede Stellungnahme. Nach unendlichen, geduldig ertragenen Leiden berichtet Viktor Emil Frankl, er sei Anfang 1945 aus dem Lager Auschwitz entlassen worden. Die Entlassung soll nach der Eroberung des KL Auschwitz am 27. Januar 1945 stattgefunden haben.[8] Nur Pech, daß andere Wissenschaftler anhand erhalten gebliebener Dokumente inzwischen festgestellt haben, daß Frankl bereits Ende Oktober Auschwitz in Richtung Bayern verließ, wo er im KL Kaufering III interniert blieb, was Frankl selbst in einem Interview bestätigte.[9]

Dementsprechend verwundert es nicht, daß Frankls Bericht über seine Befreiung nicht stimmen kann:

»Da kommt man zu einer Wiese. Da sieht man blühende Blumen auf ihr.« (S.141)

Zwei Seiten weiter bekräftigt er:

»Dann gehst du eines Tages, ein paar Tage nach der Befreiung... durch blühende Fluren... Lerchen steigen auf... und dann sinkst du in die Knie.« usw. usf.

Wir enthalten uns der Anmerkung, möchten jedoch zu bedenken geben, daß in dem westlich von Krakau gelegenen Auschwitz zu diesem Zeitpunkt Schnee gelegen haben dürfte. Ob Lerchen im Januar jubilieren, mögen Ornithologen entscheiden.[10] Sein Bericht selbst weist also daraufhin, daß er nicht wie behauptet im Januar aus Auschwitz befreit wurde, sondern im Frühling in Bayern von den Amerikanern.

Von den Mitteilungen des Professors für Psychiatrie, der ja - wir erinnern uns - wissenschaftliche Methoden anwenden wollte, decken sich einige mit den Erkenntnissen der zeitgeschichtlichen Forschung. Ich greife zwei heraus. Gleich zu Beginn seiner Ausführungen (S. 26) berichtet unser Autor, er habe Häftlinge »in allen möglichen europäischen Sprachen« sprechen hören. In der Tat waren in Auschwitz wie in anderen Lagern Menschen aus mindestens einem Dutzend Nationen inhaftiert, darunter Zigeuner, aber auch Deutsche, unter diesen Kriminelle wie Unschuldige, Homosexuelle, Freimaurer, Katholiken, Widerständler, Sozialdemokraten, Zeugen Jehovas, Kommunisten usw., usf. Die vor einigen Jahren vom K.G. Saur-Verlag veröffentlichten Totenlisten des Lagers Auschwitz, die jetzt ständig erweitert werden, enthalten ca. 65.000 Namen, darunter etwa 40% Juden.[11] Diese Veröffentlichung, die von der vereinheitlichten Presse verschwiegen wurde, bestätigt, daß mit geschichtlichen Tatsachen sehr einseitig und verfälschend umgegangen wird, da in unzulässiger und jeder wissenschaftlich exakten Darlegung zuwiderlaufender Weise nur der Leiden eines einzigen Volkes, nicht aber der aller anderen Nationen gedacht wird.

Auf S. 76/79 erwähnt unser Gewährsmann jeweils einen »Fliegeralarm«. Bombardierungen von KLs sind der Forschung längst bekannt,[12] werden aber von einflußreichen Personen geleugnet, darunter dem Münchner Dozenten Wolffsohn.[13]

Der Pilpul

Ziehen wir das Fazit: Die Auslassungen von Viktor Emil Frankl halten einer Prüfung auf der Grundlage von Quellenexegese, Textkritik und historischen Tatsachen nicht Stand. Der wissenschaftliche Wert der Abhandlung muß daher als gering veranschlagt werden. Der Verfasser setzt sich dem Verdacht aus, auf weiten Strecken einer Autosuggestion zu unterliegen, die ihrerseits Gegenstand einer psychologischen Untersuchung sein müßte, obwohl oder weil der Autor selbst Psychologe war. Es soll hier die Vermutung geäußert werden, daß Viktor Emil Frankl bei der Abfassung seines Berichts der Denkfigur des Pilpul verpflichtet war, der in seinem Unterbewußtsein, wie wir das seit Sigmund Freud nennen, wirksam gewesen sein könnte und ein Konstituens jüdischen Denkens bildet und auf dessen orientalischen Ursprung verweist. Soweit ich sehe, hat der Philosoph Hans Dietrich Sander als erster in unserem Zusammenhang auf die Figur des Pilpul hingewiesen.[14]

Hier tut sich ein weiter Raum für Philosophiehistoriker auf. Der Pilpul entspricht ungefähr dem, was die Sophistik (z.B. Protagoras) beschrieb als "das schwächere Argument zum stärkeren machen". Ähnliches beschreibt Aristoteles in der Rhetorik (Buch 3, Kap. 7), wo er feststellt, wenn man »das Sanfte hart und das Harte sanft zum Ausdruck bringt, so verliert die Sache ihre Glaubwürdigkeit.« Es handelt sich um eine dialektische Figur, die Logik in Willkür verwandelt, in unserem Fall Erlebtes mit Erdachtem wahllos durcheinandermischt und diesen Schein von Wahrheit für die ganze Wahrheit ausgibt. Die extremste Form des Pilpul dürfte das von Norman Finkelstein (wie oben) einer scharfen Kritik unterzogene Machwerk von Goldhagen sein, das nichts Geringeres mitteilt, als daß die Deutschen "Killergene" hätten. Ausuferungen geradezu absurdester Art, die in ihrer hypertrophen Phantastik an Tausendundeine Nacht erinnern. Auch dieses Buch wurde ein geschäftlicher Erfolg. Das im Februar 2001 in München bei Piper auf Deutsch erschienene Buch von Norman G. Finkelstein Die Holocaust-Industrie spielt bereits im Titel auf mögliche Geschäftsabsichten solcher Produkte hin und hat daher beim Erscheinen der englischen Ausgabe im Juni 2000 für Unruhe der Betroffenen gesorgt.

Zu den grotesken Verzerrungen des Pilpul gehören die Greuelmärchen von den durch deutsche Soldaten abgehackten Kinderhänden in Belgien, die Lampenschirme aus Judenhaut und die Seife aus Judenfett, Dinge, die heute nicht mehr geglaubt werden,[15] jedoch bis vor einigen Jahren zum Standardwissen gehörten.

Ein bezeichnendes Licht wirft auf diese Dinge die Autobiographie der ehemaligen Ministerpräsidentin von Israel, Golda Meierson, alias Meir,[16] die bisher, soweit ich sehe, von der Zeitgeschichtsforschung ebenfalls nicht ausgewertet wurde. Frau Meir berichtete zu oben erwähnten Greueln der Deutschen:

»Das Merkwürdige und Schreckliche war, daß keiner von uns die Informationen, die wir erhalten hatten, bezweifelte.«(!) (S. 165)

Am nächsten Tag hatte sie eine Unterredung mit »einem sympathischen britischen Beamten«. Nachdem sie ihm von den Nazi-Greueln erzählt hatte, meinte dieser:

»Aber Mrs. Meyerson, Sie glauben das doch nicht wirklich, oder?«

Dann erzählte er ihr von der

»Greuelpropaganda des Ersten Weltkriegs und wie völlig absurd sie gewesen war. Ich konnte ihm nicht erklären, aus welchem Grund ich wußte, daß dies etwas anderes war.« (Hervorhebung von uns.)

Darauf der sympathische Brite mit den »freundlichen blauen Augen«:

»Sie dürfen nicht alles glauben, was sie hören.«

Frau Meir jedoch glaubte.

Der Frankl-Bericht und die Zeitgeschichtsforschung

Die heute in Deutschland und weltweit betriebene Erforschung des Dritten Reiches wird von zwei Gruppen vertreten, den Etablierten, die an Hochschulen lehren und in der Öffentlichkeit auftreten, und den sog. "Revisionisten", die, wie der Name sagt, gewisse Geschehnisse einer "neuen Sichtung" unterziehen, dem erwünschten Geschichtsbild jedoch widersprechen und daher in Deutschland durch den Strafrechts-Paragraphen 130 unterdrückt werden und deren Veröffentlichungen teilweise verboten sind. In der Bundesrepublik Deutschland sind etwa achtzig Buchtitel und unzählige Zeitschriftentitel verboten. Diese Vorgehensweise des Staates entspricht dem, was der Soziologe Ernst Topitsch in seiner Wissenschaftslehre als »Immunisierungsstrategie« gekennzeichnet hat, d.h., gewisse Denkweisen müssen gewaltsam gegen Kritik abgesichert werden, um das eigene System nicht zu gefährden.[17] Ähnliche Denkmechanismen analysierte der Philosoph Eric Voegelin in seiner scharfen Kritik des marxistischen Weltbildes, das er als »Frageverbot« entlarvte.[18]

Trotz massiver Frageverbote in Hinsicht auf Geschehnisse des Dritten Reiches, besonders in den Lagern, macht man in den letzten Jahren die erstaunliche Erfahrung, daß sich inzwischen die beiden Forschungsrichtungen anzunähern scheinen. Von den deutschen etablierten Historikern, die einen Lehrstuhl innehatten, haben sich Hans Mommsen und Ernst Nolte mutig zu Wort gemeldet. Ersterer, als er die Existenz des Vernichtungsbefehls bestritt[19] - was indessen Fachleuten nichts Neues war - und Nolte, als er verlauten ließ:[20]

»Ich kann nicht ausschließen, daß die meisten Opfer nicht in den Gaskammern gestorben sind, sondern daß die Zahl derer vergleichsweise größer ist, die durch Seuchen zugrunde gingen oder durch schlechte Behandlung [!] und Massenerschießungen.«.

Das Wort "Partisanenerschießungen", das Militärhistoriker hier verwendet hätten, kommt bei Nolte nicht vor. Immerhin verstießen beide Herren gegen staatlich verordnete Denkverbote. Nur ihr Professorentitel schützte sie vor Hausdurchsuchungen, Geldstrafen, Gefängnis oder Schlimmerem. Ernst Nolte allerdings bekam von der F.A.Z. Schreibverbot und wurde kurz nach dem Spiegel-Gespräch in einer Berliner Kirche von linken Terroristen zusammengeschlagen. Die Presse äußerte keinerlei Unmut. Ernst Nolte war es auch, der sich in einem seiner letzten Bücher in einem eigenen Kapitel mit den Forschungsergebnissen der sog. Revisionisten zumindest ansatzweise auseinandersetzte,[21] was seine mit Amt und Würden versehenen Hochschulkollegen mehrheitlich geflissentlich vermeiden, da sie eben der Immunisierungsstrategie unterworfen sind.

Eine Bresche in die Mauer des Schweigens schlug die in Berlin ansässige Jüdin Sonja Margolina, als sie immerhin die - oft von russischen Juden durchgeführten - Massenmorde an den Ukrainern zugab, aufgrund derer sie »erbebt« sein will. Leider nennt sie keine Zahlen, und der Name eines Scheusals wie Lazar Moisejewitsch Kaganowitsch kommt nur verschämt am Rande und mit unvollständigem Vornamen vor.[22] Sie wirft ihren Religionsgenossen sogar "Verdrängung" eigener Schuld vor und nähert sich damit Ausführungen Finkelsteins. Beide Autoren sind aufgrund ihrer Herkunft vor Verfolgung durch die deutsche Justiz gefeit.

Die Arbeiten von Josef Ginsburg, alias J.G. Burg, und Roger G. Domergue Polacco de Menasce wurden schon in den sechziger Jahren konfisziert und sind bis heute verboten und derzeit nicht zu bekommen.[23] Burg wurde vor einigen Jahren kurz vor seinem Tode auf dem Münchner Nordfriedhof zusammengeschlagen, über Polacco de Menasce, der seinen Leuten vorwarf, skrupellos mit Pornographie Geschäfte zu machen, ist dem Verfasser nichts bekannt.

Es kann hier nicht ein Abriß der gesamten zeitgeschichtlichen Literatur, der etablierten und der revisionistischen, zu einem umstrittenen Thema gegeben werden. Es sollten nur weitere Bausteine zu dem vielfältigen und verwickelten Mosaik der Erforschung der NS-Diktatur geliefert werden. Wissenschaft heißt unter anderem, Falsches von Richtigem zu trennen und das Richtige exakt zu beschreiben, soweit das möglich ist. Die Deutschen, denen seit Jahrzehnten ihre Untaten und die ihrer Väter vorgehalten werden, woran die Nation buchstäblich seelisch und damit physisch zugrunde zu gehen droht, haben das Recht, sich ihrer eigenen Geschichte vorurteilslos zu nähern.


Anmerkungen

Bildquelle: neue Buchtitel: amazon.com bzw. amazon.de; Rest: http://logotherapy.univie.ac.at/gallery/gallery.html

[1]Theodore O'Keefe in »Viktor Frankl über Auschwitz«, VffG 6(2) (2002), S. 137-139.
[2]Vgl. ebenda: Frankl wurde aus dem Ghetto Theresienstadt nach Auschwitz gebracht und von dort nach kurzer Zeit in das bayerische Lager Kaufering III überstellt. Anm. der Redaktion.
[3]Vgl. The Journal of Historical Review, 1992/93, vol. 12, Nr. 4, S. 391-420; Ernst Gauss, Vorlesungen über Zeitgeschichte, Strittige Fragen im Kreuzverhör, Tübingen 1993, S. 45. Nach Befragung durch Dipl.-Ing. Walter Lüftl hat Frankl eingestanden, daß er womöglich einer Sinnestäuschung unterlag, vgl. Lüftls Leserbrief in dieser Ausgabe, S. 362.
[4]Vgl. die Aufnahme bei W. Stäglich, Der Auschwitz-Mythos, Grabert, Tübingen 1979, Bildteil, Anm. der Redaktion.
[5]S. 42f., 55, 81 (»siebzig Kameraden in Schonung«), 82, 85, 86 (»frisch ins Lager gelangte Medikamente«), 91 (»man brauchte einige Ärzte«), 93, 95, 97, 122, 132.
[6]Vgl. Die Tätigkeit des IKRK zugunsten der in den deutschen Konzentrationslagern inhaftierten Zivilpersonen (1939-1945), Genf 1947, passim, hrsg. vom Internationalen Komitee des Roten Kreuzes; dt. Ausgabe Arolsen 1974; ferner Udo Walendy, Auschwitz im IG-Farben Prozeß, Verlag für Volkstum und Zeitgeschichtsforschung, Vlotho/Weser 1981, v.a. 189-192.
[7]Vgl. Ruth Bettina Birn/Norman G. Finkelstein, Eine Nation auf dem Prüfstand, Die Goldhagen-These und die historische Wahrheit, Hildesheim 1998, S. 123.
[8]Vgl. Joachim Hoffmann, Stalins Vernichtungskrieg, München 1996, S. 303
[9]Vgl. T. O'Keefes Artikel, Anm. 1. Das darin angegebene Datum der Ausgabe der US-Zeitschrift Possibilities, in dem das Interview Frankls erschien, ist falsch. Es muß März/April 1991 heißen (nicht das unmögliche 1944).
[10]Meyers Großes Konversationslexikon, sechste Auflage, Bd. 12, Leipzig und Wien 1906, S. 434 vermerkt unter "Lerche": »Im Winter weilt sie in Südeuropa und Nordafrika; einzelne überwintern bei uns
[11]Vgl. Sterbebücher von Auschwitz, Fragmente, hrsg. vom Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau, München-New Providence-London-Paris 1995, S. 248.
[12]Vgl. Walendy, aaO. (Anm. 6), Photoanhang; J.C.Ball, Air Photo Evidence, Ball Resource Service Ltd., Delta, B.C., Canada 1992.
[13]Vgl. Wolffsohn in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.1.1995, S. 8.
[14]H.D. Sander, Die Auflösung aller Dinge, Zur geschichtlichen Lage des Judentums in den Metamorphosen der Moderne, München, o.J., 68f., 79f.
[15]Vgl. Ernst Gauss, aaO. (Anm. 3), S. 51 und öfter.
[16]Golda Meir, Mein Leben, Frankfurt/M, Berlin, Wien 1983.
[17]E. Topitsch, Gottwerdung und Revolution, Beiträge zur Weltanschauungsanalyse und Ideologiekritik, Pullach bei München 1973, S. 35, 57, 130.
[18]E. Voegelin, Wissenschaft, Politik und Gnosis, München 1959, 33 und öfter.
[19]In: Die Woche, 15.11.1996, zus. mit der Wiener Hitler-Forscherin Brigitte Hamacher.
[20]Der Spiegel, 40, 1994, S. 85.
[21]E. Nolte, Streitpunkte, Heutige und künftige Kontroversen um den Nationalsozialismus, Berlin-Frankfurt/Main 1993, 304f.
[22]S. Margolina, Das Ende der Lügen, Rußland und die Juden im 20. Jahrhundert, Berlin 1992, 84,151
[23]Viele der Schriften von J.G. Burg können online bei vho.org eingesehen werden; Anm. der Redaktion.

Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 6(3) (2002), S. 304-309.


Zurück zum Inhaltsverzeichnis