Gregory Douglas: Revisionist oder Scharlatan?

Anfang Juni 2002 entbrannte in den USA ein offener Streit zwischen Gregory Douglas, Autor mehrerer Bücher über den ehemaligen Gestapo-Chef Heinrich Müller, auf der einen Seite und dem britischen Historiker David Irving sowie Mark Weber, Direktor des kalifornischen Institute for Historical Review auf der anderen Seite. Gefochten wurde auch mit unschönen Mitteln, wie etwa Angriffe auf tatsächliche oder auch nur unterstellte Charakterschwächen der Beteiligten. Während es sich selbstverständlich verbietet, diese Angriffe unter die Gürtellinie zu behandeln, scheint es aber um so notwendiger, die aufgeworfenen Sachfragen und Vorwürfe wissenschaftlicher Unredlichkeiten zur Diskussion zu stellen. Nachfolgend erfolgt daher zunächst eine Übersetzung im Journal of Historical Review veröffentlichten Rezension Mark Webers von G. Douglas Büchern sowie einer Erwiderung des kritisierten Autors. Daran schließt sich eine tiefgehende Analyse der gegen Douglas erhobenen Vorwürfe durch Germar Rudolf and, der als revisionistischer Verleger in die Schußlinie beider Streitparteien geriet und sich daher veranlaßt sah, den aufgeworfenen Sachfragen, die für die Geschichtschreibung von nicht unerheblicher Bedeutung sein können, auf den Grund zu gehen.


Nicht ganz die Hitler-Tagebücher

Von Mark Weber

Gregory Douglas, Geheimakte Gestapomüller, Druffel Verlag, Berg am See 1995 / Gestapo Chief: The 1948 Interrogation of Heinrich Müller, R. James Bender, San Jose, CA, 1995, geb., 283 S. $35,95. Bibliographie, Index, Abbildungen.

Das Buch Geheimakte Gestapomüller, von dem angeblich mehr als 70.000 Exemplare verkauft wurden, ist das Produkt eines einfallsreichen Geistes und von viel Arbeit. Es behauptet, lange unterdrückte geheime Dokumente mit erstaunlichen Enthüllungen über das Dritte Reich, Hitler, Roosevelt, Churchill und den Zweiten Weltkrieg zu präsentieren.

Mark E. Weber

Dieses wie auch die drei weiteren Bände der Gestapo-Müller Serie, basieren nach Angaben des Autors hauptsächlich auf detaillierten Enthüllungen von Heinrich Müller, dem in Bayern geborenen Polizisten, der zwischen 1939 und 1945 Chef der Geheimen Staatspolizei des Dritten Reiches war, einer Abteilung des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA). Müller war beispielsweise der unmittelbare Vorgesetze von Adolf Eichmann, der jenes Amt des RSHA leitete, das Deutschlands Deportationsprogramm der Juden während des Krieges organisierte. Müller war dem Chef des RSHA unterstellt, also Reinhard Heydrich bis zu dessen Ermordung in Prag 1942, und danach bis zum Kriegsende Ernst Kaltenbrunner.

Was genau "Gestapo" Müller bei Kriegsende zustieß, ist niemals zufriedenstellend geklärt worden. Er war zuletzt im April 1945 in Berlin gesehen worden und verschwand im Chaos und den Wirren jener großen Schlacht um die deutsche Hauptstadt kurz vor Kriegsende. Seine Leiche wurde niemals gefunden. Jahrzehntelang hielten sich Gerüchte, er sei nach Südamerika entkommen oder habe für den sowjetischen oder amerikanischen Geheimdienst gearbeitet.

Ein halbes Jahrhundert nach Kriegsende taucht nun ein ominöser Amerikaner auf, der sich manchmal selbst "Gregory Douglas" nennt, und präsentiert in seinem Buch Geheimakte Gestapo-Müller, was nach seinen Angaben der Beweis dafür sei, daß Müller 1945 in die Schweiz entkam, wo er vom U.S.-Geheimdienst rekrutiert worden sei. "Douglas" gibt vor, daß Müller von Dezember 1948 bis 1952 in der Gegend der US-Hauptstadt Washington gelebt haben soll, wo er für den U.S. Militärgeheimdienst der Truman-Regierung gearbeitet habe, wobei er es bis zum Rang eines U.S.-Brigadegenerals der Armee gebracht haben soll. Laut "Douglas" soll der ehemalige Gestapo-Chef an hochrangigen Sicherheitskonferenzen des Weißen Hauses teilgenommen und sogar Präsident Truman persönlich getroffen haben.

"Douglas" breitet seine verblüffende Geschichte mit immer weiteren aufreizenden Enthüllungen über Müller in vier Bänden aus, die von R. James Bender veröffentlicht wurden, einem in Nord-Kalifornien ansässigen Verleger, der sich auf Militaria spezialisiert hat, mit Schwergewicht auf dem Dritten Reich. Zudem wurden die ersten zwei Ausgaben dieser Serie auch in Deutschland unter dem Titel Geheimakte Gestapo-Müller veröffentlicht. Drei der vier Bände basieren angeblich auf Gesprächen, die Müller 1948 in der Schweiz mit einem amerikanischen Geheimdienstler namens James Kronthal geführt hat. Der vierte Band beruht angeblich auf einem privaten Tagebuch, das Müller während seines Aufenthalts in den USA geführt haben soll.

Der erste Band enthält darüber hinaus ausführliche Mitschriften eines angeblich von den Deutschen mitgeschnittenen geheimen transatlantischen Telefongespräches zwischen Franklin Roosevelt und Winston Churchill. In einem angeblichen Gespräch vom 26. November 1941 teilt Churchill US-Präsident Roosevelt mit, daß eine japanische Angriffsflotte sich anschicke, die US-Marinebasis in Pearl Harbor, Hawaii, am Wochenende des 7.-8. Dezember 1941 anzugreifen. Dieses hochbrisante Dokument scheint zu beweisen, daß der US-Präsident im voraus von dem bevorstehenden japanischen Angriff wußte und die Verteidiger von Pearl Harbor nicht angemessen warnte.

Die womöglich sensationellste "Enthüllung" dieses Buches ist, daß Hitler am 30. April 1945 nicht Selbstmord begangen habe, wie all jene einstimmig aussagten, die die letzten Kriegstage mit ihm verbracht hatten, sondern nach Spanien entkommen sei. Müller besteht darauf, daß Hitler und seine Frau Eva Braun mit seiner Hilfe Berlin am 22. April 1945 verließen, von Österreich aus am 26. in einem viermotorigen Sonderflugzeug abflogen und am nächsten Tag in Barcelona ankamen. »Hören Sie«, sagt Müller seinem amerikanischen Vernehmer, »Hitler ging nach Spanien. Ich weiß mit Sicherheit, daß sein Flugzeug sicher landete.«

Zur Bestätigung diese Aussage gibt der Autor ein Dokument wieder, das die Reproduktion eines authentischen deutschen Dokuments vom 20. April 1945 zu sein scheint. Unter dem Betreff »Führersonderreise nach Barcelona« führt dieses von Müller unterschriebene Dokument aus:

»Der Führer und seine Begleitung verläßt den Flugplatz Hörching [bei Linz] am 26.4.1945 um 2o.oo Uhr.«

Müller führt aus, als Teil des Fluchtplans habe er einen Doppelgänger Hitlers gefunden. Laut Müller war daher die Hochzeit Hitlers mit Eva Braun im Berliner Bunker am 28 oder 29. April 1945 »pures Theater«. Anschließend, so Müller, sei der Doppelgänger erschossen und sein Leichnam so zurückgelassen worden, daß die Russen ihn finden würden, um sie in dem Glauben zu lassen, sie hätten des Führers Leiche gefunden.

Die strittigen vier Bücher

Meine Ansicht, daß die Gestapo-Chef Serie ein kunstvoller Betrug ist, gründet nicht nur auf einer Untersuchung der Bücher selbst, sondern auch auf langen Telefongesprächen mit dem Autor. Aufgrund dieser Gespräche kann ich bestätigen, daß "Gregory Douglas" sowohl einerseits intelligent, redselig, kenntnisreich und belesen ist, andererseits aber auch unmoralisch, ausweichend und rachsüchtig. Diejenigen, die mit ihm ausführlich gesprochen haben, sind beeindruckt von seinem chronischen Zynismus – ein Zug, der sich interessanterweise in jenen Worten wiederfindet, die er in seiner Gestapo-Müller-Serie durchgehend Müller zuschreibt.

Der Mann, der diese Buchserie zusammenschrieb, ist ein bekannter Dokumentenfälscher, der über die Jahre unter einer Reihe von Namen auftrat, darunter Peter Stahl, Samuel Prescot Bush und Freiherr von Mollendorf. Sein wirklicher Name scheint Peter Norton Birch oder Peter Norwood Burch zu sein.

Sein Sohn, mit dem ich ausführlich gesprochen habe, spielt manchmal den Strohmann für seinen Vater als Autor der Gestapo-Chef-Bücher. Der Sohn lebte und arbeitete über ein Jahr lang in Rockford, Illinois, unter dem Namen Gregory Douglas Alford. Er war einst Journalist der Zeitungen Sun-Star in Merced, Kalifornien, und Journal-Standard von Freeport, Illinois. Anscheinend hat er auch manchmal den Namen Gregg Stahl benutzt.

David Irving, dessen Kenntnisse über deutsche Dokumente der Kriegszeit wahrscheinlich von keinem anderen lebenden Historiker übertroffen werden, verwirft die Gestapo-Chef Bücher als »sorgfältig zusammengestellten geschichtlichen Roman«. Irving sagt, vor einigen Jahren habe "Peter Stahl" versucht, ihm gefälschte Dokumente zu verkaufen. Ein weiterer britischer Historiker, John Costello (Autor von Ten Days to Destiny und anderer Werke), den ich bis zu seinem Tode im August 1995 sehr gut kannte, teilte mir mit, daß Douglas/Stahl auch ihm Dokumente aus der Kriegszeit mit dubioser Herkunft zu verkaufen versuchte.

Die womöglich offensichtlichste und verdächtigste Eigenschaft der Gestapo-Chef-Serie ist, daß der Autor keine unabhängige Untersuchung seiner "Original"-Dokumente erlaubt. (Selbstverständlich sind nicht alle von ihm wiedergegebenen Dokumente gefälscht. Um seinen Büchern Glaubwürdigkeit zu verleihen, hat "Douglas" zwischen seinen Fälschungen auch eine Anzahl unstrittig echter Dokumente aus der Kriegszeit wiedergegeben.)

Während eines Telefongespräches teilte mir "Douglas" mit einigem Stolz mit, daß sein Buch auch bald auf deutsch herauskommen werde und daß die Verhöre Müllers aus dem Jahr 1948 zur Zeit ins Deutsche übersetzt würden. Aber wie ist dies denn möglich, warf ich ein, da doch die Verhöre auf deutsch stattfanden (wie den Lesern von Gestapo Chief mitgeteilt wird) und die "originalen" Mitschriften somit schon deutsch sind. Dem normalerweise höflichen und redseligen "Douglas" verschlug es daraufhin die Sprache.

Charakteristisch für die ganze Serie ist das offenbar gefälschte "faksimilierte Dokument" vom 20. April 1945, das in Gestapo Chief auf Seite 275 abgedruckt ist. Dabei handelt es sich tatsächlich um des Autors zweite, "korrigierte" Fassung. Die erste erschien mit einem von ihm verfaßten Artikel in der Frühlingsausgabe 1990 des Military Advisor, einer Zeitschrift, die vom gleichen Verleger herausgegeben wird, der auch Gestapo Chief verlegte. Aber während die "SS"-Zeichen in der ersten "faksimilierten" Fassung aus normalen Buchstaben bestehen, sind sie im Gestapo Chief als Runen-ss wiedergegeben.

Und wie gelangten diese erstaunlichen Dokumente in den Besitz des Autors? Im ersten Band von Gestapo Chief teilt "Douglas" seinen Lesern mit:

»Anfang der 80er Jahre gelangten alle persönlichen Akten Müllers unter Umständen, die hier nicht weiter von Belang sind, in private Hände.«

Später behauptete "Douglas", Müller persönlich habe ihm diese außerordentlichen Dokumente gegeben (Spotlight, 6. Jan. 1997). In einem anderen Interview mit dem gleichen Blatt (9. Nov. 1998) behauptete "Douglas", er habe Müller 1963 getroffen und habe ihn bis zu dessen Tode im Jahr 1983 gut gekannt. Bemerkenswerterweise erwähnt er diese zwanzigjährige Beziehung im ersten Band des Gestapo Chief mit keinem Wort.

Fälschung oder Drucker-Malheur?

Die angeblich "reproduzierte" Fassung (Zum Vergrößern anklicken)

Das angebliche Original (Zum Vergrößern anklicken)

Um Douglas’ phantastisches Seemannsgarn zu akzeptieren, muß man davon ausgehen, daß Hitlers persönliches und politisches Testament vom 29. April 1945 unecht ist und daß all jene, die sich in den letzten Kriegstagen mit Hitler im Führerbunker aufhielten und den Krieg überlebten, sich jahrzehntelang verschworen, um mit einer Lüge die Flucht des Führers nach Spanien zu vertuschen. Darunter befinden sich Hans Baur, Hitlers Pilot; Traudl Junge, die Sekretärin, die Hitlers Testament schrieb; die Pilotin Hanna Reitsch; Otto Günsche, Hitlers persönlicher Adjutant, der die Leiche Eva Brauns aus dem Bunker in den Garten der Reichskanzlei trug, wo sie verbrannt wurde; Erich Kempka, der Fahrer, der mithalf, die Leiche Hitlers und seiner Frau zu verbrennen; Heinz Linge, Hitlers Kammerdiener; und Artur Axmann, Führer der Hitlerjugend (Linge und Axmann sagten später aus, Hitlers Leiche gesehen zu haben). Einige dieser Zeugen wurden von den britischen Historikern Hugh Trevor-Roper und David Irving befragt; andere wurden von den Russen in sowjetischer Gefangenschaft verhört. Ihre Geschichten stimmen miteinander überein.

Es ist schließlich absolut nicht plausibel, davon auszugehen, daß Hitler nach seiner Ankunft in Spanien spurlos verschwunden wäre und daß auch nicht eine einzige der vielen Personen, die seine Ankunft bemerkt haben würden, jemals darüber berichtet hätte.

Wie aber war es möglich, daß "Douglas" mit seinem Betrug davongekommen ist? Ein wichtiger Faktor war die unerschütterliche Unterstützung, die er jahrelang von Willis Carto erhielt. Trotz wiederholter Warnungen, daß "Douglas" ein Lügner ist und daß seine Gestapo-Chef-Bücher Fälschungen sind, hat Carto für "Douglas" und dessen Bücher in den zwei von ihm kontrollierten Periodika standhaft geworben: The Spotlight, einer Boulevard-Wochenzeitung der Liberty Lobby, und The Barnes Review, einer zweimonatlichen Geschichtszeitschrift.

Seit Jahren hat Carto die Gestapo-Müller-Serie beworben und über seinen Barnes Review Buchclub zum Kauf angeboten. Er hat dafür gesorgt, daß eine Anzahl von Artikeln von und über "Gregory Douglas" veröffentlicht wurden. Typisch dafür ist ein Interview im Spotlight (5.-12. Jan. 1998) mit der Überschrift »Establishment Can’t Keep Lid on Blockbuster Gestapo Books« (Establishment kann die Gestapo-Knüller-Bücher nicht länger unterdrücken). Ein weiteres unkritisches Interview mit "Douglas" erschien im April 1997 in The Barnes Review. Weniger Monate danach, im November 1997, veröffentlichte The Barnes Review eine lobende Rezension des zweiten Bandes von Gestapo Chief. Dieser vom langgedienten Spotlight-Journalisten Fred Blahut verfaßte Artikel versicherte den Lesern:

»Douglas beweist jenseits vernünftiger Zweifel, daß Müller tatsächlich [den Krieg] überlebte und tatsächlich vom CIA verhört wurde. Nach diesen ausführlichen Verhören wurde er angestellt und nach Washington überführt… Er war ein Hauptdarsteller der Kalten Krieges… Douglas präsentiert die Tatsachen und läßt die Karten liegen wie sie fallen.«

Die Gestapo-Chief-Fälschung ist annähernd so dreist wie die berüchtigten "Tagebücher" Hitlers des Jahres 1983. Für diejenigen, denen eine genaue und aufrichtige Geschichtsschreibung ein Herzensanliegen ist, ist der Fall Gestapo Müller äußerst lehrreich.


Mit freundlicher Genehmigung entnommen dem Journal of Historical Review, 20(2) (2001), S. 40ff.


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 6(3) (2002), S. 260-263.


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