Nachruf auf Thor Heyerdahl

Von Patricia Willms

Am 18. April 2002 starb Thor Heyerdahl im Alter von 87 Jahren. Er wurde zum »Norweger des 20. Jahrhunderts« gekürt, eine Ehre, die ihm nur Knut Hamsun streitig machen kann – und mit diesem hat Heyerdahl gemeinsam, daß er öffentlich für »nicht ganz bei Trost« erklärt wurde – das scheint das Schicksal aller großen Norweger zu sein und zeigt, daß sich Thor Heyerdahl um einen Nachruf in den VffG verdient gemacht hat.

Für viele ist Thor Heyerdahl der Abenteurer, der seine Träume gelebt und wahr gemacht hat – angefangen vom Traum „zurück zur Natur", den der gutsituierte Kaufmannssohn ein Jahr lang zusammen mit seiner frisch angetrauten Ehefrau auf der Südseeinsel Fatu Hiva verwirklichte, über seine berühmte Fahrt mit dem Balsa-Floß Kon-Tiki von der Küste Südamerikas nach Polynesien 1947, seine Atlantik-Überquerungen mit den Papyrusbooten RA I und RA II und seine „Kreuzfahrt" im Persischen Golf und dem Indischen Ozean mit dem Schilfboot „Tigris" „auf der Suche nach unserem Ursprung".

Aber Thor Heyerdahl war nicht einfach ein Abenteurer. Heyerdahl war Zoologe mit dem Nebenfach Geographie und seine Fähigkeit zu selbstständigem Denken, zum Aufdecken von Widersprüchen in etablierten Dogmen und sein Vermögen, komplexe Zusammenhänge zu entwirren, zeigen einen Wissenschaftler von Format – keinen der blutleeren Theoretiker und Lehrstuhlinhaber, die in der Regel unsere Universitäten bevölkern, sondern eine Persönlichkeit, die ihr Leben in die Waagschale wirft, um eine Theorie zu beweisen. Mit Kon-Tiki bewies Heyerdahl, daß die Pazifische Inselwelt auch einen Zugang von Südamerika aus hatte, und mit den RA-Fahrten widerlegte er die Isolationisten, die das Meer für eine Grenze hielten und vor Kolumbus jeden Kontakt zwischen der Alten und der Neuen Welt für unmöglich hielten.

Aber Thor Heyerdahls Forschungsergebnisse haben eine noch unzeitgemäßere Dimension: sein „Warenzeichen" sind nicht nur Stufenpyramiden, die er an allen Enden der Welt entdeckt und ausgräbt: von Südamerika (Tucumé) bis zu den Malediven, wo man sie »hawitta« nennt, oder zuletzt auf Teneriffa. Wo immer er den Schöpfern der Kulturen nachgeht, deren Überreste er ausgräbt, stößt er auf Sagen von hellhäutigen, blonden Seefahrern, – meist mit roten Bärten – die „übers Meer" kamen und ihre hochstehende Kultur fertig mitbrachten, und diese Kultur ging nach Abreise, Vertreibung oder Tod ihrer Schöpfer wieder unter. Selbst dort, wo man aus „rein geographischen Gründen" schwerlich auf die Idee käme, Angehörige der nordischen Rasse zu suchen – unter äquatorialer Sonne auf den Malediven – bringt Heyerdahl Sagen über die rotblonden „Redin" ans Licht, die besagte hawittas bauten.

Heyerdahl distanzierte sich oftmals von jeglichem Rassismus – (und zwar nicht bloß von dessen Zerrbild des „Allen-Andersrassigen-den-Kopf-abbeißen"), aber hier widerspricht ihm seine eigene Forschung. Unter der Haut sind nicht alle Menschen gleich, und die Unterschiede, die Heyerdahl ständig beschreibt, sind mehr als nur „individueller Art": sie haben ein System: hier die großgewachsenen, blonden, blauäugigen und rotbärtigen Organisatoren, die kommen, analysieren, strukturieren, – besessen vom Drang, etwas zu bauen – dort lethargische Ureinwohner, die in den Tag hinein leben, sich nicht einmal für die Erhaltung der Bauwerke interessieren, die abergläubisch Tabus und Dogmen befolgen und deren Lebensweise sich danach richtet, was die anderen tun und/oder was „man" immer getan hat.

Entschlossen nachzuweisen, daß die Menschen der
Bronzezeit mit Schilfbooten den Atlantik überqueren konnten, segelte Thor Heyerdahl 1970 in seinem Schilfboot namens Ra II in 57 Tagen die 6.100 Kilometer von Marokko nach Barbados.
http://www.azer.com/aiweb/categories/magazine/82_folder/82_articles/82_heyerdahl.html

So wenig der Abenteurer Heyerdahl ohne die strapaziösen Fjell-Touren denkbar ist, mit denen er als Jugendlicher die winterliche Bergwelt Norwegens bezwungen hat, so sehr stand dem Wissenschaftler Heyerdahl die pro-englische Einstellung des „antirassistischen" Norwegen seiner Jugendzeit im Wege – denn nicht nur in Deutschland hat die Politik auch auf die Sicht der Wissenschaftler abgefärbt.

Infolge dieser Grundeinstellung, die offenbar zu allgemein war, um hinterfragt zu werden, meldete sich Heyerdahl auch als Kriegsfreiwilliger auf englischer Seite, kam aber nach langwieriger Ausbildung nicht mehr zum Einsatz. Aus dieser Soldatenzeit erscheint die Heyerdahlsche Aufsässigkeit bemerkenswert: er handelte sich eine Arreststrafe wegen Befehlsverweigerung ein, weil er als „Oberkellner" beim britischen Generalstab abgestellt wurde – und dazu hatte er sich denn nicht als Freiwilliger gemeldet – das war denn doch gegen seine Ehre.

Der letzte Wikinger

Thor Heyerdahl ist am besten, wenn er kontrovers ist. Auf den Spuren der Sumerer führte er den Leser zu den Städten der Indus-Kultur, wo er uns Bilder von „Sonnenzeichen" präsentiert, die im angelsächsischen Raum unter der Bezeichnung „Swastika" laufen. Warum liest man darüber nichts in den gängigen Veröffentlichungen über die Indus-Kultur? Ist es zuviel, Heyerdahl einen Revisionisten zu nennen?

Sein 1999 erschienenes Buch Ingen Grenser (Keine Grenzen) soll (oder darf?) nach Angaben seines Agenten nicht auf dem internationalen Buchmarkt erscheinen. Es behandelt viele Details der Amerika-Fahrten der Wikinger, (die in Skandinavien ohnehin nicht mit einem Fragezeichen versehen werden, sondern eher als selbstverständliches Allgemeinwissen gelten) und die Anzeichen einer länger währenden Besiedelung. Ausführlich werden die Vinland-Karte und der Kensington-Stein mit der Jahreszahl 1362 erörtert, die wohl zu Unrecht als Fälschung gelten. Wer verfolgt hat, wie Heyerdahl auf akademischen Hühneraugen tanzt, wundert sich dann nicht, daß er auch dem Kennewick-Mann ein Kapitel widmet und damit der Theorie den Laufpaß gibt, daß Amerika nur von Asien aus über die Beringstraße besiedelt wurde (siehe John Nugent in VffG 4/1999 S. 386). Und der erstaunte Leser erfährt, daß Thor Heyerdahl auf der Suche nach dem Ursprung der »weißen und blonden Guanchen« auf Gran Canaria dann in China (!) von den europiden Mumien von Xinjiang erfährt und für die Finanzierung eines Projekts sorgt, das u.a. zu dem Buch von Elizabeth Barber The Mummies of Ürümchi führte (s. VffG 3/2001 S. 317). Wahrlich, muß man sich fragen, was hätte uns Thor Heyerdahl noch alles bescheren können, wenn ihm eine objektive Sicht auf das Thema Rasse nicht verbaut gewesen wäre?

In seinem letzten Buch Jakten på Odin (Auf der Jagd nach Odin) weitet Thor Heyerdahl die im vorherigen Buch schon ausgeführte These aus, daß die Asen ursprünglich keine Götter, sondern ein Volksstamm waren, der in Aserbeidschan siedelte (benachbart zum Van-See!), und auch Odin ursprünglich kein Gott, sondern eine historische Person war, die um 60 nach Chr. von dort stromauf über das spätere „Gardarike" der Wikinger nach Skandinavien kam, wo er zum Stammvater der skandinavischen Könige wurde. So beschrieben in Snorre Sturlasons Königssagen. Aber die Gelehrtenwelt weiß es natürlich besser. Unter der Überschrift »Snorres und Heyerdahls zeitlose Fantasien« wird Heyerdahl in einer der größten Zeitungen Norwegens gleich von drei Professoren niedergeschrieen. In einer Demokratie ein klarer Fall: drei haben natürlich mehr recht als einer. Die Professoren halten es für notwendig »kein Blatt vor den Mund zu nehmen, damit niemand, auch nicht die Behörden [!?] im Zweifel sind, was die Fachleute von einem Projekt halten, daß auf sprachlichen Mißverständnissen und einer fundamentalistischen Lektüre von Snorre beruht«. So angefacht kann ein Osloer Gratis-Blatt sogar auf der Titelseite schreiben: »Hat Heyerdahl noch alle Tassen im Schrank?« Wem kommt diese Art der Berichterstattung nicht bekannt vor? So gibt sich denn auch die Antwort ganz von alleine, denn der dies alles genüßlich berichtet, ist Thor Heyerdahl selbst, nachdem er, bewaffnet mit „sprachlichen Mißverständnissen" und einem Spaten in Asov am Don ein Ausgrabungsprojekt in Gang gesetzt hat und – war es anders zu erwarten? – fündig wurde, dort wo er nach Snorre Sturlason den Spaten ansetzen sollte.

So war Thor Heyerdahls Leben. Jetzt hat er Spaten und Feder niedergelegt. Aber er hat seinen Zeitgenossen in Ingen Grenser eine Mahnung hinterlassen, wie sie nur von einem Revisionisten stammen kann. Er hofft auf:

»mehr Offenheit und Toleranz, weniger Engstirnigkeit und fundamentalistischen Fanatismus, der die vorherrschende Lehre dieses Jahrhunderts war; ein besseres Verständnis dafür, daß die Geschichtsforschung nie am Ende ist, daß man immer wieder neue Spuren findet, durch die alle früheren Theorien über den Haufen geworfen werden können, und die zu neuen Schlußfolgerungen führen. […] daß die Wissenschaftler einsehen und sich damit abfinden, daß, was sie in diesem Jahr gefunden haben, nichts Endgültiges ist, sondern sich ändern kann, sofern jemand im nächsten Jahr etwas Anderes findet, und daß sie froh sein sollen, anstatt es übelzunehmen, wenn jemand den Scheinwerfer auf alte Dogmen richtet und neue Antworten findet oder zur Diskussion einlädt – wenn sich nur unser Wissen erweitert.«


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 6(3) (2002), S. 339-341.


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