Hundert Jahre Leni Riefenstahl

Von Zoltán Bruckner

Vor hundert Jahren, am 22. August 1902, wurde Leni Riefenstahl geboren. Ihr Name ist weit außerhalb Deutschlands Grenzen, ja, man kann sagen: in der ganzen Welt bekannt geworden. Nur wenigen Künstlern des 20. Jahrhunderts sind so viel Ehrungen zuteil geworden, aber auch wenige mußten in ihrem Leben so viele Erniedrigungen und so niederträchtige Angriffe erleiden wie sie.

Sie wuchs in einer wohlhabenden Familie auf. Ihr Vater leitete eine Installationsfirma, ihre Mutter war Hausfrau. Sie hatte einen 31/2 Jahre jüngeren Bruder, erlebte eine glückliche Kindheit mit viel Freiheit nahe der Natur. Mit 5 Jahren lernte sie schwimmen, und bald darauf trat sie einem Turnverein bei. Was sie auch immer unternahm, sie wies hohe Leistungen auf. Daß sie sich dabei immer wieder Unfällen aussetzte und sich verletzte, steht auf einem anderen Blatt.

Mit 16 Jahren nahm sie an der Berliner Kunstakademie Kurse in Zeichnen und Malen auf, und gleichzeitig fing sie eine Ausbildung in Ballett und modernen Tänzen an. Schon nach zwei Jahren war sie als Tänzerin auf den Bühnen Deutschlands, der Tschechoslowakei und der Schweiz auf Tournee. Ihren ersten Soloauftritt hatte sie 1923 in München als "Diotima". Im gleichen Jahr wurde sie von Max Reinhard als Solotänzerin fürs Deutsche Theater in Berlin engagiert, gefolgt von zahlreichen Auftritten in ganz Deutschland. Die Karriere als Tänzerin nahm doch ein jähes Ende, als sie sich eine Verletzung im Knie zuzog. Eine Fehldiagnose verzögerte die Genesung, aber noch während ihrer Genesung sah sie einen Film des eigensinnigen Regisseurs Dr. Arnold Fanck, gedreht in den Dolomiten: Berg des Schicksals, mit dem berühmten Bergsteiger Luis Trenker in der Hauptrolle. Sie war von der Schönheit der Bergwelt fasziniert und reiste in der Gesellschaft ihres Bruders - der sie beim Gehen stützen mußte - nach Südtirol. Dort traf sie auch Trenker, der zur Vorführung des Filmes kam. Später sollten die beiden in mehreren Filmen zusammen spielen. Zurück in Berlin suchte sie Dr. Fanck auf, zeigte ihm Bilder und Zeitungsausschnitte mit Kritiken von ihrer Karriere als Tänzerin, und bat ihn um eine Rolle in seinem nächsten Film. Das setzte natürlich ein voll bewegliches und gesundes Knie voraus, daher unterzog sie sich einer riskanten Meniskus-Operation, die damals noch ganz unbekannt war. Fanck engagierte sie schon am Krankenbett für die Hauptrolle seines nächsten Filmes Der heilige Berg. Die Operation verlief erfolgreich, und nach drei Monaten Liegezeit konnte sie die ersten wankenden Schritte machen. Sie lernte Schifahren und Bergsteigen, und mit der Zeit trainierte sie sich zu einer kühnen und erfahrenen Alpinistin hoch. Das war auch notwendig, weil Fanck ein schonungsloser Regisseur war, der von sich und von seinen Mitarbeitern das äußerste verlangte. Fast alle Aufnahmen wurden in der Natur gedreht, was unter anderem bedeutete, daß das Team manchmal mehrere Tage in unbewirtschafteten Berghütten auf günstiges Sonnenlicht warten mußte oder daß riskante Schi- und Kletterszenen mehrmals wiederholt werden mußten. Aber Fanck war auch ein ideenreicher Pionier: er war z. B. der erste, der Zeitraffer- und Zeitlupenaufnahmen als künstlerische Ausdruckmittel der Filmgestaltung verwendete. Riefenstahl nahm während der Dreh-Pausen das Tanztraining wieder auf. Der Film wurde nämlich mit einem Prolog eingeleitet, wo sie auf den glitschigen Steinen unter der Felsenwand von Helgoland einen Tanz zum Rhythmus des Wellenganges aufführen mußte. Sie versuchte auch - nicht ohne Erfolg -, ihre Karriere als Tänzerin fortzusetzen. Aber der Film ließ sie nicht mehr los!

Leni Riefenstahl, Szene aus Das blaue Licht (1932)[1]

Der Heilige Berg wurde 1926 gedreht. Die Dreharbeiten waren von ernstlichen Unglücksfällen begleitet, führten aber zuletzt zu vollem Erfolg und leiteten für Leni Riefenstahl eine lange und produktive Zusammenarbeit mit Fanck ein.

Zwischen 1926 und 1931 spielte sie in den Filmen Der große Sprung (1927), gefolgt von Die Vetsera - die Tragödie des Habsburg-Thronfolgers Rudolf in Mayerling (1928 in Österreich gedreht); danach kamen Weiße Hölle am Piz Palü (1929), Stürme über dem Mont Blanc (1930) und Der weiße Rausch (1931), meistens mit Luis Trenker als Partner. Fanck gab ihr Einblicke in die Elemente der Regiearbeit: Bildkomposition, Beleuchtung, Material, Technik von Farbfiltern bis zur Entwicklung. Er betonte aber auch die Bedeutung einer ungestörten Teamarbeit. Als junge, begehrenswerte und leidenschaftliche Frau unter so vielen Männern zu arbeiten - etliche davon waren sehr attraktiv, wie das urtümliche Naturkind Trenker -, brachte natürlich Komplikationen, die sie in ihrer Selbstbiographie auch nicht ausspart.

Der Piz Palü-Film war ein Wendepunkt in ihrer Karriere. Früher hatte sie fast ausschließlich im Freien gearbeitet. Das war mehr Schifahren und Bergklettern als Schauspielerei. Jetzt lernt sie die Möglichkeiten der Atelierarbeit kennen. Seit diesem Film betrachtete sie sich als Schauspielerin. Der Film hatte zwei Regisseure: einen für die Alpen (Fanck) und einen für das Atelier (G. W. Pabst). Bei den Vorbereitungen zu diesem Film traf sie durch einen glücklichen Zufall Ernst Udet, den erfolgreichsten Jagdpilot des ersten Weltkrieges, der nach dem Krieg sein Brot als Kunstflieger verdiente. Eine seiner berühmten Nummern war es, ein vor der Zuschauertribüne locker auf den Boden geworfenes Taschentuch schief fliegend mit einem auf die Flügelspitze montierten Haken aufzupflücken. Leni überredete Fanck, Udet zu engagieren, worauf er eine Szene in den Film einarbeitete, wo ein Flugzeug eingeschlossene Bergsteiger von einem Gletscher rettet. Eine Rolle, die für den verwegenen Flieger maßgeschneidert war und zum Vorbild für die alpinen Rettungsdienste und - viel später - für die kommerziellen "Gletscherflieger" wurde. Der Film wurde ein Welterfolg.

Die Tonfilmtechnik hatte Leni Riefenstahl mit dem Film Stürme über dem Mont Blanc eingeholt, obwohl bei diesem Film der Ton in den Freiluftszenen noch synchronisiert werden mußte, weil die schweren, großen Tonbildkameras der damaligen Zeit nicht für Außenaufnahmen geeignet waren. Sie mußte erneut sprechen lernen. Die neue Technik war eine gewaltige Umstellung. Viele Schauspielgrößen der Stummfilmepoche haben diese Umstellung nicht geschafft.

Die Arbeit als Schauspielerin befriedigte sie jedoch nicht. Sie hatte ihre eigenen Visionen, wollte ihre eigenen Filme drehen. Und mit den Erfahrungen, die sie mit Fanck gesammelt hatte, war sie dafür gut gerüstet. Ein Traum begann Gestalt anzunehmen, der Traum eines jungen Mädchens, das in der Natur lebt, in sanften Alpentälern mit dunklen Tannen, umgeben von schroffen Felsenwänden; wo sie zuerst die Liebe, dann das Unverständnis ihrer Mitmenschen und schließlich den Tod findet. Das Blaue Licht war im Entstehen. Die Handlung wurde von einer Legende aus den Dolomiten inspiriert. Das Exposé reichte sie bei mehreren Produzenten ein, die sich dafür aber nicht interessierten. Sie zeigte es auch Fanck, der zwar die Handlung gut fand, das Projekt aber für undurchführbar hielt, weil die Atelierszenen enorme Kosten verursachen würden. Ihren Einwand, daß sie überhaupt nicht im Atelier filmen wolle - die wenigen Innenaufnahmen würde sie am Platz mit Hilfe eines Lichtwagens machen - winkte er ab. Die Bergwelt ist eine Welt harten Lichts und tiefer Schatten, da könne man keine traumhaften Bilder machen, so Fanck. Aber sie gab nicht auf! Das Hauptproblem war jetzt, einen guten Mitarbeiter für das Drehbuch zu finden. Und sie fand ihn in der Person des Ungarns Béla Balázs, der auch das Libretto unter anderen für Béla Bartóks Oper A kékszakállú herceg vára (Herzog Blaubarts Burg) schrieb. Das Drehbuch schrieb sie zusammen mit Balázs, der vom Material so begeistert war, daß er auf das Honorar verzichtete.

Mit den Worten von Fanck im Kopf überdachte sie sodann die technischen Probleme. Nebel könne Bilder mit Traumcharakter hervorbringen, so sinnierte sie. Und Licht und Filter könnten die Stimmung verändern! Sie verhandelte mit AGFA, einer Tochtergesellschaft der I.G. Farbenindustrie AG. AGFA zeigte sich am Projekt interessiert und entwickelte eine neue Fotoemulsion - genannt "R-Material" -, die Bildern, die mit Hilfe eines Spezialfilters bei Tageslicht aufgenommen wurden, den Charakter von Nachtaufnahmen gab. AGFA stellte ihr das ganze benötigte Filmmaterial kostenlos zur Verfügung, und nachdem eine Kopieranstalt noch großzügig einen Schneideraum und eine Kleberin anbot, wagte sie das Risiko.

Stürme über dem Montblanc (1930)[2]

Der weiße Rausch (1930/31)[3]

Sie mußte an allen Enden Kosten sparen. Sie setzte ihre ganze Gage aus den letzten Filmen ein, lebte - wie sie selbst beschreibt - »wie ein tibetanischer Mönch«, verkaufte ihren Schmuck und vieles Andere, um den Film zu finanzieren. Im Frühjahr 1931 gründet sie ihre eigene Produktionsfirma: Leni Riefenstahl Studio-Film G.m.b.H. Sie war sowohl Regisseurin als auch Hauptdarstellerin des Filmes, so daß sie sich nicht über Honorar und Gage Gedanken machen mußte. Kameramann und -assistent, Bekannte aus Fancks altem Filmteam, nahmen mit Begeisterung und für niedrige Löhne teil wie auch die übrigen Mitarbeiter. Die ganze Mannschaft bestand aus nur sechs Leuten, Riefenstahl selbst inbegriffen. Sie reiste in den Tessin und nach Südtirol, um sich dort umzusehen. Die Drehplätze waren bald gefunden, nicht aber die Statisten. In Bozen erhielt sie einen Wink von einem befreundeten Maler: die Bauern, die sie sucht, gibt es im Sarntal, aber - warnte er - die sind unnahbar. Nicht für Geld und nicht für Geschenke ließen die sich malen. Riefenstahl reiste dennoch hin. Sie schaute aus dem Fenster der Dorfschenke, als die Bauern nach dem Gottesdienst aus der Kirche von gegenüber kommen. In diesem Augenblick wußte sie, daß sie "ihre Leute" gefunden hatte. Als sie aber versuchte, sie anzusprechen, zeigten diese ihr den Rücken. Sie waren abweisend. Sie nahm unbemerkt ein Paar Bilder mit ihrer Leica auf, mietete sich im Wirtshaus ein und kam mit der Zeit mit einigen Dorfbewohnern ins Gespräch. Am darauf folgenden Sonntag war sie wieder in der Dorfschenke, und als die Bauern sich nach dem Gottesdienst im Wirtshaus für einen Schoppen Wein trafen, schob sie ihnen ein Paar Bilder zu. Diese Leute, die in den Bergen auf kleinen, isolierten Höfen lebten, hatten noch nie ein Foto von sich selbst gesehen! Das Eis war gebrochen. Ein Paar Krüge Rotwein besorgten den Rest. Sie versprachen, nach Abschluß der Erntearbeit bei dem Film mitzumachen.

Aber es war erst Sommer. Die kleine Drehmannschaft reiste also zu den ausgewählten Drehplätzen zum Probefilmen. Mit im Gepäck hatten sie eine teure Filmausrüstung und 20.000 Meter unbelichteten Film. Die italienischen Zollbeamten am Brennerpaß verlangten jedoch eine gehörige Menge Zoll. So viel Geld hatte sie allerdings nicht bei sich. In ihrer Verzweiflung schickte Leni Riefenstahl ein "SOS"-Telegramm an Mussolini. Innerhalb von sechs Stunden war dessen Antwort da: Sie konnten die Reise fortsetzen. Sie filmten mit verschiedenen Filtern, entwickelten probeweise jeden Abend ein Stück, und zum Schluß schickten sie 3000 Meter Filme nach Berlin zur Entwicklung. Ein Telegramm kam von Fanck (der vorher Leni vom ganzen Projekt abgeraten hatte): »Gratuliere, die Aufnahmen sind unbeschreiblich - niemals gesehene Bilder«. Und ein zweites Telegramm von einem Produzenten, der sich bereit erklärte, als Koproduzent die Endfinanzierung zu übernehmen. - Der Film war gerettet!

Die Dreharbeiten selbst gingen planmäßig. Der männliche Hauptdarsteller - neben Leni der einzige professionelle Schauspieler - traf ein, die Bauern kamen trotz strömendem Regen zum vereinbarten Zeitpunkt, um in zwei gemieteten Postautobussen zum Drehplatz in 20 km Entfernung transportiert zu werden. Eine gewisse Schwierigkeit trat auf, als einige der älteren Leute, die noch nie in einem Autobus gesessen hatten, sich weigerten einzusteigen. Aber mit Hilfe der Jüngeren wurde auch dieses Problem gelöst. Am Drehort war alles vorbereitet, Essen und Wein warteten, und die Dreharbeiten begannen in einer entspannten Atmosphäre. Die Bauern spielten natürlich und mit Einleben, alle gaben ihr bestes. Schon am nächsten Tag konnten sie schwerere Szenen vornehmen. Als am letzten Tag die Dreharbeiten um zwei Uhr in der Nacht mit einem großen Fest abgeschlossen wurden, waren alle müde, aber glücklich. Viele Bauern konnten sich nicht vom Filmteam trennen. Am Abreisetag begleiteten viele das Team nach Bozen. Nach genau zehn Wochen Drehzeit ging es zurück nach Berlin. Dort wurde die einzige Atelierszene des Filmes eingespielt, ein Tanz in der Kristallgrotte, aufgebaut aus geschliffenen Glasstücken, Bruchabfall aus einer Glasfabrik. Damit waren die Dreharbeiten abgeschlossen.

Die sich daran anschließenden Schneidearbeiten gingen schleppend voran. Leni bat Fanck, ihr dabei zu helfen, was er auch versprach. Aber über Nacht, in ihrer Abwesenheit, schnippelte er - aus Unverständnis oder Eifersucht? - den ganzen Film zusammen. (Er kam nie darüber hinweg, daß sie, wie er schon ahnen konnte, seinen Ruf weit überschatten würde.) Sie erlitt einen Nervenzusammenbruch, berappelte sich aber wieder und sammelte anschließend Hunderte von kleinen Filmstücken in einem Korb, und über viele Wochen hinweg fügte sie den ganzen Film neu zusammen.

Die Uraufführung fand in März 1932 im UFA-Palast statt. Der Erfolg war enorm! Von der Kritik wurde Das Blaue Licht zum besten Film der letzten Jahre auserkoren. Bei den Filmfestspielen in Venedig ("Biennale"), die in jenem Jahr das erste Mal abgehalten wurden, gewann der Film die Silbermedaille. Aufführungen in Paris und London folgten. In den USA wurde der Film auch gezeigt. Glückwünsche kamen aus der ganzen Welt, darunter Telegramme von Charlie Chaplin und Douglas Fairbanks, die nicht als besonders deutschfreundlich bekannt sind, sowie auch ein Angebot aus Hollywood, das Riefenstahl jedoch ablehnte. Der Publikumserfolg war überwältigend. Leni reiste im ganzen Land herum, als der Film in allen Städten Deutschlands aufgeführt wurde. Aber sie hatte damals die Befürchtung, daß sie wie das Mädchen im Film lediglich in einer Traumwelt lebte, daß sie verfolgt werden würde und zum Schluß mit zerbrochenen Idealen, die im Film durch die Kristalle der Grotte symbolisiert wurden, ihrem Untergang entgegengehen würde.

1932 war ein Jahr des Elends in Deutschland. Das Land wurde von den Alliierten ausgeplündert; als eine Folge des "Friedensvertrages" von Versailles herrschten Hunger unter den offiziell 6.000.000 Arbeitlosen: Das Land versank in Hoffnungslosigkeit und Apathie. Riefenstahl, die bis dahin in der Traumwelt des Filmes lebte, merkte davon nicht viel; aber während ihrer Reisen zu ihren Filmvorführungen kam sie mit der Bevölkerung in Kontakt. Im ganzen Land sprach man von einem Namen - die einen mit Mißtrauen, die anderen mit großen Hoffnungen: Adolf Hitler. Sie wurde neugierig auf diesen Mann, und als eine Wahlversammlung im Berliner Sportpalast angekündigt wurde, ging sie hin, um den Mann zu hören, von dem alle sprachen.

Es ist bezeugt, daß keiner, der Hitler "live" reden hörte, sich der Faszination seiner Persönlichkeit entziehen konnte. Auch Leni Riefenstahl nicht. Sie schrieb einen Brief an Hitler, in dem sie um ein persönliches Zusammentreffen bat. Während dessen waren die Vorbereitungen für eine Reise nach Grönland in vollem Gang, wo Fanck zusammen mit der amerikanischen Firma Universal Film den Film SOS-Eisberg einspielen sollte. Es war der gleiche Film, den Riefenstahl früher abgelehnt hatte; aber die Aussicht, noch einen Film mit ihren alten Mitarbeitern machen zu können und dazu noch Grönland kennenzulernen, führte zu einem Sinneswandel. Mit auf der Reise waren Knud Rasmussen (halb Däne, halb Eskimo), Ernst Udet mit drei Sportflugzeugen (darunter ein Wasserflugzeug), Dr. Loewe und Dr. Sorge in wissenschaftlichem Auftrag (zwei frühere Mitglieder von Otto Wegeners epochemachender - und für ihn selbst tödlichen - Expedition), sowie drei Eisbären aus Hagenbecks Tierpark in Hamburg (»Auf freilebende Eisbären können wir in Grönland nicht warten« - sagte Fanck). Zwei Tage vor der Abreise bekam Riefenstahl einen Telefonanruf von Hitlers Adjutant Brückner, ob sie am nächsten Tag nach Wilhelmshaven kommen könnte, wo der Führer an einer Wahlveranstaltung sprechen würde. Sie war verwirrt, sagte aber zu. Ohne den Grund zu nennen, teilte sie Fanck mit, daß sie nicht zusammen mit den übrigen Teilnehmern nach Hamburg fahren, aber eine gute Zeit vor der Abreise dort sein würde.

Brückner holte sie am Bahnhof in Wilhelmshaven ab und brachte sie zu Hitler. Hitler führte aus, er habe sämtliche Filme, in denen Riefenstahl aufgetreten sei, gesehen, den tiefsten Eindruck auf ihn habe aber der Film Das blaue Licht gemacht. Er zeigte sich wohlinformiert, stellte viele Fragen bezüglich der Filme und hörte geduldig ihren Antworten zu. Dann sagte er plötzlich: »Wenn wir an die Macht kommen, müssen Sie meine Filme machen«. Sie antwortete, daß sie keine Auftragsfilme machen könne, da sie ein persönliches Verhältnis zu ihren Themen haben müsse, und daß sie auch nie Mitglied in seiner Partei werden würde. Hitler sah sie ruhig an, und sagte: »Ich würde niemanden zwingen, in meine Partei einzutreten«. Und als sie seine Rassenvorurteile ansprach, antwortete er: »Ich wünschte, meine Umgebung würde genauso unbefangen antworten, wie Sie.« Seit diesem Tag verband die beiden eine aufrichtige Freundschaft, gegründet auf gegenseitige Achtung.

Szenen vom Reichsparteitag 1934 aus Riefenstahls NS-Film Triumph des Willens[4]

Am folgenden Morgen flog sie mit einem Privatflugzeug nach Hamburg, wo sie sich dem Rest der Expedition anschloß. Am Tage darauf starteten sie an Bord eines gecharterten britischen Frachters ihre elftägige Reise nach Grönland. Sie kommen zu Beginn des arktischen Sommers an. Die Dreharbeiten sind geradezu abenteuerlich. Es kommt zu einem Flugzeugabsturz mit darauffolgendem Brand - was laut Drehbuch auch so geplant war -, jedoch auch zu nicht eingeplanten Ereignissen: ein entschwommener und wieder eingefangener Eisbär; ein im Fjord eingeschlossenes Filmteam; verlorene und wieder aufgefundene Expeditionsmitglieder; geborstene Eisschollen; kenternde Eisberge; ein unfreiwilliges Bad im eiskalten Wasser. Udets Einsätze waren unentbehrlich, nicht nur für die planmäßige Dreharbeit, sondern auch, um die Verbindung zwischen den einzelnen Teilen des Teams aufrecht zu erhalten, denn das Team war für verschiedene Aufgaben in drei Gruppen aufgeteilt worden, und um verirrte oder im Fjord eingeschlossene Mitarbeiter aufzustöbern. Riefenstahl selbst war gezwungen, ihren Aufenthalt in Grönland vorzeitig abzubrechen, weil sie sich im kalten Wasser ein beschwerliches Blasenleiden zugezogen hatte, wogegen sie keine Medizin dabei hatten. Sie fuhr an Bord eines dänischen Frachters nach Hause, während die anderen auf das gecharterte britische Schiff warteten. Ihre Reise nach Kopenhagen war sehr stürmisch und dauerte vier Wochen.

Zurück in Berlin suchte sie zunächst ärztliche Hilfe für ihr Blasenleiden, dann rief sie gemäß ihrem Versprechen Hitler im Hotel Kaiserhof an. Binnen weniger Stunden rief Hitlers Adjutant zurück mit einer Einladung zum Tee im Hotel Kaiserhof für den gleichen Nachmittag um 5 Uhr. In der Empfangshalle des Hotels sah sie zum ersten mal Dr. Goebbels, den künftigen Propagandaminister, mit dem sie in der Zukunft ein sehr gespanntes Verhältnis haben sollte. Sie konnten einander einfach nicht ausstehen. Hitler stellte viele Fragen bezüglich ihrer Erlebnisse auf Grönland und war von ihren Geschichten derart fasziniert, daß der Adjutant ihn zweimal daran erinnern mußte, daß Dr. Goebbels im Salon wartete und daß die beiden zusammen bei einer Wahlveranstaltung erwartet wurden.

Die Wahl im Januar 1933 gab der NSDAP den entscheidenden Sieg. Hitler kam ganz legal und verfassungskonform an die Macht, und er kam sodann auf seinen Wunsch zurück, daß Riefenstahl für die Partei Filme machen sollte. Der erste Auftrag galt dem Reichsparteitag 1933 in Nürnberg. Er gab ihr hinsichtlich der künstlerischen Gestaltung freie Hand und großzügige Geldmittel. Das Ergebnis war der Film Sieg des Glaubens. Dabei handelte es sich um mehr als nur eine Dokumentation oder einen billigen Propagandafilm: es war dies eine stolze und ästhetische Selbstdarstellung der NSDAP mit den künstlerischen Ausdrucksmitteln des Films.

Der bekannteste unter Riefenstahls Dokumentarfilmen ist ohne Zweifel der anläßlich des Reichsparteitages von 1934 gedrehte Film Triumph des Willens. Er ist ebenfalls keine Dokumentation im Stile der Wochenschauen, sondern eine kräftige Demonstration der Solidarität mit der nationalsozialistischen Parteileitung. Riefenstahl arbeitete mit 16 Kamerateams, die die Geschehnisse aus verschiedenen Winkeln festhalten. Sie warf die chronologische Reihenfolge um, um einen mitreißenden Rhythmus zu schaffen; sie richtete die Blicke bald auf die in tadelloser Ordnung aufmarschierenden Einheiten, bald auf die Gesichter der Parteileitung; auf die Symbole (Standarten, Reichsadler, Hakenkreuzflaggen); auf einzelne, scheinbar zufällig ausgewählte, besonders charakteristische Profile; auf die imponierende Dekoration (gestaltet vom Albert Speer), und dies alles in einem Rhythmus, der es den Zuschauern nicht erlaubt, gedanklich vom Thema abzuschweifen. Der Film wurde mit dem "Deutschen Filmpreis" ausgezeichnet, dem höchsten Preis, den die deutsche Filmindustrie zu vergeben hatte. Er sorgte aber auch im Ausland für großes Aufsehen: bei den Filmfestspielen in Venedig 1936 wurde er mit der Goldmedaille als der beste Dokumentarfilm ausgezeichnet; bei der Weltausstellung in Paris 1937 mit dem "Grand Prix International". Der Film wird auch heute noch an fast allen Hochschulen und Akademien für Filmkunst als Unterrichtsmaterial für die Gestaltung von Dokumentarfilmen vorgeführt.

Szenen aus Riefenstahls IOC-Film über die Berliner Olympiade 1936[5]

1935, mit Wiedereinführung der Wehrpflicht, drehte Riefenstahl in staatlichem Auftrag den Film Tag der Freiheit - unsere Wehrmacht. Mit all diesen Filmen erntete sie viel Ruhm, Ehre und Respekt - aber sie bekam auch viel Ärger mit gewissen Parteigrößen, besonders mit Dr. Goebbels. Sie beschloß daher, nie mehr einen Dokumentarfilm zu drehen. - Bis ...

Im gleichen Jahr, 1935, wurde sie vom Professor Dr. Diem, dem Chef des Organisationskomitees für die XI. Olympischen Spiele 1936 in Berlin angesprochen. Er bat Frau Riefenstahl, einen Film über die Spiele zu drehen, »etwas im Stile des Triumph des Willens«, der ja auch "ein Film ohne Handlung" ist. Nebenbei erwähnte er, daß er die Spiele mit einer Stafette von Olympia nach Berlin einzuleiten gedachte. Leni protestierte, aber Dr. Diem, ein hartnäckiger und sehr diplomatischer Herr, hatte auf all ihre Einwände eine Erwiderung. Der Film würde nicht dem Ministerium des Dr. Goebbels' unterstellt, sondern dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC), dessen Präsident, der Schweizer Otto Mayer, ihr sicherlich besondere Vollmachten einräumen würde. Er sagte auch, daß der Präsident des IOC in den nächsten Tagen nach Berlin kommen werde und daß er sie ihm gerne vorstellen möchte. Und so geschah es dann auch. Die beiden Herren versuchten mit allen Mitteln, ihr die Idee schmackhaft zu machen. Immer noch nicht überzeugt, bat sie um Bedenkzeit. Aber der Samen war gesät, Visionen formten sich in ihrem Kopf. Wir können diese im Vorspan des Filmes verwirklicht sehen: Myrons Marmorstatue "Discuswerfer" verwandelt sich in Erwin Huber, Deutschlands Zehnkampfmeister; der Tanz der griechischen Tempeltänzerinnen - 30 splitternackte Mädchen, ausgesucht aus 300 Studentinnen der "Hochschule für Leibesertüchtigung" -, der sich zum Schluß im olympischen Feuer auflöst; die Fackelstafette vom olympischen Altar bis ins Berliner Stadion usw. Aber bis dahin war es noch ein langer Weg!

Sie rechnete und rechnete. Wenn jeder der 136 olympischen Wettbewerbe nur mit 100 Meter geschnittener Länge repräsentiert würde (entsprechend 31/2 Minuten Spielzeit), ergäbe dies 480 Minuten (8 Stunden!), ohne Vorspann, Fackelstafette, Eröffnungsfeier, Zeigen des olympischen Dorfes, Abschlußfeier usw. Das war undenkbar! Sie fragte ihren früheren Lehrmeister, den alten Fuchs Fanck, ob er daran interessiert wäre, den Film gemeinsam zu machen. Er lehnte schroff ab. Dann wollte sie wissen, welche Möglichkeiten er sieht, eine so gigantische Veranstaltung zu verfilmen. Er sah keine. Ein abendfüllender Film mit zwei Stunden Vorführungsdauer könnte nicht einmal den wichtigsten Ereignissen gerecht werden und würde außerdem keinen dokumentarischen Wert haben. Die andere Möglichkeit wäre, einen etwa 6 Stunden langen Film zu machen, und die dritte: reine Reportagegefilme ohne irgendwelchen ästhetischen Wert.

Aber Riefenstahl wäre keine Riefenstahl, wenn sie vor einer so großen Herausforderung gewichen wäre. Sie sagte zu! Dann begann sie sich um die Finanzierung zu kümmern. Die UFA, Deutschlands größter Filmproduzent, war nicht interessiert. Der Konkurrent, "Tobis Film", biß sofort an. Dessen Direktor schätzte die Kosten des Projekts richtig ein und war sich auch klar darüber, daß die Fertigstellung des Filmes mindestens ein Jahr in Anspruch nehmen würde. Aber er glaubte an den Film und an Leni Riefenstahl. Sie kamen auch überein, daß der Film aus zwei Teilen bestehen werde, jeder für sich einen ganzen Abend füllend.

Die Vielschichtigkeit der Organisationsarbeiten kann hier nur angerissen werden. Mitarbeiter mußten ausgewählt und geschult werden. Alle Kampfstätten wurden besichtigt, Kamerastandpunkte ausgewählt, Stahltürme für hohe Kamerawinkel gebaut, Gruben für niedrige ausgehoben, Schienen für laufende Aufnahmen gelegt. Das alles setzte die Erlaubnis der Sportfunktionäre voraus. Der Kampf gegen die Bürokratie konnte manchmal nur mit Hilfe von Prof. Diem und dem IOC geführt werden. Kameras und Filmmaterial wurden getestet und ausgewählt. Als Hauptquartier wurde ein altes, unbewohntes Schloß gemietet und mit Feldbetten und Obstkisten provisorisch möbliert. Büros, Reparaturwerkstätte, Materiallager, und eine Kantine wurden eingerichtet, Parkplätze angelegt. Bis zu 300 Personen arbeiteten und wohnten teilweise dort.

Hamburger Abendblatt, 17.8.2002, S. 6. Die Frankfurter Staatsanwaltschaft eröffnete aufgrund Riefenstahls Äußerung ein formelles Strafverfahren wegen Holocaust-Leugnung, stellte es aber später wieder ein.

Ideen auf der technischen Ebene fehlten auch nicht. Zum ersten Mal wurde eine Unterwasserkamera für Filmaufnahmen verwendet, konstruiert und gebaut von einem der Mitarbeiter, und im Becken neben dem Springturm montiert. Die Sprünge wurden mit drei perfekt synchronisierten Kameras aufgenommen: eine beim Absprung vom Sprungbrett, eine mitten in der Luft bis zum Eintritt ins Wasser, und eine unter Wasser. Die drei Filme wurden nachträglich fugenlos aneinandergefügt und ergaben ein kontinuierliches Bild der Sprünge. Diese Sequenzen gehören zu den am meisten bewunderten des Olympiafilms. Alles in allem waren 45 Kameramänner an der Arbeit. 400.000 Meter (400 km!) Film wurde gedreht, wovon nach der ersten Auswahl 100.000 Meter übrig blieben. Die endgültige Fassung hatte schließlich 6.000 Meter, was fast vier Stunden Spieldauer entspricht. Die Schneidearbeiten nahmen 18 Monaten in Anspruch.

Was mit dieser Arbeit vor, während und nach den Olympischen Spielen erreicht wurde, ist heute Geschichte. Filmgeschichte. Mit Fest der Völker und Fest der Schönheit, wie die beiden Teile des Olympiafilmes genannt wurden, hat Riefenstahl nicht nur eines ihrer besten eigenen Werke geschaffen, sondern auch eine der besten Leistungen der Filmkunst überhaupt. Der Film ist eine wertvolle Dokumentation der olympischen Wettbewerbe, vermittelt besonders in den Kampfsportarten eine unglaubliche Spannung und Dramatik, und gibt ein Bild der fast übermenschlichen Anstrengung und des Siegeswillens der Kämpfenden, z.B. beim Marathonlauf. Er zeigt aber auch die Schönheit des menschlichen Körpers und der Bewegungen, wie z. B. bei den Schwimm- und Sprungwettbewerben, aber auch in dem schon erwähnten Vorspann, der übrigens nach Abschluß der Olympischen Spiele von dem Regisseur und Fotografen Willy Zielke an der Kurischen Nehrung in Ostpreußen eingespielt wurde. Der Film ist unbeschreiblich. Man muß ihn gesehen haben!

Der Olympiafilm wurde am 20. April 1938, also zu Hitlers 49. Geburtstag, öffentlich uraufgeführt. Der Erfolg war überwältigend. Die Kritik feierte Riefenstahl, die Besucherziffern schnellten in die Höhe, obwohl fast zwei Jahre vergangen waren, seitdem das Olympische Feuer im Berliner Stadion erloschen war. Der Film eroberte auch die USA. Leni Riefenstahls Name war jetzt in der ganzen Welt bekannt. Bei den Filmfestspielen in Venedig (Biennale) 1938 wurde der Film mit der Goldmedaille ausgezeichnet. Das IOC ehrte Riefenstahl 1939 mit einer speziell für sie geschaffenen Olympischen Goldmedaille, und 9 Jahre später, im Jahr 1948, erhielt sie noch zusätzlich ein Olympisches Diplom. Man hat sie in den olympischen Kreisen nicht vergessen! Bei den Olympischen Spielen 1972 in München war sie offiziell als Fotografin akkreditiert. Und 1976, 40 Jahre nach den Spielen in Berlin, war sie Ehrengast des IOC in Montreal. Und wie bereits Triumph des Willens, so ist auch Olympia 1936 weltweit zum unerläßlichen Unterrichtsmaterial an den Hochschulen und Akademien für Filmkunst in der ganzen Welt geworden.

Nach dem Olympiafilm wandt sie sich neuen Projekten zu. 1939 begann sie mit der Verfilmung einer Tragödie von Kleist um die Amazonen-Königin Penthesilea. Der Kriegsausbruch verhinderte die Fertigstellung des Films. 1940 begann sie mit Tiefland, der Verfilmung einer Oper von Eugen d'Albert, einer Liebesgeschichte zwischen einem spanischen Hirten und eine Zigeunerin. Dazu heuerte sie 60 Zigeuner aus einem Konzentrationslager an. Das bereitete ihr nach dem Krieg viel Ärger. 1948 wurde sie vor Gericht angeklagt, sie habe die Zigeuner nicht entlohnt und ihnen außerdem unrichtigerweise die Freiheit versprochen. Die gegen Leni Riefenstahl erhobenen Vorwürfe nahmen keine Rücksicht auf die Tatsache, daß diese Leute nicht darum im Konzentrationslager eingesperrt gewesen waren, weil sie Zigeuner waren, sondern entweder als Arbeitsscheue, oder meist wegen kleineren krimineller Handlungen. Und selbstverständlich wurden sie entlohnt und nach Abbüßung ihre Haftstrafe auch entlassen. Dementsprechend wird Riefenstahl denn auch in allen Anklagenpunkten freigesprochen, wonach sie ihrerseits die Bunte Illustrierte erfolgreich verklagte, die die falschen Vorwürfe zuerst publiziert hatte.

Aber der Haß gegen sie starb nicht! 34 Jahre später, im Jahr 1982, wurden die alten Anklagen in einer TV-"Reportage" des Westdeutschen Rotfunks wieder aufgewärmt, wogegen sich die damals 80-jährige Riefenstahl nicht verteidigen konnte - wie wir noch sehen werden, weil man ihre Unterlagen geraubt hatte.

Aber zurück ins Jahr 1940 und zum Film Tiefland. Die Arbeit gingen schleppend voran, der Krieg behinderte sie. Sie selbst hatte auch Gesundheitsprobleme. Zum Schluß fuhr sich die Arbeit ganz fest. Erst 1954 konnte sie die Arbeit abschließen, aber der Film wurde kein Erfolg.

1944 heiratete sie einen Major der Wehrmacht, aber schon drei Jahre später ließen sie sich wieder scheiden, jedoch in gegenseitiger Achtung und Freundschaft.

Bei Kriegsende wurde sie von den Alliierten gefangengenommen und wegen ihrer "engen Zusammenarbeit mit dem Naziregime" angeklagt. Zwischen 1945 und 1948 wurde sie von einem Gefängnis ins andere, von einem Internierungslager ins nächste geschleppt. Ihr Eigentum, ihre Filmausrüstung, Dokumentation, Filmnegative und -kopien wurden beschlagnahmt. Ihre Urheberrechte zu ihren eigenen Filmen wurden ihr aberkannt. Sie bekam Berufsverbot, durfte nicht mehr filmen. Zwischen 1948 und 1953 kämpfte sie für ihre Rehabilitierung. Aber seither ist sie allerlei personenbezogenen Angriffen der gemeinsten Art ausgesetzt.

Sie wandte sich vom Film ab und dem Fotografieren zu. Sie machte ausgedehnte Reisen nach Afrika, unter anderem in den südlichen Sudan zum Nuba-Stamm. Sie lernte deren Sprache, lebte längere Zeit bei ihnen, machte imposante Bilder aus ihrem Leben und gab eine Reihe aufsehenerregende Bücher heraus: Den Bildband Die Nuba,[6] den Bild- und Textband Die Nuba von Kau[7] sowie den Bildband Mein Afrika.[8] Auch mit ihren Büchern gewinnt sie zahlreiche Auszeichnungen. Ihre Fotoserie wurde auch in einer Ausstellung in Tokio mit großem Erfolg gezeigt.

Aber ihre Energie war damit noch nicht erschöpft! Sie tauchte buchstäblich in ein neues Element ein: Mit 70 Jahren lernte sie tauchen. Während einer Reise im Jahr 1972 machte sie ihren Tauchschein und macht seither atemberaubend schöne Unterwasseraufnahmen in tropischen Meeren. Sie gab mehrere Bücher mit Unterwasserfotos heraus. 1978 erschien Korallengarten. 1990 folgte Wunder unter Wasser. Über ihren Unterwasser-Film, den sie 1998 in Neu Guinea mit 96 Jahren gedreht hat, konnte ich keine zuverlässige Information erhalten. Auf meine Anfrage antwortete ihre Sekretärin, daß der Film verspätet sei, weil sie starke Rückenschmerzen habe, den Schnitt aber niemand anderem überlassen wolle.

1987 publizierte sie ihre Autobiographie Memoiren.[9] In diesem Buch verteidigt sie ihr Engagement im Filmmetier des Dritten Reiches als rein künstlerisch motiviert, aber die Kritik läßt das nicht gelten. Das Buch wird von der deutschen Kritik total verrissen. Im Ausland jedoch ist es ein Verkaufserfolg. Es wurde bisher in neun Sprachen übersetzt.

1988 kam ihr Bildband Schönheit im Olympischen Kampf von 1937 in Neuauflage heraus. In Zusammenhang mit ihrem 90sten Geburtstag wurdr Leni Riefenstahl 1992 in der ganzen Welt groß gefeiert. Glückwünsche strömten von überall herbei, Journalisten belagerten sie. Ein "würdiger" und besonders feinfühliger Vertreter dieser ehrenwerten Zunft stellt ihr die Frage:

»Ist es wahr, daß Sie Hitlers Geliebte waren?«

Die 90-jährige Dame antwortete kühl:

»Nein, aber hätte ich es gewollt, hätte ich es haben können.«

Entrüstet frug der Journalist weiter:

»Hätten Sie es sich vorstellen können, mit diesem Mann?«

»Warum nicht? Er war ein fescher Mann, hatte gute Manieren, und wußte, wie man mit Frauen umgeht!«

So schnell ist wahrscheinlich noch kein Journalist von einem Interview verschwunden wie dieser!

1992-93 wurde eine Filmbiographie mit dem Titel Die Macht der Bilder um Riefenstahls Leben gedreht, und zwar mit ihrer aktiven Mitarbeit als Beraterin. Der Film wurde auch im deutschen Fernsehen mit großem Erfolg gezeigt. Sogar die Kritik war diesmal ausnahmsweise gnädig. Er wurde auch im New Yorker Museum of Modern Art vorgeführt und erhielt eine "Emmy" (den höchsten US-Fernsehpreis). 1990 wurde im Kölner Schauspielhaus eine choreographierte Fassung ihrer Biographie aufgeführt. Der Kreis schließt sich: Das Leben ist ein Tanz!

Wir wünschen Leni Riefenstahl, der "Großen Alten Dame" des deutschen Films, alles Gute für ihren Lebensabend!


Quellen


Anmerkungen

[1]http://www.uni-koeln.de/phil-fak/thefife/home/vmm/film/ausstellungen/riefenstahl/rief1.htm
[2]~/rief18.htm
[3]~/rief21.htm
[4]http://rubens.anu.edu.au/htdocs/bytype/film/riefenstahl/triumph/
[5]http://rubens.anu.edu.au/htdocs/bytype/film/riefenstahl/olympiad/
[6]Paul List Verlag, 1973. Neuauflage 1995.
[7]Ebenda, 1976, zuletzt neu aufgelegt von Ullstein, Berlin 1991.
[8]Paul List Verlag, 1982.
[9]Albert Knaus Verlag, München

Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 6(4) (2002), S. 463-470.


Zurück zum Inhaltsverzeichnis