"Verbrennungsgruben" und Grundwasserstand in Birkenau

Von Carlo Mattogno

1998 veröffentlichten die Ingenieure Michael Gärtner und Werner Rademacher eine ausführliche Studie mit dem Titel »Grundwasser im Gelände des KGL [Kriegsgefangenenlager] Birkenau«,[1] in welcher der Nachweis erbracht werden sollte, daß die von mehreren Zeugen erwähnten "Verbrennungsgruben" im Hof des Krematorium V sowie in der Zone des sogenannten "Bunker 2" aufgrund des damaligen hohen Grundwasserstandes auf dem Gelände von Birkenau technisch unmöglich waren.

Neue Urkunden ermöglichen nun eine vertiefte Behandlung dieses wichtigen Arguments. Zuerst sei allerdings eine Bemerkung allgemeinen Charakters vorausgeschickt.

Zahlreiche Dokumente der Zentralbauleitung von Auschwitz-Birkenau aus den Jahren 1941 bis 1944 erwähnen einen sehr hohen Grundwasserpegel auf dem Territorium von Birkenau, doch gilt es genau zu ermitteln, was mit den betreffenden Hinweisen konkret gemeint ist. Ich führe zwei aufschlußreiche Beispiele an.

In einem »Erläuterungsbericht zum Vorentwurf für den Neubau des Kriegsgefangenenlagers der Waffen-SS, Auschwitz O/S« vom 30. Oktober 1941 liest man unter der Überschrift »Baugrund« folgendes:[2]

»Die Bodenbeschaffenheit ist schlecht. Unter der Humuserde tritt Lehm und Tegel zutage, in welchem Kies und Sandlinsen von geringer Mächtigkeit eingebettet sind. Der Grundwasserstand schwankt zwischen 0,30 und 1,20 m. Das Gelände ist z.T. versumpft.«

In einem »Bauantrag zum Ausbau des Kriegsgefangenenlagers der Waffen-SS in Auschwitz O/S. Errichtung von 25 Stck. Effektenbaracken« vom 4. März 1944 steht unter der Überschrift »Baugrund«:[3]

»Die Bodenbeschaffenheit ist schlecht. Unter einer 25 cm starken Humusschicht tritt Lehm zutage, in welchem Kies- und Sandlinsen von geringer Mächtigkeit eingebettet sind. Der Grundwasserstand schwankt zwischen 0,30 und 1,20 m. Das Gelände ist z.T. versumpft.«

Bild 1: Erste Seite des Briefs Jothanns vom 10. Februar 1944 (RGVA, 502-1-155, S. 11) (Zum Vergrößern anklicken)

Bild 2: Bericht der Firma Continentale Wasserwerks Ges. vom 22. Februar 1943 (RGVA, 502-1-157, S. 4) (Zum Vergrößern anklicken)

Bild 3: Ausgrabungen für das Fundament der Zentralsauna im Mai 1943 (Zum Vergrößern anklicken)

Bild 4: Alliierte Luftaufnahme des Lagers Birkenau, nördlich des Krematorium V. Eingekreist: Massengräber

Bild 5: Nördlich des Krematorium V verlaufende Entwässerungsgrube[25] (Zum Vergrößern anklicken)

Bild 6: Entwässerungsgrube in einem anderen Sektor des Lagers Birkenau. Die genaue Stelle läßt sich nur schwer lokalisieren.[26] (Zum Vergrößern anklicken)

Wortwörtlich genommen scheinen diese Angaben zu besagen, daß der Grundwasserpegel in Birkenau nach fast zweieinhalb Jahren nicht um einen einzigen Zentimeter gesunken war. Doch hatten die Arbeiten am Bauwerk 18, die mit »Kanalisation und Kläranlage« in Verbindung standen, am 21. Oktober 1941 eingesetzt und am 13. Dezember 1943 einen allgemeinen Fertigstellungsgrad von 60% erreicht.[4] Noch zu vollenden war nicht das Entwässerungsgrabensystem, sondern die Kläranlage, denn bis September 1943 waren die Entwässerungsgräben E, F und H des Bauabschnitts III bereits fertig ausgehoben,[5] und mir scheint die Annahme naheliegend, daß diese Arbeiten nach den bedeutend dringlicheren in den Bauabschnitten I und II in Angriff genommen worden waren.

Zudem hatte man im Gebiet Auschwitz im Februar 1944 ein »katastrophales« Absinken des Grundwasserpegels festgestellt. Dies geht aus einem Brief des Leiters der Zentralbauleitung Jothann »an den Regierungspräsidenten - Abt. IIIQ - Kattowtiz« vom 10. Februar 1944 hervor, der wie folgt beginnt:[6]

»Infolge des katastrophalen Absinkens des Grundwasserstandes im Gebiet von Auschwitz reichen die für die Versorgung des KL und der angeschlossenen Betriebe gebauten Brunnen nicht mehr aus.« (siehe Bild 1)

Obwohl hier vom Stammlager Auschwitz (KL) die Rede ist und nicht etwa vom weiter westlich gelegenen Lager Birkenau, das in unmittelbarer Nähe der Flüsse Sola und Weichsel lag,[7] legt dieses Schreiben nahe, daß weniger als einen Monat später, am 4. März 1944, der Grundwasserstand in Birkenau selbst ebenfalls deutlich niedriger gewesen sein könnte als im Oktober 1941. Es könnte zudem sein, daß sich die Hinweise auf den Grundwasserpegel in den Dokumenten aus den Jahren 1943 und 1944 nicht auf aktuelle Untersuchungen stützen, sondern daß sie rein bürokratischen Charakter haben und tatsächlich den Stand von Oktober 1941 wiederspiegeln. In der Praxis könnten die Angaben unter der Überschrift »Baugrund« ganz einfach vom einem Dokument auf das andere übertragen worden sein.

Eine Reihe zuvor unbekannter Dokumente ermöglicht es indessen, uns eine recht genauer Vorstellung davon zu machen, wie sich die Lage im Jahre 1943 darbot. Es handelt sich um elf Berichte der Firma Continentale Wasserwerks Gesellschaft über die vom 6. Februar bis zum 7. August 1943 in Birkenau durchgeführten Entwässerungsarbeiten. Die ersten drei davon sind Rechenschaftsberichte über die in den Zeiträumen vom 6. bis zum 17. Februar[8] (siehe Bild 2), vom 18. Februar bis zum 20. März[9] sowie vom 22. bis zum 31. März 1943[10] unternommenen Nebenarbeiten. Bei den restlichen acht handelt es sich um Aufstellungen über die Pumpenstunden, die in Birkenau in den Zeiträumen vom 21. bis 27. März,[11] 28. März - 3. April,[12] 4. bis 10. April,[13] 11. bis 18. April,[14] 18. April bis 8. Mai,[15] 28. Juni bis 10. Juli,[16] 12. bis 24. Juli[17] sowie 26. Juli bis 7. August[18] 1943 mittels Handpumpen geleistet worden waren.

Diese Arbeiten wurden für das Bauwerk (BW) 19 durchgeführt, das freilich zu jenem Zeitpunkt nicht mit der Kanalisation und Kläranlage in Beziehung stand - diese Aufgaben fielen in den Kompetenzbereich des BW 18 -, sondern mit der Wasserversorgungsanlage des Lagers. Schließt man einen - nicht sehr wahrscheinlichen - Irrtum aus, so läßt sich diese Anomalie mit administrativen Gepflogenheiten erklären. Insgesamt wurden 1.931,5 Pumpenstunden geleistet; die Arbeit wurde größtenteils im Bauabschnitt (BA) II durchgeführt, wo insbesondere 251 Pumpenstunden zur Entwässerung der Baugrube des Krematoriums II sowie 269 Pumpenstunden zur Entwässerung der Baugrube des Krematoriums III anfielen. Diese beiden Krematorien besaßen ein halbunterirdisches Kellergeschoß, dessen Fußboden sich rund 2 Meter unterhalb des Erdbodens befand. Unter dem Fußboden lag eine 50 cm Kellersohle aus Zement, welche dazu diente, den Grundwasserdruck abzudämpfen.[19]

Folglich mag der Grundwasserpegel während dieses Zeitraums gefallen sein, jedoch bestimmt nicht unter einen Stand von zwei bis zweieinhalb Metern.

Wie ist nun der Umstand zu erklären, daß eine im Mai 1943[20] entstandene Fotografie der Ausgrabungsarbeiten für die Zentralsauna eine mehr als 4,3 m tiefe Grube mit völlig trockenem Grund erkennen läßt[21] (siehe Bild 3[22])? Die Antwort auf diese Frage geht aus den oben genannten Berichten hervor: Die Grabarbeiten, welche dem Bau der Zentralsauna vorausgingen, wurden sicherlich mit Hilfe von Entwässerungspumpen vorgenommen, und zwar vermutlich von motorbetriebenen, denn in den Berichten über mittels Handpumpen durchgeführte Arbeiten findet sich kein diesbezüglicher Hinweis.

Andere Dokumente bestätigen, daß der Grundwasserstand während dieses Zeitraums wesentlich höher als die erwähnten 4,30 m lag. In einem Bericht vom 9. Mai 1943, in dem es um die von Kammler anläßlich seines Auschwitz-Besuchs vom 7. Mai jenes Jahres getroffenen Maßnahmen ging, schrieb der damalige Chef der Zentralbauleitung, SS-Sturmbannführer Bischoff:[23]

»Gegen das Grubensystem spricht er [der SS-Standortarzt] sich aus, da durch den hohen Grundwasserstand eine Verseuchung des Grundwassers zu erwarten ist, [...]«

In einem späteren, auf den 19. Juli 1943 datierten Bericht zum Thema »Latrinen im Bauabschnitt III« meldete Bischoff:[24]

»Es ist auch mit 99%iger Sicherheit anzunehmen, daß das Wasser durch den schlechten Untergrund nicht filtriert wird, und da der Bauabschnitt III zwischen Weichsel und Sola liegt, ist es ziemlich wahrscheinlich, daß der Grundwasserstrom von diesem Bauabschnitt (total versumpftes Gebiet) auch noch das KL durchflutet und dortselbst die Wasserversorgung durch Verseuchung des Grundwassers gefährdet. Die Aufstellung von Feldlatrinen muß daher aus hygienischen Gründen unbedingt abgelehnt werden, zumal es sich hier, wie bereits erwähnt, um ein total versumpftes Gebiet handelt.«

Es ist nicht unwahrscheinlich, daß der Anstieg des Grundwasserpegels im Bauabschnitt II, welcher 1943 den Einsatz von Pumpen erforderlich machte, durch den Grundwasserstrom aus dem Bauabschnitt III ausgelöst worden war.

Ende 1942, als der sogenannte "Bunker 2" mit seinen angeblichen Menschentötungsgaskammern dem Vernehmen nach in Funktion getreten sein soll, waren die Arbeiten am Bauwerk 18, also dem Entwässerungssystem, erst zu 40% vollendet. Dementsprechend war der hohe Grundwasserpegel damals noch höher. Außerhalb des Lagergeländes entsprach die Situation der im Bericht vom 30. Oktober 1941 beschriebenen, d.h. der Grundwasserstand schwankte noch zwischen 0,30 und 1,20 m. Somit ist klar, daß die angeblichen "Verbrennungsgräben" beim "Bunker 1" nicht tiefer als einen Meter sein konnten.

Der tatsächliche Hintergrund dieser verzerrten Zeugenaussagen sind Massengräber, die in der ersten Hälfte 1942 ausgehoben worden waren, als das kleine Krematorium im Stammlager die Leichen der Seuchenopfer nicht mehr einzuäschern vermochte. Der hohe Grundwasserstand liefert auch eine zwanglose Erklärung für die außerordentliche Länge und Breite der Massengräber, durch die man deren mangelnde Tiefe ausglich. Auf zwei im Jahre 1944 entstandenen Luftaufnahmen erkennt man in der Tat außerhalb des Lagers Birkenau (ca. 160 m nördlich des Krematorium V, vgl. Bild 4) die Spuren von vier Gruben, die ca. 10 Meter breit waren; zwei davon waren etwa 100 m lang, die anderen beiden rund 130 m.[27]

Anfang Sommer 1944 war der Grundwasserpegel, der zu Beginn jenes Jahres abgesunken war, erneut gestiegen. Dies geht aus einem Fernschreiben Jothanns an Kammler vom 2. Juni 1944 hervor. Jothann erläuterte, daß er die Genehmigung zur Benutzung von 14 im Bauabschnitt III des Lagers Birkenau befindlichen Baracken aus hygienisch-sanitären Gründen verweigert hatte, und ergänzte:[28]

»Baracken sind nur zum Teil eingedeckt, Gelände sumpfig und in keiner Form planiert. Verseuchung des Grundwassers und Bildung von sonstigen Seuchenherden wird befürchtet.«

Somit wäre man mit Sicherheit auf Wasser gestoßen, hätte man im Nordhof des Krematoriums V zwei bis drei Meter tiefe Gräben ausgehoben. In der Zone um den sogenannten "Bunker 2" herum, die sich außerhalb des Lagergeländes befand, war der Grundwasserpegel noch höher und die Aushebung von Gräben dieser Tiefe folglich absolut unmöglich.

Im März 1945 war der Grundwasserstand wieder relativ tief, wie man den Bildern 5 und 6 entnehmen kann, doch waren seit dem hier zur Debatte stehenden Zeitraum damals schon sechs oder mehr Monate verstrichen, so daß diese Aufnahmen einen Grundwasserpegel erkennen lassen, der sich von demjenigen des Sommers 1944 unterscheidet.


Abkürzungen

APMO:

Archiwum Panstwowego Muzeum Oświęcim-Brezinka (Archiv des Staatlichen Auschwitz-Museums).

GARF:

Gosudarstvennii Archiv Rossiskoi Federatsii (Staatsarchiv der Russischen Föderation, Moskau).

NA:

National Archives, Washington

RGVA:

Rossiskii Gosudarstvennii Vojennii Archiv (Russisches Staatliches Kriegsarchiv, ehemals TCIDK, Tsentr Chranenija Istoriko-Dokumentalnich Kollektsii, Zentrum zur Aufbewahrung historisch-dokumentarischer Sammlungen), Moskau.


Anmerkungen

[1]VffG , 2(1) (März 1998) S. 2-12.
[2]Erläuterungsbericht zum Vorentwurf für den Neubau des Kriegsgefangenenlagers der Waffen-SS, Auschwitz O/S. RGVA, 502-1-233, S. 14.
[3]Bauantrag zum Ausbau des Kriegsgefangenenlagers der Waffen-SS in Auschwitz O/S. Errichtung von 25 Stck. Effektenbaracken. RGVA, 502-1-230, S. 95a.
[4]RGVA, 502-1-320, S. 67.
[5]RGVA, 502-1-27, S. 7.
[6]RGVA, 502-1-155, S. 11.
[7]Aufgrund der Versumpfung des Gebietes um Birkenau wäre es praktisch unmöglich gewesen, dort Trinkwasserbohrungen durchzuführen.
[8]Continentale Wasserwerks Ges., Tagelohn- (Neben-) Arbeiten am 6.2. - 17.2. 1943, datiert auf den 22. Februar 1943. RGVA, 502-1-157, S. 4.
[9]Tagelohn- (Neben-) Arbeiten am 18.2. - 20.3. 1943, datiert auf den 22. März 1943. RGVA, 502-1-157, S. 5.
[10]Tagelohn- (Neben-) Arbeiten am 22.3. - 31.3. 1943, datiert auf den 5. April 1943. RGVA, 502-1-157, S. 6.
[11]Aufstellung über die in der Woche vom 21.3. - 27.3. 43 im Kgl geleisteten Pumpenstunden mittels Handpumpen, datiert auf den 1. April 1943. RGVA, 502-1-157, S. 54.
[12]Aufstellung vom 5. April 1943. RGVA, 502-1-157, S. 53.
[13]Aufstellung vom 15. April 1943. RGVA, 502-1-157, S. 52.
[14]Aufstellung vom 17. April 1943. RGVA, 502-1-157, S. 51.
[15]Aufstellung vom 10. Mai 1943. RGVA, 502-1-157, S. 50.
[16]Aufstellung vom 12. Juli 1943. RGVA, 502-1-157, S. 44.
[17]Aufstellung vom 26. Juli 1943. RGVA, 502-1-157, S. 43.
[18]Aufstellung vom 9. August 1943. RGVA, 502-1-157, S. 42.
[19]Brief des Leiters der Zentralbauleitung (SS-Hauptsturmführer Bischoff) an die Firma Huta vom 14. Oktober 1942. RGVA, 502-1-313, S. 112.
[20]Der Bau der Zentralsauna begann am 30. April 1943. RGVA, 502-1-320, S. 7.
[21]»Nach den endgültigen Angaben der Heizungsfirma muß die Heizkellersohle von -3,70 auf -4,30 m vertieft werden.« Brief Bischoffs vom 24. März 1943. RGVA, 502-2-336, S. 19. Der Hinweis bezieht sich auf zwei mit Heißluft betriebene Entwesungsöfen, welche die Firma Topf im Kellerraum der Zentralsauna installierte.
[22]APMO, Negativ Nr. 20995/465.
[23]RGVA, 502-1-233, S. 36.
[24]RGVA, 502-1-83, S. 111-112.
[25]APMO, Mikrofilm N. 909.
[26]GARF, 7021-128-244, S. 28.
[27]NA, Mission: 60 PRS/462 60 SQ. Can: D 1508. Exposures [Aufnahmen] 3055 und 3056.
[28]RGVA, 502-1-83, S. 2.

Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 6(4) (2002), S. 421-424.


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