Warum die USA den Internationalen Strafgerichtshof ablehnen

Von Dr. Dieter Bartling

Die Ablehnung des Internationalen Strafgerichtshofes durch die Vereinigten Staaten von Amerika und ihre Forderung, für US-Soldaten grundsätzlich Immunität gegenüber diesem Strafgerichtshof festzuschreiben, ist in den meisten Ländern mit großem Befremden oder sogar Empörung aufgenommen worden. Ausgerechnet der Staat, der einst den Völkerbund und später die Vereinten Nationen schuf und der das Nürnberger Internationale Militär-Tribunal (IMT) sowie sein Tokioer Pendant weitgehend formte und bestimmte und der Welt als historische Errungenschaften und säkularen Fortschritt pries und empfahl, ausgerechnet dieser Staat will nun beim Internationalen Strafgerichtshof, der letztlich nichts anderes ist als ein juristisch faires und demilitarisiertes IMT, nicht mitmachen. Welche Gründe treiben die USA zu dieser Haltung? Warum dieser erbitterte Widerstand?


1. Die öffentlich diskutierten Gründe

1.1. Die Arroganz der Macht

Die USA sehen sich als die einzige verbliebene wirkliche Weltmacht, die nicht einsieht, warum sie auch nur einen Deut ihrer Souveränität an ein - wie immer geartetes - internationales Gremium abgeben soll. Das Motto lautet: "Wir haben nicht in vielen Kriegen - angefangen mit dem Unabhängigkeitskrieg bis zu Ersten und Zweiten Weltkrieg, dem Korea- und dem Vietnamkrieg usw. - gekämpft, um uns nun, da wir als Sieger dastehen, von irgendwelchen Dritten sagen zu lassen, was wir tun oder nicht tun sollen. Das niemals!" (Deshalb auch das Vetorecht im UN-Sicherheitsrat.)

1.2. US-Soldaten dürfen nur US-Kommandeuren unterstehen

Die USA nehmen als Axiom für sich in Anspruch, daß ihre Soldaten grundsätzlich nicht von Fremden kommandiert werden dürfen. Das ist nicht nur ihr Selbstverständnis als derzeit einzige wirkliche Weltmacht, sondern diese Einstellung geht bis auf den Unabhängigkeitskrieg zurück. Das von Großbritannien unabhängig gewordene Amerika beschloß, über seine Truppen grundsätzlich selbst und direkt verfügen zu wollen. Ein "Ausleihen" eigener Soldaten an fremde Mächte oder die Unterstellung eigener Soldaten unter fremdes Kommando oder unter die Jurisdiktion eines Internationalen Strafgerichtshofes wird als Rückfall in feudalistische Zustände begriffen, denen zu entkommen man schließlich einen blutigen Unabhängigkeitskrieg geführt hat. Daß damit jede internationale militärische Zusammenarbeit von vornherein unter einem besonderen Spannungsverhältnis steht, quittieren die US-Amerikaner mit einem Achselzucken, etwa so, wie die Bayern zu sagen pflegen: "Mir san mir!"

Wenn man US-Amerikanern sagt, daß, falls alle Staaten sich analog verhalten würden, eine multinationale Truppe nicht realisierbar wäre, bekommt man zur Antwort: Die USA nähmen eben nicht nur als einzige wirkliche Weltmacht, sondern als ein Staat sui generis, nämlich als die Vereinigten Staaten von Amerika mit ihrem erkämpften freiheitlichen Staats- und Rechtssystem dieses Vorrecht für sich in Anspruch, dafür stellten sie im Ernstfall ja auch die größte militärische Macht zur Verfügung. Das Motto ist bekannt: "Quod licet Jovi, non licet bovi." - Basta!

1.3. Die USA wollen volle Handlungsfreiheit im Kampf gegen den Terrorismus

Der frühere Generalinspekteur der Bundeswehr, General Naumann, hat kürzlich darauf hingewiesen, daß antiterroristische Operationen nur dann vor Strafverfolgung sicher sind, »wenn sie auf einem UN-Mandat oder einer Einladung des betroffenen Landes fußen«.[1] Beides ist im Falle eines Krieges der USA gegen etwa den Irak durchaus zweifelhaft. Die USA wollen auf keinen Fall ihre Verteidigung oder ihre Angriffsentscheidung (inklusive eines Präventivschlages!) von unsicheren Mehrheiten im UN-Sicherheitsrat abhängig machen. Den Sicherheitsrat braucht man zwar, um durch Veto für die USA nichtakzeptable Aktionen oder Entwicklungen verhindern zu können, aber wenn es um eigene Verteidigungs- oder Angriffsaktionen geht, möchte man doch lieber ohne den dann lästigen Sicherheitsrat handeln können. Analoges gilt für den Internationalen Strafgerichtshof: Schließlich möchten die USA im Falle eines Angriffs auf den Irak nicht als "Aggressorstaat" angeklagt werden.

Ähnliche Überlegungen dürften auch Israel und China bewogen haben, das Statut des Internationalen Strafgerichtshofes nicht zu unterschreiben. Zu dieser Haltung der USA paßt auch die Nichtaufhebung der UN-Feindstaatenklauseln, mit denen sich die USA noch immer ein Interventionsrecht in Deutschland für den Fall vorbehalten, daß es hier zu einer politischen Entwicklung kommen sollte, die den USA nicht genehm wäre. Dieses Ablehnungsmotiv ist also eine Mischung aus "Arroganz der Macht" und "Sicherstellung der Handlungsfreiheit einer Weltmacht".

1.4. Die USA wollen "politisch motivierte Strafverfolgung" ihrer Soldaten ausschliessen

Das ist sicherlich das schillerndste Argument für die ablehnende Haltung der USA, denn es schließt ein, daß der Internationale Strafgerichtshof sich politisch mißbrauchen lassen würde, also nicht qualifiziert wäre. Damit ist aber nicht zu rechnen, denn man kann davon ausgehen, daß der Internationale Strafgerichtshof mit hochkarätigen Juristen besetzt werden wird oder schon ist. Nein, hinter diesem Argument steht das Wissen um die selbst betriebene "politisch motivierte Strafverfolgung", wie sie in den unfairen und juristisch außerordentlich angreifbaren Anklagen, Verhandlungen und Urteilen der IMTs von Nürnberg und Tokio praktiziert wurde. Die USA wissen genau, daß in diesen Prozessen die Verteidigung schwerstens behindert wurde, um die "politisch motivierte Strafverfolgung" möglichst rasch durchzusetzen. Offenbar schließen die USA nicht aus, daß ihren Soldaten vor dem Internationalen Strafgerichtshof Ähnliches widerfahren könnte, obwohl es für diese Annahme keine ersichtlichen Gründe gibt, denn der Internationale Strafgerichtshof dürfte sich nach internationalem Völkerrecht richten und wird die Verteidigung der Angeklagten sicherlich nicht behindern, wie es in Nürnberg und Tokio geschah.

Soweit die Analyse der offiziellen Beweggründe für die ablehnende Haltung der USA zum Internationalen Strafgerichtshof. Nun zur zweiten Kategorie der Ablehnungsgründe:

2. Die öffentlich nicht diskutierten Gründe

Die Führungsschicht der USA weiß sehr genau, daß sie sich aufgrund der im US-Volk noch immer weitverbreiteten Wildwest-Mentalität der Disziplin und des korrekten Verhaltens von US-Truppen keinesfalls sicher sein kann. Vielmehr muß sie befürchten, daß auch in zukünftigen kriegerischen Auseinandersetzungen und im derzeitigen Kampf der USA gegen Taliban- oder Al-Quaida-Terroristen Menschenrechtsverletzungen durch US-Streitkräfte in möglicherweise erheblichem Umfang stattfinden werden oder vielleicht schon stattfinden. Diese Befürchtungen lehrt die Geschichte: Beginnend mit den Indianerkriegen (man denke nur an "Wounded Knee") und sich fortsetzend in vielen anderen Kriegen, haben sich US-Truppen nie durch besondere Zimperlichkeit ausgezeichnet. "My Lai" ist hier nur ein weiteres Stichwort. Wenn diese US-Kriegsverbrechen vor einem Internationalen Strafgerichtshof verhandelt worden wären, wären die USA vor der Welt in höchstem Maße desavouiert worden.

Dabei muß man sich darüber im klaren sein, daß sich völkerrechtswidriges Verhalten von US-Truppen nicht nur in gelegentlichen Einzelfällen darstellt, sondern eine erheblich größere Verbreitung hatte, als gemeinhin angenommen wird. Für diese Feststellung sprechen US-amerikanische Quellen am besten:

2.1. Die Beobachtungen und Feststellungen von Charles A. Lindbergh

Charles A. Lindbergh, der durch seine Überquerung des Atlantiks am 20./21. Mai 1927 mit dem einmotorigen Flugzeug "Spirit of St. Louis" berühmt wurde, war ein erklärter Gegner Präsident Franklin Delano Roosevelts, der ihn sein Leben lang verfolgte. Als die USA 1941 in den pazifischen und europäischen Krieg eintraten, verweigerte man Lindbergh die Wiederaufnahme in das US-Fliegerkorps. Als technischer Berater und Testpilot konnte er dennoch seinem Land dienen. In dieser Eigenschaft wurde er 1944 und danach auf die pazifischen und europäischen Kriegsschauplätze entsandt. 1970 hat er sein Kriegstagebuch The Wartime Journals of Charles A. Lindbergh veröffentlicht. Wenn man die betreffenden Tagebuchpassagen gelesen hat, versteht man die Befürchtungen über mögliche Verhaltensweisen der US-Truppen und die sich daraus gegebenenfalls ableitenden Verwicklungen vor einem Internationalen Strafgerichtshof. Hier nun einige Zitate aus Lindberghs Tagebuch:

21. Mai 1944 (S. 377, in Neuguinea)

»General Arnold kam mit dem Jeep, um mich zu General McClure zu bringen. Dann eine Fahrt mit General McClure, dieses Mal zur Besichtigung unserer Küstenstellungen. [...] Die Armeepioniere bauen eine Straße durch das Gebiet. [...] An mehreren Stellen hatte man japanische Schädel auf Pfähle gesteckt.«

21. Juni 1944 (S. 404)

»Der General [Wurtsmith] berichtete von der Tötung eines japanischen Soldaten: Ein Sergeant im technischen Dienst beklagte sich vor einigen Wochen, daß er jetzt seit über zwei Jahren bei den Kampftruppen im Pazifik sei und nie die Chance bekommen habe, mit der Waffe in der Hand zu kämpfen - er wolle doch wenigstens einen Japaner getötet haben, ehe er heimkomme. Er wurde zu einer Patrouille ins Feindgebiet mitgenommen. Der Sergeant sah keinen Japaner, den er hätte erschießen können - aber die Patrouille machte einen Gefangenen. Man brachte den Japaner zu dem Sergeanten und sagte, jetzt hätte er seine Gelegenheit, einen zu töten. "Aber ich kann ihn doch nicht töten. Er ist gefangen und wehrlos!" "Teufel, hier ist Krieg! Wir zeigen Dir, wie man den Schweinekerl umbringt!" Einer der Soldaten bot dem Japaner eine Zigarette und Feuer an, und als er zu rauchen begann, legte man ihm den Arm unter das Kinn und schlitzte ihm die Kehle von Ohr zu Ohr auf. Der General, der die Sache erzählte, billigte den Vorgang.«

27. Juni 1944 (S. 405 f.)

»Wir sprachen von Kriegsgefangenen und darüber, daß nur wenige Japaner in Gefangenschaft geraten. "Oh, wir könnten mehr gefangennehmen, wenn wir wollten," erwiderte einer der Offiziere. "Aber unsere Jungs machen nicht gerne Gefangene! [...] Wir hatten drunten bei [...] zweitausend, aber nur ein- oder zweihundert wurden eingeliefert. Mit den anderen gab es einen Unfall. Die anderen geben sich nicht so leicht gefangen, wenn sie hören, daß ihre Kameraden auf den Flugplatz geführt und mit MGs niedergemacht wurden." - "Oder wenn ein paar andere mit erhobenen Händen herauskommen und dann umgelegt werden", mischte sich ein anderer Offizier ein. [...] Alle Piloten bestanden darauf, daß es völlig in Ordnung sei, feindliche Piloten abzuknallen, die mit dem Fallschirm "ausgestiegen" waren.«[2]

28. Juni 1944 (S. 408)

»Ich bin über die Haltung unserer amerikanischen Soldaten schockiert. Sie haben keinen Respekt vor dem Tod, vor dem Mut der feindlichen Soldaten oder vor vielen selbstverständlichen anständigen Dingen im Leben. Sie denken sich nichts dabei, die Leichen gefallener Japaner auszuplündern, und nennen sie dabei Schweinekerle. Während einer Diskussion sagte ich, ganz gleich, was die Japaner getan hätten, könnte ich nicht einsehen [...], wie wir behaupten könnten, einen zivilisierten Staat zu vertreten, wenn wir sie zu Tode folterten. "Na, einige unserer Jungens schlagen ihnen die Zähne ein, aber gewöhnlich töten sie sie zuerst", sagte einer der Offiziere in einer halben Entschuldigung.«

13. Juli 1944 (S. 417)

»Es wurde offen zugegeben, daß einige unserer Soldaten japanische Gefangene foltern und manchmal genauso grausam und barbarisch waren wie die Japaner selbst. Unsere Soldaten denken sich nichts dabei, einen japanischen Gefangenen zu erschießen oder einen Soldaten, der sich ergeben will. Sie behandeln den japanischen Soldaten mit weniger Achtung, als sie einem Tier erweisen würden, und diese Handlungen werden von fast jedermann gebilligt.«

24. Juli 1944 (S. 423)

»Beim Abstieg von dem Hügel stießen wir auf die Leichen eines japanischen Offiziers und von zehn bis zwölf Soldaten. [...] Einer der Offiziere neben mir sagte: "Wie ich sehe, war die Infanterie wieder bei ihrer Lieblingsbeschäftigung." Das heißt, alle Zähne mit Goldfüllungen waren als Souvenirs herausgeschlagen worden.

Wir kletterten, vorbei an weiteren Leichen, die Leiter hinunter und kamen zu dem Eingang einer der Höhlen. Das war offensichtlich die Höhle, wo die Japaner dem Bericht zufolge sich ergeben wollten, woraufhin ihnen unsere Soldaten sagten: "Zum Teufel, geht wieder hinein und kämpft es aus."«

11. August 1944 (S. 439f.)

»Ein Major sagte, die amerikanischen Soldaten hätten nie die besseren australischen Mädchen kennengelernt; unsere Leute benehmen sich derart, daß ein Mädchen, das sich mit einem Mann in amerikanischer Uniform sehen läßt, praktisch als Dirne gilt. [...]

Die Offiziere wollten Gefangene, um sie zu verhören, aber sie konnten keine bekommen. Erst als man für jeden eingelieferten Gefangenen zwei Wochen Urlaub in Sydney anbot, bekam man mehr, als man brauchen konnte. Als sie aber keinen Urlaub mehr gewährten, kamen auch keine Gefangenen mehr. Die Jungens sagten, sie könnten keine fangen.

"Die Aussies [Australier] sind noch schlimmer. Erinnert ihr Euch, als sie die Gefangenen mit dem Flugzeug nach Süden bringen sollten? Einer der Piloten sagte, man habe sie einfach über den Bergen hinausgeworfen, und dann gemeldet, sie hätten unterwegs Harakiri begangen."

"Erinnerst du Dich, als unsere Truppen das japanische Lazarett nahmen? Als sie damit fertig waren, lebte niemand mehr!"«

30. August 1944 (Tarawa) (S. 448)

»[...] und allgemein war man darauf aus, die Feinde zu töten und keine Gefangenen zu machen. Selbst wenn man Gefangene machte, so berichtete der Offizier, stellte man sie in Reih und Glied auf und fragte, wer Englisch spreche. Die, die Englisch sprachen, wurden zu Verhören mitgenommen, "die anderen nahm man einfach nicht mit".« (D.h., man tötete sie. Anm. d. Verf.)

4. September 1944 (Kwajulein/Roi-Insel) (S. 450)

»Einer der Ärzte sagte mir, daß einige Marineinfanteristen japanische Leichen ausgruben, um Zähne mit Goldfüllungen als Souvenirs zu bekommen.«

In Europa nach dem Krieg:

18. Mai 1945 (S. 474, bei München)

»In der Tat sind unsere Soldaten auf Beute aus, wo sie sie nur bekommen können. [...] Für einen G.I. ist es ganz in Ordnung, zu zerstören und zu plündern. [...S. 481:] Hier verstehen unsere Soldaten unter dem Ausdruck "befreien" soviel wie, sich Beute zu beschaffen. Alles was man einer feindliche Person abnimmt oder aus einem Haus wegträgt, wird der Sprache der G.I.s zufolge "befreit". Leicas werden "befreit" (sie sind wahrscheinlich die begehrtesten Artikel), Waffen, Proviant, Kunstwerke, einfach alles. Ein Soldat, der eine Deutsche vergewaltigt hat, hat sie "befreit".«

20. Mai 1945 (S. 482, bei München)

»Am Abend sprach ich mit einem jungen Sanitätsoffizier. Er erzählte mir, wie unsere Leute die Deutschen zum Sprechen bringen, wenn sie nicht sprechen wollen. Zuerst Einzelhaft bei Wasser und Brot und schließlich Einzelhaft ohne Wasser und Brot.«

24. Mai 1945 (S. 489, Heilbronn)

»Einer der [amerikanischen] Offiziere sagt mir, daß die Gefangenen Tag und Nacht, bei Regen und Sonnenschein, im Freien sind und nur sehr wenig Verpflegung bekommen.«

B. Juni 1945 (S. 507, zwischen Nürnberg und Leipzig)

»Wir halten bei der Befehlsstelle eines Bataillons in einem kleinen Ort. [...] Sie sprechen von den SS-Männern, die sie in ihrem "Käfig" haben. "Als ich sie das letzte Mal sah, fegten sie die Straße mit den Händen sauber", sagte einer der Offiziere. [...]

»Die Rüstungsarbeiterin N. Nickolson bedankt sich für Grüße und ‚Souvenir' ihres Verlobten. Der Schädel eines gefallenen Japaners trägt die Inschrift: "Dies ist ein guter Japse, ein toter"«.

"Wir wechseln bei der Beaufsichtigung des Käfigs ab", sagte mir ein junger Offizier. "Die Boys versuchen einander bei der Behandlung der SS zu übertreffen." "Zum Beispiel?" fragte ich. "Oh, eine der besten Methoden ist es, sie die Arme ausstrecken und sich so an die Wand lehnen zu lassen. Nach etwa einer halben Stunde fallen sie um. Dann fragen wir: "SS gut" Wenn sie antworten "SS gut", lassen wir sie wieder von vorne anfangen.«

9. Juni 1945 (S. 516, Dessau)

»Alle ehemaligen Kriegsgefangenen [der Deutschen] erscheinen mir überraschend gut genährt. [...] Ihre Gesichter zeigen die Spuren jahrelanger Gefangenschaft, daran besteht kein Zweifel. Aber ich sah nicht die Zeichen der Aushungerung, die ich nach den Berichten darüber, wie diese Menschen behandelt worden seien, erwartet hatte. [...] Die amerikanische Armee hat Überfluß an Lebensmitteln, nur wenige scheinen sich darum zu kümmern, wie hungrig die deutschen Kinder vor der Tür sind.«

10. Juni 1945 (S. 518f., Nordhausen)

»Da es noch hell war, beschlossen wir, die unterirdische Fabrik zu besichtigen. [...] Um den Eingang zu erreichen, mußten wir durch "Lager Dora", ein ehemaliges deutsches Gefangenenlager.

Die Lagerbaracken waren mit "DPs" [displaced persons] überfüllt. Ihre Kleidung war schmutzig, schien aber für die Jahreszeit angemessen. Ihren Gesichtern und Körpern nach zu schließen, waren sie nicht schlecht ernährt.«

11. Juni 1945 (S. 524f., Nordhausen)

»Eine lange Reihe derartiger Vorfälle tauchte vor meinem geistigen Auge auf: die Berichte von unserer Marineinfanterie, die auf unbewaffnete Überlebende schoß, als sie in Midway zum Strand schwammen; die Berichte, daß wir auf einem Flugplatz in Holland all unsere Gefangenen mit MGs erschossen haben [wie im April 1945 in Dachau, Anm. d. V.]; die Geschichte von den Australiern, die ihre Gefangenen aus den Transportflugzeugen stießen, die sie in Neuguinea über die Berge nach Süden bringen sollten. [...]; von Schienbeinen frischgefallener Japaner in Noemfoor, aus denen Brieföffner und Federhalter angefertigt wurden; von dem jungen Piloten, der entschlossen war, "sich ein japanisches Lazarett vorzunehmen", von amerikanischen Soldaten, die aus dem Gebiß gefallener Japaner Goldplomben herausbrachen (die Lieblingsbeschäftigung der amerikanischen Infanterie); von japanischen Köpfen die in Ameisenhaufen vergraben wurden, um sie als Souvenir zu säubern.«

Soweit Charles A. Lindbergh.

2.2. Die Feststellungen von Charles Lindbergh werden von weiteren alliierten Kriegsberichterstattern bestätigt

a. Der Bericht von Edgar L. Jones[3]

Der amerikanische Kriegsberichterstatter Edgar L. Jones schrieb im Februar 1946, also kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, folgende zusammenfassende Darstellung:

»Was glauben die Zivilisten denn, welchen Krieg wir geführt haben?

b. Bericht von John W. Dower, War without mercy[4]

»Die Japaner beschuldigten die Alliierten der Verstümmelung japanischer Kriegstoter, um Souvenirs zu erhalten, des Angriffs und der Versenkung von Lazarettschiffen, der Erschießung von Matrosen, die ihr Schiff verlassen hatten, und von Piloten, die abgesprungen waren, der Tötung Verwundeter auf dem Schlachtfeld und der Tortur und Tötung von Kriegsgefangenen - alle diese Dinge geschahen!« (S. 61f.)

Auf S. 63 berichtet Dower vom Befehl eines australischen Generalmajors, verwundete Japaner zu erschießen. »Aber Sir, sie sind verwundet und wollen kapitulieren«, protestierte ein Oberst. »Sie haben mich gehört, Oberst«, antwortete der Generalmajor. »Ich will keine Gefangenen, erschießen Sie alle.« Sie wurden alle erschossen.

Ebenfalls auf S. 63 zitiert er die Memoiren des amerikanischen Biologieprofessors E.B. Sledge.[5] Sledge

»beobachtete, wie seine Kameraden über das Kampffeld gingen und die Hand eines toten Japaners als Kampftrophäe abtrennten, Goldzähne von Toten "ernteten", in den geöffneten Mund einer Leiche urinierten, eine verängstigte Frau von Okinawa beiläufig erledigten als "nur eine alte Schlitzaugenfrau", die wünschte, ich solle sie von ihrem Elend erlösen«.

Auch auf S. 65 berichtet er über eine noch größere Marterszene, die Sledge (S. 120) beschrieb:

»an einem am Boden liegenden verwundeten Japaner, dem ein Marinesoldat mit dem Marinekampfmesser die Wangen aufschnitt und die Goldzähne herausmeißelte«.

»In dem Tagebuch eines Matrosen, das nach dem Krieg veröffentlicht wurde, finden wir im Rahmen einer Eintragung von Ende Juli 1944 die beiläufige Erwähnung eines Marinesoldaten, der bereits 17 Goldzähne gesammelt hatte, den letzten von einem japanischen Soldaten auf Saipan, der verwundet war und noch seine Hände bewegte.«

»Im April 1943 brachte die Baltimore Sun einen Bericht über eine hiesige Mutter, die bei den Behörden beantragt hatte, ihrem Sohn zu erlauben, ihr ein Ohr, das er einem japanischen Soldaten im Südpazifik abgeschnitten hatte, per Post zu schicken. Sie wollte das Ohr für alle sichtbar an ihre Eingangstür nageln.«

»Skalps, Knochen und Schädel waren etwas seltenere Trophäen, aber die beiden zuletzt genannten erreichten sowohl in den Vereinigten Staaten als auch in Japan besondere Aufmerksamkeit, als ein amerikanischer Soldat Präsident Roosevelt einen aus einem Knochen eines toten Japaners hergestellten Brieföffner schickte. Roosevelt nahm den Brieföffner allerdings nicht an.«[6]

S. 65 u. 330:

»Life [Magazine] veröffentlichte eine ganzseitige Fotografie einer attraktiven Blondine, die sich mit einem japanischen Schädel darstellt, den ihr ihr Verlobter aus dem Pazifik geschickt hatte. [...] Das Life-Foto erschien in der Ausgabe vom 22. 5. 1944 auf S. 35 mit dem Begleittext: "Arizona Kriegsarbeiterin schreibt an ihren Marine-Freund einen Danke-schön-Brief für den Jap [japanischen] Schädel, den er ihr geschickt hatte."«

Ein besonders abstoßendes Kriegsverbrechen beschreibt J.W. Dower auf S. 66:

»Zum Beispiel wurde ein [amerikanischer] U-Boot-Kommandant, der einen japanischen Transporter versenkt hatte und dann über eine Stunde damit verbracht hatte, Hunderte und möglicherweise Tausende von japanischen Überlebenden mit seinen Dreckskanonen zu töten, von seinen Vorgesetzten gelobt und öffentlich geehrt, obwohl er in seinen offiziellen Bericht eine Mitteilung über das Abschlachten aufgenommen hatte.«

J. W. Dower verweist in Anmerkung 94 (S. 330) weiter auf ein Buch von Clay Blair[7] und schreibt dazu:

»Bei dem U-Boot handelte es sich um die "Wahoo", und die Episode ereignete sich im Januar 1943 vor der Nordküste von Neuguinea. [...] Dem U-Boot-Kommandanten wurde im Anschluß an diesen Einsatz sowohl das "Navy Cross" als auch - von General Mac Arthur - das "Army Distinguished Service Cross" verliehen.«

Der Massenmörder wurde also auch noch ausgezeichnet!

»Ein ähnlich gräßliches Massaker fand am 4. März 1943 statt, am Tag nach der Drei-Tage-Schlacht in der Bismarck-See, als US- und australische Flugzeuge systematisch die See nach japanischen Überlebenden absuchten und jedes Floß und Rettungsboot, das sie fanden, im Tiefflug versenkten.« (S. 67)

Diese Vorgänge wurden keinesfalls geheimgehalten. In Time Magazine war am 15.3.1943 zu lesen, daß »tief fliegende Jagdflugzeuge von Barkassen gezogene Rettungsboote, die mit japanischen Überlebenden vollgepackt waren, in ein blutiges Sieb verwandelten«. (S. 63)

Auch die Tatsache, daß vielfach keine Gefangenen gemacht wurden, wurde keineswegs geheimgehalten. Im Gegenteil: J. W. Dower schreibt dazu (S. 68f.):

»Ein von einem US-Armee-Hauptmann kurz nach dem Krieg veröffentlichter Artikel trug den stolzen Titel: "Die 41. macht keine Gefangenen."[[8]] Der Artikel befaßte sich mit der 41. Division unter MacArthurs Kommando.«

Auf dieses Kriegsverbrechen war man also auch noch stolz, und ein Hauptmann der amerikanischen Armee hatte offensichtlich nicht die geringsten Hemmungen, es zu veröffentlichen.

Die Emotionen wurden selbst von höchsten alliierten Offizieren in primitivster Weise angeheizt. So wird zum Beispiel der australische General Blamey von J. W. Dower mit Ansprachen an seine Truppen und in einem Interview mit der New York Times (9.1.1943, S. 1) wie folgt zitiert (S. 71):

»Euer Gegner ist eine komische Rasse - eine Kreuzung aus Mensch und Affe. [...] Ihr wißt, daß wir dieses Ungeziefer ausrotten müssen. [...] Wir müssen die Japaner auslöschen. [...] Der Japs ist ein kleiner Barbar. [...] Unsere Truppen haben die richtige Einstellung zu den Japsen: Sie betrachten sie als Ungeziefer.«

Weder Franklin Delano Roosevelt - nach Erhalt des aus den Gebeinen eines gefallenen Japaners geschnitzten Brieföffners - noch die amerikanische Öffentlichkeit - nach Kenntnisnahme des Fotos von Life Magazine und der Berichte von Charles Lindbergh, Edgar L. Jones und John W. Dower scheinen gegen die Barbarisierung und Bestialisierung der US-Truppen und vor allem gegen eine mögliche Wiederholung dieser Taten irgend etwas unternommen haben.

2.3. Gefangene in Käfige zu sperren, ist bei US-Truppen durchaus üblich

Nicht nur SS-Männer wurden von US-Truppen in Käfigen "gehalten" und gefoltert, wie Charles A. Lindbergh in seiner unter 2.1 zitierten Tagebucheintragung vom 8.6.1945 beschreibt.

Auch die gefangenen Taliban- und Al-Quaida-Terroristen werden - wie im Fernsehen gezeigt wurde - in Guantanamo in Maschendrahtkäfigen "gehalten".

Darüber hinaus gibt es den berüchtigten Fall des weltberühmten amerikanischen Poeten Ezra Pound (1885-1972), der während des Zweiten Weltkrieges in Italien lebte, ein Verehrer von Mussolini war und im Kriege in Rundfunkansprachen gegen F.D. Roosevelt und die Juden polemisierte. Ezra Pound wurde am 8.5.1945 in Genua von den Amerikanern gefangengenommen und zunächst unter Hausarrest gestellt. Wie es ihm dann weiter erging, schildert Charles Norman in seinem Buch Ezra Pound wie folgt:[9]

»Dann wurde er in ein Militärgefängnis in der Nähe von Pisa eingeliefert. Das war das Disziplinar-Trainings-Zentrum des Mittelmeerkriegsschauplatzes.«

Das Wort »Training« ist ein Euphemismus.

Pounds Anwalt, Julien Cornell, machte sich folgende Notizen über die erste Unterredung, die er mit Ezra Pound im District of Columbia-Gefängnis am 20. 11. 1945 hatte (S. 397):

»In Pisa wurde Pound in einen Drahtkäfig gesteckt, in Einzelhaft.[[10]] Der Käfig befand sich auf einem Platz mit nur geringem Schutz vor Sonne oder Regen. Helle Lampen auf Pfählen leuchteten bei Nacht. Außen waren ständig zwei Wächter. Schlief auf Zementboden mit 6 Decken. Konservendose als Toilette. Ihm wurde nicht erlaubt, etwas zu lesen außer Konfuzius, über den er arbeitete. Incommunicado. Nach drei Wochen kollabierte Pound. Wurde aus dem Käfig in ein Zelt gebracht. Partielle Amnesie, Klaustrophobie. Ihm wurde nicht erlaubt, mit anderen Gefangenen zu sprechen. (Auf Geheiß von Washington - wurde ihm gesagt.)«

Charles Norman schreibt dann weiter (S. 397):

»Einige der "Trainees" waren für ein Bundesgefängnis in den Vereinigten Staaten vorgesehen, einige wurden in Aversa gehängt, und einige wurden bei Fluchtversuchen erschossen. Ein Sanitäter erinnerte sich, in einer Mai-Nacht blaues Licht von Acetylenbrennern gesehen zu haben, mit denen der Käfig, der Ezra Pound aufnehmen sollte, verstärkt wurde. Er war am äußersten Ende der Käfigreihe. Die Entschuldigung dafür und für den Käfig als solchen, war die Furcht, daß Faschisten einen Rettungsversuch machen könnten. Kein solcher Versuch wurde jemals gemacht, und es war für die Amerikaner eine unglaubliche Barbarei, sich so etwas auszudenken und auszuführen.«

Ezra Pound sollte wegen Hochverrats angeklagt werden. Statt dessen erklärte man ihn am 14.12.1945 für geisteskrank und steckte ihn für fast 13 Jahre in das St. Elisabeth's Hospital in Washington D.C. Auf internationalen Druck hin wurde er 1959 entlassen. Er ging nach Italien zurück, lebte auf Schloß Brunnenberg bei Meran in Tirol bei seiner Tochter und starb am 1. November 1972 in Venedig.

2.4. menschliche Aasgeier in Hiroshima

Nach dem Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki durch zwei B-29-Bomber der US-Luftwaffe hatte Japan am 15. August 1945 kapituliert. Im Herbst 1945 beauftragte daraufhin US-Luftwaffengeneral Anderson ein Kamerateam des US-Bomberkommandos, nach Japan zu fliegen, um an Ort und Stelle die Niederwerfung Japans zu dokumentieren, bevor dort »das Gras wieder grün wird«, wie er sich ausdrückte. Der Dokumentarfilm wurde unter dem Arbeitstitel »Das geschlagene Japan« gedreht. Das Kamerateam wurde technisch und personell bestens ausgestattet und erhielt in Japan einen eigenen Sonderzug, mit dem es durch ganz Japan fuhr. Der Chef des Kamerateams war Leutnant Daniel McGovern, der als Kameramann die berühmte Dokumentation »The Memphis Belle« über die amerikanischen Bomber gedreht hatte und dessen kommandierender Offizier für einige Zeit Ronald Reagan war. Von dem Japan-Kamerateam unter McGovern wurden insgesamt 30.000 Meter Farbfilm gedreht; 9 Stunden über Hiroshima und Nagasaki und 30 Stunden über das übrige Japan. Der fürchterlichen und grausamen Bilder wegen wurde aber das gesamte Filmmaterial 1946 vom Pentagon als "top secret" klassifiziert. Erst 37 Jahre später, 1983, wurde es auf japanische Initiative vom Pentagon freigegeben. Robert Harris von der BBC drehte daraufhin 1984 unter Benutzung des freigegebenen Filmmaterials und im Zusammenhang mit der Befragung von Zeitzeugen, darunter Daniel McGovern, den Dokumentarfilm: »Hollywood geht nach Hiroshima - Bilder des japanischen Holocaust, 1945«, in deutscher Bearbeitung durch Walter Helfer vom WDR ausgestrahlt. Aus der deutschen Version dieses Dokumentarfilms werden im folgenden einige Passagen zitiert (Videoband des Films im Besitz des Verfassers):

»[Sprecher:] In jenem Winter 1945/46 waren Hiroshima und Nagasaki Orte, wo Krankheit und Gebrechen in einem Ausmaß herrschten, wie sie die Wissenschaft noch nie gekannt hatte. [...] Für die Wissenschaftler bildeten die Überlebenden ideale Fallstudien: ihre Wunden wurden genauestens vermessen und fotografiert. [...] Unter den Wissenschaftlern befand sich auch eine britische Mission. [...] Der Missionsbericht verwies darauf, daß die Zahl der Toten von Hiroshima allein größer war als alle Opfer des gesamten Bombenkrieges gegen Großbritannien. [...]

Ezra Pound

Nicht alle, die den Schutt von Hiroshima durchforsteten, waren Wissenschaftler - menschliche Aasgeier waren auch darunter, wie Daniel McGovern niemals vergessen wird.

[Daniel McGovern:] Eine Sache hat mich fürchterlich abgestoßen; darüber wollte ich nie reden: Ein menschliches Wesen lief da herum, mit zwei Lederbeuteln an seinem Hemd. In den einen kam das Silber, in den anderen das Gold. Dieser Mensch hat sich das Silber und Gold aus den Schädeln gebrochen; ich habe es selbst gesehen.

[Sprecher:] Wer war das?

[Daniel McGovern:] Ein Armeeoffizier.

[Sprecher:] Ein Amerikaner?

[Daniel McGovern:] Ja. Amerikaner

[Sprecher:] Er hat Gold und Silber von Toten geholt?

[Daniel McGovern:] Ja, das war die einzig widerliche Sache, die ich dort erlebt habe. Hätte ich dort das Sagen gehabt, ich hätte ihn totgeschlagen.«

2.5. Auch in Vietnam leisteten sich US-Soldaten Barbareien

Eddie Adams, der 1968 die berühmte Aufnahme machte, die zeigt, wie im Chinesenviertel von Saigon der vietnamesische Polizeioffizier Loan einen Vietcong-Leutnant mit dem Revolver erschießt (und der dafür den Pulitzer-Preis erhielt!), schreibt im US-Magazin Newsweek mit Bezug auf diese Aufnahme folgendes:[11]

»Es gab da Dinge, die in Vietnam passierten, die weitaus schlimmer waren. Wir hatten Aufnahmen, die wir nie freigaben. Es gab Aufnahmen von Amerikanern, die die Köpfe von Vietcongs, die sie abgeschlagen hatten, hochhielten. Ich sprach mit einem Soldaten, der sagte: "Oh, sie hätten kurze Zeit früher hier sein sollen. Sie haben es verpaßt. Ich habe mir ein Herz aus einem der Vietcong herausgeschnitten. Ich habe es gerade vergraben." Sehr grausam. Aber das ist ein Krieg Es gibt keine Regeln. Es gibt sie wirklich nicht.«

Das scheint also die amerikanische Auffassung zu sein: Es gibt keine Regeln.

2.6. Barbarische Methoden der US-Streitkräfte bei den US-Kriegsverbrecherprozessen in Deutschland

Hier seien nur ganz wenige Zitate gebracht, um das Vorgehen der US-Amerikaner zu beleuchten; zitiert aus dem Buch von Friedrich Oscar Über Galgen wächst kein Gras:[12]

»Darauf brachte der amerikanische Senator William Langer am 27. Januar 1949 im amerikanischen Senat eine Entschließung ein, die im Kongreßbericht der Verhandlungen und Debatten des 81. Kongresses der ersten Sitzungsperiode - "Die amerikanische Militärjustiz - eine Schande für Amerika" - folgenden Wortlaut hat:

[...] Eine Zwei-Männer-Zivilkommission, die auf Ersuchen von Staatssekretär Royall eine Übersicht über die Verfahren herstellte, kam nach den USA zurück und berichtete, daß folgende Methoden angewendet worden waren, um Geständnisse zu erzwingen: Schläge und brutale Fußtritte. Ausschlagen von Zähnen und Zertrümmerung von Kinnbacken, Scheinverfahren, Einzelhaft, Quälereien mit brennenden Spänen, Vortäuschung von Priestern, äußerst herabgesetzte Essensrationen, Entziehung geistlichen Zuspruchs, Versprechen auf Freispruch [...].«

»Laut Congressional Record - Senate, Nr. 134 vom 26.VII. 1949, S. 10397 ff., hatte die bedeutsame Rede des Senators McCarthy folgenden Wortlaut [Nur ein ganz kurzer Auszug, der langen Rede]: "Wie Bischof Theophil Wurm aus Stuttgart, der betagte Führer des deutschen Protestantentums, in einer bitter anklagenden Mitteilung an die Presse über die Einseitigkeit und den fragwürdigen Charakter der in den Kriegsverbrecherprozessen angewandten Methoden sagte: Die Bevölkerung von Schwäbisch-Hall, die nachts die Schmerzensschreie der im Gefängnis Gefolterten hörte, wird nie glauben, daß diese Ermittler Diener des Rechtes und nicht der Rache waren."«[13]

Weitere fürchterliche Schilderungen sind in dem genannten Buch von Friedrich Oscar nachzulesen.

3. Fazit

Neben dem Motiv, "politisch motivierte Strafverfolgung" zu vermeiden, gibt es ein weiteres, wahrscheinlich stärkeres Motiv für die Ablehnung des Internationalen Strafgerichtshofes durch die USA, nämlich deren Sorge, sie könnten durch Angehörige der US-Streitkräfte in größtem Umfang, von und vor dem Internationalen Strafgerichtshof bloßgestellt werden. Denn was soll man von einer Armee erwarten, deren Offiziere dulden oder billigen, daß ihre Soldaten

Bei dieser, von alliierter Seite dokumentierten Historie ist auch für die Zukunft nichts Besseres zu erwarten.

Der US-Kriegsberichterstatter Edgar L. Jones hat im übrigen die Dinge ganz klar charakterisiert:[14]

»Wir Amerikaner haben die gefährliche Tendenz in unserem internationalen Denken eine "Heiliger als Du"-Einstellung gegenüber anderen Nationen einzunehmen. Wir halten uns für nobler und anständiger als andere Leute und infolgedessen in einer besseren Position, zu entscheiden, was in der Welt richtig und falsch ist. [...] Als Sieger sind wir privilegiert, unsere geschlagenen Feinde für ihre Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor Gericht zu stellen; aber wir sollten realistisch genug sein, zu erkennen, daß, falls wir vor Gericht stünden wegen Bruchs internationaler Gesetze, wir in einem Dutzend Anklagepunkten für schuldig befunden würden.«

Dem ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen. Aber: Edgar L. Jones fragte einen US-Infanterie-Oberst, ob er seinem Bataillon vor dem Kampf eine Rede gehalten habe. Der Oberst antwortete:[15]

»Ich habe ihnen Ethik, Kampf-Ethik, gelehrt. Ich lehrte sie, daß es zwei Arten von Ethik gäbe - eine für uns und eine für die "Gelbbäuche" jenseits der Frontlinie.«

Da haben wir also die eigentliche Begründung: Für sich selbst nehmen die Amerikaner eine andere Ethik in Anspruch als sie sie ihren Feinden zugestehen wollen.

Deshalb verlangen die USA für die Angehörigen ihrer Streitkräfte Immunität vor dem Internationalen Strafgerichtshof. Würde gleiches Recht für alle gelten, würden die USA Gefahr laufen, vor dem Internationalen Strafgerichtshof eine miserable Figur abzugeben, und müßten zugeben, daß sie in ihren Streitkräften korrekte Disziplin nicht durchsetzen können oder wollen und nicht garantieren können, daß diese die Genfer Konventionen und die Haager Landkriegsordnung einhalten. Das aber ist nicht im Interesse der Vereinigten Staaten von Amerika, die für sich eine Vorbildfunktion beanspruchen. Eine derartige Bloßstellung der USA muß daher mit allen Mitteln verhindert werden.


Anmerkungen

[1]Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 7.7.2002, S. 1f.
[2]In diesem Zusammenhang sei angemerkt, daß Col. Howard A. Buechner in seinem Buch Dachau. The Hour of the Avenger (Thunderbird Press, Inc., Metairic, Louisiana, USA, 1986) auf S. XVII lakonisch feststellt:
»According to Joseph Lawrence, author of Fighting Soldier [Fighting Soldier. The AFF in 1918, Colorado Associated University Press, 1986], it was common practice for American soldiers to shoot prisoners in WWI.« (Nach Joseph Lawrence, dem Autor von Kämpfender Soldat, war es für die amerikanischen Soldaten im Ersten Weltkrieg gängige Praxis, Kriegsgefangene zu erschießen.)
Auf S.104 seines Buches berichtet Lawrence, wie er einen deutschen verwundeten Kriegsgefangenen zum amerikanischen Verbandsplatz brachte, woraufhin einer der amerikanischen Ärzte sagte: »Bring ihn raus und erschieße ihn!«
[3]Edgar L. Jones, »One war is enough!«, in The Atlantic Monthly, Febr. 1946, S. 48-53.
[4]Faber and Faber, London-Boston 1986, S. 60-73 u. 328-331.
[5]With the old breed at Pelaliu and Okinawa, Presidio Press, 1981.
[6]New York Times, 10.8. u. 14.10.1944.
[7]Silent Victory: The US Submarine War against Japan, Lippincott, 1975, S. 384ff.
[8]George S. Andrew, »The 41th didn't take prisoners«, in Saturday Evening Post, 27.7.1946, S. 22ff.
[9]The Macmillan Company, New York 1960, S. 396f.
[10]Das war der berühmte "Gorilla-Käfig", von dem Matthias Wegner in seiner Rezension des Buches von Mary de Rachewitz: Diskretionen. Die Erinnerungen der Tochter Ezra Pounds, Haymon Verlag, Innsbruck 1993, in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 22.12. 1993 auf S. 28 schreibt.
[11]15. April 1985, S. 65.
[12]Erasmus-Verlag, Braunschweig 1950, S. 35ff.
[13]Ebenda, S. 38-41.
[14]AaO. (Anm. ), S. 49.
[15]Ebenda, S. 56.

Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 7(1) (2003), S. 73-80 .


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