Der General im Eis

Von Baurat h.c. Dipl.-Ing. Walter Lüftl

Der Nummer 1/2002 des Internationales Städteforum Graz (ISG) ist auf den Seiten 20 und 21 unter »Osteuropäische Denkmäler in Österreich« u.a. folgendes zu entnehmen:

»Eine andere Variante von osteuropäischen Mahntafeln sind jene an den Orten der ehemaligen Konzentrationslagern des Dritten Reiches. Im ehemaligen KZ Mauthausen befindet sich das an einen Eisblock mit Gesicht erinnernde Denkmal für den Generalmajor der Roten Armee Karbyschew. [...] Er wurde in einer eisigen Dezembernacht solange mit kaltem Wasser überschüttet, bis er zu einem Eisblock erstarrte. Das Denkmal symbolisiert dieses Ereignis.«

Dieses Ereignis kann so nicht stattgefunden haben. Wasser gefriert auch bei tiefen Minustemperaturen nicht an einem Lebenden. Erst wenn an einem Toten die Oberflächentemperatur merklich unter Null Grad Celsius gesunken ist, kann sich Eis bilden.

Ich habe 1952 und 1991 das KZ Mauthausen besichtigt. 1952 befand sich dort ein Obelisk zum Gedenken an General Karbyschew. Damals habe ich noch an den behaupteten Vorgang geglaubt und das geschilderte unmenschliche Vorgehen der SS als Racheakt gedeutet. Mir war bekannt, daß sowjetische Truppen am 29.12.1941 und den folgenden Tagen auf der Krim verwundete deutsche Soldaten aus den Fenstern von Lazaretten von Feodosia auf den Strand geworfen hatten. Dort erfroren diese, soweit sie nicht vorher mit Hieb- und Stichwaffen massakriert worden waren, und die gefrierende Gischt der Brandung formte die Leichen der etwa 160 Schwerverwundeten zu bizarren Eisblöcken.[1] Ich konnte mir also vorstellen, daß Kameraden oder Verwandte der Opfer von Feodosia brutal Rache an Unschuldigen genommen hatten.

Beim Besuch 1991 suchte ich den Obelisk, fand ihn jedoch nicht mehr. Statt dessen fand ich eine Gedenktafel an der Innenseite der Lagermauer, auf der auf die Ermordung des Generals Karbyschew hingewiesen wurde.

Später wurde mir auch bekannt, daß in Die Presse am 9.1.1993 ein Gemälde des Malers Adolf Frohner mit dem Titel »Der russische General« abgebildet war, das eine besonders grausame Tötungsart der Nazis im KZ Mauthausen darstellte. In betreffenden Artikel der Zeitung hieß es:

»Adolf Frohner hat den Tod des Generals Karbyschew künstlerisch dokumentiert, der am 16.2.1945 mit 200 anderen russischen Kriegsgefangenen in Mauthausen bei Minus 20 Grad Celsius nackt so lange mit Wasser bespritzt wurde, bis alle in einem Eisblock eingefroren waren.«

Mittlerweile waren mir aber Bedenken gekommen, ob denn das Einfrieren eines Lebenden technisch überhaupt möglich sei. Auch hatten befragte Feuerwehrleute ihre Zweifel daran geäußert, wie man denn bei -20°C so große Wassermengen, mit denen man 200 Menschen einfrieren könnte, durch Schläuche befördern könnte, ohne daß das Wasser in diesen gefröre.

Da hieß es, der Sachen auf den Grund zu gehen.

Ein Blick in Die Geschichte des Konzentrationslagers Mauthausen förderte folgendes zutage:[2]

»16/17.2.1945: Mehr als 200 körperschwache und alte Häftlinge eines Sachsenhausentransportes durch langes Stehen im nackten Zustand bei der Klagemauer (2 Nächte und 3 Tage lang) und "Badeaktion" bei minus 2 bis 7 Grad ermordet. Unter den 200 bis 300 willkürlich ausgesuchten Kranken und Alten befanden sich Angehörige aller europäischen Nationen, jedoch vorwiegend Sowjetbürger und Polen, so u.a. der sowjetische Artillerie-General Dimitri Michailowitsch Karbyschew.«

Prof. Adolf Frohner, * 12.3.1934, zuletzt Prorektor an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien

Das Ereignis rückte daher technisch zur Ausführbarkeit, da es einen sehr großen Unterschied macht, ob die Unglücklichen bei -2°C tatsächlich begossen oder bei -20°C nur angeblich begossen worden sein sollen. Klarheit konnte aber nur die Klärung der meteorologischen Verhältnisse bringen.

Und siehe da, eine Anfrage an die Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik brachte Licht in die Sache! Die gutachterliche Auskunft der Zentralanstalt lautete:

Der 16.2.1945 war im Raum Mauthausen ein sonniger Tag. Die Lufttemperatur stieg am frühen Nachmittag bis gegen 5°C an, nachdem am Morgen nur etwa 0°C gemessen worden waren. Zwischen dem 10. und 16.2.1945 herrschte in Mauthausen relativ mildes Winterwetter. Die Morgentemperaturen lagen zwischen -2 und +3°C, die Mittagswerte: zwischen 4 und 10 Grad.

Das Ereignis des "Einfrierens in einen Eisblock" konnte am angegebenen Tag nicht stattgefunden haben.

Möglicherweise lagen an diesem Tage Verstorbene in Mengen geschichtet, darunter auch die Leiche General Karbyschews, im Lager Mauthausen, möglicherweise sind tatsächlich Opfer durch unmenschliche Behandlung erfroren, aber als Lebender in Eisblöcke erstarrt konnte dazumal offenbar niemand werden.

Ist das also eine Legende wie die "Fallschirmspringer" von Simon Wiesenthal? Wiesenthal hat ja in seinem Werk Denn sie wußten, was sie tun neben einer Zeichnung, die zeigt, wie Menschen über eine Felswand gestürzt werden, geschrieben:[3]

»Juden in Mauthausen wurden selten erschossen. Für sie war der Wiener Graben bestimmt. An einem einzigen Tage, am 31.3.1943, wurden vor den Augen Heinrich Himmlers 1.000 holländische Juden aus einer Höhe von über 50 Metern hinuntergeworfen. Die SS nannte sie "Fallschirmspringer". Das braune Volk amüsierte sich.«

Dem Buch Mauthausen ist zu entnehmen: März 1943 gab es insgesamt 850 Todesfälle;[4] am 31.3.1943 gab es insgesamt 13 jüdische Häftlinge; im gleichen Monat wurden nur zwei jüdische Häftlinge als "verstorben" gemeldet; der Gesamtstand an jüdischen Häftlingen überschritt 1944 nicht die Zahl 16; erst ab Mai 1944 stieg der Gesamtstand von 78 sprunghaft auf 2.141 an.[5] Außerdem war Himmler am 31.3.1943 nicht in Mauthausen.[6]

Wiesenthal hat sich also entweder im Datum geirrt oder erzählt vom Hörensagen, so wie der Redakteur der Presse zum Frohner-Bild.


Anmerkungen

[1]Vgl. Alfred M. de Zayas, Die Wehrmachtsuntersuchungsstelle. Deutsche Ermittlungen über alliierte Völkerrechtsverletzungen im Zweiten Weltkrieg, Ullstein, Frankfurt/Main/Berlin 41984 Seite 308-317.
[2]Hans Marschalek (Hg.), Dokumentation der Österreichischen Lagergemeinschaft Mauthausen, 2. Auflage, Wien 1980, S. 235, 238.
[3]Zeichnungen und Aufzeichnungen aus dem KZ Mauthausen, Deuticke, Wien 1995, S. 63-65.
[4]AaO. (Anm. 2), S. 157.
[5]Ebenda, S. 282f.
[6]Siehe Institut für Zeitgeschichte, München, Dok. NO-1025.

Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 7(1) (2003), S. 43f.


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