Die Viermillionenzahl von Auschwitz:
Entstehung, Revisionen und Konsequenzen

Von Carlo Mattogno

 

II. Franciszek Piper und Die Zahl der Opfer von Auschwitz

1. Einleitung

Im vorhergehenden Artikel »Die Viermillionenzahl von Auschwitz: Entstehung, Revisionen und Konsequenzen« legte ich dar, daß sich Franciszek Piper, Leiter der historischen Sektion des Auschwitz-Museums, bei der Berechnung der Anzahl der Opfer von Auschwitz stets von politischem und ideologischem Opportunismus leiten ließ. Zur Zeit des kommunistischen Regimes hatte er die Propagandaziffer von vier Millionen linientreu und blind akzeptiert, doch kaum war dieses zusammengebrochen, befreite er sich vom Schutt der Sowjetpropaganda und veröffentlichte eine sich "wissenschaftlich" gebärdende Schrift mit dem Titel Die Zahl der Opfer von Auschwitz.[1] Diese Studie erfreut sich bei den offiziellen Historikern hoher Wertschätzung. Im vorliegenden Artikel zeige ich nun auf, wie es um ihre wirkliche Qualität bestellt ist.

2. Die Zahl der deportierten Juden

F. Piper untersucht den Umfang der Judendeportationen nach Auschwitz aus den verschiedenen Ländern und faßt die dabei gewonnenen Ergebnisse in Tabellen zusammen, in denen er die betreffenden Transporte aufzählt (S. 182-198). Auf S. 199 präsentiert er dann das Endergebnis seiner Zusammenfassungen.

In diesem Abschnitt soll die Stichhaltigkeit dieser Schlußfolgerungen unter die Lupe genommen werden.

2.1. Ungarn

Zahl der Deportierten: 438.000 (S. 182 und 199). Aus diesem Land wurden zwischen Mai und Juli 1944 insgesamt 437.402 Juden deportiert, von denen aber nach dem gegenwärtigen Stand der Kenntnisse höchstens 398.400 nach Auschwitz gelangten.[2] Somit ist die von F. Piper genannte Ziffer um 39.600 zu hoch.

2.2. Polen

Anzahl der Deportierten: 300.000 (S. 183-186 sowie 199).

F. Piper vermerkt für den Zeitraum von Mai bis August 1942 folgende - angeblich geschlossen ins Gas geführte - Transporte aus den polnischen Ghettos:

Ankunftsdatum

Herkunftsort

Deportierte

5.5.1942

Dąbrowa Górnica

630 G

12.5.1942

Sosnowiec

1.500

5.1942

Zawiercie

2.000

5.1942

Będzin

2.000

17.6.1942

Sosnowiec

1.000

20.6.1942

Sosnowiec

2.000

6.1942

Biesko-Biała

5.000 G

6.1942

Olkusz

3.000 G

6.1942

Krzepice

1.000 G

6.1942

Chrzanów

4.000 G

1-3.8.1942

Będzin

5.000 G

15.8.1942

Sosnowiec

2.000

16.8.1942

Sosnowiec

2.000

17.8.1942

Sosnowiec

2.000

18.8.1942

Sosnowiec

2.000

 

Insgesamt

 

Bei diesen Transporten handelt es sich um reine Erfindungen;[3] in der existierenden Dokumentation findet sich nicht die Spur eines Hinweises auf sie, und in ihrem Auschwitz-Kalendarium vermag Danuta Czech auch nicht den geringsten Beweis für die Realität dieser Transporte zu liefern. Die von mir mit »G« markierten Transporte werden in dem wohlbekannten Atlas des britisch-jüdischen Historikers Martin Gilbert erwähnt,[4] einem Werk, das sich durch das gänzliche Fehlen jeglicher Quellenangaben auszeichnet und dem folglich jeder historische Wert abgesprochen werden muß, weil es in ihm unmöglich ist, Wirklichkeit und Phantasie auseinanderzuhalten.

Der angeblich im November 1942 erfolgte Transport mit 1.000 Juden aus Grodno (Piper nennt das genaue Datum nicht), die gleich nach ihrer Ankunft allesamt vergast worden sein sollen, ist D. Czechs Kalendarium entnommen;[5] dasselbe gilt für den Transport mit 1.000 Juden aus Bialystok vom 8. November 1942. Für beide Transporte zitiert D. Czech als Quelle das Tagebuch Dr. Johannes Paul Kremers:[6]

»Dies ist die 12. Sonderaktion, an der Dr. Kremer teilnimmt. (KL Auschwitz in den Augen der SS, a.a.O., Tagebuch Kremers, S. 232).«

»Dies ist die 13. Sonderaktion, an der Dr. Kremer teilnimmt. (KL Auschwitz in den Augen der SS, a.a.O., Tagebuch Kremers, S. 232).«[7]

Diese Quelle wird freilich durch das Werk, auf das sich D. Czech beruft, selbst widerlegt. Im Buch Auschwitz in den Augen der SS (Ausgabe von 1997) wird der betreffende Auszug aus dem Tagebuch Dr. Kremers nämlich wie folgt zitiert:

»8. November 1942. Heute Nacht bei 2 Sonderaktionen [8] teilgenommen bei regnerischem trübem Herbstwetter (12. u. 13.)«.

Somit erwähnt Dr. Kremer weder das Eintreffen der beiden betreffenden Transporte noch die Zahl der Eingelieferten, und es handelt sich folglich in beiden Fällen um bloße Erfindungen D. Czechs.

In einer Fußnote erläutern Jadwiga Bezwińska sowie Danuta Czech selbst (!):[9]

»An diesem Tag wurden Juden aus dem Konzentrationslager Lublin (Majdanek) eingeliefert. 25 Männer wies man als Häftlinge ins Lager ein; die andere (unbekannt, wieviele) wurden vergast«.

Mit anderen Worten: D. Czech hat niemals über irgendeinen Beweis für das Eintreffen der beiden erwähnten Transporte in Auschwitz verfügt, und dementsprechend sind diese als reine Erfindungen einzustufen. Dasselbe trifft auf den Transport mit 2.500 Juden aus Chrzanów vom 18. Februar 1943 zu, dessen Quelle der bereits zitierte Atlas des M. Gilbert ist.[10]

Der Transport mit 4.000 Juden aus Łomża vom 14. Januar 1943 ist noch nicht einmal in D. Czechs Kalendarium verzeichnet. Dasselbe gilt für den Transport mit 1.000 Juden aus Częstochowa vom 25. Juni 1943, für jenen mit 5.000 Juden aus Tarnów vom 2. September 1943, jenen mit 3.500 Juden aus Przemyśl vom 2. September 1943, jenen mit 1.000 Juden aus Rzeszów vom November 1943, jenen mit 600 Juden aus Borysław vom 28. März 1944 sowie schließlich jenen mit 700 Juden aus Borysław vom 22. Juni 1944.

Somit umfaßt diese zweite Gruppe von Transporten weitere 20.300 fiktive Deportierte.

Ein noch bezeichnenderes Beispiel für die Arbeitsmethoden F. Pipers ist der Fall Lodz. Die Teilsumme seiner Tabelle über Transporte polnischer Juden nach Auschwitz beläuft sich auf 225.464 Deportierte. Diese Tabelle verzeichnet u.a. 11 Transporte aus dem Ghetto von Lodz, denen F. Piper eine - unvollständige - Zahl von 4.818 Deportierten zuschreibt. Er fügt anschließend weitere 55.000 bis 65.000 im August und September 1944 aus diesem Ghetto nach Auschwitz geschickte Juden hinzu und gelangt somit auf die bereits erwähnte Gesamtzahl von 300.000 aus Polen eingetroffenen jüdischen Deportierten.

Die "neuen" Gedenksteine im Lager Auschwitz-Birkenau:
schon wieder ungültig
...

© Carlo Mattogno

Doch zieht man die Teilsumme von der Gesamtsumme ab, so erhält man (300.000 - 225.464 =) 74.536 Deportierte. Zu diesen muß man die bereits in der Tabelle berücksichtigten 4.818 hinzuzählen und kommt so auf 79.354 aus Lodz nach Auschwitz verschickte Juden, doch Piper gibt deren Anzahl mit 60.000 bis 70.000 an, so daß die aus seiner Tabelle resultierende Ziffer um 9.354 höher ist als die von ihm selbst postulierte Maximalzahl. Doch diese Differenz ist nicht das Entscheidende; die Wirklichkeit sieht nämlich ganz anders aus. Wie ich in meinem Artikel »Die Evakuierung des Ghettos von Lodz und die Deportationen nach Auschwitz (August 1944)«[11] dargelegt habe, belief sich die Anzahl der aus Lodz nach Auschwitz gesandten Juden auf ca. 22.500, so daß F. Piper hier weitere 56.854 Deportierte aus dem Hut gezaubert hat. Insgesamt beträgt die Zahl der fiktiven jüdischen Ankömmlinge aus Polen dementsprechend (35.130 + 20.300 + 56.854 =) ca. 112.300.

2.3. Frankreich

Anzahl der Deportierten: 69.114 (auf 69.000 gerundet) (S. 187f.).

Pipers Quelle ist hier die bekannte Dokumentation Serge Klarsfelds,[12] in der die Zahl der nach Auschwitz deportierten französischen Juden mit 68.921 angegeben wird.[13] Doch berücksichtigt F. Piper die in Kosel aussortierten Juden nicht, deren Zahl laut Klarsfeld zwischen 3.056 und 4.000 lag (so daß wir von einem Mittelwert von 3.500 ausgehen dürfen). Aus diesem Grund beträgt die Zahl der aus Frankreich nach Auschwitz gelangten Juden ca. (68.921 - 3.500 =) rund 65.400, und die von Piper angeführte Ziffer ist um (69.000 - 65.400 =) 3.600 zu hoch.

2.4. Holland

Anzahl der Deportierten: 60.085 (auf 60.000 gerundet) (S. 189f.). Auch in diesem Fall vernachlässigt Piper die in Kosel aussortierten Juden, die vom Holländischen Roten Kreuz auf 3.540 beziffert werden.[14]

2.5. Griechenland

Anzahl der Deportierten: 54.533 (auf 55.000 gerundet) (S. 191 und 199). In der einschlägigen Tabelle befindet sich ein am 16. August 1944 eingetroffener Transport mit 2.500 Juden von der Insel Rhodos. Derselbe Transport taucht aber auch in der Tabelle auf, in der es um Italien geht, nur wird als Ankunftsdatum hier der 23. Juli 1944 genannt, und die Zahl der Deportierten wird mit 1.805 angegeben. Wie die italienische Historikerin Liliana Picciotto Fargion erläutert, ging am 23. Juli 1944 aus dem Dodekanes (Rhodos und Koo) ein Transport mit 1.820 italienischen Juden ab, der am 3. August in Athen Zwischenhalt machte und am 16. August in Auschwitz ankam.[15] F. Piper zählt ihn, wie wir gesehen haben, doppelt und gibt seine Stärke jeweils unterschiedlich an. Der betreffende Transport ist, da jene Inseln damals italienisch waren, Italien zuzurechnen, und die Zahl der aus Griechenland deportierten Juden ist um 2.500 zu vermindern.

2.6. Theresienstadt

Anzahl der Deportierten: 46.099 (auf 46.000 gerundet) (S. 192). Laut dem Gedenkbuch des Theresienstädter Ghettos wurden von 1942 bis 1944 aus Theresienstadt 42.454 Juden nach Auschwitz überstellt,[16] so daß F. Pipers Ziffer um ca. 3.400 überhöht ist.

2.7. Jugoslawien

Anzahl der Deportierten: 10.000 (S. 196 und 199). Für die Transporte aus Zagreb vom 7. und 13. Mai 1943 geht F. Piper von insgesamt 4.000 Deportierten aus, während D. Czech diese auf 2.000 beziffert.[17] Dies bedeutet, daß F. Piper sich hier 2.000 Deportierte aus den Fingern gesogen hat.

2.8. Belgien

Anzahl der Deportierten: 24.906 (auf 25.000 gerundet, S. 197 und 199). Als Quelle benutzt Piper hier ein Buch Maxim Steinbergs, in dem tatsächlich von 24.906 aus Belgien nach Auschwitz deportierten Juden die Rede ist,[18] jedoch auch hervorgehoben wird, daß davon 1.380 in Kosel ausortioniert wurden.[19] Folglich gibt Piper die Zahl der Deportierten um etwa 1.400 zu hoch an.

2.9. Italien

Anzahl der Deportierten 7.422 (auf 7.500 gerundet) (S. 198f.). Aus Italien wurden 5.951 Juden nach Auschwitz geschickt, wozu noch 1.820 Juden von den Inseln Rhodos und Koo (Dodekanes) zu zählen sind.[20] Demnach ergibt sich eine Gesamtzahl von 7.711, und Pipers Ziffer ist um 300 zu niedrig.

2.10. KLs, Nebenlager und andere Orte

Anzahl der Deportierten: 34.000 (S. 199). Hier beschränkt sich F. Piper einfach darauf, obige Ziffer in den Raum zu stellen, ohne Herkunft und Stärke der Transporte anzugeben. Laut dem Kalendarium D. Czechs betrug die Anzahl der zu dieser Kategorie gehörenden Deportierten ca. 12.500,[21] zu denen noch 7.500 am 6. August 1944 aus Plaszow eingetroffene Jüdinnen[22] sowie 1.400 am 14. Mai 1944 ebenfalls aus Plaszow eingelieferte Juden kommen,[23] insgesamt also 21.400. Unter diesen Umständen ist F. Pipers Zahl um 12.600 zu hoch.

2.11. Gesamtbetrachtung

Fassen wir zusammen: F. Piper hat insgesamt mindestens 180.600 nach Auschwitz deportierte Juden erfunden. Dementsprechend muß man von seiner Gesamtziffer von 1.095.190 jüdischen Deportierten, von denen in seiner Tabelle 28 auf S. 199 die Rede ist, 180.600 abziehen, und die wirkliche Gesamtzahl beträgt rund 914.600, von denen etwa 205.000 registriert worden sind (S. 103).

3. Die Anzahl der Registrierten, der Nichtregistrierten (im Birkenauer Durchgangslager Untergebrachten) sowie der angeblich Vergasten.

Auf S. 102 führt F. Piper eine Tabelle an, aus der hervorgeht, daß in Auschwitz insgesamt 400.207 Häftlinge registriert worden sind. Auf S. 118 erscheint eine weitere Tabelle, welche anhand einer Zählung der laut D. Czechs Kalendarium den Häftlingen zugewiesenen Nummern erstellt ist. Die angegebene Gesamtzahl - 390.500[24] - berücksichtigt freilich die ungefähr 11.000 (11.186) Erziehungshäftlinge nicht, so daß die tatsächliche Gesamtzahl der Registrierten etwa 401.500 beträgt. In folgender Tabelle sind die von F. Piper gelieferten Daten bezüglich der überlebenden Häftlinge zusammengefaßt:

Jahr

Überstellte

Freigelassene

Entflohene

Befreite

S.

1940

92

?

3

 

152

1941

2.282

?

6

 

154

1942

2.916

997

48

 

156

1943

19.859

0

139

 

160

1944/1945

163.000

500

300

8.000

163

Insgesamt

 

1.497

 

8.000

 

Zählt man die Erziehungshäftlinge hinzu, so beläuft sich die Gesamtzahl der Überlebenden auf 198.142. Dazu muß man, so F. Piper, die »25.000 nach kurzem Aufenthalt im KL Auschwitz in andere Konzentrationslager überstellten nicht registrierten Häftlinge« hinzufügen (S. 163f.), so daß es ihm zufolge insgesamt ca. 223.000 Überlebende gab. Unter diesen Umständen beträgt die Zahl der Toten nach Piper (1.300.000 - 223.000 =) 1.077.000, doch Piper rundet sie auf 1.100.000 auf.

Die von F. Piper angeführte Gesamtziffer von 1.300.000 nach Auschwitz Deportierten umfaßt auch Gruppen von Nichtjuden, die seinen Behauptungen zufolge ohne vorhergehende Registrierung im Lager ermordet wurden: 3.000 sowjetische Kriegsgefangene, 1.700 Zigeuner, 10.000 Polen (S. 149f.), insgesamt also 14.700 oder aufgerundet 15.000 (S. 200). Tatsächlich gibt es - abgesehen vom Fall einiger Dutzend Polen - keinerlei dokumentarische Grundlage für diese Behauptungen, so daß man auch diese angeblich unregistriert Getöteten getrost ins Reich der Phantasie verbannen darf.

Die Zahl der 1944 unregistriert ins Birkenauer Durchgangslager Eingelieferten ist bedeutend höher, als F. Piper zugibt. Zu dieser Kategorie gehören nämlich wenigstens 79.200 ungarische Juden[25] und etwa 19.400 Juden aus Lodz.[11] Am 2. Oktober 1944 befanden sich im Durchgangslager noch 17.251 Jüdinnen, die dann in den Lagerbestand aufgenommen wurden,[26] freilich ohne daß ihnen Registriernummern zugewiesen wurden. Die Zahl der Häftlinge, welche keine solchen Nummern erhielten, betrug somit wenigstens 98.600. Andrzej Strzelecki bestätigt die Glaubwürdigkeit dieser Ziffer, indem er schreibt:[27]

»Im Zeitraum Mai-Oktober 1944 gingen ohne Registrierung mehrere Zehntausend, höchstwahrscheinlich bis zu 100-tausend jüdische Häftlinge durch das Lager Birkenau«.

Schließlich unterschätzt F. Piper die Zahl der 1944 sowie Anfang 1945 aus Auschwitz überstellten Juden ganz erheblich, denn in Wirklichkeit betrug diese bis zum 17. Januar 1945 nicht weniger als 192.300. Zu jenem Zeitpunkt hielten sich im Lager noch 67.000 Gefangene auf, von denen ca. 58.500 überstellt wurden und 8.500 zurückblieben.[28]

4. Die Zahl der Toten (registrierte Häftlinge)

4.1. 1940-1941

Für diesen Zeitraum berechnet F. Piper 21.000 Tote. Da die (unvollkommen erhaltene) Dokumentation am 29. Juli 1941 einsetzt (Sterbeurkunde Nr. 1 des Häftlings Peter Pakosch),[29] stützt sich F. Piper bei seinen Berechnungen auf die Differenz zwischen den Zahlen der registrierten und der tatsächlich im Lager vorhandenen sowie geflohenen oder freigelassenen Häftlinge. Eine genauere Berechnung, die ich gelegentlich veröffentlichen werde, ergibt für diese Periode 19.500 Opfer, einschließlich der sowjetischen Kriegsgefangenen.

4.2. 1942

F. Piper hebt hervor, daß die höchste im (unvollständigen) letzten Sterbebuch von 1942 erscheinende Registriernummer 45.616 ist. Sie wurde dem weiblichen Häftling Erna Haubenstock am 31. Dezember jenes Jahres zugeteilt, doch geht aus dem Dokument hervor, daß diese Frau am 23. Dezember gestorben war. Da dieses Sterbebuch im Schnitt 128 Todesfälle pro Tag verzeichne, müsse man, so F. Piper, davon ausgehen, daß bis zum 31. Dezember noch weitere 1.000 Gefangene gestorben seien und die Gesamtzahl der Toten laut den Sterbebüchern demnach ca. 47.000 betrage (S. 156). Tatsächlich trägt der höchste dokumentarisch belegte Sterbefall die Nummer 47.020 (bei dem Verstorbenen handelte es sich um den jüdischen Häftling Jacques Caufman).[30] Nicht inbegriffen sind in dieser Zahl die im Jahre 1942 umgekommenen 1.427 sowjetischen Kriegsgefangenen, deren Ableben im "Totenbuch" gesondert verzeichnet wurde.

F. Piper wirft anschließend die Frage auf, ob diese Zahl zutreffend sei, und verneint sie mit folgender Argumentation:

Von der Eröffnung des Lagers bis zum 31. Dezember 1942 wurden rund 126.000 Häftlinge registriert, von denen am 1. Januar 1943 noch 29.630 vorhanden waren und somit (126.000 - 29.630 =) ca. 96.500 fehlten. Von diesen waren 23.500 in den beiden vorhergehenden Jahren 1940 und 1941 verschwunden, und 1942 waren 2.916 in andere Lager überstellt worden; ferner waren 48 geflohen und 997 freigelassen worden. Unter diesen Umständen, folgert Piper, müsse man davon ausgehen, daß anno 1942 insgesamt (96.500 - 23.500 - 2.916 - 48 - 997 =) ca. 69.000 Gefangene gestorben seien, also etwa 22.000 mehr, als in den Sterbebüchern verzeichnet waren.

Bei der Erklärung dieser behaupteten Differenz beruft sich F. Piper auf folgende Erklärung der ehemaligen Auschwitz-Insassin Klari Weiß, die in der Politischen Abteilung des Lagers gearbeitet hatte:

»Durch meinen Zugang zu den Akten kann ich abschätzen, daß 1942 im Lager etwa 48.000 natürliche Todesfälle eintrafen. 1943 wurden die natürlichen Todesfälle von Juden nicht verzeichnet, es wurden jedoch die Akten über 35.000 Todesfälle von Ariern aufbewahrt. 1944 betrug die Zahl der natürlichen Todesfälle von Ariern etwa 30.000« (S. 227).

F. Piper unterstreicht, daß Klari Weiß ausschließlich von den »natürlichen Todesfällen« spricht; demnach seien die von ihm berechneten 22.000 zusätzlichen

»"nicht natürliche" Sterbefälle - diese Häftlinge wurden in den Gaskammern und durch Phenolinjektionen getötet.« (S. 158)

In Wirklichkeit wohnt F. Pipers Berechnung keinerlei Beweiskraft inne, weil man zuallererst belegen müßte, daß es in Auschwitz eine doppelte Buchhaltung hinsichtlich der Toten gab, eine offizielle - in den Sterbebüchern registrierte - sowie eine inoffizielle über "nicht natürliche" Sterbefälle. Von letzterer finden sich freilich nicht die geringsten dokumentarischen Spuren; es gibt in der ganzen aus dem Jahre 1942 stammenden Dokumentation über die Sterblichkeit in Auschwitz - dem Leichenhallenbuch (13.526 Todesfälle), dem Stärkebuch (22.168 Todesfälle), dem Totenbuch (1.427 Todesfälle) sowie den Sterbeurkunden (4.839 Todesfälle) - diese Angaben stehen bei F. Piper auf S. 155 - nicht ein einziges Beispiel für einen Sterbefall, der anders als auf die offizielle Weise verzeichnet worden wäre. Ganz im Gegenteil: Wie Thomas Grotum und Jan Parcer betonen, enthalten die Sterbebücher ausdrückliche Hinweise auf "nicht natürliche" Sterbefälle, wie jene auf 67 "auf der Flucht erschossene" Häftlinge.[31] Die beiden Verfasser erklären sogar:[32]

»Die meisten Todesursachen, die sich in den Sterbeeinträgen finden lassen, waren fingiert, um die wahren Umstände des Todes der Auschwitz-Häftlinge zu verschleiern, hatten die Schreiber die Anweisung, zur Deklarierung einer Todesursache aus einer vorgegebenen Liste möglicher Krankheiten auszuwählen.«

Sie fügen anschließend hinzu:[33]

»Unter den 68.864 Sterbeeinträgen gibt es 2.727, in denen "plötzlicher Herztod" als Todesursache genannt ist. In mehreren dieser Fälle kann man jedoch nachweisen, daß in Wirklichkeit unnatürliche Todesursachen vorlagen«.

Somit wurden laut T. Grotum und J. Parcer die "nicht natürlichen" Sterbefälle in den Sterbebüchern verzeichnet, entweder explizit oder implizit, mit falscher Angabe der Todesursache. Andererseits ist die Zahl der von ihnen angeführten Beispiele dermaßen gering, daß sie die Behauptung nicht rechtfertigt, »die meisten Todesursachen« seien verfälscht angegeben worden. Vermutlich gingen tatsächlich vorgekommene Manipulationen auf den Wunsch zurück, die rigide bürokratische Praxis zu umgehen, welche durch das 1941 erlassene Reglement für die Konzentrationslager vorgeschrieben war. Diesem zufolge mußten »bei unnatürlichen Sterbefällen und Selbstmorden« folgende Urkunden in doppelter Ausfertigung erstellt werden:

1 Vernehmungsniederschrift der Zeugen
1 Kommandanturbericht
1 Todesbescheinigung des Arztes
1 Sektionsbefundbericht
1 Bestattungsschein des SS- und Polizeigerichts
1 Einstellungsverfügung des SS- und Polizeigerichts.[34]

Vermutlich hielten es die Verantwortlichen zur Umgehung dieses lästigen bürokratischen Papierkrams in manchen Fällen für bequemer, eine falsche Todesursache anzugeben.

Angesichts dieser Fakten muß F. Pipers These als nicht stichhaltig verworfen werden. Da die Dokumentation über Auschwitz bekanntermaßen unvollständig erhalten ist, gibt es keinen Anlaß, die von F. Piper unter Berufung auf D. Czechs Kalendarium genannten Zahlen der überstellten, geflohenen und freigelassenen Häftlinge für vollständig zu halten. Zum Vergleich: Für 1944 hat D. Czech weniger als die Hälfte der tatsächlich aus Auschwitz in andere Lager erfolgten Überstellungen verzeichnet.[29]

Aus diesem Grund trifft genau das Gegenteil der Behauptung F. Pipers zu: Da alle Todesfälle in den Sterbebüchern verzeichnet wurden, kann es sich bei den 22.000 fehlenden Häftlingen nicht um im Lager Verstorbene handeln, und sie müssen den anderen drei Kategorien angehören, vorwiegend natürlich derjenigen der Überstellten.

4.3. 1943

F. Piper weist darauf hin, daß die höchste im letzten Sterbebuch des Jahres 1943 stehende Registriernummer 36.991 lautet und dem Häftling Zelik Gieclik zugewiesen worden war, der am 18. Dezember starb. Da die mittlere tägliche Sterblichkeit während jenes Zeitraums bei 105 lag, seien bis zum 31. Dezember weitere 1.400 Häftlinge gestorben, so daß die Gesamtzahl der Sterbefälle für 1943 auf über 38.000 zu veranschlagen sei (S. 160).

Diese Berechnung ist jedoch fehlerhaft: Während das letzte Sterbebuch des Jahres 1942 (Nr. 31) sehr lückenhaft erhalten ist, trifft dies auf das letzte Sterbebuch für 1943 (Nr. 25) nicht zu; dieses ist vollständig, und die scheinbare Diskrepanz geht lediglich darauf zurück, daß die Numerierung der Registrierungen nicht strikt chronologisch gehandhabt wurde. Das betreffende Sterbebuch reicht in der Tat bis zum 31. Dezember 1943, und die höchste darin verzeichnete Nummer eines Sterbefalls ist 36.983; beim Toten handelte es sich um den Häftling Stanislaw Domanski.

F. Piper beruft sich ein weiteres Mal auf Klari Weiß, die ihm zufolge ausgesagt hat,

»daß die Sterbefälle jüdischer Häftlinge 1943 auch im Fall "natürlichen" Todes nicht mehr registriert wurden (sicherlich wurden in diesem Fall keine Sterbeurkunden mehr ausgefertigt). Wie Klari Weiß berichtet, ergab sich aus der von ihr geführten Evidenz, daß 1943 insgesamt 35.000 Nicht-Juden starben.« (S. 160)

Doch auch diese Behauptung läßt sich in keiner Hinsicht dokumentarisch untermauern, und F. Pipers Hypothese, die eines natürlichen (oder unnatürlichen) Todes gestorbenen jüdischen Häftlinge hätten ohne Sterbeurkunde (bzw. mit einer mit falscher Angabe der Todesursache) aus dem Lagerbestand verschwinden können, ist schlicht und einfach abwegig.

F. Piper nimmt wiederum zu einer eigenwilligen Berechnungsmethode Zuflucht, um die Differenz zwischen der von ihm behaupteten Anzahl der Toten und der in den Sterbebüchern verzeichneten zu ermitteln. Er hebt hervor, daß bis Ende 1943 rund 282.000 Häftlinge registriert worden waren, von denen sich am 31. Dezember 1943 noch 85.298 im Lager aufhielten, so daß ca. 197.000 Häftlinge fehlen. Von diesen, schreibt er, seien rund 96.500 in den vorhergehenden Jahren (1940 bis 1942) verschwunden. 1943 seien 19.859 Gefangene in andere Lager überstellt worden und 139 geflohen, so daß die Anzahl der in jenem Jahr Umgekommenen (197.000 - 96.500 - 19.859 - 139 =) ca. 80.500 betrage (S. 160ff.) und dementsprechend um ungefähr 43.500 über der dokumentarisch belegten liege. In Wirklichkeit dürfte es sich auch bei diesen Häftlingen größtenteils um Überstellte gehandelt haben.

4.4. 1944 (-1945)

F. Piper behauptet, für dieses Jahr seien keinerlei Dokumente über die Sterblichkeit in Auschwitz erhalten geblieben, doch aus dem Kalendarium D. Czechs gehe hervor, daß »im Jahre 1944 etwa 30.000 registrierte Häftlinge getötet worden sind« (S. 162). Zur Ermittlung der Opferzahl für 1944 nimmt er Zuflucht zu folgender Berechnungsmethode:

Die Gesamtziffer der zeit seines Bestehens im Lager Auschwitz registrierten Häftlinge beträgt rund 400.200, von denen 197.000 bis Ende 1943 aus dem Lagerbestand verschwunden sind. Von den restlichen 203.000 wurden 163.000 überstellt oder evakuiert, 300 sind geflüchtet, ca. 500 wurden freigelassen und rund 8.000 von den Sowjets befreit. Unter diesen Umständen, argumentiert F. Piper, sei die Zahl der 1944 Umgekommenen auf (203.000 - 163.000 - 300 - 800 - 8000 =) 30.000 zu veranschlagen (S. 163). Er gibt an,

»daß die Zahl dieser 30.000 Todesfälle sowohl Juden wie Nichtjuden und sowohl die eines "natürlichen" Todes gestorbenen wie die getöteten Häftlinge umfaßt.« (S. 163)

Demgegenüber hatte Klari Weiß erklärt, daß

»sich die Zahl 30.000 lediglich auf Nichtjuden und lediglich auf die eines "natürlichen" Todes gestorbenen Häftlinge bezieht.«

Um den Widerspruch aus der Welt zu schaffen, beschwört F. Piper eine angeblich von der SS »aus Tarnungsgründen« vorgenommene, allgemeine Verfälschung der »Sterbefall-Dokumentation«. Diese "Erklärung" ist freilich schlechthin albern, denn wenn es zuträfe, daß 1944 insgesamt 30.000 Häftlinge umkamen, und wenn es ferner richtig wäre, daß im gleichen Jahr 30.000 Häftlinge vergast wurden, müßte die Schlußfolgerung nach Adam Riese lauten, daß 1944 kein einziger Häftling eines natürlichen Todes gestorben ist, was selbstverständlich eine radikale Unmöglichkeit darstellt.

Des weiteren untertreibt F. Piper die Zahl der 1944 aus Auschwitz Überstellten oder Evakuierten geradezu sträflich. Denn wenn man die rund 8.500 bis zum Eintreffen der Roten Armee im Lager verbliebenen Häftlinge berücksichtigt, beträgt die tatsächliche Zahl ca. 250.800[29] und keinesfalls 188.000 (163.000 Registrierte sowie 25.000 Nichtregistrierte).[35]

Eine korrekte Berechnung der Sterbeziffer für 1944 sieht wie folgt aus:

Die Lagerstärke betrug am 31. Dezember 1943 ca. 85.298.[36] 1944 wurden 114.500 Häftlinge registriert, während weitere 98.600 das Durchgangslager in Birkenau durchliefen. Im Verlauf des Jahres wurden wenigstens 250.800 Häftlinge überstellt oder evakuiert, 300 flohen und ca. 8.500 verblieben bis zum Schluß im Lager. Von diesen starben 536, und ihre Leichen wurden von den Sowjets autopsiert.[37] Unter diesen Umständen kann die Zahl der Verstorbenen nicht höher gewesen sein als ca. ([85.298 + 114.500 + 98.600] - [250.800 + 300 + 500 + 8.500] =) ca. 38.500.

Der Größenordnung nach steht diese Ziffer in Übereinklang mit der von Klari Weiß genannten. Übrigens stimmen auch die von ihr für 1942 und 1943 angegebenen Zahlen recht gut mit den dokumentierten überein, so daß man sie als verläßlich bezeichnen kann. Unrichtig sind natürlich ihre Angaben über die Kategorien, denen die Verstorbenen angehörten. Der Grund für ihre diesbezüglichen unwahren Angaben ist leicht ersichtlich. Im Urteil des Höß-Prozeß war willkürlich die Behauptung aufgestellt worden, in Auschwitz seien 300.000 registrierte Häftlinge gestorben oder getötet worden,[38] so daß Klari Weiß beim anschließenden, in Krakau gegen das Lagerpersonal geführten Prozeß selbstredend nicht aussagen durfte, es seien "nur" die in den Sterbebüchern registrierten Häftlinge umgekommen; sie mußte behaupten, neben diesen habe es zusätzliche Todesfälle gegeben.

F. Piper legt dar, die in der Auschwitz-Literatur oft auftauchende Zahl von 340.000 Toten unter den Registrierten beruhe

»auf einer irrtümlichen Interpretation der von Sehn genannten Zahl, die sowohl die in Auschwitz, wie die in andere Konzentrationslager überstellte Häftlinge umfaßt« (S. 164)

Es trifft zwar in der Tat zu, daß der polnische Richter Jan Sehn geschrieben hat:[39]

»Mehr als 400.000 in verschiedenen Registrierungsserien verzeichnete Gefangene gelangten in das Lager Auschwitz. Von diesen starben 340.000 in Auschwitz und anderen Lagern, in welche sie überstellt worden waren.«

Doch wenn diese Aussage falsch gedeutet wird, ist niemand anderes als F. Piper selbst dafür verantwortlich, da er 1978 behauptet hatte, in Auschwitz seien »ungefähr 340.000 der 400.000 registrierten Häftlinge - Männer, Frauen und Kinder« gestorben oder umgebracht worden.[40]

5. Schlußfolgerungen

Das bisher Dargelegte ermöglicht folgende (provisorischen) Schlußfolgerungen:

  1. Die Zahl der nach Auschwitz Deportierten beläuft sich auf ca. 1.111.100, davon 914.600 Juden und 196.500 Nichtjuden.
  2. Rund 401.500 Häftlinge wurden im Lager registriert, davon ca. 205.000 Juden sowie alle Nichtjuden.
  3. Die Zahl der ins Durchgangslager von Birkenau eingewiesenen und dann in andere Lager überstellten Juden liegt nicht unter 98.600.
  4. Mindestens 250.800 Häftlinge wurden 1944 sowie im Januar 1945 überstellt oder evakuiert.
  5. Die Anzahl der in Auschwitz ums Leben Gekommenen beträgt rund 135.500. Die Verteilung der Sterbefälle auf die einzelnen Jahre geht aus folgender Tabelle hervor:
  6. 1940-1941

    19.500

    1942

    48.500 (48.447)

    1943

    37.000 (36.991)

    1944

    30.000

    1945

    500 (536)

    Insgesamt

    135.500

  7. Die Gesamtzahl der von 1940 bis 1945 freigelassenen, geflüchteten, überstellten und von den Sowjets befreiten Häftlinge beläuft sich auf wenigstens (401.500 + 98.600] - 135.500] =) 364.600.
  8. Die Differenz zwischen den eben angeführten Ziffern und der Gesamtzahl der nach Auschwitz Deportierten beträgt maximal (1.111.100 - 364.600 - 135.500 =) ca. 611.000 oder 55%. Dies sind die laut offizieller Geschichtsschreibung "unregistriert Vergasten".
  9. Insgesamt wurden nicht unter 500.100 Häftlinge ins Lager aufgenommen, davon ca. 401.500 Registrierte und rund 98.600 im Durchgangslager Einquartierte.

6. Das Schicksal der fehlenden Juden

Es braucht kaum noch betont zu werden, daß weder F. Piper noch irgendein anderer Historiker jemals auch nur die Spur eines Beweises für die Vergasung der nichtregistrierten Häftlinge geliefert hat, die im großen ganzen mit den nicht arbeitsfähigen identisch gewesen sein dürften. Hingegen läßt sich hieb- und stichfest nachweisen, daß zwei der in der offiziellen Literatur am breitesten ausgeschlachteten angeblichen Vergasungen - jene des Birkenauer Zigeunerlagers (2.897 Häftlinge) sowie jene der Insassen des Ghettos von Lodz (66.900 Häftlinge) - tatsächlich Geschichtsfälschungen darstellen.[11] Von den anderen behaupteten Vergasungen läßt sich nicht eine einzige dokumentarisch belegen.

Tatsache ist ferner, daß die offizielle Geschichtsschreibung bis 1989 die wenigstens 79.200 unregistriert ins Durchgangslager eingewiesenen ungarischen Juden als "vergast" betrachtet hat.[41] F. Piper stuft davon noch (79.200 - 25.000 =) 54.200 als vergast ein!

Was das Los dieser 611.000 fehlenden Juden betrifft, so weisen verschiedene dokumentarische Quellen darauf hin, daß sie weiter nach Osten abgeschoben wurden. Reichsminister Albert Speer hat in diesem Zusammenhang unter ausdrücklicher Bezugnahme auf Auschwitz in einem bedeutsamen Dokument von der »Ostwanderung« gesprochen.[42]

7. Bedeutung und Wert der Revisionen Jean-Claude Pressacs und Fritjof Meyers sowie künftiger Revisionen

In meinem eingangs erwähnten Artikel hebe ich hervor, daß eine Untersuchung der Opferzahl von Auschwitz, die vom technischen Standpunkt aus erfolgt, zwangsläufig zu einem radikalen Schrumpfen der Zahl der angeblich in jenem Lager "Vergasten" führen muß. Ohne jeden Zweifel ist es auch der von F. Piper aufgetischten Ziffer von 1,1 Millionen Toten genau wie der altehrwürdigen sowjetischen Propagandazahl von vier Millionen beschieden, demnächst im Mülleimer der Geschichte zu landen.

In der Tat ist die von Piper genannte und von der offiziellen Geschichtsschreibung anerkannte Zahl von Jean-Claude Pressac und Fritjof Meyer bereits drastisch vermindert worden. Diese Reduktionen sind fraglos eine direkte Folge der revisionistischen Forschungsarbeit.

Jean-Claude Pressac geht von 667.200-747.200 nach Auschwitz geschickten Juden aus; er gibt die Zahl der Toten unter den registrierten Lagerinsassen mit 161.000 an (darunter 15.000 sowjetische Kriegsgefangene und 20.000 Zigeuner) und macht 470.000 bis 550.000 nichtregistrierte jüdische Vergaste geltend.[43]

Pressac beruft sich bei seinen Zahlenangaben auf F. Pipers Studie, korrigiert jedoch dabei die Zahl der aus Polen und Ungarn eingelieferten Juden sowie diejenige der Toten unter den registrierten Häftlinge nach unten.

In bezug auf Polen hält er die von Piper angegebene Stärke der einzelnen Transporte für überhöht und vermindert die Gesamtzahl von 300.000 auf 150.000. Dabei stützt er sich hauptsächlich auf das Verhältnis zwischen Arbeitstauglichen (30 bis 35%) und Arbeitsuntauglichen (65 bis 70%); demzufolge stünden den arbeitsfähigen (registrierten) 50.000 polnischen Juden 150.000 nicht arbeitsfähige (nichtregistrierte) gegenüber. Im Fall der Deportationen aus Bendsburg und Sosnowitz bedient sich Pressac allerdings einer Argumentation, die als revisionistisch einzustufen ist. Er unterstreicht nämlich, daß laut D. Czechs Kalendarium Anfang August 1943 innerhalb von sechs Tagen 23.714 "arbeitsunfähige" Juden nach Auschwitz eingeliefert worden sein sollen, wozu noch ein Transport aus Frankreich und einer aus Belgien kam. Wenn diese Juden wirklich alle vergast worden wären, hätte die Zahl der im Schnitt täglich Vergasten 4.000 betragen. Pressac meint, die damals funktionierenden Krematorien - Krema I, III und V - hätten eine tägliche Verbrennungskapazität von 1.750 Leichen besessen, und nach der Stillegung des Krema I Ende Juli 1943 sei diese auf 1.500 abgesackt. Somit, so Pressac, sei die Einäscherung einer dermaßen großen Zahl von Leichen ein Ding der Unmöglichkeit gewesen; er fährt fort:[44]

»Es hat den Anschein, als wurde die - von den Augenzeugen ohnehin schlecht geschätzte - Zahl der Juden pro Transport (2000 bis 3000) verdoppelt.«

Obgleich Pressac eine unhaltbar hohe Kremierungskapazität ansetzt (die wirkliche Maximalkapazität der Krematorien III und V betrug zusammen etwa 460 Leichen pro Tag), bedient er sich hier einer typisch revisionistischen, technischen Argumentation und verwirft infolgedessen die Zeugenaussagen als unzuverlässig.

Im Fall der Judendeportationen aus Ungarn hat Pressac ein schon vor langer Zeit von mir angeführtes Argument aufgegriffen; diesem lag ein damals unlösbares, doch in der Zwischenzeit geklärtes Problem zugrunde.[45]

Pressac akzeptiert zwar die Zahl von ca. 438.000 von Mai bis Juli 1944 deportierten ungarischen Juden, meint jedoch, von diesem seien lediglich 160.000 bis 240.000 nach Auschwitz gelangt.[46] Leider vermag er nicht zu erhellen, wohin es die übrigen 198.000 bis 278.000 verschlagen hat.

Was die Sterbeziffern unter den registrierten Häftlingen anbelangt, übernimmt er für 1942 und 1943 die Daten der Sterbebücher, macht sich für 1944 die Angaben der Klari Weiß zu eigen, setzt für den Zeitraum vom 1. bis zum 18. Januar 1945 eine - bestimmt zu hoch gegriffene - Zahl von 1.500 Toten an und postuliert für den Zeitraum von Mai 1940 bis Ende 1941 eine Opferzahl von 11.988. Dazu zählt er noch 15.000 sowjetische Kriegsgefangene und 20.000 Zigeuner, womit er auf insgesamt 161.000 Tote kommt.[47] Da die Sterbefälle unter den Zigeunern bereits in den Sterbebüchern erfaßt werden, muß man von Pressacs Zahl 20.000 abziehen und gelangt damit auf 141.000 Tote, was mit der von mir in diesem Artikel genannten Ziffer annähernd identisch ist.

Der Schwachpunkt der von Pressac vorgenommenen Revision liegt hauptsächlich bei der Anzahl der nach Auschwitz gesandten ungarischen Juden. (Daß die von Piper angeführten Zahlen deportierter polnischer Juden tatsächlich stark übertrieben sind, darf hingegen als gesichert angenommen werden). Es unterliegt keinem Zweifel, daß etliche Transporte mit ungarischen Juden nach Österreich (Straßhof und Gänserndorf), nach Bergen-Belsen, nach Litauen und Estland geleitet wurden; vermutlich gelangten weitere Transporte nach Plaszow bei Krakau, ohne in Auschwitz Zwischenhalt gemacht zu haben.[48] Dennoch lassen sich die von Pressac ins Feld geführten Zahlen nach dem heutigen Kenntnisstand nicht dokumentarisch erhärten.

Statistisch gesehen werden künftige zusätzliche Revisionen der nach Auschwitz Deportierten in allererster Linie von neuen Erkenntnissen über die Deportationen ungarischer Juden nach anderen Orten als Auschwitz abhängen.

Im Mai 2002 hat Fritjof Meyer eine Revision der Opferzahl von Auschwitz vorgenommen, die noch radikaler als jene Pressacs ist,[49] und zwar nicht nur in bezug auf die erneute Reduktion der Ziffer (er spricht von 510.000 in Auschwitz Umgekommenen, wovon 356.000 vergast worden sein sollen), sondern erst recht hinsichtlich ihrer Methodik.

Meyers Vorgehen ist kaum verbrämter Revisionismus. Er geht nicht von statistischen, sondern von technischen Erwägungen aus: Seine drastische Verringerung der von Piper angegebenen Opferzahl basiert letzten Endes hauptsächlich auf einem technischen Kriterium, nämlich der Kapazität der Verbrennungsöfen von Auschwitz-Birkenau. Ich habe in einem früheren Artikel aufgezeigt, daß Meyers Wahl dieses Kriteriums zwar unangreifbar ist, er davon jedoch falschen Gebrauch macht, da die von ihm angenommenen technischen Daten nicht der Wirklichkeit entsprechen.[50] Trotzdem hat F. Meyer der offiziellen Geschichtsschreibung zwei tödliche Schläge versetzt, erstens, indem er die technische Methode der Revisionisten übernahm und daraus auf die historische Unfundiertheit der These von den Massenvergasungen schloß, und zweitens, weil jedwede Verringerung der Opferzahl von Auschwitz, welche die Zahl der fehlenden Häftlinge unterschreitet, de facto bedeutet, daß eine entsprechende Zahl Arbeitsunfähiger von Auschwitz nach anderen Orten überstellt worden sein muß.

Greift man die von F. Meyer genannte Zahl von 356.000 in Auschwitz vergasten Juden auf, so läuft dies darauf hinaus, daß (611.000 - 356.000 =) 255.000 arbeitsunfähige Juden das Lager lebend verlassen haben und anderswohin überstellt wurden. In diesem Fall konnte Auschwitz aber ganz unmöglich ein Vernichtungslager für arbeitsuntaugliche Juden sein, und dieser Eckpfeiler der offiziellen Geschichtsschreibung fällt in sich zusammen.


Anmerkungen

Aus dem Italienischen übersetzt von Jürgen Graf.

[1]Verlag Staatliches Museum in Oświęcim, 1993. Die im folgenden in runden Klammern stehenden Seitenangaben beziehen sich auf dieses Werk.
[2]Siehe dazu C. Mattogno, »Die Deportation ungarischer Juden von Mai bis Juli 1944. Eine provisorische Bilanz«, in: VffG, 5(4) (2001), S. 389.
[3]Siehe dazu meine Studie "Sonderbehandlung" ad Auschwitz. Genesi e significato, Edizioni di Ar, Padua 2001, S. 42f.
[4]M. Gilbert, Endlösung. Die Vertreibung und Vernichtung der Juden. Ein Atlas. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1995, S. 100, 105.
[5]D. Czech, Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau 1939-1945, Rowohlt, Reinbek 1989, S. 335. D. Czech behauptet, dieser Transport sei am 8. November 1942 eingegangen, und zwar »aus den Ghettos im sog. Regierungsbezirk Zichenau«.
[6]Auschwitz in den Augen der SS, Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau 1997, S. 164.
[7]Ebenda, S. 335f.
[8]Zur wirklichen Bedeutung dieses Begriffs siehe meine Studie "Sonderbehandlung" ad Auschwitz. Genesi e significato, aaO. (Anm. ), S. 101-116.
[9]Auschwitz in den Augen der SS, aaO. (Anm. ), S. 164.
[10]D. Czech, aaO. (Anm. ), p. 416.
[11]Siehe meinen Beitrag »Das Ghetto von Lodz in der Holocaust-Propaganda« im vorliegenden Heft.
[12]S. Klarsfeld, Le mémorial de la déportation des Juifs de France. Edité et publié par Beate et Serge Klarsfeld, Paris 1978.
[13]Ebenda, S. 13 (meine Seitennumerierung; das Buch weist keine Seitenzahlen auf).
[14]Het Nederlandsche Roode Kruis. Auschwitz, Deel III. 's-Gravenhage, 1952, pp.12-15
[15]L. Picciotto Fargion, Il libro della memoria. Gli Ebrei deportati dall'Italia (1943-1945). Mursia, Milano 1991, S. 62f.
[16]Terezínská Pamĕtní Kniha. Terezínská Iniziativa, Melantrich 1995, S. 67-73 (Transportliste).
[17]D. Czech, aaO. (Anm. ), S. 488, 493.
[18]S. Klarsfeld, M. Steinberg, Mémorial de la déportation des Juifs de Belgique. The Beate Klarsfeld Foundation, New York 1994, S. 13.
[19]Ebenda, S. 45
[20]L. Picciotto Fargion, aaO. (Anm. ), S. 26, 32.
[21]Die Überstellungen erfolgten an den folgenden Tagen: 22.5.1942, 30.6, 6.10, 21.10, 24.10, 24.10, 24.10, 25.10, 8.11, 26.6.1943, 1.7, 8.7, 11.7, 23.10, 17.12, 12.1.1944, 16.4, 29.4, 13.5, 29.7, 11.8, 22.8, 29.8, 11.10, 2.11. Bei diesen Überstellten handelte es sich nicht ausschließlich um Juden.
[22]D. Czech, aaO. (Anm. ), S. 842.
[23]Ebenda, S. 774. M. Kunicka-Wyrzykowska, Kalendarium obozu płaszowskiego 1942-1945, in: Biuletyn Głównej Komisji Badania Zbrodni Hitlerowskich w Polsce, XXXI, 1982, S. 68 (Transport mit 1.400 Jüdinnen).
[24]Auf 500 gerundet.
[25]C. Mattogno, aaO. (Anm. ), S. 385.
[26]APMO, Stärkemeldung. D-AuII-3a, S. 53a.
[27]A. Strzelecki, Endphase des KL Auschwitz. Verlag Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau 1995, S. 352.
[28]Diese Zahl ergibt sich aus einer Studie zum Thema der aus Auschwitz überstellten Juden, welche in einer späteren Ausgabe der VffG erscheinen wird.
[29]Sterbebuch 1/1941, S. 1.
[30]RGVA, 502-4-48, S. 73.
[31]T. Grotum, J. Parcer, EDV-gestützte Auswertung der Sterbeeinträge, in: Sterbebücher von Auschwitz. Herausgegeben vom Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau. K.G.Saur. München-New Providence-London-Paris 1995, Bd. I, S. 247.
[32]Ebenda, S. 242.
[33]Ebenda, S. 243.
[34]AGK, NTN, 131, S. 186.
[35]In der ersten Version seines Buches (Auschwitz. Wieviele Juden, Polen, Zigeuner... wurden umgebracht. Universitas, Krakau 1992, S. 45) gibt F. Piper an, das Auschwitz-Museum verfüge über drei Zählungen der in den Jahren 1944 und 1945 aus Auschwitz Überstellten: die erste stamme von A. Strzelecki (187.820 Häftlinge), die zweite von L. Krysta (182.000 Häftlinge), die dritte von S. Iwaszko (225.000 Häftlinge). Die dritte Zahl kommt der Wirklichkeit am nächsten.
[36]AGK, NTN, 134, S. 282 und 287 .
[37]GARF, 7021-108-21.
[38]Urteil im Höß-Prozeß (2. April 1947). AGK, NTN, 146z, S. 3, 6 und 29.
[39]J. Sehn, Oświęcim-Brzezinka (Auschwitz-Birkenau) Concentration camp. Wydawnictwo prawnicze, Warschau 1961, S. 40.
[40]F. Piper, Extermination, in: J. Buszko (Editore), Auschwitz (Oświęcim) Camp hitlérien d'extermination. Editions Interpress, Warschau 1978, S. 134.
[41]C. Mattogno, aaO. (Anm. ), S. 385.
[42]C. Mattogno, aaO. (Anm. ), S. 67-73; C. Mattogno, J. Graf, Treblinka. Vernichtungslager oder Durchgangslager? Castle Hill Publishers, Hastings 2002, S. 312-315.
[43]J.-C. Pressac, Die Krematorien von Auschwitz. Die Technik des Massenmordes. Piper Verlag, München-Zürich 1994, S. 202.
[44]Ebenda, S. 197.
[45]C. Mattogno, aaO. (Anm. ), S. 381f.
[46]J.-C. Pressac, aaO. (Anm. ), S. 200f.
[47]Ebenda, S. 195 und 202.
[48]C. Mattogno, aaO. (Anm. ), S. 387.
[49]F. Meyer, Die Zahl der Opfer von Auschwitz. Neue Erkenntnisse durch neue Archivfunde. In: Osteuropa. Zeitschrift für Gegenwartsfragen des Ostens, Nr. 5, Mai 2002, S. 631-641
[50]Siehe dazu meinen Artikel »Die neuen Revisionen Fritjof Meyers«, VffG, 6(4) (2002), S. 378-385.

Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 7(1) (2003), S. 21-27.


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