Die "Vergasung" der Zigeuner in Auschwitz am 2.8.1944

Von Carlo Mattogno

1. Die historische Rekonstruktion Danuta Czechs

Laut der offiziellen Geschichtsschreibung wurden am 2. August 1944 in Birkenau 2.897 Zigeuner vergast, die im sogenannten "Zigeuner-Familienlager" innerhalb des Lagers BIIe untergebracht gewesen waren.

Die ausführlichste Rekonstruktion dieses angeblichen Massenmordes liefert Danuta Czech in ihrem Kalendarium.[1] Ihre Argumentationsstruktur sieht wie folgt aus:

Am 30. Juli 1944 befanden sich im Lager BIIe 1.518 Häftlinge.[2] Am 1. August war die entsprechende Zahl auf 2.815 angewachsen. Danuta Czech kommentiert:[3]

»Wahrscheinlich ist dies die Gesamtzahl aller Männer und Frauen.«

Am 2. August 1944 war die Stärke des Lagers BIIe erneut gestiegen, und zwar auf 2.885 Häftlinge, doch die Gesamtzahl der Zigeuner (einschließlich der in den Lagern BIIa, BIId und BIIf befindlichen) belief sich auf 2.898 Personen, »wahrscheinlich Männer und Frauen«.[3]

Danuta Czech fährt bei ihrer historischen Rekonstruktion wie folgt fort:[4]

»Am Nachmittag wird ein leerer Zug an der Eisenbahnrampe in Birkenau bereitgestellt. Aus dem KL Auschwitz werden 1.408 Zigeuner und Zigeunerinnen, die aus dem Lager BIIe und den Blöcken 10 und 11 des Stammlagers ausgesondert worden sind, herbeigebracht. Sie sollen am Leben bleiben und werden deshalb in andere Konzentrationslager überstellt. Die Abfahrenden verabschieden sich durch den Zaun von den im Lager BIIe zurückbleibenden Zigeunern. Gegen 19 Uhr verläßt der Zug die Rampe in Birkenau. Im Zug befinden sich 918 Männer, darunter 105 Jungen im Alter von neun bis 14 Jahren, und 490 Frauen. Ziel des Zugs ist das KL Buchenwald. Noch am 3. und 4. August sind die 1.408 Zigeuner und Zigeunerinnen in den Arbeitseinsatzlisten des KL Auschwitz II eingetragen mit dem Vermerk, daß sie sich auf dem Transport in ein anderes Lager befinden. Sie werden aus der Belegstärke des Lagers erst nach Erhalt der Bestätigung über ihre Aufnahme im KL Buchenwald gestrichen. [...]

Nach dem Abendappell wird im KL Auschwitz II Lagersperre und im Zigeuner-Familienlager BIIe Blocksperre angeordnet. Das Lager BIIe sowie einige weitere Wohnbaracken, in denen sich noch Zigeuner befinden, werden von bewaffneten SS-Männern umstellt. In das Lager fahren Lastwagen ein, mit denen 2.897 wehrlose Frauen, Männer und Kinder in die Gaskammern im Krematorium gefahren werden.«

Es sei gleich darauf hingewiesen, daß die Anzahl der angeblich vergasten Zigeuner von einem groben Rechenfehler zeugt: Wenn es insgesamt 2.898 Zigeuner gab und von diesen 1.408 überstellt wurden, können ganz unmöglich 2.897 "vergast" worden sein! Die Anzahl der "Vergasten" beliefe sich vielmehr auf (2.898 - 1.408 =) 1.490.

2. Die Dokumente

Abgesehen von diesem Rechenfehler stützt sich D. Czechs Rekonstruktion auf unbestreitbare Fakten, die aus der Serie von Berichten zum Thema »Arbeitseinsatz« im Männerlager von Auschwitz II (Birkenau) hervorgehen.

Am 30. Juli 1944 betrug die »Zigeunerlagerstärke« 1.518 Personen.[5] Am 1. August (der Bericht vom 31. Juli ist nicht erhalten) belief sie sich auf 2.815 Personen,[6] am 2. August auf 2.885.[7] Am 3. August erscheint die Überschrift »Zigeunerlagerstärke« nicht mehr, und 1.408 Zigeuner werden im Zusammenhang mit dem Lager BIIe unter der Rubrik »Überstellung Zig.« erfaßt.[8]

Anscheinend sind am 3.8. (2.884 - 1.408 =) 1.477 Zigeuner aus dem Lager verschwunden. Was geschah mit ihnen?

Bevor wir diese Frage beantworten, müssen wir eine andere, nicht minder wichtige Frage aufwerfen: Hat D. Czech die betreffenden Dokumente richtig gedeutet?

3. Die Deutung der Dokumente

Ende Juli und Anfang August 1944 umfaßte das Männerlager von Auschwitz II (Birkenau) folgende Lager: BIa, BIIa, BIId, BIIf, BIIg. Unter diesen Bezeichnungen figurieren sie auch in den einschlägigen Berichten über den »Arbeitseinsatz«.

Im Lager BIIe waren Zigeuner und Zigeunerinnen untergebracht, weshalb man auch vom »Zigeuner-Familienlager« sprach. Logischerweise gehörten die Männer aber zum Männerlager und die Frauen zum Frauenlager, und deshalb ist in den Serien von Berichten zum Thema »Arbeitseinsatz« vor dem 3. August nie vom Lager BIIe die Rede. Die männlichen Häftlinge dieses Lagers werden in einer Sonderrubrik mit dem Titel »Zigeunerlagerstärke« erfaßt.

Wie wir gesehen haben, stieg die Stärke des Zigeunerlagers am 1. August 1944 von 1.518 auf 2.815 Personen an. Wo waren diese (2.815 - 1.518 =) 1.297 neuen Häftlinge hergekommen? D. Czech nimmt an, es habe sich durchwegs um Zigeuner gehandelt, doch warum hätte man dann Frauen als Insassen des Männerlagers registrieren sollen? Die Hypothese ist nicht sehr sinnvoll und mutet ganz unfundiert an.

Wie bereits Gerald Reitlinger hervorgehoben hat, wurden die Zigeunerinnen im Frauensektor des Lagers BIIe am 1. August 1944 nach Ravensbrück überstellt.[9]

Die von dem britisch-jüdischen Historiker dafür angegebene Quelle bestätigt in der Tat, daß der am 1. August von Auschwitz abgegangene Transport am 3. August in Ravensbrück ankam, und erläutert:[10]

»Der am 3. 8. 44 aus Auschwitz eingetroffene Transport bestand ausschließlich aus den noch am Leben gebliebenen Zigeunerinnen des Lagers Birkenau.«

D. Czechs Behauptung, wonach 918 Zigeuner und 490 Zigeunerinnen nach Buchenwald transferiert worden sein sollen, ist falsch, weil zwar die 918 männlichen Zigeuner, aber keine Zigeunerinnen in jenes Lager geschickt worden sind. Die einzige von D. Czech in diesem Zusammenhang zitierte dokumentarische Quelle ist ein Brief des SS-Standortarztes der Waffen-SS Weimar vom 5. August 1944 zum Thema »Zigeunertransport v. 3.8. 44 von K.L. Auschwitz«, in dem die Rede von 918 Zigeunern ist; von diesen gehörten 105 den Geburtsjahrgängen von 1930 bis 1935 an (waren also 9 bis 14 Jahre alt), und zwei waren über 65.[11] Nebenbei gesagt versteht man nicht so richtig, wie diese Kinder und alten Menschen den "Gaskammern" hatten entrinnen können...

Auch das »Verzeichnis der Neuzugänge ab 1. Juli 1944« des KL Buchenwald erwähnt für den 3. August einen einzigen Transport, den von 918 »Zigeunern vom K.L. Auschwitz«.[12] Schließlich bestätigt der Bericht des Niederländischen Roten Kreuzes das Eintreffen eines einzigen Zigeunertransports in Buchenwald am 3. August 1944. Diesen Zigeunern wurden die Häftlingsnummern 74084-74998 zugewiesen, was 915 Personen entspricht und einen weiteren Beleg dafür liefert, daß diese Häftlinge aus dem Birkenauer Zigeunerlager stammten und die Zigeunerinnen nicht nach Buchenwald, sondern nach Ravensbrück gesandt wurden.[13] Da in Buchenwald nur dieser eine Transport mit 918 Zigeunern ankam, ist es klar, daß ein weiterer Transport mit zusätzlichen 490 Zigeuner in ein anderes Lager abgegangen sein muß.

Bestehen bleibt freilich die Tatsache, daß die Zigeunerlagerstärke vom 30. Juli bis zum 1. August von 1.518 auf 2.815 hochgeschnellt war. Nachdem wir festgestellt haben, daß es sich bei den neu eingetroffenen Häftlingen nicht um Zigeuner handeln konnte, gilt es zu klären, wer sie waren.

Die Dokumente ermöglichen es uns, diese Frage unzweideutig zu beantworten.

Am 30. Juli 1944 gelangte in Birkenau ein Transport mit 1.298 Juden aus Radom an, die in den Lagerbestand aufgenommen wurden und die Häftlingsnummern A-18647-A-19944 zugeteilt erhielten.[14] Doch im Bericht zum Thema »Arbeitseinsatz« vom 1. August fehlt jeder Hinweis auf sie, sowohl unter der Rubrik »Zugang« (die hier überhaupt nicht erscheint) als auch unter der Rubrik »Zugangsquarantäne«, unter welcher lediglich 968 Häftlinge im Lager BIIa registriert sind. (Letztere bilden einen Teil der 1.318 Häftlinge, die im Bericht vom 30. Juli erscheinen.) Die 1.298 jüdischen Neuankömmlinge werden auch im Bericht vom 2. August nicht erwähnt, in dem von 965 Häftlingen die Rede ist, welche sich im Lager BIIa in »Zugangsquarantäne« befanden (gegenüber dem Vortag waren unter der Rubrik »Zugang« zwei »Neugeborene« registriert worden).

Im Bericht vom 3. August taucht zum ersten Mal überhaupt auch das Lager BIIe auf, in dem unter der Rubrik »Zugangsquarantäne Häftl.« 1.415 Häftlinge sowie weitere 547 unter der Rubrik »Zugang« figurieren. Diese Rubrik umfaßt außerdem noch 16 Häftlinge im Lager BIa sowie 1.797 Häftlinge im Lager BIIa.

Die vom Häftling Otto Wolken erstellte Quarantäne-Liste erlaubt es uns, die Zusammensetzung der in die »Zugangsquarantäne« des Lagers BIIa aufgenommenen Häftlinge zu rekonstruieren.

Die 1.797 am 3. August registrierten Häftlinge setzten sich wie folgt zusammen:

Die in der Kategorie »Zugang« verzeichneten 547 Häftlinge im Lager BIIe waren Juden aus Radom, die am 2. August mit den Nummern B-2903-B-3449 in den Lagerbestand aufgenommen worden waren.[16] Somit erhärtet die »Quarantäne-Liste«, daß die erwähnten 1.298 Juden nicht ins Quarantänelager BIIa eingewiesen worden sind. Wenn sie nun mit Gewißheit in Birkenau registriert, jedoch weder unter der Rubrik »Zugang« noch unter der Rubrik »Zugangsquarantäne« geführt wurden, was ist dann mit ihnen geschehen?

Die Schlußfolgerung ist unvermeidlich: Sie wurden im Lager BIIe untergebracht, dessen Stärke dementsprechend auf (1.518 + 1.298 =) 2.816 anwuchs. Die Differenz von einer Person erklärt sich dadurch, daß die Zahl der Zigeuner für den 31. Juli unbekannt ist, aber zweifellos von 1.518 auf 1.517 sank.

Demnach waren von den am 1. August 1944 im Zigeunerlager befindlichen 2.815 Häftlingen 1.517 Zigeuner und 1.298 Juden aus Radom.

Am 2. August betrug die Stärke des Lagers BIIe 2.885 Personen. In den anderen Lagern gab es insgesamt 13 Zigeuner: einen in BIIa, fünf in BIId und sieben in BIIf. Am 3. August hielt sich nur noch ein einziger Zigeuner im Lager BIIf auf.

Ebenfalls am 3. August verschwindet die Rubrik »Zigeunerlagerstärke« aus der Serie von Berichten zum Thema »Arbeitseinsatz«, und erstmals erscheint dort das Lager BIIe, in dem unter der Rubrik »Zugang« jene 547 Häftlinge verzeichnet sind, von denen wir bereits festgestellt haben, wer sie waren; ferner figurieren dort unter »Zugangsquarantäne« 1.415 Häftlinge, die weder von außerhalb des Lagers noch aus dem Quarantänelager BIIa gekommen sind. Es ist somit eindeutig, daß sich diese bereits im Lager BIIe befanden und zu den 2.885 zuvor erwähnten Häftlingen gehörten. Am 3. August wird ferner von 1.408 Zigeunern vermeldet, daß sie sich in »Überstellung« befänden: auch sie gehörten zu diesen Häftlingen. Schließlich werden unter der Rubrik »Beschäftigte« zusätzliche 72 Häftlinge im Lager BIIe geführt.

Wenn wir diese Ziffern addieren, stellen wir fest, daß am 3. August im Lager BIIe formell (1.415 + 1.408 + 72 =) 2.895 Häftlinge vorhanden waren, von denen 1.408 (die Überstellten) freilich nur auf dem Papier standen.[17] Am 2. August waren es noch 2.885 gewesen, doch zwölf der dreizehn Zigeuner, die sich in den anderen Lagern befanden, wurden wieder ins Lager BIIe aufgenommen, so daß die Lagerstärke am 3. August eigentlich 2.897 Häftlinge hätte betragen müssen. Vermutlich sind zwei Insassen des Lagers BIIe überstellt worden oder gestorben, denn am 3. August gab es dort 2.895 Häftlinge.

Als Fazit läßt sich festhalten, daß die Geschichte von der Vergasung des Zigeunerlagers jeglicher historischer Grundlage entbehrt.


Anmerkungen

[1]D. Czech, Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau 1939-1945. Rowohlt Verlag, Reinbek 1989, S. 837f.
[2]Ebenda, S. 833.
[3]Ebenda, S. 837.
[4]Ebenda, S. 838.
[5]APMO (Archiwum Państwowego Muzeum w Oświęcimiu), Sygn. AuII-3a/17, S. 33a, Arbeitseinsatz für 30. Juli 1944.
[6]APMO, sygn. AuII-3a/17, S. 35, Arbeitseinsatz für 1. August 1944.
[7]APMO, sygn. AuII-3a/17, S. 37, Arbeitseinsatz für 2. August 1944.
[8]AMPO, sygn. AuII-3a/17, S. 39, Arbeitseinsatz für 3. August 1944.
[9]G. Reitlinger, Die Endlösung. Hitlers Versuch der Ausrottung der Juden Europas 1939-1945. Colloquium Verlag, Berlin 1992, S. 510.
[10]Het Neederlandsche Roode Kruis, Auschwitz, Deel VI, s-Gravenhage, Maart 1952, S. 107.
[11]Dieses Dokument wurde von D. Czech in der ersten deutschen Ausgabe des Kalendariums veröffentlicht (Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau, in: Hefte von Auschwitz, Verlag Staatliches Auschwitz-Museum, Heft 8, 1964, S. 113).
[12]NO-1300.
[13]Het Neederlandsche Roode Kruis, Auschwitz, Deel VI, S. 39-40.
[14]APMO, Ruch oporu, T. XXc. Sygn. D-RO/123, Liste der Judentransporte, S. 18.
[15]Die Quarantäne-Liste erwähnt 53 Häftlinge (Nummern 190656-190706), doch ein - aus Majdanek eingetroffener - Häftling erhielt die Nummer 190707.
[16]APMO, sygn. D-AuII-3/4, Quarantäne-Liste, S. 6.
[17]Die in andere Lager überstellten Häftlinge wurden offiziell weiterhin als Bestandteil der Lagerstärke geführt, bis das Lager, in das sie gesandt worden waren, ihre Ankunft vermeldete.

Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 7(1) (2003), S.28f .


Zurück zum Inhaltsverzeichnis