Bücherschau

Die Ungewißheit des Lebens und der Wissenschaft

Von Daniel A. Michaels

Copenhagen von Michael Frayn. Anchor, New York 2000. 132 Seiten, $12,-

Peter Frayns Drama Copenhagen, das in den USA kürzlich auf die Bühne kam, spekuliert darüber, was bei einem Treffen zwischen den Nobelpreisträgern Niels Bohr und Werner Heisenberg in der dänischen Hauptstadt vorgegangen sein mag. Damals, zu einem Zeitpunkt, wo die deutschen Heere in Rußland scheinbar unaufhaltsam vorrückten und der Kriegseintritt der USA noch bevorstand (er sollte drei Monate später erfolgen), befand sich das Dritte Reich auf dem Höhepunkt seiner Macht, doch die Deutschen hatten soeben von schwedischen Gewährsleuten erfahren, daß die USA den Bau einer Atombombe planten.

Die Begegnung war auf Heisenbergs Wunsch erfolgt. Als führender deutscher Kernphysiker und Vorsitzender des deutschen Uranium-Clubs - jener Organisation, welche die potentielle Nutzung der Atomenergie zu kriegerischen Zwecken erforschte - war er mehr als jeder andere dazu berufen, seine Regierung bezüglich der Herstellung einer Atombombe zu beraten. Der ältere Bohr war nicht nur Heisenbergs Berufskollege, sondern auch sein enger persönlicher Freund. Im Drama wird über die möglichen Gründe von Heisenbergs Besuch spekuliert, und es wird die Hypothese aufgestellt, Deutschlands Scheitern beim Bau einer Atombombe könne die Folge dieses Treffens gewesen sein.

Es treten nur drei Schauspieler auf: Heisenberg, Bohr sowie dessen Frau Margarethe. Das Bühnenbild erinnert an ein Physikseminar an einer Universität, wobei rund zwei Dutzend Mitglieder des Publikums in einem Halbkreis um die kreisförmige Bühne versammelt sind, als nähmen sie an einem Seminar teil oder walteten bei einem Prozeß als Richter. Die beiden Protagonisten, Heisenberg und Bohr, kreisen auf der Bühne herum wie Elektronen um den Kern. Die Rolle dieses Kerns kommt Margarethe zu, welche die Handlungen und Worte ihres Gatten sowie Heisenbergs kommentiert. Letzterem begegnet sie mit unverhohlener Ablehnung.

Die Handlung des Stücks umfaßt das erste Treffen der beiden Physiker in Kopenhagen im Jahre 1941, eine weitere Begegnung im Jahre 1947 sowie schließlich ein imaginäres Treffen nach dem Tod aller drei Akteure. In sämtlichen drei Szenen amtet Margarethe Bohr als Gesprächspartnerin und Kommentatorin. Selbst nach ihrem Tode sind die drei nicht in der Lage, mit Sicherheit zu rekonstruieren, was sie 1941 in Kopenhagen gesagt haben (das Unsicherheitsproblem im menschlichen Leben!), was sie damit meinten, und was ihre Aussagen praktisch bedeuteten. Verstand Bohr, was ihm Heisenberg mitteilen wollte? Hat Bohr den Westalliierten - absichtlich oder unabsichtlich - falsche Informationen über Deutschlands Kriegspläne geliefert? Wie Frayn festhält (Copenhagen, S. 96), spielt der Dialog in Heisenbergs eigenen Memoiren eine wichtige Rolle, weil er »demonstrieren wollte, daß die Wissenschaft in Gesprächen wurzelt«. Im Drama sagt Margarethe von ihrem Mann und Heisenberg:

»Das erste, was sie unternahmen, war ein gemeinsamer Spaziergang... [...] Sie spazierten und sprachen. Lange bevor die Wände Ohren hatten.«

Hat Heisenberg um eine Begegnung mit Bohr ersucht, um die Berichte über amerikanische Bemühungen zum Bau der Bombe zu bestätigen? Wollte er Bohr dazu bringen, sich der Mitarbeit am amerikanischen Projekt zu verweigern? Teilte er Bohr mit, Deutschland werde lediglich einen Reaktor - eine Maschine - bauen und keine Kernwaffen? Oder versuchte er, Bohr über Deutschlands wahre Absichten irrezuführen?

Michael Frayn hat den historischen Hintergrund seines Stückes auf zwei bedeutsame Bücher gestützt, die beide ein günstigeres Urteil über Heisenberg fällen als die Anhänger der Alliierten in den ersten Nachkriegsjahrzehnten: Thomas Powers Heisenberg's War sowie Robert Jungcks Brighter than a Thousand Suns.[1] Vor dem Erscheinen dieser beiden Bücher sowie David Irvings The German Atomic Bomb[2] wurde Heisenberg von vielen der am amerikanischen Manhattan Project beteiligten Physiker mit unverdienter Feindseligkeit und Verachtung behandelt, obgleich manche von ihnen seine Studenten oder Freunde gewesen waren. Frayn läßt Heisenberg dazu folgendes sagen:

»Als ich 1949 nach Amerika fuhr, wollten viele Physiker mir noch nicht einmal die Hand reichen. Hände, welche die Bombe tatsächlich gebaut hatten, mochten die meinen nicht schütteln.«

Weil Copenhagen Heisenberg in günstigem Licht erscheinen läßt, hat das Stück den Ingrimm von Herrn Paul Lawrence Rose erweckt. Dieser ist Professor für Jüdische Studien und Europäische Geschichte sowie des Leiter des Zentrum für Antisemitismusforschung an der Pennsylvania State University.[3] Rose meint, das Drama sei eine Verzerrung der Geschichte der Wissenschaft, ein Persilschein für Heisenberg sowie (selbstverständlich) antisemitisch. (Frayn sagt, die wahren Erfinder der Bombe, Otto Frisch und Rudolf Peierls, seien Juden gewesen.)

Auch hilft Heisenberg im Stück zahlreichen dänischen Juden, darunter Bohr und seiner Gemahlin, 1943 per Schiff nach Schweden zu entkommen. Außerdem hält Frayn zu Roses Empörung fest, Churchill und Roosevelt seien unmoralische Machtmenschen gewesen, genau wie Hitler. Jahrelang haben die Alliierten steif und fest behauptet, Deutschland habe den Bau einer Atombombe geplant, sei jedoch gescheitert, weil die deutschen Wissenschaftler die Technik der Bombenherstellung nicht begriffen, falsche Berechnungen angestellt und falsches Material verwendet hätten, untereinander zerstritten gewesen seien usw. Einige amerikanische Physiker haben deutschen Physikern, namentlich Heisenberg, vorgeworfen, sie hätten fälschlicherweise moralische Skrupel vorgetäuscht, welche sie angeblich von der Herstellung einer dermaßen teuflischen Waffe abgehalten hätten.

Michael Frayn

Samuel Goudsmit, ein Spitzenphysiker und zeitweiliger persönlicher Freund Heisenbergs, war zum Chef einer US-Kriegsmission ernannt worden, welche die Tarnbezeichnung "Alsos" trug und mit der Sammlung und Auswertung wissenschaftlicher Informationen über das deutsche Uraniumprojekt beauftragt war. "Alsos" tat die moralischen Bedenken der deutschen Physiker verächtlich als Heuchelei ab und kam zum Ergebnis, Heisenberg und seine Kollegen hätten die schnelle Neutronenreaktion der U-235-Bombe niemals begriffen; unter dem NS-Regime sei keine dermaßen fortgeschrittene Forschung je im Bereich des Möglichen gelegen.

Heisenberg äußerte sich ablehnend zum "Alsos"-Bericht, lobte hingegen Irvings Studie der Deutschen Kriegsanstrengungen:

»Ich mochte Goudsmits Buch "Alsos" nicht. Es war kein gutes Buch. Ich hatte den Eindruck, er habe es aus Propagandagründen geschrieben. Ich kann nur sagen, daß Irving die Dokumente wirklich weit besser studiert hat als Goudsmit. Bei Irving werden die Fakten weitgehend korrekt dargestellt. Er hat sehr sorgfältig recherchiert.«

Rose wendet sich erbost gegen Frayns moralische Gleichstellung der Positionen Heisenbergs und Bohrs. Ihm zufolge war Heisenberg ein brillanter, doch schwacher Mann, dessen moralische Seichtheit sowie deutschnationale Gefühle ihn zur leichten Beute für den Nationalsozialismus gemacht hätten. Interessanterweise geißelt Rose Copenhagen ausdrücklich wegen seines »Revisionismus«:[4]

»Dank des schicken Postmodernismus des Stücks sowie der Komplexität seiner Idee wurde dem subtilen Revisionismus von "Copenhagen" ein Respekt entgegengebracht, der dem gröberen Revisionismus vom Stile der Holocaust-Leugnung des David Irving vorenthalten wurde. Es ist aber dennoch Revisionismus, und "Copenhagen" ist zerstörerischer als Irvings offensichtlich lächerliche Behauptungen - zerstörerischer für die Integrität der Kunst, der Wissenschaft sowie der Geschichte.«

Erst 1976, in Heisenbergs Todesjahr, hat Samuel Goudsmit seine früheren abfälligen Äußerungen über die wissenschaftlichen Fähigkeiten sowie die moralischen Bedenken seines einstigen Freundes zurückgenommen. Der ehemalige "Alsos"-Chef schrieb:

»Heisenberg war ein sehr großer Physiker, ein profunder Denker, ein liebenswerter Mensch, aber auch ein mutiger. Er war einer der bedeutendsten Physiker der Gegenwart, litt jedoch schwer unter den unqualifizierten Angriffen fanatischer Kollegen. Meiner Ansicht nach muß er in gewisser Hinsicht als Opfer des Naziregimes eingestuft werden.« (Copenhagen, S. 110.)

In Copenhagen verleiht Heisenberg immer wieder seinem Zweifel darüber Ausdruck, ob Wissenschaftler dem Staat bei der Entwicklung von Vernichtungswaffen behilflich sein dürfen. Als Mensch und loyaler Deutscher sah sich Heisenberg einem moralischen Dilemma gegenüber. Verweigerte er Deutschland seine Unterstützung bei der Herstellung der Bombe, so konnte sich dies für sein Land existenzbedrohend auswirken; schließlich wußte er, daß der Feind an der Bombe baute. Allerdings weisen zahlreiche historische Fakten darauf hin, daß Heisenberg die deutsche Kriegsleitung vom Bau der Atombombe abzuhalten versuchte, indem er falsche und übertriebene Angaben über das dazu benötigte Material sowie den erforderlichen Zeitaufwand machte.

Die New York Times besprach Copenhagen kurz vor seiner Aufführung am Broadway und legte dabei den Schwerpunkt nicht etwa auf moralische, sondern auf bühnentechnische Fragen sowie den wissenschaftlichen Gehalt des Stücks. Die Rezension hob insbesondere die »Eleganz und Klarheit« hervor, mit welcher der Regisseur Michael Blakemore die Komplexität des Heisenbergschen Unsicherheitsprinzips (je genauer man eine Variable mißt, desto ungenauer kann die Messung der entsprechenden anderen Variabel ausfallen), die Komplementarität (d.h. Einfühlung in zwei unvereinbare Standpunkte), Bohrs Quantenmechanik sowie andere physikalische Erkenntnisse darstellt. Besondere Aufmerksamkeit schenkt der Rezensent der Art und Weise, auf die sich diese physikalischen Erkenntnisse im menschlichen Verhalten widerspiegeln:

Beispielsweise bleiben die Gründe für Heisenbergs Einstellung gegenüber deutschen Versuchen zur Herstellung der Bombe ungewiß.[5] In Copenhagen beschreibt Bohr sein komplementäres Prinzip wie folgt:

»Partikeln sind Dinge, die in sich selbst vollständig sind. Wellen sind Störungen in etwas anderem. Wir müssen uns für eine der beiden Betrachtungsweisen entscheiden, doch wenn wir dies tun, ist es uns unmöglich, alles darüber zu wissen.«

Zur Illustrierung des komplementären Prinzips im Leben sagt Heisenberg anläßlich einer hitzigen Diskussion zwischen den beiden Hauptfiguren:

»Sie dachten, ich hätte versucht, Deutschland mit Kernwaffen auszurüsten. Wir befanden uns im Krieg. Sie hatten absolut das Recht, mich zu töten. Natürlich sind Sie nicht auf diesen Gedanken verfallen, denn ich bin zwar Ihr Feind, aber auch Ihr Freund. Ich bin ein Feind der Menschheit, aber auch Ihr Gast. Ich bin eine Partikel, aber auch eine Welle.«

Es gilt darauf hinzuweisen, daß Heidenberg zwar deutscher Patriot war, jedoch der NSDAP niemals beigetreten ist und stets ein gutes Verhältnis zu seinen jüdischen Kollegen pflegte. »Ich bin kein Nazi, sondern ein Deutscher«, pflegte er häufig zu sagen. Wegen seiner vorurteilsfreien Einstellung zur theoretischen Physik wurde er von einigen Parteimitgliedern als "weißer Jude" geschmäht, der Einsteins Relativitätstheorie ernstgenommen habe. Im Drama schildert Heisenberg seine Bindung an Deutschland mit folgenden Worten:

»Deutschland ist das Land, in dem ich geboren bin. Deutschland ist das Land, wo ich zu dem wurde, was ich bin. Deutschland verkörpert alle Gesichter meiner Kindheit, alle Hände, die mich je aufgerichtet haben, wenn ich hingefallen war, alle Stimmen, die mich ermuntert und mich auf meinen Lebensweg geführt haben, alle Herzen, die zu meinem Herzen sprechen. Deutschland ist meine verwitwete Mutter und mein unmöglicher Bruder. Deutschland ist meine Frau. Deutschland sind unsere Kinder.«

Die ungeheure Tragweite seiner Entscheidung, der deutschen Regierung den Bau der Atombombe oder den Verzicht darauf zu empfehlen, stürzt Heisenberg in schwerste Gewissenskonflikte. Einerseits empfindet er angesichts der Vorstellung, zur Herstellung dieser Waffe beizutragen, Widerwillen und Gewissensbisse, anderseits sorgt er sich um die Folgen für seine Heimat und seine Familie im Falle eines Verzichts. In Frayns Dialog erinnert sich Heisenberg an die Konsequenzen der deutschen Niederlage im Jahre 1918, einschließlich des kommunistischen Aufstands sowie der alliierten Hungerblockade:

Niels Bohr und Werner Heisenberg in Kopenhagen 1941

»Ich muß wissen, was ich für sie entscheide! Für eine erneute Niederlage? Für einen erneuten Alptraum wie den, mit dem ich aufgewachsen bin? Bohr, meine Kindheit in München endete in Anarchie und Bürgerkrieg. Werden wiederum Kinder hungern, so wie damals wir? [Ein Hinweis auf die von den Briten nach dem Krieg verhängte Blockade.] Werden sie die Winternächte so verbringen müssen wie ich als Schuljunge, als ich auf Händen und Knien durch feindliche Linien kroch und im Schutz der Dunkelheit aufs verschneite Land schlich, um etwas Eßbares für meine Familie aufzutreiben? Und vielleicht entscheide ich mich für etwas, was noch schlimmer als eine Niederlage ist. Am Abend des Bombenabwurfs auf Hiroshima sagte Oppenheimer, er bedaure einzig und allein, daß er die Bombe nicht rechtzeitig für den Einsatz gegen Deutschland fertiggestellt hatte.«

Als ihn Bohr unterbricht und darauf hinweist, daß auch Oppenheimer nachträglich Gewissensbisse empfand, erwidert Heisenberg nicht ohne Schärfe:

»Nachträglich, ja. Wir haben wenigstens schon vorher ein wenig Gewissensbisse empfunden. Hat sich auch nur einer von euch eine Sekunde lang Gedanken darüber gemacht, was ihr da tatet? Fermi vielleicht, oder Teller, oder Szilard? Oder Einstein, als er 1939 einen Brief an Roosevelt schrieb und ihm die Finanzierung der Forschungsarbeiten zur Herstellung der Bombe ans Herz legte? Oder Sie, als Sie zwei Jahre später aus Kopenhagen flüchteten und sich nach Los Alamos verzogen?«

Bohr antwortet, immerhin hätten er und die Los-Alamos-Gruppe die Bombe nicht für einen Hitler hergestellt. Heisenberg pariert:

»Sie haben sie auch nicht auf Hitler abgeworfen. Sie haben sie auf das erstbeste Opfer abgeworfen, auf Greise und Frauen in den Straßen, auf Mütter und ihre Kinder. Und hätten Sie sie rechtzeitig fertiggebaut, so hätten Sie sie auf meine Landsleute abgeworfen. Auf meine Frau. Auf meine Kinder. Das war doch der Plan, nicht wahr?«

»Ja, das war der Plan«, räumt Bohr ein. Man hat viel Aufhebens um die Aussagen einer Anzahl führender deutscher Physiker gemacht, die nach dem Krieg sechs Monate lang in Großbritannien interniert wurden. (Die Protokolle dieser Aussagen sind unter dem Namen »Farm Hall Transcripts« in die Geschichte eingegangen.) Während ihres unfreiwilligen Aufenthalts in England erfuhren diese Wissenschaftler, daß die Atombombe gegen Japan zum Einsatz gelangt war. Da sie zweifellos damit rechneten, daß ihre Worte auf Tonband aufgenommen wurden, haben die deutschen Physiker sicherlich vor den Mikrophonen anders gesprochen als während ihrer täglichen gemeinsamen Spaziergänge, als sie sich unbeaufsichtigt äußern konnten. Jeremy Bernstein hat eine faire und objektive Analyse der Transkripte vorgenommen, wobei er sich hauptsächlich auf den wissenschaftlichen Aspekt konzentrierte. Er glaubt nicht, daß Heisenberg je die zur Feststellung der kritischen Masse bei einer Atombombe notwendigen Berechnungen angestellt hat, obgleich der Nobelpreisträger natürlich wußte, daß eine solche Bombe schnelle Neutronen (U-235) und keine langsamen Neutronen (U-238) benötigen würde. Über den Menschen Heisenberg schreibt Bernstein:[6]

»Er besaß den ersten wahrhaftig quantenmechanischen Geist - die Fähigkeit, den Schritt von den klassischen, vorstellbaren Bildern zur abstrakten, fast unmöglich vorstellbaren Welt des Subatomaren zu vollziehen.«

Der Hauptgrund für Heisenbergs Besuch in Kopenhagen im Jahre 1941 bestand offenbar in der Hoffnung, Bohr im Westen und er in Deutschland könnten die jeweiligen Regierungen von der Herstellung der Atombombe abbringen. Seine Argumentation in Deutschland lief daraus hinaus, daß der Bau von Kernwaffen im Krieg die Fähigkeiten des Landes übersteige. Außerdem machte er gegenüber dem deutschen Kriegsministerium die unrichtige Angabe, es brauche dazu mehr als eine Tonne spaltbaren Materials.

Anstelle der Atombombe entschied sich Heisenberg für die Herstellung einer "Uranmaschine", d.h. eines Nuklearreaktors. Er fertigte für Bohr eine einfache Skizze dieses Reaktors an, doch damals verstand der Däne den Unterschied zwischen einem Reaktor und einer Bombe offenbar noch nicht. Bohr nahm an, Heisenbergs Zeichnung stelle eine Bombe dar, und äußerte seine Meinung dazu.

In Copenhagen teilt Heisenberg Bohr unmißverständlich mit, daß er nicht an einer Bombe, sondern an einem Reaktor arbeitet.

»Eine Maschine zur Energieerzeugung! Zur Erzeugung von Elektrizität, zum Antrieb von Schiffen!«

Der dramatischste Augenblick des Dramas ereignet sich, als Heisenberg auf Bohrs Aufforderung die entscheidende Berechnung für die kritische Masse U-235 vornimmt, die Deutschland den Schlüssel zur Entwicklung der Atombombe geliefert hätte:

Bohr: »Warum sind Sie sicher, daß es dermaßen schwierig sein wird, mit 235 eine Bombe zu bauen? Weil Sie die Berechnung selbst angestellt haben?«

Heisenberg: »Die Berechnung?«

Bohr: »Die Berechnung der Diffusion in 235. Nein, sie meinen, es sei schwierig, weil Sie sie nicht berechnet haben. Sie sind noch nicht einmal auf den Gedanken verfallen, sie zu berechnen. Sie waren sich gar nicht bewußt, daß es da etwas zu berechnen gibt.«

Heisenberg: »Natürlich habe ich es nun begriffen. Es wäre gar nicht einmal so schwierig. Rechnen wir mal nach... Der Streuquerschnitt ist ungefähr 6 * 10-24, somit wäre die mittlere freie Weglänge... Warten Sie, gleich haben wir's...«

Zu diesem Zeitpunkt ertönt eine Explosion; ein weißes Licht blitzt auf, und donnernder Lärm erfüllt die Bühne: die Atombombe ist detoniert.

Hat Frayn die Helden seines Dramas richtig gezeichnet? Heisenbergs Sohn, Jochen Heisenberg, gegenwärtig Physikprofessor an der Universität von New Hampshire, hat Frayns Darstellung seines Vaters kritisiert:

»In einem Theaterstück kann man nicht versuchen, Menschen von Fleisch und Blut auf die Bühne zu stellen. Es gibt viele Unterschiede zwischen dem Heisenberg dieses Stücks und dem wirklichen Mann. Er war ein rationaler Mensch und äußerlich keinesfalls emotional. Seine Emotionen brachen durch, wenn er Musik spielte. Der letzte Teil, bei dem er in einem langen Monolog die Zerstörung seines Landes beklagt - mein Vater hätte nie so etwas getan.«

Andererseits hat Bohrs Enkel Wilhelm Bohr, heute Forscher bei den U.S. National Institutes of Health, das Stück als »wundervolles Drama« bezeichnet, das »sehr aufregend« sei, und bestätigt, daß »der Charakter meines Großvaters zeitweise zum Durchbruch kommt. In mancher Hinsicht stellt das Theaterstück die Persönlichkeit meines Großvaters realistisch dar.«[7]

Soweit wir wissen, hat sich keiner der Verwandten Margarethe Bohrs zu ihrer Porträtierung in Frayns Stück geäußert, doch dem Rezensenten erscheint sie als zänkische Frau, die kein Hehl aus ihrer Abneigung gegen Heisenberg macht.

Die zentrale Frage, ob Heisenberg absichtlich auf die Berechnung der zur Aufrechterhaltung einer Kettenreaktion erforderlichen Menge U-235 verzichtet hat, ob er seine Schätzungen absichtlich verfälschte, um die deutsche Kriegsleitung zu täuschen, oder ob er schlicht und einfach nicht in der Lage war, die Berechnung vorzunehmen, bleibt in Copenhagen unbeantwortet.

Auf Bohrs direkte Frage, weswegen er die Berechnung nicht durchgeführt habe, antwortet Heisenberg bei Frayn simpel, aber überzeugend:

H: »Warum haben Sie es nicht berechnet?«

B: »Warum ich es nicht berechnet habe?«

H: »Sagen Sie uns, warum Sie es nicht berechnet haben, und wir werden wissen, warum ich es nicht berechnet habe.«

B: »Der Grund dafür liegt auf der Hand.«

H: »Reden Sie weiter.«

M: »Weil er nicht versucht hat, eine Bombe zu bauen.«

H: »Ja, so ist es, ich danke Ihnen. Weil er nicht versucht hat, eine Bombe zu bauen. Ich nehme an, bei mir war es das gleiche. Weil ich nicht versucht habe, eine Bombe zu bauen. Danke.«

In mehreren Nachkriegsinterviews hat Heisenberg ausdrücklich behauptet, er und einige seiner Kollegen hätten die kritische Masse recht genau ausgerechnet, jedoch davon Abstand genommen, die deutsche Regierung zu informieren. 1967 sagte er:[8]

Niels Bohr

Werner Heisenberg

»Die deutschen Physiker wußten aus ihren Berechnungen, wieviele Kilogramm zum Bau einer Atombombe benötigt wurden; wie sich nach dem Krieg herausstellte, entsprachen die Zahlen den von den Amerikanern ermittelten.«

Und 1970 hielt er in einem Brief an Ruth Nanda Anshen, die Herausgeberin seiner Erinnerungen, fest:

»Dr. Hahn, Dr. von Laue und ich haben die mathematischen Kalkulationen verfälscht, um die Entwicklung einer Atombombe durch die deutschen Wissenschaftler zu verhindern.«

Um die Ungewißheit zu unterstreichen, die Heisenbergs Entscheidungen während des Krieges kennzeichnete, läßt Frayn den deutschen Physiker sarkastisch sagen:

»Jedermann versteht die Ungewißheit oder meint, sie zu verstehen. Doch niemand versteht meine Reise nach Kopenhagen.«

In der Tat war es Bohr, der in gewissem Umfang zum Bau der auf Hiroshima und Nagasaki abgeworfenen Bomben beigetragen hat, während Heisenbergs Tätigkeit während des Krieges kein einziges Menschenleben gekostet hat.

Nach Ansicht des Rezensenten können manche der Ungewißheiten über Heisenbergs Rolle beim deutschen Kernforschungsprogramm der Kriegszeit geklärt werden, wenn man sich die Situation während des Krieges vor Augen hält und die dogmatische Voreingenommenheit hinterfragt, mit der manche amerikanischen Physiker Heisenbergs Integrität und Kompetenz bestritten haben.

US-Wissenschaftler, allen voran Einstein im Jahre 1939, waren die ersten, die am Bau einer Atombombe arbeiteten und dies mit der Annahme rechtfertigten, Deutschland entwickle seinerseits eine solche Bombe oder werde dies künftig tun. Da es keinen greifbaren Beweis für einen solchen Versuch, ja nicht einmal irgendwelche deutschen Dokumente gibt, die auf einschlägige Absichten hindeuten, muß man Heisenberg offenbar Glauben schenken.

Werner Heisenbergs Leben war durch Spitzenleistungen auf mehreren Gebieten geprägt: auf dem der klassischen Philologie, der Musik (er war ein ausgezeichneter Klavierspieler) sowie natürlich der theoretischen Physik. Vor dem Krieg galt er unter seinen Kollegen allgemein als der begabteste Mathematiker auf seinem Feld. Seine persönliche Integrität ist lediglich aus politischer Feindschaft wegen seiner angeblich negativen Rolle im Krieg angezweifelt worden.

Indem Prof. Rose gegen den subtilen Revisionismus von Copenhagen zu Feld zieht, spricht er für viele Kritiker Heisenbergs (und Deutschlands). Ihre Beweggründe sind nur allzu durchsichtig: Sie wollen die Humanität dieses Physikers (und Deutschlands) nicht anerkennen und gleichzeitig die Inhumanität der alliierten Führer und Wissenschaftler unter den Teppich kehren.

Jahre nach seinen Begegnungen mit Bohr meinte Heisenberg allzu nachsichtig:[9]

»Nach einem großen Krieg wird die Geschichte von den Siegern geschrieben, und es bilden sich Legenden, welche diese verherrlichen.«

Durch die Entlarvung einer der zählebigsten Legenden, die zur Glorifizierung der Sieger und zur Verteufelung der Besiegten geschmiedet wurden, verleiht Copenhagen dem revisionistischen Streben nach einer fairen und sachlichen Darstellung des Zweiten Weltkriegs durch ein Drama nicht unbeachtlichen Auftrieb.


Anmerkungen

Daniel A. Michaels hat die Columbia University abgeschlossen (Phi Beta Kappa, 1954) und war als Fulbright-Austauschstudent in Deutschland. Nach vierzigjähriger Tätigkeit für das US-Kriegsministerium lebt er nun in Washington, D.C., im Ruhestand, wo er sich dem Schreiben widmet. Zuerst veröffentlicht in The Journal of Historical Review, 21(2) (2002), S. 35-39; Übersetzt von Jürgen Graf.

[1]Thomas Powers, Heisenberg's War: The Secret History of the German Bomb, Alfred A. Knopf, New York 1993, S. 610ff. - Robert Jungk, Brighter Than a Thousand Suns: A Personal History of the Atomic Scientists, Harcourt Brace, New York 1958, S. 369ff.
[2]David Irving, The German Atomic Bomb: The History of Nuclear Research in Germany, Simon & Schuster, New York 1967, S. 329 ff.
[3]Paul Lawrence Rose, Heisenberg and the Nazi Atomic Bomb Project: A Study in German Culture, University of California Press, Berkeley 1998, S. 352 ff.
[4]Paul Lawrence Rose, "Frayn's 'Copenhagen' Plays Well, at History's Expense", in: The Chronicle of Higher Education, 5. Mai 2000, S. B4-B6.
[5]New York Times, 9. April 2000, "From Physics to Metaphysics and the Bomb".
[6]Jeremy Bernstein, »The Farm Hall Transcripts: The German Scientists and the Bomb«, in: New York Review of Books 13, Nr. 14 (13.8.1992), S. 47-53.
[7]Ann Geracimos, »Copenhagen' Descendants Differ Too«, The Washington Times, 4.3.2002, S. B6.
[8]Zitiert nach Rose, Heisenberg, S. 58, 59.
[9]Ebenda, S. 55.

Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 7(1) (2003), S.101-106 .


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