Was geschah mit den Juden in Polen?

Von Carl O. Nordling

Es gehört zur Allgemeinbildung davon auszugehen, daß das nationalsozialistische Regime etwa 6 Millionen Juden ausgerottet hat, davon etwa 3 Millionen polnische Juden. Der Holocaust impliziert angeblich, daß nur ein Teil der deutschen und der französischen Juden und weniger als die Hälfte der ungarischen Juden vernichtet wurde. Im Gegensatz dazu glaubt man, daß die polnischen Juden fast vollständig ausgelöscht wurden. Wenn sich diese Annahme bestätigt, würde das Schicksal der polnischen Juden tatsächlich einen echten Holocaust darstellen. Dies wäre auch dann der Fall, wenn sich zeigen sollte, daß die Juden aus anderen europäischen Ländern durchaus nicht systematisch ermordet, sondern nur verfolgt und an Orte deportiert wurden, wo viele von ihnen starben. Was mit den Juden aus Polen geschah, ist daher entscheidend, wenn wir das Ausmaß des Holocaust einschätzen wollen. Es lohnt sich bestimmt, dieses Problem genauer zu behandeln. Beginnen wir mit einem Durchgang der "autorisierten" Version.

Raul Hilberg stellt in der Ausgabe von 1961 seines Buches The Destruction of the European Jews fest, daß nach dem Krieg 50.000 oder 1,5 Prozent der anfangs vorhandenen Juden Polens übrig geblieben seien, angeblich die einzigen Überlebenden. In einem Anhang gibt er allerdings an, daß von den anfänglich 3.350.000 polnischen Juden 3.000.000 getötet und in Ghettos umgekommen seien, was bedeutet, daß es 350.000 oder 10% Überlebende des Holocaust gegeben hätte.[1] 24 Jahre später konstatiert der gleiche Verfasser in der Ausgabe von 1985 des gleichen Buches dagegen eindeutig, daß die Zahl der Überlebenden 350.000 oder 10% der Gesamtzahl betrug.[2] Man fragt sich natürlich, wie glaubwürdig solche Zahlen sind, wenn sie sich von einer Seite auf die andere so leicht versiebenfachen konnten. Wird sich die Zahl jüdischer Überlebender weiterhin in Hilbergs Vorstellung ändern?

Zum Glück gibt es drei andere Standardwerke auf diesem Gebiet, nämlich die Encyclopaedia Judaica,[3] die Encyclopedia of the Holocaust[4] sowie Dimension des Völkermords.[5] Sehen wir uns an, was sie über das Kriegsschicksal der Juden in Polen aussagen.

Infolge der Judaica gab es im September 1939 in Polen 3,351,000 Juden.[6] Von diesen sollen 55.509 im Juni 1945 als Überlebende registriert worden sein. Diese Zahl soll Juden beinhalten, die in Polen überlebt haben, und Juden, die von einem Aufenthalt in der UdSSR während des Krieges zurückgekehrt sind. Weitere 13.000 polnische Juden sollen als Angehörige der Polnischen Armee überlebt haben, und 1.000 hätten überlebt, weil sie sich als Arier ausgegeben hätten und aus irgend einem Grund nicht bei den 55.509 mitgezählt wurden. Die Judaica fügt diesen Zahlen großzügig 250.000 Überlebende in der UdSSR und 50.000 in Lagern in Deutschland hinzu, womit die Gesamtzahl auf 369.000 kommt oder 11 Prozent der Juden, die 1939 dort gelebt haben sollen.

Die Encyclopedia of the Holocaust gibt eine Gesamtzahl von 380.000 Überlebenden an, darunter 165.000, die aus der UdSSR zurückgekehrt sind, und 75.500, die in Polen überlebt haben.[7] Diese zwei Gruppen, die zusammen 240.500 ergeben, sollen 1946 in Polen registriert worden sein. Der Rest, 139.500, müßten logischerweise Juden sein, die im Ausland überlebt haben und nach dem Krieg dort geblieben sind. Selbst diejenigen, die nach Polen zurückgekehrt sind, scheinen darum bemüht gewesen zu sein, den polnischen Staub so schnell wie möglich von ihren Füßen zu schütteln. Die Encyclopedia of the Holocaust berichtet uns, daß 160.500 der Registrierten innerhalb des nächsten Jahres Polen verließen, so daß nur 80.000 zurückblieben. Anscheinend war Polen für die polnischen Juden kein bevorzugter Aufenthaltsort, nachdem Polen praktisch "deutschenrein", und todsicher frei von allen Nationalsozialisten geworden war.

Die Dimension des Völkermords gibt 2.700.000 polnische Opfer des Holocaust an. Die Anzahl der Juden, die sich versteckt hatten, soll verschiedenen Forschern zufolge 300.000 oder 100.000 betragen haben. Dimension zitiert ferner einen gewissen Shmuel Krakowski, der die Gesamtzahl der Überlebenden auf 80.000 schätzt, sowohl einschließlich der "Illegalen" als auch der in Lagern Internierten, denen es gelang zu überleben. Dimension reduziert die Anzahl der Rückkehrer aus der UdSSR auf 130.000, stellt aber andererseits fest, daß nicht weniger als 98.017 Juden dem Verband Polnischer Patrioten (innerhalb der Roten Armee) angehörten.

Viele andere voneinander abweichende Zahlen werden genannt, und schließlich entscheidet Frank Golczewski, Verfasser des Kapitels über Polen, daß 300.000 die "realistische" Zahl Überlebender »in bezug auf die in den Grenzen des polnischen Staates nach 1945 lebenden Juden« sei (was auch immer das bedeuten mag).

Fassen wir zusammen: Die Standardwerke liefern keine eindeutigen Angaben darüber, wie schwer der Holocaust die Juden Polens traf. Vieles ist reine Spekulation, und im Allgemeinen hängt alles von der Zuverlässigkeit einer Liste auf S. 495 von Dimension ab, die uns sagt, daß 2.019.000 polnische Juden in den Lagern Kulmhof, Sobibór, Belzec, Treblinka, Auschwitz und Majdanek vernichtet wurden, davon allein 974.000 in Treblinka. Etwa 700.000 sollen in Ghettos und Arbeitslagern gestorben oder von Einsatzgruppen oder gewöhnlichen Kriminellen ermordet worden sein.

Aus der Zahl von 2.700.000 Opfer scheint also hervorzugehen, daß etwa 2 Millionen von den Deutschen schlichtweg vernichtet wurden. Dimension liefert jedoch nicht einmal einen Beweis dafür, daß 2.000 Menschen, - geschweige denn 2 Millionen - tatsächlich in den erwähnten Lagern zu Tode gekommen sind. Es sollte ja langsam allgemein bekannt sein, daß die üblichen Beweise für Massenmorde in den Gegenden, wo diese Lager waren, vollständig fehlen. Man findet dort keine Massengräber, keine Haufen menschlicher Knochen oder menschlicher Asche.

Einen ähnlich Eindruck erhält man auch von einem im allgemeinen sehr gut informierten Bericht aus dem Jahre 1943 von Eugene M. Kulischer: The Displacement of Population in Europe.[8] Dieses Buch enthält detaillierte Angaben über Deportationen polnischer Juden. Der Autor zitiert hierfür Quellen wie The Black Book of Poland (1942), S. Segal, The New Order in Poland (1942), Poland Fights (1942), Contemporary Jewish Record (April 1943) und Polish Review (1943). Und dennoch weist nichts auf Kenntnisse über den Mord an Hunderttausenden von Juden hin, die laut Dimension[9] bis 1942 angeblich bereits in Auschwitz, Belzec, Chelmno und Treblinka vernichtet worden sein sollen.

Lassen wir also einmal die Zahl von 2.019.000 vernichteter polnischer Juden unberücksichtigt und tun wir so, als ob wir nichts über die Zahl der vernichteten Opfer und Gaskammern wissen. Überlegen wir einmal den wahrscheinlichsten Verlauf der Dinge, ohne vorgefaßte Vorstellungen über die Anzahl vernichteter Juden.

Die offizielle Version scheint von der Annahme auszugehen, daß die polnischen Juden sich wie eine Herde Schafe benahm, die sich bereitwillig zum Schlachthaus führen läßt. Nehmen wir statt dessen einmal an, daß sie so klug und achtsam waren, wie Menschen normalerweise sind, und daß sie die auf der Hand liegenden Maßnahmen zum Schutz vor drohenden Gefahren trafen.

Beginnen wir bei der letzten Volkszählung in Polen vor dem Krieg, 1931. Dabei wurden 3,1 Mio. Juden in Polen registriert. Alles spricht dafür, daß diese Zahl bis zum September 1939 drastisch gefallen ist. Angesichts der damaligen Lage in Polen wäre eine beträchtliche jüdische Auswanderung ein natürliches Ergebnis der Umstände. Bereits vor 1933 war eine große Zahl polnischer Juden nach den USA, nach Deutschland und nach Frankreich emigriert. Viele polnische Juden hatten Verwandte in den USA, was die Auswanderung erleichterte. Diese bereits vonstatten gehende Emigration erhielt sicher noch einen Schub, nachdem Hitler 1933 in Deutschland die Macht übernahm und die polnische Regierung Jabotinkys Plan unterstützte (1937), innerhalb eines Jahrzehnts 1.5 Millionen osteuropäische Juden nach Palästina zu transferieren (Encyclopaedia Judaica).

Schließlich gab die polnische Regierung im Oktober 1938 einen Erlaß heraus, durch den polnische Pässe für eine Rückkehr nach Polen ohne offizielle Verlängerung ungültig wurden. Der Erlaß richtete sich in erster Linie gegen die in Deutschland lebenden polnischen Juden. Die deutsche Regierung reagierte darauf damit, daß sie die in Deutschland ansässigen polnischen Juden mit Sonderzügen an die deutsch-polnische Grenze brachte, damit diese vor Ablauf der Frist ihre Pässe erneuern konnten. Die polnischen Grenztruppen verweigerten diesen polnischen Juden jedoch schon vor Fristablauf den Grenzübertritt. Unter jenen polnischen Juden, die sich zeitweise im Niemandsland zwischen Polen und Deutschland aufhalten mußten, bis Deutschland schließlich nachgeben und diese nun staatenlosen Juden wieder aufnehmen mußte, befand sich auch das Ehepaar Grynspan, Eltern des in Paris lebenden Herschel Grynspan. Nachdem dieser von der Lage seiner Eltern erfahren hatte, beging er das Mordattentat auf den deutschen Botschaftssekretär Ernst von Rath, der bekanntlich am 9. November seiner Schußverletzung erlag. Aus diesem Ereignis ergab sich schließlich die sogenannte "Reichskristallnacht".

Angesichts des in Polen herrschenden staatlichen und allgemeingesellschaftlichen Antisemitismus', der dem in Deutschland offenbar nicht nachstand oder ihn gar überstieg, kann es nicht verwundern, wenn die jüdische Auswanderung aus Polen Ende der dreißiger Jahre bis unmittelbar vor Kriegsausbruch äußerst stark war. Wir haben oben gesehen, daß die polnischen Juden Polen mieden, selbst nachdem diese Bedrohungen nicht mehr bestanden. Es ist daher sehr wahrscheinlich, daß das polnische Judentum im Zeitraum von 1933 bis 1939 etwa 350.000 Angehörige durch Auswanderung verlor (wie auch etwa 100.000 durch Sterbeüberschuß). Zukowski bezieht sich auf polnische Untersuchungen, die zeigen, daß etwa 350.000 Juden im Zeitraum von 1918-1938 nach Übersee ausgewandert waren.[10] Viele Juden verließen Polen wahrscheinlich in den Monaten unmittelbar vor dem deutschen Angriff, da sie genau einen solchen befürchteten. So sagt z.B. Zygmunt Nissenbaum:[11]

»Der Kriegsausbruch kam für uns nicht überraschend, wir hatten ihn alle schon lange Zeit befürchtet [...]«

Dann kam die Teilung Polens. Etwa 1.830.000 Juden sind laut Dabrowska, Waszak und Grynberg[12] auf der deutschen Seite gelandet - vorausgesetzt, daß jeder blieb, wo er war. Dr. Richard Korherr stellte jedoch in seinem berühmten Bericht fest,[13] daß sich die Zahl polnischer Juden in den von Deutschland kontrollierten Gebieten durch Auswanderung und Sterbeüberschuß zwischen 1939 und 1942 um 763.000 verringerte. In neuerer Zeit wurde berechnet, daß sogar 850.000 Juden während des Feldzugs und in den darauffolgenden Monaten aus dem Bereich entkamen, der dann deutsch wurde.[14] Diese Zahl erscheint auf den ersten Blick erstaunlich hoch. Aber vergleichen wir sie einmal mit anderen ähnlichen Ereignissen. Zum Beispiel flohen 1940 während dem kurzen Westfeldzug nicht weniger als 1.5 Millionen Belgier nach Frankreich. Und noch später entflohen ganze 90% aller dänischen Juden über das Meer, als sie gewahr wurden, daß sie in Gefahr waren. Im Gegensatz dazu gab es kein Meer, das die Menschen daran hinderte, in den östlichen Teil Polens zu entfliehen, das Gebiet, das von der Roten Armee ein paar Wochen später besetzt wurde. Sogar nichtjüdische Polen flohen in Massen.

Man sollte erwarten, daß die polnischen Juden eine sogar noch größere Bereitschaft zur Flucht aufwiesen, als die Belgier und die dänischen Juden. Die Deutschen wollten auch, daß die Juden aus ihrer Zone wegkamen, genau wie ein Jahr später in ihrer Zone in Frankreich.[15] Erst ein Jahr später, im Sommer 1940, wurde es den Juden verboten, Polen zu verlassen.[16] Aber sogar noch 1942 wird davon berichtet, daß Juden aus Polen geflohen sind. Der Bericht eines SS-Mannes, der mit Lodz, 2. Juli 1942 datiert ist, besagt, daß die Juden auf dem Land »andauernd versuchen, ihre Heimatbezirke zu verlassen, um die nahe grüne Grenze zu überschreiten.«[17] Ein Beispiel ist Professor Herbert A. Strauss (*1918), der das deutsch kontrolliertes Gebiet ein Jahr nach seiner Deportation ins Warschauer Ghetto verließ.[18]

Wenn wir uns an Sannings Zahl von 850.000 jüdischen Flüchtlingen auf der sowjetischen Seite halten, wären im Frühjahr 1941 insgesamt etwa 1.8 Millionen polnische Juden in sowjetischem Gewahrsam gewesen. Dies entspricht den Schätzungen von Elzibieta Hornowa (1.694.000) und Eugene Kulischer (2.000.000).[18] Andere Verfasser haben Zahlen von 500.000 bis 1.200.000 genannt.[19]

Wem es gelang, in ein anderes Land als die Sowjetunion zu fliehen, der hatte Glück. Die meisten Juden hatten jedoch milde ausgedrückt Pech. Bereits in den ersten Tagen des Angriffs starben viele Juden - zusammen mit vielen ihrer nichtjüdischen Landsleute. Der Encyclopaedia Judaica zufolge sollen 32.000 Juden als Soldaten der polnischen Armee im Kampf gefallen sein, während weitere 20.000 bei der Bombardierung von Warschau getötet worden sein sollen. Diese Zahlen sind unvorstellbar hoch. Höchstwahrscheinlich sind sie grob übertrieben. Bedenkt man die Gesamtzahl der polnischen Verluste, erscheint es plausibel, etwa 10.000 jüdische Soldaten anzunehmen und vielleicht eine Höchstzahl von 2.000 jüdischer Zivilisten, die dem Kriegsfeldzug im September 1939 zum Opfer gefallen sind. (Die zivilen Verluste Finnlands betrugen bei einer Bevölkerung von 3,8 Millionen 600 Tote aufgrund der häufigen Bombardierungen im Winterkrieg 1939-40, der 105 Tage andauerte).

Nach den Verlusten und dem Exodus 1939 wäre im deutsch-besetzten Teil Polens hypothetisch die Zahl von 838.000 Juden zurückgeblieben. Was geschah mit ihnen?

Machen wir einmal eine Ortsuntersuchung. In Ermangelung von etwas Besserem können wir die 67 polnischen Juden betrachten, die zwischen 1860 und 1909 geboren wurden und berühmt genug waren, um in der Encyclopaedia Judaica erwähnt zu werden mit der Angabe, daß sie 1940 im deutsch-besetzten Teil Polens lebten. Wir stellen fest, daß es 13 von ihnen (19%) gelang, das Land zwischen 1940 und 1941 zu verlassen. 54 blieben zurück, von denen 33% in einem Konzentrationslager endeten, 4% in einem Kriegsgefangenenlager. 19% wurden außerhalb der Lager ermordet, und 44% entgingen jeglicher Art deutscher Festnahme oder Übergriffe. Offensichtlich war die deutsche Verfolgung der Juden in Polen nicht sonderlich effizient. Diese 54 Personen repräsentierten die jüdische "Intelligenz". Der NS-Ideologie zufolge wurde die jüdische Intelligenz als die gefährlichste Untergruppe angesehen. Sicherlich hielten es die Nationalsozialisten für am dringlichsten, alle jüdischen Professoren, Verfasser, politischen Führer und dergleichen Gestalten aus dem besetzten Polen zu entfernen, wenn sie denn eine solche Politik verfolgten. Wir können annehmen, daß sie gegenüber gewöhnlichen Schneidern, Schuhmachern, Musikern und Kaufleuten etwas nachsichtiger waren. (Vor allem an Schneidern und Schuhmachern bestand eine große Nachfrage im Deutschland der Kriegszeit.) Andererseits war eine Auswanderung für einen gewöhnlichen Juden schwerer zu bewerkstelligen als für jemanden, der zur Intelligenz gehörte.

Angesichts des Schicksals der "VIP-Juden" Polens erscheint es wahrscheinlich, daß von den polnischen Juden etwa 400.000 früher oder später in einem deutschen Lager endeten, während ungefähr gleich viele (hypothetisch 438.000) in den Ghettos oder in Verstecken blieben. Juden der letztgenannten Gruppe wurden sicherlich nicht zu Tode vergast, dürften aber ansonsten viele Mühsale durchgemacht haben. Sie dürften den Krieg entweder mit Müh und Not überlebt haben, oder an Alter, Seuchen, Hunger, gelegentlich auch Mord, feindlichen Bomben oder - im Falle von Warschau - im Kampf bei einem Aufstand gestorben sein.

Es ist wohlbekannt, daß die Deutschen den polnischen Juden anfangs befahlen, sich in den Ghettos der Großstädte zu sammeln. Das größte davon war das Warschauer Ghetto. Da es wahrscheinlich ist, daß ein beträchtlicher Teil der 400.000 Juden Warschaus vor oder während dem Feldzug geflohen ist, haben wohl etwa 200.000 (oder höchstens 300.000) im Ghetto gelebt. Eine beträchtliche Anzahl polnischer Juden (laut Encyclopaedia Judaica 61.000) schmachtete jahrelang in Kriegsgefangenenlagern, und wir können daher die Zahl jüdischer Internierter in zivilen Lagern mit etwa 340.000 annehmen (von den obigen geschätzten 400.000 Internierten).

Die Todesrate in Gefangenenlagern der Kriegszeit hat sich in vielen Fällen als bemerkenswert hoch herausgestellt. Nach dem Bürgerkrieg in Finnland war 1918 die Todesrate bei den inhaftierten Aufständischen 11% in einem einzigen Monat. Von allen Internierten starben etwa 16% vor ihrer Entlassung, obwohl die durchschnittliche Internierungsdauer nur vier Monate betrug.[20] Die amerikanischen Kriegsgefangenen in Nordkorea mußten Todesraten von 39% hinnehmen.[21] Die Soldaten der Roten Armee in finnischen Kriegsgefangenenlagern während des Finnisch-sowjetischen Krieges 1941-44 hatten eine Todesrate von 29%. Von den finnischen Soldaten kehrten nach dem Krieg nur 30% aus den sowjetischen Gefangenenlagern zurück. Die meisten der restlichen 70% starben wahrscheinlich in den Lagern.[22] In keinem der Fälle bestand der Verdacht einer absichtlichen Tötung. In Anbetracht dieser Zahlen wie auch der Fleckfieber-Epidemien und der mangelhaften Versorgung gegen Ende des Krieges erscheint es wahrscheinlich, daß die Todesrate bei den in deutschen Lagern inhaftierten polnischen Juden innerhalb des Rahmens von 30-70% verblieb. Für eine provisorische Berechnung nehmen wir 50% oder 200.000 an (ohne gewöhnliche Alterssterblichkeit). Wir können dann die obigen Schätzungen wie folgt zusammenfassen:

Tote infolge des Krieges:

12.000

± 4.000

Tote in Kriegsgefangenenlagern:

30.000

± 10.000

Gefallen beim Aufstand:

10.000

± 5.000

Gesamtzahl Kriegsopfer:

52.000

± 19.000

Tote in KLs (ohne Alterstod):

170.000

± 70.000

Kriminelle Morde

 

 

(z.B. durch poln. oder dt. Antisemiten):

18.000

± 7.000

Gesamtzahl Verfolgungsopfer:

188.000

± 77.000

Die Zahl von 170.000 Toten in Konzentrationslagern kann mit einer Vergleichsgruppe über jüdische Verluste verglichen werden, die von Schweden verfügbar ist. An der Außenseite der Stockholmer Synagoge sind an einer Reihe Steinquadern die Namen von über 5.000 Juden eingraviert, die während der deutschen Besetzung ihres Heimatlandes starben und deren Verwandte oder Freunde jetzt in Schweden leben. Beinahe 80% dieser Opfer sind Juden aus Polen. Der Todesort ist in den meisten Fällen angegeben (bei 76% von allen). Von den bekannten Todesorten gehören 56,5% zu den sechs sog. "Vernichtungslagern", hauptsächlich Auschwitz (25,15). J.-C. Pressac fand heraus, daß 100 Züge mit polnischen Juden nach Auschwitz geschickt wurden.[23] In solchen Züge befanden sich gewöhnlich jeweils 1.000 Deportierte, und Pressac spekuliert, daß sie höchstens jeweils bis zu 1.500 Menschen aufgenommen haben können. Nehmen wir daher an, daß etwa 125.000 polnische Juden nach Auschwitz deportiert wurden. Pressac zufolge wurden 49.000 von ihnen im Lager registriert. Er nimmt an, daß die anderen getötet wurden, aber er hat bisher keinen Beweis dafür angeboten, daß dies der Fall war. Nehmen wir trotzdem an, daß sie alle starben. Da die Todesrate bei den Internierten hoch war, kann auch bei ihnen die Hälfte gestorben sein. Pressacs Befunde würden also bedeuten, daß etwa rund 100.000 polnische Juden in Auschwitz umgekommen sind.

Wenn wir die auf dem Stockholmer Monument aufgelisteten verstorbenen Juden als zufällige Stichprobe ansehen, würde daraus folgen, daß etwa 225.000 polnische Juden in den sechs angeblichen "Todeslagern" in Polen umkamen (56,5/25,1 ×100.000 = 225.000).

Es liegt auf der Hand, daß ein gewisser Prozentsatz derer, die nicht durch Verfolgung gestorben sind, durch normale, zivil bedingte Ursachen starben. Während den 6 Kriegsjahren wären das etwa 10% von 610.000, also 60.000 gewesen. Gleichzeitig muß die Geburtenrate auf einen sehr niedrigen Stand gesunken sein. Nehmen wir an, daß 20.000 jüdische Kinder während des gesamten Krieges in Polen geboren wurden. Angesichts der schlechten Verhältnisse in den Ghettos, den kargen Nahrungsmittelrationen und den verschiedenen Kriegsbelastungen im allgemeinen könnten zusätzlich 100.000 aufgrund von Krankheiten gestorben sein, die mit diesen anormalen Verhältnissen zusammenhängen. Daher finden wir - ohne irgendwelche Todesfälle durch organisierte Vernichtung anzunehmen - daß eine Gesamtzahl von 400.000 (±150,000) Juden in den deutschen Teilen des alten Polens gestorben sein können.

Es gäbe also eine hypothetischen Zahl von 470.000 Überlebenden (einschließlich neugeborener Kinder). Nach dem, was ihnen widerfahren ist, erscheint es wahrscheinlich, daß viele der Überlebenden versucht haben, Polen zu verlassen, sobald der Krieg vorüber war und die Überquerung der Grenze möglich wurde. Es erscheint ebenfalls wahrscheinlich, daß ein beträchtlicher Teil der Überlebenden überlebt hatte, weil sie ihren Namen und ihr Erscheinungsbild von jüdisch auf nichtjüdisch geändert haben. Nehmen wir an, daß 15% der Überlebenden (d.h. 70.000) sich nicht mehr als Juden ansahen. Und nehmen wir an, daß 80% derer, die Juden blieben (320.000), es schafften, Polen vor Juni 1946 zu verlassen. Dann wären 80.000 polnische Juden Einwohner verblieben, die sich 1946 bei den Behörden melden konnten - und das ist das, was geschehen ist. Doppelt so viele, 160.000, werden als Flüchtlinge angegeben, die aus dem Osten zurückkamen.

Was auch immer die deutsche Politik gewesen sein mag, es ist eine wohlbekannte Tatsache, daß Hunderttausende Internierte bis zum Mai 1945 die Lager überlebt haben. Zum Beispiel besagt The Oxford Companion to the Second World War,[24] daß schätzungsweise 300.000 Juden (polnische und andere) »die Lager und Todesmärsche [aus den Lagern] überlebten.« Es spricht nichts gegen die Möglichkeit, daß 150.000 oder gar 200.000 polnische Juden den Krieg in deutschen Lagern überlebt haben.

Es verbleiben die 1.840.00 Juden, denen es gelang, außerhalb des von Deutschen kontrollierten Gebietes zu bleiben oder dorthin zu kommen. Diese Juden mußten wahrscheinlich auch eine hohe Todesrate in Kauf nehmen, vor allem die unter der Sowjetherrschaft - wahrscheinlich die Mehrheit. Es erscheint möglich, daß ein Drittel oder gar die Hälfte von ihnen vor Kriegsende umkam. Wahrscheinlich war es nur einer Minderheit der Überlebenden möglich, nach der Befreiung nach Polen zurückzukehren, angesichts der vielen Restriktionen, die damals in der Sowjetunion herrschten, wie auch möglicherweise aus Mangel an Informationen.

Ein Teil der Juden unter Sowjetherrschaft wäre natürlich von der deutschen Armee überrannt worden. Wenn sie zu irgendeiner Kategorie der Parteifunktionäre, Volkskommissare, Zivilbediensteten oder Partisanen gehörten, hätten sie entsprechend den erlassenen Befehlen von den Einsatzgruppen erschossen werden können. Sowjetische Zivilbedienstete sollten nur erschossen werden, wenn sie Juden waren, während die anderen Kategorien ohne Rücksicht auf ihre Herkunft auf der schwarzen Liste standen. Es ist nicht möglich, die Zahl derer zu schätzen, die vor den Gewehrmündungen der Einsatzgruppen von ihrem Schicksal ereilt wurden. Wahrscheinlich war nur ein kleiner Bruchteil derjenigne, die hinter der Ostfront getötet wurden, polnische Juden.

Folglich könnte es durchaus etwa 1,4 Millionen Überlebende gegeben haben, verglichen mit den 380.000 der "offiziellen" Version. Das heißt, daß es neben den 380.000 Überlebenden, über die berichtet wird, etwa eine Million Überlebende gegeben haben kann, von denen wir nichts wissen.

Die wahrscheinlichste Gesamtzahl der Opfer deutscher Verfolgung scheint in der Größenordnung von ca. 200.000 zu liegen. Ein Bruchteil davon wurde sicherlich von Deutschen getötet, aber es gibt keinen Beweis, der darauf hindeutet, daß dies als Teil eines Vernichtungsprogramms geschah. Etwa eine Million polnischer Juden starb wahrscheinlich an anderen Orten als den deutschen Konzentrationslagern und den Erschießungsplätzen. Diese Todesfälle sind bedauerliche Folgen des Krieges und der damals auf beiden Seiten der Front herrschenden antijüdischen Politik, aber man kann nicht recht sagen, daß sie einen Genozid im eigentlichen Sinn des Wortes darstellen.

Obwohl das polnische Judentum enorme Verluste erlitt, sowohl zahlenmäßig wie auch in Bezug auf gesellschaftliche und private Werte, deutet die demographische Bilanz ganz bestimmt nicht auf eine vorsätzliche Vernichtung, die in die Millionen geht. Das polnische Judentum wurde als ethnische Einheit aufgelöst, aber das ist nicht das, woran die Leute im allgemeinen denken, wenn das Wort "Genozid" gebraucht wird. Ethnoclad wäre womöglich der bessere Ausdruck für dieses Verbrechen (von griechisch ethnos, Volk, und lateinisch cladis, Ruin, Desaster).

Was die menschlichen Verluste angeht, könnte man die polnischen Juden vielleicht mit der Altersklasse der russischen Männer vergleichen, die zwischen 1909 und 1923 geboren wurden, oder mit der Bevölkerung von Leningrad. Von beiden Gruppen kam etwa ein Drittel um. In Bezug auf die ethnische Auslöschung kann das Schicksal des polnischen Judentums mit dem der deutschen Volksgruppen verglichen werden, die östlich der neuen deutschen Grenze von 1945 lebten. Eine schwere Last der Schuld fällt auf diejenigen, die für alle diese Katastrophen verantwortlich sind, aber zumindest im Falle der polnischen Juden haben wir keinen Beweis für eine vorsätzliche Vernichtung in großem Stil.

 


Anmerkungen

[1]Raul Hilberg, The Destruction of the European Jews, Quadrangle Books, Chicago 1961, S. 670, 767.
[2]Ders., The Destruction of the European Jews, New York, Holmes and Meier, 1985, S. 1212, 1220.
[3]Encyclopaedia Judaica, Jerusalem 1971.
[4]Y. Gutman (Hg.), Encyclopedia of the Holocaust, Macmillan, New York 1990
[5]W. Benz (Hg.), Dimension des Völkermords, Oldenbourg, München 1991.
[6]Encyclopaedia Judaica, Jerusalem 1971, Bd. 13, S. 771.
[7]Y. Gutman (Hg.), aaO. (Anm. ), Bd. 3, S. 1174.
[8]Eugene M. Kulischer, The Displacement of Population in Europe. Published by the International Labour Office, Montreal 1943.
[9]W. Benz (Hg.), aaO (Anm. ), S. 462-469.
[10]Arkadiusz Zukowski, »Emigration of Polish Jews to South Africa during the Second Polish Republic 1918-1939«, Scandinavian Jewish Studies, Bd. 17, Nr. 1-2, S. 61.
[11]Zygmunt Nissenbaum »I was in the Umschlagplatz«, Dialectics and Humanism, 1 (1989), S. 129.
[12]Zitiert in W. Benz (Hg.), aaO. (Anm. ), S. 419.
[13]Poliakov & Wulf, Das Dritte Reich und die Juden, Berlin 1955, S. 243-248.
[14]Walter Sanning, Die Auflösung des osteuropäischen Judentums, Grabert, Tübingen 1983, S. 44.
[15]Rudolf Aschenauer (Hg.), Ich, Adolf Eichmann, Druffel, Leoni 1980 S. 315.
[16]Y. Gutman (Hg.), aaO. (Anm. ), S. 1156.
[17]Joseph Wulf, Aus dem Lexikon der Mörder, Gütersloh 1963, S. 25.
[18]International Biographical Dictionary of Central European Emigrés 1933-1945, Bd. II, S. 1138.
[19]W. Benz (Hg.), aaO. (Anm. ), S. 442.
[20]J. Paavolainen, Röd och vit terror. Stockholm 1986, S. 182f.
[21]Ebenda, S. 183.
[22]Uppslagsverket Finland, vol. 2, Helsingfors 1983, p. 132.
[23]J.-C. Pressac, Die Krematorien von Auschwitz, Piper, München 1994, S. 196f.
[24]Oxford 1995, S. 371.


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 7(1) (2003), S.36-40 .


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