Umerziehung an deutschen Schulen

Von Hans-Jürgen Witzsch

1. Grundsätzliches

Zu allen Zeiten stand das Bildungssystem unter einer staatlichen Kontrolle, die um so stärker mit Überwachung und Aufsichtsmaßnahmen in den schulischen Alltag eingriff, je mehr ein System der Unfreiheit bestand. Niemand sollte sich deshalb wundern, wenn die Sieger nach der totalen Besetzung des deutschen Reichsgebietes zur dauerhaften Absicherung ihrer Macht dem Erziehungswesen ihre besondere Aufmerksamkeit widmeten. Die Schulen wurden so ganz selbstverständlich zum Spiegelbild von politisch-gesellschaftlicher Veränderung innerhalb der jeweiligen Machtstrukturen. Dabei wurde die Erfüllung von zwei grundsätzlichen Aufgaben – Vermittlung von Sachwissen und entsprechender Fertigkeiten verbunden mit einer loyalen Haltung gegenüber der jeweils herrschenden Macht – ständiger Überwachung unterworfen, mochte sich auch das modische Erscheinungsbild noch so sehr gewandelt haben.

2. Deutsche Schule der Besatzungszeit

Die zielgerichtete Fortführung der psychologischen Kriegführung gegen Deutschland im Frieden durch die Sieger war sofort im Erziehungssystem erkennbar, sollte doch gerade hier der erzwungenen äußeren Unterwerfung eine freiwillige innere folgen, um eine dauerhafte Sicherung der Politik dieser Mächte zu erreichen. Unter dem Leitwort: "Wer die Jugend hat, hat die Zukunft" konnte mit neuen Lehrplänen unter dem Stichwort Umerziehung der bislang herrschende Geist der Ablehnung dem einer siegerfreundlichen Einstellung weichen. Aus Amerika kam eine Gruppe von Emigranten des Neomarxismus – Adorno, Horkheimer und Marcuse –, deren Ziel es war, die alten Wertvorstellungen wie Fleiß, Ehrgefühl, Opfergeist, Volksbewußtsein und Vaterlandsliebe in den Hintergrund zu drängen und mit der Förderung von grundsätzlicher Bereitschaft zur Kritik einen Keil zwischen die Generationen zu treiben, was mit großer Verspätung durch deren sog. Frankfurter Schule bei der 68er-Protestbewegung verhängnisvolle Folgen für die Leistungshöhe der Ausbildung an deutschen Schulen und die innere Einstellung vieler Schüler zu Staat und Gesellschaft haben sollte.

Die unmittelbaren Maßnahmen der Besatzung waren jedoch alles andere als erfolgreich bei jungen Menschen, welche sich in ihrer überwiegenden Mehrheit gegen diese Form der Umerziehung als weitgehend immun erwiesen, da sie durch das Erlebnis des Krieges geprägt, oft sogar traumatisiert waren. Die Wiedereröffnung der Schulen im Herbst 1945 stand unter den Vorzeichen des Mangels auf allen Gebieten und einer allgemeinen Notlage, so daß es auch hier an den wichtigsten Hilfsmitteln wie Büchern, Heften und Schreibmaterial fehlte. Da Heizmaterial kaum vorhanden war, hatte jeder Schüler im Winter bei Minusgraden ein Stück Holzscheit mitzubringen, was die allgemeine Raumtemperatur gerade ausreichend anhob, weshalb die meisten ihre Mäntel anbehielten, soweit sie solche überhaupt besaßen. Sanken die Temperaturen zu sehr, gab es Kälteferien. Die früheren gut ausgebildeten und erfahrenen älteren Lehrer, die nicht eingezogen worden waren, wurden entlassen und verschwanden plötzlich, soweit sie Parteigliederungen angehört hatten, welches Schicksal in den Großstädten die Mehrheit betraf. An ihrer Stelle versuchten sich im Unterricht Hilfslehrer, deren Hauptvorzug darin bestand, nicht der Partei angehört zu haben, wohingegen sie kaum Sachwissen besaßen.

Ältere Schüler machten sich lustig über die geschwärzten Stellen in den wenigen vorhandenen Schulbüchern, unter denen undemokratische, siegerfeindliche oder allzu nationale Formulierungen abgedeckt werden mußten. Die Schulbibliotheken waren – abgesehen von den Kriegsverlusten – in ihrem Bestand sehr geschrumpft, hatte doch die alliierte Zensur eine Fülle als schädlich angesehener Werke, insbesondere nationaler Einstellung, daraus entfernt. In den einzelnen Klassen wurden häufig noch Spottgedichte oft einfältigster Art aus dem Krieg vorgetragen, während in den Pausen vielfach ein bedrückender Erfahrungsaustausch über schreckliche Schicksale von älteren Menschen unter der Siegerbarbarei stattfand, wobei die Greuel von Vertreibungsschicksalen auch diejenigen, die solche nicht persönlich erlebt hatten, zutiefst erschaudern ließen.

Da war es kein Wunder, daß zunächst die Umerziehung erfolglos blieb, die unter der Losung stand: Nichts Schlechtes über die Sieger, nichts Gutes über das Dritte Reich, denn die Lebenswirklichkeit der meisten war von ganz anderen Erfahrungen geprägt. Als z.B. in Fürth die Schüler einer Klasse einen Aufsatz über das Dritte Reich schreiben sollten, fragte ein Schüler den Lehrer, ob sie so schreiben sollten, wie es wirklich war oder wie es heute erzählt wird. Der Aufsatz wurde nicht geschrieben! Wenn der amerikanische Journalist Walter Lippman davon sprach, daß die Umerziehung erst dann gelungen sei, wenn die Kriegspropaganda der Sieger Eingang in die Geschichtsbücher der Besiegten gefunden habe und auch geglaubt werde, dann sollte dieser Wunsch eines verantwortungslosen Pressevertreters, der die ethischen Grundlagen seines Berufes verraten hatte, erst Jahrzehnte später einen vorübergehenden Erfolg finden.

Unterschieden sich in den einzelnen Teilen des zerschlagenen Deutschen Reiches, in den vier Besatzungszonen Restdeutschlands, Österreich und den deutschen Ostgebieten, soweit dort überhaupt noch Deutsche lebten, die Bedingungen des jeweiligen Schulsystems teilweise beträchtlich, war doch überall die sorgfältige Überwachung durch die Sieger unübersehbar. Die Zerschlagung des bewährten dreigliedrigen Schulaufbaus zu Gunsten der Einführung einer Gesamtschule, wie sie die alliierte Schulpolitik anstrebte, konnte glücklicherweise damals noch durch die verbliebene deutsche Restelite verhindert werden.

3. Die Phase deutscher Restauration unter Adenauer

Nach den schlechten Erfahrungen vieler Deutscher mit dem Führerstaat in der Kriegszeit wurde die Wiedereinführung der Demokratie trotz aller Ablehnung gegenüber den Siegern begrüßt und deren Umsetzung auf der Schulebene in Form der Einrichtung eines Elternbeirats und einer Schülermitverwaltung unterstützt. Während die totale Überwachung des Schulsystems in der DDR durch die Sowjets weiterging, konnten unter der Kanzlerschaft Adenauers im Windschatten des Kalten Krieges in einer Art Restauration bewährte Bildungseinrichtungen wiederbelebt werden, wobei allmählich das frühere hohe Wissensniveau wieder erreicht wurde. Da Adenauer als ehemaliger NS-Verfolgter im Gegensatz zu seinen Nachfolgern schon aus Staatsräson eine einseitige Vergangenheitsbetrachtung ablehnte und um einen Ausgleich zwischen ehemaligen Gegnern und Befürwortern des Dritten Reichs bemüht war, ohne den eine innere Einigung als Voraussetzung für eine erfolgreiche deutsche Politik undenkbar war, kam diese geistige Freiheit auch den Schulen zugute. Die neuen Schulbücher blieben weltanschaulich neutral und zeigten einen bemerkenswert hohen Sachstand in den einzelnen Wissensgebieten, von einer einseitigen Ausrichtung auf die Siegerinteressen der Umerziehung konnte keine Rede sein, zumal im Kalten Krieg ein Abebben der Siegerpropaganda auch von den Feinden Deutschlands nicht verhindert werden konnte. Die allmähliche Wiedereingliederung vieler entlassener Lehrer in den Schulkollegien kam den angestrebten Leistungszielen zugute. Rückblickend muß jedoch festgehalten werden, daß damals die meisten Pädagogen vom Krieg und der schlechten Behandlung in der Gefangenschaft so schwer gezeichnet waren, daß sie es aufgrund dieser persönlichen Erfahrungen später ablehnten, sich an der Abwehr einer einseitigen Politisierung des Unterrichts zu beteiligen, als diese mit den 68ern einsetzte.

4. Die Phase der Achtundsechziger

Zwischen dem Ausscheiden Adenauers aus dem Kanzleramt 1963 und dem politischen Umbruch unter Brandt ab 1969 war eine Zeit des Übergangs auch im Schulwesen, wo von notwendigen Reformen unterschiedlichster Art gesprochen wurde, und das Wort vom angeblichen Bildungsnotstand die Runde machte. Es begann die Zeit verschiedenster Experimente, bei denen in Modellversuchen erprobt werden sollte, was an neuen Lerninhalten und Unterrichtsmethoden Eingang in den Schulalltag finden sollte. Die Lehrpläne erlebten oft einen radikalen Wandel, neue Unterrichtswerke erschienen und alle möglichen Projekte wurden durchgeführt. Ein großer Fortschritt mit weitreichenden Folgen war mit der Durchlässigkeit der einzelnen Schultypen und Schularten erreicht worden.

Entscheidend jedoch für einen radikalen Wandel im Bildungssystem wurden äußere Vorgänge, bei denen unter dem Schlagwort Vergangenheitsbewältigung eine Protestgeneration, die sogenannten 68er, auf die Straße ging, um mit einer Fülle von Demonstrationen den angeblichen Muff unter den Talaren aus Universitäten und Schulen zu vertreiben auf dem Wege zu einem fortschrittlichen Bildungsparadies.

Jetzt erst konnte die alliierte Umerziehung wahrhaft erschreckende Erfolge feiern, sah man sich doch dem lange angestrebten Ziel nahe, das bewährte mehrgliedrige konservative Schulsystem unter dem Schlagwort einer angeblich breiten Volksschichten vorenthaltenen Chancengleichheit durch eine als überlegen und fortschrittlich angepriesene Gesamtschule abzulösen, womit in der BRD ein Kulturkampf in den einzelnen Bundesländern eingeleitet wurde, als deren Spitzenvertreter gegensätzlicher Kulturpolitik das konservative Bayern gegenüber dem roten Hessen galten.

Auf höherer Ebene war der psychologische Krieg der Sieger gegen das Nachkriegsdeutschland wiederaufgelebt, denen die Vergangenheitsbewältigung Möglichkeiten zur Durchsetzung eigener politischer Ziele bot: So diente die intensivierte Beschäftigung gerade im Bildungsbereich mit den Ereignissen des Dritten Reiches der Sowjetunion als willkommene Hilfe zur Ablenkung von den millionenfachen Verbrechen des Leninismus-Stalinismus; das internationale Judentum nutzte dies zum Ausbau des Holocaustthemas, wie der jüdische Professor Finkelstein später anprangerte, wodurch sich neben einer Festigung der eigenen Machtstellung in der Welt zugleich eine bequeme Möglichkeit der Abwehr auch berechtigter Kritik an Israel bot; Polen und die Tschechei wurden nicht müde, sich als Nutznießer von völkerrechtswidrigen Gebietsveränderungen in Ostdeutschland dieses Mittels zu bedienen, um das Jahrtausendverbrechen der Vertreibung als gerechtfertigt erscheinen zu lassen, und nicht zuletzt diente es den Vereinigten Staaten zur Zementierung ihrer Machtstellung in einem Deutschland, das zunehmend in die Rolle eines Protektorats geriet, da weitblickende deutsche Politiker von Format fehlten, sieht man einmal von Franz-Josef Strauß als späterem bayrischen Ministerpräsidenten neben wenigen anderen ab. Diesen Ländern diente der deutsche Bildungsstreit neben einer konzentrierten Beschäftigung mit der NS-Zeit als Möglichkeit, in ihrem Sinne Einfluß zu nehmen, wie dies beispielhaft den Verhandlungen um die deutsch-polnischen Schulbuchempfehlungen zu entnehmen war.

Jetzt rächten sich die Versäumnisse der Vergangenheit, weil eine wahrheitsgemäße, um Objektivität bemühte wissenschaftliche Grundlagenforschung über das Dritte Reich fehlte und statt dieser mehr oder weniger antifaschistische Bekenntnisse an die Stelle historischer Erkenntnisse getreten waren, die nun Einzug in den Schulalltag fanden. Die Erlebnisgeneration überließ auch in den Schulen – verbittert, enttäuscht und ernüchtert – mehr oder weniger kampflos der jungen Generation das Feld – mit verheerenden Folgen nicht nur für den allgemeinen Bildungsstand, sondern noch mehr für die Stellung Deutschlands in der Welt.

Während in Österreich, das noch lange außenpolitisch als erstes Opfer der Expansionspolitik Hitlers galt, eine einseitige Vergangenheitsbewältigung der ersten Nachkriegsjahre nicht fortgeführt wurde, nicht zuletzt weil unter dem jüdischen Kanzler Kreisky die Hetze gegen ehemalige Anhänger der NS-Regierung abgelehnt wurde, breitete sich diese Richtung in Deutschland epidemisch aus. In vielen Lehrerkollegien war eine zunehmende Politisierung zu beobachten, wobei es neben linker Anbiederung bei den Schülern zur Bespitzelung konservativer Lehrer kam, insbesondere wenn sich diese offen zu einer betont vaterländischen Einstellung bekannten, bis die früher übliche kameradschaftliche Zusammenarbeit gegenüber diesen Kollegen mehr oder minder deutlich aufgekündigt wurde.

Wie sich dies bei Junglehrern auswirkte, erlebte der Verfasser, der bereits als Student in die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft eingetreten war, zu deren konservativem Flügel er gezählt wurde, bei Tagungen über die Gesamtschule, wenn utopische Vorstellungen, die jedes Umsetzen in den Schulalltag als unmöglich erkennen ließen, in geradezu naiver Weise diskutiert wurden. Kennzeichnend dafür waren auch die Beschlüsse auf der Bundestagung der Junglehrer von 1971, bei der z.B. die Politisierung der Junglehrer in der GEW gefordert wurde – mit folgender Leitlinie eines Grundsatzbeschlusses:

»Erziehung und Bildung könnten nur im Zusammenhang mit Wirtschaft und Gesellschaft gesehen werden. Bildungspolitische Aktivitäten müßten im Interesse der Unterprivilegierten erfolgen und die Verwertbarkeit der vielen Abhängigen für die Profitinteressen von wenigen Besitzenden` als Erziehungsziel durchkreuzen.« (5.1.1971, Nr. 3)

Diskussion und Gesellschaftskritik neben politischer Quacksalberei breiteten sich aus, während der Wissensstand erheblich absank. Unter dem Schlagwort Demokratisierung wurden die Schüler zu ständiger Kritikbereitschaft aufgefordert, die nur allzu häufig in Aufsässigkeit mündete, während verschiedentlich ein blutleerer Verfassungspatriotismus gefordert wurde, mit dessen Hilfe offensichtlich die Vertretung nationaler Anliegen verhindert werden sollte. Schulstreß wurde zum Modewort, Hausaufgaben sollten möglichst verringert werden, als ob der dauerhafte Erwerb von Wissen und Fertigkeiten einer Kulturreife so nebenbei erworben werden könnten. Neben allerlei pädagogischem Firlefanz, wie z.B. der Einführung der Mengenlehre, die bald wieder verschwand, war eine besonders gefährliche Folge für die seelische Entwicklung der Schuljugend zu beobachten, weil durch die zunehmende Ablehnung des eigenen Landes als Ergebnis einer einseitigen Beschäftigung mit negativen Seiten deutscher Geschichte geradezu eine Erziehung zu einem negativen Nationalbewußtsein einsetzte. Die einseitige Förderung von durchaus erwünschter Zunahme von Problembewußtsein der Schüler und Kritik in einer neuen Form von Aufklärung führte mit der Ablehnung von Märchen und Schauspielen einer als unwahr beurteilten heilen Welt bei den Kindern zum Verlust des magischen Weltbilds und einer zunehmenden seelischen Verarmung und Verkümmerung, worauf bei der Behandlung von Verhaltensstörungen manche Psychotherapeuten warnend hinwiesen.

Zugleich nahm eine bewußte Erziehung zu ethischen Werten, die abschätzig als Sekundärtugenden bezeichnet wurden, deutlich ab.

In manchen Fächern wirkte sich der neue Geist einer antinationalen Einstellung besonders deutlich aus; so wurde die bisherige Ländergeographie durch eine allgemeine Geographie mit Schwerpunktthemen abgelöst, standen doch nicht mehr einzelne Völker im Vordergrund, deren Kenntnis entbehrlich schien zu Gunsten eines Übersichtswissens globaler Art. In Musik verschwand das deutsche Volkslied weitgehend aus dem Unterricht, während Songs in englischer, französischer und anderen Sprachen in den Vordergrund traten – als Ausdruck neuer Weltoffenheit. Im Deutschunterricht wurden Stücke der kommunistischen Literatur sowie moderne Werke einer Kloakenliteratur hoffähig, sollten doch die Schüler einen Blick in das wahre Leben vermittelt bekommen, als ob Dirnen und Verbrecher zum normalen Lebensalltag gehörten, wohingegen die klassischen Dramen mit ihren ethischen Problemen als nicht mehr zeitgemäß in den Hintergrund traten.

Einer besonderen Aufmerksamkeit durfte sich das Fach Geschichte erfreuen, das in manchen Ländern wie Hessen in der ursprünglichen Form verschwand und eine Verkürzung auf die Zeit des Dritten Reiches erfuhr – galt doch vielen jetzt die Kenntnis der mittelalterlichen Kaiserzeit als entbehrlich – und um allgemeine politische Themen tagesaktueller Art in Verbindung mit Sozialkunde ausgeweitet wurde, worauf noch gesondert einzugehen ist.

Die Auswirkung dieser von der 68er-Generation übernommenen Siegerpropaganda ließ sich rasch im Unterricht erkennen. So wurden in einer 10. Klasse 1972 im Rahmen des Lehrstoffes zahlreiche Fragen zur NS-Judenverfolgung gestellt, während zwei Stunden später, als die Vertreibung der Ostdeutschen behandelt und dazu ein Quellentext aus dem Sudetendeutschen Weißbuch verwendet wurde, eine Schülerin meinte, was uns das denn heute noch anginge. Angesichts dieses hier gezeigten Desinteresses schienen vorahnend jenen Hunderttausenden vergessener deutscher Kinderschicksale die ergreifenden Zeilen Gerhart Hauptmanns aus Hanneles Himmelfahrt gewidmet zu sein:

»Auf jenen Hügeln die Sonne,
Sie hat dir ihr Gold nicht gegeben;
Das wehende Grün in den Tälern,
Es hat sich für dich nicht gebreitet ...
Es leuchtet von unseren Füßen
Der grüne Schein unserer Heimat
Es blitzen im Grund unserer Augen
Die Zinnen der ewigen Stadt.«

5. Die Ära Kohl und die Vereinigung von BRD und DDR

Bundeskanzler Kohl bezeichnete sich gerne als Enkel Adenauers, obwohl es keinen größeren Gegensatz geben könnte: Besuchte Adenauer in Werl noch als politische Geste einige von den Alliierten als Kriegsverbrecher verurteilte Deutsche und scheute sich nicht, auch die Sieger auf die von ihnen begangenen Untaten hinzuweisen, so übertraf Kohl mit seinem überbordenden Schuldkult und seiner Bereitschaft, dem Ausland im Sinne der One-World-Ideologie gefällig zu sein, die kühnsten Erwartungen der Umerziehung durch die Sieger, wobei Kohls verfassungswidriges Gesetz zur Zeitgeschichte die Abhängigkeit von Sonderwünschen einer Minderheit deutlich werden ließ. Dies schlug sich auch im Unterricht nieder, nachdem mit dem Tode von Strauß 1988 jede Rücksicht auf deutsche Interessen fallen gelassen werden konnte, und wirkte sich naturgemäß besonders im Fachbereich Geschichte aus. So wurde es modern, in manchen Unterrichtstunden Augenzeugen, z.B. Juden oder sogar Kommunisten über die Vergangenheit sprechen zu lassen, ohne daß deren Aussagen und Behauptungen kritisch hinterfragt wurden. Jeder Schüler sollte wenigstens einmal in seiner Schulzeit eines der NS-Konzentrationslager besucht haben, über deren tatsächliche Verhältnisse auch die Geschichtslehrer meist nur recht verschwommene Vorstellungen hatten, wie sich in Fachkonferenzen zeigte. Die ständige Behandlung von NS-Themen wurde geradezu zu einem fächerübergreifenden Unterrichtsprinzip, für das sich auch das Fach Religion eignete, in dem eine Emotionalisierung nicht besonders auffiel. Bis heute wurden in zahlreichen Schulen Deutschlands eine Vielzahl von Ausstellungen über den Nationalsozialismus und dessen Verbrechen gezeigt, während sich bislang keine einzige Ausstellung mit den zahlreichen Siegerverbrechen beschäftigte.

Doch schon längst hatte eine gegenläufige Entwicklung eingesetzt, die immer erkennbarer wurde.

Die durch die Bürgerrechtsbewegung erzwungene Wiedervereinigung von BRD und DDR bedeutete für die Umerziehungspolitik einen schweren politischen Einbruch, kam doch die tonangebende politische Linke angesichts der Aufarbeitung des kommunistischen Terrors der DDR und der Stasiakten in eine Argumentationsnot, die bis heute anhält. Aber es konnten Ausbreitung und Verstärkung eines tieferen Nationalgefühls durch eine weitere Verschärfung des Gesetzes für Zeitgeschichte verhindert werden, nachdem dadurch in politischen Prozessen junge Menschen und politisch unabhängige Historiker, die für ein wahrheitsgemäßes Geschichtsbild eintraten, vorübergehend mundtot gemacht werden konnten.

Bedenklich war auch die Entwicklung in Österreich, das dem Verfasser während seines Studiums 1960/61 in Wien als ein Land erschien, in dem eine nationale und freiheitliche Haltung an den Hochschulen noch selbstverständlich war, während es jetzt parallel zur Ära Kohl den Eindruck erweckte, als wolle man in absurder Auslegung des Verbotsgesetzes keine sachlich begründete Änderung entlastender Art in der Darstellung des Dritten Reiches an den Schulen zulassen, wobei offensichtlich Kreise aus dem antifaschistisch-kommunistischen Umfeld eine maßgebliche Rolle spielen. Eine allmähliche Wende zu einer vaterländischen Normalisierung war jedoch auch mit Hilfe von substanzlosen Kampagnen gegen rechts nicht mehr aufzuhalten. Gegen einen ausufernden Justizterror, der einseitig nationale Kreise verfolgte und ein Klima der Angst und Einschüchterung erzeugte, Martin Walser anprangerte, verbreiteten sich politische Witze an den Schulen wie folgender: Ein Schüler bittet seinen Vater um Unterstützung, als in seiner Klasse ein Aufsatz zum Thema Auschwitz verfaßt werden soll, doch der Vater lehnt ab. Nach einiger Zeit kommt der Sohn mit einer schlechten Note nach Hause, worauf ihn der Vater fragt, was denn seine Mitschüler dazu gemeint hätten: "Das weiß ich nicht", antwortet der Sohn, "die sind alle im Gefängnis."

Wie tiefgreifend die innere Abwehr gegen eine übersteigerte einseitige Vergangenheitsbetrachtung an den Schulen bereits geworden war, zeigte sich schlaglichtartig in einem Interview, das mit der Tochter des deutschen Bundespräsidenten Rau geführt wurde, als diese, die keinen Hehl aus ihrem Antiamerikanismus machte, erklärte:

»Ja, der 2. Weltkrieg nervt mich extrem. Immer wieder dasselbe. Man fängt an mit Hitler und dem rosa Kaninchen, dann kommt Anne Frank und "Die Welle", dann schaut man "Schindlers Liste" am Wandertag. Im Konfirmandenunterricht nimmt man den Holocaust durch und in Geschichte sowieso. Man könnte fast sagen, man spricht in allen Fächern darüber. Da stumpft man irgendwie ab. Es ist einfach zu viel.«

Gegensätzliche Beispiele belegen noch deutlicher die extreme politische Einseitigkeit der Vergangenheitsbetrachtung im Sinne der Umerziehung an unseren Schulen. Als eine Schülerin aus persönlichem Interesse im Unterricht ein Referat über das Thema »Kriegsverbrechen der Alliierten« gehalten hatte, war die tiefe Betroffenheit der Mitschüler nicht zu übersehen, die ihre Kameradin mit Fragen überschütteten, woher sie Material dazu bekommen könnten und warum darüber nicht sonst im Unterricht gesprochen werde. Ähnliches berichtete eine Ostpreußin, die – eine große Ausnahme an Schulen – als Zeitzeugin über die erlebten Greuel der Vertreibung vor einer Klasse hatte sprechen dürfen.

Eine Rückbesinnung auf eine nicht mehr von der Umerziehung bestimmte Vergangenheit ist im deutschen Volk und seiner Jugend unübersehbar. So ist allmählich in den letzten 20 Jahren eine vertiefte Beschäftigung mit den Themen Heimat, Dialekt, Volkstum, Wiedereinführung örtlicher Bräuche, Entdeckung der mittelalterlichen Geschichte, Einsatz zur Erhaltung alter Gebäude festzustellen, die einer sich anbahnenden Geschichtsrevision auf der Grundlage wahrheitsgemäßer Darstellungen vorangeht.

7. Zeitgeschichte im Unterricht

Keinem Bereich hat die alliierte Umerziehung so große Aufmerksamkeit geschenkt wie einer Darstellung der Zeitgeschichte aus ihrer Sicht, die in Öffentlichkeit und Schule gleicherweise eine Bewußtseinsveränderung des deutschen Volkes bewirken sollte, was Bundeskanzler Schmidt einmal zum Ausruf veranlaßte, man habe aus der deutschen Geschichte ein Verbrecheralbum gemacht, ohne dieser Entwicklung freilich aktiv entgegenzusteuern. Als 1983 der scheidende amerikanische Botschafter in Bonn, Arthur Burns, ein im Gegensatz zum deutschfeindlichen jüdischen Weltkongreß deutschfreundlicher Jude, forderte, man müsse »die Ehre des deutschen Volkes wiederherstellen« und »das Geschichtsbild, das in den letzten 37 Jahren von bestimmter Seite geprägt worden ist, ins rechte Lot rücken«, fand dies keinen Widerhall, ja an den Schulen war eine geradezu gegenteilige Entwicklung zu beobachten, weil sich die selektive Vergangenheitsdarstellung weiter verstärkte. Für Lehrer, die sich um eine wahrheitsgemäße Geschichtsbetrachtung der Zeit seit dem Ersten Weltkrieg bemühten, wurde dies noch schwieriger, weil sie sich einerseits stets der Gefahr eines Disziplinarverfahrens bewußt sein mußten, anderseits sich nicht zur Weitergabe von Geschichtslügen mißbrauchen lassen wollten; ein Dilemma, das den Geschichtsunterricht bis heute kennzeichnet. Auch die offizielle Änderung der Opferzahl von Auschwitz von 4 auf 1 Million und darunter wurde deshalb kaum im Unterricht angesprochen, bis der Skandal um die Wehrmachtsausstellung 2000 die Problematik erneut deutlich machte, hatten doch zahlreiche Schulklassen diese besucht, deren Fälschungen nun zum Tagesgespräch geworden waren.

Dadurch wurden die Fragen um die Historisierung des Nationalsozialismus noch drängender, konnten doch die Vertreter der Umerziehung nicht verhindern. daß immer mehr Einzelheiten von neuen Forschungsergebnissen mit einer Entlastung Deutschlands – man denke nur an das bahnbrechende Werk von Dr. Hoffmann Stalins Vernichtungskrieg, die Bestätigung der Präventivschlagthese des deutsch-sowjetischen Krieges – auch Schülern bekannt wurden.

Deshalb sei nur kurz beispielhaft erwähnt, was in heutigen Geschichtsbüchern fehlt und in zukünftigen berücksichtigt werden muß: die alliierte Kriegsgreuelpropaganda des Ersten und Zweiten Weltkriegs, auf die von deutscher Seite verzichtet wurde; die überragenden sozialen Leistungen der Reichsregierung unter Hitler: die Rolle jüdisch-bolschewistischer Funktionäre beim millionenfachen Mord im Archipel Gulag; die maßvollen Friedensangebote Hitlers zur Beendigung des Zweiten Weltkriegs, die bislang ohne Angabe von nachvollziehbaren Belegen als nicht ernsthaft beurteilt wurden; die Tätigkeit von SS- und Polizeigerichten bei der Aburteilung von Verbrechen deutscher Soldaten der Waffen-SS; die scharfen Strafen gegen Parteimitglieder und NS-Amtsträger auch bei kleinen Vergehen; die vollzogenen Todesstrafen an 2 Kommandanten von Konzentrationslagern, die der Korruption und der Ermordung von Häftlingen überführt werden konnten; das Verbot des Prügelns von KL-Häftlingen in den Anordnungen für die Wachposten usw.

Eine gründliche Revision unserer Geschichtsbücher auf der Grundlage überprüfter und als richtig erkannter neuer Forschungsergebnisse ist überfällig, die keineswegs den Vorwurf einer Verharmlosung des Dritten Reiches verdient, werden doch noch genügend dunkle Seiten in der Darstellung bleiben und hat doch eine wahrheitsgemäße Darstellung Zeitgeschichte nichts mit Verharmlosung zu tun.

8. Forderungen

Diese Revision ist um so notwendiger, je mehr die Achtung der Menschenrechte als zentrale Aufgabe der Politik erkannt und mit Inhalt gefüllt wird und nicht zur politischen Phrase verkommen darf wie einst im Ostblock. Ohne eine damit erfolgte Überwindung der alliierten Umerziehung wird die Politik in Deutschland und Österreich den Herausforderungen unserer Zeit nicht gewachsen sein können. Eine staatsbejahende, demokratische und volkserhaltende Schule kann sich dann ohne Scheuklappen auch den unübersehbaren und drängenden Problemen des Umgangs mit der Ausländerfrage widmen und dazu beitragen, Lösungsvorschläge in die praktische Politik umzusetzen, die dem Scheitern des Multi-Kulturalismus und der Tatsache des Ethnozentrismus gerecht wurden, für die jene Ereignisse der jüngsten Zeit auf dem Balkan und Mißstände in den Vereinigten Staaten Warnzeichen sein sollten. Alle Bekenntnisse zur weltanschaulichen Neutralität der Schule und des Staates dürfen nicht in Vergessenheit geraten lassen, daß es auch hier eine Grenze der Toleranz gibt, und das Leitbild der abendländischen Kultur und ihrer Werteordnung für alle Gebiete Deutschlands und Europas Gültigkeit behalten muß, wenn ein fortlaufender innerer Zerfall der bestehenden Völker verhindert werden soll.


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 7(1) (2003), S. 53-57 .


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