Das Schicksal der jüdischen Familie Goldsteen aus Holland

Von Ernst Bruun

Durch Zufall bekam ich Einblick in das Familienbuch einer niederländisch-jüdischen Familie, die im östlichen Teil der Niederlande lebte, der Heimat eines kleinen Teils niederländischer Juden. (Mehr als 80 Prozent der niederländischen Juden lebten in den Städten von Nord- und Südholland, also dem Gebiet Amsterdam-Rotterdam.) Die verschiedenen Familiennamen der Mitglieder dieser Familie sind für diese Studie nicht von Bedeutung und deswegen nicht erwähnt. Die folgenden Daten dienen als Beispiel für das Schicksal einer jüdischen Familie im Osten der Niederlande während des Zweiten Weltkrieges.

Leider gibt die Aufstellung keine Auskunft über das Todesjahr der 23 hier aufgeführten Personen, die in den Jahren zwischen 1850 und 1890 geboren worden waren (zuzüglich einiger jüngerer Personen, die gestorben sein können, ohne daß es erwähnt wird). Deswegen ist es nicht möglich festzustellen, wieviele Personen im Jahr 1940 noch am Leben waren, als Holland von Deutschland besetzt wurde. Es war notwendig, bei der Schätzung der im Jahre 1940 noch lebenden Mitglieder der "Goldsteen" Familie von gewissen Voraussetzungen auszugehen.

Anhand der Daten des Familienbuches (unter Berücksichtigung der Umstände) lebten 1940 117±5 Mitglieder der Familie. Vor Ende des Krieges wurden weitere drei "Goldsteens" geboren und (zumindest) fünf starben, ohne deportiert worden zu sein. Von den 117 lebenden Personen wurde die folgende Anzahl, nach Altersgruppen gruppiert, deportiert (nach Auschwitz, Sobibor oder Mauthausen).

Geburtsjahr

deportiert

nicht deportiert

zusammen

1850-59

2

1

3

1860-69

8

7

15

1870-79

28

7

35

1980-89

11

4

15

1990-99

6

2

8

1900-09

7

9

16

1910-19

6

8

14

1920-29

3

2

5

1930-39

0

6

6

Insgesamt:

71

46±5

117±5

Die Tabelle zeigt, daß bei den Deportationen die älteren Gruppen härter betroffen wurden als die jüngeren. Die Deportationsrate für die Gruppe, die 1940 älter als vierzig Jahre war, betrug 72 Prozent, während die der zwischen zehn und vierzig Jahre alten nur 46 Prozent betrug. Kinder, die im Jahr 1940 unter zehn Jahre alt waren, wurden gar nicht deportiert. Das Familienbuch gibt uns das Todesdatum für 68 der deportierten Personen an. Die übrigen drei sollen die Lager überlebt haben. Ein Vergleich zwischen den angegebenen Todesdaten und den Abfahrtsdaten der Deportationszüge zeigt uns, daß das angegebene Todesdatum immer drei Tage nach der Abfahrt der einzelnen Züge liegt. Es scheint daher offensichtlich zu sein, daß der Buchführer des Familienbuches einfach annahm, daß jeder, von dem eine Rückkehr nach Holland nicht bekannt geworden ist, sofort nach Ankunft in Auschwitz getötet worden war oder jedenfalls drei Tage nach Abfahrt des Deportationszuges ums Leben kam.

Es ist jedoch wohlbekannt, daß nicht alle Deportierten sofort nach ihrer Ankunft getötet wurden oder sonst ums Leben kamen. Wenn der Todestag eines Einzelnen z. B. als »10. September 1942« angegeben ist, besagt das in Wirklichkeit lediglich, daß diese Person am 7. September deportiert wurde und seither nichts über sein weiteres Schicksal bekannt wurde. Es ist durchaus möglich, daß ein Teil der 68 "Goldsteens", die nach dem Krieg nicht nach Holland zurückehrten, Auschwitz in Wirklichkeit überlebt haben und daß davon wiederum ein Teil erst auf dem Marsch bei der Evakuierung des Lagers starb. Ein anderer Teil mag während der letzten Kriegsmonate in einem anderen westlichen Lager verstorben sein. Es besteht zudem die Möglichkeit, daß einige von ihnen den Krieg tatsächlich überlebten und sich aus irgendeinem Grunde entschlossen, nicht in ihre Heimatstadt zurückzukehren, sondern ein neues Leben in einem anderen Land zu beginnen. Es gab gute Gründe für ein solches Verhalten, etwa wenn sie selbst annahmen, daß praktisch alle holländischen Juden deportiert worden und aus verschiedenen Gründen nicht zurückgekehrt waren, weshalb sie nicht damit rechneten, Verwandte oder jüdische Freunde in ihrer alten Heimat vorzufinden.

Leider sind die Informationen eines großen Teiles der Familie Goldsteen im Familienbuch zu unvollständig, um sie als Vorlage für das Schicksal der holländischen Juden allgemein zu verwenden.

Etwa die Hälfte der Überlebenden war 1945 im Alter von unter 15 Jahren. Die Verluste der Familie Goldsteen waren auffallend niedriger als die für die Gesamtgruppe der holländischen Juden angegebenen.

Quelle

Als Quelle für diese Studie diente eine 1997 verfaßte vertrauliche, unvollendete Genealogie mit dem Titel Genealogie van Barend Goldsteen, verfaßt von einem Dr. Jozef Jacobs aus Antwerpen (Desguinlei 90, bus 14i, Antwerpen, Belgien; e-mail [email protected]; tel/fax +32 3 2164395), der davon anscheinend 11 Kopien anfertigte, die für elf namentlich genannte Mitglieder der Goldsteen-Familie gedacht waren. Dem Manuskript beigefügt war ein persönlicher Brief an die elf Adressaten, worin um ergänzende Beiträge zur Vervollständigung der Goldsteen-Genealogie gebeten wurde. Ein Außenstehender, der von meinem Interesse am Studium von Zufallsproben jüdischer Schicksale im Zweiten Weltkrieg wußte, schaffte es irgendwie, eine Kopie des Manuskripts zu bekommen und mir zuzusenden. Heute erinnere ich mich nicht mehr, wer diese Person war.


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 7(2) (2003), S. 172f.


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