Bücherschau

Israelischer Massada-Mythos enlarvt

Von Robert H. Countess, Ph.D.

Nachman Ben-Yehuda, The Masada Myth. Collective Memory and Mythmaking in Israel, University of Wisconsin Press, Madison 1995, 401 S. Pb, $24.95

Nachman Ben-Yehuda, Professor an der Soziologischen Fakultät der Hebräischen Universität Jerusalem, hat eine kulturhistorische Lunte an die Grundfesten des Jüdischen Staates Israel gelegt, als er schrieb:

»Wie kann man eine soziologische Interpretation eines wichtigen Glaubenssystems liefern, wenn sich herausstellt, daß ihm eine Reihe trügerischer und höchst voreingenommener (ja sogar auf Fälschungen basierender) Behauptungen zugrunde liegt? Und weiter: Was soll man tun, wenn es an den Tag kommt, daß dieses Glaubenssystem nicht nur ein zentraler Baustein für die Entwicklung leicht beeinflußbarer jugendlicher Geister, sondern sogar ein Eckpfeiler einer gesamten Nation ist?

Der sogenannte Massada-Mythos ist ein solches Glaubenssystem: er fußt auf erfundenen, moralisierenden Behauptungen. Die überraschende Entdeckung, daß die Massada-Geschichte historisch unrichtig ist, machte ich im Jahre 1987. Zwar beruht die soziologische Deutung, die in diesem Buch präsentiert wird, auf einer israelischen Erfahrung, doch ginge man fehl mit der Annahme, daß ein solcher Mythos samt dem auf ihm fußenden Glaubenssystem eine einzig und allein für Israel typische Neigung darstellt. Ganz im Gegenteil: Solche Mythen und von ihnen abgeleitete Überzeugungen sind für zahlreiche Kulturen kennzeichnend. Daher besitzen die soziologischen Lehren, die sich aus diesem konkreten Fall ziehen lassen, weitreichende Bedeutung, wie wir im folgenden erkennen werden.«

Zur Person des Autors

Wer ist der israelische Akademiker, der die eben zitierten, aufsehenerregenden Aussagen gemacht hat? Hat er sich in der Vergangenheit ähnlich kühn geäußert?

1993 erschien Ben-Yehudas Buch Political Assassinations by Jews. A Rhetorical Device for Justice.[1] Darin werden von Juden begangene politische Morde geschildert, deren Opfer meist andere Juden waren. Der Verfasser bettete diese Verbrechen in einen spezifisch jüdischen kulturellen Kontext ein und schilderte, wie diese besondere Art des Mordes so gerechtfertigt wurde, daß sie sich zu einem alternativen System der moralischen Gerechtigkeit mauserte. Ben-Yehuda ist ferner der Verfasser von Deviance and Moral Boundaries[2] (Abweichung und moralische Grenzen) sowie The Politics and Morality of Deviance[3] (Politik und Moral der Abweichung). Seit mehreren Jahren stehe ich in einem informativen, auf gegenseitigem Respekt beruhenden und fruchtbaren Briefwechsel mit Professor Ben-Yehuda, dem ich in jeder Hinsicht hohe Wertschätzung entgegenbringe.

Das historische Massada von König Herodes dem Großen

Die Festung Massada liegt in der judäischen Wüste unweit der Südküste des Toten Meeres rund 390 m unter dem Meeresspiegel und etwa 130 km südlich von Jerusalem. Sie wurde zunächst durch einen Hollywoodfilm gleichen Namens weit über die Grenzen Israels hinaus berühmt, dann aber vor allem dank der Ausgrabungen des israelischen Archäologen Yigal Yadin, der 1996 das Buch Masada. Herod's Fortress and the Zealot's Last Stand[4] veröffentlichte (Massada. Festung des Herodes und letzter Stützpunkt der Zeloten). Seine Ausgrabungen an Ort und Stelle begannen 1963 mit einem großen Mitarbeiterstab und wurden von der israelischen Regierung finanziell unterstützt.

Massada wurde von 36 bis 30 v. Chr. erbaut. Diese römische Festung war ein wahres Wunder der Ingenieurskunst und Strategie, diente aber zugleich auch als Ferienort für betuchte römische Gäste, die dem heißen Sommerwetter Jerusalems entfliehen wollten.

Die einzige zeitgenössische Quelle zur Geschichte Massadas ist der Bericht des römischen Historikers Josephus Flavius. Daneben haben archäologische Ausgrabungen vor Ort eine Ergänzung dieses Bildes ermöglicht. Nach Flavius ereignete sich damals folgendes: Noch vor der Besetzung Jerusalems durch die Römer übernahm eine Gruppe jüdischer Rebellen (Zeloten und Sicarii), die wegen ihres Terrors sowohl gegen die römische Besatzungsmacht als auch gegen ihre jüdischen Mitbürger von der jüdischen Bevölkerung aus Jerusalem vertrieben worden waren, die römische Militärgarnison in Massada und hielt diese Festung bis Anfang 73 besetzt. Von dieser Festung aus überfielen die Rebellen wiederholt umliegende Siedlungen zwecks Proviantierung, wobei die jeweilige Bevölkerung bisweilen vertrieben oder erschlagen wurde. Im Spätherbst oder Winter 72 marschierte der römische Gouverneur Flavius Silva mit seiner zehnten römischen Legion auf Massada zu, um den dortigen Terroristen den Garaus zu machen. Die ein- bis zweimonatige Belagerung endete im Jahre 73 mit der kampflosen Eroberung der Festung. Es war dies der letzte und undramatischste Akt der Niederwerfung des jüdischen Aufstandes gegen Rom. Die Zahl der Männer, Frauen und Kinder, die sich in der Festung aufhielten, wird mit 967 angegeben (S. 37). Die Rebellen erörterten die Möglichkeiten, die ihnen angesichts der unvermeidlichen Einnahme Massadas offenstanden. Ihr Führer Elazar Ben-Jair hielt »zwei feurige Ansprachen, um die Zaudernden davon zu überzeugen, daß sie sich entweder töten lassen oder Selbstmord begehen müßten. Er hatte damit Erfolg, und die Sicarii töteten einander oder schieden durch Selbstmord aus dem Leben« (S. 37). Ben-Yehuda spricht von einem »kollektiven Selbstmord« (S. 42).

Sieben Juden überlebten das Massaker - fünf Kinder und zwei Frauen. Als die Römer in die Festung eindrangen, schlug ihnen Totenstille entgegen. Doch als die beiden Frauen Geräusche hörten, verließen sie ihr Versteck und berichteten den Eroberern, was geschehen war.

Heute ist Massada eine gediegene Touristenattraktion mit Unterkunft- und Verpflegungsmöglichkeiten samt einer Seilbahn für jene Besucher, denen der Aufstieg und Abstieg entlang dem "Schlangenpfad" zu beschwerlich ist. Per Seilbahn dauerte es etwa fünf Minuten, bis ich die Festung erreicht hatte, während der Abstieg zu Fuß rund eine Stunde in Anspruch nahm. Am Schabbath ist der Ort geschlossen.

Der Mythos

Weder am schändlichen Plündern und Morden umliegender Siedlungen noch an der kampflosen Kapitulation durch kollektiven Selbstmord ist irgend etwas Heldenhaftes. Dennoch wurde der Massada-Mythos zu einem Symbol jüdischen Heroismus als Widerstand bis auf den letzten Mann gegen Eindringlinge ins Gelobte Land.

Die Festung Massada heute

Mythische Dichtungen, Erzählungen und andere künstlerische Interpretationen durch zionistische Juden verfälschen diese Geschichte oft, indem Aspekte verschwiegen bzw. hinzugefügt werden, die dem historischen Verständnis der Ereignisse um Massada abträglich sind:

  1. Es wird unterschlagen, daß die in Massada Zuflucht suchenden Sicarii schon vor der römischen Eroberung Jerusalems von den jüdischen Einwohnern Jerusalems zum Verlassen der Stadt gezwungen worden waren, da diese den Terror der Sicarii unter ihrem Führer Menachem nicht mehr dulden wollten.

  2. Die wahre Natur dieser "Rebellen" wird in der Regel unterschlagen: eine Bande von Plünderern, Dieben, Räubern und Mördern.

  3. Die Tatsache, daß diese Kriminellen von Massada aus die Umgebung mit Überfällen terrorisierten, wird ignoriert.

  4. Die Dauer der römischen Belagerung wird üblicherweise weit übertrieben (ein bis drei Jahre), obwohl sie wahrscheinlich kaum zwei Monate lang währte.

  5. Es gibt keinerlei Hinweise darauf, daß es je zu einem Kampf zwischen den Römern und den Massada-Besetzern kam. Mythologische Darstellungen machen zumindest den Eindruck oder behaupten konkret, daß es zu solchen Kämpfen gekommen sei. Einige Schriftsteller behaupteten gar, Massada sein ein Zentrum des Widerstandes gegen Rom gewesen, was eine reine Erfindung ist. Archäologische Ausgrabungen haben keinerlei Hinweise auf Kämpfe geliefert. Es mag vielleicht während des Durchbrechens der Festungsmauern durch die Römer zu einem kurzen Gefecht gekommen sein, aber das ist auch schon alles, was man angesichts der Beweislage behaupten könnte.

  6. Manchmal wird versucht, den Umstand des Selbstmordes dadurch zu vernebeln, daß Ausdrücke vom Stile "starben heldenhaft" oder "wählten den Tod statt die Sklaverei" benutzt werden.

  7. Die Handlungsweise der Rebellen wird oft als ausweglos dargestellt: Kapitulation oder Selbstmord. Es wird geflissentlich übersehen, daß eine wirklich heldenhafte Handlungsweise darin gelegen hätte, bis zum Tode zu kämpfen, oder daß es auch andere Alternativen gab, etwa Ausbruchsversuche oder gar Übergabeverhandlungen, wie sie in der römischen Geschichte durchaus vorkamen.

Der Aufbau des Buchs

Der erste Teil des Werkes heißt »The Puzzle and the Background« (Das Rätsel und sein Hintergrund). Hier schildert der Verfasser die seelischen Erschütterungen, die ihn heimsuchten, nachdem er entdeckt hatte, daß man ihn viele Jahre lang hinters Licht geführt hatte. Er beschreibt, wie er sich zunächst gegen die Wahrheit sträubte, welchen Zorn und welche Verbitterung er empfand und wie ihn dann der Wunsch überkam, die volle Wahrheit zu erfahren. Kurz gesagt, dieser Soziologieprofessor erlebte dasselbe wie zahllose andere denkende Menschen, denen von Regierungen, Organisationen, religiösen Autoritäten oder sonstigen Leuten Lügen aufgetischt worden waren, denen sie dann auf die Schliche kamen. Ben-Yehudas Bestrebungen, die Geschichte von Massada ihrer mythischen Elemente zu entkleiden, die historischen Fakten zu rekonstruieren sowie zu ermitteln, weshalb der Mythos so weite Verbreitung gefunden hat, sind allerdings von ungeheurer Tragweite für andere Vorstellungen und Mythen, die in Israel hoch im Kurs stehen. Es drängt sich nämlich die Frage auf: Welche anderen Mythen über die jüdische Geschichte, welche die Israelis für bare Münze nehmen, bedürfen einer radikalen Revision?

Meiner Ansicht nach liegt das größte Verdienst des Buches darin, daß es einer wissenschaftlichen Geschichtsschreibung in Israel sowie bei den Diasporajuden den Weg ebnet. Dies könnte zu einer Überprüfung und - wenn nötig - einer Revision dogmatisch verfochtener Auffassungen zu einer Reihe von Themen führen, nämlich:

  1. Den Besitzanspruch auf das Land Palästina.
  2. Die spezifische, einzigartige Erwählung des jüdischen Volkes durch Jahwe.
  3. Die Rechtmäßigkeit der Gründung des Judenstaates Israel mit seiner engstirnig ethnozentrierten, jüdisch-rassistischen Ideologie.
  4. Die ethnische Säuberung des Landes von den einheimischen, semitischen Palästinensern.
  5. Die den Staat Israel tragenden Ideologien wie die jüdische Geschichte vom Holocaust, von dem es heißt, er sei das Menschheitsverbrechen schlechthin und weltgeschichtlich einzigartig gewesen.

Der zweite Teil des Werks heißt »The Masada Mythical Narrative« (Die mythische Massada-Geschichte) und geht sehr detailliert auf Jugendbewegungen, jüdische Untergrundbewegungen vor 1948, die israelische Armee, Schulbücher, Medien, Tourismus, Kinderliteratur und -kunst sowie die heutige Form des Mythos selbst ein. Auf S. 243 ff. diskutiert Ben-Yehuda den »Massada-Komplex« sowie das »Massada-Syndrom«.

Unter dem Massada-Komplex versteht man selbstmörderischen Heroismus als letzten Ausweg, eine Festungsmentalität gegenüber allgegenwärtigen Feinden etc. Ein ausgezeichnetes Beispiel dafür lieferte die israelische Premierministerin Golda Meir, der Richard Nixons Außenminister William Rogers einen »Massada-Komplex« unterstellte (S. 244). Dieser Komplex erwies sich in der Tat als Haupthindernis für den Frieden im Nahen Osten.

Der Ausdruck »Massada-Syndrom« bedeutet, daß die historischen Fakten moralisiert und die Israeliten aufgefordert werden, ihre Widersacher mit sich in den Tod zu reißen, so wie es Samson mit den Philistern tat (Richter 16,30), ehe sie auf ihr Land verzichten.

Der dritte Teil des Buchs trägt den Untertitel »Analyse, Diskussion und Zusammenfassung«. Hier betont Ben-Yehuda, daß eines der »äußerst bedeutsamen Elemente des Mythos in seiner symbolischen, ehrfurchterregenden Dimension liegt« (S. 261). Ich selbst bin der Auffassung, daß auch die Anhänger von Al Qaida so bedingungslos an den Mythos von der absoluten Wahrheit des Islam und ihrer persönlichen Erwählung durch Allah glauben, daß sie bereit sind, furchtlos und wenn nötig unter Qualen in den Tod zu gehen. Der Massada-Mythos hat in Israel bisher denselben Effekt gehabt, doch wie lange wird er noch wirken?

Ben-Yehuda schreibt, der Mythos habe in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts an Boden gewonnen, von den vierziger bis zu den sechziger Jahren seinen Höhepunkt erreicht, sei aber seit 1970 merklich im Abstieg begriffen. Wenn ich wiederum eine persönliche Meinung einflechten darf, scheint mir, daß der Massada-Mythos in letzter Zeit vom »Saddam Hussein ist Hitler«-Mythos in den Hintergrund gedrängt worden ist. Diese Legende diente jenen Millionen als moralische Stütze, die für die Achse Bush-Sharon-Blair die Werbetrommel rührten, damit deren Armeen im Irak einfielen und den "neuen Hitler" aus dem Weg räumten, der, wie unsere Medien pausenlos behaupteten, "die ganze Welt bedrohte".

Ist Nachman Ben-Yehuda ein "Revisionist"?

Wenn ich mich recht entsinne, schloß ich mit dem Begriff "Revisionismus" in den achtziger Jahren Bekanntschaft, als ich Alfred Lilienthals vortreffliches Buch The Zionist Connection II. What Price Peace?[5] las. Auf S. 190 verweist Dr. Lilienthal auf die »revisionistische Bewegung Jabotinskys in den dreißiger Jahren sowie Menachem Begins Irgun Zavai Leumi der vierziger Jahre« und zog Querverbindungen zwischen diesen Strömungen sowie dem Gush Emunim (Block der Getreuen), einer »paramystischen, ultrachauvinistischen Bewegung, die darauf beharrt, daß die Juden als auserwähltes Volk kraft biblischer Offenbarung ein Recht auf ganz Palästina besitzen und daß Israel, mit der möglichen Ausnahme von Teilen des Sinai, alle besetzten Territorien behalten muß«. Dieser Gush Emunim war ein Ableger der rechtsradikalen Likud-Partei, die ihrerseits als Nachfolger von Vladimir Jabotinskys "revisionistischer Bewegung" zu sehen ist.

Später befaßte ich mich eingehend mit den Werken von Harry Elmer Barnes und entdeckte, daß er sowie einige andere Historiker in den frühen zwanziger Jahren bestrebt gewesen waren, die gängigen Ansichten über den Hintergrund des Ersten Weltkriegs zu revidieren, um die Ursachen dieses mörderischen Vielvölkerringens genauer zu ermitteln. Danach erfuhr ich von der Existenz des Institute for Historical Review sowie seiner Zeitschrift The Journal of Historical Review; ich erfuhr ferner, daß das Institut von Zeit zu Zeit Konferenzen durchführt, und zwar meist in Südkalifornien. In seiner Zeitschrift sowie auf seinen Konferenzen bot es Autoren und Vortragsrednern die Gelegenheit, unzensiert ihre Ansichten zu den beiden Weltkriegen, dem sogenannten "Amerikanischen Bürgerkrieg", der jüdischen Holocaust-Geschichte - insbesondere dem Problem der angeblichen Menschentötungsgaskammern des Dritten Reiches - sowie vielen anderen Themen der Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts darzulegen.

Im folgenden fiel mir auf, daß in populären Talkshows der Ausdruck "Revisionist" als eine Art Schimpfwort für jeden verwendet wurde, mit dem der Showmaster entweder nicht übereinstimmte oder den er nicht als ebenbürtigen Gesprächspartner betrachtete und dem er folglich nicht viel Zeit zum Vortragen seiner Ansichten einräumen wollte. Wenn der Durchschnittsamerikaner das Wort "Revisionist" hört, assoziiert er es wahrscheinlich mit dieser modernen, oft benutzten Bedeutung. In Deutschland benutzt man den Begriff seit dem Zweiten Weltkrieg für jene, die nach dem Ersten Weltkrieg den Vertrag von Versailles revidieren wollten, aber auch für jene, welche die 1945 verlorenen Gebiete wiedergewinnen sowie die Souveränität Deutschlands wiederherstellen wollten. Auch in Deutschland dienten die Schlagwörter "revisionistisch" und "Revisionismus" als Keule, mit der man auf jeden eindrosch, der die offizielle, Deutschland ab 1945 von den Siegermächten aufgenötigte Philosophie in Zweifel zu ziehen wagte.

Die orthodoxe Geschichtsphilosophie des heutigen Deutschland fußt auf folgenden Dogmen:

  1. Der sakrosankten Geschichte von den sechs Millionen unschuldigen Juden, die von den Deutschen größtenteils in einzigartig scheußlichen chemischen Menschenschlachthäusern ermordet worden sein sollen.
  2. Der behaupteten Absicht der deutschen Führer, alle Juden Europas, ja der ganzen Welt physisch zu vernichten.
  3. Der angeblich historisch gesicherten Tatsache, daß die Deutschen stets in ihrer Mehrheit Antisemiten waren und es heute noch sind und deshalb sorgfältiger Überwachung durch die Alliierten, Israel sowie der Juden in Deutschland und anderswo bedürfen.

Wirft man daher die Frage auf, ob es sich beim Verfasser von The Masada Myth um einen Revisionisten handelt, muß man diesen Begriff zunächst präzise definieren, um zu verhindern, daß er verschwommen und unverbindlich bleibt, aber auch um einem Professor an der Hebräischen Universität Jerusalem kein Etikett anzuheften, die seinem Ruf Abbruch täte.

In dem von Ernst Gauss herausgegebenen Sammelband Grundlagen zur Zeitgeschichte[6] wird die geistige Grundlage, auf der wissenschaftlicher Revisionismus gedeihen kann, wie folgt charakterisiert:

»Die Naturwissenschaft [und nicht nur diese] ist eine äußerst konservative und dogmatische Sache. Jede Bestätigung eines Paradigmas ist willkommen, jede Neuerung wird lange abgelehnt; die Suche nach Wahrheit wird vom Instinkt des Erhaltens (einschließlich Selbsterhaltung!) übertroffen. Daher setzen sich neue Erkenntnisse meist erst dann durch, wenn genügend viele Forscher in die gleiche Bresche schlagen: dann kippt das Gedankensystem um, es kommt zu einer "wissenschaftlichen Revolution", ein neues Paradigma tritt an die Stelle des alten. [...] Fazit: Kein Schüler, kein Student, aber auch kein Wissenschaftler oder Laie soll an endgültig bewiesene Tatsachen glauben, auch wenn es so in den Lehrbüchern dargestellt wird.«

Diese eindrücklichen Worte stammen von Prof. Dr. Walter Nagl, dem Verfasser des Buches Gentechnologie und Grenzen der Biologie.[7] Seine so trefflich formulierten Grundsätze beherzigen Revisionisten, wenn sie ihre Forschungen anstellen, deren Ergebnisse dann in Büchern wie Grundlagen zur Zeitgeschichte oder in den Vierteljahresheften für freie Geschichtsforschung erscheinen.

Auf Prof. Nagls Definition des Begriffs "revisionistisch" stütze ich mich bei der Beantwortung der Frage: Ist Nachman Ben-Yehuda ein Revisionist?

"Der Beweis liegt im Pudding" lautet eine englische Volksweisheit, und wenn man auf S. 3 von Ben-Yehudas Werk seine Ansicht zum Massada-Mythos liest, wird man wohl zum Schluß gelangen, daß er in der Tat ein "Revisionist" ist; sein intellektueller Ansatz bei der Erhellung der geschichtlichen Fakten sowie seine Forschungsmethode lassen keinen anderen Schluß zu. Ob es ihm freilich behagt, als Revisionist bezeichnet zu werden, sei dahingestellt

Schlußfolgerung

Müßte ich ein schlagendes Beispiel für die tiefen Einsichten sowie den Mut dieses Jerusalemer Professors anführen, so würde ich das Buch nennen, das ich als sein erstes gelesen habe, nämlich Political Assassinations by Jews. A Rhetorical Device for Justice. Ich erinnere mich noch sehr gut, wie ich mich angesichts dieses provokativen Titels gefragt habe:

»Wie würden sich die Juden im allgemeinen und insbesondere die israelische Regierung sowie jüdische Akademiker und Medienleute bloß aufführen, schriebe ein Deutscher ein Buch mit dem Titel Politische Morde durch Nationalsozialisten. Ein rhetorisches Mittel, um Gerechtigkeit zu erlangen? Sie würden zweifellos einen solchen Tumult entfachen, daß die Erdachse kippen würde.«

Leser in aller Welt werden sich die Frage stellen: Was macht einen Nichtrevisionisten zum Revisionisten? Die Antwort kann wohl nur lauten: Neue Daten, neue Methoden zur praktischen Verwertung dieser Daten, der Wille, sich der herrschenden Orthodoxie nicht zu unterwerfen. Dies sind die Grundsätze, die Prof. Nagl hochhält, und meiner Überzeugung nach muß jeder Historiker, der diesen Namen verdient, sich entweder an eben diesen Grundsätzen orientieren oder in Kauf nehmen, daß ihn die Nachwelt nasenrümpfend einen Feigling schelten wird.

Ich möchte zum Abschluß dem auf dem Umschlag von The Masada Myth zitierten Urteil von Prof. Pat Lauderdale von der Stanford University beipflichten, das wie folgt lautet:

»The Masada Myth ist sowohl ein wissenschaftliches als auch ein leidenschaftliches Buch, das mit großer Klarheit das Verhältnis zwischen Abweichung und Mythologie analysiert. Die sorgfältigen Schilderungen sowie provokativen Ideen werden eine neue Kontroverse heraufbeschwören, die zur rechten Zeit kommen wird und für unser Verständnis der sich herauskristallisierenden neuen Welt-Unordnung von kapitaler Bedeutung ist.«

Heerscharen denkender Leser fragen sich, wann es so weit sein wird, daß ein Norman Finkelstein, eine Ruth Bettina Birn oder ein Nachman Ben-Yehuda ein Buch mit einem Titel wie Der jüdische Holocaust-Mythos. Kollektives Gedächtnis und Mythenschmiederei in Israel zu Papier bringt. Es ist nämlich an der Zeit, daß ernsthafte Gelehrte außerhalb des engen Zirkels des heutigen "historischen Revisionismus" ein solches Buch vorlegen. Juden und Nichtjuden zugleich verdienen ein solches Werk, das, um Pat Lauderdales Formulierung zu verwenden, »eine neue Kontroverse heraufbeschwören« und »unser Verständnis der sich herauskristallisierenden neuen Welt-Unordnung« mehren wird.

Vielleicht wird die Erdachse doch nicht kippen, wenn eine solches Buch erscheint. Ich jedenfalls würde mich darüber herzlich freuen!

Anmerkungen


Zuerst erschienen in The Revisionist 1(2) (2003), S. 222-225; übersetzt von Jürgen Graf. Für eine Zusammenfassung von Ben-Yehudas Buch vgl. www.bibleinterp.com/articles/masadamyth1.htm

[1]State University of New York Press, Januar 1993.
[2]University of Chicago Press, Neudruck vom September 1987.
[3]State University of New York Press, April 1990.
[4]Random House, New York.
[5]Brunswick NJ, 1978.
[6]Grabert Verlag, Tübingen 1994, S. 7.
[7]Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1987, S. 126ff.

Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 7(2) (2003), S. 229-233.


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