Die Opiumkriege: Drogen und Machtpolitik

Amerikas Verwicklung in den frühen Dogenhandel

Von Stephen J. Martin

Eine Menge von Indizien weist darauf hin, daß der amerikanische Geheimdienst CIA einen nicht unerheblichen Anteil seines "schwarzen" Haushalts für geheime, sprich illegale Operationen mit Einnahmen aus dem Drogenhandel finanziert. In gewissen Kreisen gilt die CIA als der weltweit größte Drogenhändler. Das Interesse der CIA am opiumreichen "Goldenen Dreieck" in Südostasien soll dann auch einer der Gründe für die fatale Verwicklung der USA in den Vietnamkrieg gewesen sein. Vieles dessen mag Spekulation sein. Wenn man jedoch einen Blick in der Verwicklung der USA in die sogenannten Opiumkriege wirft, die im 19. Jahrhundert von England gegen China vom Zaun gebrochen wurden, um den chinesischen Drogenmarkt unter britischer Kontrolle zu halten, so erkennt man einen historischen roten Faden.


Der erste illegale Drogenhandel

China, das sich aufgrund durchweg schlechter Erfahrungen mit westlichen Entdeckern und Missionaren weitgehend gegen den Rest der Welt abschottete, unterhielt im 17. Jh. relativ gleichberechtigte Handelsbeziehungen zu England. Vertreten durch die britische Ostindische Kompanie kauften die Engländer Seide, Porzellan und vor allem Tee. Da von chinesischer Seite kein Interesse an europäischen Waren bestand - das riesige chinesische Reich konnte aus eigener Kraft alles Benötigte herstellen - mußten diese Waren mit Silber bar bezahlt werden.

Englands Interesse war vor allem der Ausgleich der dadurch ausgesprochen negativen Handelsbilanz und die Erschließung des riesigen chinesischen Marktes für den Absatz der selbst produzierten Waren (Waffen und Textilien).

Obwohl der Opiumhandel in China verboten war, wurden geringe Mengen Opium für die chinesische Heilkunde importiert. Einen eigenen Markt für Opium gab es in China nicht. Opium war eine kulturfremde Droge.

Agenten der britischen Handelskompanie machten die Entdeckung, daß dem Opium in bestimmten kleinen Kreisen der chinesischen Oberschicht eine Bedeutung als Genußmittel zukam. Da China keinen eigenen Mohnanbau besaß, wurden diese Bedürfnisse bereits durch einen kleinen Schwarzmarkt befriedigt.

Die britische Ostindische Kompanie erhielt durch die britische Regierung exklusiv die Lizenz zur fabrikmäßigen Aufbereitung von Opium für den chinesischen Markt (das Monopol auf den legalen Handel besaß sie schon seit 1793). Das Rohopium für diese Aufbereitung wurde in der indischen Kolonie angebaut. Indische Opiumbauern durften ihre Erzeugnisse ausschließlich an die Ostindische Kompanie verkaufen und erhielten nur einen Bruchteil (ca. ein 300stel) des in China erzielten Verkaufspreises. Damit wurden die Opiumbauern wirtschaftlich vollständig von der Kompanie abhängig. Die Ausdehnung des Opiumanbaus in Indien wurde gewaltsam erzwungen und die Lohnkosten für die Aufbereitung zu Rohopium wurden niedrigst gehalten.

Auf diese Weise wurde die Gewinnspanne schon bei der Aneignung des Rohstoffes enorm gesteigert.

Es begann ein illegaler Drogenhandel riesigen Ausmaßes.

Waren es 1790 noch zweihundert Kisten Opium, die legal eingeführt wurden, betrug die illegale Einfuhr durch die Kompanie 1837 bereits 39.000 Kisten.

Die Interventionen der chinesischen Regierung gegen den Opiumschmuggel dienten der Kolonialmacht England als willkommene Anlässe, gegen China Krieg zu führen, um auch so den chinesischen Markt zu erschließen.

Bereits im frühen 19. Jh. wurde die Handelsbilanz zwischen China und England auf diese Weise ausgeglichen. Neidisch auf diesen Erfolg begannen nun auch die Amerikaner an diesem lukrativen Absatzmarkt Interesse zu zeigen. Sie forderten Handelskonzessionen von den Briten.

Kriminalisierung der Kleindealer: ein untaugliches Mittel

Der Schmuggel über die See wurde durch die Überlegenheit der speziell für den bewaffneten Schmuggel konzipierten Schiffe und die überlegene Militärpräsenz der Seemächte für die chinesische Regierung fast unangreifbar. Die Chinesen waren sich ihrer militärischen Unterlegenheit auf See wahrscheinlich bewußt; jedenfalls scheuten sie eine derartige Auseinandersetzung. Aus diesem Grunde wurde lediglich landesintern das Handelsverbot mit Opium erneuert.

So erfolgte die Kriminalisierung der Kleindealer (chinesische Händler und Kaufleute), die mit den Aggressoren Geschäfte machten.

Zum Zwecke des kontrollierten Handels mit Tee, Seide und Porzellan wurde eine eigene Handelskompanie gegründet. Ausschließlich die Mitglieder dieser Handelskompanie durften mit den westlichen "Barbaren" verkehren und Handel treiben. Sie stellten die erste Gruppe, die sich gründlich vom "Ausland" korrumpieren ließ. Ansonsten war der Verkehr mit weißen Händlern verboten. Diese durften sich nicht auf chinesischem Hoheitsgebiet ansiedeln, keine Produktionsstätten errichten und der Seehandel blieb auf den Hafen von Kanton beschränkt.

Doch die Bekämpfung der Kleindealer anstelle der konsequenten Verfolgung der Großdealer erwies sich schon damals als untaugliches Mittel der Rauschmittelbekämpfung.

Die Vertreter der Kompanie sowie Händler aus Amerika, Portugal und Holland zeigten sich äußerst unzufrieden über diese Entwicklung. Zum einen waren geschäftliche Bestrebungen in hohen Maße auf Opiumanbau, Opiumverarbeitung und den Handel damit konzentriert und litten unter diesen Beschränkungen, zum anderen waren auch Geschäfte anderer Art so gut wie unmöglich geworden.

Auf einer Handelskonferenz in der portugiesischen Kolonie Makao beschlossen sie die gewaltsame Besetzung und Gründung einer Kolonie auf dem Handelsstützpunkt Whampoa. In der folgenden Handelssaison wurde dieser Plan unter Mithilfe britischer Regierungstruppen in die Tat umgesetzt.

Die Amerikaner unterstützten diese Aktion nicht. Sie rechneten sich aus, im Erfolgsfalle dieser Aktion auch so davon profitieren zu können und nicht das bis dahin "gute" Einvernehmen mit den Chinesen im Falle eines Mißerfolges zu verlieren.

Letzteres wurde das Unternehmen dann auch. Die Chinesen setzten eine Seeblockade von Whampoa durch und die Weißen mußten ihre "Kolonie" evakuieren, was in dieser Handelssaison zu erheblichen Einnahmeverlusten führte.

Die chinesische Regierung überschätzte ihren Sieg gründlich und übersah die Möglichkeit einer nur vorübergehenden Schwäche der führenden Kolonialmacht England. Dieser war ein Krieg zu diesem Zeitpunkt lediglich zu teuer.

Der Drogenschmuggel "normalisierte" sich alsbald wieder, wobei die Weißen die Etikette, also die Handelsbeschränkungen, pro Forma einhielten. Auf diese Weise wurde der Drogenschmuggel mit Rekordgewinnen, zu Lasten der chinesischen Ökonomie, weiter ausgeweitet. Schon lange war das Problem der für England negativen Handelsbilanz zu Chinas Ungunsten umgekehrt und es ging auch schon lange nicht mehr um das Konzept "Opium gegen Tee". Der reine Gewinn zählte.

Als die alte Kompanie 1834 das Handelsmonopol mit China verlor und in eine staatliche Einrichtung umgewandelt wurde, erreichte der Opiumschmuggel seinen vorläufigen Höhepunkt. Diverse Handelsgesellschaften, auch aus Frankreich und US-Amerika, tauchten vor der chinesischen Küste auf und mischten fortan kräftig im illegalen Opiumhandel mit.

Innerhalb von 20 Jahren verlor die chinesische Ökonomie mindestens 100 Mio. Silberdollar, ein Fünftel des gesamtchinesischen Silberflusses. Pro Jahr wurden ungefähr fünf Mio. Silberdollar, fast ein Zehntel der jährlichen Staatseinnahmen, verloren. Die Folge war eine Verdopplung des Wertanstiegs von Silber, was zu Unruhen und Aufständen der ärmeren Bevölkerungsschichten (Bauern und Handwerkern) führte.

Der weltweit erste Drogenbeauftragte

Unter dem Eindruck der ökonomischen Schwierigkeiten und der Korruption der chinesischen Beamtenschaft im Bezirk Kanton, die sich auf die chinesische Gesellschaft auszuweiten begann und die staatliche Autorität schwächte, berief der Kaiser den »Großen Rat« ein, ein außerordentliches Gremium das nur zu besonderen Anlässen einberufen wurde.

Der Große Rat am kaiserlichen Hof berät, was gegen den eskalierenden illegalen Drogenhandel zu tun ist. Filmszene des 1997 anläßlich der Rückkehr von Hongkong zum chinesischen Mutterland vorgestellten chinesischen Films The Opium War.[1]

Zur Diskussion standen verschiedene Möglichkeiten, dem Problem zu begegnen:

Man entschied sich für die letztere.

1835 setzte der Kaiser hierfür Lin Dsö Hsü, einen jungen Gelehrten und Beamten, als ersten Drogenbeauftragten der Geschichte ein.

Dieser hatte die englische Kultur und Religion studiert und meinte im Vergleich der Religionen beider Kulturen zu erkennen, daß die Kolonialmacht ihren Erfolg der Zielstrebigkeit verdankte, die von der "enormen Sachlichkeit" der weißen Kultur und Religion ermöglicht wurde.

So empfahl er dem Kaiser, das Problem nicht länger als theologisches sondern als sachliches, militärisches zu behandeln.

Der erste Opiumkrieg 1839-1842

In Kenntnis der Rolle der Kollaborateure unter seinen chinesischen Landsleuten im illegalen Opiumschmuggel und -handel verbreitet Lin Angst und Schrecken unter ihnen, indem er mit drastischen Maßnahmen, wie Inhaftierung oder Hinrichtung, seine Entschlossenheit im Kampf gegen den Opiumschmuggel unter Beweis stellte. So gelingt es ihm, die gesamten Opiumbestände in der Provinz Kanton in seinen Besitz zu bringen und zu vernichten. Unterstützt wird er in seinen Bemühungen von einer Volksbewegung aus den südlichen Provinzen Kantons. Diese hatte zum Ziel die drohende Kolonialisierung Chinas abzuwenden und wandte sich in einer breiten und erfolgreichen Kampagne gegen das Opiumrauchen. Zehntausende von Opiumrauchern gaben ihre Pfeifen ab und schworen zukünftige Abstinenz. Gleichzeitig erließ Lin eine Generalamnestie für die inhaftierten Konsumenten von Opium und verstärkte seine Streitkräfte.

In einem Ultimatum forderte er die englischen und US-amerikanischen Dealer auf, ihre gesamten Opiumvorräte, also auch die auf den Schmugglerschiffen befindlichen, abzugeben, die Schmuggelschiffe abzuziehen und schriftlich zu erklären, den Opiumschmuggel nunmehr einzustellen.

In einer militärischen Aktion gelang ihm die Sicherstellung des Opiums und dessen Vernichtung. Über eine Millionen Pfund Opium gingen in Rauch auf. Die Engländer zogen sich zurück.

Lin wußte, daß sie wiederkommen würden, und warb beim chinesischen Kaiser um Verstärkung und Modernisierung der Küstenschutztruppen. In abermaliger Unterschätzung der britischen Kolonialmacht wurde sie ihm verweigert. Durch sein wiederholtes Drängen und die Intrigen der auch am kaiserlichen Hofe zu findenden Profiteure des Opiumschmuggels fiel er beim Kaiser in Ungnade und wurde statt dessen mit dem Oberkommando über die veralteten Streitkräfte in die Provinz Kanton zurückgeschickt, um diese gegen die Engländer zu verteidigen, sollten sie tatsächlich zurückkehren, was der Kaiser nicht glaubte.

Die Engländer brauchten ein Jahr für ihre Kriegsvorbereitungen. Mit modernsten Kriegsschiffen und dem erstmaligen Einsatz von Dampfschiffen, mit denen sie tief in das Landesinnere vordringen konnten, verhängten sie am 22.06.1840 zunächst eine Seeblockade über Kanton. Die Hauptstreitmacht landete weiter nördlich, näher an der Hautstadt Peking. Jedes der beteiligten Kriegsschiffe führte größere Mengen Opium zur sofortigen Verbreitung mit sich!

Zum Auftakt wurde die Stadt Tsung-Hai von See her in Schutt und Asche gebombt, ohne daß eine Verteidigung möglich gewesen wäre.

Entsetzt über diesen Angriff "bat" der Kaiser die Invasoren, sich nach Kanton zurückzuziehen. Dafür sicherte er ihnen die Wiederherstellung des vorherigen Handelszustandes zu. Die Briten nahmen an und zogen sich nach Kanton zurück. Dort verwehrte ihnen Lin den Zutritt zur Stadt (er war ja beauftragt, diese gegen die Engländer zu verteidigen).

In der darauf folgenden Seeschlacht wurde die gesamte Seestreitmacht Chinas zerstört, ohne daß die Briten auch nur ein Schiff verloren.

Einen weiteren Befreiungsversuch Kantons von Land her, den die Engländer abwehrten, nahmen sie zum Anlaß, weitere Städte zu erobern. Nachdem sie auch Nanking einnehmen konnten, die nach Peking zweitgrößte Stadt Chinas, kapitulierte China.

Dieser zweijährige Krieg kostete 60.000 bis 80.000 Leben und verwüstete weite Teile Chinas.

Die Kapitulation erfolgte unter drückenden Bedingungen:

Der Opiumhandel blieb jedoch weiterhin illegal.

1842 setzten die Briten die Exterritorialität durch. Damit konnten sich Drogenschmuggler und Händler unter britischer Flagge sicher fühlen. So konnte Opium über das ganze Land in beliebigen Mengen vertrieben werden.

1848: 42.000 Kisten

1854: 78.000 Kisten

Der zweite Opiumkrieg 1856-1858

Nachdem der chinesische Gouverneur von Kanton im Oktober 1856 einige Opiumschmuggler, die sich dem Zugriff durch Flucht auf ein britisches Schiff entziehen wollten, verhaften läßt, nutzt das britische Militär diesen Vorgang als Anlaß zu einer weiteren Provokation.

Die Militärs forderten zum einen die Herausgabe der Verhafteten, zum anderen eine schriftliche Entschuldigung.

Während die Herausgabe prompt erfolgte, verweigerten die Chinesen, die sich im Recht sahen (schließlich war der Opiumschmuggel illegal), die geforderte Entschuldigung.

Daraufhin befahl der britische Admiral Seymour die Bombardierung von Kanton, was furchtbare Verwüstungen und den Tod einer großen Zahl der Bewohner zur Folge hatte.

Die britische Presse fordert daraufhin die bestehenden und schon durch den ersten Opiumkrieg erzwungenen Verträge zu annullieren und fortan die Handelsbeziehungen nach Belieben zu gestalten.

Es wurden jedoch auch erste Befürchtungen laut. Diente der erste Opiumkrieg noch in erster Linie der gewaltsamen Öffnung Chinas und dem Erzwingen von Handelsbeziehungen nach eigenen Vorstellungen, was damals in der gesamten "fortschrittlichen" Welt Zustimmung fand, konnte dieser zweite Krieg den stattfindenden Handel nur negativ beeinflussen und sich positiv auf den Landhandel der in Konkurrenz zu den Briten stehenden russischen Kaufleute auswirken.

Trotz dieser Diskussion endete der 2. Opiumkrieg erst im Juni 1858.

England, USA, Rußland und Frankreich sicherten sich durch den Vertrag von Tientsin und zum Nachteil Chinas günstigere Bedingungen für den Handel und die ideologische Beeinflussung Chinas. Der Vertrag beinhaltete die Öffnung weiterer Seehandelshäfen, die Einrichtung von Botschaften in Peking, die Berechtigung zur Benutzung der großen Flußstraßen zum Opiumhandel mit dem Landesinneren sowie die Entsendung christlicher Missionare (!).

Der Handel mit Opium blieb allerdings weiterhin illegal!

Der dritte Opiumkrieg 1859-1860

Dieser letzte Opiumkrieg begann mit einem überraschenden Sieg Chinas. Die Engländer, die sich als Sieger fühlten, provozierten China, indem sie als Demonstration ihrer Stärke den Plan faßten, ihren Botschafter in Peking zusammen mit einer großen Militärstreitmacht über See einziehen zu lassen. Diesem triumphalen Einzug wollte der chinesische Kaiser nicht zustimmen und bot seinerseits eine gesicherte Passage über Land an. Dieser sollten sich auch die Franzosen anschließen. Zur Durchsetzung dieses Vorschlages verhängte China eine Seeblockade vor Peking.

Als die Engländer am 25.6.1859 versuchten, diese mit Gewalt zu durchbrechen, wurden sie überraschend im Gefecht besiegt. Die chinesischen Küstenbatterien waren bestens mit aus den USA gelieferten modernsten Kanonen ausgerüstet, die zudem von russischen Kanonieren bedient wurden. Offenbar hatte sich ein Bruch in der für China unheilvollen Allianz vollzogen.

Jedenfalls wurde die englische Seestreitmacht fast vollständig vernichtet und mußte ihr Heil in der kopflosen Flucht suchen.

Die Reorganisierung der britischen Seestreitmacht dauerte fast ein Jahr. Mit 240 modernst ausgestatteten Kriegsschiffen und fast 30.000 Soldaten wurde China wiederum besiegt. Am 13.10.1860 fielen die Sieger in Peking ein. Der chinesische Kaiser floh und seine Residenz in Peking wurde von den Engländern geplündert und zerstört.

Der erneute Frieden wurde am 24.10.1860 vertraglich besiegelt. Die Bedingungen:

Vor allem der letzte Punkt, der für die Schaffung des chinesischen Kuli steht, der nach der Abschaffung des Sklavenhandels mit Afrikanern den wachsenden Arbeitskräftebedarf der Industrialisierung befriedigen sollte, erwies sich nicht nur als fatal für die chinesische Bevölkerung, sondern hatte auch für die spätere weltweite Drogenpolitik weitreichende Folgen.

Der Opiumhandel....

Während die Engländer 1785 noch 200 Kisten Opium illegal nach China schmuggelten, waren es 1860, nicht mal hundert Jahre später, 100.000 Kisten mit einem ungefähren Wert von 18 Mio. Pfund Sterling.

Opium war in China trotz des Verbotes von Anbau und Handel zur Volksdroge Nr. 1 geworden. Angesichts des großen volkswirtschaftlichen Schadens durch den Opiumschmuggel beschloß die chinesische Regierung das Verbot von Anbau und Handel mit Opium aufzugeben.

1875 belief sich die chinesische Opiumproduktion auf 12 Mio. Pfund. Trotzdem führten die Engländer aus ihrer Kolonie Indien noch 1900 ca. 8 Mio. Pfund Opium nach China ein.

Die Rolle der Amerikaner

Da sich die Weltereignisse einem Krisenpunkt annähern, sollte es hilfreich sein, sich der Wichtigkeit des weltweiten Drogenhandels bewußt zu sein, der mit seinem unvorstellbar großen Potential für materielle Bereicherung und Macht in der Lage ist, ganze Bevölkerungen körperlich, finanziell und moralisch hilflos zu machen. Ebenso ist er geeignet, die politischen Ziele unserer "großen" Politiker zu beeinflussen und einen Zwang auf ihre Außenpolitik auszuüben. Da Afghanistan nun wieder zum sicheren Hafen für die Mohnblume gemacht worden ist, scheinen die großen westlichen Alliierten, also Großbritannien und die Vereinigten Staaten, die seit vielen Jahren Partner im internationalen Drogenhandel waren, bereit zu sein, das Diktat Adam Smiths[2] »Profit um jeden Preis« (auch bekannt als freier Handel) bis zur letzten Konsequenz anzuwenden. Dies kann in einen Vernichtungskrieg zwischen Ost und West münden, mit China als Hauptakteur auf der einen Seite und den Vereinigten Staaten und Großbritannien auf der anderen.

Nachdem ich diesen Fehdehandschuh nun hingeworfen habe, muß ich den historischen Ursprung des heutigen großangelegten Drogenhandels aufdecken. Dies führt uns zurück in die 30er Jahre des 19. Jahrhunderts und in die exotische Hafenstadt Kanton und die von dort ausgehenden drei Opiumkriege. Der damalige blühende Opiumhandel auf dem Rücken chinesischer Drogensüchtiger ist allgemein bekannt.[3] Vernachlässigt wird jedoch im allgemeinen die amerikanische Mitschuld und Doppelzüngigkeit in diesem Handel in der Zeit zwischen 1820-1850 und der daraus entstehenden "Verräter-Fraktion" unter der Elite der amerikanischen Ostküste.[4] Die heutige "liberale Ostküstenelite" mit ihrer irrationalen England-Liebe scheint aus der damaligen mit England verbundenen Korruption hervorgegangen zu sein.

Abschlachtung der chinesischen Flotte im ersten Opiumkrieg 1839-1842[5]

Nach Überzeugung der damaligen Seeleute dieser Fernost-Routen forderten die Drogenprofite, die mit dem Leiden von Millionen chinesischer Süchtiger gemacht wurden, unvermeidlich einen gerechten Preis von den Seelen und sogar dem gesundheitlichen Wohlergehen der Drogenkönige jener Zeit - unabhängig davon, ob sie selbst süchtig waren oder nicht. Viele dieser Drogenkönige, wie z.B. William Jardine, Vorstand des britischen Opium-Handelshauses Jardine & Matheson und womöglich der Reichste der Reichen, starben jung und konnten niemals die Früchte ihres unredlich erworbenen Reichtums genießen.

Die Chinesen hatten bereits 1729 Gesetze eingeführt, die die Einfuhr von Opium verboten. Jedoch seit der britischen Besetzung der opiumproduzierenden Gegenden Bengalens und Bihars in Indien im Jahr 1750 sowie dem Handelsmonopol, das der britischen Ostindischen Kompanie von der Krone 1797 gewährt wurde, gehörte die systematische und sorgfältige Umgehung der chinesischen Gesetze zur Tagesordnung. 1799 wurden die Briten durch strengere Gesetze des chinesischen Kaisers gezwungen, andere Häfen als Kanton oder die nahegelegene Insel Whampoa zu benutzen, wie etwa den alten portugiesischen Stützpunkt in Makao und später die Insel Lintin. 1804 jedoch war der offene Drogenhandel nach Kanton zurückgekehrt, da ein verzweigtes System von inoffizieller Duldung - einschließlich enormer Bestechungen - mit den chinesischen Beamten zu wachsen begonnen hatte, den sogenannten "Hongs". 1834 wurde der Ostindischen Kompanie das britische Handelsmonopol entzogen, und der daraufhin folgende Zuwachs privater Händler verursachte nicht nur eine Ausweitung des Drogenschmuggels, sondern auch eine Reihe kleinerer diplomatischer Auseinandersetzungen, die über das Hong-System hinausgingen. Bis 1827 war der Drogenhandel hauptsächlich ein britisches Unternehmen gewesen, aber in dem Jahr transportierte das amerikanische Schiff Nile mit dem 23-jährigen Seemann Robert Forbes an Bord die erste bekannt gewordene amerikanische Ladung von Opium nach China.[6]

Als die britischen Drogenhändler 1839 in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt wurden, indem sie für einige Wochen auf ihre "Fabriken" entlang des Kantoner Hafenbeckens beschränkt blieben, wurden diese chinesischen Maßnahmen zur Bekämpfung des Drogenhandels von den Amerikaner untergraben. Auch waren es amerikanische Schiffe, die aushalfen, um den legalen Teehandel für die durstigen englischen Salons weiterzuführen, als alle britischen Schiffe während des Vorspiel zum Ersten Opiumkrieg (1839-1842) von Kanton und ihrem vor der Küste liegenden Ausgangspunkt, der Lintin Insel, verjagt wurden. Während Warren Delanos[7] Verbindung mit dem Opiumhandel bekannt ist, gründeten verschiedene andere prominente amerikanische Familien ihren Reichtum ebenfalls auf diese Quelle; erwähnenswert ist hier z.B. die Familie Forbes.

Die Zahl der mit legalem Handel befaßten Amerikaner war durchaus nicht höher als die der Drogenschmuggler.[8] Der amerikanische Anteil am Opiumhandel war beträchtlich, besonders im Schmuggeln der zwar weniger wertvollen, aber immer noch sehr ertragreichen türkischen Abart. Es besteht kein Zweifel, daß die Engländer den Löwenanteil dieses schmutzigen Geschäftes betrieben, aber besonders in den Jahren, die dem Krieg zwischen England und China vorausgingen, war die amerikanische Beihilfe bei der "Wäsche" der Drogenprofite und der Finanzierung der Ankäufe von enormer Wichtigkeit für die Gesamtoperation.[9] Die fabelhaften Verbindungen der reichen Barings Bank in London hatten das Konto der Second Bank der Vereinigten Staaten während der Zeit zwischen 1820-1837 für sich gesichert, und Geldanweisungen über Konten dieser Bank nahmen eine Schlüsselstellung in diesem Geschäft ein.

Geständnisse der Skrupellosigkeit

Das skrupellose Gebaren der Opiumhändler zeigte sich noch schamloser in dem Ausmaß, in dem sie die Missionare benutzten, die den Kanonenbooten folgten und die nach dem Motto "Der Zweck heiligt alle Mittel" handelten. Ein britischer Missionar, Charles Gutzlaff, diente als Übersetzer bei vielen Drogengeschäften und verwaltete sogar eine im Ersten Opiumkrieg besetzte chinesische Stadt. William Jardine gelang es, Gutzlaffs Bedenken zu überwinden und sich dessen Dienste mit folgender Argumentation zu sichern:[10]

»Obwohl es unser sehnlichster Wunsch ist, daß du in keiner Weise dein großes Ziel verletzt, das du im Sinn hast, indem es erscheint, als ob du ein Interesse an dem hast, was von vielen als unmoralischer Handel betrachtet wird, ist es unbedingt notwendig, jedem solchen Schiff eine gute Chance zu geben... und je ertragreicher solche Unternehmen sind, desto besser sind wir in der Lage, dir Summen auszuhändigen, die du zur Verwirklichung Deines Dir naheliegenden Anliegens anwenden kannst (Missionsarbeit). Deswegen sind wir sehr an deinem Erfolg interessiert.«

Amerikanische und britische Drogenhändler zeigten ein gleiches Maß an Skrupellosigkeit in oft wiederholten Bemerkungen, daß der Genuß von Opium kein größeres Laster sei als der Genuß von Spirituosen. Trotz dieser lächerlichen Propaganda waren die Folgen dieser außerordentlich zersetzenden und süchtig machenden Droge vielen britischen Konservativen bekannt, wie dem jungen William Gladstone, dem späteren Premierminister der Liberalen Partei, der beobachtet hatte, wie seine reizende Schwester mit 24 Jahren als Folge eines Rezeptes für Laudanum (Opiumtinktur) süchtig geworden war, das ihr gegen eine unbedeutende Krankheit verschrieben worden war. Teils als Folge dieses schmerzhaften persönlichen Erlebnisses über die Wirkung von Opium trat Gladstone lautstark, aber leider erfolglos gegen die konservative Regierung und deren Opium-Politik und Kriegstreiberei auf. Jenen, die behaupten, der britischen Regierung sei der Handel der Bediensteten der ostindischen Kompanie unbekannt gewesen, möchte ich ein Zitat aus einer Rede Gladstones im britischen Parlament am Vorabend des Ersten Opiumkrieges entgegenhalten:[11]

»[...] das Recht ist meiner Meinung nach mit ihnen [den Chinesen]; und während sie, die Heiden und halbzivilisierten Barbaren, es auf ihrer Seite haben, verfolgen wir, die aufgeklärten und zivilisierten Christen, Methoden, die mit beidem, Recht und Religion, in Konflikt sind. [...] mir ist kein Krieg bekannt, noch habe ich von keinem solchen gelesen, der bezüglich seiner Ursache ungerechter wäre, und kein Krieg, dessen Führung dieses Land mit mehr Schande bedecken würde.«

In der Literatur finden wir ebenso viele Hinweise, die die Tatsache außer Zweifel lassen, daß die britischen Monarchen über den Opiumhandel Bescheid wußten. Forbes beklagte während der Krise vor Kriegsbeginn:[12]

»Bei den Opium-Lieferungen kam es zu einiger Verzögerung. [...] es ist beim gegenwärtigen Stand des Marktes sehr wünschenswert, möglichst viele Aufträge der Königin zu erfüllen.«

Charles Elliot, der britische Hochkommissar in Kanton für den China-Handel vor und während des ersten Opiumkrieges erklärte:[13]

»Es wurde höchst notwendig, der Königin das Recht für wirksame Sicherheit zu übertragen und zu belassen und ihr volle Entschädigung für jegliche Verluste zu gewähren.«

Diese Bekanntmachung folgte seiner Versicherung an die Opiumhändler von Kanton, daß die Krone sie für die 20.000 Kisten Opium entschädigen würde, die die Händler zur Vernichtung an die chinesische Regierung hatten liefern müssen. Dies wurde dann ein casus belli, als Elliott, Lord Palmerston und andere Mitglieder der Konservativen Partei sich nicht dazu durchringen konnten, vor dem Parlament zu argumentieren, die britischen Steuerzahler hätten für die Entschädigung von zwei Millionen Pfund Sterling an die Opiumhändler aufzukommen. Die Briten entschlossen sich statt dessen, diese Zahlung als "rechtmäßige Rückzahlung" in den Reparationen für den Ersten Opiumkrieg von den Chinesen zu erpressen.

Zahllose Einlagen und Anzeigen erschienen in den Londoner Zeitungen vor Ausbruch des Krieges, die behaupteten, daß die britische Flagge beleidigt worden sei, indem gefordert worden sei, daß die Schmuggler den Schmuggel ihrer Ware einstellen. Es wurde auch die Behauptung laut und weit verbreitet, die Chinesen hätten den Opiumhandel unterbinden wollen, weil ihr Verantwortlicher auf seinem Land selbst Mohn anbauen und nur die ausländische Konkurrenz ausschalten wolle.[14]

Typisch britische Grausamkeit

Es ist gut dokumentiert, daß der Krieg dann später mit typisch britischer Gründlichkeit und einer charakteristischen Grausamkeit durchgeführt wurde. Während des womöglich ersten dokumentierten Einsatzes eines "eisernen" Kriegsschiffes wurde im September 1840 die HMS Nemesis mit tödlicher Wirkung in der Zerstörung der nur leicht bewaffneten chinesischen Dschunken eingesetzt. Basil Lubbock beschreibt in seinem wundervoll illustrierten, seltenen Buch mit dem Titel The Opium Clippers folgendermaßen, wie das furchterregende und fremdartige Schiff mit der chinesischen Flotte leichtes Spiel gehabt hatte:[15]

»Kapitän Hall [der Nemesis] war ein regelrechter Feuerspeier; er überredete die anderen bald, eine zweite Landung zu unternehmen. Dieses Mal wurde alles in Brand gesetzt, Gebäude, Farmen, Reis- und Heu-Mieten, so daß bei Anbruch der Nacht die gesamte Gegend um Keeto Point in Flammen zu stehen schien.«

Dies ruft andere britische Brandschatzungen in Erinnerung, wie etwa 1755 in Arcadia oder jene im schottischen Hochland etwa zeitgleich mit den Opiumkriegen. Lubbock macht noch ein weiteres Eingeständnis:[16]

»Chapoo [sic] bot einen fürchterlichen Anblick; nicht nur die Kanäle, sondern auch die Wasserbrunnen waren mit den Leichen von Frauen und Kindern gefüllt.«

Zwar wird gelegentlich berichtet, die hier beschriebenen Grausamkeiten seien von den Vätern chinesischer Familien verübt worden, die verhindern wollten, daß ihre Familienmitglieder Mißbrauch und Vergewaltigung zum Opfer fielen. Aber selbst wenn dies wahr gewesen wäre, so hieße dies doch nur, daß die Furcht vor den Briten sehr groß gewesen sein mußte, wenn man sich zu solch extremen Maßnahmen veranlaßt sah. Die Zerstörung der Stadt Tin Hai (50.000 Einwohner) auf der Insel Tschu-Schan wurde mit so viel Gewaltätigkeit und Verwüstungen vollzogen, daß infolgedessen das chinesische Wort »lut« in den englischen Sprachschatz als »loot« (plündern) übernommen wurde.[17]

Jack Beeching beschreibt die Behandlung der chinesischen Bürger dieser unglücklichen Stadt folgendermaßen:

»Die Madras Artillerie brachte vier ihrer Geschütze an Land und hatte sie innerhalb von zwei Stunden auf dem Hügel in Stellung gebracht. Aus 360 Meter Entfernung begannen sie, systematisch in die inzwischen unverteidigte Stadt zu feuern. Als die Nacht hereinbrach, konnte man Tausende von Chinesen beobachteten, die durch die Tore aufs Land strömten. Feuer von der britischen Artillerie beschleunigte ihre Flucht. Keine britischen Verluste sind zu verzeichnen.«

Er fährt fort mit einem Zitat aus der India Gazette, die eingesteht:[18]

»[eine] vollständigere Plünderung ist nicht vorstellbar. [...] Die Plünderung hörte erst auf, als nichts mehr zu stehlen oder zu vernichten übrig geblieben war.«

Die grausamste Metzelei fand in der Stadt Ningpo auf dem Festland statt. Beeching beschreibt sie wieder ausführlich für uns:[19]

»Chinesische Soldaten strömten die gerade Straße herunter, die vom südlichen Stadttor zum Marktplatz im Zentrum von Ningpo führte. Sie liefen aber geradewegs in eine britische Haubitze, die von Pferden hochgebracht und schnell in Stellung gegangen war. Hauptmann Moore, unter dessen Kommando die Haubitze war, wartete, bis die Entfernung nur noch die Länge eines Kricket-Feldes betrug, und feuerte dann mit Schrapnell-Munition. Jeder Schuß dieses Geschützes riß furchtbare Löcher in ein Dutzend Körper. Die vorderen chinesischen Reihen wurden von den nachfolgenden nach vorne geschoben und hatten keinerlei Möglichkeit zu entkommen. Als die Haubitze laufend weiter feuerte, verstopfte sich die Straße schnell mit Toten und Sterbenden. Als die Chinesen schließlich aufgaben und flüchteten, war der Berg verstümmelten Fleisches mehr als dreizehn Meter lang.«

Verschiedene Autoren vertreten die Meinung, daß andere Gründe als das Opium den chinesischen Kaiser und die britische Königin zu dieser äußersten Maßnahme greifen ließen. Einige sagen, daß die Bezeichnung "Opiumkriege" britische Interessen in einem ungerecht schlechten Licht erscheinen lassen. Einige Autoren behaupten, daß der chinesische Kaiser durch die Umkehr der Silberhandelsbilanz beunruhigt wurde, ausgelöst durch die steigende Opium-Einfuhr nach China, daß seine Besorgnis um die süchtigen Chinesen aber nur zweitrangig war. Andere meinen, die Königin sei der protektionistischen chinesischen Wirtschaftsauffassung überdrüssig geworden und habe einem Kriege nur zugestimmt, um China zum "freien Handel" zu zwingen, daß es aber nur von zweitrangiger Bedeutung gewesen sei, die Opium-Profite in die britischen Konten fließen zu sehen.

Die Neue Weltordnung begann 1839

Im Licht des Vorstehenden würde es nicht ungerecht sein, den ersten Opiumkrieg als den ersten Krieg von vielen zu bezeichnen, die für die Prinzipien der "Neuen Weltordnung" geführt worden sind, einschließlich der gleichzeitigen Einführung der weltweiten Anerkennung von "internationalen Gesetzen" und "einem freundlichen Verständnis zwischen den Nationen."

Der offizielle Eintritt der USA in diese Art Politik waren die zwei Expeditionen des US-Kommodore Matthew Perry nach Japan in den Jahren 1853/54 mit dem Ergebnis, daß Japans Isolationismus unter der Androhung von Gewalt gebrochen wurde.[20] Die Ähnlichkeit, mit dem die Außenpolitiker Großbritanniens und der USA die geopolitische Wichtigkeit des Welthandels betrachten, ist frappierend. Jedenfalls hatte der Wunsch des chinesischen Kaisers, die ausländischen Händler auf ein schmales Gebiet um die Stadt Kanton zu beschränken, dramatische Auswirkungen auf die Handelsbeziehungen zwischen China und den angelsächsischen Nationen als Folge des 1842 abgeschlossenen Vertrages von Nanking.

Die britische Verachtung für jede Staatshoheit - außer der eigenen - sowie die Mächte des "freien Handels" erreichten, daß viele weitere chinesische Städte für den segensreichen Drogenhandel geöffnet wurden. Bis zur ersten Dekade des zwanzigsten Jahrhunderts war es den chinesischen Behörden nicht möglich, diese Bedrohung ihres Landes erfolgreich auszumerzen.

Der Hochmut der USA gegenüber Japan, der 1853 mit Perrys Expedition begann, war der Weg, der 1941 zu Pearl Harbor führte. Die Chinesen haben aber bisher dem Westen nichts für die erlittenen Greuel des Opiumhandels oder die in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts erfolgten Verletzungen ihrer Souveränität heimgezahlt.

Historikern, die die Rolle des Parlaments in der Perversion der Opiumkriege bestreiten, können Aussagen wie diese des Duke of Wellington (1838) entgegengehalten werden:[21]

»Weit davon entfernt, diesen Opiumhandel verdrießlich zu betrachten, hat das Parlament ihn begrüßt und geraten, ihn auszuweiten und eifrig nach Wegen gesucht, ihn zu fördern.«

Das Auswahlkomitee des britischen Parlaments straft solche Unschuldsbehauptungen weiter Lügen durch die eigenen Zugeständnisse in seinen Berichten von 1830 und 1832:[22]

»Die Profite des Opiumhandels mit China haben sich in den letzten Jahren zusätzlich zu den indischen Gütern als eine sehr wichtige Unterstützung erwiesen. [...] Es scheint nicht ratsam, solch eine wichtige Einnahmequelle wie das Opiummonopol der East India Company für Bengalen aufzugeben.«

Als am schlagkräftigsten erweist sich in der Debatte mit jenen, die die britische Verantwortung für den Opiumhandel abtun wollen, der Offene Brief des chinesischen Drogenbeauftragten Lin Dsö Hsü an Königin Victoria:[23]

»Nehmen wir den Fall, daß Ausländer aus einem anderen Land kämen und Opium nach England brächten und Leute ihres Landes verführten, es zu rauchen. Würden Sie als Landesmutter solches Gebaren nicht mit Zorn betrachten und in Eurem berechtigten Abscheu Euer Möglichstes tun, es zu unterbinden? Es ist uns immer gesagt worden, daß Eure Majestät viel Land besitzt und ein gütiges Herz haben. Sicherlich müssen Sie da unfähig sein, einem anderen etwas anzutun, oder zu veranlassen anzutun, was Sie nicht von einem anderen für sich selbst zu erleiden wünschen.«

Anscheinend war Königin Victoria durchaus "fähig", da ihre Antwort bald in Form einer Breitseite von 37 Schiffsgeschützen ankam.

Karl Marxens Verteidigung der britischen Opiumpolitik ist bezeichnend für die Weise, mit der sich die meisten anti-republikanisch gesinnten Ideologien auf drogengestützte finanzielle Pfeiler stützen. Marx meinte, daß die Chinesen genauso wenig geneigt seien, ihr Opium aufzugeben, wie die Deutschen geneigt seine, den Tabak aufzugeben. Auch glaubte er, die Chinesen müßten erst völlig berauscht sein, bevor sie in der Lage seien, sich aus ihrer ererbten Dummheit zu erheben.

Der gegenwärtige "Krieg gegen den Terror" ist nun möglicherweise angetan, einen schlafenden Riesen zu wecken, den der Westen besser weiterschlafen ließe.


Anmerkungen

Der erste Teil dieser Studie wurde den Webseiten www.rauschnetz.de/krieg1.htm bis ~6.htm entnommen; der zweite Teil entstammt mit freundlicher Genehmigung der Barnes Review, 8(4), S. 53-56 (645 Pennsylvania Ave. SE, Suite 100, Washington, D.C., 20003, USA); aus dem Englischen übersetzt von Hans Rummel.

[1]http://filmcritics.org.hk/opiumwar/opiumwar1.jpg
[2]Adam Smith argumentierte in Wealth of Nations, daß menschliches Benehmen am besten geordnet ist, wenn jedermann seinen eigenen Wünschen folgen kann. Dabei schloß er den Drogenkonsum ein, da er sagte, daß Opium ein legitimes Handelsprodukt sei wie jedes andere und daß es keine Gesetze geben sollte, die die "unsichtbare Hand" des freien Marktes zügeln.
[3]The Barnes Review, Juni 1997, S. 3-7.
[4]Anton Chaikin dokumentiert in seinem Buch 7 Feason in America, wie die gemeinsame Verschwörung zwischen den britischen und amerikanischen Opiumhändlern zu einem harmonischen politischen Verhältnis zwischen amerikanischen und britischen Gesetzgebern führte, das bis zum heutigen Tage anhält und leicht bis zum Landesverrat reicht.
[5]web.jjay.cuny.edu/~jobrien/reference/ob36.html
[6]Basil Lubbock, The Opium Clippers, Lauriat Co., Boston 1933, S. 61.
[7]Ein Vorfahre von Franklin Delano Roosevelt.
[8]Hsin-pao Chang, Commissioner Lin and the Opium War, Harvard U. Press, Cambridge 1964, S. 31, 42. Chang sagt auf S. 30f.: »Zu dieser Zeit wurde weithin geglaubt, daß Amerikaner wenig mit dem Opiumhandel zu tun hatten.« Dieser Gedanke wurde aber von der britischen Zeitschrift dieser Zeit The Quarterly Review widerlegt: »Ganz im Gegenteil; außer nur einer oder zwei Ausnahmen war jedes amerikanische [Handels]Haus in China an dem Handel beteiligt. Da waren amerikanische Schiffe in Lintin und der Küste entlang. [...] In Wirklichkeit hatten unsere überseeischen Brüder ihren vollen Anteil in beidem, dem Vorfall, der den Disput von 1839 auslöste, und ebenso den Beleidigungen und Gewalttätigkeiten, die sich daraus ergaben. [...] Die Amerikaner handelten mit indischem und türkischem Opium. Sie monopolisierten das türkische Produkt aber so weitgehend, daß viele Chinesen glaubten, daß die Türkei ein Teil der Vereinigten Staaten sei.«
[9]Michael Greenburg, British Dude and the opening of China, Cambridge University Press, 1951, S. 164f.
[10]Chang, aaO. (Anm. ), S. 95.
[11]Jack Beeching, The Chinese Opium Wars, Harcourt, Brace & Jovanovich, N.Y. 1975, S. 110.
[12]Chang, aaO. (Anm. ), S. 166.
[13]Ebenda, S. 188.
[14]Lin Dsö Hsü, dem der Beiname "klarer Himmel" wegen seiner allerseits anerkannten Rechtschaffenheit gegeben worden war.
[15]Lubbock, aaO. (Anm. ), S. 227.
[16]Ebenda, S. 231.
[17]Beeching, aaO. (Anm. ), S. 116.
[18]Ebenda, 115f.
[19]Ebenda, 146.
[20]Vgl. http://www.grifworld.com/perryhome.html
[21]Chang, aaO. (Anm. ), S. 49.
[22]Ebenda, 48.
[23]Ebenda, 137.

Weiterführende Literatur


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 7(2) (2003), S. 132-138.


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