Die Elefanten im Zimmer

Von Bradley Smith

Die meisten von uns verstehen, daß es unweise ist, Querverbindungen zu ziehen zwischen der Tragödie der Palästinenser in Israel, den Ereignissen des 11. September 2001 und dem Krieg der US-Regierung gegen den Irak. Man spürt allgemein, daß derjenige Gefahr läuft, des Antisemitismus bezichtigt zu werden, der eine solche Querverbindung öffentlich herstellt. Diese Furcht ist vollkommen berechtigt. Weist man auf die Zusammenhänge hin, so wird man als Antisemit an den Pranger gestellt. Niemand läßt sich gerne als Dummkopf oder gar als Vertreter einer verbrecherischen Ideologie beschimpfen. In Slate schreibt Michael Kingsley:[1]

»Hier haben wir wieder den sprichwörtlichen Elefanten im Zimmer vor uns. Jeder sieht ihn, keiner spricht von ihm.«

Der Elefant im Zimmer ist Israel sowie der Einfluß, den israelische und amerikanische Zionisten auf die Bush-Regierung ausüben. Herr Bush hat im US-Fernsehen gesagt, Sharon - also der Schlächter von Beirut - sei »ein Mann des Friedens«. Saddam Hussein hingegen gilt bekanntlich als Unhold. Nun ja, man läßt seine Verbündeten halt immer im hellsten und seine Gegner im düstersten Licht erscheinen.

Kinsley und ein paar andere Journalisten mögen immerhin noch darauf hinweisen, daß es in der Tat einen Elefanten im Zimmer gibt, doch kommen sie nie auf den Gedanken - oder wenn sie doch darauf kommen, verschweigen sie es -, daß es ihre Leser durchaus interessieren könnte, woher dieser Dickhäuter kommt. Wer hat ihn beispielsweise erzeugt? Wer hat ihn so lange aufgepäppelt, bis er seine heutige, beeindruckende Leibesfülle erreicht hat? Wer von uns ist erpicht darauf, dieses trampelfüssige und gefährliche Haustier sauberzuhalten und zu füttern? Wie konnte er sich zu jenem Monstrum entwickeln, das man nicht beim Namen nennen darf, ohne den Konsens zu gefährden, auf dem unsere politische Kultur beruht?

Tatsache ist, daß wir mehr als einen Elefanten im Zimmer haben. Hinter dem, den wir sehen, verbirgt sich noch ein anderer, unsichtbarer: Die Mutter aller Elefanten im Zimmer. Diese Elefantenmutter schützt ihr Kalb, macht ihm Mut, versichert ihm, daß nie jemand ein böses Wort zu ihm sagen wird, egal wie es sich benimmt. Sie wird ihren Sproß weiter hegen und nähren, bis die Katastrophe schließlich eintritt: Krieg, Vergeltung, Blutvergießen und Massenvernichtungswaffen. Wer ist diese Elefantenmutter?

Ihr Name ist Holocaust. Sie verleiht allem, was ihr Riesenkalb anstellt, moralische Legitimierung. Wenn es doch einmal vorkommt, daß man ihrem Sprößling wegen seiner Verachtung für die Araber, seiner Brutalität, seiner Gier nach palästinensischem Land ein mahnendes „He du!" zuruft, hebt dieser sein großes Ohr und lauscht dem Ratschlag seiner Mutter. Ohne den schützenden Schatten zu verlassen, rollt sie dann ihren sehnigen Rüssel hoch und raunt ihrem Sohn zu:

»Bring das Gespräch wieder auf die Öfen von Auschwitz, Liebling! Sprich über Auschwitz, mein Herzchen!«

Nicht, daß der Rüpel vergessen hätte, was in der Vergangenheit immer so gut geklappt hat. Wie jeder Elefantenjunge mit einem starken Vater oder einer starken Mutter will er lediglich bestätigt bekommen, was er schon weiß. Wenn man soviel auf dem Kerbholz hat wie dieser Schwerfüßler, tut es immer gut, wenn man sein Gewissen beruhigen kann. Natürlich würde er Auschwitz auch dann nie vergessen, wenn man ihn nicht daran erinnerte. Der Gedanke an Auschwitz hat ihn keine Minute verlassen. Auschwitz war schön. Auschwitz war wie ein wunderbarer Traum. Ob er nun Touristen durch Yad Vashem führte, sich palästinensischen Boden unter den Nagel riß, jeden niedertrampelte, der sich ihm in den Weg stellte, oder seine kurze, grausame Geschichte fröhlich und unter Gläserklirren bei einer Cocktail Party in Tel Aviv oder Washington zum besten gab, Auschwitz war immer da und bot ihm perfekten Schutz. Auschwitz war wie eine magische Decke, die er auf seinem breiten Rücken trug und die sicherstellte, daß ihn jedermann zugleich sah und nicht sah. Wie Michael Kinsley und Konsorten.

Mel Gibson dreht einen Film über die Kreuzigung Christi, oder das, was wir über dieses Thema wissen beziehungsweise zu wissen vermeinen. Rabbi Marvin Hier vom Simon Wiesenthal Center ist zutiefst beunruhigt. Allem Anschein nach peinigt ihn die Sorge, Gibson, ein traditionalistischer Katholik, könnte letzten Endes gar die Rolle, welche Juden beim Mord an Jesus gespielt haben, mehr oder weniger realistisch nachzeichnen. Er fürchtet, Gibson könnte den Eindruck erwecken, alle Juden weltweit seien für den Tod Jesu verantwortlich. Trotzdem hält sich der Rebbe vornehm zurück:

»Natürlich hat noch niemand The Passion gesehen, und ich will Mel Gibson gewiß nicht das Recht absprechen, das zu glauben, was er für wahr hält, oder einen Film seiner Wahl zu drehen.«

Doch da gibt es noch Mel Gibsons Vater, Hutton Gibson. Der alte Mann (er zählt 84 Lenze) ist ein radikaler Verschwörungstheoretiker, der meint, im Vatikan säßen schon seit geraumer Zeit „Antipäpste", es gebe möglicherweise eine von „den Juden" unterstützte freimaurerische Verschwörung, und Al Qaida habe nichts mit den Angriffen auf die Türme des World Trade Center zu tun.

Ich will mich zu diesen Fragen nicht äußern. Jedoch...

In einem Interview mit dem New York Times Magazine[2] verwarf Hutton

»die von Historikern aufgestellte Behauptung, wonach sechs Millionen Juden ausgerottet worden sind. „Fragen Sie doch einen Beerdigungsunternehmer oder den Burschen, der das Krematorium bedient, was es braucht, um eine Leiche einzuäschern", sagte er. „Es braucht einen Liter Benzin und zwanzig Minuten.[3] Und sechs Millionen?" Er fuhr fort: „Es gab nach dem Krieg mehr [Juden] als vor dem Krieg."«

Weiter:

»„Die ganze Katastrophe wurde künstlich herbeigeführt", sagte Hutton, „und zwar als Teil einer Absprache zwischen Hitler und den Financiers, um die Juden aus Deutschland herauszubekommen. Hitler wurde durch diese Absprache veranlaßt, den Juden das Leben schwer zu machen, damit sie alle nach Israel auswanderten, denn dort brauchte man Menschen, um die Araber zu bekämpfen", sagte er.«

Bestimmt hat Mel Gibson viel Ärger wegen seines Vaters. Ich will mich nicht dazu äußern, ob der alte Herr mit seinen Behauptungen recht oder unrecht hat, außer daß er mit seinen Bemerkungen zum Sechsmillionenunsinn sowie den Kremierungen den Nagel auf den Kopf getroffen hat. Was er sagte, war zwar gewiß nicht der Weisheit letzter Schluß, aber immerhin schon etwas, besonders wenn man bedenkt, daß er 84 Jahre alt ist.

Wenn es um den alten Hutton Gibson geht, bekennt sich Rabbi Hier nicht mehr zu dessen Recht, »das zu glauben, was er für wahr hält«. Nach seiner Meinung zu Gibsons Kommentaren im New York Times Magazine gefragt, sagte er:

»Für Fanatiker und Antisemiten sind auch noch so viele Beweise oder wissenschaftliche Belege nie genug. Für sie zählt nur der Haß.«

Wissenschaftliche Belege? Da haben wir's! Das ist der Rabbi Hier, den wir kennen. Schließlich geht es diesmal um den Holocaust. Die Gibsons haben ihre Überzeugungen, und der Rebbe hat die seinen. Mit dem Recht des alten Gibson, zu glauben, was er will, ist es da nicht mehr weit her. Wenn er bezweifelt, was Rabbi Hier über Gaskammern und Krematorien zu wissen wähnt, geht es ihm an den Kragen. Er ist ein »Hasser«. Zum Teufel mit dem Recht auf eine eigene Meinung!

Mit dem Glauben an heilige Geschichten - und zwar alle von ihnen - gibt es ein Problem. Die Holocaust-Geschichte ist nichts anderes als die heilige Geschichte der Juden, ob sie nun religiös sind oder nicht, und darum darf man sie nicht in Frage stellen. An einer heiligen Geschichte gibt es nichts zu debattieren, man muß felsenfest an sie glauben, und dem wahren Gläubigen bereitet sein Glaube Vergnügen. Die Gefahr liegt nur darin, daß sich eine für unumstößlich wahr gehaltene Geschichte als fragwürdig oder sogar nachweisbar falsch herausstellen kann. Dann ist jäh Schluß mit der Gewißheit und dem Vergnügen, und an deren Stelle treten Schmerz und Zorn.

Diese Drohung, die Furcht, daß sein Glaube auf Sand gebaut sein könnte, ist der Grund für die Angst, den Zorn und die Verzweiflung des Rebben. Wie alle modernen Philosemiten in Amerika hat er, dem Samson des Alten Testaments gleich, den Backenknochen eines Esels zur Hand, mit dem er auf Andersdenkende eindrischt, um ihren guten Ruf zu zerstören, sie zu „Gedankenverbrechern" abzustempeln und jede offene Debatte über seine heilige Geschichte abzuwürgen.

Ich persönlich habe keine Schwierigkeiten mit Fragen der Gewißheit und des festen Glaubens. Ich bin mir über alles und jedes unsicher und über nichts sicher. Ich habe eingestandenermaßen Vorurteile und Herzenswünsche. Nach Vergnügen suche ich immer an der falschen Stelle.

B.R. Smith

Regimewechsel

Der Krieg kann einem schwer zu schaffen machen, auch wenn man selbst nicht an ihm beteiligt ist. Die ungeheuerliche Dramatik der Ereignisse, bei denen es für Hunderttausende um Leben oder Tod geht, die Frage nach Tyrannei und Freiheit... Heute morgen habe ich gehört, daß die U.S. Führer statt von einem „Regimewechsel" im Irak immer mehr von der „Befreiung des irakischen Volkes" sprechen. Diese Verlagerung des Schwerpunkts gefällt mir. Es braucht nicht viel, um mich glücklich zu machen. Ein Regimewechsel kann zur Befreiung eines Volkes führen, aber auch zu etwas ganz anderem. 1948 gab es in Palästina einen Regimewechsel zugunsten der europäischen Juden. Wem brachte er die Freiheit?

Der Regimewechsel in Palästina führte zum Krieg, der massenhaften Übernahme palästinensischen Bodens durch Juden sowie zur Vertreibung Hunderttausender von Palästinensern aus ihrer Heimat. Er führte zu weiteren Kriegen, der Errichtung jüdischer Siedlungen auf Boden, der nicht den Juden gehört, der Entstehung bewaffneter palästinensischer Guerillagruppen, welche die „Eindringlinge" verjagen wollten, sowie einer stetig wachsenden Feindschaft der gesamten arabischen

und islamischen Welt gegenüber Israel, den Juden sowie den Amerikanern, welche alles bezahlen.

Dies heißt, daß Regimewechsel nicht gleich Regimewechsel ist. Man stelle sich vor, 1948 hätte man von der „Befreiung des palästinensischen Volkes" gesprochen statt von einem bevorstehenden Regimewechsel, bei dem eine arabische Regierung durch eine jüdische abgelöst werden sollte. Dann hätten die Ereignisse in jenem Weltteil einen ganz anderen Verlauf genommen. Wir wissen nicht, was geschehen wäre, gäbe es inmitten der arabischen Welt keinen Staat Israel, doch jedenfalls wäre alles anders, als es ist. Die Juden würden unter arabischer Verwaltung leben, genau wie sie es zuvor jahrhundertelang friedlich getan hatten, und die US-Regierung müßte anderswo nach Völkern ausspähen, die ihrer Befreiung harren.

Rhetorik über die Befreiung des palästinensischen Volkes war damals nicht gefragt. Die ganze Rhetorik drehte sich um die europäischen Juden, die von den Nazis in Gaskammern ausgerottet worden waren und deswegen das Recht hatten, in Palästina einen Regimewechsel in die Wege zu leiten. Dabei spielte es keine Rolle, daß die behauptete einzigartige Greueltat der Deutschen niemals bewiesen, sondern in Nürnberg lediglich „von Amts wegen zur Kenntnis genommen" worden war. Die Anklage beruhte auf den Berichten von Augenzeugen, von denen sich mittlerweile viele als Verrückte oder Lügner entpuppt haben. Dies darf man freilich nicht laut aussprechen. Es ist ein Tabu. In der Welt der Tabus hat die Wahrheit nichts zu suchen. Die Wahrheit ist keine Verteidigung, wenn jemand ein Tabu bricht.

Wenn die Amerikaner den Irak unterworfen haben, wird die Frage der Unterdrückung der palästinensischen Araber durch Israel dadurch nicht vom Tisch sein. Die Wunde wird weiter schwären. Die israelische Verachtung für die Palästinenser, die finanzielle Unterstützung Amerikas für alles, was Israel tut, der dadurch heraufbeschworene Zorn der arabischen und muslimischen Radikalen - all dies wird durch den Irak-Feldzug nicht verschwinden. Aber man darf nicht darüber reden. Nachdem die Deutschen die europäischen Juden ausgerottet hatten, strömten diese, obgleich sie doch eben erst ausgerottet worden waren, in hellen Scharen nach Palästina und rissen den größeren Teil des Landes an sich. Der dadurch ausgelöste Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt dauert bis heute an, und es gibt keinen Grund zur Annahme, daß sich daran in naher Zukunft etwas ändern wird. Schließlich besassen die Juden das Recht, an sich zu reißen, was immer sie wollten. Sie waren ja scließlich ausgerottet worden.

Aber darüber darf man nicht reden. □


Anmerkungen

Aus dem Englischen übersetzt von Jürgen Graf.

[1]http;//slate.msn.com/id/2073093
[2]www.nytimes.com/2003/03/09/magazine/09GIBSONhtml
[3]Diese Werte liegen weit unter den tatsächlichen. Der Übersetzer.

Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 7(2) (2003), S. 122f.


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