Bücherschau

Unauslöschliche Schatten: Die Filmwelt und der Holocaust

Von Francis Dixon

Annette Insdorf, Indelible Shadows: Film and the Holocaust, 3. Aufl., Cambridge University Press, Cambridge 2003, 430 Seiten, $25.-

Unauslöschliche Schatten ist eine sehr eigensinnige Studie über Spiel- und Dokumentarfilme, die sich auf den Holocaust beziehen, der von der Autorin Annette Insdorf als »Völkermord am europäischen Judentum« näher bezeichnet wird. Wenn der Autorin geglaubt werden soll, ist das Buch, das erstmals 1983 herausgegeben wurde, ein Versuch, Holocaust-Filme vor allem vom ethischen Standpunkt aus zu bewerten, wobei Wahrheit und Seriosität höchste Priorität zukommen anstatt Sensationshascherei und Irrtum. Unauslöschliche Schatten verfehlt diese Ziel allerdings weit; die interessante Frage ist warum.

Ein Grund für das Versagen des Buches liegt an den rätselhaften Auswahlkriterien, nach denen die Autorin Holocaust-Filme in ihre Studie aufnimmt. Vielleicht ist die Einbeziehung des Films The Great Dictator aus dem Jahre 1940 gerechtfertigt mit seinen Konzentrationslager-Szenen und komödienhaft dargestelltem Widerstand von Ghetto-Insassen. Diesem Film werden sechs Seiten gewidmet. Wie kann aber die lange Behandlung des Filmes Cabaret (1972) oder Ingmar Bergmanns The Serpent’s Egg (1977) gerechtfertigt werden, die beide in der Weimar Republik spielen? Die Autorin hängt womöglich der intentionalistischen Denkschule an, also der These, daß der Holocaust schon Jahre, wenn nicht gar Jahrzehnte im voraus geplant worden war, bevor er tatsächlich angefangen haben soll. Es ist aber wahrscheinlicher, daß beide Filme lediglich deshalb aufgenommen wurden, weil sie typische NS-feindliche bzw. deutschfeindlich Propaganda darstellen.

Bei all ihrer moralisierenden Ernsthaftigkeit ist Insdorf, die einen Lehrstuhl für Filmstudien an der Columbia Universität inne hat, offensichtlich in ihrem Urteilsvermögen verwirrt. Es stimmt zwar, daß Mel Brooks The Producers (1968) nicht die Erwartungen erfüllte. Aber respektvolle Beachtung erhält The Boys from Brazil (1978), eine Phantasie, in der Dr. Mengele (vergessenswert von Gregory Peck dargestellt) mehrere Dutzend Hitler-Klone auf die Welt losläßt, bevor sie von einer Simon-Wiesenthal-Figur namens Ezra Liebermann (von einem etwas fehlplazierten Lawrence Olivier dargestellt) unschädlich gemacht werden (»ein unterhaltsamer Krimi, der einige wichtige Fragen über Nazi-Weiterbetätigung aufbringt«, Seite 10). Warum wird aber der Film The Odessa File (1974) übergangen, der mehr von Wiesenthals Münchhausiaden bringt? Oder They saved Hitlers Brain (1963)? Sie könnte das als "eine beunruhigende Geisterbeschwörung der Verdrehung von Biologie und Medizin im Dritten Reich" bezeichnen.

Wenn Professor Insdorfs jedoch schreibt, daß »für jeden, der Marathon Man sah, in dem Lawrence Olivier einen Nazi-Zahnarzt darstellt, der in New York City Amok läuft, Oliviers vorzügliche Leistung als Liebermann eine zu große Vielseitigkeit nahelegt« (Seite 11), so wird diese Meinung die meisten Leser von VffG davon überzeugen, daß ein zu eingehender Versuch, ihre kritischen Maßstäbe und Methoden zu ergründen, vergeudete Zeit wäre.

In ihrer Kritik von Filmen, die Aspekte des Holocaust zeigen, ist Insdorf gewöhnlich unnachgiebig mit Hollywood und beschuldigt es aller möglicher Vergehen – von Holo-Kitsch und übermäßiger Anwendung von Blut und Eingeweiden bis zu einer zu großen Sensibilität für die Belange von Nichtjuden. Es ist amüsant zu erfahren, daß eine Beschwerde der amerikanischen Gas-Vereinigung eine Streichung des Wortes "Gas" in der Fernsehfassung des Films Judgment at Nuremberg on Playhouse 90 (1959, Seite 3) zur Folge hatte. Amüsant zu lesen ist auch, daß es die Bräuche Hollywoods bei Regie und Rollenbesetzung seien, die die Glaubwürdigkeit von Anne Franks Tagebuch unterminieren (1959, Seite 7). Offensichtlich ist die Autorin unbeeindruckt von den Unterschieden zwischen den verschiedenen Textfassungen des Tagebuches und von den feststellbaren Abweichungen von der Wirklichkeit, wie sie von Robert Faurisson aufgedeckt wurden, und auch nicht von der Überarbeitung, die von der Autorin Ira Levin erwähnt wird, um den Inhalt des Tagebuches für Theater- und Filmbesucher schmackhafter zu machen.

Es ist einfach, Dutzende von Filmen und Hunderte von Dokumenten durchzusehen und darin derartige Unstimmigkeiten zu finden. Warum wird die Rolle von Robert Mitchum in War and Remembrance (1989, Seite 23) hinsichtlich seiner revisionistischen und "antisemitischen" Bemerkungen nicht kritisiert? Er wollte zu der Zeit Israel besuchen und dabei ein "I like Ike"-Abzeichen tragen mit Ike als Bezug auf Adolf Eichmann. Wie kann ein antisemitischer polnischer Priester, der in Auschwitz starb (Life for Life = Leben für Leben – Maximilian Kolbe, 1991) als ein Film für einen Völkermord an den Juden qualifizieren? Was genau soll es bedeuten, wenn ein früherer SS-Mann (Dirk Bogarde) seine frühere Lager-Insassin und sadomasochistische Geliebte (Charlotte Rampling) während eines beherzten Geschlechtsverkehrs in einem Hotel im Jahre 1957 in Wien mit Marmelade beschmiert? Was hat das mit dem Holocaust zu tun, und warum wird es hier respektvoll behandelt? (The Night Porter, 1974, S. 130-132). Da Indelible Shadows (Unauslöschliche Schatten) ein Vorwort des unvergleichbaren Elie Wiesel enthält, wäre es unbarmherzig, zu viele solcher Fragen zu stellen. Das würde bedeuten mitanzusehen, wie sich der dünnhäutige St. Sebastian des Holocaust-Kults sowie auch Frau Insdorf angesichts Hunderter stechender Nadeln zunächst in Nadelkissen und sodann gar in Igel verwandeln.

Was die mit Moralität verbrämte Authentizität der Darstellung des angeblichen Völkermords anbelangt, setzt die Autorin den 1954er Film von Alain Renais Night and Fog (Nacht und Nebel), den 1985er Film Shoah von Claude Lanzmann sowie Steven Spielbergs Schindlers Liste an die erste Stelle der Holocaust-Filme. Die in Night and Fog behaupteten neun Millionen Opfer von Auschwitz bereiten ihr scheinbar keine Probleme. Sie stimmt den Anklagen zu, die von sensationellen Bildern begleitet sind und zeigen, daß Körper angeblich zu Seife, Kunstdünger, Lampenschirmen, Handtaschen und dergleichen verarbeitet wurden (Seite 37). Die sprechenden Köpfe und klucksenden Karikaturen in Shoah sind scheinbar genügend Beweis für Insdorf, daß bis zu drei Millionen Juden in Auschwitz vergast wurden. Aber sie ist ja auch naiv genug, um die Behauptung eines von Lanzmann Befragten zu glauben, daß es ihm von den Deutschen erlaubt worden sei, sein großes Schuldbewußtsein mit großen Mengen von Wodka zu betäuben, das ihm dadurch verursacht wurde, daß er als Lokomotivführer Zugladungen von Juden nach Treblinka befördern hatte. Was Schindlers Liste anbelangt, so zieht Insdorf es auch hier vor, die zahlreichen Abweichungen von den historischen Tatsachen zu übergehen und über die Tatsache zu moralisieren, daß der Hauptdarsteller des Films nach dem Maßstab der Nürnberger Gerichte in mehr als sechsfacher Hinsicht ein Kriegsverbrecher war. Insdorf rührt es nicht, daß der Schwerpunkt des Films auf Sadismus gerichtet ist und daß dessen Darstellungsweise ein Rückfall auf das Niveau der Sensationsmeldungen der unmittelbaren Nachkriegszeit bedeutet, einschließlich sich windender gehorsamer Juden und ihr Nazi-Retter.

Annette Insdorf gibt sich große Mühe, Holocaust-Filme zu finden, die sowohl moralisch rechtschaffend als auf verkaufbar sind. Ihr Buch hinterläßt aber dennoch den starken Eindruck, daß ihr Interesse bezüglich dieser Filme tatsächlich darin liegt, den Holocaust-Kult – mit ausgesprochener Voreingenommenheit und wenig Respekt für historische Tatsachen – unter eine größtmögliche Zuschauerschaft zu bringen.


Zuerst veröffentlicht in The Revisionist 1(3) (2003), S. 343f.; übersetzt von Hans Rummel.


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 7(3&4) (2003), S. 460f.


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