Wie Israel den Frieden ermordet

Israelischer Planierraupen-Fahrer ermordet US-Friedensaktivistin

Von Nigel Parry und Arjan El Fassed

Am 16. März 2003 wurde die 23 Jahre alte US-amerikanische Friedensaktivistin Rachel Corrie aus Olympia, Washington, in der Stadt Rafah im besetzten Gazastreifen von einem israelischen Planierraupenfahrer ermordet. Rachel hielt sich im Gazastreifen auf, um gegen das Einebnen palästinensischer Wohnhäuser zu protestieren. Sie war eine Freiwillige der International Solidarity Movement (Internationalen Solidaritätsbewegung), die sich selbst wie folgt beschreibt:[1]

»Die Internationalen Solidaritätsbewegung ist eine palästinensisch geleitete Bewegung palästinensischer und internationaler Aktivisten, die sich dafür einsetzt, das Bewußtsein für den palästinensischen Freiheitskampf und für ein Ende der israelischen Besetzung zu stärken. Wir wenden gewaltfreie, direkte Handlungsmethoden des Widerstands an, um den illegalen israelischen Besatzungskräften und deren Politik zu begegnen und sie herauszufordern.

Foto aufgenommen zwischen 15:00-16:00 Ortszeit am 16. März 2003 in Rafah, besetzter Gazastreifen. Eine deutlich sichtbare Rachel Corrie, ein Megaphone hochhaltend, stellt sich dem Fahrer einer der zwei Planierraupen entgegen in einer Gegend, wo diese versuchten, ein palästinensisches Haus zu zerstören. Sie tat dies, um die Arbeit des Soldaten zu stören und zu verhindern, daß er irgendwelche Häuser zerstört. Foto von Joseph Smith. (ISM Handout)

Foto aufgenommen um 16:45 Ortszeit. Andere Friedensaktivisten kümmern sich um Rachel, nachdem diese soeben vom Fahrer der israelischen Planierraupe tödlich verletzt wurde (im Hintergrund). Dieses Foto wurde nur wenige Sekunden aufgenommen, nachdem die Ladeschaufel der Planierraupe auf ihrem Weg zurück ein zweites Mal über Rachels Körper geschleift wurde. Das Bild zeigt deutlich, daß der Fahrer hätte verhindern können, sie zu töten, wenn er nur seine Schaufel angehoben hätte, zumal sich ein großer Zwischenraum zwischen der Unterseite der Raupe und dem Boden befindet. Photo von Richard Purssell. (ISM Handout)

Foto aufgenommen um 16:47 Ortszeit am 16. März 2003, Rafah, besetzter Gazastreifen. Rachel Corrie liegt am Boden, tödlich verwundet durch einen israelischen Planierraupenfahrer. Rachels Mitaktivisten haben sie ein wenig aus dem Sand ausgegraben und versuchen, ihren Hals gerade zu halten wegen Verletzungen an der Wirbelsäule. Photo von Joseph Smith. (ISM Handout)

Rachel im Al-Najar Krankhaus, Rafah, besetzter Gazastreifen. Rachel kam um 17:05 Ortszeit in der Notaufnahme an, wo sich Ärzte versammeln, um sie zu retten. Um 17:20 wird sie für tot erklärt. Laut Ha'aretz führte Dr. Ali Musa, Arzt im Al-Najar Krankenhaus, als Todesursache aus ""Schädel- und Brustfrakturen". Foto von Mohammad Al-Moghair

Wie im Völkerrecht und in UN-Resolutionen festgehalten, erkennen wir das palästinensische Recht an, sich israelischer Gewalt und Besatzungsherrschaft mittels legitimem bewaffneten Kampf zu widersetzen. Wir sind allerdings davon überzeugt, daß Gewaltfreiheit eine mächtige Waffe im Kampf gegen Unterdrückung sein kann, und wir haben uns dem Prinzip des gewaltfreien Widerstandes verschrieben.«

Rachel und sieben weitere ISM-Aktivisten hielten sich in der Hi-Es-Salam-Gegend der Stadt Rafah (Gaza) auf, um zu versuchen, die Einplanierung palästinensischen Landes und Eigentums zu verhindern. Zwei israelische Planierraupen und ein Panzer der Besatzungsarmee waren ebenfalls zugegen. Zwei Stunden lang spielten die Aktivisten mit den israelischen Soldaten "Katz und Maus" und versuchten, die geplanten illegalen Zerstörungen durch das physische Blockieren der zwei Planierraupen zu vereiteln.

In einem Email-Bericht des Palestine Monitor heißt es:[2]

»Rachel Corey [sic], 23 Jahre alt vom Staate Washington, wurde getötet, als sie versuchte, israelische Armee-Planierraupen daran zu hindern, ein palästinensisches Haus zu zerstören. Andere Ausländer, die mit ihr vor Ort waren, berichten, daß sich der Fahrer der Raupe bewußt war, daß Rachel dort stand, daß er aber einfach weiterfuhr, um das Haus zu zerstören. Zuerst lud er Sand und anderen schweren Schutt auf ihr ab, doch dann drückte er sie zu Boden und fuhr über sie, brach ihr beide Arme, Beine und ihren Schädel. Sie wurde in ein Krankenhaus gebracht, wo sie später starb. Ein weiterer Ausländer wurde bei dem Angriff ebenfalls verletzt und in ein Krankenhaus eingewiesen - seine Staatsangehörigkeit ist zur Zeit noch nicht bekannt.«

Die von der Internationalen Solidaritätsbewegung am 16. März 2003 veröffentlichte Presseerklärung führt dazu aus:

»Rachel hielt sich in palästinensischen Häusern auf, die von illegaler Zerstörung bedroht waren, und auch heute stand Rachel mit anderen gewaltlosen internationalen Aktivisten vor einem Haus, daß zur illegalen Zerstörung vorgesehen war. Zeugen zufolge wurde Rachel zweimal von einer israelischen Militärplanierraupe überfahren, die dabei war, ein palästinensisches Heim einzuebnen. Die Zeugen sahen, daß Rachel für den Raupenfahrer klar erkennbar war und nichts tat, um diesen Angriff zu provozieren.«

Das nebenstehende Foto zeigt deutlich, daß Rachel auffällig markiert war (sie trug eine rote Leuchtweste) und ein Megaphone bei sich trug, womit alle Zweifel ausgeräumt sind, daß die Friedensaktivistin von dem Fahrer irgendwie hätte übersehen werden können, und sie war auch ohne jeden Zweifel keine Bedrohung für den Fahrer.

Ein späterer Bericht des ISM-Medien-Koordinators Michael Shaik in Beit Sahour enthielt nähere Details über den Vorfall:

»Die Konfrontation zwischen der ISM und der israelischen Armee dauerte bereits zwei Stunden an, als Rachel überfahren wurde. Rachel und die anderen Aktivisten hatten sich während der gesamten Konfrontation deutlich sichtbar als unbewaffnete internationale Friedensaktivisten zu Erkennen gegeben.

Die israelische Armee versucht nun, das Andenken an sie dadurch zu entweihen, indem sie behauptet, Rachel sei aus Versehen getötet worden, als sie vor eine Planierraupe gelaufen sei. Augenzeugen des Mordes bestehen allerdings darauf, daß dies absolute nicht wahr sei. Rachel saß auf dem Weg vor der Planierraupe, als sich diese ihr näherte. Als sich der Raupenfahrer weigerte anzuhalten oder auszuweichen, kletterte sie auf den Hügel aus Erde und Schutt, der sich vor der Raupe ansammelte. Sie trug eine fluoreszierende Weste und sah dem Fahrer direkt in die Augen, der immer weiter fuhr. Die Raupe bewegte sich weiter, so daß sie schließlich unter den Haufen von Erde und Schutt gedrückt wurde. Nachdem sie aus dem Blickfeld verschwunden war, fuhr der Fahrer immer noch weiter, bis sich die Raupe komplett über ihr befand. Der Fahrer hob die Schaufel nicht an, so daß sie darunter zermalmt wurde. Dann legte der Fahrer den Rückwärtsgang ein, und die sieben andere ISM-Aktivisten, die an der Aktion teilnahmen, eilten herbei, um ihren Körper auszugraben. Ein Krankenwagen fuhr sie zum Al-Najar Krankenhaus, wo sie verstarb.«

Hauptmann Jacob Dallal, Pressesprecher der israelischen Verteidigungskräfte[sic], soll laut der israelischen Zeitung Ha'aretz ausgeführt haben:

»Dies ist ein bedauernswerter Unfall. Es handelt sich hier um eine Gruppe von Protestierern, die sehr verantwortungslos handelten und jeden in Gefahr brachten.«

Mitglieder der israelischen Armee und beigeordneter paramilitärischer Siedlerorganisationen sind für die Tötung von 2.181 Palästinensern und die Verletzung von weiteren 22.218 zwischen dem 29. September 2000 und dem 4. März 2003 verantwortlich.

Abgesehen von der Ermordung von Rachel Corrie durch einen Planierraupenfahrer haben die israelischen Truppen auch viele andere ausländische Aktivisten in einer Vielzahl von Vorfällen während der Intifada getötet: den deutschen Arzt Harald Fischer, den italienischen Kameramann Rafaeli Ciriello und den britischen Angestellten der Vereinten Nationen Ian Hook.[3]


Anmerkungen

Entnommen der Electronic Intifada, 16.3.2003, http://electronicintifada.net/v2/article1248.shtml. Nigel Parry und Arjan El Fassed sind die zwei Gründer der Electronic Intifada. Michael Brown und Ken Harper trugen ebenfalls zu diesem Bericht bei.

[1]www.palsolidarity.org/
[2]www.palestinemonitor.org/, 15.3.2003.
[3]Siehe http://electronicintifada.net/cgi-bin/artman/exec/search.cgi?keyword=iain%20hook

Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 7(3&4) (2003), S. 340-342.


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