Amalia Hinterwäldlerin vor Gericht

Ein Trauerspiel

Von Ursula Haverbeck

Im Zusammenhang mit einer Strafanzeige Horst Mahlers gegen Rita Süßmuth und Fritjof Meyer wegen Verharmlosung des Holocaust durch einen im Mai 2002 in der Zeitschrift Osteuropa erschienenen Artikel hatte sich Amalia Hinterwäldlerin wegen Verbreitung dieses Artikels selbst angezeigt. Hier nun die Protokolle der vier Verhandlungstage in Ausschnitten.

Erster Verhandlungstag

Richter Kern: Warum haben Sie diese Selbstanzeige gemacht?

Selbstanzeigerin: Um deutschen Richtern die Möglichkeit zu geben, diese wie ein Alpdruck auf dem deutschen Volk lastende Frage öffentlich behandeln zu können.

Richter Kern: Es handelt sich nicht um eine Frage, sondern um eine allgemein bekannte, offenkundige Tatsache.

Selbstanzeigerin: Was heißt denn offenkundig in diesem Fall?

Richter Kern: Nicht mehr des Beweises bedürftig, da eben wahr und in diesem Fall singulär.

Selbstanzeigerin: Und auf welche Tatsache soll sich das beziehen?

Richter Kern: Das deutsche Volk hat in dem NS-Staat das größte, eben ein singuläres Verbrechen begangen, in dem es Millionen Juden vergaste.

Selbstanzeigerin: Sie meinen vergast mit Zyklon B?

Richter Kern: Ja.

Selbstanzeigerin: Und worin besteht die Singularität? Das ist auch solch ein unbestimmter Begriff.

Richter Kern: Gar nicht unbestimmt, das heißt: Massenmord mit den Mitteln der modernsten Technik.

Selbstanzeigerin: Aber war die Guillotine zu ihrer Zeit nicht ebenfalls das technisch modernste Mittel zur Massen-Vernichtung von Menschen? Und wie steht es mit der Atombombe von Hiroshima? Sie war ebenfalls die letzte Entwicklung der Waffentechnik und brachte in sekundenschnelle Hunderttausende um.

Richter Kern: Ja, aber nicht sechs Millionen.

Selbstanzeigerin: Also ist es die Zahl der Umgebrachten, die ausschlaggebend ist? Aber gerade diese Zahl ist doch im Verlauf, insbesondere der letzten zehn Jahre, drastisch herabgesetzt worden. Sie ist doch nicht mehr offenkundig. Lesen Sie doch bitte die neueste Veröffentlichung von Fritjof Meyer.

Richter Kern: Habe ich gelesen. Meyer stellt nur für Auschwitz eine Reduzierung der Zahlen fest. Das heißt doch nicht, daß nicht anderswo die anderen Millionen umgebracht wurden.

Selbstanzeigerin: Ach, so ist das zu verstehen. Können Sie mir bitte sagen, wo diese anderen Orte liegen und wie sie heißen? Bisher wurde immer behauptet, Auschwitz sei der Haupt-Tatort, daher auch diese gerichtsrelevante Bezeichnung "Auschwitz-Lüge". Was aber unzutreffend wäre, wenn Sie sagen, es war gar nicht in Auschwitz. Wo denn?

Richter Kern: Die Verhandlung ist für heute beendet.

Zweiter Verhandlungstag

Richter Kern: Ist Ihnen eigentlich bewußt, daß auf Leugnung des Holocaust nach § 130 Absatz 4 StGB bis zu drei Jahren Gefängnis steht?

Selbstanzeigerin: Kann man etwas leugnen, was es nicht gab?

Richter Kern: Natürlich nicht. Aber damit ist doch bewiesen, daß es den Holocaust gegeben haben muß, weil sein Leugnen strafbar ist.

Selbstanzeigerin: Ach so, aber dieser Strafparagraph wurde doch erst erlassen, nachdem Auschwitz auch von Chemikern gründlich untersucht worden war und die Vergasung von 4,5 Millionen in den vorgezeigten Gebäuden nicht aufrechtzuerhalten war. Das hat doch jetzt gerade Frithjof Meyer als Wahrheit bestätigt. Damit ist der Ort unbekannt.

Richter Kern: Es geht nicht um den Ort, sondern um die Tatsache.

Selbstanzeigerin: Aber eine Tatsache von einem so gewaltigen Ausmaß mit 6 Millionen Toter bedarf eines Tatortes, um als Sache, als Ereignis nachweisbar zu sein.

Richter Kern: Wie können Sie das furchtbare Verbrechen, für das es Hunderte von Zeugen gibt, leugnen? Das ist ungeheuerlich.

Selbstanzeigerin: Ich leugne doch gar nichts. Ich weiß nur nicht, wo es stattgefunden hat, nachdem Fritjof Meyer, und doch wohl mit Billigung von Frau Prof. Dr. Rita Süßmuth, nachgewiesen hat, daß es in Auschwitz nicht gewesen ist. Zur Zeit ist der Tatort unbekannt, und damit die Offenkundigkeit nicht gegeben.

Richter Kern: Sie übersehen, daß es noch viele andere KZs gab: Majdanek, Treblinka usw.

Selbstanzeigerin: Von diesen weiß ich aber kaum etwas. In der Öffentlichkeit und in den Medien wurde immer der Zusammenhang zwischen dem Holocaust und Auschwitz hergestellt. Auschwitz war der Ort, wo die Millionen vergast wurden. Und das hat sich jetzt als falsch erwiesen, als Lüge, als die Auschwitz- Lüge.

Richter Kern: Das zu sagen ist strafbar. Es können außerdem schon morgen neue Erkenntnisse vorliegen, die Meyer widerlegen. Wissenschaftliche Aussagen sind selten endgültig.

Selbstanzeigerin: Das heißt, daß es keine Offenkundigkeit gibt, sondern allenfalls vorläufige Erkenntnisse. Meinen Sie das?

Richter Kern: Ich meine gar nichts und schließe die Verhandlung.

Dritter Verhandlungstag

Richter Kern: Bekennen Sie sich schuldig nach § 130 Absatz 4 Strafgesetzbuch?

Selbstanzeigerin: Ich hatte gedacht, daß ich mich schuldig gemacht hätte, indem ich diesen Artikel weiterreiche, nach den beiden vorangegangenen Verhandlungstagen jedoch erscheint mir dieses fraglich.

Richter Kern: Wieso?

Selbstanzeigerin: Weil der Wahrheitsfindung zu dienen wohl kaum als Schuld angesehen werden kann. Und weil es offenkundig geworden ist, daß nicht nur ich – sondern offensichtlich auch Sie – sehr wenig über den Tatort dieses großen Verbrechens wissen.

Richter Kern: Ich habe doch bereits mehrfach darauf hingewiesen, daß es nicht um den Ort, sondern um die Tatsache des Holocaust geht.

Selbstanzeigerin: Das stimmt, aber Sie haben nicht gesagt, wie ein Holocaust ohne Ort auf dieser Erde stattfinden kann. Und falls ein neuer Ort gefunden wird, muß dieser doch nun ebenfalls sorgfältig und umfassend geprüft werden, damit nicht eine neue Panne passiert, daß es nicht wieder heißt, hier wurden vier Millionen Juden vergast, und wenige Jahre später sind es dann nur noch Hunderttausende. Das können wir uns doch nicht noch einmal leisten, wenn wir glaubwürdig bleiben wollen.

Richter Kern: Das ist schlimmster Antisemitismus. Sie leugnen den Holocaust! Es gibt Hunderte von Zeugen. Wollen Sie behaupten, daß die gelogen haben?

Selbstanzeigerin: Ich will gar nichts behaupten, weil diese Verhandlungstage deutlich gemacht haben, wie wenig wir wissen. Das einzige, was ich behaupten kann, ist, daß es keine Offenkundigkeit gibt, sondern nur sehr viele Fragezeichen, die auch wir hier nicht in der Lage sind, zu beantworten.

Richter Kern: Diese Fragezeichen sind eine Erfindung von Ihnen, hinter der Sie Ihre strafbare Leugnung des Holocaust verbergen wollen. Das wird Ihnen nicht gelingen.

Selbstanzeigerin: Und Ihnen gelingt es nicht, nachzuweisen, wo das vom deutschen Volk begangene größte Verbrechen stattgefunden hat.

Richter Kern: Das ist auch nicht meine Aufgabe. Ich habe Recht zu sprechen und erkenne, daß Sie ein hartnäckiger Holocaustleugner sind.

Selbstanzeigerin: Das muß dann wohl solch eine "ideelle Wahrheit" sein, wie Goldhagen das in seinem Buch "Hitlers willige Vollstrecker" nennt. Warten Sie mal, weil dieser Satz so schön klingt, habe ich ihn immer in meiner Brieftasche. Also, der ganze Satz heißt: "Die Einzigartigkeit des Holocaust ist eine ideelle Wahrheit, die höher steht als alles Faktische" (S. 600f). Klingt doch wirklich großartig, nicht ?

Richter Kern: Unsinn, die Einzigartigkeit des Holocaustverbrechens ist eine Tatsache, das ist das Faktische.

Selbstanzeigerin: Ja, ja, 6 Millionen vergaste Juden mit den modernsten technischen Mitteln, nur der Tatort, der ist nach wie vor unbekannt. Es kann sich also nur um eine ideelle Wahrheit handeln, das müssen Sie doch zugeben. Ideelle Wahrheit heißt: nur in der Einbildung vorhanden, eben nur als Idee, da braucht man dann keinen Tatort.

Richter Kern: Also, nun hören Sie endlich mit Ihrem Tatort auf, der nun auch noch eine Idee sein soll! Und den Goldhagen können Sie vergessen, das ist auch solch ein Spinner. Ich frage zum letzten Mal: Geben Sie zu, daß Millionen Juden vergast wurden?

Selbstanzeigerin: Mit Zyklon B, das haben Sie gesagt, und das ist auch wieder eine äußerst schwierige Frage. Wo ist das ganze Gift geblieben?

Richter Kern: Also hören Sie, damit wurden doch die Juden vergast, das ist doch das schreckliche Verbrechen.

Selbstanzeigerin: Ja, aber wenn ich Ungeziefer mit einem Pestizid vergifte, dann fallen die Insekten vergiftet auf die Erde, verwesen, das Gift gerät ins Wasser und wird von den Pflanzen aufgenommen, und eines Tages habe ich es wieder auf dem Teller. Das ist doch die Lehre der Ökologie. Schrecklich, nicht? Und nun 6 Millionen vergiftete Juden.

Richter Kern: Hören Sie auf, mir wird ganz schlecht.

Verhandlungspause!

(Der Richter verläßt fluchtartig den Raum.)

Nach der Pause

Selbstanzeigerin: Herr Richter, es gibt keinen Holocaust mehr (ganz aufgeregt). Soeben mit der Post erhalten.

Richter Kern: Natürlich nicht, Auschwitz wurde schließlich 1945 befreit, das weiß doch jedes Kind.

Selbstanzeigerin: Und Deutschland besetzt, das weiß leider nicht jedes Kind – aber das meine ich gar nicht. Es gab auch im Dritten Reich keinen Holocaust.

Richter Kern: Wo soll der denn dann stattgefunden haben, immerhin haben es doch die Nazis gemacht?

Selbstanzeigerin: Also, das ist unerhört, was Sie da sagen, es gab doch gar keine Nazis mehr im Dritten Reich, die waren doch alle außer Landes gegangen, und nun dies! Wieso sollten National-Zionisten ihre Glaubensbrüder vergasen?

Richter Kern: Ich sprach nicht von National-Zionisten, sondern von National-Sozialisten.

Selbstanzeigerin: Das stimmt nicht, denn dann hätten Sie Na-Sos gesagt. Haben Sie aber nicht, sondern Na-Zis. Das ist verkappter Antizionismus, wenn Sie behaupten, die National-Zionisten hätten den Holocaust selber durchgeführt. Und die Nasos haben das auch nicht gemacht, sonst hätte der Herr Staatsanwalt die Selbstanzeige verfolgt. Hier ist die Einstellung des Verfahrens.

Richter Kern: Das ist ungeheuerlich!

Selbstanzeigerin: Ja, ungeheuerlich, daß so viele Menschen, die das Gleiche nur etwas früher sagten, deshalb zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt wurden.

Richter Kern: Nein, ungeheuerlich ist, was der Staatsanwalt sich da erlaubt. Er ist wohl zu bequem, um die zahlreichen Selbstanzeigen aufzugreifen. Aber das wird ihn teuer zu stehen kommen. Jedenfalls können Sie sich nicht darauf berufen.

Selbstanzeigerin: Ich glaube, Sie irren, denn weder der Spiegel-Redakteur, der diese Untersuchungsergebnisse vorlegte, noch Frau Süßmuth, die Präsidentin der Gesellschaft, in deren Zeitschrift das Ganze veröffentlicht wurde, stehen vor Gericht, obgleich sie angezeigt wurden wegen Verharmlosung des Holocaust. Man darf jetzt tatsächlich die Wahrheit sagen.

Richter Kern: Man muß die Wahrheit sagen, insbesondere vor Gericht.

Selbstanzeigerin: Nein, das wurde bisher bestraft, das haben Sie mir mehrmals in diesem Prozeß unmißverständlich erklärt.

Richter Kern: Das Leugnen der Wahrheit, nämlich des Holocaust, wird bestraft, aber doch nicht die Wahrheit zu sagen.

Selbstanzeigerin: Da aber das Leugnen des Holocaust nach diesen neuen Erkenntnissen die Wahrheit ist, wurde eben doch die Wahrheit zu sagen bestraft.

(Der Richter greift sich bleich geworden ans Herz und fällt in Ohnmacht. Die Urteilsverkündung muß verschoben werden.)

Letzter Verhandlungstag

(Richter Kern mußte wegen Herzinfarkt durch Richter Stein abgelöst werden.)

Richter Stein: In den Akten steht immer nur Angeklagte oder Selbstanzeigerin, wie heißen Sie denn eigentlich?

Selbstanzeigerin: Amalia Hinterwäldlerin, wenn es beliebt.

(aufstehend und mit einem kleinen Knicks)

Richter Stein: Na, der Name ist passend, nach der Aktenlage scheinen Sie tatsächlich etwas außer der Zeit zu leben.

Selbstanzeigerin: Sie sind wohl neidisch, kann ich verstehen, in dieser Zeit mit der Kriminalitäts- und Vergewaltigungsrate zu leben, ist auch kein Vergnügen.

Richter Stein: So habe ich das nicht gemeint. (zum Protokollanten gewandt) Kürzen Sie diesen ungewöhnlich langen Namen mit A.H. ab.

Selbstanzeigerin: Müssen Sie das Protokoll nicht gegenzeichnen?

Richter Stein: nickt.

Selbstanzeigerin: Da würde ich doch von dieser Abkürzung Abstand nehmen. So außer der Zeit lebe ich nun doch nicht, daß ich nicht wüßte, daß A.H. ein verbotenes faschistisches Symbol ist. Da könnten sie Ärger bekommen. Denken Sie an Ihren Kollegen.

Richter Stein: Na, dann schreiben Sie eben "Am. Hin." (irritiert)

Selbstanzeigerin: Also, da muß ich protestieren. Ich bin nicht hin, ich bin doch hier.

Richter Stein: Zum Donnerwetter, dann schreiben wir eben den ganzen Namen immer aus! – Doch nun endlich zur Sache. Ich habe Rücksprache mit dem Kollegen Staatsanwalt genommen. Ihr Verfahren wurde eingestellt, weil bei Ihnen eine schwerwiegende geistige Behinderung festzustellen ist. Sie werden in eine psychiatrische Klinik eingewiesen, da können Sie dann erzählen, was Sie wollen.

Amalia Hinterwäldlerin: Sie meinen wohl, ich wäre schwachsinnig – gilt das dann auch für Rita Süßmuth und Fritjof Meyer? Kommen die auch in ein Heim für geistig Behinderte, denn schließlich waren sie die Veranlassung für die Selbstanzeige mit dem nach Ihrer Ansicht unwahren und wohl schwachsinnigen Artikel?

Richter Stein: Das ist eine Beleidigung. Weder Frau Süßmuth noch Herr Meyer haben den Holocaust geleugnet. Bei diesem Artikel handelt es sich um eine qualifizierte wissenschaftliche Arbeit.

Amalia Hinterwäldlerin: Ach so ist das. Ich habe auch geglaubt, das ist ein ernstzunehmender wissenschaftlicher Artikel, aber nun verstehe ich, wenn man in Deutschland einen wissenschaftlichen Artikel zu diesem Thema ernst nimmt, dann muß man schwachsinnig sein. – Wissen Sie, manchmal habe ich das auch schon gedacht, allerdings vornehmlich bei juristischen Verlautbarungen. (Zeigt auf das Fenster) Sehen Sie mal, jetzt fängt selbst der Himmel an zu weinen.

(Alles blickt in den plötzlich einsetzenden Wolkenbruch, einer schließt das Fenster. Und Amalia Hinterwäldlerin mitsamt ihrem ganzen Holocaust ist weg, einfach weg.)

Richter Stein: Der Prozeß ist beendet. Über etwas Entschwundenes läßt sich keinerlei Urteil fällen. Die Kosten des Verfahrens trägt in diesem Fall der Zentralrat der Juden in der Bundesrepublik.

Ende


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 7(3&4) (2003), S. 445-447.


Zurück zum Inhaltsverzeichnis